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Okt bis Nov 2013

 

Samstag, 30. November 2013:

Von einer akuten Schmerzbehandlung vom Zahnarzt kommend, fielen mir bereits am Bahnhof drei Polizeibeamte auf. Auch an der Schule stand ein Streifenwagen. Zwei Schüler, einer von extern, hatten sich nach der Schule verabredet, um einen Konflikt „schlagfertig“ zu lösen. Die Einbeziehung der Polizei ließ es nicht dazu kommen. Gut für die gesamte Schule, denn es machte allen klar: So was geht bei uns nicht. Da werden wir mit allem reagieren, was in unserer Macht steht. Ich hoffe auf einen Langzeitwirkung!

Den heutigen Samstag verbrachte ich bis in den Nachmittag hinein im Pädagogischen Landesinstitut bei einer Elternfortbildung. „Wir bringen Schule voran“, so lautete der Titel. Hauptanliegen war dabei die gelungene Zusammenarbeit von Eltern und Schule. Ich sollte eine Arbeitsgruppe übernehmen, die unsere Praxis der Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche vorstellt. Ich erinnere mich noch genau daran, wie uns diese Innovation vorgestellt wurde, übrigens in denselben Räumen und mit denselben Menschen wie damals. Nächste Wochen läuft wieder für alle Schülerinnen und Schüler unserer Schule die aktuelle Runde zum Halbjahreszeugnis an. Ein langer Weg, viele Erfahrungen und einzelne Rückmeldungen, über die ich gut und gerne informieren konnte.

 

Donnerstag, 21. November 2013:

Heute stand der Thementag „Nachhaltigkeit“ an. Ein Feuerwerk an Inhalten, Methoden, Sozialformen an zwei Standorten und in die Region hinein. Es seien nur einige der knapp 50 (!) Workshops aufgelistet, um einen Eindruck davon zu vermitteln, was heute an der IGS Deidesheim/Wachenheim Grandioses stattgefunden hat: „Nachhaltiger Pausenverkauf mit Bioprodukten“, „Rohstoffe am Ohr – Konsumgut Handy“, „Kunst aus Müll? Müll aus Kunst?“, „Nachhaltige Hausordnung“, „Mathematik der Nachhaltigkeit“, „Papierschöpfen – Wir stellen Recyclingpapier her“, „Wir bauen Nisthilfen für Wildbienen“, „Stromerzeugung mit dem Energiefahrrad“, „Mit vegetarischer Ernährung den ökologischen Fußabdruck verringern“, „Wir stellen selbst Seife her“, „Wir bauen Nisthilfen für Fledermäuse“, „Abkühlung und Erwärmung: Versuche mit selbst gebauten Modellhäusern“, „IGS on stage – save the nature! Erarbeitung eines Theaterspiels“ Siehe Foto), „Basteln  mit Tetrapacks“, „Essen in den Müll“ und „Mit Texten und Textbildern die Toiletten verschönern“. Eine ganze Reihe von Gruppen strömte in die Region aus, um Nachhaltigkeit vor Ort zu erkunden, zum Beispiel: „Besuch des Freilandklassenzimmers am Müllheizkraftwerk“, „Solarpark Pfalzwerke“, „Haus der Nachhaltigkeit“, „Eine Waldexkursion unter verschiedenen Sichtweisen“, Pfalzmuseum: Polar- und Klimaforschung“, „Umwelterlebniszentrum – Eine Exkursion rund um das Thema Müll“, „Besuch der Zoo-Schule in Landau“, „Besuch beim Ökowinzer“ und „Papiermuseum Frankeneck“. So recht also ein Tag,  dem ich nur stolz sein konnte auf unsere Schule, auf ein Kollegium, das sich in der „Hoch-Zeit“ der Notenfindung Zeit für einen solch ausdifferenzierten Thementag nimmt, auf eine Schülerschaft, die an einem solchen Tag nicht den offeneren Umgang mit Themen für Unfug nutzt, eine Vorbereitungsgruppe, die den Tag perfekt organisiert hat…rundum: Ein Sterntag! Eine Schule – ein Tag – ein Thema! Ich selbst fand Zeit, „übergeordnet“ bzw. „frei schwebend“ hie und da reinzuschnuppern - stets mit wachsender Freude. Am Morgen hatten wir uns alle auf den beiden Schulhöfen versammelt und zeitgleich den Thementag eröffnet. Das schuf schon vor Beginn ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Schulgemeinschaft. (Ich träume davon, dass wir im Stil der Außenwette bei „Wetten dass…?“ die beiden Standorte mit Ton und/oder Bild vernetzen). Wie die Schülerschaft sich dann in die Gruppen verteilte, mit den Bussen wegfuhr und sich in die Arbeit vertiefte…das sind Wahrnehmungen, bei denen sich mir wieder gute Schule bemerkbar macht und sich zeigt: Und die Arbeit lohnt sich doch! Ich kann mich noch gut an das Schreiben erinnern, das von einem Geldinstitut auf meinen Schreibtisch „flatterte“ und einen Wettbewerb „Nachhaltigkeit“ ankündigte. Ganz in der Art eines Briefträgers überlege ich dann immer: Wer soll diesen Brief erhalten? Hier lag der Fall klar: die Fachkonferenz Naturwissenschaft. Im Gesamtteam überlegten wir gemeinsam: Machen wir mit? Stemmen wir dazu einen Thementag? Über viele Zwischenstationen und Vorbereitungstreffen kam dann dieser Tag heraus. Mir selbst hat ein Schema geholfen, das die Fachschaft erarbeitet hatte: Drei sich teilweise überschneidende Kreise. Die einzelnen Kreise vertreten die Bereiche: Wirtschaft, Umwelt und Soziales. Es gab eine Schnittmenge aus Wirtschaft und Umwelt, es gab eine Schnittmenge aus Umwelt und Soziales und es gab eine aus Wirtschaft und Soziales. In der Mitte entstand eine Schnittmenge aus allen drei Bereichen. Nachhaltigkeit definiert sich also aus Verträglichkeit mit allen Bereichen. Dieses Schema machte mir (und hoffentlich auch vielen anderen aus der Schule) den viel verwendeten Begriff „Nachhaltigkeit“ schlagartig klar. Und so vielfältig die Aspekte sind, so breit waren heute die Workshops gestreut. Meine Freude darüber ist riesig! Ein Dank an alle, die heute „an irgendeinem  Rädchen“ dieses großen Getriebes gedreht haben. Es war ein Fest!

Abends stellte ich an dem „großen“ Abend im Heisenberg-Gymnasium die Schulform der Integrierten Gesamtschule vor. Die Präsentation hatte ich flugs beim Thema „Thementag“ mit einem heute entstandenen Foto aus dem Workshop „IGS on stage“ aktualisiert. Die Aula war wieder mit über 200 Besuchern gefüllt. Wenn ich einmal die Gesamtzahl der Besucher an den verschiedenen Info-Abenden über den Daumen errechne, dann scheint wieder eine „kräftige“ Anmelderunde ins Haus zu stehen. Zumindest, wenn sich die Besucherzahl in eine Korrelation zu den tatsächlich Anmeldenden bringen ließe. Wir werden sehen.

 

Dienstag, 19. November 2013:

Seit langem – oder erstmals? – wohnte ich bei einem Unterrichtsbesuch einer Biologiestunde bei. Ich staunte nicht schlecht, was es da beim Immunsystem alles zu lernen gibt. Fast kam es einem Fantasy Film gleich, der da über die interaktive Tafel „flimmerte“, wie da die Killerzellen ausgesandt werden und sich an die Zellen der Viren andocken können, diese unschädlich machen und sich den „Code“ merken können.

