Diese Seite drucken

Sept bis Okt 2013

 

 

Dienstag, 22. Oktober 2013:

Seit gestern laufen die Methodentage in allen Klassen. Das sind neben den inhaltlichen Aspekten Tage, die mich besonders erfreuen. Inzwischen sind wir mit der zehnten Klasse ja soweit fortgeschritten, dass wir bald eine erste „volle Runde“ in der Sekundarstufe umgesetzt haben. Überall im Haus sehe ich emsige Schülergruppen, wie sie an Tischen, auf dem Boden und auf Bänken im Hof arbeiten, diskutieren und Plakate erstellen. Es herrscht eine lockere und frohgemute Stimmung, immer wieder erreicht mich ein lächelnd rübergeschickter Gruß, ich winke und grüße zurück. Herrlich!

Im Gesamtteam standen heute die Themen „Zielvereinbarung mit der Agentur für Qualitätssicherung“ (AQS) an. Ich schiebe dieses Thema seit nunmehr über eineinhalb Jahre vor mir her, weil ich spüre: Es ist nicht unser erstes Anliegen. Wir arbeiten schon länger an der Umsetzung der Ziele und an Qualitätsarbeit ist unsere Schule eh fast täglich befasst. Dennoch musste die Ausformulierung und formale Gestaltung endlich mal unter Dach und Fach. Das haben wir heute geschafft. Ebenfalls in vollem Gange ist die Vorbereitung des Thementages „Nachhaltigkeit“. In allen Jahrgängen wird daran „gewerkelt“ und ich komme damit kaum in Berührung. Auch dieser Teil der Qualitätsarbeit wird in einem Wettbewerbsbeitrag münden. Herrlich!

Ein nächstes Baugespräch in Deidesheim ging über die Bühne. Ich sehe darin „meinen“ Part der Vorbereitung für die Oberstufe und kann noch gar nicht ermessen, was der dritte Bauabschnitt noch für Widrigkeiten mit sich bringen wird. Ich entdecke mich beim Gehen durch das Schulgebäude dabei, dass ich es gedanklich schon weitergebaut habe und fantasiere hier den Anbau dazu, dort die neuen Büros, ziehe in Gedanken eine Linie durch den Schulhof, wo in zwei Jahren hoffentlich der Mehrzweckraum entstanden sein wird und fühle in mir eine positive Anspannung und auch Vorfreude. Nochmal Herrlich!

 

Dienstag, 15. Oktober 2013:

Ein Ferientag mit Schultermin: Nachdem die „letzte, neue Schulsozialarbeiterin“ kurzfristig eine andere Stelle angenommen hatte, machte sich die Kreisverwaltung weiter auf die Suche. „Wir stehen ja bei Ihnen im Wort“, so die dahinter stehende Auffassung. Nach der Vakanz seit den Sommerferien stand heute der Vorstellungstermin an. Alle Beteiligten beabsichtigen ein langfristig gedachtes Arbeiten, was auch konzeptionelle Überarbeitung betrifft. Das klingt gut, ab Montag werden wir diesen wichtigen Bereich abdecken können.

Nachzutragen ist noch die Sichtweise des Judentums zum Thema „Trialog“. Alexa Brum leitet ihren Aufsatz „Der trialogische Wettbewerb aus jüdischer Perspektive“ (in: „Trialogisch lernen“, Clauß Peter Sajak (Hrsg.) Seelze 2010, S. 49-55) mit der Feststellung ein, dass „…im Judentum der Blick auf den Glauben anderer Menschen nicht angelegt [ist]. Juden sehen in der Regel keine Notwendigkeit, nach außen über das eigene So- und Da-Sein zu sprechen.“ (ebd.S.49). Die offenbarte Religion, der Bund, den Gott mit dem Volk Israel geschlossen hat und die Jahrtausende alte Tradition bewirken eine „gewisse innere Abgeschlossenheit“ (ebd.). Die Gesetze und Glaubensregeln, welche in der Thora aufgeschrieben sind, liegen für alle Zeiten fest. Das Judentum wird als die älteste der drei monotheistischen Religionen auch nicht von einer Institution geleitet, die gültige Stellungnahmen verfassen kann. Will man sich aus jüdischer Sicht dem „Trialog“ zuwenden, geht das nur über die Thora. Dort findet sich eine ganze Reihe von Äußerungen, wie Fremden zu begegnen ist. Fasst man dieses „Fremde“ weit genug, lässt sich in den Geboten durchaus auch die fremde Religion einschließen. Etwa:

„Wenn ein Fremder sich in eurem Land aufhält, so dürft ihr ihn nicht bedrücken. Der Fremdling, welcher sich bei euch aufhält, soll euch so wie ein Einheimischer sein. Du sollst ihn lieben, wie du dich selbst liebst. Denn auch ihr seid Fremdlinge gewesen im Lande Ägypten.“ (Lev, 19,33-34).

Die Thora kann als ältester Text nicht auf die beiden jüngeren „Tochterreligionen“ und deren Offenbarungen Bezug nehmen, wie es vor allem dem Koran zur Selbstbestimmung und zur Abgrenzung möglich ist. Die Toleranz gegenüber Fremden ist darin aber sehr wohl zu entnehmen. Sie lässt sich ohne theoretische Schwierigkeiten auch auf den „Trialog“ anwenden. Nach diesem „Durchgang“ durch die drei abrahamitischen Religionen sei also festgehalten: Der „Trialog“ zwischen und mit diesen drei Religionen ist dementsprechend nicht nur ein Gebot der gegenwärtigen Stunde und des zukünftigen Zusammenlebens in Toleranz und Frieden. Er lässt sich auch von innen heraus aus den jeweiligen Religionen ableiten. Die mehr theoretischen Überlegungen, die als Fundament des „Trialogs“ mir persönlich wichtig sind und die in erster Linie in meinem Denken für Klarheit sorgen sollen, seien mit einem grundlegenden Appell von Alexa Brum abgeschlossen, weil er einen weisen Boden bereitet für alle Skeptiker auf der einen oder anderen Seite: „Warum sollen wir es nicht Gott überlassen, auf welche Weise er sich den Völkern offenbart – oder den Völkern, auf welche Weise sie Gott dienen möchten?“ (ebd.S.53).

Eine weitere E-Mail einer Gastfamilie erreichte mich, die sich auch auf „die Nebenwirkungen“ der „Young Americans“ bezieht. Als „Zugabe“ hat dieser Blickwinkel gar nichts mit dem Workshop und der Show zu tun, sondern mit dem menschlichen Miteinander:

„Lieber Herr Dumont,

ich möchte Ihnen von Herzen danken, dass Sie erneut die Young Americans nach Wachenheim eingeladen und damit das Schulleben unglaublich bereichert haben. Wir durften, wie auch schon vor zwei Jahren, als Gastfamilie zwei junge Gäste aufnehmen und es wurde wiederum zu einem tollen Wochenende mit nachhaltigen Eindrücken für unsere ganze Familie.

