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Mobil+stark in Deidesheim

Medien+bildung.com GmbH kooperiert schon sehr lange mit der IGS Wachenheim/Deidesheim. Angefangen mit einer Video AG für den Ganztagesunterricht am Nachmittag, Wettbewerbsbeiträge bis hin zu einer TanzMedia AG „VIP Together!“ im Schuljahr 2009/10. Von dieser AG profitierte  Annika (mit Down-Syndrom) sehr, denn der ganzheitliche Ansatz von TanzMedia sprach den Bewegungs- und Ausdrucksdrang der Kinder an und Annika konnte ihre Spiel- und Bewegungsfreude vor der Kamera freien Lauf lassen. Für das Modellprojekt mobil+stark ist die IGS Deidesheim ein geeigneter Raum, um das Konzept an realen Bedingungen einer I-Klasse zu testen. In der Deutschgruppe von Frau Hager sind zwei Kinder mit Down-Syndrom und für die Binnendifferenzierung bleibt oft sehr wenig Zeit trotz der Betreuung durch zwei I-Helferinnen, welche sich in erster Linie um die Schülerin Annika und den Schüler Lukas kümmern. Für das inklusive Medienprojekt kam Medienpädagogin Katja Batzler von medien+bildung.com zweimal in den regulären Deutschunterricht und einen Vormittag lang mit 8 iPads im Koffer und Praktikantin Sophie Sanitvong. Die Arbeitsschritte für eine größt mögliche Differenzierung wurden gemeinsam mit den I-Helferinnen Frau Appell und Frau Rettig und der Lehrerin geplant. Ziel war, dass die beiden Kinder lange selbständige Lernphasen mit dem IPad haben. Als Leitziel wurde den Kinder ohne Handicap folgender Auftrag gegeben: Ihr dürft Lehrer spielen! Helft nur soviel, damit der nächste Schritt gelingt! Jeder soll seinen eigenen Comic (Was sind meine Stärken?) machen und ihr sollt als Team arbeiten! Ein weiteres Ziel war zu beobachten, wie die Lernprozesse so organisiert werden können, dass alle Teilnehmer/innen ihren Stärkencomic produzieren können und der Focus nicht nur auf die Förderung der I-Kinder liegt.

      

Die Integration des Projektansatzes innerhalb des regulären Unterrichts der Deutschgruppe ist eine Herausforderung für das Pädagogenteam. Die Erfahrungen aus diesem Experiment unter dem Motto „inklusive Medienbildung unter realen Bedingungen einer IGS“ werden zukünftigen Projektorganisationen nützlich sein, die Rahmenbedingungen anzupassen. Im Vornherein ist festzustellen, dass der Zeitrahmen sehr eng ist für eine Projektdurchführung dieser Art. Die Vorbereitungszeit des Pädagogenteam war zu kurz, was wiederum dem Alltag an Regelschulen geschuldet ist. Reine Förderschulen haben per se mehr „Zeit zum Austausch“ eingeplant. Denn Inklusion braucht eine „Mehr-Zeit“ um der Heterogenität gerecht zu werden.