Anschließend fuhr ich nach Wachenheim. Im laufenden Schuljahr haben wir stundenplantechnisch das Sechser-Assembly von dem der Fünfer getrennt. Heute fand zum ersten Mal eines für Jahrgang sechs statt. Die „Assembly-Gruppe“ der Schülervertretung brachte ihren Talentwettbewerb zum Laufen, standortverbindend zeigte ich Fotos der interreligiösen Feier und von der Aktion auf dem jüdischen Friedhof und wir stellten unsere Ideen vor, wie wir das Assembly in Richtung Demokratie weiterentwickeln können. Alles in allem also eine gelungene Stunde.

Im Büro in Deidesheim dann der letzte Akt der „Neugestaltung“, weniger aufgeblasen, war es eigentlich nur ein Aufräumen, ein Schreddern unzähliger Papiere, die sich angesammelt hatten und die ich nicht mehr brauchen werde. Es ist schon enorm, wie viel Papier sich da im Schulalltag ansammelt und das trotz des digitalen Zeitalters, in welchem zusätzlich unzählige E-Mails eingehen. Wenn ich es mir angewöhnen kann, keine Papierstapel mehr entstehen zu lassen, könnte sich das Büro für längere Zeit dieses „Outfits“ erfreuen. I will do my best! 

Am Nachmittag luden wir die „internen Interessenten“ für die Oberstufe in die Mensa ein. Ein wunderbares Gefühl spürte ich in mir: Ja, das sind unsere Schülerinnen und Schüler, die den Grundstock der Oberstufe darstellen werden, unser Pionierjahrgang und daher erlebte ich auch diese Stunde mit einer großen emotionalen Beteiligung. Die vor mir sitzenden Jugendlichen gehören für mich zur IGS Deidesheim/Wachenheim wie der Grundstein. Knapp sechs Jahre gingen wir den bisherigen Weg gemeinsam – und er wird weitergehen bis zum ersten Abitur – welch eine Wegstrecke!

 

Donnerstag, 14. November 2013:

Wieder einer dieser „externen“ Tage. Am Vormittag stand die Dienstbesprechung mit der Schulaufsicht in Worms an. Ein altehrwürdiges Gymnasium war dieses Mal der Tagungsort. Welch ein Gebäude! Die Aula verfügt über einen Parkettboden und ist mit einem alten, dunklen Holzgewölbe überspannt, herrlich! So massiv und haltbar wurden früher Schulen gebaut! Ganz neu waren dagegen die Informationen aus der Schulaufsicht. Der Zwang zu sparen wird auch in der Personalausstattung zu spüren sein. Wo früher Stunden „unter der Wahrnehmungsgrenze“ vergeben wurden, steht derzeit jede einzelne Stunde auf dem Prüfstand. Das engt pädagogischen Spielraum erneut ein und wird, da Pflichtunterricht vorgeht, so manches schöne und sinnvolle Angebot kosten.  Eigentlich wollte ich mir das „Gesamtnetzwerktreffen der Modellschulen für Partizipation und Demokratie“, welch ein Begriff(!), in diesem Jahr angesichts der derzeitigen Termindichte sparen. Ich vermisste die zusätzliche Energie, die eine zweitägige Tagung in Oberwesel erforderte. Ein Anruf, zwei Workshops fielen aus, ob ich nicht doch wenigstens eine Arbeitsgruppe mit dem Thema „Assembly“ anbieten könne, hatte ich kaum etwas entgegenzusetzen. Wir profitierten in den vergangenen fünfeinhalb Jahren immer wieder durch alle möglichen Impulse, da bot sich doch hier die Möglichkeit, andere partizipieren zu lassen. Außerdem war eine Realschule plus vertreten, die bereits ein Schülerparlament installiert hat, so dass ich auf hilfreiche Kontakt hoffte. Wir kämen damit auch in der Erfüllung einer Zielvereinbarung mit der AQS einen guten Schritt voran. Außerdem benötige von Worms nach Oberwesel lediglich eine Stunde Fahrzeit. So sagte ich denn zu und genoss die Fahrt durchs herbstlich beschienene Rheintal. Über Hintergründe, Entstehung, derzeitige Praxis und Weiterentwicklung unseres Assemblys zu berichten, kostete mich keine Mühe. Schnell hatte ich dazu aus meinem Archiv 25 Fotos zusammengestellt. An ihnen hangelte ich mich in einer Präsentation entlang und warf genügend Fragen auf, so dass hinterher eine anregende Diskussion zustande kam. Den gewünschten Kontakt konnte ich ebenfalls herstellen. Der kurzfristige Aufwand hatte sich also gelohnt, auch wenn die Rückfahrt im Dunkeln die Eindrücke nicht wiederholte.

Am Abend dann eine Fehlleistung: Ich machte mich zu der großen Veranstaltung „Welche Schule für mein Kind“ auf, stieß aber auf ein dunkles Gymnasium. Ich hatte mich bei diesem Termin um eine Woche vertan! Peinlich, aber auf der anderen Seite auch gut, der Tag hatte genügend „Input“, so dass der freie Abend gerade recht kam. 

    

Mittwoch, 13. November 2013:

So soll es sein: Ich kam aus Deidesheim ins Assembly des fünften Jahrgangs und wurde von einem Programmpunkt überrascht. Ein Mädchen hatte einen Trickfilm zum Thema „Freundschaft“ dabei, den sie, in Zusammenarbeit mit dem Fernsehen, in ihrer Grundschule gedreht hat. Das wollte ich natürlich nicht abwürgen, aber es brachte „mein“ Programm für heute durcheinander. Nun ist es mir nach so vielen Jahren mit Kindern möglich, spontan auf solche Gelegenheiten eingehen zu können. Also versuchten wir den Konflikt des Films mit Spielszenen aus dem Stand heraus ins Leben der Kinder zu übersetzen. Immer zwei Schüler/-innen sollten eine Spielszene darstellen, wie der Konflikt zu lösen ist. Enorm, welche Kreativität dabei wieder zum Vorschein kam. Diese Kompetenz zu fördern…ein gelungener, ungeplanter Anlass und daher ein Erlebnis.

Mit Spannung erwarteten wir den Informationsabend für die Oberstufe, den wir für externe Interessent/-innen heute anboten. Er enthielt ja erste Hinweise darauf, ob wir die Anmeldezahl von 50 erreichen können. Die Mensa in Deidesheim war mit 120 Stühlen besetzt und: Sie waren fast alle besetzt. Unser Oberstufenprofil mit den drei Schwerpunkten, dem Integrationskonzept, der zusätzlichen Tutorenstunde kam an und wieder ist ein Baustein meiner Zuversicht hinzu gekommen: Die Oberstufe wird kommen!

 

Montag, 11. November 2013:

Wunderbar: erstmals an St.Martin saß das Schulleitungsteam (zumindest dessen gesunde Mitglieder) bei Rotkraut und Thüringer Klößen zusammen, allerdings ohne Gans sondern angesichts eines Schultages lediglich mit Hähnchen. Wer es nicht weiß, soll es hiermit nochmal sehen: Team-Arbeit hat immer eine menschliche Komponente, ohne Arbeitsinhalte zusammen sein, weil man gerne zusammen is(s)t. Das lässt sich nicht planen, diese Atmosphäre muss entstehen und ist dann aber eine ganz wichtige Ebene auch für die gemeinsame Arbeit. Zu meinen Anfangszeiten an der IGS Ernst Bloch verbrachte mein damaliges Team einmal im Jahr auch ein gemeinsames Wochenende. Diese Zeiten sind wohl vorüber und die Teams an meiner heutigen Schule sind nicht in einer ähnlichen Lebensphase. In jungen Familien mit kleinen Kindern sind die Wochenende ungleich wichtiger.