Auch mir erging es wie Ihnen am Abend der Show und Ihre Worte: ‚Das ist Schule vom Feinsten‘ treffen den Kern und bleiben für mich unvergesslich. Ich war zutiefst berührt von Ihren Worten, von der Show und dem Erlebten. Dafür möchte ich Ihnen heute danke sagen.“

 

Mittwoch, 02. Oktober 2013:

Die positiven Stimmen über den Tanzworkshop vermehrten sich heute am Standort Deidesheim. Die Aussage von drei Mädchen aus Jahrgang 9 und 10 ist in dieser Form neu. Sie sei wegen ihrer Besonderheit aus dem Gedächtnis zitiert:

„Wir wussten schon vor dem Wochenende voneinander, schließlich besuchen wir die gleiche Schule. Aber durch die Arbeit mit den „Young Americans“ sind wir richtige Freundinnen geworden. Das ist super und wir haben vor, in den Ferien gemeinsam mit dem Zug nach St. Wendel zu fahren, um die dortige Show bei der Lebenshilfe anzusehen!“

Eine weitere freudige Facette des Wochenendes, erzählt wurde mir davon am Rande des ersten Assemblys, das heute in Deidesheim stattfand. Zum ersten Mal trafen sich vier Jahrgänge in der Turnhalle – ein Erlebnis! Es funktioniert also, auch das Ruhezeichen hat nach wie vor seine Wirkung. Ich erlebte das durchaus als einen pädagogischen Höhepunkt: Die Schülervertretung organisierte sowohl das Drumherum von den Matten bis zur Technik als auch die Inhalte: Informationen zum Brand am Standort Wachenheim, Bericht von der mehrtägigen Klausur der Schülervertretung und deren  Absichten und Vorstellen des Wahlergebnisses der U18-Wahl. Eine richtig tolle Veranstaltung. Mit diesen Jugendlichen lässt sich doch prächtig die Zukunft gestalten. Ja, ich war heute stolz auf die Jahrgänge 7 bis 10. Am Wochenende äußerte ich dies für alle, die dabei waren, zahlenmäßig am stärksten waren die Jahrgänge 5 und 6 vertreten. Sprich: Freude über die ganze Schule. Ein prima Geschenk am letzten Schultag. Und jetzt geht es in die Herbstferien, damit es danach zumindest so ähnlich weitergehen kann.

 

Dienstag, 01. Oktober 2013;

Müde und immer noch „beschattet“ trat ich gestern den Weg am Morgen nach Wachenheim an. Ein Blick in die Halle zeigte: Der Boden hatte bis auf eine, allerdings große Schleifspur die Show gut ausgehalten. „Die geht aber auch weg, wenn das nächste Mal poliert wird!“, so die fachmännische Aussage dazu. In einem der Umkleideräume, welcher als Aufenthalts- bzw. als Umkleideraum genutzt wurde, stand noch eine Menge ungebrauchter Sixpacks mit stillem Wasser. Die transportierte ich mit meiner Musikklasse in einer langen Schlange in den Technikraum; Getränke- und Weinhändler waren am Nachmittag da, sodass auch die letzten Überbleibsel am Tag danach  verschwunden waren. Das Aufräumen gestaltete sich sehr viel einfacher als vor zwei Jahren. Gut so, auch der entstandene Müll ist kostenfrei im neuen Container entsorgt. Alles prima also!

Im Büro hatte ich die „Goldene Schallplatte“ hinterlegt, zum Aufstellen war mir vor einer Klärung noch nicht zumute. Dafür erhielt ich schon E-Mails von begeisterten Familien: 

„Lieber Georg,

jeder Zeit würden wir wieder YA's aufnehmen. Unsere zwei Girls waren so toll, dass wir jetzt noch heulen, wenn wir an sie denken. Sie haben uns schon geschrieben, was uns sehr gefreut hat. In so kurzer aber intensiver Zeit haben sie einen Platz in unserem Herzen gefunden. Es war wirklich total Wahnsinn, was für eine Show sie da gemacht haben. Wir werden wahrscheinlich, wenn sie im Saarland sind, hinfahren. Schöne Ferien!“

 

 „Hallo Herr Dumont,

eine (wieder einmal) gelungene, wunderbare Veranstaltung, die die Schule mit den YA hier auf die Beine gestellt hat.

Wir möchten als Gastfamilie noch einmal ausdrücklich anmerken, dass dies bitte unbedingt fortgeführt werden muss. Der Besuch der Gäste war für unsere Familie eine echte Bereicherung, für Groß & Klein. Gerne schlafen unsere Kinder wieder auf dem Speicher, um die Kinderzimmer zur Verfügung zu stellen. Und in zwei Jahren kann unser Drittklässler schon mehr sprechen und verstehen als: „Sorry, I am net so gut englisch.“ (Der junge Mann musste gestern Abend noch weinen, weil die YA weiterziehen mussten…).“

Das klingt doch sehr ermunternd und könnte mit folgenden Schüleräußerungen aus Jahrgang 5 schon jetzt eine Wiederholung in zwei Jahren begründen:

"Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich traue, vor so vielen Menschen allein zu singen. Aber die YA haben mir den Mut dazu gegeben."

"Die YA haben immer geholfen, wenn wir etwas nicht hinbekommen haben. Sie waren nie ungeduldig oder sauer. Das fand ich toll!"

"Wenn einer etwas nicht konnte, wurde er immer von den YA unterstützt. Jeder von uns kann etwas, was ergänzt werden kann."

"Für mich war neu, dass ich in so kurzer Zeit einen fremden Menschen ins Herz schließen kann. Ich habe beim Abschied richtig geweint."

"Wir haben einen Abschiedsbrief von unserer YA bekommen. Das war richtig lieb. Ach, ich vermisse sie so!"

"Wir haben ja nur Englisch gesprochen, aber das war kein Problem. Ich habe auch nicht alles verstanden, aber es hat alles geklappt und das war wichtig. Man kann ja auch mit Händen und Blicken miteinander reden."

"Die YA wollten ja die Zusammenarbeit von allen. Dass wir uns so als eine Familie fühlen, das war ein tolles Gefühl. Und diese Familie hat eine Super-Show hingelegt. Bitte, holen Sie die YA wieder nach Wachenheim!"

"Die YA haben uns immer wieder motiviert. Wenn etwas nicht funktioniert hat, haben sie ein anderes Kompliment gesagt. Mir haben sie einmal gesagt, dass ich schöne Haare habe. Das hat mich sehr gefreut und aufgebaut."

"Die YA waren so witzig und immer gut gelaunt. Sie haben einen auch gekitzelt oder einen Schuh geklaut. Die waren echt cool."

 "So einen freundlichen Menschen hatte ich noch nie zu Gast. Das war ein Erlebnis für die ganze Familie."

Und dann gab es noch ein klärend-entschuldigendes Gespräch in Deidesheim. Danach konnte ich die „Goldene Schallplatte“ endlich aufstellen. Sie blinkt jetzt im Sonnenschein neben der Glasskulptur aus 2011. Das alles gehört nicht in mein Büro und ich habe bereits ein Prospekt mit Vitrinen gewälzt.

Unsere Oberstufe hat heute erstmals „das Licht der Öffentlichkeit“ erblickt. In der Realschule plus in Bad Dürkheim fand für alle dortigen Zehntklässler ein Informationsabend über die verschiedenen Möglichkeiten, in der Region den Bildungsgang fortzusetzen. Natürlich war das ansässige Gymnasium vertreten, die beruflichen Gymnasien mit den Fachrichtungen Technik, Wirtschaft, Sozialwesen und Medien stellten sich vor und die neue Möglichkeit unserer Oberstufe. Ich glaube, unser Konzept fand Anklang, jedenfalls wurde ich nach der Veranstaltung von einigen auf unser an der Pädagogik der Sekundarstufe I ausgerichtetes Konzept angesprochen. Ein erstes messbares Interesse wird es freilich erst am Tag der offenen Tür in Deidesheim geben. Aber der Start in die Öffentlichkeit scheint gelungen zu sein.

