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Okt.1 2016

 

Dienstag, 4. Oktober 2016:

Wie lange habe ich keine Baustelle mehr an oder bei der Schule gesehen? Heute jedenfalls ist diese Zeitspanne unterbrochen worden. Ein Bagger, zwei Baucontainer für den Aushub und ein Holzlaster stehen auf dem hinteren Teil des Hofes. Dazu wurden bereits die beiden wetterfesten Tischtennisplatten versetzt und die Baustelle mit einem Absperrzaun versehen. So ähnlich und noch ausgiebiger wird ab März der Schulhof gestaltet sein. Wenn es denn nur weiter- bzw. endlich losgeht.

 

Mittwoch, 5. Oktober 2016:

Der Jahrgang 5 ist zu erlebnispädagogischen Tagen im Bad Dürkheimer Martin-Butzer-Haus. Ich wünsche euch viele Erlebnisse, viele Eindrücke und klassenstärkende Tage!

Seit gestern verbuche ich zwei weitere Unterrichtsbesuche in meinem Kalender: eine Physikstunde in Jahrgang 7. Wie sich die Kinder verändert haben, seit ich sie als Fünftklässler in Musik unterrichtet hatte. Es muss auch für sie eine schöne Zeit gewesen sein, denn sie begrüßten mich freudig und mit viel Leuchten in den Augen. Ähnliche Augenblicke dann heute Nachmittag in einem Geschichtskurs in der Oberstufe. Die Entwicklung der jungen Erwachsenen ist noch krasser festzustellen, manchmal kenne ich die Lernenden nur noch durch ihre Namen. Der Lauf der Zeit erreicht mich zum zweiten Mal in dieser Woche – wird doch wohl nicht symptomatisch sein?

Nochmal Abitur: Die letzten Klausuren vor den schriftlichen Prüfungen werden unter Abiturbedingungen geschrieben. Das bedeutet, dass der bereits getestete Probelauf der Übertragung per Internet nun in einen ersten „Ernstfall“ mündet: Heute erreichte mich dazu der erste Hinweis und der erste Teil des geheimen Schlüssels, dessen zweiter Teil nach den Herbstferien mit getrennter Post ankommt. Nur mit der Kombination der beiden werde ich dann Zugang zu den eigentlichen Aufgaben erhalten. Nur: So bewegend sich das Ganze darstellt - oder soll ich, meine Empfindung ausdrückend, kundtun und sagen: so aufgebläht? Der Weltenlauf wird davon unbeeindruckt weitergehen, weiter wird Aleppo ausgebombt und sterben Kinder in den Trümmern. Lasst uns den Fokus also nicht nur auf dieses erste Abitur richten, so entscheidend es auch für die einzelnen Beteiligten daherkommt.

Einen letzten Eindruck der vergangenen Tage nehme ich mit in die Ferien: Vollernter auf dem Weg zur Weinlese. Diese „fahrenden Türme“ mit ihren jede Rebzeile „verschluckenden“ Zwischenräumen, die durch ihre Höhe über einen veränderten Schwerpunkt verfügen, können mir nur mit einem unsicheren Gefühl begegnen, weil ich ein Umkippen nie für ausgeschlossen halte. Wieder einmal ging es aber gut und ich fuhr unbeschädigt den Herbstferien entgegen. Allen wünsche ich eine gute Zeit, auch wenn es wohl alles andere als ein „goldener Oktober“ werden wird.

 

Herbstferien 2016:

Der erste Abschnitt des Schuljahres ist wieder einmal geschafft. Wieder stelle ich fest, dass ich Zeitspannen kürzer erlebe als noch vor Jahren. Tribut des Alters? Für die Herbstferien habe ich mir die Beantwortung der Frage vorgenommen: Wie ging es bei mir weiter mit dem Böll-Projekt? Letztendlich ziehen sich die Fäden des Projektes von Anfang Mai noch immer in meine Gegenwart hinein – und werden auch wohl noch weiter gesponnen. Doch der Reihe nach. Im Anschluss an die Projekttage vernahm ich einen durchweg positiven Nachhall über unsere Präsentation. Da Jochen Schubert darin einen gewichtigen Anteil hatte und in der Präsentation auch zu Wort kommt, wollte ich ihm die fertige Fassung zukommen lassen. Auf der Internet-Seite der Heinrich-Böll-Stiftung fand ich seine E-Mail-Adresse. Ich entdeckte dort auch, dass er für die Stiftung zum 25. Todestag Heinrich Bölls ein Buch veröffentlicht hat, dessen Inhalt mich sehr interessierte: „Ansichten, Die Romanskizzen Heinrich Bölls“ (Berlin, 2010). Natürlich fragte ich bei ihm nach, ob dies noch zu erhalten sei. Seine Antwort sei hier auszugsweise dokumentiert:

„Lieber Herr Dumont,

zunächst: herzlichen Dank für die Dokumentation, deren Gebrauchsanweisung und die damit verbundenen wirklich auch vergnüglichen Augenblicke, die das vor dem Auge des Betrachters ablaufende Schauspiel bereitete. In der Tat interessant empfand ich die Tour der Meinungsbefragung unter Bad Dürkheimern und Deidesheimern; ich hätte nicht vermutet, dass die Verknüpfung des Sprachbildes 'Schwarzes Schaf' mit Momenten von Kreativität, Alternativität und Nonkonformität so selbstverständlich zusammengebracht wird. Ein wirklicher Auffassungswandel […]

Die Publikation mit den Böll-Plänen will ich gerne in den nächsten Tagen auf die Post geben. Einen kleinen Ausschnitt aus den von mir dort beigefügten Texten haben Sie ja bereits als Ausklang des Vortrags vernommen.

Vielen Dank für zwei angenehme Tage in Bad Dürkheim,

Ihr Jochen Schubert“

Zum einen steckt darin eine schöne Würdigung der Arbeit der Projektgruppe mit einem durchaus bemerkenswerten Ergebnis, zum anderen folgten Tage der Spannung, bis der großformatige, schmale Band bei mir eintraf. Mit Begeisterung sah ich, dass eine ganze Reihe der Romanskizzen, die ich in der Ausstellung entdeckte, in der Publikation reproduziert sind. Einige davon muss man wegen ihres länglichen Formates aufklappen, da die Originale aus mehreren zusammengeklebten DIN A4-Seiten bestehen. Herrlich, dieses „Juwel von Buch“ in der Hand zu halten. Sogleich blätterte ich darin herum, schnitt mir aber auch die notwendige Zeit aus dem Alltag heraus, um mich darin auch lesend vertiefen zu können.

Bereits im Vorwort kommt hintergründig die Bedeutung der Romanskizzen zum Ausdruck, wenn die Geschäftsführerin, Birgit Laubach, der Böll-Stiftung schreibt:

„Heinrich Böll hat von fast allen wichtigen Werken Planskizzen entworfen. Sie haben durchweg mehr als nur funktionalen Charakter. Wer auf die teilweise großformatigen Blätter schaut, entdeckt nicht nur Baupläne großer Romane und Erzählungen, er findet auch in der Aquarellierung, die Böll vorgenommen hat, einen ganz eigenen ästhetischen Reiz, weil Worte und Farben eine verblüffende Synthese eingehen“ (Birgit Laubach, Vorwort, in: ebd. S. 7).