 

Freitag, 08.November 2013:

Die Erinnerung an die Pogromnacht wurde auf heute verschoben, denn an einem Samstag kommen weder Landtagsabgeordnete in die Schule noch Schüler/-innen. Wir begannen mit allen Zehnt- und einer Reihe von Neuntklässlern in der Mensa. Zwei Mitglieder des Landtages, gleichzeitig zwei bildungspolitische Sprecher, waren angereist, ebenfalls konnte ich den Vorsitzenden des Fördervereins der ehemaligen Synagoge und den Stadtbürgermeister begrüßen. Es ist ein Beispiel dafür, in welchem Netzwerk der Region wir uns da inzwischen tummeln. Prima! Und aus vielen Beiträgen dieser Worte entnehme ich wertschätzende Aussagen über unsere Schule. Anschließend folgten den Worten Taten: Eine Schülergruppe von etwa zwanzig Schüler/-innen aus zwei Jahrgängen arbeitete auf dem jüdischen Friedhof in Deidesheim. Zunächst rechten sie das herbstliche Laub zusammen und pflanzten dann mit Unterstützung der Stadt eine neue Liguster-Hecke, damit der Gesamteindruck des Friedhofs ein würdiger bleibe.,,

Der Wunsch nach einem Hinweis auf die kommende Oberstufe an unserer Schule war eigentlich der Grund für ein bereits am Montag stattgefundenes Pressegespräch. Heraus kam ein halbseitiger Artikel mit Foto als Aufmacher in der Lokalzeitung. Nur klasse! Das wird uns helfen und das geht in die Breite! Die letzten sieben Tage bescherten einem Schulleiter viele Höhepunkte, ein ganzes Bündel an wunderbaren Eindrücken, viel Lob und Wertschätzung gegenüber der Schule. Gleichzeitig plagt uns ein hoher Krankenstand mit zum Teil länger währenden Abwesenheiten, der nicht oder nur schwer auszugleichen ist. Da werden Unterrichtsausfälle, trotz hohem Aufwand unserer Organisatoren und des Kollegiums nicht ausbleiben. Ich habe den Schulelternbeirat darüber bereits informiert, damit dieser eventuell aufkommende Nachfragen kompetent beantworten kann.

 

Donnerstag, 07. November 2013:

Früh tankte ich das Auto auf, ich war auf der Fahrt nach Mainz zur Direktorenvereinigung der IGS-Schulleiter/-innen. Die derzeitigen Verkehrsverhältnisse ließen mich genügend Zeit einplanen. Wir erhielten neueste Nachrichten darüber, was im Ministerium derzeit gedacht wird, wurden über den Zwischenstand unserer Eingaben informiert, etwa zum Anmeldeverfahren, und hatten selbst eine reichhaltige Tagesordnung mit Punkten, die uns als Gesamtschulen betreffen. Eine Frage etwa lautete: Wie bekommen wir es bei der inzwischen großen Zahl von IGSn hin, das eigentliche Gedankengut weiter zu tradieren? Durch eine wunderbare Kleingruppenarbeit lernte ich drei Direktor/-innen kennen, traf andere, die ich von früheren Zeiten ohne Funktion kannte und kam hier und da ins Gespräch. Sprich: Ein lohnender Tag zur Selbstbestimmung und Netzwerkarbeit. Ich fühle mich wohl in dieser Runde!

Wiederum nach „normaler“ Fahrtdauer heimgekehrt, stand abends der große Informationsabend für die Eltern der vierten Klassen im Landkreis zum Thema: „Was ist eine IGS?“ an. Nach weniger Interesse im vergangenen Jahr, waren die 250 Stühle heute Abend wieder gut besetzt. Werbung ist also nach wie vor notwendig. In mir meldete sich die Frage, ob ich das als Schulleiter (noch immer) selbst machen muss. Ich denke, dass es gegenüber den Eltern eine größere Wertschätzung vermittelt, wenn ein Schulleiter sich Zeit für die Informationen nimmt. Schöne Rückmeldungen und menschliche Begegnungen bestärken mich darin, diesen Informationsabend weiterhin anzubieten und auch selbst anwesend zu sein.

Nachdem die von mir gewünschte Mohammedbiografie vergriffen ist, bestellte ich ein Buch, wie der Islam im historischen Überblick eingeordnet werden kann. Geschrieben ist es von einem zunächst unverdächtigen Professor für „Arabistik“ (Was es alles zu studieren gibt!). Wenn die kommenden Wochen aber ähnlich mit Terminen und Inhalten bestückt sind, wird das Lesen seine Zeit brauchen…

 

Mittwoch, 06. November 2013:

Der gestrige Tag wirkt nach. Ich hörte das Radiointerview mit einem lokalen Sender an, das gestern noch dazwischen geschoben wurde, erhielt Fotos von einem Schüler, die ich einsortierte und hing noch Gedankenfetzen nach.

Am Nachmittag tagte der Schulträgerausschuss: Mitwirken beim Benehmen bei der Besetzung einer Schulleiterstelle und gemeinsame Sitzung mit dem Bauausschuss. Vielleicht wird im dritten Bauabschnitt doch nicht aufgestockt sondern angebaut. Einiges spricht derzeit wohl dafür.  Mir würde aus pädagogischen und konzeptionellen Gründen ein Stein vom Herzen fallen, aus „bau-ästhetischen“ Gründen wäre ich einfach nur froh.

Dienstag, 05. November 2013:

Ohne Zweifel der Höhepunkt heute: Die interreligiöse Feier in Deidesheim und das Drumherum. Zunächst einmal konnte ich die Kirche nicht wie gewünscht in aller Ruhe beziehen. Mein Auto war angefüllt mit Beamer, Projektionstisch, Gitarre, Liedblättern, Dreifachsteckdose und was man so alles braucht. Das will erst mal organisiert sein. Zudem trafen die Gäste ein: Erneut der Rabbi, die beiden Damen der Herbert-Quandt-Stiftung, der Pressereferent des Landkreises, der Kollege einer benachbarten Schule, der ebenfalls zum Thema „Judentum im Landkreis“ arbeitet. Alle wollen und sollen ja auch in geeignet freundlicher Weise begrüßt werden, ohne Zweifel ist das der Job des Schulleiters. Viele Hände waren aktiv, erstmals stimmte ich die Gitarre nicht selbst!

Ich war so gespannt, ob die Feier eine ähnliche Dichte erreichen würde, wie die in Wachenheim. Immerhin war die Zahl mit vier Jahrgängen doppelt so hoch und die Jugendlichen waren mit den Jahrgängen 7 bis 10 älter. Würden auch sie sich vom Rabbi und seinem Wirken anstecken lassen? Würde das „Herauskitzeln“ des Themas so gut funktionieren? Würden die Lieder so gut klingen, wo sie mit diesen 400 Jugendlichen nicht geübt waren?

Ein erstes gutes Gefühl: Das Ruhezeichen funktionierte, die Begrüßung gelang. Und dann diese vermaledeite Leinwand, wir brachten sie einfach nicht hoch. Ein solches, hängendes technisches Detail stockt für mich immer den meditativen Charakter. Daher alle Technik vorher ausprobieren. Wenn ich denke, wie viel Zeit wir seinerzeit in die „Ausbildung“ zum Lektor in den Pfarreien legten, mit Sprech- und Leseproben, mit und ohne Mikrofon, dann erlebte ich heute erneut die Wichtigkeit. Zu schnell sprachen einige Vorleser, zu nah am Mikrofon oder zu weit weg davon. Klar, das sind technische Details, aber es ist einfach schade, wenn die ganze inhaltliche Arbeit in der Vorbereitung durch solche lässliche Kleinigkeiten nicht ihre Wirkung entfalten kann. Von einigen Schüler/-innen hörte ich dann auch prompt, sie hätten einige Texte kaum hören können. Die Atmosphäre aber, das Gefühl der Gemeinschaft von vier Jahrgängen, das trialogische Anliegen erreichte, so andere Stimmen, Ohren und Herzen. Das stimmt mich froh.