 

Sonntag, 29. September 2013:

Für Workshop-Verhältnisse begann der heutige Tag spät um halb elf Uhr. Da sprang sogar noch ein zusätzliches Sonntags-Frühstück mit der Familie heraus, bevor ich ins Hotel fuhr. Heute musste auch das Gepäck wieder mit, denn direkt nach der Show am Abend stand die Weiterfahrt an. Wir verspäteten uns etwas, so dass schon eine ganze Truppe der „Young Americans“  hinter der Gittertür zwischen Hortgebäude und Schulgelände wartete. Entsprechend freudig begrüßten sie den „Schlüssel-Mann“.  Es fasziniert mich immer wieder, wie sie sich selbst auch als Gruppe verstehen und etwa den Tag heute mit ruhiger Musik, gemeinsamen Dehnübungen und gegenseitigen Massagen begannen. Das strahlte eine große Ruhe aus, fernab vom lauten Gewusel einer Nummer wie „Happiness“. Ich begann derweil schon mal Stühle aus den Klassenzimmern zu holen. Der Kartenverkauf verlief (angesichts der kleineren Teilnehmerzahl) in gemäßigteren Bahnen, sodass die Halle nicht „aus allen Nähten“ platzen wird. Noch vor dem Mittagessen unterstützten mich 42 tragende Kräfte, alle Stühle fanden in der Halle ausreichend Platz.

Nach dem Essen überraschte mich der diesjährige Direktor. Er wolle zur Auflockerung der Gruppe ein Spiel dazwischen schieben und ich solle ihm bei der Auswertung helfen. Der inzwischen ebenfalls angereiste Europamanager, wir begrüßten uns nach zwei Jahren mit einer heftiger Umarmung, sollte unser Jury-Trio vervollkommnen. Der Direktor teilte die „Young Americans“ in vier Kleingruppen auf. Mir verschloss sich das Schema, nach dem er dies vornahm. Die Aufgabe lautete, innerhalb von zehn Minuten eine „Performance“ zu gestalten und zu präsentieren. Bewertet wurden: Teamgeist, Kreativität, Choreografie und Musikalität. Hmm, da bin ich sicherlich das am wenigsten ausgewiesene Jurymitglied. Dann war es wie in den Klassen: in jeder der vier Hallenecken probte eine muntere Kleingruppe, es wurde gesungen, getanzt, gelacht, besprochen und auch gejubelt. Nach zehn Minuten hieß es: Die Zeit ist um, Präsentation! Mit einem auf den Boden geworfenen Kugelschreiber, der in irgendeine der vier Richtungen zeigte, wurden die Vorführenden bestimmt. Was ich dann zu sehen bekam, war vom Feinsten. Natürlich gehören Gesang, Choreographie und Teamgeist zum Alltagsgeschäft dieser jungen Menschen, aber in einem Wettbewerb solche vier völlig verschiedenen Ergebnisse spontan hinzubekommen, das war schon grandios. Nach jeder Präsentation steckte die Jury zur Bewertung die Köpfe zusammen. Und siehe da: Ich konnte mitreden! Bei jeder der vier Gruppen waren mir Punkte aufgefallen, mit denen ich für die eine oder andere Punktzahl argumentieren konnte. Zum Teil gaben die beiden „Fachleute“ mir, dem „blutigen Laien“, Recht, zum Teil neigten sie zu anderen Punktzahlen, dann mussten wir uns irgendwo in der Mitte einigen. Vermutlich zur weiteren lockernden Einstimmung in die Generalprobe, wurde eine zweite Runde eingeleitet. Ziel dieses Mal war es, dass jeder Gruppe zu einem Begriff Lieder einfallen mussten. Innerhalb von zehn Sekunden musste eine/r aus Gruppe schnell aufstehen und das Lied anstimmen. Die Gruppe, der kein Lied mehr einfiel, schied aus. Der erste Begriff, durch irgendeine abenteuerliche Zauberei mit dem Smartphone herausgefunden, war „friends“. Ich glaube, ich zählte fünf Runden, das sind zwanzig Lieder, in denen dieser Begriff vorkommt, bis die erste Gruppe mangels eines weiteren Liedes ausschied. War das ein Spaß und eine Freude am Dasein mit Lied, Tanz und Rhythmus, spielerisch und spontan vorgetragen, ein Jubel, ein Gejohle, ein Klatschen, ein Lachen – und welche Stimmen kamen da zum Vorschein! Auf diese spielerische, fast kindliche und doch auf professionelle Kompetenzen zugriefende Weise gelockert und gelöst, stand der Generalprobe mit den Kids nichts mehr im Wege. Alle hatten schon ihre neuen T-Shirts an, die in diesem Jahr in Pastelltönen grün, lila und blau gehalten waren – zunächst ein Anblick, der Mühe hatte, die schwarzen und kräftig blauen T-Shirts von vor drei und zwei Jahren abzulösen. Bereits während dieser Probe kündigte sich die emotionale Anforderung bei mir an, die mir später am Abend zu schaffen machen sollte.

In der Zwischenzeit wurde das Buffet mit den Köstlichkeiten aus den Elternhäusern bestückt. Der Förderverein tat zum zweiten Mal seinen Dienst und immer noch bestimmten die Worte „Laufen am Schnürchen“ meinen  Eindruck.

Dann die Show, der ultimative Höhepunkt dieser drei Tage, auf den alles hinarbeitete. Schon beim ersten Lied in der Show der „Young Americans“ schoss mir das Wasser in die Augen. War es das Wiedererleben? War es ein Lösen der angestauten Anspannung? In der Schülershow steigerte sich dies zu einer fast durchgehenden Tränenproduktion. Ich wusste doch um die Intensität dieser Show, ich wusste, dass unsere Schüler/-innen Soloauftritte meistern mussten und würden, mir war bekannt, wie nahe das geht. Und doch passierte mir ein Patzer, den ich nicht für möglich gehalten hätte. Seit Jahren erlebe ich mich in Situationen, in denen ich als Schulleiter gefragt bin, als präsent, als frei reden Könnender, als jemand, der diesen Anspannungen gewachsen ist. Am Ende der Show, als ich mit immer noch nassen Augen das Mikrofon bekam, war alles weg. Ich sang noch mit der versammelten Schulgemeinschaft unseren Kanon – und vergaß jeglichen Dank! Man hätte mich nachts wecken können und ich hätte gewusst, was zu sagen ich mir vorgenommen hatte: Danke an den Kollegen, der mit mir fast durchgängig anwesend war und ohne den das ganze Projekt nicht zu stemmen gewesen wäre; Dank allen weiteren Kolleg/-innen, die in irgendeiner Weise beteiligt waren; Dank an alle Eltern, die bereit waren, ihr Heim mit fremden Gästen zu teilen; Dank dem Förderverein, der sein gerüttelt Maß am Erfolg trug; Dank auch den Sponsoren, deren Unterstützung für solch eine Veranstaltung unabdingbar ist; Dank dem Filmteam, das die Tage über nicht müde wurde, eine gute Dokumentation zu erstellen. Ebenfalls, auch das immens wichtig: Bitte helft uns, die Halle wieder aufzuräumen. Das alles hatte ich auf der Reihe, Tage vorher schon überlegt und zurechtgelegt. In den entscheidenden Minuten konnte ich das heute Abend nicht abrufen. In hohem Maße angespannt und dennoch irgendwie leer setzte ich mich nach dem Lied erleichtert hin – und verursachte damit Enttäuschungen und Verletzungen. So kenne ich mich nicht. Dennoch scheint da ein systematischer Anteil zum Vorschein zu kommen: Als im Grunde rationaler Kopfmensch ist mir zu eigen, mich nicht zu sehr Gefühlen hinzugeben, nicht „die Kontrolle“ zu verlieren. Oft kam mir das, gerade auch als Schulleiter, zugute, konnte viele (Konflikt)-Situationen meistern, weil es mir gelang, mich nicht zum „Spielball“ von Emotionen zu machen, sondern diese mit einem notwendigen Maß auf Distanz zu halten, die Fäden trotz allem in der Hand zu haben. Heute ließ ich den Gefühlen freien Lauf bis in die Augen hinein, hatte mit mir selbst so viel zu tun, dass einfach kein Platz mehr war für einen allen dankenden Schulleiter. Und so hängt über der grandiosen Show eine dunkle Wolke, die sich nicht verziehen wird, denn die Situation war einmalig, ist nicht wieder herstellbar, mein Versagen kann daher nicht mehr zurechtgerückt werden. Jede spätere Intervention wird nur ein billiger Abklatsch sein und muss doch erfolgen. Mir fiel ein Ausspruch meiner Großmutter ein: „Die Bäume wachsen nicht in den Himmel!“ Wohl wahr: Das, was viele Kinder, Jugendliche und Eltern heute erlebt haben, war ein einmaliges Erlebnis und soll es auch bleiben. Für mich wurde es durch einen gravierenden Fehler „ins Irdische“ zurechtgerückt. Genau darin besteht natürlich auch die Chance, mich weiterzuentwickeln. Diese Erfahrung ist schwerwiegend und verlangt nach Instrumenten, die eine Wiederholung verhindern.

