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Sept 2013

 

Donnerstag, 19. September 2013:

Am Standort Wachenheim bestimmt natürlich immer noch der Brand meinen Alltag. Der Toilettencontainer ist angeschlossen und kann „in Betrieb genommen“ werden. Der Raum für Naturwissenschaften hingegen wird noch eine Weile geschlossen bleiben müssen. Die Endreinigung durch eine zertifizierte Brandsanierungsfirma – das verlangt die Versicherung – wird noch für Verzögerung sorgen. Als heute die Filter der Belüftungsanlage ausgewechselt wurden, kamen in tiefem Schwarz verrußte Filter zum Vorschein. Da ist noch einiges zu tun. Und bevor die Versicherung nicht grünes Licht gibt, darf auch nichts von dem „Brandmüll“ weggeräumt werden. Hoffentlich bekommen wir in dieser Hinsicht bis zum Eintreffen der „Young Americans“ etwas Ordnung hin.

In Deidesheim stand erneut der dritte Bauabschnitt auf der Tagesordnung. Der Vertreter der Schulaufsicht reist an, um die Richtlinien des Raumplanes einer vierzügigen IGS genau mit den Planungen zu vergleichen. Jenes Unterweltwesen steckt eben im Detail.

Zur Vorbereitung der interreligiösen Schulfeier fand ein erstes Treffen statt. Aus der letztjährigen Feier zogen wir ja die Lehre, dass wir rechtzeitig mit vielen Teilnehmern gemeinsam planen wollten. Die Vertreterin der moslemischen Gemeinde in Bad Dürkheim war schon da, heute nun eine Runde mit interessierten Lehrkräften. Wir einigten uns nach kurzem Austausch auf ein Thema, zu dem alle drei Religionen, die sich auf Abraham berufen, Gedanken, Gebete und Lieder einbringen können: „Frieden in der Welt – Frieden in der Schule – Frieden in uns“. Die Formulierung entstand in  gemeinsamer Arbeit Stück für Stück. Nun soll sie zur Weiterarbeit an konkreten Beiträgen an die verschiedenen Lerngruppen der unterschiedlichen Jahrgänge gehen. So wird dann die „ganze Schule“ an der Vorbereitung beteiligt sein. Ein schöner Start!

Und dann denke ich heute noch an die Schülervertretung, die derzeit zu ihrer Jahresklausur in Lachen-Speyerdorf weilt. Ich wünsche euch, dass ihr zusammenwachsen könnt und daraus Kraft schöpft für eure gemeinsamen Vorhaben.

 

Dienstag, 17. September 2013:

Vom gestrigen Klassenrat – ich betreue ihn in einer fünften Klasse als Vertretung mit, bis die zweite Tutorin nach den Herbstferien zu uns stößt – möchte ich eine wunderschöne Erfahrung festhalten. Ein Mädchen meldete sich zu Wort und beschwerte sich darüber, dass manche Mitschüler/-innen bei den Mitteilungen eines beeinträchtigten Schülers hin und wieder lachen würden. Das fände sie gar nicht richtig, denn sie wären doch eine Klasse! Nach vier Wochen in dieser neuen Klassengemeinschaft hat dieses Mädchen Inklusion verstanden und sicherlich mehr bewirkt, als in jedem Assembly, in dem ein Schulleiter darüber spricht. Klasse und Danke!

Heute Nachmittag fand die erste Gesamtkonferenz des Schuljahres statt – eine der wenigen Veranstaltungen im Schulalltag, die ich als Stress erlebe. Ein diskussionsfreudiges Kollegium verlangt meine volle Konzentration, Vieles spielt sich in Mimik und zwischen den Redebeiträgen ab und inhaltlich kommen immer neue Aspekte hinzu. Ein Gang auf Messers Schneide: Wann die Diskussion beenden? Wann eine Abstimmung herbeiführen? Wann der Diskussion freien Lauf lassen und an welchem Zeitpunkt eingreifen? Da habe ich mein Rollenverständnis noch nicht endgültig gefunden. So wurde auch mehr „Führung“ meinerseits angemahnt, wo ich doch ausdiskutieren lassen will. Auch von einem größer gewordenen Kollegium erwarte ich Selbstbeschränkung auf die wichtigen Beiträge, auch ein größer gewordenes Kollegium darf den Blick auf ein zu erwartendes Ergebnis nicht durch die scheinbare Wichtigkeit des eigenen Beitrages aus dem Blick verlieren. Verfahrensfehler zogen die Diskussion heute zusätzlich in die Länge. Darin steckt noch Entwicklungspotenzial –wohl auch im Verständnis meiner Rolle.

Die Gasteltern der „Young Americans“ haben den geforderten Fragebogen erhalten: Gibt es Haustiere in der Familie? Wie sind die einzelnen Student/-innen untergebracht? Wird in der Familie geraucht? Ist vegetarisches Essen möglich? Usw. Nach dieser „Homechart-Liste“ werden die jungen Tänzer dann auf die Familien verteilt. Bin gespannt, wann der Rücklauf abgeschlossen sein wird. Nach wie vor begeistert bin ich darüber, dass wir wieder ausreichend Familien gefunden haben, die in ihre Heimstatt eine/n junge/n Amerikaner/-in beherbergen möchten. Verwundert bin ich über die schleppende Anmeldung der Schüler/-innen. Nach dem Erfolg und den Äußerungen vor zwei Jahren rechnete ich mit einer Welle von Anmeldungen. Aber gerade bei den Schüler/-innen am Standort in Deidesheim, die den letzten Workshop miterlebt haben, gehen die Anmeldungen nur zögerlich ein. Die Fünft- und Sechstklässler aus Wachenheim hingegen melden sich fleißig an, ihre Anzahl ist doppelt so hoch, obgleich ihnen das Erlebnis fehlt. Abzusehen ist jetzt bereits, dass es ein kleinerer Workshop werden wird. Den Besuchern der Show und der Halle wird es gut tun. 

 

Montag, 16. September 2013:

Als ich heute Morgen, den Atem tief durch die Nase einziehend, nach Wachenheim kam, stellte ich fest: In den Klassenräumen riecht es kaum noch nach Rauch, die Jungentoiletten, am Wochenende gründlich gereinigt, hatten den Brandgeruch schon weitgehend durch ihr „ursprüngliches Flair“ ausgetauscht. Am Wochenende wurde die Schule kräftig gelüftet. Im Nawi-Raum waren zwar noch immer vier Frauen mit der Reinigung beschäftigt, aber geordneter Unterricht war möglich. In meinen beiden Musikklassen versuchte ich, den Schreck aufzuarbeiten, doch die Freude über den unterrichtsfreien Tag überwog.