Die mobilen Medien und gerade die iPads erleichtern heterogenen Gruppen das Erstellen eines Produktes, wie z.B. eines Stärkencomics oder einer Präsentation derart, dass viel Zeit für die inhaltliche Arbeit bleibt. Berufsvorbereitung bleibt den Schüler/n ein abstrakter Begriff. Welche Stärken brauche ich für welchen Job? Welche Stärken habe ich schon und welche kann ich entwickeln? Die meisten Schüler/innen können das von und für sich erst mal noch nicht mal formulieren. In der Arbeitswelt bekommt der Arbeitnehmer einen Arbeitsauftrag, den er meist in Abstimmung mit anderen Kollegen ausführen soll bis zu einem bestimmten Datum. In der Realität hat man es eventuell mit hilfreichen, nervigen, boykottierenden, nichtwissenden oder langsamen oder unwilligen Kollegen/innen zu tun. Viele Handicaps auf dem Weg zum Arbeitsergebnis. Betrachtet man die Gruppenaufgabe: Erstellt zusammen ein Stärkencomic mit dem iPad unter diesen Aspekten, sind ähnliche Fähigkeiten gefragt. Die Kleingruppe wird zusammengestellt und probiert mit der Technik und Arbeitsauftrag zu Recht zu kommen. In der Feedbackrunde ist dann gefragt: Was braucht ihr um zu arbeiten, genau wie im späteren Leben. Diese Fähigkeit konkret formulieren zu können, was kann ich und was brauche ich noch u.a. von Mitschüler/innen, ist ein Lernprozess. Gerade in inklusiven Klassensettings ist zu wenig Zeit für Feedback. I-Kinder laufen parallel und der erforderliche Mehraufwand wird störend empfunden. Kein Wunder, wenn die Gruppe zu groß ist, und wirklich zu wenig Zeit bleibt, die geforderten Leistungsstandards zu bringen, wenn man die nötige Zeit zum „Helfen“ verbraucht. Ein großer Gewinn ist für I-Klassen, die Herausforderungen eines inklusiven Setting zu nutzen, um die Schüler/innen auf die Arbeitswelt vorzubereiten: Ein Team zusammenzustellen und die jeweiligen Stärken effektiv einsetzen. Für die Umsetzung bedeutet dass ein „Mehr“ an Organisation und Vorüberlegung im Pädagogen Team und kleinere Gruppen. Mobile Technik kann dabei Prozesse erleichtern, weil sie Hürden abbaut bzw. I-Kinder keine technischen oder medialen Barrieren haben, um mit zu wirken. Denn einen Comic mit der App „ComicBook“ auf dem iPad zu produzieren, war für die zwei Jugendlichen mit Down-Syndrom kein Problem, Programmanwendung und Touchscreen beherrschten sie schnell bzw. brachten diese Medienkompetenz mit in die Schule. Denn fast alle Teilnehmenden haben ein Tablet oder ein Smartphone zuhause. Auf dem Weg in eine heterogene (Medien-Gesellschaft) könnte die inklusive Medienbildung einen großen Beitrag leisten. Mit Medien kommen Schüler/innen schneller und einfach an Informationen und können sich schneller und einfacher selbst ausdrücken und beteiligen. Die eigene Persönlichkeit in einer Welt voller Möglichkeiten zu entwickeln bedarf ein mehr an Betreuung und ein mehr an Orientierung. Inhalte zu sortieren und zu bewerten ist nicht nur eine Herausforderung an junge Menschen, sondern auch an die Entwickler/innen von Lehrplänen. Medien bieten Chancen für alle Menschen, sich die passenden Antworten zu suchen, wie und wo ich mich auf eine sinnvolle Suche begebe braucht Begleiter/innen mit Zeit für die vielen Fragen. Denn jeder Mensch hat andere Fragen, andere Bedürfnisse, ein anderes Lerntempo und das fehlende Bewusstsein für diese Mehr an Zeit und Wertschätzung ist vielleicht die größte Barriere auf dem Weg zu einer inklusiven Gemeinschaft.

Das Projekt mobil+stark konnte einen auffrischenden Impuls geben für die Umsetzung der Inklusion für eine Schule, die auf dem Weg ist. Die jungen Teilnehmer/innen genossen das Miteinander in den Projektzeiten und hatten viel Spaß ihren Comic zu produzieren, der ihre Stärken visualisiert. Die Arbeitsatmosphäre war über die Projektzeiten hinaus sehr gut und die Ergebnisse wie auch das Making Of mit der App „IMovie“ werden in der nächsten Schulversammlung präsentiert und die erste Nachfrage für noch ein mobil+stark Projekt mehr wurde laut!                      

Katja Batzler und Tonja Hager