Einen ganz persönlichen Eindruck trägt René Böll, der zweite Sohn Heinrich Bölls, in seinem Text „Schemenhaft“ bei und führt den Leser quasi mitten in das Familienleben hinein, jedenfalls hinterlassen seine Worte bei mir eine deutliche Vorstellung davon, wie im Hause Böll diskutiert und gelebt wurde:

„Neben umfangreichen Recherchen, Vorstufen, Skizzen, Ideen gehörte für meinen Vater dazu, sich an einer bestimmten Stelle des Arbeitsprozesses ein Schema oder einen Grundriss des geplanten Romans in Farbe anzufertigen. So wie es für den Maler ausreicht, eine kleine Skizze zu machen, um das fertige Bild vor sich zu  sehen, so war es für meinen Vater ein wichtiger Schritt, ein Moment des Innehaltens während des Schreibens, einen farbigen Plan des geplanten Werkes anzufertigen, um das Werk ‚auf einen Blick‘ sehen zu können. Die Komposition wurde so deutlicher. Der feste Punkt, dessen jedes Kunstwerk bedarf, ohne den die Komposition auseinanderbricht, wurde im Bild greifbarer, wurde ansichtig – deutlicher als im Fluss der Schrift erfassbar. Ganz wichtig auch und unbedingt hinzugehörend der Aspekt, dass zu dieser Arbeit auch die Freude am Umgang mit Farbe und Pinsel gehörte“ (ebd. S. 9).

Weiter erwähnt René Böll den einfachen Schülerfarbkasten der bis heute gängigen Marke „Pelikan“ mit zunächst „12 Näpfchen, später das zweilagige Modell mit 24 Näpfchen“, bis die Familie dem Vater einen „professionellen Aquarellkasten“ geschenkt habe (ebd.).

„Während der Arbeit wurden die Pläne mit Heftzwecken an die Wand geheftet, blieben hängen und […] vergilbten aufgrund des einfachen Papiers rasch. Später drängte ich meinen Vater dazu, sie zu rahmen. Nicht nur aus konservatorischen Gründen. Mein Vorschlag entsprach einem Wunsch von uns allen, die ansonsten unsichtbare Entstehung von Literatur an irgendeiner Stelle sichtbar und damit uns in einem winzigen Ausschnitt ‚erlebbar‘ machen zu können“ (ebd.).

In dem erläuternden Einführungstext „Die Romanskizzen Heinrich Bölls“ führt Jochen Schubert aus, dass Böll selbst diese grafischen Werke in verschiedenen Interviews mit unterschiedlichen Begriffen belegt und bezeichnet hat: „Skizze“, „Hilfsmittel“, „Erinnerungsstütze“, „Tabelle“, „Kompositionshilfe“, „Kardiogramm“, „Schema“, „Fieberkurve“ (vgl. Schubert, ebd. S. 12). Umso interessanter erschien es mir, mich in diese Bauplänen ähnelnden Werke zu vertiefen und mich, anders als in der Ausstellung während der Projekttage, zu versuchen, mich zu Hause und in Ruhe, hineinzudenken. Aus verschiedenen Interviews sind in Schuberts Text auch Aussagen von Heinrich Böll selbst versammelt, die Licht in seine Arbeitsweise des Schreibens bringen:

„Nun, ich fange an, den Roman niederzuschreiben, wenn er sozusagen überzulaufen droht, und dann schreibe ich zunächst einfach drauflos. Sehr lange Zeit, ohne zur Besinnung zu kommen. Das ist ein Zustand hoher Gereiztheit, weil ich immer das Ganze vor mir haben muss und einfach die Quantität mich erschreckt. Wenn ich dann das Ganze des Romans in der ersten Fassung fertig habe, fange ich an, richtig zu arbeiten, und dabei bediene ich mich eines einfachen Hilfsmittels, einer farbigen Tabelle […] [W]ährend der erste Arbeitsgang sehr hitzig, sehr engagiert verlief und unbewusst, verlaufen die letzten verhältnismäßig kühl und sehr bewusst“ (Böll, Werkstattgespräch mit Horst Bienek; zit. nach: ebd.).

Ich stelle mir diesen ersten, rein der Intuition folgenden Schreibprozess als ein Herausschreiben, ein Herausfließen, ein Überquellen, wie eine statische Entladung vor, bei dem die Hand den Gedanken kaum folgen kann, bei welchem die Ideen den Kopf „fluten“ oder lange Gedachtes oder Erfühltes sich in Worten Bahn bricht. Diesem ersten Schreibakt folgt eine Phase trockener Betrachtung und sortierender  „handwerklich verstandener Autorenschaft“ (Schubert, ebd. S. 14):

„Wenn ich dann das Ganze des Romans in der ersten Fassung fertig habe, […] bediene ich mich eines einfachen Hilfsmittels, einer farbigen Tabelle […]. Ich kann es schwer erklären, ich stelle nur fest, dass diese Farbskalen, deren erste ich bei meinem ersten Roman schon entwickelt habe, immer komplizierter werden. Sie sind eigentlich nur Erinnerungsstützen und Kompositionshilfen, mit denen man nachher, wenn die erste Fassung fertig ist, die Struktur bestimmen, korrigieren, in der man vieles ändern kann“ (Werkstattgespräch, zit. nach: ebd.).

Bölls Arbeiten mit den Romanskizzen lässt sich exemplarisch an den beiden im erwähnten Buch reproduzierten Plänen zum Roman „Haus ohne Hüter“ zeigen. „Kennzeichnend für den 1954 publizierten Roman ist der mit jedem Kapitelübergang verbundene Wechsel des Erzählschwerpunktes von jeweils einem Protagonisten der das Romangeschehen bestimmenden Familien Bach und Brielach zu einem der jeweils anderen“ (ebd.). Jeder Figur ist eine Farbe zugeordnet (etwa rot für die Mutter Nella Bach, gelb für ihren Sohn Martin, blau für Albert Muchow, usw.), ihr Vorkommen wird durch eine Handlungskurve über die einzelnen Kapitel hinweg nachgezeichnet, zusätzliche Erzählmotive sind zu jedem Kapitel notiert. Anhand dieser Skizze kann man zum einen den gesamten Roman in seiner Struktur erkennen und stellt fest, dass in dieser ersten Fassung die ersten fünf Kapitel aus der Perspektive eines der Bachschen Familienmitglieder geschildert sind. In der Endfassung, auch hierzu liegt die Romanskizze vor, sieht man auf einen Blick, dass die Farben stets abwechselnd und über die gesamte Handlung gleichmäßig verteilt vorkommen. Böll hat also die ursprünglich niedergeschriebene Fassung „umgebaut“ und die Erzählperspektiven abwechselnd gestaltet.

„Übereinstimmend gilt für alle Schemata […], dass sie als Instrumentarium verstanden wurden, mit dessen Hilfe sich die Komposition des zeitlich entfaltenden Erzählgeschehens in ein räumlich organisiertes Ineinandergreifen linearer, farbiger und struktureller Elemente übertragen lassen. Mit Hilfe der  Schemata konnte Böll also die Gesamtheit des kompositorischen Gefüges visuell überprüfen“ (Schubert, ebd. S. 15).

Neben den Ausführungen zu den Romanskizzen hat es mir besonders ein begleitender Text Schuberts angetan, der mit „Heinrich Böll schreibend“ überschrieben ist (S. 40-54). Darin geht es um zwei verschiedene Arten des Schreibens. Die eine, die niemanden überraschen wird, geht davon aus, dass eine mehr oder weniger direkte Linie vom schon vorhandenen, sich bereits gebildeten Gedanken im Kopf des Schreibenden, ob von einer Muse eingegeben oder woher auch immer inspiriert, genau zu diesem Wort, zu diesem Satz, zu dieser Geschichte auf dem Papier führt, den die Hand, schreibend mit Stift oder eingetippt mit einer Tastatur, unverändert durch den Prozess des Schreibens auf der zuvor weißen Seite des Papiers hinterlässt. Schreiben ist in dieser Weise die Reproduktion von etwas vorher schon Dagewesenem.

„Aber es gibt auch noch die andere Erfahrung: dass sich im Schreiben ein Wort  aus dem anderen ergibt. Ein solches Schreiben reproduziert nicht, sondern produziert Wort für Wort das zuallererst und sukzessive aus sich selbst heraus, was im Spiel der Zeichen zum Mitzuteilenden wird. Wer so schreibt, schreibt nicht mehr von einem vorgegebenen Ziel her auf dieses zu, sondern als einer, dem es ‚im Schreiben um (sein) Schreiben geht. In seinem Schreiben erkundet und realisiert er Möglichkeiten des Schreibens, die außerhalb dieses seines Schreibens (noch) nicht möglich sind. […] [S]ein Schreiben [lebt] von einem Verweilen in den Möglichkeiten des Schreibens.‘“ (Jochen Schubert und Martin Seel, zit. nach: ebd. S.40).