Diesen Tenor hatten auch die Gespräche später in der Schule hinsichtlich des Trialog-Wettbewerbs. Wir erhielten ganz wertvolle Hinweise für die Ethikgruppe, die an einem Film zu Migration drehen will, wir bekamen Tipps, wie wir insgesamt weiter vorgehen können, konnten uns gar Adressen von weiteren Unterstützern notieren.

Freilich kamen wir im Verlauf des Gesprächs auch auf das Buch von Khorchide zu sprechen. Die Leiterin des Trialog-Wettbewerbs der Herbert-Quandt-Stiftung, selbst katholische Theologin, konnte eine ganze Menge darüber erzählen. Khorchide würde heftig für seine Ausführungen des „barmherzigen Islam“ kritisiert und gar angefeindet. Von Seiten vieler islamischer Gelehrter würde die Möglichkeit aufeinander zuzugehen nicht gesehen. Verstärkt würde ihm eine Verfälschung des islamischen Glaubens vorgeworfen. Das wollte ich abends noch genauer wissen und stieß im Internet nach wenigen Mausklicks auf Diskussionen. In meinen Augen zu schnell und ohne auf die inhaltlichen Ausführungen Khorchides einzugehen, las ich davon, dass man ihm absprach, überhaupt noch ein Muslim zu sein. Oh ja, ich sehe diese noch gar nicht alten Parallelen auf katholischer Seite, kenne selbst noch die Erziehung mit einem strafenden Gott, der „alles sieht“, kenne die Diskussionen über Rechtgläubigkeit und Zerstörung von Lebensentwürfen aus meiner eigenen Kirche – auch die „Angst der Hasenfüße“, wenn einer „die Lehre“ wissenschaftlich diskutiert und zu anderen Ergebnissen kommt, kenne die Leichtfertigkeit, mit der das apostolische Glaubensbekenntnis ohne Ernst unterschrieben wurde, um die „missio canonica“ zu erhalten, während spirituelles, geistig ernsthaftes Nachdenken über den einen oder anderen Glaubenssatz nicht gewürdigt, sondern als überheblich abgetan wurde mit Worten wie: „Das entspricht nicht katholischer Lehre!“ Und in ähnlicher Weise lese ich das, Jahrzehnte später, nun wieder: eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht oder nur kaum statt, es wird einfach der rechte Glauben abgesprochen. Ich stoße in mir auf ein Bedürfnis, an diesem Thema dranzubleiben, verspüre geradezu eine Lust, Wissenslücken zu schließen, um meine eigene Gedankenwelt und ihre Positionen zu klären.

Schulisch riss mich ein wichtiger Termin aus diesem Verweilen-wollen heraus. Wir hatten den Oberstufenleiter meiner ehemaligen Schule zu einem Gespräch eingeladen. Wir wollen unter anderem von seiner jahrelangen Erfahrung und Praxis profitieren. Wie gestaltet ihr die Anmeldung? Wie geht ihr beim Stundenplan einer Profiloberstufe vor? Wo siehst du mögliche Fallstricke bei uns? Worauf müssen wir bei der Errichtung einer Oberstufe noch achten? Ein herrliches Gespräch, das enorme Hilfe spürbar machte. Für mich rief diese gute Stunde nicht zuletzt auch Erinnerungen und Neuigkeiten von meiner alten Wirkungsstätte auf den Plan. Der Abstand zu ihr wird Jahr um Jahr größer, Geschichten liegen immer weiter zurück und sind dennoch lebendig in mir verwahrt.

 

Montag, 04. November 2013:

Dank guter Telefonkontakte konnten die Schüler/-innen doch noch an der Sitzung des Kulturausschusses in Mainz teilnehmen. Viel schöner aber sind die Rückmeldungen, die ich erhalten habe. Die Jugendlichen haben die Botschafter-Rolle für unsere Schule mit Bravour und selbstbewusst gemeistert. Der Pressesprecher nahm sich eine Stunde Zeit. Es ist auch ein besonderes Gefühl, auf den Abgeordnetenstühlen im Landtag zu sitzen und „Regierung zu spielen“. Wunderbar! Mein Gefühl des letzten Demokratietages ist noch wach und so freue ich mich, dass die Courage-Scouts heuer zu diesem Erlebnis kamen.

 

Freitag, 01. November 2013:

Ich blicke auf eine durch Allerheiligen verkürzte, aber inhaltlich reich gefüllte Woche zurück, die viele Facetten ihr Eigen nennen kann. Am Montag begleitete ich seit Jahren einmal wieder zwei Deutschstunden. Während der Ferien ist das zwölfte Kind in den Reihen des Kollegiums geboren worden, die sich anschließende, vierwöchige Elternzeit gilt es zu überbrücken. Bei der vorbereiteten Portfolioarbeit nahm ich aber eher die Rolle des Lernberaters ein, der hier einen Tipp gab, und dort eine Frage beantwortete.

Zwei Faltblätter habe ich für die online-Druckereien hochgeladen: zuerst den für die kommende Anmelderunde für die neuen fünften Klassen mit dem Schulkonzept an sich, dann den neuen für die Oberstufe. Ich empfinde das immer als sehr (an)spannend: Sind die Dateien erst mal hochgeladen, gibt es keine Kontrolle mehr, bis die Flyer in Papierform an der Schule ankommen. Also schaue ich mit anderen immer wieder drüber und immer wieder fallen uns Feinheiten, Verbesserungen oder gar ein Fehler auf. Aber: Weg sind sie nun, kein Eingriff mehr möglich.

Zwei Abendtermine machten die verkürzte Woche dennoch anstrengend: am Dienstag tagte der Schulelternbeirat, am Mittwochs fand die Mitgliederversammlung des Fördervereins statt. Beides mit den jeweiligen Arbeitsbereichen gut und notwendig, aber in dieser Runde eher unspektakulär. Im Förderverein können wir inzwischen auf einen Stand der Arbeit blicken, der es erlaubt, Arbeitseinsatz und Effektivität in Relation zu setzen. Der Stand am Weinstraßentag fiel dabei mit einem Wochenende voller Arbeit von vielen Personen und recht geringem Gewinn auf. Da der Weinstraßentag in den nächsten beiden Jahren innerhalb der Sommerferien liegt und damit für uns nicht stattfinden kann, können wir die Pause schöpferisch nutzen und eventuell ein neues Konzept erstellen.

Und dann der Höhepunkt dieser Woche: Die interreligiöse Schulfeier in Wachenheim. Eine ganz wunderbare Atmosphäre, eine inspirierende Stunde, ein weiterer dichter Moment in der Schulgeschichte. Zunächst machte sich Anspannung breit: Der Rabbi aus Kaiserslautern blieb aus. Irgendwie war ich aber in dem Gedankengang der Feier so drin, dass mich das Fehlen nicht irritierte. Er traf aber dann verspätet doch ein und alles war gut. Er führte uns stimmgewaltig ins Judentum ein, hatte einen ganzen Seesack voller ritueller Gegenstände dabei. So erblickte ich erstmals einen Tallith (Gebetsschal) und hörte erstmals, wie das Schofar (Widderhorn) von einem Juden geblasen wurde. Obwohl ich Feiern, in denen ich derart eingespannt bin nicht mag (neben der Sichtweise des Islam und der überleitenden Moderatorenrolle spielte ich zur Unterstützung auch noch Gitarre), empfand greifbar den Refrain des geübten Liedes: „Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde“. Ich bin gespannt, ob wir dies am kommenden Dienstag in Deidesheim mit „den Großen“ in ähnlicher Weise hinbekommen. Am gleichen Tag war noch eine Gruppe beim Demokratie-Tag in Mainz. Bisher habe ich nur telefonisch von der Zugverspätung gehört, die eine Teilnahme an der Sitzung des Kulturausschusses dann doch verhinderte.        