Unter diesem Vorzeichen stand die Zeit „danach“. Ich ergriff noch das Mikrofon und bat alle Anwesenden beim Aufräumen mitzuhelfen. Die Unterstützung blieb nicht aus. Eine Stunden später deutete auf dem Schulgelände nur noch der Stapel Tischgarnituren auf die große Veranstaltung hin. Eine ganze Reihe von Eltern bedankte sich mit überschwänglichen Worten bei mir, die ich aber nicht recht annehmen konnte. Auch eine erste Nachricht über das Handy konnte ich mich nicht aus dem Loch holen: „Lieber Georg, wir sind hin und weg. Das ist eine tolle Sache…Danke für dieses Erlebnis.“

Da die Show-Truppe noch am Abend nach Holland zum nächsten Workshop abreiste, wollten natürlich alle noch duschen. Durch eine großzügige Spende einer Wäscherei bekamen wir vierzig Handtücher geschenkt, so dass die „Young Americans“ keine nassen Textilien einpacken mussten (ausgenommen von dieser Aussage sind natürlich die durchgeschwitzten T-Shirts). Fast jede/r Einzelne bedankte sich über die Handtücher bei mir – doch mir war nicht danach, diesen Dank anzunehmen. Mir kam die Zeit, in der ich allein auf die Abfahrt wartete, sehr lange vor. Als sich dann alle in Richtung Bus aufmachten, ich die Lichter ausschaltete und alle Türen verschloss, war der neue Tag schon über eine Stunde alt. An Einschlafen war zu Hause dennoch nicht zu denken. Partout wollte ich wenigstens die wenigen Stunden nutzen, das heißt der Kopf wollte es, aber der Bauch (oder wer auch immer) war dagegen. Der Wecker klingelte pünktlich, denn ich hatte in der ersten Stunde Musik.

 

Samstag, 28. September 2013:

Der zweite Workshop-Tag begann zur üblichen Schulzeit um 8 Uhr. Das hieß für mich, früh ins Hotel zu fahren und „meine“ beiden Tänzerinnen anholen. Wieder erhaschte ich als Zugabe eine Tasse Kaffee und ein Gespräch, wenngleich auch bei diesem Frühstück die Mobil-Telefone ihren gehörigen Anteil der Zeit in Anspruch nahmen. Das Tippen und Lesen während der Fahrten nach Wachenheim wird nur durch Einmischungen des Fahrers unterbrochen, eventuell noch durch einen Klick mit denselben kleinen Geräten, dieses Mal als Fotoapparat genutzt, wenn ich sie beim Vorüberfahren auf das Riesenass oder auf die Dürkheimer Saline aufmerksam mache.  

Vor zwei Jahren bekam ich so gut wie nichts von der Gruppenarbeit in den Klassenzimmern mit. Daher hatte ich mir für dieses Jahr vorgenommen, meinen Schwerpunkt nicht in die Halle zu verlegen. Ich betrat eines der Klassenzimmer und hörte die Leiterin der Gruppe eben sagen: „Ihr seid richtige Zauberer, sogar die Skelette tanzen, wenn ihr singt!“ Aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht hingen die aus festem Papier gebastelten menschlichen „Knochenmänner“ von der Decke und baumelten immer noch hin und her. Im zweiten Klassenzimmer erlebte ich erneut den ganzheitlichen Ansatz des Projektes: In der Art der „Stillen Post“ sollten mehrteilige Bewegungen weitergegeben werden. Den Schlusspunkt dazu bildete eine Übung, von der ich dachte, dass sie heikel sei. Aber in dieser Atmosphäre machten auch dies alle mit. Es ging darum, die Gesichtskonturen, an den Schläfen beginnend, über Nase und Augenpartie bis zum Kinn mit den Fingern im Gesicht des Gegenübers nachzufahren. Immerhin rede ich da von einer Gruppe pubertierender Jugendlicher. Ich konnte nur noch staunen, dass alle diese viel Nähe fordernde und Körperkontakt (im Gesicht!) zulassen müssende Übung mitmachten, einfach nur klasse!

Die Gelegenheit nutzend, dass etwa 170 junge Menschen mit Rhythmus und guter Laune in der Sporthalle sind, ließ unser Musiklehrer einen weiteren Drum-Circle durch die Arena schallen. Die am Boden aufgeschnittenen  Plastikflaschen dröhnten dabei ebenso wie die verschiedensten Trommeln und Boomwhacker. Faszinierend bei dieser Anzahl ist das An- und Abschwellen nach der Vorgabe des Meisters in der Mitte. Zunächst stimmte der Direktor nur zögerlich zu, aber im Verlauf der faszinierenden Übung hellte sich sein Gesicht zunehmend auf und am Ende machte er gar lächelnd mit. Große fünfzehn Minuten eines Gemeinschaftsgefühls und eine akustischer Höhepunkt!    

Dem „Mädchen für alles“ stellte sich anschließend eine zusätzliche Aufgabe. An einer Gitarre fehlten am Steg zwei Stifte, welche den Zug der Saiten abfangen. „Yes, I know a guitar-shop in our town. May be I can buy some.“  Ach ja, wenn ich sowieso hinfahre, könnte ich auch noch einen Satz Stahlsaiten mitbringen. Ich nahm die blaue Gitarre mit und staunte über deren Bespannung. Es fehlten wegen der beiden Stifte nicht nur zwei Saiten, statt der G-Saite war auch noch eine dick umspannte E-Saite aufgezogen. Also auf der hat seit langem keiner mehr richtig gespielt. Nach erfolgreichem Einkauf zog ich mich ins Büro in Wachenheim zurück und zog, als zusätzlichen Service, die neuen Saiten auf, stimmte sie mehrfach nach und brachte sie dann unter großen Jubel in die Halle. Ihr Besitzer konnte sich gar nicht genug freuen und legte die Gitarre selbst beim Schlange stehen für das Mittagessen nicht aus den Händen.      