Aus Heinrich Bölls Nobel-Vorlesung „Versuch über die Vernunft der Poesie“ kenne ich den Zusammenhang, dass für ihn zum Schreiben das Umfeld des Schreibens dazugehört, weil es dieses jederzeit beeinflussen oder gar verändert oder neu hervorbringen kann, was in das Geschriebene auf dem Papier eingeht, das reiche etwa von dem Tisch, an dem Böll schreibt, welcher über eine besondere Familiengeschichte verfügt, über seine Schreibmaschine, die ja ebenfalls unter besonderen Fabrikbedingungen von Arbeitern hergestellt wurde, die wiederum einer bestimmten Zeitgeschichte unterlagen, bis hin zu einem möglichen Gackern eines Huhns, welches den Gedankengang beim Schreiben unterbrechen oder beflügeln könne und ohne welches vielleicht eine andere Geschichte entstanden wäre. So könnten auch die fast künstlerisch gestalteten Schreibtischunterlagen Hinweise enthalten, die Böll farblich und grafisch nebenbei als Alltagsgegenstände gestaltete. Beispielhaft sind einige davon als Reproduktionen in dem Band  enthalten. Ebenfalls in seiner Nobel-Vorlesung aus dem Jahr 1973 sagte Böll: „Schreiben ist – für mich jedenfalls – Bewegung nach vorn, Eroberung eines Körpers, den ich noch nicht kenne, von etwas weg zu etwas hin, das ich noch nicht kenne; ich weiß nie, wie‘s ausgeht“ (Schriften und Reden 1973 – 1975, München 1985, S.34f). Damit befindet sich Heinrich Böll ganz in der Nähe oben beschriebenen zweiten Erfahrung.

„Die Idealität des Inspiriertseins, die statisch, vor dem Akt des Schreibens liegt, geht im Begriff des Machens über in eine die jeweilig gewonnene Gestalt überschreibende Bewegung, in der offen bleibt, ‚wie´s ausgeht‘. Anders gesagt: Sie rückt gewissermaßen aus der Vertikale des Blitzes in die Horizontale der sich aus ihrer puren Eigenenergie illuminierenden Schreibbewegung, die als Annäherung an das Unbekannte zur Erkundung wird. Daher ist – wie Böll in der zitierten Passage seiner  Nobelpreisvorlesung formulierte – ein ‚Handlungsausgang‘ auch nicht mehr wie in der ‚Regelpoetik‘ der ‚klassischen Dramaturgie‘ auf das durch einen bestehenden Plan bestimmte Ziel fixiert. An die Stelle der Regelpoetik tritt die Alchimie eines prozessual arrangierten, nicht begrifflich arretierten Experiments, das offen bleibt für die im Zug des Schreibens schreibend hervorgebrachten Möglichkeiten neuer, sich jenseits und unabhängig vom Gegebenen erschließender Perspektiven“ (Schubert, ebd. S.42).

Beim entdecken wollenden Durchblättern des Buches mit den Böllschen Strukturskizzen wurde mir schnell klar: Ich werde diesen Bauplänen durch  Anschauen und Durchblättern nicht gerecht. Es ist auf diese Weise des lediglichen Betrachtens nicht möglich, Absicht und Bedeutung angemessen zu ergründen und das, was in ihnen enthalten ist und den Schreibprozess verdeutlicht, zu entnehmen. Als ich bei einer der beiden (schwer entzifferbaren) Skizzen zu dem Roman „Haus ohne Hüter“ las, dass diese in Band 8 der „Kölner Ausgabe“ (s. dazu: Interview mit Jochen Schubert) als Transkription vorliegen, meldete sich das Bedürfnis, die Lust und die Möglichkeit, angesichts dieser Hilfestellung erneut und tiefer in das Thema „Heinrich Böll“ einzusteigen. Ich las den Roman nach Jahren dann in Band 8 der „Kölner Ausgabe“ erneut. Zu dieser Gesamtausgabe von Bölls Werken sagte Jochen Schubert in dem Interview mit den Jungs der Projektgruppe:

„Heinrich Böll hat ja ab 1947 publiziert. Eine erste Erzählung ‚Aus der Vorzeit‘ erschien im Rheinischen Merkur. Er hat fernerhin mit den Möglichkeiten, die seinerzeit zur Verfügung standen, weitere Texte publizieren können, hauptsächlich Zeitschriftentexte, dann aber 1949 mit einer ersten größeren Erzählung ‚Der Zug war pünktlich‘ eigentlich seine schriftstellerische Karriere für einen größeren öffentlichen Kreis dokumentieren können. Das heißt aber auch, gerade in Bezug auf die zahlreichen Zeitungspublikationen, dass sie zwar Nachdrucke erfahren haben, aber auch für eine gewisse Zerstreuung sorgten. Ein Buch ist haltbar, ist im Buchhandel über lange Jahre erhältlich, aber in Zeitschriften oder Zeitungen veröffentlichte Texte verschwinden in dem Moment, in dem die Tageszeitung dann nicht mehr aktuell ist. Das heißt: Das Gesamtwerk ist sozusagen das Ergebnis eines Sammelns, wenn man es präsentieren will. Das heißt: Man muss in Zeitschriften suchen, wo wurde wann was von Heinrich Böll publiziert, und das zusammenfügen zu dem, was man ein Gesamtwerk nennen kann. Um dieses Gesamtwerk einmal geschlossen präsentieren zu können, das war der Impuls für die ab 2001 erfolgte Edition ‚Heinrich Böll Werke‘, die als ‚Kölner Ausgabe‘ dann in 27 Bänden erschienen ist und sämtliche Texte von Böll zusammenführt und dann auch mit einer Kommentierung versieht.“ (eigene Abschrift aus dem Interview vom 2. Mai 2016).

Kleinschrittig las ich also den Roman „Haus ohne Hüter“ wieder, verfolgte den Wechsel der Perspektive handelnder Personen von der ersten Skizze zur endgültigen, schlug immer wieder den Stellenkommentar nach, welcher in der „Kölner Ausgabe“ jedem Text beigefügt ist, las anschließend auch die hinzugefügten beispielhaften Rezensionen und begann diese „Kölner Ausgabe“ zu lieben, die inzwischen mit sieben Bänden mein Bücherregal ziert. Ich wollte den Werdegang Bölls von Beginn an nachvollziehen, wollte  ein möglichst genaues Bild desjenigen Heinrich Böll erhalten, der hier in Bad Dürkheim den Preis der Gruppe 47 erhalten hat, wollte den Anfang von Bölls Schreiben kennen lernen und mich an die Erzählung „Die schwarzen Schafe“ heranlesen, wollte nachlesen: Wer war dieser Schriftsteller im Mai 1951? Was war vorher? Was hatte er bereits geschrieben? Wollte den ersten veröffentlichten Roman „Und sagte kein einziges Wort“ in Band 6 mit seinen Kommentaren lesen. Den späteren Böll habe ich teilweise selbst noch miterlebt und gelesen, über den frühen wusste ich so gut wie nichts. Ich staunte daher nicht schlecht, als ich feststellte, dass in Band 1 Texte bereits aus den Jahren 1936 bis 1945 versammelt sind. Kurzes Innehalten: Böll wurde 1917 geboren, also schrieb er die ersten Texte bereits im Alter von 19 Jahren und in nicht geringer Zahl: über 60 Texte, darunter auch ein erster als Roman bezeichneter Text, sind im ersten Band aus dem Nachlass erstmals auf über 460 Seiten veröffentlicht. In der editorischen Notiz las ich:

„Vorliegender Band unterscheidet sich von den anderen Bänden der Kölner Ausgabe in zweierlei Hinsicht. Zum einen besteht er fast ausschließlich aus Texten, die der Autor selbst nicht – weder zum Zeitpunkt der Entstehung noch später – zur Veröffentlichung anbot […] Zum anderen stellt der Band lediglich eine Auswahl aus dem Korpus der überlieferten Texte dar; Vollständigkeit, die mindestens einen weiteren Band erfordern würde, wird hier nicht angestrebt. Der Band soll in erster Linie diese frühe Schaffensperiode Heinrich Bölls dokumentieren, in der er unter den Bedingungen der Nazi-Diktatur zu schreiben begann…“ (Kölner Ausgabe Band 1 (künftig: KA 1), S. 468).