 

Sonntag, 27. Oktober 2013:

Ich fühlte mich bei der Lektüre des neuen Buches an meine Studienzeit erinnert, als ich in einem Proseminar die historisch-kritische-Methode kennen lernte. Im Grunde fordert der Autor Mouhanad Khorchide in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ (Freiburg 2012) genau diesen differenzierten Zugang auch für den Koran. Es geht bei ihr darum, (hauptsächlich) einen biblischen Text in seiner Entstehung, seiner historischen Einbindung und in seinem Zustandekommen zu analysieren und aus den dadurch entstandenen Erkenntnissen heraus zu interpretieren.  Als begründenden Anlass  benennt Khorchide seinen eigenen Lebensweg: Nach der Geburt in Beirut und während der ersten Jahren der Kindheit erlebte er die Selbstverständlichkeit des multireligiösen Staates Libanon, in welchem „Christen und Muslime Tür an Tür lebten und sich als Mitbürgerinnen und Mitbürger eines Landes, als gleichwertige Menschen empfanden“ (ebd.S.12). Die Familie zog aus beruflichen Gründen des Vaters nach Saudi-Arabien. Khorchide erlebte dort einen von Salafisten geprägten islamischen Staat, der im Islam hauptsächlich eine Gesetzesreligion sieht. Die „…Lehrmeinungen basieren auf einem wortwörtlichen Verständnis islamischer Quellen ohne nach dem inhaltlichen Sinn dieser Texte zu fragen.“ (ebd.S.16). Khorchide registriert genau die Unterschiede in diesen Staaten, wenn Frauen und Männer etwa einer starken Geschlechtertrennung unterliegen und in Restaurants nicht zusammen sitzen dürfen, dass es in den Augen des Islam eine Sünde sei, wenn Mädchen Fußball spielten (vgl.ebd.S.20); dass Menschen von der Religion ausgeschlossen sind: „Die armen Männer aus der Kirche und der Moschee waren demnach doch nicht gleich. Die Moscheegänger waren im Besitz der Wahrheit, und Gott würde sie ins Paradies führen, während die Kirchgänger für alle Ewigkeit in die Hölle kommen würden. Nicht alle Menschen waren gleich: Muslime waren besser als Nichtmuslime.“ (ebd.).

Als er in Beirut und Wien studieren durfte, traf er wiederum auf eine völlig neue Welt, eine Welt, die ihm Dinge und Möglichkeiten bot, die er bisher vermisste: „Für mich war es als 17-Jähriger nicht einfach, mir einzugestehen, dass ich in dem islamischen Land, in dem ich aufgewachsen war, und in dem ununterbrochen vom wahren Islam die Rede war, kein Recht auf Krankenversicherung hatte, nicht zu demselben Arzt wie ein Saudi gehen durfte, kein Recht auf ein Studium hatte und deshalb meine Familie schon in jungen Jahren verlassen musste. Und dass mir all dies, was mir in Saudi-Arabien verwehrt worden war, nun in einem ‚nichtislamischen‘ Land von – wie es immer geheißen hatte – ‚Ungläubigen‘ geboten wurde, die als moralisch verfallen und ungerecht galten!“ (ebd.S.23). Wie löst man einen solch tiefgreifenden und umfassenden Konflikt, wenn die bisher orientierenden Säulen ins Wanken kommen? Zwei Wege sehe ich: einmal der Bruch mit allem Bisherigen oder die vertiefte Auseinandersetzung mit der Möglichkeit sich neu zu orientieren. Den zweiten schlug Khorchide ein und studierte gar islamische Theologie und ist nach verschiedenen Stationen heute Leiter des Zentrums für islamische Theologie an der Universität Münster. Seither versucht er ein Bild des Islam hervorzuheben, das ebenfalls (oder eigentlich?) im Koran angelegt ist. „Ein Muslim fragt in der Regel danach, was er tun darf und was nicht, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, also nach Erlaubtem und Verbotenem. Dadurch gestaltet sich die Beziehung zu Gott primär über eine juristische Ebene.“ (ebd.S.28). Darum kann es aber in einer Religion nicht in erster Linie gehen. Jede Religion ist bestrebt, an der Vervollkommnung des Menschen mitzuwirken, dem Leben einen Sinn zu verleihen, dem Menschen entscheidende Hilfen für das (kurze) Leben auf der Welt bereitzustellen. Religion geht es nicht um die Frage: Was muss ich tun? Vielmehr will sie auf der Ebene des Seins die Frage beantworten: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Auf diesem Weg nun leitet Khorchide einen (auch für mich überraschenden) Gottesbegriff aus dem Koran ab.