Durch das mehrfache Anschauen der Video-Ausschnitte, fiel mir vor zwei Jahren schon die intensive Betreuung der „Schüler-Solisten“ und der beeinträchtigten Kinder auf. Immer wieder sah ich daher in diesem Jahr unterstützende „Young Americans“ und da es genau zu diesem Aspekt keine Fotos aus 2011 gibt, widmete ich mich diesen Motiven mehr als den aus dem Gesamtablauf. Ich wurde reich belohnt.

Den Nachmittag ab 15 Uhr hatte ich „frei“ – die Familie sollte nicht ein komplettes Wochenende auf mich verzichten müssen.

 

Freitag, 27. September 2013:

Heute Morgen musste in wenigen Stunden einiges zusammenlaufen: Für halb acht waren zwei Dinge angesagt. Die Hausmeister beider Standorte sollten die Tribünenteile in der Sporthalle aufbauen. Ein Bauunternehmer sollte aus der Berufsbildenden Schule die dort vorhandene Auslegeware für den Hallenboden bringen. Gegen zehn Uhr sollten Tische und Bänke,  Kühlschränke und Getränke liefern, der Förderverein hatte das „stille Wasser“ für die Young Americans“ übernommen. Alles lief wie am Schnürchen. Die ersten Amerikaner waren auch schon um acht Uhr da. Die Gasteltern mussten zur Arbeit und hatten den Fahrdienst übernommen. In dem Trubel durfte ich nicht vergessen, „meine“ beiden Damen vom Hotel abzuholen. Sie saßen noch am Frühstückstisch, auch für mich fiel noch eine Tasse Kaffee ab. Im Gespräch erfuhr ich, dass die Paarungen für die Gasteltern jedes Mal neu zusammengestellt werden, je nach Meinung der Company-Managerin und den jeweiligen gruppendynamischen Prozessen. Und – auch das war neu für mich – sie erfahren es erst kurz zuvor, also bei uns gestern auf dem Parkplatz. Was ist, wenn jemand eine andere Paarung will? Dann erst recht, denn jede/r muss mit jedem auskommen. Dass ein Paar während der Tour zweimal zusammen sei, sei eher die Ausnahme. Ein strenges aber durchaus inhaltlich wesentliches „Konzeptmerkmal“, das erneut die geforderte Disziplin, aber auch die Philosophie des ganzen Unternehmens zeigt.

Zurück in Wachenheim dann mir bekannte Bild: der „Truck“ wurde ausgeladen und das gesamte Equipment bereits für die Show aufgebaut. Es faszinierte mich erneut, wie da jeder wusste, was seine Aufgabe ist, wer die Mikrofonständer zusammenschraubte und beschriftete, wer am Aufstellen der Traverse arbeitete und wer für welche Alu-Transportkiste verantwortlich ist. Zügig aber mit professioneller Ruhe ging das vor sich. Faszinierend!

Während in der Mensa bereits das Essen von zwei Müttern gekocht wurde, fuhr ich mit einer stimmlich lädierten Amerikanerin zum Arzt. „German Taxi-Driver“ und „Mädchen für alles“. In der Apotheke in Wachenheim arbeitet die Mutter eines Schülers. Sie erkannte mich, hatte den Artikel in der Tageszeitung bereits gelesen und sprach besser Englisch als ich. Mir war schwante, dass die Bezahlung bei dem eigenartigen Konzept der amerikanischen Krankenversicherung kompliziert werden würde. Also sagte ich zu, dass die Schule beide Kosten übernehmen werde. Dankbarkeit bis zu tränennaher Rührung war die Folge.

Hatte ich den Morgen über nur „begleitende Anwesenheit und Sonderaufgaben“ zu bewältigen, kam mein erster Einsatz um 14 Uhr auf mich zu: Letzte Anmeldungen und Kassieren der Teilnahmegebühr anhand meiner Liste.

Gegen 15 Uhr startete dann endlich der zweite Workshop in Wachenheim, die Kinder waren bis zum Zerreißen angespannt. Wieder konnte ich nur mit Erstaunen feststellen, wie schnell, wie locker und wie wuchtig die „Young Americans“ den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen herstellen konnten. Ein paar Worte, ein paar Jubelrufe, einige Takte Musik, hier ein Abklatschen, dort ein An-die-Hand-nehmen und schon waren sie „aneinander dran“. Direkt stieg die Tanzgemeinschaft in die erste Nummer der Show ein - Rhythmus und Musik als Werkzeug, um den „lahmen Körper“ und die restlichen Hemmungen zu überwinden. Da werden zivilisatorisch bedingte  Betonplatten durchbrochen, die menschheitliche Anlagen zudecken,  und da wird eine unmittelbare Ebene der Begegnung freigeschaufelt, die tief in uns Menschen verborgen existiert.

Faszinierend war für mich auch wieder zu erleben, wie die „Young Americans“ zu ihrer Gruppenaufteilung kommen. Aufstehen nach Geburtsjahrgängen, hie und da bei der Körpergröße korrigierend eingreifen und fertig. Ab in verschiedene Räume mit unterschiedlichen „teachern“ und weiterüben. So ging das weiter bis 20 Uhr, mit Treffen in der Gesamtgruppe im Wechsel und unterbrochen durch das Grillen. Was dann, nach wenigen Stunden gemeinsamen Arbeitens zum Abschluss ebenfalls erstaunten Eltern vorgeführt werden konnte, zeigte mir: Ja, alles läuft gut, die Aktion läuft, die Kids sind erschöpft aber begeistert bei der Sache.

 

Donnerstag, 26. September 2013:

Die „Young Americans“ sind zurück in Wachenheim! Sie waren für 18 Uhr angekündigt, haben dann auf 19 Uhr umgestellt, weil sie in Hannover noch einen Zwischenstopp einlegten. An einer Schule dort meldeten sich nur neun (!) Schüler/-innen zum Workshop an. Sie dort eine kurze „Pre-Show auf, um die Anmeldezahl zu steigern. Es hat wohl geklappt. Und dann klingelte doch um kurz nach sechs mein Handy: „Sie sind doch schon da!“ Als auf den Parkplatz zufuhr, erkannte ich den Bus von vor zwei Jahren wieder, auch die Busfahrerin sprach mich gleich an, sie habe den Weg wiedergefunden und ob sie auch in diesem Jahr hier parken könne. Die Company-Managerin war mir aber nur aus einer ganzen Reihe von vorbereitenden E-Mails bekannt. Manche lustige Bemerkung und einige Smileys nährten den Eindruck, dass wir auch persönlich gut und schnell miteinander klarkommen sollten. Und so war es. Da musste kein Eis gebrochen und keine vorsichtige Annäherung gebahnt werden. Sie stieg aus dem Bus: „You are George?“. So einfach kann es sein. „They will have a break until seven to move around!” Fresbee-Scheiben flogen schon durch die Luft, ein Ball wurde auf das Tor des Bolzplatzes gedonnert, andere “untersuchten” den Wingert an der Schule. Die ersten Gasteltern trafen ein, hier ein Lächeln, dort ein Smalltalk und dann war es sieben. Alle Gastfamilien waren da. Beim letzten Mal mussten wir auf die Schnelle improvisieren, heute ging alles glatt. Da alles Gepäck aus dem Bus geräumt war und auf dem Parkplatz stand, ließen wir den eigentlich vorgesehenen Kunstsaal unbesucht. Die jungen Tänzer/-innen stellten, hockten, knieten sich zu einem Gruppenbild und beim Verlesen der eigenen Namen und den der Gastfamilien wurde den Gastfamilien laut zugewinkt und sich gefreut. Wie echt war das? Gleich zu Beginn: The american way of life!

