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Mai 2 2017

 

Mittwoch, 31. Mai 2017:

 

Ein Vormittag am Computer zu verbringen, ist als Pädagoge nicht genau das, was ich eigentlich anstrebte, aber ohne diesen Einsatz gäbe es kein Geld. Also aktuelle Schülerzahlen für den Haushalt 2018 nach dem Mayen-Koblenzer-Rechenmodell ermitteln bzw. hochrechnen oder schätzen, Klassen und Wahlpflichtkurse zählen, Wartungsverträge und Telefonkosten berücksichtigen, Schulveranstaltungen (Saalmiete!) bedenken usw. Am Ende kommt dann eine Summe zusammen, die es aber vermutlich nicht geben wird, denn die Schuldenbremse legt ihre „Backen“ an, zieht 15% ab und selbst der dann errechnete Betrag muss erst vom Kreisauschuss genehmigt werden. Arbeit also, die zwar ein Ergebnis bringt, das aber zunächst keine Aussagekraft hat.

 

Ein weiterer Unterrichtsbesuch führte mich in den Mathematikunterricht einer zehnten Klasse. Und siehe da: Wieder faszinierte mich dieses Fach. Es ging um die Sinusfunktion und die Veränderung des Graphen bei Einfügen eines Parameters. Heißt: Den Graphen der „normalen“ Sinusfunktion f(x) = sin(x) kennt sicherlich jeder als gleichförmige Wellenlinie. Kommt nun ein Parameter im Plusbereich hinzu, also f(x) = sin(x) + 3, dann verschiebt sich der Graph um diesen Pluswert auf der y-Achse nach oben, während beim Paramater in der Multiplikation, also: f(x) = sin(2x) der Graph gestaucht wird, je größer dieser Parameter ist, desto kürzer wird die Periode, in welcher sich der Graph wiederholt. Bei der Funktion f(x) = 3sin(x) hängt die Größe der Amplitude von der Größe des Parameters ab. Ja doch, ich konnte dem Inhalt der Stunde gut und schlüssig folgen und verstand einiges ohne zusätzliche Erläuterung. Völlig neu war mir die Darstellung des Graphen mittels einer App auf dem Mobiltelefon. Wo wir zu meiner Zeit Punkt für Punkt ausrechneten und in das Achsenkreuz eingetragen haben, welche wir dann freihand zu einer Kurver verbanden, genügt heute ein Tastendruck und die App zeigt sofort den neuen Graphen an. Besser? Auf jeden Fall schneller. Sprich: Ich habe schon wieder was dazugelernt!

 

 

Dienstag, 30. Mai 2017:

 

Am Deidesheimer Bahnhof haute ich die Bremsen rein: Einer der Busse für die Klassen- und Kursfahrten der Jahrgänge 7, 9 und 12 stand mit offenen Gepäckfachklappen in der Morgensonne auf dem Parkplatz, Gewusel von Eltern und Schüler/-innen drum herum, haufenweise Rollkoffer und Reisetaschen komplettierten das Bild, das ich so gut kenne. Heute geht’s also nach Speyer, an den Bodensee, an die Ostsee, nach München und Berlin, nach Dublin, Prag und Kroatien – und das nicht als Tourismus-Branche, sondern mit pädagogischem Hintergrund.

 

Abends erhielt ich bereits eine SMS von der Ostsee und ein Telefonanruf erreichte das Sekretariat aus Kroatien: Alle gut angekommen!

 

In der Pfalz, genauer in Deidesheim, noch genauer in der Oberhettinger-Straße, kam heute dagegen eine schlechte Nachricht an: Das Land vergibt keine Planstelle an unsere Schule, nicht mal bei Versetzungen wird planstellenmäßig für Ersatz gesorgt, es gibt nur Vertretungsverträge. Puh, das wird hart werden. Stundenweise Zuweisungen mögen zwar den Unterricht komplett abdecken, aber, ich höre nicht auf das zu betonenen, Schule ist mehr als Unterricht, pädagogisch ist etwa ein Tutorenwechsel nach einem Jahr bei endendem Vertrag in jedem Einzelfall eine Härte, ein Schlag in die Magengrube des pädagogischen Konzeptes. Da mögen Aussagen wie: „Bei Ihnen wird den Kindern anders begegnet“, immer wieder von Elternseite geäußert; oder: „Ich höre so gut wie nichts Negatives über ihre Schule!“ von der Schulaufsicht im persönlichen Gespräch vermittelt – mögen diese Rückmeldungen also auch so oft kommen, wie sie kommen, all dieses Arbeiten mit Kindern und Eltern ist nur möglich und erfolgreich, wenn die Personalzuweisung stimmt. Gute Schulen dürfen nicht nur möglich sein, wenn den Kolleg/-innen immer mehr aufgebürdet wird und diese, weil sie engagiert sind, immer näher am Rande des Ausbrennens arbeiten müssen. Und das tun Dutzende Lehrkräfte landauf, landab, bevor sie pädagogische Inhalte „kippen“. Da wird jetzt in der Planung für das neue Schuljahr einiges zu stemmen sein – Ausgang offen!