Gestern Nachmittag ließ ich mir trotz Wurstmarkt, der auch nicht ohne mich auskommen musste, nicht nehmen, die Ausstellung „Was habt Ihr da für einen Brauch?“ zu besuchen, die derzeit in der ehemaligen Synagoge in Deidesheim zu sehen ist und die den Besuchern mit Bildtafeln und Texten grundlegendes Wissen zum jüdischen Jahresfestkreis, zum Gemeinde- und Familienleben näherbringen will. Unterstützt wird dieses Anliegen durch entsprechende Gegenstände: ich sah ein Schofar-Horn, einen Tallit (jüdischer Gebetsschal) und natürlich eine Kippa. Das Modell einer typischen Synagoge aus Sperrholz komplettierte den Eindruck. Bei meinem Besuch war ich der einzige  (!) Interessierte, hörte aber, dass durchaus schon mehrere Menschen die Ausstellung besucht hätten. Klar, das ist kein Reißer, eher ein Nischen-Veranstaltung. Umso erfreuter wäre ich, wenn einige Klassen oder Kurde den Weg hierher finden würden. Ich erstand auch ein Exemplar der „Deidesheimer Heimatblättern“, das die Jüdische Geschichte im Mittelalter in den umliegenden Gemeinden zum Thema hat. Ab dem 7. Jahrhundert lassen sich Juden in der Pfalz nachweisen und, das war mir neu, angesichts des lukrativen Gewerbes, war eine ganze Reihe jüdischer Winzer dabei. Selbst wenn ein Jahr nicht die gewünschte Ernte erbrachte, ließen sich Schulden in den kommenden Jahren durch relativ sichere Einkommen zurück bezahlen. Daher  ergriffen auch Juden gerne den Beruf des Winzers und haben den Weinbau maßgeblich geprägt. Erwächst daraus ein weiteres Thema für den Wettbewerb „Trialog der Kulturen“? Wäre durchaus eine Überlegung wert.

 

Freitag, 13. September 2013:

Wenn um Viertel vor sieben das Mobiltelefon klingelt, muss was los sein. „Heute Nacht hat es in Wachenheim gebrannt. Die Toiletten sind stark in Mitleidenschaft gezogen. Wann kannst du da sein?“. Was für ein Paukenschlag vor dem Frühstück! Natürlich machte ich mich schnellstmöglich auf den Weg. Vom Parkplatz kommend, sah ich zunächst gar nichts, was auf einen Brand hindeutete, aber ich roch es bereits. Im Hof dann die Bescherung: Jede Menge verkohltes Holz lag da herum, beißender Geruch in der Nase, die (Holz)Decke aufgerissen…genau so kennt man Brandstellen aus der Zeitung. In der Nacht („Wir haben dauernd versucht, dich anzurufen!“) um halb zwei bemerkte ein Anwohner den Brand, alarmierte den Hausmeister, der die Feuerwehr holte. Der Papiercontainer war angezündet worden. „Um acht Uhr kommt die Feuerwehr nochmal vorbei, auch die Kreisverwaltung ist schon informiert und wird ebenfalls da sein.“ Und schon kamen die ersten erschreckten Schüler/-innen an und fragten, was denn hier los gewesen sei. „Haben wir jetzt schulfrei?“ Ich wollte das nicht allein entscheiden. Eine solche Entscheidung muss schon abgesprochen von beiden Schularten getroffen werden. Ein Gang in die Klassenräume verdeutlichte mir, dass in diesem Brandgeruch kein Unterricht möglich war. Und ohne Toiletten? „Wir rochen auch ganz deutlich Gas beim Löschen. Eine Messung ergab aber lediglich einen erhöhten CO2-Gehalt, der bei gutem Lüften nicht gefährlich ist. Wir haben heute Nacht mit einem Gebläse ‚druck-gelüftet‘!“. Der Brandgeruch, Unklarheit über das Gas, fehlende Toiletten…nein, heute fällt die Schule aus, an beiden Schulen. Ich beorderte die Schüler/-innen in die Klassenzimmer, um die ruhige Heimkehr planen und durchführen zu können. Die kurze Zeit müssten sie den Geruch aushalten, denn eine solche Menge von aufgewühlten Kindern auf dem Hof…da war an ein ruhiges und geplantes Handeln nicht zu denken. Ich wurde zu einem weinenden Erstklässler gerufen, der Angst hatte, näher an oder gar in das Gebäude zu gehen. Ich nahm ihn an der Hand, sprach ihn sanft an und brachte ihn in seine Klasse. Anruf von der Schulaufsicht: Wie ist die Lage? Was ist passiert? Im Radio war bereits ein Hinweis auf den Brand gesendet worden. Auch das Ministerium in Mainz sei schon informiert. „Halten Sie uns auf dem Laufenden!“ In welch einem Tempo nimmt dieser Tag seinen Lauf! Schlag auf Schlag ging es weiter: ein Gas-Wasser-Installateur wurde gerufen, um die Gasleitung zu prüfen, eine Reinigungsfirma war schon ausgemacht, um über das Wochenende die betroffenen Räume zu reinigen, die Feuerwehr untersuchte die Brandstelle mit einer Wärmekamera, um eventuelle Glutnester in der abgehängten Decke zu finden (eine Ecke im Nawi-Raum war auffallend wärmer als der Rest – vermutlich nur ein noch nicht abgekühlter Stahlträger), eine Baufirma kam schon mit zwei Stahlstützen und Baugittern. Der Beton weist zwei Risse auf. Ein Statiker des Kreis-Bauamtes wollte sicher gehen und ließ die Überdachung abstützen, ansonsten weiträumig absperren, ein Toilettencontainer war bereits bestellt. Die Jungentoilette ist nach einer Grundreinigung nutzbar, die Mädchen können am Montag die Toiletten in der Sporthalle nutzen, ab Dienstag steht der Toilettencontainer bereit. Also: am Montag ist normaler Unterrichtsbetrieb möglich. Nur der Raum für die Naturwissenschaften und der Freizeitraum werden wegen der anstehenden Grundreinigung (da muss jeder Gegenstand von Ruß gesäubert werden) noch geschlossen bleiben.