„Meine“ beiden girls waren in einem Elternhotel untergebracht und ich hatte den Fahrdienst übernommen. Dann ging es ruckzuck und der Parkplatz war wieder leer. Im Hotel wurden die beiden schon erwartet, so dass ich auch nach knapp zwei Stunden wieder zu Hause war. Der Anfang war gemacht und auch bei mir stieg langsam das Adrenalin an.

 

Mittwoch, 25. September 2013:

Knapp zwei Stunden saß ich in der Schulaufsicht vor dem dortigen Computer. Wir haben alle Fehleintragungen gefunden, die nicht nur auf (soll ich es schon wieder schreiben?) hektische Eintragungen zurückzuführen sind, sondern ebenfalls durch eine zu große Spanne des Entscheidungsspielraumes. Jedenfalls war es heute Morgen auch menschlich eine schöne Zeit! Gemeinsame Fehlersuche, Faktenwissen über einzelne vergebene Stunden auf meiner Seite (Da habe ich ganz schön über mein Speicherungsvermögen gestaunt!) und gewohnter Umgang mit dieser Riesendatei und ihren Fehlermeldungen auf Seiten „meines“ Referenten – das schafft auch zwischenmenschlich das Gefühl, des einen Bootes, in dem wir beide sitzen. Als am Ende „jede Minute“ stimmte, empfanden wir eine gemeinsam erlebbare Freude darüber, „etwas“ geschafft zu haben. „Nun sind Sie meine erste Schule, mit der ich komplett fertig bin. Schön, dass Sie kommen konnten. Das hätten wir am Telefon doch nur sehr mühsam hinbekommen.“

Zurück in Deidesheim musste ich ganz schnell den Elternbrief für das YA-Wochenende schreiben und ausgeben. Uhrzeiten und Ablauf sind fast identisch zu denen von vor zwei Jahren, sodass ich zumindest diesen Teil aus dem alten Brief nutzen konnte. Aber Vorsicht: Gerade dabei schleichen sich Fehler ein, also genau durchgehen. Der Kopierer war zum Glück frei. Die Deidesheimer Briefe konnten verteilt werden, die für Wachenheim nahm ich mit ins dortige Assembly. Puh, das war eine Punktlandung. Themen im Assembly waren die Klausurtagung der Schülervertretung, Begrüßung der neuen Kraft in ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr und natürlich auch der Tanzworkshop. Wir änderten die Sitzordnung in einen „Hocker-Kreis“. Erstaunlich, wie diese Maßnahme die Ruhe unterstützte. Die Schülervertreterin rief zur Mitarbeit auf, souverän, als hätte sie dauernd vor großen Gruppen gesprochen. Und dann der Satz: „Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich hatte im letzten Jahr auch eine große Scheu davor. Aber es macht Spaß und wir können was erreichen.“ Ich war gerührt! Mit welcher Selbstverständlichkeit ermunterte dieses Mädchen aus der sechsten Klasse ihre Mitschüler/-innen! Welche Entwicklung hat sie in diesem einen Jahr IGS durchlaufen! Zurückhaltend und unscheinbar war sie mir im letzten Jahr erschienen und nun spricht sie frei im Assembly, bemerkt die Zurückhaltung ihrer Zuhörer/-innen und thematisiert sie mit ihrer eigenen Person – eine Sternstunde! Mir gelang es am Ende noch durch Nachfragen zwei Gastfamilien zu gewinnen, zumindest zunächst einmal die Kinder. Von Deidesheim aus rief ich die Eltern an und machte alles klar. Beruhigt und begeistert konnte ich die nun vollständige „Homestay-Chart“ an die Company-Managerin mailen. Nachmittags, am Rande der 1stClass-Rock-AG konnten wir die letzten Einzelheiten des bevorstehenden Tanzworkshops durchsprechen. Haben wir wirklich an alles gedacht? Ist dies vorbereitet? Klappt die Absprache dort? Wir scheinen an alles gedacht zu haben. Morgen können sie kommen.

Ich wollte noch einen Artikel aus der Tageszeitung vom Montag erwähnen. In ihm wird von einem Imam berichtet, der sich für Frieden in den Religionen einsetzt. Er war bereits in Israel bei verschiedenen Rabbinern und hat für freundschaftlichen Kontakt zwischen Juden und Muslimen geworben. In diesen unruhigen Zeiten, in denen Israelis und Palästinenser sich täglich gewalttätig auseinandersetzen, ein mutiger Schritt. Diese Woche nun ist er vom Papst in Rom empfangen worden. Ein wahrhaftiger „Trialoger“!

 

Dienstag, 24. September 2013:

Gestern und heute waren meine beiden Musikklassen soweit: Die gefalteten Kraniche befestigten wir wieder an drei zum Dreieck gebundenen Stäben. Nun fliegen sie wieder im Keil in den beiden Klassenzimmern. Bei einem Unterrichtsbesuch in einer sechsten Klasse sah: Dort hängen sie nach einem Jahr immer noch an der Decke. Als ich in einer Tischgruppe erwähnte, dass ich sie gerade wieder in Jahrgang Fünf „gebastelt“ und gesungen habe, begannen sie das Lied anzustimmen. Ein schönes Gefühl!

In Deidesheim angekommen, erfuhr ich, dass zwei Gastfamilien, die jeweils zwei „Young Americans“ aufnehmen wollten, nun doch abgesagt haben. Da bleibt mir nicht mehr viel Zeit, Ersatz zu finden und das muss jetzt über das Telefon laufen. Zusätzliche Anspannung machte sich breit, zumal ich heute gar keine Zeit dazu finde. Ich machte mich gleich auf, um am „Teilstudientag Fördern“ wenigstens kurz teilzunehmen. Die Sammlung von aktuellen Eindrücken zeigte mir nochmal die Not, die da alltäglich in den einzelnen Stunden gespürt wird, weil uns so wenige Förderkräfte zur Verfügung stehen. Nein, ich will auf keinen Fall, dass die grundlegend positive Auffassung von Inklusion kippt oder auch nur in Frage gestellt wird, bin ich doch immer wieder stolz auf ein Kollegium, das sich grundsätzlich offen für die Schwerpunktschule ausgesprochen hat. Wieder einmal denke ich, dass da ein nicht zu Ende gedachtes Konzept politisch durchgesetzt werden soll, ohne a) die Auswirkungen im Schulalltag zu bedenken und b) ohne die ausreichenden finanziellen Mittel und damit Lehrerwochenstunden zur Verfügung zu stellen. Für die heute genannten Probleme habe ich auch noch keine Lösung oder nur Linderung in der Tasche.

Ich musste vor Abschluss der Veranstaltung weiterziehen und kam dennoch zu spät zum Vierteljahresgespräch mit dem Personalrat. Natürlich wurde ich bei den einen grimmig wegen des frühen Weggehens entlassen und von den nächsten ebenso grimmig wegen der Verspätung empfangen. Das kennzeichnet zurzeit meinen Alltag: Es liegt einfach zu viel an. Dabei war ich als „einfache“ Lehrkraft bekannt dafür, zum einen gut vorbereitet und damit ruhig im Unterricht zu erscheinen, zum anderen hatte ich dadurch das Gefühl, Dinge, die anstanden, zu durchdringen und auch nachbereiten zu können. Wie weit hat mich die derzeitige Arbeit davon entfernt: Ich hetze von Einem zum Anderen, wechsle den Standort und habe hinterher keinen Raum, um Dinge sich sacken zu lassen. Und siehe da: Das war letztendlich auch die Quintessenz aus dem Vierteljahresgespräch. Alles, was an Kritikpunkten und Unzulänglichkeiten vorgebracht wurde, lässt sich auf diesen Hauptnenner zurückführen. Zuviel muss ich in zu wenig Zeit erledigen und schaffe es derzeit nicht mehr, dem ganzen Treiben eine Struktur zu geben, mit der ich und inzwischen auch das Kollegium zufrieden sind. Das Schlimme daran ist, dass ich auch hierfür keine Lösung sehe, ohne dass Abstriche notwendig sind. Dazu bin ich noch nicht bereit – „Dann ist deine Not auch noch nicht groß genug!“, sagt eine innere Stimme.