Ein sehr heftiges Gewitter mit noch mehr Regen führte uns nochmal die „Baufälligkeit“ des Gebäudes in Deidesheim vor Augen: etwa an zehn Stellen regnete es direkt durch die alten Fenster oder Trennfugen zwischen den Gebäudeteilen rein. Und ich meine nicht etwa kleine Pfützchen oder Rinnsale, sondern wirklich und wahrhaft im Stile eines Wasserfalls. Da aber die Bauplanung – welche Bauplanung eigentlich? - den Abriss des Gebäudes vorsieht, investiert niemand mehr einen Cent. Am nebenan befindlichen künftigen Jugendtreff ging das Unwetter anscheinend vorbei, sprich: Alles trocken. Wäre auch ein Ding gewesen, wenn die nun neuen Wände aus Gipskartonplatten (?) feucht geworden wären. Das Gebäude aus Überseecontainern gewinnt fast täglich an Charme. Noch immer fehlt zwar der Boden und die Inneneinrichtung, aber fast neige ich dazu, an die Eröffnung nach den Sommerferien zu glauben.

 

Mittwoch, 24. Mai 2017:

Den ganzen Tag hatte ich Mühe, den heutigen Mittwoch vor Christi Himmelfahrt nicht als Freitag zu empfinden. Noch nachmittags fragte ich einen Kollegen: „Wieso spielt die Schulband freitags?“.

Heute startete die Reihe mit Unterrichtsbesuchen für die Lebenszeitverbeamtungen in einem Leistungskurs Biologie. Schöne Arbeitsatmosphäre zum Thema Pränatal Diagnostik innerhalb des Themas Gentechnik. Auf Untersuchungen und Begriffe, die ich seinerzeit erst als werdender Vater kennen lernte, kamen heute bereits im Unterricht einer zwölften Klasse vor! Besonders gefreut hat mich, dass die Schüler/-innen nicht bei der Biologie stehen blieben, sondern sich sehr intensiv mit ethischen Fragestellungen als Konsequenz aus den Untersuchungen befasst haben.

Nur durch Zufall stellten wir fest, dass unser Fax- und einer Telefonanschlüsse seit dem 8. Mai nicht mehr funktionierte. Bei der erwähnten Umstellung der Telekom war offensichtlich an irgendeiner Schnittstelle keine Kompatibilität vorhanden. Allerdings wurde signalisiert, dass die Übertragung der gefaxten Unterlagen „erfolgreich“ verlaufen sei. Bei uns kam aber nichts an. Nun kann man nur mutmaßen, was da alles „hängen“ blieb – oder alles kommt als „Sammelfax“ an, wenn der Mangel behoben ist. Das gelang aber heute noch nicht. Viele Telefonate mit der Telekom, dem Schulträger und unserer netzbetreuenden Firma bewirkten beim Faxgerät noch keine Lösung, allerdings wurde die zweite Telefonleitung auf die erste „umgeswitcht“, so dass zumindest die Anrufer nicht von „Dauerpausen“ im Sekretariat ausgehen. Und was das alles an Zeit kostet!

Dazwischen vorbereitende Planungen für die Klassenfahrten, die nach den Feiertagen für die Jahrgänge 7, 9 und 12 starten: Kann ich den Jugendherbergsausweis der Schule haben? Ist noch ein Erste-Hilfe-Päckchen da? Kann ich etwas Geld vom Konto in bar mitnehmen? In welche Klasse soll die Schülerin, die nicht mitfährt, am Montag gehen? Durch den Feier- und Brückentag musste das alles heute eingetütet werden.

War also viel los heute – und noch eine Nachricht ereilte mich: Ein befreundeter IGS-Schulleiter wechselt als Referent in die Schulaufsicht. Die Direktorenvereinigung IGS forderte immer wieder, dass in der Gymnasialabteilung der Schulaufsicht und im Ministerium, denen die IGS ja zugeordnet ist, Stellen auch mit IGS-erfahrenen Referenten besetzt werden. Grundsätzlich also eine gute Nachricht, aber zu diesem Zeitpunkt gegen Ende des Schuljahres? An der entsprechenden Schule wird jetzt wohl Hektik hinsichtlich der Personalplanung entstehen. Dennoch: Viel Erfolg im neuen Arbeitsfeld!