Von den 114 Suren (Kapiteln) des Korans sind 113 mit den Worten eingeleitet: „Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des Allerbarmers.“ (ebd.S.35). In der wissenschaftlichen Übersetzung von Paret steht an diesen Stellen: „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“. Khorchide greift in seinem Buch nicht auf eine der vorliegenden Übersetzungen des Korans zurück, sondern hat alle Stellen selbst aus dem Arabischen übersetzt. Ich habe alle angegebenen Textstellen bei Paret nachgeschlagen und stieß schon auf verschiedene Arten der Übersetzung, die aber inhaltlich zu keinen (sich mir erschließenden) Problemen führen. Wenn also Gott vor jeder Sure des geoffenbarten Korans seine Barmherzigkeit voranschickt und jede weitere Äußerung unter diesem Blickwinkel steht, drückt dies „…Gottes Bereitschaft und seinen Willen zur bedingungslosen und zugleich fürsorglichen Liebe zum Menschen aus“ (ebd.S.32). Über einige philologische Ausführungen zu den arabischen Begriffen zu „Barmherzigkeit“ gelangt Khorchide zu den weiteren Aspekten. „Gott will das Projekt ‚Mensch‘ durch seine Barmherzigkeit vollenden und den Menschen in seine Gemeinschaft, also in seine ewige Liebe und Barmherzigkeit aufnehmen“ (ebd.). Dieses Vorhaben zeige vor allem Gottes Interesse am Menschen, dieser müsse aber in Freiheit die Möglichkeit haben, zu entscheiden, ob er dieses Angebot annimmt oder nicht (vgl.ebd.). Khorchide führt auch an: „An keine Stelle im Koran sagt Gott über sich, er sei der Bestrafende; vielmehr beauftragt er Muhammad: ‚Verkünde den Menschen, dass ich der unübertrefflich Verzeihende, der Barmherzige bin‘“ (ebd., Koran 15:49). Weitere Konsequenzen für den Gottesbegriff leitet der Autor aus der arabischen Formel allahu akbar ab, die für ihn auch aussagt: „Gott ist größer!“. Diese kenne ich auch aus anderen Zusammenhängen meines Studiums: Gott ist größer, ist umfassender als alles, was wir Menschen uns vorstellen können. Jede Festlegung, jede Aussage beschränkt Gott, denn alles, was wir aussagen, kennen wir, ist auf den Menschen beschränktes Reden. Gott aber ist mehr. Gott ist umfassender. Gott ist nicht vorstellbar. Gott ist immer größer zu denken, als es sich der Mensch vorstellen kann. Daher kann Gott auch niemand sein, der Gehorsam und Anbetung seiner selbst fordert und der sich an den Ungehorsamen rächt und sie bestraft. „Diese Vorstellung wird Gott in keiner Weise gerecht. Sie macht aus ihm einen Diktator, der nur auf Gehorsam aus ist, der verherrlicht werden will und nach Selbstbestätigung sucht“ (ebd.S.63f). Das Angebot Gottes, aus seiner Barmherzigkeit abgeleitet, hat nicht die Absicht, den Menschen durch Instruktionen und restriktive Gebote zu lenken oder zu führen. Im Koran heißt es: „Im Jenseits werden weder Geld noch Kinder nutzen; erfolgreich sein wird der, der mit einem gesunden Herzen zu Gott kommt.“ (Koran 26:88-89). Khorchide merkt dazu an, dass der Koran die Metapher des „gesunden Herzens“ für die „innere Vervollkommnung des Menschen“ stehe (Paret übersetzt es als: „im Glauben Ruhe gefunden haben“). Ziel des Menschen muss die Rückkehr zu Gott sein, das Leben ist eine Rückreise, das Eintreten in die Gemeinschaft mit Gott. Dies den Menschen zu verkünden, ist die Aufgabe des Propheten: „Gott ist es, der den Menschen einen Gesandten aus ihrer Mitte geschickt hat, um ihnen seine Verse vorzutragen, sie zu vervollkommnen und sie die Schrift und die Weisheit zu lehren.“ (Koran 62:2). „Der Islam öffnet den Muslimen die Perspektive, ihr Leben auf Gott hin auszurichten. Es geht ihm nicht darum, den Menschen zu sagen, was sie wann zu tun haben, wie gut sie handeln sollen, sondern darum, ihnen zu sagen, warum sie gut handeln sollen. Und dies ist es auch, was wir nicht bloß aus der Vernunft herleiten können; wir brauchen dazu die Mitteilung Gottes.“ (Korchide, S.84). Dadurch, dass Gott den Menschen in seiner Barmherzigkeit für seinen „Heilsplan“ (ebd.S.97) erwählt hat, obliegt dem Menschen eine unantastbare Würde. Immer „dort, wo ein Mensch gedemütigt wird, dort, wo seine Würde nicht mehr anerkannt wird, herrscht Erbarmungslosigkeit“ (ebd.), die dem Grundanliegen des Korans widerspricht. Dementsprechend sind alle religiösen Rituale Angebote und Hilfsmittel an den Menschen, sich Schritt für Schritt seiner Vervollkommnung anzunähern; „Und verrichte das Gebet, das Gebet hält fern von Verwerflichem“ (Koran 33:45). Oder an einer weiteren Stelle: „Die Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euch beim Gebet mit dem Gesicht nach Osten oder Westen wendet. Sie besteht vielmehr darin, dass man an Gott, den jüngsten Tag, die Engel, die Schrift und die Propheten glaubt und sein Geld – mag es einem noch so lieb sein – den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem der unterwegs ist […] hergibt“ (Koran 2:177). Auch hier legt der Autor einen islamischen Entwurf des Menschen vor, der in der gegenwärtigen Welt (oder bei mir?) anders wahrgenommen wird. Gespannt las ich mich daher an das Kapitel mit dem Titel heran: „Scharia als juristisches System steht im Widerspruch zum Islam selbst“. Abgeleitet wird dies wiederum vom Verständnis der Religion: Es „ist nicht die Aufgabe von Religionen, auch nicht des Islam, […] Gesetze zu erlassen. Das eigentliche Anliegen des Islam ist, dass der Mensch sich vervollkommne, um die Gemeinschaft Gottes zu erlangen. Vervollkommnung aber kommt nicht von außen, auch nicht durch den Zwang eines Gesetzes. Sie ist vielmehr ein Prozess, der von innen kommen soll und muss. […] Sich aus Angst vor einer weltlichen oder jenseitigen Sanktion in bestimmter Weise zu verhalten, mag dem Erhalt einer gesellschaftlichen Ordnung dienen, leistet jedoch kaum einen Beitrag zur inneren Vervollkommnung. Religion muss zu einer Lebenshaltung werden. Das ist viel mehr als die Befolgung von Gesetzen“ (ebd.S.116). Was aber tun mit den etwa 80 Aussagen des  Korans, die sich mit juristischen Anliegen befassen, zum Teil auch mit Körperstrafen (!). Es spricht für den Autor, dass er diese Problematik nicht einfach übergehen will, weil sie nicht in die heutige Zeit passt. Nein, er nimmt sie ernst und schlägt vor, genauer hinzuschauen und die Textstellen hinsichtlich des historischen Kontextes, der verschiedenen Funktionen und des inhaltlichen Gehaltes zu differenzieren.

Zunächst unterscheidet Khorchide den mekkanischen vom medinensischen Koran. Denn der Koran „…wurde nach muslimischem Glauben nicht auf einmal verkündet, sondern dem Propheten Muhammad durch den Engel Gabriel über einen Zeitraum von 23 hinweg eröffnet“ (ebd.S.119). Die historischen Rollen, die Muhammad während dieser Zeitspanne einnahm unterscheiden sich wesentlich. „In Mekka bestand die Gesellschaft aus politischen Einheiten, den Stämmen, mit patriarchalisch-hierarchischem Aufbau. Die Loyalität  zum Stamm galt als oberstes Prinzip. Die gemeinsame Abstammung begründete die Loyalitätspflicht zum Stamm“ (ebd.S.120). Diese Stämme führten immer wieder Kriege um die Lebensgrundlagen, Kriegsgewinne und Beute aus den Kriegen stellten eine wichtige Einnahmequelle dar. Es liegt auf der Hand, dass bei einem solchen Umfeld die Männer, die in diesen Kriegen kämpfen konnten, gegenüber den Frauen dominierten. „Je mehr Söhne jemand hatte, desto mehr Ansehen genoss er in der Gesellschaft. Töchter hingegen waren eine Last und zudem leichte Kriegsbeute für die Feinde. […] Mädchen waren ein Schwachpunkt in dieser gesellschaftlichen Konstellation. Man musste sie möglichst vom öffentlichen Geschehen in der Gesellschaft fernhalten, um ihnen den notwendigen Schutz zu bieten“ (ebd.). Muhammad legte den Schwerpunkt seiner Verkündigung zu dieser Zeit auf die Überwindung des Polytheismus und des herrschenden Aberglaubens zugunsten eines reinen Monotheismus des einen Gottes. Er hatte schlichtweg vor, die einzelnen Stämme zu einer Gesellschaft mit einer Religion zu vereinen, sprich: Mit der Stammestradition zu brechen. „Man findet  in dieser Phase auch viele allgemeine ethische Prinzipien, allerdings ohne juristische Aussagen.