Böll war zur Entstehungszeit der ersten Texte noch Schüler in der Oberprima! Die meisten Texte entstanden aber in der dreizehnmonatigen Zeit, als er, nach Abbruch einer Buchhändlerlehre, bei seinem Bruder in der Schreinerwerkstatt und einer Schokoladenfabrik arbeitete, bevor er 1939 zum Arbeitsdienst eingezogen wurde. Ich meine, in diesen frühen Texten auf einen übenden und sich mit Überschwänglichkeit suchenden jungen Mann zu stoßen und einen bis an die Grenze der Überheblichkeit reichenden, jugendlich absolut und, gegen die Bürgerlichkeit aufbegehrend, formulierenden Autor vorzufinden, wenn es etwa in der Erzählung „Vater Georgi“ heißt:

„…bis in den kleinsten Vorort, wo pensionierte Beamte, geile alte Naturlustgreise, und reichgewordene Kleinkaufleute, meist regelmäßige Kirchgänger und Leser sämtlicher schleimig-süßen religiösen Kalender und anderer Saublätter, ihre grauenhaften Wänste an der Sonne trockneten, nachdem sie sich bei einem der Verdauung dienenden Spaziergang nassgeschwitzt hatten […] So hatten die Wänste einen Eid geschworen, offenbar allem, was es in und über der Welt gab, ihren Bauch vorzuziehen, dass alle Sinne und Fähigkeiten, die nicht dem Fressen dienten, vollkommen abgestumpft waren“ (KA 1, S.258f).

Jochen Schubert formuliert diesen ersten Schaffensabschnitt in seinem Portrait mit den Worten:

„Das Inhaltliche und ‚Stoffliche‘ der als Bedrängung erfahrenen Fragen dominiert diese frühen literarischen Ansätze, die mitunter im hitzigen, schimpfenden und unruhigen Sprachgestus gehalten sind, so sehr, dass Aspekte der Form und Komposition noch weitgehend unberücksichtigt bleiben. Die Abklärung oder ‚Abkühlung‘ der schriftstellerischen Reizbarkeit durch die Form fehlt“ (Jochen Schubert und Victor Böll, Heinrich Böll, dtv-Portrait, München 2002, S. 30).

Ich lese aber auch Passagen, die eine sensible Wahrnehmung voraussetzen, zu der ich selbst in diesem Alter nicht in der Lage war, schon gar nicht mit der Fähigkeit ausgestattet, ihr in Worten solchen Ausdruck zu verleihen, wie etwa in „Sommerliche Episode“ aus dem Jahr 1938:

„Sie fuhren schweigend in den Dämmer hinaus; eine wohltuende Stille ringsum, eine Stille ohne Drohung und ohne Trägheit, die heilige Ruhe des Sonntags schien schon leise in den Sonnabend hinüberzureichen; nur das leise Geräusch der rollenden Räder und manchmal ein kurzes Klatschen der Peitschen auf den Rücken des ruhigen Pferdes…“ (KA 1, S.196).

Diese erste Schaffensperiode wurde jäh unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg. Heinrich Böll hatte längst beschlossen, Schriftsteller zu werden:

„Erst heute ermesse, begreife ich den tödlichen Schrecken, der meine Eltern und Geschwister ergriffen haben muss, als ich dann zwischen abgebrochener Buchhandelslehre und Arbeitsdienst, zwischen Februar und November 1938, noch nicht einundzwanzigjährig – und mitten im etablierten Nazischrecken! – mich tatsächlich als ‚freier‘ Schriftsteller versuchte.“ (Heinrich Böll, Was soll aus dem Jungen bloß werden? Oder: Irgendwas mit Büchern, München 1983, S. 40).

Von Heinrich Vormweg, im letzten Jahrzehnt ein enger Freund von Heinrich Böll, erschien fünfzehn Jahre nach Bölls Tod eine erste, sehr einfühlsame und trefflich formulierte Biografie („Der andere Deutsche Heinrich Böll, Köln 2000, künftig: Vormweg), welche den inzwischen gesichteten Nachlass von Heinrich Böll erstmals mitberücksichtigte. Zu dieser ersten Phase des Schreibens vermerkt er:

„Religion und Kirche, die bürgerliche Ordnung, die Armut und die Liebe brannten dem zwanzigjährigen auf den Nägeln […] Der Neunzehn-, Zwanzig-, Einundzwanzigjährige erzählte, und so wichtig es ihm war, dass er schrieb, dass er ein Schriftsteller werden wollte, so unmissverständlich ging es ihm um seine spezifischen Themen und Inhalte […] Mit all ihren Schwächen und Zufälligkeiten dokumentieren Bölls unveröffentlichte erste Erzählungen die ganz frühe und doch schon tendenziell autonome Phase seiner Selbstbefreiung, die seine ganze Existenz als Schriftsteller geprägt hat“ (Vormweg, S. 57ff)).

Erneut einem Zufall bei der antiquarischen Suche im Internet verdanke ich die Kenntnis der beiden Bände: „Heinrich Böll, Briefe aus dem Krieg 1939 bis 1945“ (hrsg. von Jochen Schubert u.a., Köln 2001). Die Besonderheit dieser Briefe liegt auch darin, dass eine „selten so umfangreiche Sammlung […] aus nur einer Hand“ (James H. Ried, Nachwort zu: ebd. S. 1510) aus dem Krieg vorliegt. Heinrich Böll schrieb fast täglich einen oder mehrere Briefe aus dem Arbeitsdienst und später von den Kriegseinsätzen, zunächst an seine Familie, später dann an Annemarie Cech, die Böll noch im Kriegsjahr 1942 heiratete. Immer wieder klingt in diesen fast 900 Briefen Bölls die Berufung zum Schriftsteller an, immer wieder leidet er darunter, schreiben zu wollen, aber durch Krieg und Militärdienst nicht schreiben zu können. Annemarie Böll schreibt in ihrem Vorwort:

„Das Schreiben wurde für ihn lebenswichtig. Er war schon früh überzeugt, dass es sein Beruf sein würde, und da der Krieg ihn auf Jahre hinaus von dieser Lebensarbeit fernhielt, war das Schreiben von Briefen nicht nur eine Flucht aus dem bedrückenden Kriegsalltag, sondern auch die einzige Möglichkeit, Erlebnisse und Gefühle in Sprache umzusetzen […] Diese Briefe des Soldaten Heinrich Böll sind für mich eine kostbare Hinterlassenschaft. Da sie, wie ich meine, in manchen Teilen ein wichtiges Zeitzeugnis sind und viel zum Verständnis der Werke Bölls beitragen können, habe ich mich entschlossen, sie zugänglich zu machen“ (Vorwort zu: ebd. S. 11).

Das ausgedehnte Schreiben der früheren Jahre war nicht mehr möglich, so dass diese Feldpostbriefe ein einzigartiges Zeugnis darstellen, nicht nur diese kriegsbedingte Lücke zu überbrücken, sondern auch sich der Person, der Gedankenwelt aus diesen Jahren und auch dem Werk Heinrich Bölls aus erster Hand zu nähern, der durch den Krieg seine „Jugend verpfuscht“ (Brief Nr. 65) und sich selbst als „verhinderter Schreiber“ (Brief Nr. 212) empfand.