Meine Anwesenheit war nicht mehr notwendig. So konnte ich den geplanten Termin mit dem Landrat und der Leitung des Bauamtes um zehn Uhr in Deidesheim zu einer Schulbegehung gerade noch einhalten. Und weiter ging es mit dem bevorstehenden Bau der Oberstufe. Der Landrat, so war mein Eindruck, war überrascht über die doch recht alte Bausubstanz des Bestandsbaues. „Danke, ich habe genug gesehen!“. Wichtige und grundlegende Entscheidungen stehen an, von denen viel abhängt: Wie wird sich die Sanierung des Bestandsbaues gestalten? Wird nun aufgestockt oder angebaut? Wo wird, im Falle eines Anbaus, der Schulhof sein? Was wird mit der Turnhalle? Wie muss bei welcher Bausumme ausgeschrieben werden? Davon hängt ab, wann ein durch die jeweilige Art der Ausschreibung noch zu findender Architekt beginnen (?) kann, den Bau zu planen und wann der erste Bagger zu sehen sein wird. Die kommenden Elftklässler können noch untergebracht werden, eng, aber immerhin, die vorbereiteten Nawi-Räume könnten eventuell aus dem Bauvorhaben herausgelöst und zeitlich nach vorne gezogen werden. Auch wenn sie in der Zwölften sein werden, wird die Baustelle vermutlich noch nicht abgeschlossen sein und Container ein gewohnter Anblick sein. Spannende Zeiten stehen uns da bevor. Pädagogik? Damit hatte ich heute nun gar nichts zu tun. Dabei sollte ein Höhepunkt die „U18-Wahl“ sein, die in einem Projekt durchgeführt wurde. Ich musste noch letzte Hand an den Gliederungsplan legen und schaffte es wirklich, ihn um 11.59 Uhr ins Netz hochzuladen.

Am Nachmittag war ich nochmals zur Brandstelle gefahren. Für den Toilettencontainer waren bereits Anschlüsse hergestellt, die Feuerwehr hat Entwarnung gegeben und keine Glutnester mehr entdeckt. Zwischendrin kamen mir zwei Worte in den Sinn: „Young Americans“! Jetzt am Abend weiß ich: Der Tanzworkshop ist nicht gefährdet!

Was liegen da für Tage hinter mir! Danke allen, die heute in Wachenheim sich den Kindern angenommen haben! Danke den vielen Menschen, die heute tatkräftig mitgewirkt haben, so dass der Montag einigermaßen laufen kann. Danke den Menschen, die unsere Schule in Deidesheim gut in Stand setzen und ausbauen wollen. Trotz des hohen Schadens (Eine Schätzung wurde mit über 50.000 Euro beziffert, andere lagen weit darüber.) sind wir irgendwie mit einem „blauen Auge“ davon gekommen. Und vor allem: kein Kind kam zu Schaden! Da wir in der Familie selbst den Start in eine erste Klasse neugierig verfolgen, kommt mir der weinende Erstklässler von heute Morgen in den Sinn. Knapp drei Wochen Schule und dann ein solches Erlebnis mit der Angst heute Morgen auf dem Schulhof. Ich schließe dich in meine Gedanken ein und wünsche dir, dass es dir gut geht! Du hast mir heute, inmitten des Trubels und der Hektik einer Brandstätte, wieder verdeutlicht, dass kein beschädigtes Gebäude bedeutsamer ist, dass kein entstandener Schaden wichtiger ist als ein weinendes Kind, dass eigener Zeitdruck und eigene Geschäftigkeit belanglos werden, wenn ein Kind Zuwendung und Schutz braucht. Was für eine Verantwortung wir an jedem Schultag doch haben!

 

Donnerstag, 12. September 2013:

Um die Errichtungsoption für die Oberstufe einlösen zu können, sollte ich, so ein Auftrag von gestern, den Antrag mit belastbaren Zahlen auffüllen. Die holten wir nun heute bei den umliegenden Realschulen plus ein. Wir erfuhren, dass diese zum abgelaufenen Schuljahr insgesamt etwa 120 Schüler/-innen entlassen haben, welche die Bedingungen für einen Übergang in die Oberstufe erreicht hatten. Addieren wir unsere „hausinternen“ hinzu, erhalten wir ein Potenzial von über 150 in Frage kommenden Anmeldungen. Selbst wenn wir eine gehörige Anzahl abziehen, die gar keinen Besuch in einer Oberstufe oder eine solche an einem Technischen oder Wirtschaftsgymnasium planen, werden wir die Mindestzahl für die Errichtung unserer Oberstufe erreichen. Damit haben wir jetzt erstmals Zahlen, mit denen wir unseren Optimismus stützen können. Prima!

Dann blieb mir endlich Zeit, mich weiter mit dem Gliederungsplan zu befassen. Morgen um zwölf ist der „Stichpunkt“ zum Hochladen. Eigentlich wollte ich mir eine Auszeit genehmigen, um diese Tabellen in Ruhe zu Hause fertigzustellen – aber immer drängten sich Termine in den Vordergrund, so dass kaum eine längere Zeitspanne zusammen kam. Heute Abend nun musste ich ran, Müdigkeit hin, Abgespannt sein her. Daher genoss ich die zwei Stunden im Büro, die mir heute Mittag bereits blieben. Ach ja, zuvor stellte sich noch eine junge Frau vor, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei uns leisten will. Wäre klasse, wenn sie uns unterstützen könnte. Wieder Vertrag anfordern, Start klären, beim Träger anrufen und so weiter.

Heute ist eine kleine Delegation von Lehrkräften nach Gießen gefahren. Dort findet ein "trilaterales" Treffen der Gesamtschulen Gießen-Ost, Jena und Deidesheim/Wachenheim statt. Bin richtig gespannt, was an künftigen Ideen zur Kooperation herauskommen wird.

Um 16 Uhr dann traf sich die Konzeptgruppe „Oberstufe“, die mir großen Spaß bereitete. In diesem Kreis wird so effektiv und einvernehmlich geplant, dass ich mich an die Planungsgruppe vor sechs Jahren erinnert fühle. Heute stand die Tischvorlage für die Gesamtkonferenz, die Informationsphase mit Terminen, Faltblatt und Anmeldewoche auf dem Programm. Einen ersten Termin haben wir bereits am 1. Oktober, bei dem eine benachbarte Realschule plus sieben verschiedene Möglichkeiten, die Oberstufe zu besuchen, vorstellen will. Wir sind dabei die achte, die wohl auf großes Interesse stößt, weil wir „busnah“ zu erreichen seien. Schauen wir mal, wie sich das in Anmeldezahlen auswirkt.

Als ich den Computer wegen des Gliederungsplanes heute Abend um 23 Uhr ausschaltete, hatte ich einen 15-Stunden-Tag hinter mich gebracht. Soll als Ausnahme mal gehen. Dauerhaft würde ich das nicht durchhalten.

 

Mittwoch, 11. September 2013:

Mit einiger Vorlaufzeit ertönte heute in Deidesheim die Feuersirene: Probealarm mit neu ausgeklügelten Fluchtwegen. Im Letzten Jahr staute sich die Schülermasse auf der Feuertreppe. Daher haben wir kürzlich genau festgelegt, welche Klassen über welches Treppenhaus und aus welchem Ausgang die Schule verlassen sollen. Dafür haben wir Feuertreppen, Treppenhäuser und Ausgänge beschriftet und den Lehrkräften den Plan zum Besprechen ausgegeben. Deshalb kam schon etwas Spannung in mir auf: Wird es besser klappen? Nach dem heutigen Probealarm kann ich beruhigt feststellen: Der Plan ist gut. Auch das Gebäude in Deidesheim war innerhalb von drei Minuten geräumt, ganz ohne Stau und Gedrängel! Das mit dem klassenweisen Aufstellen und der Rückmeldung über die Vollzähligkeit müssen wir noch üben. Vielleicht sollten wir die Aufstellplätze für die Klassen ebenfalls beschriften, wie ich es seinerzeit in meiner ersten IGS kennen gelernt habe.