Abends tagt dann noch der Schulelternbeirat, der Hauptnenner ist derselbe. So ist ein kompletter Tag verstrichen, ohne dass ich mich überhaupt um neue Gastfamilien kümmern konnte. Morgen früh muss ich zur Schulaufsicht nach Neustadt fahren und mit unserem Referenten den Gliederungsplan, der anscheinend eine Reihe von falschen Setzungen enthält, zu überarbeiten. Dabei muss auch noch ein Elternbrief an die Teilnehmer/-innen des Workshops raus…es geht genauso weiter. Jammern hilft nichts und bald sind Herbstferien, in denen ich eine Woche alleine zu Hause bin. Vielleicht bringt mich das etwas zur Ruhe und Entspannung. Dabei war ich nie der Typ, der auf Ferien hinarbeitete…

 

Sonntag, 22. September 2013:

Durch hintergründige Beiträge steige ich immer tiefer in den „Trialog der Kulturen“ und seinen geisteswissenschaftlichen Hintergrund ein. In dem bereits erwähnten Buch der Auftaktveranstaltung las ich diese Woche davon, dass das Thema „Religion“ von Seiten der wissenschaftlich-philosophischen Seite in dieser „post-säkularen Zeit“ wieder stärker in den Blickpunkt gerückt und eben nicht, wie erwartet, in die Privatsphäre abgedrängt würde. Gerade durch das Schwinden oder den Wegfall von normierenden Institutionen erhält die Religion eine Orientierung gebende Wichtigkeit (zurück?). Selbst für ausgewiesene, religionskritische Denker tritt die Religion wieder ins Licht des auch akademischen Diskurses.

Zwei Gedanken scheinen mir dabei für die Arbeit in der Schule interessant zu sein. Zunächst die Auffassung von Jürgen Habermas, wenn er sagt, dass „die großen Religionen zur Geschichte der Vernunft selbst dazu gehören…“ und wenn er für die Gegenwart  in den Religionen „…eine Herausforderung darin [sieht], zur Überwindung eines säkularistisch verhärteten und exklusiven Selbstverständnis in der westlichen Welt beizutragen“ (J. Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt 2005; zit. nach: „Trialogisch lernen, S.25). Dieser Gedanke trifft jeden Zeitgenossen zunächst einmal auf der Ebene des persönlichen Lebensentwurfes und dessen Ausrichtungen. Habermas reklamiert in der neuen Beschäftigung mit Religion aber durchaus auch gesellschaftliche und gar historische Dimensionen, wenn er schreibt: „Religiöse Überlieferungen leisten bis heute die Artikulation eines Bewusstseins von dem, was fehlt. Sie halten eine Sensibilität für Versagen wach. Sie bewahren die Dimension unseres gesellschaftlichen und persönlichen Zusammenlebens, in denen noch die Fortschritte der kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierung abgründige Zerstörungen angerichtet haben, vor dem Vergessen“ (zit. nach: ebd.). Letztendlich sind es die Religionen mit ihren ehrwürdigen Traditionen, überlieferten Texten und transzendentalen Orientierungen, die einen bleibenden (oder wiederkehrenden?) Einfluss auf den Menschen und seine jeweiligen Gesellschaften in die Lebensgestaltung einbringen. In einer immer enger zusammen wachsenden Welt sind es für Habermas die Religionen und ihre (weiter zu entwickelnde?) Toleranz, die eine Fähigkeit in sich tragen, „Schrittmacher für einen richtig verstandenen Multikulturismus und die gleichberechtigte Koexistenz verschiedener kultureller Lebensformen innerhalb eines demokratisch verfassten Gemeinwesens“ zu sein (zit. nach: ebd.S.26).

Der Tübinger Politikwissenschaftler Andres Hasenclever ergänzt in meinen Augen als zweiten Gedankengang Habermas, weil er auf die durchaus vorhandenen Möglichkeiten der religiös motivierten Gewalt hinweist. „Es gilt, Religionen und Religiosität sowohl in ihrer zunehmenden Bedeutung, als auch in ihren ambivalenten Expressionen und Funktionen wahrzunehmen. Hierbei spielt das Feld
der Bildung eine wichtige Rolle. Der Grad, in dem Religion als Faktor für Vorurteile und Konflikte dient, ist dabei genauso zu untersuchen wie das Potenzial von Religionen für Dialog und ein friedliches Zusammenleben.“ (ebd.). Diese Ergänzung erscheint in den nach wie vor herrschenden und gewalttätigen Konflikten der Gegenwart von zentraler Bedeutung zu sein, etwa in der nicht enden wollenden Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten, in den verschiedenen Kriegen zur Errichtung von islamistischen Staaten, auch in dem jüngst wieder (hoffentlich kurz) aufflackernden Konflikt in Nordirland, in dem sich fälschlicherweise auf die Religion berufen wird. Hier betritt Hasenclever direkt schulisches Terrain: „Er vertritt die These, dass es eine Korrelation zwischen religiöser Bildung und politischem Verhalten gibt: Je geringer der Grad religiöser Bildung sei, desto größer sei die Gefahr, dass sich religiöse Unterschiede für politische Mobilisierung ausbeuten lassen“ (ebd.). Das ergibt für heutigen schulischen Religionsunterricht eine ganz neue Dimension.

Diesen wissenschaftlichen Diskurs aufgreifend, gab die Europäische Union im Jahre 2005 eine Studie in Auftrag. Als Akronym abgekürzt, ist sie als REDCo-Studie veröffentlicht worden. Ihr Hauptziel „besteht darin, die Möglichkeiten und Grenzen von Religion im Bildungsbereich europäischer Länder zu untersuchen und miteinander zu vergleichen. Historische und gegenwartsbezogene Analysen tragen dazu bei, Ansätze und Konstellationen herauszuarbeiten, in denen Religion im Bildungsbereich zu einem dialogfördernden Faktor der Entwicklung Europas werden kann“ (ebd.S.27). In acht Ländern der Europäischen Gemeinschaft wurden mehrere Tausend Schüler/-innen hinsichtlich dieses Zieles im Winterhalbjahr 2006/07befragt. Neben großen Unterschieden, die bei einer geografischen Spanne von Estland bis Spanien auf der Hand liegen, schälten sich aber auch Gemeinsamkeiten heraus, die sich in vier Punkten zusammenfassen lassen:

 

  1. „Für diejenigen Schüler, die keiner Religionsgemeinschaft zugehören, bildet die Schule das hauptsächliche oder sogar einzige Forum, um etwas über Religionen und über die Religiosität von ihren Mitschülern zu erfahren.  
  2. Für Schüler mit Religionszugehörigkeit bildet die Schule den Hauptort, um andere Religionen und einzelne Mitglieder kennenzulernen.
  3. Viele Schüler haben Vorurteile anderen Religionen gegenüber, sind aber zugleich bereit, mit anderen Religionen ins Gespräch zu kommen, weil das von ihnen als interessant angesehen wird. Die Schule gilt als das wichtigste Forum, um in einen solchen Dialog zu kommen.
  4. Fast alle Schüler halten eine interreligiöse Verständigung sowohl auf personaler als auch sozialer Ebene für möglich und notwendig. Schulen bieten eine gute Möglichkeit, dies einzuüben“ (ebd. S.31).

