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Mai bis Juni 2015

 

Dienstag, 30. Juni 2015:

Anderthalb Tage für Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche. Da alle Lehrkräfte davon betroffen sind, sprang ich für eine Kollegin in Mutterschutz in einer Klasse ein und konnte erstmals selbst dabei Erfahrungen sammeln. Als Nicht-Tutor konnte ich bisher dieses Konzeptmerkmal nur theoretisch umfassen. Ich genoss zunächst die Nähe zu den Schüler/-innen. Ich hatte kaum Kontakt zu ihnen, obwohl ich sie in der fünften Klasse doch in Musik unterrichtete. Die Struktur der Gespräche war mir durchaus bekannt und ich bemühte mich besonders, Hinweise und Unterstützung für das Lernen zu geben. Die Vielfalt der jungen Menschen beeindruckte mich besonders. Sie reichte von großem Willen, auf einen bestimmten Abschluss hinzuarbeiten bis zu ausgeprägter Schulunlust. Mir fiel Hartmut von Hentig ein mit seinem Vorschlag, ab der achten Klasse andere Formen des Lernens in entschulten Phasen zu finden, etwa in größeren Projekten (Planen, Bauen und Betreiben einer Hütte). Was soll der Schulbesuch noch erbringen, wenn vom Grundsatz oder der Pubertät oder weshalb auch immer, die Lust auf Schule derart dezimiert ist? Wenn, wo Lernen stattfinden soll, nur noch Frust und Verzweiflung oder Verweigerung vorherrscht? Wem dient eine derart verkrampfte Konstellation? Und doch können wir sie nicht auflösen, oder doch? Fragen, die mich entlang der Gespräche beschäftigen. Doch dann kehrt der Alltag einer Schule wieder ein und die Fragen bleiben unbeantwortet bestehen. Aber jemand müsste sich doch Zeit nehmen, um Lösungen zu finden. Einfach so weiter zu machen und die Schüler/-innen ohne Abschluss weiterzureichen mit dem Hinweis: „Hättest eben mehr Lernen müssen!“, ist doch in keinem Fall zielführend. Können wir uns das als Gesellschaft leisten? Mitnichten!

 

Dienstag, 23. Juni 2015:

Statt des geplanten Studientages lud ich heute zu einer Dienstbesprechung ein. Es wurde viel diskutiert in letzter Zeit, so dass es notwendig erschien, die Grundlagen einer IGS darzulegen. Alle Kolleg/-innen versorgte ich mit der Datei meines Buches und hangelte mich an Teilen seines Inhaltes entlang. Ob ich damit alle erreichte, weiß ich nicht. Erste Rückmeldungen erreichten mich: „Das war interessant. Einen solcher Einblick in die Hintergründe der IGS wurde mir bisher nicht gewährt.“ Schauen wir mal, was die sich anschließende Kartenabfrage an Themen ergibt, die wir im neuen Schuljahr dann angehen wollen. Ein erster Blick auf die ausgehängten Karten ergab durchaus auch Unwissenheit. Kopfnoten für Verhalten und Mitarbeit sind an der IGS bis Klasse acht durch die Übergreifende Schulordnung ausgeschlossen. Darüber können wir gar nicht befinden. Und wieder taucht die Sehnsucht nach homogeneren Lerngruppen auf…

 

Freitag, 19. Juni 2015:

Die Schulfahrten sind alle gut verlaufen. Während der Woche habe ich nur einen Anruf erhalten. Das bedeutet immer, dass nichts Besonderes vorgefallen sind, was sofort des Schulleiters bedurft hätte.

Ein GAU (größter anzunehmender Unfall) ist dennoch hier in der Heimat vorgefallen. Durch die reichhaltige Bürokratie klappte wohl die Abstimmung verschiedener Ebenen nicht, so dass nachgeschobene Prüfungstermine der Lehramtsanwärter beim Landesprüfungsamt nicht angekommen sind. Für mich eher eine Kleinigkeit, denn als Schule können wir eine ganze Menge durch Verschieben oder Verlegen von Unterricht regeln, für die Kandidat/-innen allerdings stellt dies ein ungemeiner und perspektivisch gravierender Adrenalinschub dar. Aber nach einigen Telefonaten und Sprünge über hemmende Hürden haben wir alle die Kurve noch gekriegt und gehen auf die Zielgerade zu.

Mich erstaunt es fast täglich, wie sich das Alla-hopp!-Gelände verändert: fast stündlich entstehen neue Hügel und Gräben, die am nächsten Tag wieder weg sind oder woanders hingebaggert wurden, weil Kabel und Abwasserrohre verlegt werden. Heute wurde die Fundamentgrube für die Felsenlandschaft ausgehoben und mit „Magerbeton“ ausgefüllt – kaltgeschüttelt oder links gerührt? Der nächste Schritt sind dann Gitter aus Armierungseisen, die bis zu fünf Meter in die Höhe ragen und anschließend mit Spritzbeton (aha!) die künstliche Felsenwand ergeben.

Eine wichtige Nachricht: der Bauausschuss des Kreises soll am 15.7. tagen und eine endgültige Entscheidung herbeiführen. Bis dahin steckt das Architekturbüro in einer völlig neuen Planung. Nach Monaten des Stopps kommt also Bewegung in das Bauvorhaben. Vor allem beruhigt mich der Hinweis vorab, dass zunächst die Räume für die Oberstufe errichtet werden sollen. Erfreut und dennoch mit einer Portion Skepsis begann ich schon mal den Schulkalender für das kommende Schuljahr zu formatieren. Derzeit versuchen wir die Zusage einer Bewerberin aus dem Auslandsschuldienst zu erhalten, was mich stark an die Planungszeit unserer Schule erinnert. Seinerzeit telefonierte die Schulaufsicht mit einer Lehrerin, die sich in Dubai aufhielt.

 

Montag, 15 Juni 2015:

Woche der Klassenfahrten – heißt die Schule ist halb leer. Kein Problem also, wenn ich bei der Schulaufsicht an Auswahlgesprächen teilnehmen muss. Diese sind zu führen, wenn Bewerber/-innen mit den gleichen Fächern über fast ähnliche Noten verfügen. Die Auswahl erfolgt dann nach Kriterien, die konkret auf die zu besetzende Stelle an der konkreten Schule ausgerichtet sind. Im heutigen Gespräch ging es aber gar nicht um eine Stelle oder Arbeitslosigkeit. Drei gleich stehende Bewerberinnen mussten für zwei Stellen an Schulen ausgewählt werden. Als eine der drei Bewerberinnen hörte, dass es sich um die Stelle an einer IGS handelt, zog sie ihre Bewerbung zurück. Also war klar, dass die beiden verbliebenen auf jeden Fall eine Planstelle erhalten würden, nur der Ort musste sich herausschälen. Also eine eher angenehme weil keine schicksalhafte Veranstaltung.