„[…] könnte ich doch in Ruhe irgendetwas schreiben, aber es geht einfach nicht. Manchmal, wenn ich allein bin, irgendwo draußen stehe, habe ich die schönsten Ideen, aber sobald ich dann wieder die Wachstube betrete und von all dem Geschwätz, den Zoten, den albernen Witzen, dem ewig gleichen Quatsch umspült werde, dann ist alles wie tot in mir […] Ich müsste ein großes Buch schreiben können, das nur ein voller Gesang wäre des menschlichen Leidens, der menschlichen Leidenschaft und eine Symphonie aller Schönheit und Verworfenheit des Lebens. Ich habe die Kraft dazu und die Fähigkeit, ich weiß es so genau wie nie, und es tötet mich fast die Tatsache, dass es jetzt einfach unmöglich ist – unmöglich aus den lächerlichsten Gründen -, es zu schreiben.“ (Brief Nr.152 an Annemarie Cech vom 1. Juli 1941, Briefe aus dem Krieg, S.208f).

Oder: „Manchmal, wenn ich ein schönes Bild sehe, dann sehne ich mich so grausam tief und unstillbar danach, eine schöne und glänzende meisterhafte Novelle zu schreiben“ (Brief Nr.181 an Annemarie Cech vom 20. September 1941, ebd. S. 252).

Oder: „[…] so oft ich lese, meine ich, ich müsste einfach zu Feder und Papier greifen und von den jungen Schicksalen dieses Krieges erzählen; aber die Zeit ist wohl noch nicht reif, und ich selbst wohl auch noch nicht […]“ (Brief Nr. 543 an Annemarie Böll vom 11. Mai 1943, ebd. S. 756)

Gerade diese persönlichen Briefe, die für mich neben den Texten der sehr frühen Schaffensphase die zweite Neuentdeckung darstellen, ermöglichen einen tiefen Einblick in den Menschen Heinrich Böll, der den Krieg vom ersten bis zum letzten Tag als Soldat der Infanterie mitgemacht hat und in verschiedenen Ländern auf unterschiedlichen Schlachtfeldern mehrfach verwundet wurde. Nicht schreiben zu können, war für Böll die eine Seite, die andere war die „Kriegsgefangenschaft im wörtlichen Sinn […], nicht von der Gefangenschaft im Lager, nachdem der Krieg ohnehin zu Ende war, sondern von der Gefangenschaft in der Wehrmacht, in der Uniform“ (Ried im Nachwort, ebd. S. 1509). Bereits in den frühen Briefen kommt zum Ausdruck, wie sehr Böll dieses „Gefängnis“ empfand und darunter gelitten hat. Bereits lange vor den Kampfeinsätzen im Osten und ganz grundsätzlich empfand er die Stumpfheit und Ödnis alles Militärischen, den Drill, das Untergehen in der Masse als seinem ganzen Wesen diametral entgegengesetzt. Wie lange kann ein Mensch ein Leben überstehen, zu dem er, zutiefst gegen alle Eigenart gerichtet, gezwungen ist? Wie lange kann er darin leben, ohne innerlich zu zerbrechen? Besonders bedrückend empfand ich beim Lesen der Briefe, dass sich Heinrich Böll von allem Anfang an danach sehnte, dass der Krieg möglichst bald zu Ende gehe, damit er endlich wieder „zivil“ und als Schriftsteller leben könne. Als heutiger Leser dieser Briefe aus dem Krieg kenne ich aber die historischen Daten und hatte immer die Biografie Bölls gegenwärtig, wusste, dass ihm noch lange Jahre in Krieg und Militär bevorstanden.

„Ich erwarte mit Sehnsucht das Ende meiner Soldatenzeit; man muss doch zum Soldat geboren sein, sonst ist es eine Qual“ (Brief Nr. 70 an die Familie vom 12. August 1940).

„Ich habe immer viel geschimpft auf Militär, Kaserne usw., so wie ich tatsächlich darunter leide, habe ich noch niemand erzählt – aber Du musst es wissen, dass es für mich tatsächlich, wirklich und wahrhaftig, das verkörperte Grauen ist; nicht nur im großen und ganzen, nein, jede geringste Kleinigkeit ist mir eine Pein; es gibt einfach keine Worte, um zu beschreiben, wie entsetzlich mir das ist. Später einmal, wenn ich Zeit habe und Ruhe und völlig gesund bin, dann werde ich Worte suchen, das schwöre ich Dir, und dann sollst Du erfahren, wie grässlich es in Wirklichkeit ist“ (Brief Nr. 108 an Annemarie Cech vom 12. Dezember 1942).

„[…] alles, was je bei uns zu Hause über Kommiss gesagt worden ist, [ist] nur ein Schimmer […] von der Wahrheit; bedenke das immer, es gibt gar keine Worte dafür, oder man müsste die Worte, die einem fehlen, durch lange, lange Umschreibungen ersetzen und dazu hat man keine Zeit […] Ich leide jede Sekunde maßlos unter meinem uniformierten Zustand“ (Brief Nr. 123 an Annemarie Cech vom 13. Januar 1943).

„Der Stumpfsinn ist wahnsinnig, wirklich eine Fülle von elendem Stumpfsinn; wenn ich nur einen Menschen hätte, mit dem ich sprechen könnte“ (Brief Nr.  an Annemarie Böll vom 30. Mai 1943).

Neben diesen erweiternden und vertieften Eindrücken in Werk und Person Heinrich Bölls ging von den beiden Briefbänden eine erneute Verbreiterung der Beschäftigung mit ihm aus. Ich stieß immer wieder auf einen Namen, den ich aus dem Bücherregal meines Vaters her kannte: Leon Bloy. Dort stand von diesem Autor das Buch „Briefe an seine Braut“, auf das mein Vater immer wieder hinwies und es in Gesprächen erwähnte. Mich selbst hat es nie „erreicht“, denn junge Menschen wollen ihre eigenen Wege gehen und interessieren sich weniger für die Bücher der vorangegangenen Generation. Nun holte dieser Autor mich ein, von dem Böll (rückblickend) schrieb: „[…] und so schlug denn kurz vor dem Ende des Jahres 1936 Leon Boys ‚Blut des Armen‘ wie eine Bombe ein“ (Was soll aus dem Jungen bloß werden, ebd. S.90). Bloys Name taucht in den „Briefen aus dem Krieg“ und in jeder Biografie über Böll auf. Leon Bloy war der Vorreiter oder Gedankengeber der (vorwiegend literarischen?) Bewegung Renouveau catholique, die eine Erneuerung von Literatur und Gesellschaft durch eine Hinwendung, Wiederbeachtung und Rückbesinnung zu den ursprünglichen Werten des Katholizismus zum Ziel hatte, wider die verknöcherte, in Dogmen und Machtritualen verstrickte und das eigene Wort verfälschende Kirche. Und wieder: Die Bücher von einem weiteren Vertreter dieser Richtung kannte ich durch die Buchrücken im väterlichen Regal: Georges Bernanos („Tagebuch eines Landpfarrers“ und „Die tote Gemeinde“). Ebenfalls hatten sich die Priesterromane von Graham Greene („Das Ende einer Affäre“ und „Die Kraft und die Herrlichkeit“) dort erhalten. Ich holte sie in Saarbrücken ab, las sie spät im diesjährigen Urlaub. Jetzt stehen sie in meinem Bücherschrank – ich wollte ein Gespür dafür bekommen, um was es in diesen Romanen, die auch Böll früh gelesen hatte, geht. Ich musste also lediglich Bloys „Das Blut des Armen“ (Heidelberg 1953) antiquarisch besorgen. Betroffenheit kehrte ein, als ich die Preise sah, denn für unter fünf Euro gehen diese Bücher heutzutage „über die Theke“ und einmal waren sie doch so wichtig, dass Annemarie Böll die Exemplare ihres Mannes durch alle Kriegswirren hindurch aufbewahrt und gerettet hat.