Der wichtigste Eintrag im Kalender aber war heute das Treffen des Schulträgers mit der Schulaufsicht in Neustadt. Landrat, Abteilungsleiter Bau und Schuldezernent auf Seiten Kreises trafen sich mit dem koordinierenden Referenten der Schulaufsicht und auch dem dortigen Vertreter der genehmigenden Bauabteilung. Da auch der Schulleiter in unserem Falle männlich ist, war es eine reine Männerrunde, die da über die Errichtung der Oberstufe in einem dritten Bauabschnitt beriet. So trocken und ehrwürdig gestalteten wir das Gespräch aber gar nicht. Durch meine Arbeit mit beiden Institutionen kannte ich alle Teilnehmer persönlich, die Mit-Beratenden mussten untereinander zunächst vorgestellt werden, da seit dem letzten Bau-Gespräch die Personen zum Teil wechselten. Ergebnis des Treffens ist, dass wirklich niemand an der Errichtung unserer Oberstufe zweifelt, dass von Seiten der Schulaufsicht sogar der Doppelstandort berücksichtigt wird und nicht alle Räume, die in Wachenheim bestehen, einfach nur addiert werden. Als Beispiel seien die Kunst- und die Computerräume genannt. Am Ende werden wir die Baurichtlinie des Landes in diesen Punkten überschreiten. Ein schönes Ergebnis!

Gekostet hat das Treffen allerdings meine Teilnahme am Assembly, bei dem ich von einem Kollegen vertreten werden musste. Und ausgerechnet beim Thema „Young Americans“. Natürlich lief es auch ohne mich gut, keine Frage, aber ich hätte gerne in die Gesichter der Kinder gesehen! Jetzt muss ich auf den Tanzworkshop selbst warten.

Zu meinem ersten 1stClassRock-Treffen war ich dann wieder in Wachenheim pünktlich eingelaufen. Hey, seid ihr groß geworden! Für die neuen Lieder benötigen wir einen zusätzlichen Akkord. Das heißt für euch: Üben! Üben! Üben!

 

Dienstag, 10. September 2013:

Eine sechste Klasse ist seit gestern auf Klassenfahrt. Ich wünsche euch wie immer tolle Erlebnisse! Die der Fünfer aus ihren erlebnispädagogischen Tagen hatte ich mir gestern und heute in meinen Musikstunden erzählen lassen. Am besten kam der bunte Abend an. Auch von Seiten der Kolleg/-innen wurde mir von diversen Talenten und Begabungen berichtet, welche die Kinder unter viel Applaus vortrugen. Da wäre ich gerne dabei gewesen. Zudem habe ich das Gefühl, dass in diesen beiden Fünferklassen die Kraniche in der bisher kürzesten Zeit erklangen. Auch das Falten der Origami-Kraniche bereitete ihnen wenig Mühe. Was wächst da für ein Jahrgang heran? Klasse!

In der Mittagspause zeigte ich Interessierten die Video-Dokumentation der „Young Americans“ aus dem Jahr 2011. Zwei komplette Jahrgangsteams können damit ja bisher nicht viel anfangen. Jetzt haben sie zumindest einen 20 minütigen Eindruck erhalten. Die Anmeldung kann beginnen!

Nach der Pause trafen sich alle Kolleg/-innen zum Gesamtteam, dieser DeiWa-typischen Versammlung. Wichtige Themen standen zum Austausch und zur Diskussion an: Wollen wir eine Tutorenstunde in der Oberstufe installieren? Wie gehen wir weiter mit dem Programm „Erwachsen werden“ um? Wie gestalten wir künftig das Konzeptmerkmal der Thementage? Weitere Themen rutschten aus Zeitmangel in die nächste Gesamtkonferenz – und auch die ist schon ganz schön angefüllt.

 

Samstag, 07. September 2013:

Und schon stand die „dritte Reise“ an, dieses Mal nach Bad Homburg zum Sitz der Herbert-Quandt-Stiftung. Sie lobt zum achten Mal den Schulenwettbewerb „Trialog der Kulturen“ aus, zu dem unsere Schule zugelassen ist. Gestern fand die Eröffnungsveranstaltung statt. Schon beim Austeigen aus dem Auto stellten wir fest, dass bei diesem Gebäude kein Raumplan die Architektur einschränkte und wohl auch keine leeren Kassen vorherrschten.

Im Leitbild der Stiftung las ich: „Gestiftet als Dank für die Lebensleistung des Unternehmers Dr. h.c. Herbert Quandt setzt sich die Herbert-Quandt-Stiftung für die Stärkung und Fortentwicklung unseres freiheitlichen Gemeinwesens ein…Die Stiftung will mit ihrem Wirken dazu beitragen, das Ideal des eigenständiges Bürgers zu fördern: Sie möchte Menschen anregen, ihre individuellen Begabungen zu entfalten und Verantwortung für sich sowie für das Gemeinwesen zu übernehmen.“ Dieses Gemeinwesen verändere sich seit Jahren stetig: immer mehr Einwohner verfügen über einen Migrationshintergrund, kommen aus verschiedenen Kulturen und mit verschiedenen Religionen zu uns. Diese Gesellschaft ist mehr denn je auf Kenntnis der anderen Kulturen angewiesen, aus der erst eine Toleranz erwachsen kann. Wo kann man die Zukunft einer solchen Gesellschaft nachhaltiger entwickeln als dort, wo sie bereits gelebt werden muss: in den Schulen. Neben vielen anderen Initiativen lobt daher die Stiftung den Wettbewerb „Trialog der Kulturen“ aus. „Seit 2005 haben sich mehr als 25.000 Schülerinnen und Schüler in Hessen, Berlin, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Thüringen, Brandenburg und dem Saarland in jeweils einjährigen Projekten intensiv mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den drei monotheistischen Kulturtraditionen beschäftigt. Dabei wird nicht einer diffus vereinnahmenden ‚Superreligion‘ das Wort geredet, sondern klar zwischen der Anerkennung des Anderen und der Suche nach dem Eigenen sowie den gemeinsamen Wurzeln unterschieden.“ (alle Zitate aus: Clauss Peter Sajak, „Standards für das trialogische Lernen“, hrsg. von der Herbert-Quandt-Stiftung, Bad Homburg, 2011). Wir als Schule wurden im Anschluss an unsere letztjährige interreligiöse Feier auf diesen Wettbewerb aufmerksam gemacht und ich denke, das Anliegen trifft bei uns nicht nur auf offene Ohren, sondern geht inhaltlich aus dem Schulleben harmonisch hervor.