Täglich erreichen mich neue Nachrichten über die  Personalplanung für das kommende Schuljahr. Es wird eine Reihe von Neueinstellungen geben, die wegen der Oberstufe alle im gymnasialen Lehramt ausgebildet sein müssen, so die Vorgabe des Ministeriums. Bisher kenne ich aber lediglich Namen und Fächer und kann mir über die Menschen, die dahinter stehen, noch keinen Eindruck verschaffen. Das wird jetzt nach und nach kommen.

 

Donnerstag, 11. Juni 2015:

Ich erlebe es immer wieder als erhebend, wenn ein Produkt am Ende einer langen Entstehungszeit schließlich fertig auf dem Tisch liegt. Heute bekam ich die Nachricht aus „meinem“ Bad Dürkheimer Verlag: „Dein Buch ist fertig!“. Nun ist es also geschrieben und erhältlich. Wie immer beschleicht mich das Gefühl, dass es noch gar nicht fertig sei, dies gehöre noch dazu und an der einen oder anderen Stelle hätte das noch hineingehört oder jenes deutlicher formuliert werden müssen, aber irgendwann muss der Schlusspunkt eben her. Aus meinem Blickwinkel heraus habe ich die IGS umschrieben, habe meine 23 Jahre Erfahrung an verschiedenen Gesamtschulen hineingewoben, habe aus Ursprungsquellen des Deutschen Bildungsrates die ersten Ab- und Ansichten herausgeholt und damit einer jungen Generation zugänglich gemacht, habe inhaltlich und strukturell meine Auffassung formuliert und stets auf den pädagogischen Blickwinkel geachtet. Nun muss ich das Buch „Deshalb IGS“ loslassen und schauen, was es mit den Leser/-innen anstellt. Wer weiß, vielleicht füllt das Buch in der rheinland-pfälzischen Gesamtschullandschaft eine Lücke oder kann als Grundlage für weitere Diskussionen sorgen. In der Direktorenvereinigung IGS diskutieren wir zur Zeit genau das: Was ist das „Label“, das Kennziechen und der notwendige Inhalt einer IGS. In der Frage der Differenzierung kann das Buch historisch orientieren, weil darin die Entwicklung von der äußeren Fachleistungsdifferenzierung mit drei Niveaus bis hin zu den heterogenen Lerngruppen nachzulesen ist. Ein eigenes Kapitel stellt meine Auffassung zur Heterogenität dar, auch das ein stets wiederkehrendes Thema, weil die Sehnsucht nach homogenen Lerngruppen (die es ja eigentlich nie gegeben hat, wenn man genau hinschaut) nach wie vor präsent ist, weil sie scheinbar die Belastungen der Lehrkräfte vermindert. Dabei sind wir (außerhalb der Schullandschaft?) längst einen Schritt weiter in Richtung Individualität und Vielfalt – hängen aber am gleichschrittigen Unterricht, den wir alle aus der eigenen Schulzeit zu adaptieren gewohnt sind.

Etwas überraschend wurde ich zu einem Rundgang über die Baustelle der Alla-hopp!-Anlage eingeladen. Ein diagonal angelegter Weg, der einen vermuteten Trampelpfad „aufsaugen“ soll, muss beleuchtet werden. Wo sollen also welche Lampen hin? Hmm, bin ich Außenbeleuchter? Gewiss nicht, aber ich habe Wünsche und Einschätzungen. Faszinierend, wie früh diese Gedanken diskutiert werden, aber wenn das Gelände so offen daliegt, sind geschickter Weise die Leitungen zu verlegen, nicht erst, wenn der endgültige Bodenbelag aufgebracht worden ist.  Am Rande erfuhr ich aber Neues über den Schulbau, über die Gespräche in den Fraktionen des Kreistages und Tendenzen. Noch ist nichts beschlossen und nichts in trockenen Tüchern. Der Projektstopp bleibt also weiter bestehen. Bin wirklich auf den ersten Spatenstich gespannt!!

 

Dienstag, 09. Juni 2015:

So kann es gehen in der Demokratie: Wir hatten ein für mich einmaliges Angebot bekommen, innerhalb von drei Jahren an einer so genannten pädagogischen Werkstatt mitzuarbeiten. An verschiedenen Studientagen sollte es als Schulgemeinschaft um gemeinsame Unterrichtsentwicklung gehen – eigentlich genau das, was wir brauchen. Im Gesamtteam haben wir darüber bereits abgestimmt als Voraussetzung, uns überhaupt anmelden zu können. Da gab die Abstimmung eine deutliche Mehrheit. Da das Gesamtteam aber über keine beschließende Kompetenz verfügt, musste ein Beschluss der Gesamtkonferenz nachgereicht werden. Und heute nun erfolgte eine Lehrstunde in Demokratie. Der Antrag, der zur Abstimmung stand, lautete: Sollen wir teilnehmen oder nicht. Nach dem Auszählen der schriftlich und damit geheim abgegebenen Stimmzettel stand eine knappe Mehrheit gegen den Antrag fest. Allerdings gehört zum Ergebnis ebenfalls eine stattliche Zahl an Enthaltungen. Das bedeutet aber, dass der gestellte Antrag nicht angenommen wurde. Die Enthaltungen wirkten als Gegenstimmen. Bei solch wichtigen Abstimmungen muss ich mich entscheiden, muss ich zu einer Auffassung kommen. Nicht umsonst kennt die Konferenzordnung bei Zeugniskonferenzen die Enthaltung nicht. In meinen Augen haben wir damit die Chance einer Schulentwicklung ungenutzt durchgewunken. Aber, auch das steht formuliert fest: Der Schulleiter muss die Beschlüsse der Gesamtkonferenz umsetzen. Betroffen und verwundert werde ich das jetzt eun und uns erst einmal wieder abmelden. Da ich die Referentin des Landesinstitutes persönlich kenne, hoffe ich, dass wir da ohne Gesichtsverlust wieder rauskommen.