Ganz anders stellte sich die Aufgabe in der heterogen zusammen gesetzten Stadt Medina. Arabische und jüdische Stämme lebten dort zusammen und schlossen Verträge, Haupteinnahmequelle stellte die Ernte aus der Landwirtschaft dar. In diesem völlig verschiedenen Umfeld gelang es auch leicht, die Stämme zu vereinen. Aufgabe der Verkündigung musste nun sein, Regeln und Gesetze als Grundlage für eine gemeinsame Gesellschaft zu finden. Die Frage stellt sich nun heute: Wie ist mit diesen Regeln, die für eine sich konstituierende Gesellschaft im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel gedacht waren, heute umzugehen? „Während Konsens unter allen muslimischen  Gelehrten darüber herrscht, dass Regelungen von religiösen Ritualen (dazu gehören vor allem die sogenannten fünf Säulen des Islam: Glaubensbekenntnis, das rituelle Gebet, das Fasten, die soziale Abgabe und die Pilgerfahrt) sowie Regelungen mit ethischem Charakter, wie das Gebot der Güte und Aufrichtigkeit, einen ahistorischen Charakter besitzen, d.h. für Musliminnen und Muslime für alle Zeiten gelten, gibt es Uneinigkeit, was die Regelungen betrifft, die dem gesellschaftlichen Wandel unterliegen (dazu gehören Erbschaftsregelungen, Körperstrafen usw.)“ (ebd.S.122f). Was bringt nun diese Differenzierung? Khorchide führt etwa das Beispiel der Gewalt gegen Frauen an. In Vers 34 der vierten Sure heißt es: „Und wenn ihr annehmt, dass eure Frauen einen Vertrauensbruch begehen, besprecht euch mit ihnen und zieht euch aus dem Intimbereich zurück und schlagt sie“. In einer Zeit, so der Autor, in der Frauen bei „geringstem Verdacht ermordet bzw. verprügelt“ wurden, stellt es einen Fortschritt dar, dass, gegen Gewalt gemünzt, zunächst geredet und andere Weisen der Konfliktlösung vorgeschlagen werde, Gewalt wird hintangestellt. „Diese koranische Aussage möchte also keineswegs Gewalt gegen Frauen in einem absoluten Sinne rechtfertigen. Sie wertet sie als Mittel der Konfliktaustragung ab, indem sie sie anderen Mitteln nachordnet und auf gewaltlose Möglichkeiten der Mediation verweist. Die Maxime dieses Verses lautet also: Bei Ehestreitigkeiten sollst du den bestmöglichen rationalen Mediationsweg jenseits von Gewalt und Erniedrigung finden“ (ebd.S.178). Was es in der von  Stämmen geprägten Gesellschaft überwunden werden sollte, macht die Auslegung aus, nicht das unreflektierte wörtliche Übernehmen.

Die zweite Unterscheidung, die Khorchide vornimmt, ist die zwischen Muhammad als Gesandter und Muhammad als Staatsoberhaupt. „Muhammad als Gesandter hatte eine göttliche Botschaft zu verkünden, er war der Überbringer dieser Botschaft. Muhammad als Staatsoberhaupt in Medina war bemüht, den Grundstein zur Errichtung eines Rechtsstaates zu legen. Als Gesandter verkündete er neben dem Monotheismus und den gottesdienstlichen Praktiken allgemeine Prinzipien, die für jede Gesellschaft gelten sollten: Gerechtigkeit, Unantastbarkeit der menschlichen Würde, Freiheit und Gleichheit aller Menschen sowie soziale und ethische Verantwortung des Menschen“ (ebd.S.129f). Nun kommt es darauf an, welche Aussagen als Gesandter gemacht wurden und welche als Staatsoberhaupt. Die einen sind Teil der Offenbarung Gottes und unterliegen daher keiner Zeit und keinem Kontext. Als Staatsoberhaupt ist Muhammad Mensch, dessen Auffassungen durchaus kritikwürdig und diskutierbar sind. „Islamische Gelehrte, die diese Bemühungen Muhammads jedoch als Teil seiner göttlichen Verkündigung sehen, betrachten alle juristischen Regelungen und die gesamte Gesellschaftsordnung in Medina – dazu gehören auch die Geschlechterrollen – als kontextunabhängige, verbindliche göttliche Gesetzgebung, die alle Muslime, auch die heutigen in Europa anstreben müssen“ (ebd.S.131). Dadurch werden die uns Heutigen befremdenden Verse nicht einfach weggeschoben oder übergangen. Durch genaues Hinschauen und durch Unterscheidung, durch ernsthaftes Bemühen also, werden Anschauungen sichtbar, die scheinbar unüberwindliche Mauern bezwingen. Gerade das Ernstnehmen des Korans führt zu Verständnis, ohne Wichtigkeiten zu übergehen.

Die dritte Unterscheidung Khorchides ist bereits angedeutet: die zwischen juristischen und theologischen Aussagen. Letztere „…sprechen von der Beziehung des Menschen zu Gott, vom Menschenbild und dem Stellenwert des Menschen in der Schöpfung, aber auch von allgemeinen Prinzipien wie Gerechtigkeit oder Gleichheit“ (ebd.S.136). Alle Regelungen, die sich auf ein Miteinander in der Gesellschaft beziehen, unterliegen im Gegensatz dazu den historischen Bedingungen und der vielleicht notwendigen Absichten, unter denen sie formuliert worden sind. Sie sind nicht auf alle Zeit gültiges Wort Gottes und im Einzelnen zu hinterfragen, ob sie in den radikal veränderten Zeitumständen noch gelten können. In diese Problematik gehört auch die Scharia. Khorchide führt aus, dass es einen einheitlich definierten Begriff der Scharia gar nicht gäbe (vgl.ebd.S.143). „Fragt man in Indonesien, was Scharia sei, dann bekommt man andere Antworten als etwa in Saudi-Arabien. In Saudi-Arabien dürfen Frauen z.B. nicht Auto fahren. Die Gelehrten begründen dies damit, dass die Scharia das verbiete. Als hätte es in Medina im siebten Jahrhundert Autos gegeben. Sogar im selben Land verändern sich innerhalb kurzer Zeit die Scharia-Normen“ (ebd.). Als Beispiel führt Khorchide das noch Ende der Achtziger Jahre geltende, aus der Scharia abgeleitete Verbot der Fotografie an, weil Fotografieren sich als Konkurrenz zum Akt der göttlichen Schöpfung darstelle. Als er bei einem Besuch in Saudi-Arabien den Mufti auf dem Titelbild einer Zeitung sah, belegte dies: „Das Verbot war aufgehoben. Nun ist es ein Teil der Scharia, dass fotografieren erlaubt ist“ (ebd.). Will heißen: Die Scharia ist gewachsen und verändert sich. Sie stellt den Versuch dar, den Islam mit den Stimmen und Ansichten vieler Gelehrter auszulegen und zu interpretieren. Was die Scharia aber nicht ist: Teil der göttlichen Offenbarung.

So gesehen müssten all die konfliktreichen Themen, mit denen der Islam, vor allem in einem aufgeklärten Europa, konfrontiert ist, überwindbar sein. Vom Tragen des Kopftuches, über den Schwimmunterricht islamischer Mädchen, über die Stellung der Frau und was alles an Differenzen auftaucht, über alle Streitpunkte müsste man ins Gespräch kommen können. Was Khorchide hier und im ganzen Buch aus dem Koran entwickelt, hat durchaus grundlegende Parallelen zum Christentum und eröffnet mir einen neuen Zugang. Wie kommt es aber, dass diese Sichtweise des Islam so gar nicht verbreitet ist und in der gegenwärtigen Zeit völlig anders wahrgenommen wird?