Bei diesem, wenn auch sehr groben Ergebnis wird der hohe Stellenwert von Schule bereits deutlich. Wie aber kann gerade dort interreligiöses Kennenlernen stattfinden, wenn dies zum einen in den Curricula nicht vorkommt und zum anderen die Fülle von anderen, erzieherischen Aufgaben stetig ansteigt? Inwiefern kann diese Aufgabe von konfessionell orientiertem Religionsunterricht geleistet werden? Genau hier setzt die Herbert-Quandt-Stiftung mit dem „Trialog-Schulenwettbewerb“ an, der „…in seinen ganz konkreten, stimulierenden Effekten für ein solches Vorhaben gar nicht hoch genug eingeschätzt werden…“ kann (ebd. S.36).

Neben die eher religionsgeschichtlich-philosophische Begründung des Wettbewerbs innerhalb der Religionen (siehe Eintrag vom 7.9.) tritt nun eine eher gegenwartsbezogene, bildungspolitische hinzu. Ich stelle an mir fest, wie anregend die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist und wie das, was ich hier durch Lektüre theoretisch zu begründen versuche, derzeit im schulischen Alltag seine Fort- und Umsetzung findet. An irgendeinem Punkt taucht „der Trialog“ auf, sei es in einer zusätzlichen Idee, etwa der einer Podiumsdiskussion mit Schülern, Eltern und Experten, sei es beim Vorbereiten der interreligiösen Schulfeier, sei es bei Hinweisen auf die Feiertage der Religionen auf dem digitalen Vertretungsplan, sei es im Kontakt zu einem Rabbi oder sei es der Email-Kontakt mit der Herbert-Quandt-Stiftung.

Und nochmals drängte sich mir eine vergleichende Lektüre auf. Bereits im vergangenen Jahr kaufte ich im Nachklang zu unserer Feier ein Buch, das sich mit interreligiösen Schulfeiern befasst: „Gott in vielen Namen feiern“, hrsg. von Elke Kuhn, Gütersloh 1998. Dünn erinnerte ich mich an einen Hinweis auf Toleranz im Koran, daher nahm ich es jetzt wieder zur Hand. Wir wollen ja mit dem ganzen „Trialog“ weder theologische Fragen lösen, noch eine der Religionen zum Konvertieren anpreisen. Die Richtung, in die wir gehen wollen, heißt: Anerkennen des jeweils Anderen und der Besonderheit seiner Religion und gleichzeitig genau darin die eigene (Glaubens)-Identität zu finden und zu stärken. Die Frage ist an dieser Stelle nur: Liegt dieses Aufeinander Zugehen auch in den jeweiligen Religionen begründet? In dem eben erwähnten Buch fand ich dazu einige Ausführungen zum Koran. In der alltäglichen Debatte machen immer wieder polemische und angreifende Sätze aus dem Koran die Runde. In der 5. Sure findet sich aber zum einen, dass Judentum und Christentum durchaus als Heilsweg gewürdigt werden (Sure 5, 69) zum anderen eine Grundhaltung des Dialoges. Da in meinem Exemplar des Korans die Formulierungen anders zu finden sind, zitiere ich die wissenschaftliche Übersetzung von Rudi Paret, die ich in dem eben genannten Buch auf S. 31 fand:

„Für jeden von euch (die ihr verschieden Bekenntnissen angehört) haben wir ein (eigenes) Brauchtum und einen (eigenen) Weg bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber er (teilte euch in verschiedene Gemeinschaften auf und) wollte euch (so) in dem, was er euch (d.h. jeder Gruppe von euch) (von der Offenbarung) gegeben hat, auf die Probe stellen. Wetteifert nun nach den guten Dingen! ...Zu Gott werdet ihr (dereinst) allesamt zurückkehren. Und dann wird er euch Kunde geben über das, worüber ihr (im Diesseits) uneins wart“ (Sure 5, 48).

Kein Unterschied wird damit eingeebnet, kein Glaubenssatz übergestülpt, dennoch wird den Religionen mit Respekt begegnet, ja sogar als gottgewollt betrachtet. Ein fairer Wettstreit, den am Ende der Tage derselbe (!) Gott entscheiden wird. Damit ist die gleiche Augenhöhe für einen Dialog untereinander in einem religiös offenbarten Text von Seiten des Islam hergestellt.

Wie sieht es nun mit den Christen aus? Zumindest die katholische Seite kann ich referieren, die über Jahrhunderte mit ihrem Alleinvertretungsanspruch („nulla salis extra ecclesiam“, außerhalb der Kirche kein Heil) jedes Gespräch erst gar nicht zustande kommen ließ. Es sollte bis in die 60ger Jahre des letzten Jahrhunderts dauern, um hierin eine Veränderung zu setzen. Formuliert ist sie in der „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen ‚Nosta aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils. An dieser Erklärung wurde viel gearbeitet und sie ist mehrmals umgearbeitet worden. Gedacht war sie eigentlich dazu, „lediglich“ das Verhältnis zum Judentum zu klären, ein besonderes Anliegen von Papst Johannes XXIII. Schließlich wurde sie auf andere Religionen erweitert und als eigene Erklärung des Konzils verabschiedet.

In Artikel 2 heißt es dazu:

„So sind auch die übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen bemüht, der Unruhe des menschlichen Herzens auf verschiedene Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen: Lehren und Lebensregeln sowie auch heilige Riten. Die katholische Kirche lehnt nichts von alldem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selbst für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet." (zit. nach: Karl Rahner, Kleines Konzilskompendium, Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums, Freiburg, Basel, Wien 1966, S.356).

Dies allgemein für die Religionen formuliert, befasst sich Artikel 3 ausdrücklich mit dem Verhältnis des Christentums zum Islam. Auch er sei hier zitiert:

„Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den sich der islamische Glaube gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie auch bisweilen in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten.“ (ebd.S.357)

Theologisch und historisch war eine Veränderung im Verhältnis zum Judentum sicher weitaus komplizierter. Begonnen beim Vorwurf der „Gottesmörder“ bis hin zu den Judenverfolgungen durch die Geschichte hindurch – der Beschluss „nostra aetate“ leistet hierin (spät, aber immerhin) eine grundlegende Veränderung ein. Die angeführten Zitate stammen aus Artikel 4 und sollen diesen immensen Schritt verdeutlichen und die Möglichkeit zum „Trialog“ belegen:

„Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bundes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistig verbunden ist. […]denn die Kirche glaubt, dass Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat […] Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist. […] Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben“ (ebd. S.357ff).  

All diese Aussagen sind hochoffizielle Texte der katholischen Kirche, die dem „Trialog“ keine Hindernisse in den Weg legen, sondern fördern. Es mag manche geben, die bereits heute Schwierigkeiten in den Konzilstexten sehen und eher rückgängig machen wollen. Aber es hilft nichts, sie sind formuliert, verabschiedet und offizielle Lehre. Als Begründung und Grundlage für einen Schulenwettbewerb können sie allemal dienen. Bleibt das Selbstverständnis des Judentums bis an diese Stelle noch offen. Dies wird mir vielleicht ein Beitrag in „Trialogisch lernen“ liefern, der überschrieben ist mit: „Der Trialog aus jüdischer Perspektive“.