 

Montag, 08. Juni 2015:

Der Begriff „Landesschultheatertage“ (LSTT) ruft heftige Erinnerungen wach, denn zu meiner Zeit fanden diese an der IGS Mutterstadt statt. Die ganze Schule war involviert. Vom Fähnchen nähen im WPF, die dann die Straßenlampen um die Schule schmückten, über die Umkremplung einiger Klassenzimmer in Matratzenlager, das gemeinsame Frühstück des Fördervereins und, nicht zuletzt, die Theaterzeitung, die zu jedem Frühstück vorlag. Ich ließ mir damals die Theaterbesprechungen und Fotos vom Abend zumailen und layoutete sie noch in der Nacht. Morgens um sechs Uhr druckte ich sie in der Schule aus und kopierte sie. Pünktlich und druckfrisch wurde sie den Verteilern zum Frühstück aus der Hand gerissen. Ein Abenteuer! Weshalb schreibe ich das hier auf? Die LSTT 2015 finden in Bad Dürkheim statt! Und eine unserer DS-Gruppen wurde zum Mitmachen zugelassen. Natürlich machte ich mir Zeit, um wenigstens die Eröffnung im Stadthaus miterleben zu können – eine Gala der Fantasie und Darstellungskunst.

Zurück in der Schule erwartete mich eher die trockene Kost der Personalplanung. Stunden und Zahlen berechnen, Absprache der Fächer und Zuweisungen durch die Schulaufsicht. Es zeichnet sich aber eine Einstellungsrunde ab, mit der wir gut arbeiten können.

 

Mittwoch, 03. Juni 2015: 

Eine Sitzung des Vorstandes der Direktorenvereinigung IGS führte mich nach Bad Kreuznach. Da zwei Mitglieder aus dem Norden des Landes kommen, ist die IGS in Bad Kreuznach fahrstreckenmäßig ein günstiger Tagungsort. Da mit der Zahl von 55 IGSn im Lande eine gewisse Sättigung erreicht ist, muss es in einem weiteren Prozess jetzt darum gehen, die Inhalte einer IGS zu besprechen. Was muss „drin“ sein, damit IGS draufstehen kann? Bei dem Treffen im Oktober wollen wir damit den Tag gestalten, um ein „Label der IGS“ zu entwickeln. Da bald mein Buch „Deshalb IGS“ erscheint, will ich gerne mit den Recherchen dazu beitragen. Zudem arbeite ich seit nunmehr 23 Jahren in unterschiedlichen Funktionen an verschiedenen Gesamtschulen. Allein dadurch wuchs in mir ein Erfahrungspool und ein „Archiv der Anfänge“ heran, das die Mitstreiter bei der Wahl eines Referenten als gute Grundlage ansahen. Das wird dann eher „Georgs Label einer IGS“, aber als Diskussionsgrundlage ist es ja nicht das schlechteste. Immerhin sind darin die Anfänge enthalten (damals gab es erst fünf IGSn und die Inhalte waren deutlich), ebenfalls die Diskussionen des stetigen Aufbaus, von der kleinen Familie zu Beginn der Neunziger Jahre bis hin zu der großen Runde heute, die in manchen Fällen über keine eigene Gesamtschulerfahrung verfügen. Könnte also spannend werden.

 

Dienstag, 02. Juni 2015:

Schwerpunktschule und nach Leistung beurteilende Bundesjugendspiele? Das will nicht so recht passen. So entstand die Idee eines umfassenden Sportfestes mit den verschiedensten Aspekten: da ging eine Gruppe in die Umgebung wandern, eine andere ins Schwimmbad, weitere betätigten akrobatisch, jonglierten mit Tellern und Keulen und betätigten sich gar als Feuerspucker. Ein herrliches Fest! Den ganzen Vormittag versuchte ich diese wunderbare Atmosphäre einzuatmen, wo immer es mir möglich war. Dafür, dass wir uns zum ersten Mal an dieses Event wagten, war es voll gelungen. Die heute gemachten Erfahrungen werden im kommenden Schuljahr weitere positive Akzente setzen können.

 

Samstag, 30. Mai 2015:

Das hat die Schule noch nicht erlebt: Um die Fahrt nach Cuisery besser finanzieren zu können, fand heute ein kabarettistisch verstandener Konzertabend statt. Unter dem Titel „Duell der Schellack-Diven“ konkurrierten die beiden Sängerinnen auf der Bühne miteinander. Herrlich und wunderbar! Nur schade, dass so wenige der Einladung gefolgt sind.

Das zweite Highlight war ein Theaterstück mit der Lebenshilfe in Neustadt. Wie studiert man mit geistig beeinträchtigten Menschen ein solch mitreißendes Theaterstück ein? Die Idee ist im Grunde einfach: Am Anfang steht nicht ein Text, der inszeniert auf die Bühne gebracht wird. Am Anfang stehen die Themen der Beteiligten Schauspieler, die dann zu einem Theaterstück zusammengebaut werden. Da wird kein Text gelesen, da wird eine Quizshow, die aus dem Fernsehen bekannt ist, nachgespielt. So herum wird ein Schuh draus. Beeindruckend! Gleich habe ich zugesagt, dass die Gruppe im kommenden Jahr gerne wieder bei uns auftreten kann. Und dann hoffentlich mit noch mehr Besuchern.

 

Donnerstag, 21. Mai 2015:

Sitzfleisch war heute wieder gefragt, denn ein Erstes Staatsexamen in zwei Fächern abzulegen und die Lehrproben zu besprechen, ist ein eigenes Verfahren, das die Anwesenheit des Schulleiters erfordert, der aber nur eine untergeordnete und schweigende Rolle dabei spielt. Glückwunsch allenthalben: Jetzt sind es sechs Lehramtsanwärter, die für das Lehramt an Realschulen bisher bei uns erfolgreich ausgebildet worden. Das ist ein ganz wichtiger Abschnitt und ein nicht zu unterschätzender Erfolg, selbst wenn es mit einer Planstelle nicht gut aussieht: Dieses Staatsexamen kann  niemand mehr wegnehmen und kennzeichnet den Lebenslauf!

Am Nachmittag dann fand die AQS-Rückmeldekonferenz statt. Erste Ergebnisse und ein Weltcafè zur Weiterarbeit. Einige Daten vorab, die durch die Umfrage anonym erhoben wurden. Unsere Schule erscheint nicht schlecht darin durchaus positiv:

  • 85 % der befragten Eltern würden ihr Kind nochmal auf unsere Schule schicken.

  • 72 % der Schüler/-innen gehen gerne in diese Schule, die Eltern sind gar zu 92 % der Meinung, ihre Kinder würden gerne zu uns in die Schule gehen.