Natürlich bleiben bei mir weitere Fragen und Lücken. Etwa: Wie wird diese Koranauslegung rezipiert? Ist sie ein vereinzeltes Rufen im Wald der traditionellen, rigiden Auslegung? Was müsste ich aus der Biografie von Muhammad oder Mohammed weiter wissen, um Khorchides Auffassung stützen zu können? Liegt überhaupt ein einheitlicher Koran in einer „Urschrift“ vor und mit welchem Nachdruck lässt sich die eine Übersetzungsvariante einer anderen vorziehen? Wie verhält es sich mit der Aussage von Rudi Paret in der Einleitung der wissenschaftlich anerkannten Übersetzung: „Obwohl zu Hunderten von Versen der einzelnen Kapitel oder ‚Suren‘ abweichende Lesarten überliefert sind, kann man sagen, dass der Text im Großen und Ganzen zuverlässig ist und den Wortlaut wiedergibt, wie ihn die Zeitgenossen aus dem Munde des Propheten gehört haben“ (Der Koran, Übersetzung von Rudi Paret, Kohlhammer, 11/2010, S.5). Fragen, die sich mir nach einer erfrischenden, bereichernden und mich verblüffenden Lektüre stellen. Angemerkt sei auch, dass eine geforderte Koranhermeneutik kein einfaches Unterfangen ist, zumal zu meinen Lebzeiten vier meiner Professoren von meiner Kirche die Lehrerlaubnis entzogen wurde, weil sie inhaltlich die Jungfrauengeburt, das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in Fragen der Lehre, die gemeinsame Eucharistie mit Nicht-Katholiken und die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel für die heutige Zeit historisch-kritisch ausgelegt haben. Dennoch steht mir Khorchide und sein Anliegen nahe, verdanke ich seinem Buch doch ganz neue Einsichten und eine ganz neue Nähe zum Islam. Freilich werde ich kein Islamstudium mehr leisten können, aber weitere Lektüre ist vorhergesagt.    

 

Freitag, 25. Oktober 2013:

Ein auffallendes Phänomen kennzeichnete diese Woche: Noch nie in den vergangenen fünfeinhalb Jahren haben so viele Schüler/-innen das Gespräch mit mir gesucht. Sie lassen sich sogar Termine bei der Sekretärin geben. Inhaltlich sind es im Schnitt keine Probleme. Sie wollen Rat, sie wollen Fotos, von denen sie wissen, dass ich sie gemacht habe und sie wollen, dass ich dies genehmige und meine Zustimmung zu einem Modell gebe. Schön daran ist, wie offen, unkompliziert und vertrauensvoll sie mir begegnen. Wie anders war es früher mit der „“disziplinarischen Höchststrafe“ : „Jetzt reicht es, du gehst jetzt sofort zum Direktor!“ Davon ist bei uns wenig übrig geblieben. Es ist schön, diese andere Atmosphäre erleben zu dürfen.

Die beiden interreligiösen Feiern werfen ihr Licht voraus: Die Verantwortlichen der Herbert-Quandt-Stiftung haben ihr Kommen zugesagt, der Rabbi aus Kaiserslautern kommt, ich höre mir immer wieder das Lied „Wo Menschen sich vergessen“ an, damit ich Sicherheit darin erlange. Was ich nicht wollte, tritt nun doch ein: Ich werde in beiden Feiern als „überleitender Moderator“ fungieren, werde die Sichtweise des Islam darstellen und als Liedbegleiter Gitarre spielen. Ich kenne alle diese Rollen, denke auch, sie ausfüllen zu können – aber alle drei gemeinsam werden meine volle Konzentration erfordern. Dennoch spüre ich eine große Vorfreude und glaube, dass beide Feiern ein Erlebnis werden.  

Zwischendrin kam noch die Presseanfrage zum Thema „Wie ist die Benutzung von Handys bei Ihnen geregelt?“. Am Telefon beantwortete ich die Fragen der Redakteurin, erweiterte aber das Thema dahingehend, dass es sich um weit größere Zusammenhänge handele als um Verbote oder Regelungen. Die Jugendlichen sind heute derart mit diesem Gerät verbandelt, dass es Radio, Uhr, Foto und Recherchegerät gleichzeitig ist. Da muss es in der Schule auch um produktiven und präventiven Umgang gehen. Mit Verbot oder Erlaubnis ist da nichts gewonnen.

Eine Kollegin lieh mir einen Artikel zum Islam aus einer Wochenzeitung aus. Ich las ihn und war beeindruckt von dieser anderen Sichtweise, die mir nahe steht. Ein Professor, der an der Universität in Münster Lehrer für islamischen Religionsunterricht ausbildet, legt ein Augenmerk auf eine andere Sichtweise des Islams.  Der rote Faden des Textes betonte, fernab von den gängigen Klischees der gewaltbereiten Inhalte, den Islam als eine das Leben bereichernde und spirituelle Weltreligion. Das musste mein Interesse wecken. Eine kurze Recherche im Internet ergab eine Liste von Büchern, dieses Professors. Ein Anruf in „meiner“ Buchhandlung wird mir morgen weitere Lektüre ermöglichen. Im Vorfeld unserer interreligiösen Feiern ein spannender Zufall!  

  

Donnerstag, 24. Oktober 2013:

Seit Tagen beschäftigt mich unter anderem die Frage: Wo kann die neue Schulsozialarbeiterin „ihre Zelte aufschlagen“? Die ausgeschiedene arbeitete in einem bereits gebauten aber noch ungenutzten Teamraum Diese Möglichkeit ist Vergangenheit, denn ein weiterer Jahrgang ist am Standort Deidesheim angekommen und der Lehrerstützpunkt (so der Begriff für unsere „Teamräume“ im Raumplan) ist nun besetzt, weil das Team „Gustav Grumbeer“ darin eingezogen ist. Über weitere Räume verfügen wir nicht, jeder Quadratmeter ist ausgenutzt. Es kann also nur darum gehen, eine Ecke, ein Plätzchen, ein paar Meter doppelt zu belegen und zeitlich miteinander abzustimmen. Diese Suche findet derzeit an beiden Standorten unter Einbeziehung der Grundschule in Wachenheim statt. Es wird nichts helfen: Eine (Gips)-Wand werden wir trotz allem benötigen. Es geht nur langsam voran. Gleichzeitig hat die Arbeit im Sinne von Vorstellen und Anbahnen bereits begonnen.

Im FünferAssembly fühlte ich mich an den Ursprung erinnert: Wir übten die Lieder für die interreligiöse Schulfeier ein – wie damals im ersten Jahr der Schule. Drei Lieder waren mir bekannt, eines war mir neu. Daher haben wir uns Unterstützung geholt. Wieder einmal machte ich die wunderbare Erfahrung, dass ich erstmals mit einem Menschen zusammentreffe und mit ihm musizieren kann, wenn eine grundlegende Übereinstimmung (oder Erfahrung?) herrscht.  

Zurück in Deidesheim stand ein Gespräch an mit einer Kollegin, die bei uns arbeiten will. Es zog sich doch durch vertiefende Ebenen länger hin als gedacht, so dass ich gerade noch rechtzeitig zur „Konzeptgruppe Oberstufe“ kam – allerdings ohne Kaffee, für den reichte die Zeit nicht mehr. Hauptthema dort waren die Feinabstimmung, die Formulierungen und grafischen Einzelheiten des Faltblattes. Es sollte jetzt demnächst fertig werden, denn der Informationsabend naht.

Wie oft habe ich den Abend zur differenzierten Leistungsmessung schon durchgeführt? Es müsste das sechste Mal gewesen sein und es war wohl einer der längsten. Durch die fast durchgehende Beschäftigung mit diesem oder um dieses Thema herum, kam ich vielleicht etwas ins Predigen. Immerhin erhielt ich im Anschluss positive Rückmeldungen: „Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen. Danke für diesen Abend!“ „Ich höre Ihnen gerne zu, wenn Sie über Kinder sprechen! Da spürt man Ihre Grundhaltung heraus. Gell, Sie lieben Kinder!“ Hinzu kam noch das Feedback einer weiteren Gastmutter, die zwei „Young Americans“ bei sich aufgenommen hatte und sich fast überschwänglich äußerte. „Sie waren nicht einzige, der am Abend der Show Tränen in den Augen hatte. Es war so schön mit ihnen. Wir haben sogar selbst die Gitarre geholt und abends noch mit ihnen gesunden!“

Was für Rückmeldungen an solch einem Abend. Hochstimmung machte sich breit.