Gestern nun waren in Bad Homburg die acht Schulen aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland geladen, die 2013/14 in dieser Ländergruppe miteinander „ins Rennen gehen“. Wir wurden in den Ablauf des Wettbewerbs eingeführt, bekamen Hinweise zu den beiden Schulbesuchen durch die Stiftung,  wurden in die (Pflicht)-Veranstaltung „Markt der Möglichkeiten“ in Saarbrücken aufmerksam gemacht, wurden zu Öffentlichkeitsarbeit „eingeladen“, erhielten Hinweise zu den zu verfassenden Zwischen- und Abschlussberichten und auch darüber, was wir bei der Abrechnung des „Startkapitals“, das wir zur Unterstützung ja schon erhalten haben, beachten sollen. Dass es sich hier um eine andere Liga als den kommunalen Schulträgern handelt, entdeckten wir nicht nur am Gebäude. Für die Teilnehmerschulen war im Konferenzraum alles gerichtet: Auf den Tischen standen ausladende Namenschilder, da lagen Wettbewerbsmappen, Kugelschreiber und Sticks mit den digitalen Vorlagen (alles mit dem Logo er Stiftung versehen), ein reichhaltiges  Catering stand uns zur Verfügung (Die Getränke etwa wurden den ganzen Tag über immer wieder durch eine adrette „Bedienung“ aufgefüllt) und ein Büchertisch mit Veröffentlichungen der Stiftung stand uns kostenlos zur Verfügung. Eine andere Welt? Das gerade nicht, aber der Unterschied zu den stets knappen oder leeren Kassen in allen Bereichen, in denen ich als Schulleiter „wandle“, war schon mehr als deutlich spürbar.

Neben der oben genannten Broschüre nahm ich zwei Bücher mit: Als Unterstützung für unseren Wettbewerbsbeitrag das Buch: „Trialogisch lernen, Bausteine für interkulturelle und interreligiöse Projektarbeit“ und aus persönlichem Interesse die Dokumentation eines Symposions dieser und der ZEIT-Stiftung mit dem Titel: „Der Westen und seine Religionen“. In das erstere tauchte ich schon etwas ein und erfuhr, dass der Begriff „Trialog“ nur als Kunstbegriff existiert, der vonseiten der Philologen auch kritisch bis ablehnend betrachtet wird (Mein Computer unterstreicht ihn daher regelmäßig als fehlerhaft!). Stefan Schreiner sieht ihn in seinem Beitrag „Trialog der Kulturen“, (in: Trialogisch lernen, S.18-25) inhaltlich dennoch als gewinnbringend an. Er greift hierzu auf Martin Bubers „dialogisches Prinzip“ zurück: zu einem Ich wird der Mensch erst dadurch, dass er sich auf ein Du bezieht. Zum einen konstituiert sich das Ich erst durch das Du (im Gegensatz zu einem „Etwas“), zum anderen kann sich das Ich erst durch ein Du abgrenzen. Ohne diese Bezogenheit kann sich kein Ich bilden, muss also ein „Etwas“ bleiben. Sehr schön und wortschöpfend, las ich in Schreiners Beitrag auch von der „Vergegnung“ zwischen Ich und Du als eine nicht zustanden gekommene Bezogenheit. (vgl.ebd.). Diese „Nicht-Begegnung“ hat sicherlich zwischen Christentum und Judentum über Jahrhunderte hinweg stattgefunden. „Während der jüdisch-christliche/christlich-jüdische Dialog der letzten Jahrzehnte indessen von der ‚Vergegnung‘ allmählich zu einer neuen Begegnung zwischen Judentum und Christentum geführt hat, ohne dass die ‚Hinterlassenschaft der Zeit der ‚Vergegnung‘ schon völlig überwunden wäre, steht das Bemühen um die Überwindung der Hinterlassenschaft der Zeit der ‚Vergegnung‘ zwischen Juden, Christen und Muslimen erst am Anfang und scheint heute wieder schwieriger geworden zu sein, als sie vor einem Jahrzehnt noch gewesen ist“ (ebd.S.21). Zu dieser eher philosophischen Annäherung der drei monotheistischen Religionen gesellt sich ein weiterer Aspekt aus der Religionsgeschichte hinzu, denn der Islam leitet sich ebenfalls aus dem Stammbaum Abrahams als „drittes Kind“ ab. Zusätzlich begründet sich der Trialog auch in der gemeinsamen europäischen Geschichte. Der Begriff des „christlichen Abendlandes“ verleugnet natürlich die zahlreichen Begegnungen mit dem Islam in der Historie, sei es der Einfluss der Muslime in Spanien bis mindestens 1492, sei es der Mythos von Karl Martell, der die Türken vor Tours besiegte, sei es die Grundlegungen der Mathematik und Medizin – es hilft nichts: „Keine der drei Kulturen und/oder Zivilisationen ist ohne ihre wechselseitige Bezogenheit auf die jeweils anderen beiden zu denken oder zu verstehen. Das gilt erst recht, wenn es um deren geschichtliche Verwirklichungen geht, beispielsweise in Gestalt der europäischen Kultur und Zivilisation, die nur allzu oft und gerne als ‚christlich‘, bestenfalls noch als ‚christlich-jüdisch‘ apostrophiert wird“ (ebd.S.22). Deutlich wird durch diese historische-geistesgeschichtliche Betrachtung zusätzlich, dass der Trialog nicht beliebig erweiterbar ist, auch wenn noch so viele religiöse Elemente durch eine multikulturelle Globalisierung Eingang in unsere Gesellschaft finden. „Denn ein Gespräch zwischen Judentum, Christentum und Islam ist und bleibt aus historischen, religionsgeschichtlichen, vor allem aber theologischen Gründen ein Gespräch sui generis“ (ebd.), ein einzigartigeses Gespräch von besonderer Art also.

Damit erhält unsere Teilnahme am Trialog-Wettbewerb eine horizontal und vertikal tiefe Begründung, einen ganz besonderen Anspruch, ein Fundament, auf dem Wichtiges und Gewichtetes sich aufbauen kann. Als Schule sind wir damit eingewoben in einen religionsgeschichtlichen, historischen und gesellschaftspolitischen Prozess zur besseren Gestaltung von Zukunft.  Vermutlich wird diese Fundierung nicht jeder spüren oder sich darüber bewusst sein. Mir ist sie durch die hintergründige Erdung ganz wichtig und sie sie gibt mir hoffentlich den Elan und die Kraft, das Projekt ein ganzes Jahr lang mit anzuschieben und, wo immer ich kann, zu unterstützen. In Bad Homburg wurde auch die bedeutende Rolle von Schulleitern innerhalb des Wettbewerbs betont. Umso freudiger wurde die Tatsache gewertet, dass zwei IGS-Schulleiter persönlich anwesend waren. An meiner Unterstützung jedenfalls soll es nicht fehlen! Die kostenlose Lektüre einer Stiftung bewirkt eine bereichernde, wertvolle Haltung und setzt Energie frei. So gesehen bin ich bereits jetzt Teil einer in mir gelungenen Stiftungsarbeit geworden.  