  • 88 % der Lehrkräfte geben an, gerne an dieser Schule zu arbeiten.

  • Schüler/-innen geben zu 75 % an, im Unterricht durch Lehrerverhalten bestärkt und gelobt zu werden, der Wert am Tag des Schulbesuchs liegt sogar etwas höher bei 82 %.

  • 92 % der Schüler/-innen geben an, mit den Leistungsanforderungen klar zu kommen.

  • Am Schulbesuchstag beteiligten sich in den besuchten Stunden 100 % (!) der Schülerschaft am Unterricht. Das kann ich fast nicht glauben, aber der Wert ist ja wissenschaftlich abgedeckt. 

    Natürlich gibt es auch weniger positive Werte; aber zunächst muss der Datenstick, den ich heute mit allen Daten erhalten habe, in all seinen Tiefen ausgewertet werden. Daraus werden dann wiederum zwei Zielvereinbarungen mit der Schulaufsicht vereinbart.

 

Mittwoch, 20. Mai 2015:

Früh machte ich mich auf den Weg nach Mainz, auf dem Programm stand die Dienstbesprechung der Schulleiter/-innen an Schwerpunktschulen. Dabei gab es Situationen, die mir den heutigen Weg nach Mainz verleideten: Das erste Arbeitstreffen mit den beiden (bekannten) Referenten und den Schulleiter/-innen der an der pädagogischen Werkstatt teilnehmenden Schulen (siehe Eintrag vom 28. April) fand ebenfalls heute statt. Da hätte ich gerne teilgenommen. So teilten wir uns die Arbeit: Die didaktische Koordinatorin fuhr nach Speyer, ich nach Mainz. Wie viele IGSn unter den Schwerpunktschulen sind, wurde mir wieder klar, als ich die vielen bekannten Gesichter bei der Begrüßung sah. Huch, die neue Ministerin ist auch schon da? Die steht doch erst am Nachmittag auf der Tagesordnung? Egal, denn nicht zu verfehlen beim Betreten des Saales: Rainer Schmidt! ich wollte auf alle Fälle ein paar persönliche Eindrücke im Gespräch mit ihm mitnehmen und steuerte ihn gezielt an. Nach dem Lesen seines Buches wollte ich nicht verdattert vor der Frage stehen: Wie begrüßt man einen Menschen ohne Hände mit verkürzten Unterarmen? Ich hatte vor, uns mit dem zu begrüßen, was eben da ist und ergriff den mir entgegengestreckten kurzen Arm. Dass Rainer Schmidt genau eine solche Situation in seinem ans Kabarettistische grenzenden Vortrag einbaute, wusste ich natürlich nicht, zeigt aber, dass ich gut vorbereitet war. Wahrlich, ein besonderer Mensch, der glaubhaft seine Grenzen akzeptiert hat, daraus Wunderbares schafft, trotz manchem (rheinländisch-kölsch) geprägten Humorgipfel, die ich nicht alle nachvollziehen konnte, schlug er stets den Bogen zum theologischen Tiefsinn eines Pastors. Meine Erwartungen, die ich aus der Lektüre seines Buches heraus aufbaute, waren nicht übertrieben. Eine einmalige Begegnung!

Immerhin brachte ich noch drei positive Nachrichten aus Mainz mit, die ich dann aber erst notiere, wenn ihre Umsetzung gelungen ist. Der Workshop am Nachmittag, bei dem es um die Bedeutung der persönlichen Haltung des/der Schulleiters/-in zur Inklusion gehen sollte, war mehr ein „Sitz- und Zuhörshop“, aus dem ich nicht bereichert hervorging. Schön, dass ich auf der Rückfahrt von Mainz den Tag mit seinen vielen Begegnungen revuepassieren lassen konnte, bevor am Abend noch die Informationsveranstaltung zu unserem Differenzierungsmodell und zu den Abschlüssen für Eltern des sechsten Jahrgangs mit mir als Referenten stattfand. Angeregt durch Rainer Schmidt, brachte ich auch wieder einige der Eltern zum Lachen. Ein reichhaltiger Tag also, an dessen Abschluss ich wieder einmal glücklich mit meinem Beruf und seinen vielseitigen Facetten.

 

Montag, 18. Mai 2015:

Mit den Verantwortlichen des Landkreises fand am Nachmittag ein Gespräch mit dem neuen eventuellen Caterer statt. Auch hier würde das Essen täglich frisch gekocht, Produkte der Region würden verarbeitet, man kann täglich bis neun Uhr ab- und zubestellen und der Preis ist für die Kreisverwaltung akzeptabel. Das geplante Kiosk und die eventuelle Schülerfirma müssen dann eben warten, bis Klarheit über die Mensa herrscht. So gesehen ein Abschluss, wenn auch ein vorläufiger, denn wir vereinbarten heute, lediglich Jahresverträge  abzuschließen. Der „große Wurf“ kann dann später noch erfolgen.

Vor einigen Tagen erhielt ich den Druckbogen meines Buches. Es trägt den Titel: „Deshalb IGS – Positionen und Hintergründe zur Integrierten Gesamtschule mit Beiträgen aus Schulleiters Tagebuch 1 bis 3“. Eigentlich geht es jetzt nur darum, letzte Korrekturen anzubringen, der Textkorpus steht. Da ich aber inzwischen von Rainer Schmidt „Lieber Arm ab als arm dran“ gelesen habe, wollte ich unbedingt noch einige weitere Seiten einfügen. Da es sich um zusammenhängende Seiten handelt, ist dies auch ohne viel Aufwand möglich. Vorab möchte ich sie hier vorlegen:

Das „scriptum digitale“ dieses Buches hatte ich schon zur Erstellung des Druckbogens beim Verlag eingereicht, da wurde ich auf Rainer Schmidt aufmerksam. Sein Vortrag mit dem Titel „Von der Lust am Gelingen und vom Glück des Scheiterns“ steht auf der Tagesordnung der Dienstbesprechung der Schulleiter/-innen von Schwerpunktschulen. Solche Sätze erstaunen mich zunächst, machen mich dann neugierig und stacheln den „Forscher“ in mir an. Ich fand heraus, dass Rainer Schmidt ohne Unterarme und mit einem verkürzten Oberschenkel auf die Welt kam, dass er mittels einer eigens für ihn hergestellten Armprothese bei den Paralympics mehrere Goldmedaillen im Tischtennis errungen hat, evangelischer Pastor ist und  zusätzlich als Kabarettist durch die Lande tingelt – welch eine Bündel von Talenten, dem ein Buch mit dem Titel „Lieber Arm ab als arm dran“ zu verdanken ist. Darin fand ich zum ersten Mal den „Blick von innen“ eines konkret Betroffenen zum Thema Inklusion formuliert, der den theoretisch formulierten Anspruch von Universitäten, Konventionen und Gesetzen ins praktische Leben überführt. Seine Sichtweise ist dermaßen erfrischend und hat mich so beeindruckt, dass ich die folgenden Seiten unbedingt aufnehmen wollte und für das vorliegende Buch noch nachgereicht habe.