Leon Bloy (1846-1917) kritisierte Reichtum an sich als eine schreiende Ungerechtigkeit in der Welt und nennt etwa als Beispiel die „parfümierten, mondänen Weiber, die auf ihren Schmuck stolz sind“ (ebd. S.223), die in Kauf nehmen, dass „mehr oder minder freiwillige Sklaven“ (ebd.) unter unmenschlichen und lebensgefährlichen Bedingungen die Diamanten für die Colliers der feinen Damen aus den Bergwerken Südafrikas herausholen müssen. Ein anderes Beispiel sind die Perlenfischer im Persischen Golf, von denen Tausende an der Kälte des Meerwassers zugrunde gehen oder durch Haifische zu Tode kommen:

„Da wird gerade ein Taucher in Stücke gerissen, ein alltäglicher Unglücksfall, der nicht der Erwähnung wert ist. Ein bescheidenes Perlenhalsband im Werte von 60 000 Franc ist die Bezahlung des Frühstücks von sechzig Haifischen und repräsentiert den grauenhaften Tod von sechzig Geschöpfen, die nach Gottes Ebenbild geschaffen sind  und kaum von ihrem grausigen Handwerk leben können“ (ebd. S.226).

Ganz grundsätzlich sagt Bloy: „Das Blut des Armen ist das Geld.“ (ebd. S.175), für das seit Jahrtausenden gekämpft und getötet wird, das Macht und Ohnmacht ausdrückt, das für Ruhm und Ansehen steht und für die Ungerechtigkeit der Welt schlechthin:

„Es ist gegen alle Vernunft, dass ein Mensch geboren wird, der mit Gütern gesegnet ist, und dass ein anderer tief unten in einer Mistgrube geboren wird. Das Wort Gottes kam in einen Stall, weil die Welt es hasste […] Wenn die modernen Reichen doch wirkliche Heiden, erklärte Götzendiener wären! Dann wäre nichts dazu zu sagen […] Aber sie wollen trotzdem Katholiken sein, und zwar echte Katholiken. Sie wollen ihre Götzen noch in den anbetungswürdigen Wunden verbergen…“ (Leon Bloy, Das Blut der Armen, Heidelberg 1953, S. 174).

„Das Verlangen der Armen muss einmal die Reichen furchtbar anklagen. Da lebt ein Millionär, der, ohne Nutzen für sich, sein Geld zurückhält oder in einer Minute für eine bloße Laune eine Summe gibt, die fünfzig oder sechzig Jahre lang Gegenstand der verzweifelten Wünsche eines armen Mannes war […] Jeder Mensch, der außer dem, was zum körperlichen und geistigen Leben notwendig ist, noch etwas besitzt, ist ein Millionär und infolgedessen ein Schuldner derer, die nichts besitzen“ ( ebd. S. 197).

Ganz vorne steht in seiner Kritik die katholische Kirche, die Gottes Wort selbst nicht ernst nimmt, sich in der Frage des Geldes und des Reichtums gegen das eigene Wort verhält, gegen das Gleichnis etwa, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme (Lukas 10,25). Jesu Christi selbst sei arm gewesen und habe das Kreuz getragen, während seine Nachfolger der Gegenwart in Reichtum und Luxus wandeln:

„Ihr eleganten Priester, traget das Bett der Liebe Jesu Christi von den Reichen weg, das armselige, unendlich schmerzhafte Kreuz, das mitten in einem Beinhaus von Verbrechern aufgestellt ist, in Schmutz und Gestank, das wahre Kreuz, das einfach hässlich und voller Schmach ist“ (ebd. S.185).

Leon Bloy kennt die Armut selbst, hat sie am eigenen Leibe erfahren, weil er mit seinen Schriften kein Geld verdienen konnte. In einer Einleitung von Karl Pfleger sind entsprechende Tagebucheinträge zitiert, die davon zeugen, wie arm er gelebt hat. Da ist Rede davon, dass kein Sou im Hause vorhanden sei, dass die Familie Hunger leide, dass er die Miete für die ärmliche Wohnung nicht bezahlen könne, dass er weder Hemd noch Schuhe habe, dass er im Winter nicht heizen könne und niemand mehr da sei, der ihm Geld borge (vgl. ebd. S.140ff). Karl Pfleger weist darauf hin, dass Bloy dennoch die Armut „mit Tränen der Freude“ angenommen habe, denn „Ein für den Menschen tragbares Mysterium der Armut gibt es nur in Christus“ (ebd. S. 150). Dabei geht es Leon Bloy nicht darum, dass die Reichen den Armen etwas abgeben, um deren Leid zu mindern, er fordert keine soziale Angleichung oder Umverteilung des Reichtums. Ihm geht es ganz konsequent um die Nachfolge in Armut im Sinne Jesu:

„Wer nicht ein ausgesprochener Bösewicht ist, gibt Almosen, das heißt, er gibt einen sehr geringen Teil von seinem Überfluss, - es ist das Vergnügen, das Verlangen des Armen zu schüren, ohne ihm zu genügen. Der Almosengeber opfert die anderen, das heißt, er gibt das, was den anderen gehört, denn das ist sein Überfluss. Der liebende Christ aber gibt sich selbst, indem er das gibt, was er selber notwendig hat, und dadurch erst wird das Verlangen des Armen erfüllt“ (ebd. S. 200).

Leon Bloy wollte nicht Leid mildern, sondern zielt in das christliche Zentrum hinein und dort steht das Kreuz des Mitleidens „[…] sowohl des in allem unaufhebbaren Leid des Armen mitleidenden Gekreuzigten als auch des Mitleidens des echten Christen mit dem bis an den Jüngsten Tag am Kreuz hängenden Gottessohn“ (Schubert, Heinrich Böll, Portrait, S. 27). Die von der Kirche der Reichen vorenthaltene Verkündigung dieses Zusammenhangs, dass es nach Bloy als Christ nicht genüge, einer frommen Marienverehrung zu huldigen, sondern der eigentliche Christ ist der, der alle Leiden in Armut auf sich nimmt. Am 3. Dezember 1940 schreibt Heinrich Böll an Annemarie Cech im 99. Brief:

„Weißt du, dass ich unmittelbar durch Leon Bloy gerettet worden bin; durch diesen Mann, den ich am meisten liebe von allen, die je in Europa Bücher geschrieben haben“ (Briefe aus dem Krieg, S. 136).

Die Worte und Gedanken Leon Bloys sind durchaus dazu angetan, dass Heinrich Böll durch diese Schrift sein eigenes Leiden am und im Krieg zu überstehen gelernt haben könnte. Zum einen als anregende Gedanken in einer nicht nur gedankenlosen, sondern sogar einer sich jeder geistigen Tätigkeit entziehenden Umwelt des Kriegs, zum anderen aber auch auf einer religiösen Ebene, die das eigene Leid als das Tragen des Kreuzes Christi deuten konnte und damit, wenn auch weit entfernt aber vorhanden, einen existenziellen Sinn verlieh. Als Folie verwendet, machen sie auch die ungestümen Worte des jungen Böll aus der Erzählung „Sommerliche Episode“ verständlich oder zumindest vor diesem Hintergrund deutbar, denn Heinrich Böll hat damit bereits sehr früh ein Thema für sich entdeckt, das ihn nicht mehr los ließ:

„Wir wollen das große Schleimfass der süßlichen Predigtbücher anzapfen, die aus der Bibel eine scheußliche Phrasensuppe kochen, die dem Panzer der ordentlichen Leute eine geheimnisvolle Stärke gibt; wir wollen den klerikalen Wänsten klarzumachen versuchen, wie metaphysisch lächerlich die äußere Stellung der Kirche ist mit ihrem wirtschaftlich und organisatorisch tadellosen Gebäude, im Vergleich zu ihrer Stellung, die sie real in den Gehirnen der Gegenwart einnimmt; wie unfassbar lächerlich! Die Diener des Worts sind Beamte, wohlbestallte Beamte, sicher dreimal sicherer als der allerletzte Pharisäer, und das Wort, das lebendige Wort, wird geringer geachtet als der allerletzte sentimentale Schnorrer der modischen Geilheit. Wir wollen die dunklen Gewölbe suchen, wo die unzähligen Künstler hocken, die der Geschmacklosigkeit und dem süßlichen Gesabbel religiöser Bilderbücherverlage geopfert werden, auf dass der Turm des Schleimes wachse. Wir wollen die Kassenschränke der christlichen Bankinstitute öffnen, und mit Eifer wollen wir studieren die Kassenbücher christlicher Versicherungsanstalten, und unsere Augen sollen tränen, und unsere Ohren sollen dröhnen, wenn wir die geheimen Gänge des christlichen Wuchers finden“ (KA 1, S.239).