Am Abend las ich in der elektronischen Post für Schulleiter noch eine schöne Mail aus dem Ministerium, eine bestätigende Rückmeldung über die Minuten des gemeinsamen Singens bei der Dienstbesprechung: „Es ist für den Refrain ja auch ein wunderbarer Chor entstanden, ganz ohne Probe. Ich habe danach viele lobende Stimmen gehört, auch über Ihre Qualitäten als Liedermacher.“ Schöne aber zu große Schuhe, denn was mir anscheinend gelungen ist, ist doch lediglich in einem Text auf eine bekannte Melodie auf ein Bedürfnis zum „Danke sagen“ gestoßen zu sein. „Lieder machen“ ist doch viel mehr! Noch nie ist aus mir eine Melodie entsprungen, die zu einem Lied wurde. Immer habe ich Melodien „geklaut“ und zu eigenem Interesse genutzt.

 

Mittwoch, 04. September 2013:

Die Fünferklassen fahren heute ins Martin-Butzer-Haus zu ihren erlebnispädagogischen Tagen, machte mich auf den Weg nach Mainz. Ich fuhr früh noch in die Schule, um die veränderte Kopiervorlage des Elternbriefes nochmal auszudrucken. Um das Kopieren, Falten und Verteilen mussten sich heute andere kümmern – kein gutes Gefühl, wenn ich wegfahre und Kolleg/-innen Arbeit hinterlasse…doch auf der einen Seite sollte er heute raus, auf der anderen musste ich zur Dienstbesprechung aller IGS-Schulleiter. Dieses Mal hatte die Ministerin Zeit (Sie hatte schon mehrmals kurzfristig absagen müssen). Aber ihre Besuche bei uns gleichen einem Heimspiel: Ich spüre und höre bei ihr immer eine Wertschätzung über die Arbeit der Integrierten Gesamtschulen, die in Rheinland-Pfalz von so hoher Qualität sei, dass „…wir sie auch so nennen können.“ Gemeinschaftsschulen oder andere Begriffe benötigen wir nicht, weil wir über gute „Originale“ verfügen. Vorreiter seien wir in vielen Dingen, von der Ganztags- über die Schwerpunktschule bis zur individuellen Förderung. Es tut gut, bei all der Arbeitsbelastung das von der Ministerin zu hören. Ich werde es dem Kollegium weitergeben. Sie musste sich aber auch Kritik und Wünsche anhören: Die Schwerpunktschule ist nach wie vor schlecht ausgestattet, der Raumplan sieht keinen Quadratmeter mehr vor und die Förderkolleg/-innen sind nach wie vor nur abgeordnet, nicht versetzt. Um einige Punkte wolle sie sich kümmern. Die Festschreibung des Aufnahmeverfahrens wurde noch kritisiert, weil sie landesweit Regelungen trifft, die nicht natürlich nicht allen IGSn gerecht werden können.

Besonders war der heutige Termin aber auch durch die Verabschiedung „unserer“ Referentin im Ministerium. Es war ihre letzte Dienstbesprechung, so dass wir uns als „Tschüss und Danke“ etwas Besonderes überlegten. Schnell kamen wir auf eines ihrer Faibles: Sie singt gerne. „Georg, da wäre doch was zu machen, oder? Könntest du nicht…?“ So schnell hatte ich noch selten eine „Aufgabe an der Backe“. So packte ich denn gestern schon die Gitarre ins Auto, einen Liedtext hatte ich vor Wochen bereits „gezimmert“. Meine Idee war: Sie ist eine Kollegin aus der Anfangszeit der IGSn in Rheinland-Pfalz. Die meisten der heutigen Schulleiter/-innen kennen diese Anfangszeit nicht und auch Motivation und Hintergedanken dieser Schulform drohen immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Also wollte ich mit der Referentin zunächst die „Kraniche“ singen und dann mit allen, ihr zum Dank, den umgetexteten Refrain von Reinhard Meys „Über den Wolken“. Ich wusste nicht, ob ich die versammelten Schulleiter/-innen zum Singen bringen würde. Daher war ich schon aufgeregt. Das könnte auch gehörig in die Hosen gehen. Ich beruhigte mich mit einem Plan B: dann singe ich eben allein. Doch die Befürchtungen waren umsonst. Es waren wunderschöne Minuten: Alle Direktor/-innen der rheinland-pfälzischen IGSn im Halbrund um die Referentin sangen ihr zum Abschied, erst etwas zart, dann mutiger und schließlich, alle Hemmungen ablegend, richtig gut. Ich sah so manche Träne im Auge und auch mir strich eine Gänsehaut über den Rücken. Einfach herrlich. Bereits beim Verabschieden erhielt ich eine ganze Reihe von Rückmeldungen: „Ich hab mich gefühlt wie früher!“, von den „schönsten Minuten, die ich je bei Dienstbesprechungen erlebt habe“ war die Rede und „Welche andere Schulleiterrunde bringt das so hin!“ bis zu: „Das war ein berührender Abschied!“ Voll gelungen also und ich „Hasenfuß“ war aufgeregt!

 

Dienstag, 03. September 2013:

Das Team „Kalle Keschde“ ist von der Teamfortbildung im Martin-Butzer-Haus zurück. Ja, das glaube ich euch sofort: Es ist zu viel für die ersten drei Wochen und es bleibt kaum Zeit zum Durchschnaufen. Wir müssen diesen Anfang entzerren. Umso glücklicher bin ich, dass ich gestern im Schulleitungsteam so viele positive Eindrücke gehört habe. Das baut richtig auf. Jetzt kommt nächste Woche noch die Klassenfahrt, dann ist der Anfang gemacht und ihr alle kommt in ruhigere Gewässer.

Der große Elternbrief wurde gestern noch angemahnt. Ich weiß, ihr Lieben, ich habe dann gestern und heute eine Abendsitzung drangehängt. Während der Unterrichtszeit komme ich einfach nicht dazu. Zuviel Treiben, zu viele Gesprächswünsche, zu viele Telefon- und E-Mailanliegen.

Am Nachmittag noch ein Zeitfresser: der erste Schulträgerausschuss in diesem Schuljahr. Inhaltlich war er nicht gerade spektakulär: Herstellen des Benehmens hinsichtlich einer Schulleiterstelle (Bei einem Bewerber eine eher leichte Übung), Namensgebung für eine Schule, Schülerzahlen im Landkreis mit stabilen Zahlen für die beiden Gesamtschulen. Dennoch barg der Nachmittag eine Besonderheit, denn ich sollte erstmals dem neuen Landrat begegnen. Natürlich leitete er den Ausschuss, Zeit für Eindrücke, Beobachtungen und Vergleiche, aber ich sollte auch am Rande eines anderen Gesprächs, Zeit finden, kurz mit ihm persönlich zu reden. „Ich hoffe, Sie merken, dass wir in Ihrem Sinne arbeiten“ Ja, bisher kann ich nicht klagen. Er will auch erstmals in die Schule kommen, die er noch nicht kennt. Der anstehende Haushalt wird dafür Gelegenheit bieten.