„Es ist noch kein Jahr her, da habe ich Inklusion als ‚die Kunst des Zusammenlebens von sehr verschiedenen Menschen‘ definiert. […] Heute denke ich, Inklusion ist eigentlich der Normalfall. Wir müssen einfach aufhören, Menschen, die zusammengehören, voneinander zu trennen. Da würde aus der Kunst des Zusammenlebens von sehr verschiedenen Menschen schnell eine Selbstverständlichkeit werden“ (Schmidt, Rainer Persönliche Bestzeit, Warum es unerlässlich ist, Menschen nicht voneinander zu trennen, Zeitzeichen, Hamburg, 2/2014, S. 30). Diese Sichtweise beruht auch auf einer trotz „Behinderung“ gelungenen Kindheit, die Rainer Schmidt eine grundlegende und prägende Erfahrung des Dazugehörens, des Normalseins vermittelte:

„Und so wuchs ich sechs Jahre lang gemeinsam mit allen Kindern des Dorfes glücklich auf. Ich gehörte zu den Kindern des Dorfes und entdeckte spielend die Welt, na gut, das Dorf. Dass ich nicht alles machen und mitmachen konnte, störte weder mich noch andere. Die Älteren konnten mehr als die Jüngeren, Kinder mit Händen mehr als Kinder ohne Hände, wohlhabende mehr als arme Kinder. Zusammengehörigkeit war bei aller Verschiedenheit völlig normal. Und gegenseitige Unterstützung auch. Wer nicht allein über den Bach springen konnte, dem wurde geholfen. Und beim Völkerball war es verboten, auf meine Beine zu werfen, da ich den Ball dort nicht fangen konnte“ (ebd.).

Dieses positive Lebensgefühl änderte sich jäh, als Rainer Schmidt, nach einigen Kämpfen, mit einem Kleinbus in eine weit entfernte Sonderschule für Körperbehinderte gefahren wurde (in Rheinland-Pfalz würde man sagen: Förderschule mit dem Schwerpunkt motorische Entwicklung). Das bedingte, dass der Kontakt zu seinen Dorffreunden unterbrochen wurde. Er kam erst spät nachmittags nach Hause zurück und konnte sich daher nicht mehr mit ihnen treffen – plötzlich war er aus der Normalität herausgerissen und gehörte nicht mehr dazu (vgl. Schmidt, Rainer, Lieber Arm ab als arm dran, Grenzen haben – erfüllt leben, München 2010, S. 34ff). Die Grundlage dafür stellte seine Behinderung dar. Schmidt fordert den/die Leser/-in auf, für sich selbst eine Definition für „Behinderung“ zu formulieren. Für wahr, eine nicht einfach zu lösende Aufgabe. Immer wieder kam mir ein Aspekt zu kurz oder ich musste noch weiter denken. Also ließ ich mich nicht länger von der weiteren Lektüre abhalten. Die Frage blieb im Raum: Was heißt eigentlich „behindert“?

„‘Behindert‘ sind Menschen mit kurzen Armen, ebenso wie Menschen ohne Augenlicht. Mancher ist leicht behindert, denn er hat nur Plattfüße, andere sind schwerstmehrfachbehindert, denn sie können weder sprechen, noch gehen, noch Mathematikaufgaben lösen. Jeder Mensch ist einzigartig. Und jede Einschränkung hat etwas Einzigartiges. Vielleicht ist es deshalb so schwer zu beschreiben, was genau wir unter Behinderung verstehen. Ich glaube sogar, die Einteilung der Menschen in ‚Behinderte‘ und ‚Nichtbehinderte‘ ist eine Erfindung unseres Denkens. Sie ist nicht zwingend und sie ist sachlich schwer zu begründen. […] Statt Menschen in Kategorien einzuteilen, plädiere ich dafür, die Individualität eines jeden Einzelnen zu wahren. Denn jeder Mensch hat seine ganz eigenen Begabungen und Grenzen“ (ebd. S. 51).

Und wie ist Behinderung offiziell formuliert? Drei Definitionen führt Rainer Schmidt an: die der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die aus dem Sozialgesetzbuch und als dritte die aus dem Schwerbehindertengesetz. „Alle diese Bestimmungen beschreiben Behinderung erstens als eine Abweichung von der Norm, vom Typischen, und zweitens als Funktionseinschränkung“ (ebd. S. 53). Die WHO und das Sozialgesetzbuch erwähnen als drittes Kriterium die Benachteiligung im sozialen Leben. Problematisch bei allen dreien ist natürlich der Begriff der Norm. Wie ist diese gefasst? Wer legt sie fest? Wer bestimmt Kriterien für das, was „normal“ ist? Ich selbst etwa trage seit meinem zwölften Lebensjahr eine Brille und bin ohne sie in der Funktion des Sehens in meinem alltäglichen Leben stark eingeschränkt. Morgens ist das erste, was ich tue, diese Brille aufzusetzen und das letzte eines jeden Tages ist es, sie abzusetzen. Sie hat daher einen festen Platz neben meinem Bett. In jedem Urlaub suche ich eine sichere Stelle für sie. Ohne diese Sehhilfe könnte ich meine Umgebung nur schemenhaft erkennen, sähe alles nur unscharf und verschwommen, könnte meinen Beruf nicht ausüben, könnte nicht Autofahren, keinen Film mit Gewinn anschauen und auch die Kinder im Klassenzimmer müsste ich hauptsächlich an der Stimme unterscheiden – dennoch gelte ich nicht als „behindert“, denn durch meine Brille wird die drohende und andauernde Benachteiligung im sozialen Leben aufgehoben. Falle ich damit aus der „Norm“ heraus? Oder holt mich die Brille wieder in diese zurück? Im Alter gesellte sich noch dazu, dass ich ohne Brille nur noch „mit langen Armen“ lesen kann. Legt also jemand die Norm der Sehstärke für „nah und fern“ fest, dann befand und befinde ich mich außerhalb derselben. Aber Alterssehschwäche ist doch „normal“, oder? Daher formuliert Rainer Schmidt:  „Wir sind es, die festlegen, was normal ist, nicht die Natur. In der Natur scheint es völlig normal zu sein, dass bei einer Million Geburten zwei Kinder mit ähnlichen körperlichen Ausprägungen zur Welt kommen, wie ich sie aufweise“ (ebd. S. 59). Es sind nicht  die körperlichen, psychischen und physischen Begrenzungen, die maßgeblich zur „Behinderung“ führen, sondern entscheidend ist die eingeschränkte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft. „Sobald andere mich als ‚unnormal‘ abqualifizieren oder ich selbst mich als nicht ‚normal‘ fühle, beginnt die Behinderung“ (ebd. S. 60). Somit stehen wir vor demselben Zusammenhang wie bei der Bestimmung von Heterogenität: Wir selbst sind es, die die Kriterien hier wie dort aufstellen. Je nachdem, wie weit, wie eng oder wie begründet wir beide Begriffe fassen, betreffen sie entscheidend Kinder und Jugendliche in zentralen Fragen. Und wieder ist es ein Bild des Menschen insgesamt, von welchem sich ein solcher Vorgang ableitet, sind es unsere eigenen Festlegungen, mit denen wir eine Trennung der einen von den anderen rechtfertigen. Wie befreiend (und demütig?) dagegen die Erweiterung von Rainer Schmidt:

„[…] alle Menschen sind in ihren Funktionen, Fähigkeiten und Begabungen begrenzt. Niemand kann alles. Jede und jeder von uns hat Schwächen und Einschränkungen. Um es allgemein zu formulieren: Wir Menschen sind prinzipiell begrenzte Wesen […] Wir brauchen Zeit und Raum, um Dinge zu lernen und Fähigkeiten zu trainieren. Ich habe mich in der Jugend für Tischtennis entschieden. Diese Entscheidung für etwas stellte zugleich eine Entscheidung gegen etwas anderes dar. Wir Menschen müssen uns damit abfinden, dass wir nicht alle Fähigkeiten gleich gut entwickeln können. Immer werden wir begrenzt sein. Das gilt für Menschen mit besonderen Grenzen (= ‚Behinderte‘) und für Menschen mit gewöhnlichen Grenzen (= ‚Nichtbehinderte‘). Darin besteht für mich, den Theologen, der Unterschied zwischen Gott und Mensch. Der Mensch ist räumlich und zeitlich begrenzt, Gott ist zeitlos und überall. Sie merken schon, ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied zwischen ‚Behinderten‘ und ‚Nichtbehinderten‘. Für mich sind stattdessen alle Menschen begrenzt“ (ebd. S. 64).

Schmidt erweitert auch die Frage, welcher Unterstützung jeweilige Grenzen bedürfen, auf alle Menschen. In der Menschheitsgeschichte wird der Zeitpunkt, ab dem sich der Mensch Werkzeige und Hilfsmittel schuf, um damit das Leben und seine Möglichkeiten zu erweitern, als der wesentliche Anfangspunkt gesehen, an dessen aktuellem Entwicklungsstand die heutige Welt erst ermöglicht wurde. Gerade diesen Entwicklungsschritt nun zu verwenden, um Menschen mit Grenzen zu bestimmen, wirkt daher (verharmlosend) zumindest bestreitbar.

„Wir alle erweitern unsere Grenzen mit Hilfsmitteln. Wir gehen vermutlich keinen Kilometer außerhalb des Hauses ohne Schuhe – ich gehe keinen ohne Beinprothese. Und ist nicht ein Unterschenkelamputierter, der bei den Paralympics die 100 Meter mit Prothese in 11,5 Sekunden läuft, weniger behindert, als ein gleichaltriger Mann mit Unterschenkel, der sie in 20 Sekunden läuft? Wir kämen nicht auf die Idee, eine heiße Suppe ohne Löffel zu essen. Ich brauche einen Löffel und meine Uhr, um zu essen, denn mit der Uhr kann ich den Löffel festhalten […] Es ist eine Illusion, der Mensch mit gewöhnlichen Begrenzungen sei selbstständig. Wir alle sind ständig auf andere Menschen angewiesen […] Wer wie viele Menschen und wer welche Hilfsmittel benötigt, ist so individuell, wie Menschen verschieden sind“ (ebd. S. 73f).

Das Verständnis des Begriffes „Behinderung“ als körperliche, seelische oder geistige Einschränkung hilft also nicht weiter, denn stets entscheidet die Antwort fälschlicherweise über einen prinzipiellen Unterschied, wo es sich doch nur um einen graduellen handelt. Dies verhält sich auch bei den notwendigen Hilfsmitteln und der Hilfsmenschen nicht anders. Wann etwa bin ich berechtigt, eine neue Brille, eine zusätzliche Prothese oder einen betreuenden Menschen zu beantragen? Wie hoch ist der Prozentsatz (!) meiner „Behinderung“ errechnet und zuerkannt worden, um einen entsprechenden Ausweis und die damit verbundenen Berechtigungen zu erhalten? Wer mag bei beidem eine gültige und stichhaltige Grenze ziehen? „Erst die Ausgrenzung macht aus einem begrenzten Menschen einen ‚Behinderten‘. Behinderung ist vor allem ein Problem der Ausgrenzung, nicht so sehr ein Problem der Einschränkungen“ (ebd. S. 75). Aus seinen praktischen Erfahrungen führt Rainer Schmidt an, wie vielseitig diese Ausgrenzung im Alltag und damit die Nicht-Teilnahme am Leben stattfinden kann:

1. „Ich kann nicht mitmachen wegen meiner Grenze“, etwa Geige spielen in einem Orchester (vgl. ebd. S. 76);

2.„Ich kann nicht mitmachen wegen der Umstände“, etwa kann ich ein bestimmtes Gebäude nicht nutzen, weil es nicht barrierefrei ist (vgl. ebd. S.77) – oder ich werde vom Lernen in einer Regelschule ausgeschlossen;

3. „Ich darf nicht mitmachen, weil andere das verhindern“, etwa durch Aussonderung els verletzender Worte, Blicke und Gesten (vgl. ebd. S. 80);

4.  „Ich will nicht (mehr) mitmachen“, weil sich die Ausgrenzung „in mich hineingefressen hat (vgl. ebd. S. 81).