Noch 1953 schrieb Böll eine Rezension über Bloys Buch, die in der Zeitschrift „Welt der Arbeit“ erschien und nannte es ein „religiöses Ereignis“. Darin würdigt er es, auch noch acht Jahre nach Kriegsende, als „das schönste Buch über die Armut, das je geschrieben wurde“:

„Angesichts der stets sich vervielfältigenden Zahl von Armen, die die moderne Gesellschaft in Kriegen und Krisen geradezu produziert […], müsste die Stimme Bloys immer bedeutungsvoller werden. Milliarden Arme mag es seit Bestehen der Welt gegeben haben, die die Armut schlimmer noch als Bloy, mindestens ebenso schlimm erlebt haben; Bloy aber nur konnte diesen wilden und zärtlichen Hymnus schreiben, weil sich drei Kräfte auf wundersame Weise in ihm vereinen: die Kraft eines Schriftstellers von außergewöhnlichem Format, die Kraft eines glühend gläubigen Katholiken und die Kraft eines permanent Armen, der nicht Priester war, nicht Mönch, sondern mit Frau und Kindern in der Welt lebte, ewig zahlungsunfähig, ständig die Wohnung wechselnd durch Paris zog“ (Heinrich Böll, Zur Verteidigung der Waschküchen, Schriften und Reden 1952 – 1959, München 1985, S.84).

Der Name Leon Bloy taucht auch bereits im Kommentar von Band 1 der „Kölner Ausgabe“ auf mit Hinweis auf weitere Sammlung von Briefen: „Die Hoffnung ist ein wildes Tier, Der Briefwechsel zwischen Heinrich Böll und Ernst-Adolf Kunz von 1945 bis 1953“, Köln 2002, künftig: BBK). Bereits der Titel signalisiert, dass diese Sammlung genau dort anschließt, wo die Briefe aus dem Krieg enden: 1945. Die erste Briefsammlung schätze ich wegen ihres unverstellten Tones und den direkten Einblick in den Alltag Heinrich Bölls während des Krieges. Der mir nun vorliegende Briefwechsel besteht aus 317 Briefen und Postkarten und schildert die unmittelbare und entbehrungsreiche Nachkriegszeit. Heinrich Böll und Ernst-Adolf Kunz lernten sich in der mehrere Monate dauernden amerikanischen Kriegsgefangenschaft im französischen Attichy bei Paris kennen und schätzen. Bölls erster Brief an Kunz ist datiert auf den 19. September 1945. Darin heißt es:

„Am 15. September 1945 nachmittags 16.15 Uhr verließ ich endlich den letzten Stacheldraht im Schatten der Bonner Universität, wo ich glücklichere Tage gesehen hatte…es erfasste mich ein Schwindel, das Bewusstsein, frei zu sein nach fast sieben Jahren […] Für mich ist alles, alles kostbar. Schlimmeres als wir es vor und während der Gefangenschaft ertragen mussten, kann uns nicht mehr widerfahren…Wir wollen abschwören allem Irrsinn vergangener Jahre, wirklich mit Gottes Hilfe ein neues Leben beginnen […] Ich fühle mich doch als Mensch langsam frei“ (BBK, S. 11f).

Der Briefwechsel beginnt also bereits vier Tage nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, knüpft damit unmittelbar an die Briefe aus dem Krieg an und reicht über acht entscheidende und schwierige Jahre im Leben Heinrich Bölls bis ins Jahr 1953 hinein, also zwei Jahre über die Tagung in Bad Dürkheim hinaus. Er ist für meinen Wunsch, den Heinrich Böll, der sich 1951 keine 500 Meter von hier mit der beschriebenen Wirkung aufhielt, möglichst genau nachzuzeichnen, mit der parallel gelesenen „Kölner Ausgabe“ Band 2 bis 6 eine schier unerschöpfliche Quelle. In einem Brief an Axel Kaun schrieb Böll von 1948 aus rückblickend:

„Mein literarischer Werdegang ist ungefähr folgender: erste Versuche in sehr großer Quantität fanden von 1936 bis 1938 statt, dann absolute Flaute, solange ich Soldat war, darüber hinaus bis Ende 1946: Plötzlich Erwachen des literarischen Gewissens und seitdem ununterbrochene Arbeit; erst wiederum quantitativ, aber langsam komme ich ein wenig zur Besinnung und stecke jetzt so sehr in neuen Plänen drin, dass ich es wohl nicht mehr werde ‚lassen‘ können“ (zit. nach: Schubert, Portrait, S. 48).

Nach der Befreiung aus der Kriegsgefangenschaft setzte sich die benannte „Flaute“ also zunächst fort – wohl keine Besonderheit für einen aus dem Krieg Heimgekehrten mit all den Eindrücken, Erlebnissen, Grausamkeiten und für Böll auch Jahren der Geistlosigkeit. Böll musste zunächst das Leben meistern und das seiner Familie mit, musste sich um Kartoffeln und Kaffee bemühen, konnte dabei von seinen Erfahrungen von den Schwarzmärkten in Russland und in Ungarn profitieren und ging in der Schreinerwerkstatt seines Bruders als Hilfsarbeiter zur Hand. Um an die an Berufstätige oder Studenten ausgegebenen Lebensmittelkarten zu kommen, schrieb er sich ebenfalls an der Universität als Student ein, besuchte die Vorlesungen aber selten.

„Seine Abneigung gegen alles Akademische blieb groß, er hatte zu viele aufstrebende Akademiker als Nazis kennengelernt, er sah für sich keinen Sinn darin zu studieren, doch er brauchte die Studiennachweise fürs Überleben“ (Vormweg, S. 113).

Im siebten Brief an Ernst-Adolf Kunz vom 8. Februar 1943 teilt Böll mit, dass er seinen Bruder Alois in der Werkstatt vollkommen vertreten musste, wieviel „Laufereien“ er erledigen musste, dass sie mit „Riesenschritten auf die Vollendung unserer Wohnungen“ zustrebten, aber auch, dass er „recht zum Schreiben aufgelegt“ (BBK, S. 18) sei. Das Typoskript der den Band 2 der „Kölner Ausgabe“ eröffnenden Erzählung „Der General stand auf einem Hügel“ ist auf Mai 1946 datiert – Heinrich Böll hatte damit das seit 1939 unterbrochene Schreiben wieder aufgenommen mit einer Erzählung, in welcher er „eigene Erfahrungen bei seinem letzten Einsatz an der Ostfront bei Jassy“ (KA 2, S.429) als Hintergrund genommen hat. Fünfzehn weitere Texte und ein Roman sind in diesem Band der Jahre 1946/47 versammelt, meist sind es Erstveröffentlichungen. An Kunz schreibt er im Oktober 46:

„Die Universität besuche ich alle halbe Jahr einmal – was soll mir das wesenlose Gerede nützen; meinen Lebensunterhalt verdiene ich im Moment noch bei meinem Bruder als Hilfsarbeiter…Und meine eigentliche Arbeit, meine große Freude und meine große Not ist, dass ich abends schreibe; ja ich habe das Wagnis begonnen und schreibe…Im nächsten Jahr hoffe ich, dir einige Ergebnisse vorlegen zu können. Es ist ein großes Auf und Ab des Überzeugtseins von mir selbst und des Bewusstseins meiner vollkommenen Unfähigkeit […] So übe ich also drei Berufe nebeneinander aus; das kann ja nichts Rechtes werden“ (BBK, S.24).