 

Sonntag, 01. September 2013:

In meiner Ferienlektüre von Richard David Precht stieß ich auf einen Artikel, den ich mir jüngst aus der Bibliothek mitbringen ließ (Christoph Kucklick, „Gute Lehrer“, in: GEO, Nr.2/2011, S.24-48). Geschildert wird darin ein höchst interessantes Experiment. In Schweden gibt es jährliche Tests für alle Klassen. Die mehrfach am schlechtesten abschneidende Klasse soll von Lehrkräften unterrichtet werden, deren Klassen regelmäßig am besten abschneiden. „Der Auftrag an die Lehrerstars lautet, die 9a zu einer der drei besten Klassen des Landes zu machen. Innerhalb von fünf Monaten. Und mit nichts als pädagogischem Geschick. Die Lehrer erhalten keinen Cent zusätzlich, keine besseren Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil: Ein Fernsehteam dokumentiert ihren Erfolg. Oder ihr Scheitern.“ (ebd.S.32). Kann so etwas funktionieren? Eine Klasse „pushen“, die sich selbst über Jahre ganz unten be- und gefunden hat? Und das soll nun bei 15- und 16-Jährigen verändert werden? „Wochenlang kämpfen die Superlehrer gegen die Überzeugung, dass die Schüler der 9a niemals etwas anderes sein können als Verlierer“ (ebd). Aber die Lehrkräfte gaben nicht auf, suchten Kontakt zu den Jugendlichen, vielleicht in einer Weise, die sie als Abgeschriebene bisher nie erlebt hatten. Der Mathematiklehrer beispielsweise lässt diese 9. (!) Klasse vor dem Klassenzimmer aufstellen und begrüßt jeden einzeln, spricht kurz mit jedem, fragt den einen, ob der Vater aus dem Krankenhaus entlassen sei, einen anderen ob er den Taschenrechner heute dabei habe und sagt zu einem anderen bestimmt: Nimm die Mütze bitte ab! „Größten Wert legt er darauf, jeden kurz am Arm, an der Schulter zu berühren. ‚Danach fühlt sich jeder im wahrsten Sinne und als Individuum berührt.‘“  Die Klasse begehrt auch auf, das sei alles viel zu schwer, die Eltern beklagen sich über den Druck. Doch die Lehrkräfte bleiben sich treu. Einmal steigt der Mathelehrer aufs Pult, um die besondere Aufmerksamkeit der Schüler für eine mathematische Kniffeligkeit zu erzielen, ein anderer hantiert mit Strickleitern, um die DNA zu erklären, andere wiederum gehen in den Hof, um eine Szene aus dem einzuübenden Rockmusical zu probieren. „Scherzen, Gruppenarbeiten, Frontalunterricht, Erklärungen für Einzelne, persönliche Anekdoten und Show-Einlagen…Ein Tanz ist dieser Unterricht, ein sanfter Sog, dem sich niemand entziehen kann – und der nicht darauf angewiesen ist, dass Eltern brave, disziplinierte Schüler abliefern.“ (ebd.S.38). Und nach fünf Monaten die Überraschung: Die 9a hat tatsächlich in den Tests landesweit die drittbesten Ergebnisse abgeliefert, in Mathematik sind sie gar landesweit auf Platz eins gelandet. Es klingt fast wie ein Märchen, doch die schwedische Bevölkerung hat die ganze Entwicklung im Fernsehen mit verfolgen können. Die Serie entwickelte sich gar zum Quotenrenner.

Als ich davon las, stand ich erst mal verblüfft da und suchte Begründungen. Sachlich gesehen beweist der Artikel einmal mehr eine These, die auch ich immer wieder vertreten habe: Ganz gleich, welche Methode, welche didaktischen Kniffe du dir überlegst, am wichtigsten ist die Lehrkraft. Meine eigene Zeit als Lehrer kennt dafür genügend Beispiele: In Methodik als eine der am ausgefeiltesten geltende Lehrkraft wurde von den Schüler/-innen als langweilig bezeichnet, während eine andere, bekannt als konservativ aber authentisch, von den Schüler/-innen geliebt wurde. Und wer von uns Erwachsenen kennt nicht die Lust, einer interessanten Persönlichkeit zuzuhören, während aalglatte Menschen nur Langeweile hervorrufen, egal, was sie auch vortragen. Und wie auch immer Schule verläuft, eines können alle Schüler/-innen: Lehrkräfte beobachten und Schwachstellen entdecken. „Vor der Klasse kann man sich nicht verstecken!“ (ebd.S.35). Hinzu kommt sicher – oder geht es damit einher? -, was über den Mathematiklehrer in dem Experiment gesagt wird: „Er weigert sich, auch nur einen einzigen Schüler als Problem zu sehen. Er nennt seine Methode, in kalkuliertem Pathos: ‚Liebe‘.“ (ebd.). Und dann klappt auch, was eine Schuldirektorin aus Schweden gesagt hat: „Das Experiment hat gezeigt: Wir Lehrer können den familiären Hintergrund jedes Kindes ausgleichen. Wir müssen nur gut genug sein.“ (ebd.S.34).

Aber der Text von Kucklick lässt mich nicht lange alleine und referiert die Ergebnisse verschiedener Forschungsprojekte. Der Direktor des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung in Berlin, Jürgen Baumert, versucht seit langem „die Zutaten eines guten Lehrers herauszudestillieren. Sein Ziel: dem Lehrerberuf – endlich – jene Würde der Professionalität zu verleihen, die auch Anwälte, Ingenieure oder Piloten auszeichnet.“ (ebd.) Vier „Bündel von Kernkompetenzen“ führt er auf, die wiederum aus einer Reihe von Einzelfähigkeiten bestehen:

  1. „Der gute Lehrer benötigt zunächst herausragendes Fachwissen, das durch gute Didaktik ergänzt werden muss.“
  2. Gute Lehrer verfügen über ein gutes „…Wissen darüber, wie Schüler und Eltern zu beraten sind…Viele Lehrer scheitern nicht in der Klasse, sondern draußen, beim Umgang mit den Familien und ihren Problemen…Nur wer sich für Schüler begeistern kann und in unnachgiebigem Vergnügen täglich Beziehungsarbeit verrichtet, kann als Lehrer überleben. Der Job fordert stets den ganzen Menschen. Das ist sein Reiz. Und sein Schrecken.“
  3. Ein guter Lehrer ist nicht nur selbst begeistert „…von Fächern und Schülern, sondern er kann…dieses Feuer auch bei anderen schüren“.
  4. „Dazu bedarf es wiederum einer geklärten Wertbindung, die hilft, sich nicht als Kumpel der Schüler misszuverstehen, sondern ein ausbalanciertes professionelles Ethos zu entwickeln.“ (alle 4 Punkte: ebd.S.34f)