Solche Ausgrenzungen finden in Gruppen/Klassen/Gemeinschaften von Kindern und Jugendlichen wiederum auch fern vom Thema „Behinderung“ statt. Ebenfalls unabhängig von „Behinderung“ wird jeder Pädagoge sie dort gemeinsam mit allen Betroffenen aufzulösen versuchen. Überall bedürfen Ausgrenzungen eines einfühlsamen und respektvollen Umgangs miteinander.

„Nur der Gedanke des Ausgleichs und der Solidarität nötigt uns festzulegen, was eine Behinderung ist. Ansonsten ist die Aufteilung in Menschen mit und Menschen ohne Behinderung nicht sachgerecht. Jeder Mensch hat seine individuellen Grenzen und Möglichkeiten. Jeder ist anders, das ist normal. Und so kann jede und jeder erleben, was viele Menschen auf Grund ihrer körperlichen oder geistigen Grenzen erleben: Man wird auf die Grenze reduziert, man wird nicht als gleichwertiger Partner angesehen, man gehört nicht dazu“ (ebd. S. 83).

Rainer Schmidt formuliert als Ziel seines Buches eine veränderte Sichtweise zu unseren Einschränkungen, Hindernissen und Grenzen zu gewinnen (vgl. ebd. S.18). Reichhaltig belegt mit seinen eigenen Erfahrungen bewirkte er (zumindest bei mir) einen erweiterten Blickwinkel und eine Bestätigung darin, dass Schule, nicht erst seit der UN-Behindertenkonvention, eine inklusive Schule sein muss, die nicht ausgrenzt und aussondert. Der Mensch ist, so habe ich im Studium gelernt, zuallererst ein zoon politikon, ein soziales Wesen innerhalb einer Gemeinschaft. „Unser Glück und Unglück entscheidet sich überwiegend an den Beziehungen, in denen wir leben. In ihnen erfahren wir das größte Glück und das tiefste Unglück. Gute Beziehungen sind viel wichtiger als Unversehrtheit“ (ebd. S. 124). Genau dieses Dazugehören höre ich als größten Gewinn der Schwerpunktschule aus der Praxis unserer Schule. Die Schüler/-innen mit besonderen Grenzen gehören zu uns, sind fester Bestandteil in der Schule und bereichern diese, sei es, dass sie jede Woche in ihrem Fach „Lebenspraxis“ für alle ein gesundes Frühstück planen, herrichten und allen anbieten, sei es einfach dadurch, dass sie auf dem Schulhof und in den Klassen in ihrem So-Sein an- und wahrgenommen werden. Mir fällt kein Grund ein, der sie von unserer Schulgemeinschaft ausschließen sollte. Daher gefällt mir der Gedankengang von Otto Herz so gut:

„Integrieren kann ich nur Jemanden oder etwas,

der oder was vorher ausgesondert wurde.

Integration ist immer ein nachträglicher Vorgang.

Der Integration ist die Aussonderung immer vorangegangen.

 

Inklusion meint: es wird nicht mehr ausgesondert.

Alle in all ihrer Unterschiedlichkeit leben, lernen, arbeiten:

mittendrin in der Fülle des SEINs.“                                                                                                          (Otto Herz, zit. nach: www.lebenslernorte.de)

Nach Jahrzehnten der Integrierten Gesamtschule, die das aussondernde Schulsystem überwinden will, stellt sich daher für mich die Frage, ob sich die IGS nicht konsequenterweise dem Anspruch stellen müsste, sich als Inklusive Gesamtschule zu verstehen bzw. in dieses Verständnis grundsätzlich hinein zu entwickeln. Erst dann stellte sie, in einer Schulform vereint, die umfassende Alternative zum viergliedrigen Schulsystem dar. Alle lernen und leben individuell darin, werden gefördert, wo und wie sehr dies notwendig ist, unabhängig von den Begrenzungen, die jeder mit sich bringt und die nur graduell, nicht aber prinzipiell unterschiedlich sind. Am Ende seines Buches notiert Rainer Schmidt, wie er sich eine inklusive Welt erträumt. Die Formulierungen dieses Traumes können auch als Leitbild oder als pädagogisches Programm einer solchen Inklusiven Gesamtschule gelesen werden. Auch diese ist einen Traum wert:

 „Ich träume von einer Welt, in der…

…alle wissen, dass Menschen zugleich begrenzt und begabt sind. Da wäre niemand unnormal, weil keiner normal wäre.

…die Besonderheit eines Menschen nicht zum Anlass genommen wird, diesen auszulachen, auszugrenzen oder abzuwerten. Da müsste niemand vor seinen eigenen Grenzen weglaufen und niemand hätte es nötig, seine Grenzen voller Scham und Angst zu verbergen. Da verlören die Grenzen ihren Schrecken, ja ihre Bedeutung.

…wir unsere festgefahrenen Bilder über Behinderte, Ausländer, Frauen…  aufgeben, weil niemand diesen Bildern entspricht.

…die Menschen lernen, ihre verrückbaren Grenzen zu erweitern, ihre unverrückbaren Grenzen zu akzeptieren und beides voneinander zu unterscheiden. Da würden die Menschen dankbar sein für die vielen Möglichkeiten des Lebens. Und sie würden die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren nicht mehr spüren.

…Menschen mit besonders engen Grenzen Hilfsmittel und Hilfsmenschen haben, damit sie am Leben teilhaben können. Wer nicht mitmachen kann, ist dennoch dabei.

…Helfende und Hilfe Suchende einander wie Partner behandeln. Da müsste sich niemand mehr klein fühlen, wenn er um Hilfe bittet.

…der Mensch wichtiger ist als seine Leistung. Da würde niemand am Leben verzweifeln müssen, weil er zu nichts mehr nütze ist. Da würde kein Leben verhindert werden, weil es nur eine Last wäre.

…das Wesen eines Menschen wichtiger ist als sein Körper. Da würde das Funkeln der Augen eines Menschen mehr beeindrucken als makellose Schönheit.

…sich Menschen an ihren Gaben freuen, ohne es nötig zu haben, sich über den weniger Begabten zu erheben. Welche Gabe haben wir uns schon selbst zu verdanken?

…jeder Mensch als Bereicherung verstanden wird, nicht als Schaden. Da wäre jeder gewiss, meine Würde wäre auch dann geachtet, wenn ich nicht mehr für sie einstehen kann“ (ebd. S. 197f).