Heinrich Böll hat offensichtlich einen gut sortierten Nachlass hinterlassen, auf seinen Typoskripten befinden sich fast durchgehend handschriftliche Daten und Hinweise zum Schreibprozess, zu Unterbrechungen und zu Fertigstellungen. Daher ist bekannt, dass Böll nach Abschluss der oben genannten Erzählung vermutlich bereits im Juli 1946 zu einer größeren Arbeit ansetzte, bis November daran gearbeitet, dann unterbrochen und im März 1947 dann fertiggestellt hat. Es handelt sich um den erst innerhalb der „Kölner Ausgabe“ veröffentlichten Roman „Kreuz ohne Liebe“, den Heinrich Böll im Juli 1947 bei der Wettbewerbs-Jury des Augsburger Verlages einreicht. Der erhoffte Erfolg dieser über 200 Manuskriptseiten umfassenden Arbeit bleibt aber aus, der Roman verschwindet bis zur Veröffentlichung 2002 in der Schublade. Ich habe ihn mit Genuss gelesen, denn es handelt sich um die Auseinandersetzung zweier Brüder, der eine steht dem Nationalsozialismus nahe und tritt ihm bei, der andere arbeitet widerständig dagegen. An der Front stehen sich dann beide gegenüber. Die Handlung beginnt vor dem Zweiten Weltkrieg und führt über diesen hinaus. Im als Epilog bezeichneten Schlusskapitel des Romans hat Heinrich Böll Joseph Worte in den Mund gelegt, die im Grunde den Ausgangspunkt seiner schriftstellerischen Arbeit und seiner Literatur der ersten Jahre beschreibt:

„‘Mein Gott, was sollen wir tun? Beten und arbeiten?‘ […] ‚Ja‘, sagte er, ‚beten und arbeiten; uns unserer Freiheit freuen trotz der Gefangenschaft des Hungers; und die Hoffnung auf uns nehmen; und die Wirklichkeit verkünden; jeden Tag unseres Lebens daran denken, dass es kein Traum war, was in diesen sieben Jahren geschehen ist, sondern Wirklichkeit. Die Leute werden wieder vergessen, das Geschlecht der Ahnungslosen wird wieder auf den Thron kommen, und obwohl es fast sicher ist, dass die Ahnungslosen wieder siegen werden, wir wollen die Wirklichkeit verkünden.‘“ (KA 2, S.423).

Böll hatte zu dieser Zeit sein Schreiben wieder aufgenommen, schrieb immer wieder kürzere Text in großer Zahl und versuchte, sie in verschiedenen Zeitungen zu veröffentlichen. Am 4. Juni 1947 schreibt er an seinen Freund Ernst-Adolf Kunz:

„An sich könnte ich mit diesen Ergebnissen nach nur halbjähriger Arbeit zufrieden sein. Aber ich sehne mich natürlich nach einem durchschlagenden Erfolg, nicht um des Erfolges willen, sondern weil ich dann künstlerisch und inhaltlich keine Kompromisse mehr zu machen brauche […] Leider kann ich dir nichts schicken, weil ich wegen Papiermangels keine Abschriften machen konnte […] So habe ich im ganzen 17 kleine Geschichten bei verschiedenen Zeitschriften unterwegs und warte natürlich mit Spannung auf das Echo. Ansonsten habe ich den Roman fertig. Er wird in spätestens 10 Tagen seine Reise antreten. Es war eine wahnsinnige Arbeit, 200 Schreibmaschinenseiten entwerfen, überarbeiten, dreimal abschreiben, wieder überarbeiten.“ (17. Brief an Ernst-Adolf Kunz, BBK, S. 29f).

In diesem Briefausschnitt ist die wesentliche Schwierigkeit Bölls zu dieser Zeit umschrieben: Er verfügt über viele Schreibideen - „Sein Einfallsreichtum ließ aus jeder Erinnerung, jedem Vorgang, jeder Anmutung, jedem Gedanken, jeder Beobachtung eine Geschichte werden, die er mitteilen konnte“ (Vormweg, S. 145) -, aber er kommt mit solchen Geschichten in dieser Zeit nicht an. Die Zeitschriften schicken ihm seine Manuskripte in der Regel zurück, die Absagen enthalten fast immer den Tenor, dass, nach überstandenem Krieg, niemand über den Krieg lesen wolle. Beispielhaft seien zwei Absagen zitiert:

„Ich finde beide Geschichten großartig, aber verstehen Sie mich richtig, sie sind nicht mehr so aktuell, als dass man sie unseren Lesern, die ja die Nachkriegsereignisse überwunden haben und auch nicht gern daran erinnert werden möchten, anbieten könnte“ (Michael Lentz, zit. nach: Nachwort von Herbert Hoven, BBK, S. 408)

„Wir haben nämlich augenblicklich eine äußerst entschiedene Abneigung des Publikums gegen alle Bücher, die etwas mit dem Krieg zu tun haben. Ja, es ist völlig klar, dass heute eine geradezu schauerliche Welle von ‚Harmlosigkeit‘ und Gartenlaube-Format durch die Leser und auch durch die Literatur geht“ (Paul Schaaf, zit. nach: ebd. S. 404). 

Böll steckt in einer verzweifelten Lage: er „arbeitet, arbeitet, arbeitet“ (BBK, S. 65), er „tippt [sich] die Finger wund“ (ebd. S. 74), aber seine Texte werden weiterhin nur selten angenommen. Auf der anderen Seite kann er aus seinem Selbstverständnis heraus nicht die Bedürfnisse des Zeitgeistes, der Verlage bzw. der Leser bedienen. So schreibt er Kunz:

„Von der Literatur höre ich nichts Positives. Allerdings bekomme ich gute Angebote, kann aber nichts auf die Beine bringen, da ich mich auf 2-3 Schreibmaschinenseiten beschränken muss und außerdem nur optimistischen Kram ‚liefern‘ soll. Der wird gut bezahlt und ‚geht‘ ab wie frische Brötchen. Aber ich kann einfach nicht. Ich kann auch in diesem Punkt keine Konzessionen machen, selbst wenn ich technisch dazu in der Lage wäre, das wirst du verstehen. Ich versaue mir meine ganze Arbeit; meinen Stil und meine Linie und werde schließlich ein Flickschuster“ (BBK, S.127).

Oder: „Ich weiß zwar, dass das Thema Krieg nicht gesucht und beliebt ist, aber ich kann nichts daran ändern, und leider bin ich wirklich nicht – so glaube ich – dazu ausersehen, mich der allgemeinen Pralinenproduktion einzugliedern“ (BBK, S.166).

Oder in den Worten von Heinrich Vormweg

„Doch Böll hatte seinen Stoff, sein Thema gefunden. Es war das große, von den Deutschen nur langsam und widerwillig angenommene Thema der Epoche: die noch immer unerkannte, schon wieder verdrängte, übertünchte, beschönigende Realität des Krieges, deren Erleben Böll einen fundamentalen Hass auf den Krieg eingegeben hatte, sowie die düsteren Schatten, die der Krieg mit Entbehrungen, Not und Armut noch lange über die Menschen in ihren Trümmern warf“ (Vormweg, S. 126).

Bölls Thema („Er schrieb, und durch nichts ließ er sich ablenken von seinem Stoff, den Kriegserfahrungen und dem Leben der Menschen in den Trümmern“ (ebd. S. 132) und sein konsequent umgesetztes Selbstbild als Schriftsteller sowie seine künstlerisch begründete Absage an das seichte Literaturleben, bewirkte, dass das finanzielle Auskommen für die Familie von den gelegentlichen Einkünften Bölls nicht ausreichte. „Die einzige regelmäßige Einnahme ist daher das Gehalt, das Annemarie Böll ab

 

Fortsetzung in: Okt 2 2016