Überraschend erscheint mit mir keines dieser „Bündel“, habe ich sie doch hier und da schon mal gehört und sie ziehen sich auf irgendeine Weise auch durch mein eigenes Lehrerleben. „Der besondere Wert von Baumerts Studien liegt in dem Nachweis, dass es tatsächlich auf alle Bereiche ankommt. Sie können mal stärker, mal schwächer ausgeprägt sein, aber wenn einer ganz fehlt, haben es die Lehrer schwer, einen auch nur maßvoll interessanten Unterricht zu führen oder im Alltag zu bestehen. Lehrer müssen, das ist ihre Kunst und ihre Last, Multikönner und Multitasker sein.“ (ebd.) „Tina Seidel und Manfred Prenzel, Professoren an der School of Education in München, haben den Physikunterricht an 70 Schulen analysiert und vor allem eines gefunden: Monotonie…Seidels Videoanalysen zeigen aber auch, wie verteufelt vielschichtig eine Unterrichtsstunde ist, wie viel passiert, wie hellwach und strukturiert ein Lehrer sein muss, um 25 Schüler nicht nur zu bändigen, sondern voranzubringen. (ebd.S.38).

Wie stehen wir also nun da, die wir täglich von den Kids stehen? Gerade auch an einer Schule im Aufbau, an die alle meine Kolleg/-innen wollten, weil es ihnen Freude bereitet, eine neue Schule hochzuziehen. Für mich liegen die Kriterien noch nicht klar genug auf dem Tisch. Dennoch stecken in dem ganzen Text viele Punkte, die für mich selbst als Lehrer von Interesse sind. Da ich weder im Beruf gescheitert bin, noch

nach 20 Jahren den Spaß daran verloren habe, weder vor unlösbaren Problemen stehe noch von Schüler/-innen „gemieden“ werde, stehe ich wohl irgendwo mittendrin in diesem Geflecht von Eigenschaften und verfüge offenbar über die eine oder andere Kompetenz. Gerade vorgestern Abend erreichte mich gegen 22 Uhr die SMS einer Schülerin meiner ehemaligen Klasse, vor fünf Jahren in Mutterstadt nach der zehnten Klasse abgegangen: „Hey Georg, sitzen gerade hier im Cafe und reden über alte IGS-Zeiten“. Dies spontan und nach Jahren dem ehemaligen Tutor zu schreiben, zeigt, dass mir damals  manches gelungen sein muss. Sie haben mir nicht geschrieben, was es genau war. Aber es geht Ihnen gut mit dieser gemeinsamen Zeit.

 

Auch Kucklick relativiert die Eindeutigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse: „Wenn es überhaupt ein Rezept gibt, dann dieses: Die Kunst der guten Lehrer besteht im großen UND. Sie haben besonders hohe Ansprüche UND besonders viel Verständnis, sie sind äußerst fachorientiert UND persönlich zugewandt, überaus konsequent UND unterstützend. Meister in der Steigerung vieler Dimensionen. Und blitzschnell im Erkennen, welches Verhalten jeweils sinnvoll ist. ‚Es ist‘, sagt Tina Seidel, ‚der anspruchsvollste Beruf, den man wählen kann‘“ (ebd.S.39). Eigentlich müsste man da ansetzen: Höre ich doch in meinem Umfeld immer wieder die Aussage: „Wenn das nicht geht oder das, dann werde ich eben Lehrer.“ Gemessen an den Anforderungen, die dieser Beruf erfordert, kann die Entscheidung dafür nicht die dritte Wahl oder eine Notlösung sein. Kucklick berichtet aus Finnland, dass dort ein ausgeklügeltes Zulassungsverfahren zum Lehramtsstudium erfolgt. Von etwa 6.000 Bewerbern würden danach n ur knapp zehn Prozent die Zulassung erhalten (vgl.ebd.S.40). Auch in Deutschland tut sich in dieser Richtung etwas: „Die strenge Lehrerauswahl…sollte man …kopieren, findet Professor Norbert Seibert. Er versucht ein bisschen Finnland in Passau. Seine Universität gehört zu jenen Orten in Deutschland, an denen die Lehrerausbildung bereits renoviert wird; das geschieht nicht flächendeckend, aber doch immer häufiger, in Kassel etwa, an der Technischen Universität in München oder in Bochum“ (ebd.). Man könnte damit auch die stets wiederkehrenden Wellen von Lehrerschwemme und –mangel ausgleichen und nicht Hunderte (oder Tausende?) zu aufwändigem Studium und Referendariat zulassen, um sie dann in die Arbeitslosigkeit zu entlassen. In Zeiten des Lehrermangels findet mancher eine Planstelle, der denkbar schlecht abgeschnitten hat, in Zeiten guter Versorgung bekommen viele begabte Lehrkräfte keine Chance. Die Auswahl für eine Lehrerstelle geschieht zudem bei uns erst nach der Ausbildung anhand der Noten. Ein ausgeklügeltes Zulassungsverfahren, das sich mit notwendigen Fähigkeiten, mit ausgeglichenen Persönlichkeiten und mit einer pädagogischen Grundhaltung befasst, fände meine Zustimmung.

Soweit die Fortschreibung meiner Ferienlektüre. Sie geht noch immer in mir „spazieren“, sie lässt mich nicht los mit dem Anspruch, möglichst viel in unsere Schule hineinzutragen. Die ersten beiden Wochen des neuen Schuljahres zeigten aber deutlich ein Fragewort auf: Wann? Die konzeptionelle Arbeit verschlingt noch viel Kraft und Energie. Im nächsten Jahr startet die Oberstufe und das bisherige Konzept wird einen Durchgang in der Praxis hinter sich haben. Da wird eine Überarbeitung stattfinden müssen: Was behalten wir bei? Was hat sich weniger bewährt? Also schreibe ich hier darüber und hoffe auf diesem Weg, den einen oder die andere zu erreichen und nachdenklich zu stimmen wie mich selbst. In dem Text Kucklicks wird auch die IGS in Hildesheim genannt mit ihrer beispielhaften Arbeit an der Professionalisierung ihrer Schule. Es sei an dieser Stelle nochmal darauf hingewiesen: Sie besteht seit vierzig Jahren. Unsere Schule muss erst mal fertig aufgebaut werden, muss ein eigenes Profil und Schulgefühl in die Zeit hinein entwickeln. Wenn wir das gut und engagiert schaffen, werden wir hoffentlich Kapazitäten und Zeit finden, weiter daran zu feilen.