Soweit also das noch nachgereichte Kapitel. Ich denke, es enthält genügend Gedanken, um sowohl hier als auch in dem Buch erscheinen soll

 

Dienstag, 12. Mai 2015:

Zur Entlastung, damit der Musikunterricht durch Umverteilung möglich ist, „schiebe“ derzeit zusätzlich Vertretung in Wachenheim. Durch eine aktuelle Krankmeldung nahm ich gleich zwei Klassen im BK-Saal zusammen. Mit Gitarre, Schullied (bei dieser Schülermenge erstmals im Jahrgang vierstimmig angestimmt) ist das zu machen und erspart einer/m anderen Kolleg/-in eine Vertretungsstunde. Alltag eben an einer gewachsenen Schule.

Gerade noch rechtzeitig konnte ich mich anschließend in der Kreisverwaltung einfinden. Ich erfuhr, dass alle Planungen für den neuen Caterer auf null gestellt werden müssen. Die derzeitige (zunächst) geringe Anzahl an Mittagessen treibe den Preis so hoch, dass der Kreis über seinen Grundsatzbeschluss hinausgehen müsste. Die Essenszahl auf die „magische Zahl“ achtzig hochzubringen, sei angesichts der bevorstehenden Baumaßnahmen ein riskantes Unternehmen, zumal derzeit ja noch nicht einmal klar sei, ob die Mensa überhaupt stehen bliebe. Ein günstigerer Essensanbieter sei aber in Deidesheim gefunden, ein Kennenlern-Gespräch für nächste Woche bereits anberaumt.

Mein nächster Termin schien zunächst noch gemütlich zu erreichen, doch als an mein Auto erreichte, musste ich feststellen: da hat doch tatsächlich hinter meinem jemand quer geparkt. Das macht ja nur jemand, der gleich wiederkommt – dachte ich. Es tat sich nichts und so langsam wurde es knapp mit der Zeit. Es half nichts: ich manövrierte mein Auto etwa fünfzehn Mal hin und her, bis ich aus der Parklücke herausfahren konnte. Jetzt aber los zum Spatenstich des Alla-Hopp-Geländes nach Deidesheim. Natürlich war dort angesichts der vielen Gäste die Parkplatznot eingekehrt. Meine (in der Regel notwendigen und erfolgreichen) Small-Talks musste ich also verschieben, bis die Reden gehalten waren. Diese kurzen Treffen und Kontakte pflege ich gerne, denn sie kommen auf Umwegen der Schule zugute.

Und kaum waren nach die Reden geschwungen und Grußworte gesprochen, die  Pressefotos auf der Speicherkarte, die Sektgläser geleert und die Brezeln verzehrt, sprangen die Bagger an. Junge, Junge, da ist „Zug dahinter“. Von der Bauleitung erfuhr ich, dass zunächst der Platz in Etappen etwa 40 Zentimeter abgetragen würde. Zuvor aber würden etwa zwei Zentimeter tief die rote „Sportplatzasche“ „abgekratzt“ und getrennt entsorgt werden. Es begännen jetzt zunächst die Arbeiten für die „Schnecke“ und die Fundamentarbeiten für den zu bauenden Pavillon. Bereits am Nachmittag war so viel zu sehen, dass ich seine Ausführungen in eine räumliche Vorstellung übertragen konnte. Wenn der Schulbau nur auch so vorangehen würde. Noch immer herrscht „Projektstopp“!

 

Samstag, 09. Mai 2015:

Der dritte Flohmarkt sollte heute über den Hof in Deidesheim „rauschen“. Ich sage mal so: Er hat stattgefunden und das Wetter hat gehalten. Auch die Bandstarter-AG (Sie nennen sich jetzt: die Csendys), die Bandklasse und eine gemischte Band aus Schüler/innen und externen Instrumentalisten aus Jahrgang 11 hatten ihre Auftritte, die Zahl der Stände ist gestiegen, der Förderverein hatte alles wieder bestens organisiert. Nur: Das Publikum blieb aus und darauf kommt es bei einem Flohmarkt besonders an. Durch die anwesenden (vermutlich) Eltern ging auch Geld ein, aber der eine oder andere Standbetreiber packte seine „Waren“ wieder ein, ohne ein Teil verkauft zu haben. Wo steckt der Wurm? Liegt es am Termin? Liegt es an dem versteckten Schulhof ohne Publikumsverkehr? Sind bei Schüler/-innen Flohmärkte „out“, weil das Internet alles zum Kauf bietet? Die Analyse wird folgen müssen, bevor ein vierter Flohmarkt geplant werden wird. Beeindruckend für mich waren die jungen Musiker/-innen, die gespielt haben, als wären sie mit E-Gitarre, Keyboard oder am Schlagzeug auf die Welt gekommen. Ich selbst konnte dennoch durch einige erstandene „Schnäppchen“ mein Vater-Sein aufpäppeln.

 

Freitag, 08. Mai 2015:

Das war eine Woche mit vielen Gesprächsterminen, die alle, für sich genommen, wichtig waren. Hier eines hervorzuheben, wäre unfair. Derzeit ist es so, dass ich nach einem Standortwechsel von Wachenheim aus im Sekretariat begrüßt werde und dann gleich sechs, sieben (ungeplante) Gesprächswünsche entgegennehme, da sind oft die Rückrufwünsche per Telefon noch gar nicht dabei. Mein digitaler Dienstkalender wird zwar bestens geführt und hat sich gut eingespielt. Auf der anderen Seite müssen spontane Gespräche auch irgendwie noch möglich sein. Ein Zwischenweg ist dabei wohl die beste Lösung, wenn auch

Ein erneutes Assembly in der Deidesheimer Turnhalle für die Jahrgänge 7 bis 10. Voll gestopft mit Themen: Baufortschritt, Alla-Hopp-Gelände, Mathematikolympiade in Jena mit der IGS Gießen Ost, Känguru-Wettbewerb, Cuisery-Fahrt und der Hit: Das Video der diesjährigen Skifreizeit. Für mich ist es nach wie vor erstaunlich und ein Qualitätsmerkmal erster Güte, dass ca. 400 Jugendliche, auf dem Hallenboden sitzend, zur Ruhe kommen, wenn das Ruhezeichen erscheint, Schüler/-innen haben selbstständig ein Programm vorbereitet, es geht gesittet zu und es entsteht eine Atmosphäre des Zusammenhalts. Nur: Diese Qualität ist weder messbar, noch gibt es dafür offiziell formulierte Kompetenzen, noch wird dies öffentlich bemerkt – man muss es erleben. Klasse!