 

Dienstag, 23. Mai 2017:

Welch ein herrlicher Abend, denn verschiedene Menschen rund um den Australienaustausch meiner ehemaligen Schule trafen sich heute anlässlich des Besuchs der australischen Kollegin zum Spargelessen. Als wunderbar und stimmig erlebe ich immer wieder, wenn nach Jahren und einer einmal um die Weltkugel reichenden räumlichen Distanz dort angeknüpft werden kann, wo wir uns damals verabschiedeten, als seien seither nicht zehn Jahre vergangen und so, als hätten wir uns nicht alle verändert und weiterentwickelt. Ein fast sentimentales Treffen mit der Auffrischung vieler Eindrücke und Erlebnisse. Hinzu kamen natürlich Berichte aus meiner ehemaligen Schule und fast hatte ich das Gefühl, sie gar nicht verlassen zu haben und würde nicht schon seit mittlerweile neun Jahren hier arbeiten. Bedenklich? Oder nur schön? Es ist ja durchaus nicht so, als wäre ich hier nicht angekommen nach all den Jahren der Arbeit, des Engagements und allem, was mir diese neue Schule an Eindrücken, Entwicklungen und Erlebnissen vermittelte. Vielleicht zeigt es auch nur, wie tief ich meine Wurzeln in immerhin elf Jahren als Stufenleiter und Tutor in den dortigen Boden trieb. Ich belasse es einfach bei dem „nur schön“. Auch den anschließenden Weg über die A 65 und die B 271 von Mutterstadt nach Deidesheim ließ mich an den Anfang denken, als ich, noch in Mutterstadt war, aber doch auch schon in Deidesheim, des Öfteren hin und her fuhr (siehe Prolog, 2008)…

So kam ich (geplant und besprochen) verspätet zur Sitzung des Schulelternbeirates und mitten hinein in die Diskussion um die pädagogische Ausrichtung der Schule. Eine schöne Bemerkung fiel beim Ergebnis der Abiturprüfung: „Wer Schulleiters Tagebuch liest, ist doch darüber informiert – auch wenn mir zur Zeit zu viel Turmschreiberei vorkommt.“ Ja, das kann ich verstehen. Ich dachte doch selbst nicht, dass meine Beschäftigung mit den Büchern „solche Ausmaße“ annehmen würde. Meine Absicht dahinter ist ganz einfach formuliert: Ich will die Schule mit in den nächsten Turmschreiber-Aufenthalt einbeziehen. Was dieses Literatur-Stipendium genau ist, welche Bücher mit welchem Inhalt daraus hervorgingen, steht, wenn überhaupt, nirgendwo kompakt. Wer sich jetzt damit befassen will, braucht nicht Tausende Seiten selbst zu lesen, sondern kann sich kurz (?) hier informieren. Ich habe bereits eine Mail erhalten, die wohlwollend einer Verknüpfung der Schule mit der Turmschreiberei entgegensieht. Auch sei die „Besprechung in Schulleiters Tagebuch“ eine gute Werbung für das Projekt. Na, dann hätte sich der Aufwand ja gelohnt. Außerdem steht nur noch ein letztes Buch an, dann ist das Thema (vorläufig?) abgeschlossen. Hinzu kommt als Trost: Ich wäre der letzte, der ein Überblättern dieser Einträge übelnehmen würde. In modernen digitalen Kommunikationszeiten müsste an dieser Stelle jetzt ein Smiley folgen…  

Mit dem letzten Turmschreiberbuch hadere ich, schade, ausgerechnet die „Schlusslektüre“. Katja Schweder war die bisher letzte Turmschreiberin im Jahr 2010 bis 2012. Sie legte als Ergebnis einen schmalen Band Kurzgeschichten mit dem Titel „Die Weingeister und ihre Gefährten“ (Offenbach 2012) vor. Sie residierte zuvor zunächst als Pfälzische und dann als Deutsche Weinkönigin und schrieb Kolumnen für die Veranstaltungsbeilage der RHEINPFALZ, dem LEO. Vom Beirat der Literaturstiftung wurde sie einstimmig zur 13. und jüngsten Deidesheimer Turmschreiberin ausgewählt.

In den zwanzig Geschichten schlüpft sie jeweils in die Perspektive eines Weines und schildert daraus, was diese Weinflasche jeweils erlebt, etwa wie eine Flasche Riesling einem Abend bei den Kerwebuben beiwohnt, wie eine Forster Beerenauslese nach England verschifft wird, den Geburtstag von Queen Mum erlebt und wegen der 120 Gramm Restsüße übrig bleibt, ein Pfälzer Gewürztraminer-Winzersekt erlebt einen feuchtfröhlichen Abend, ein Dornfelder berichtet von einer Weinverköstigung in China, auf welcher ein entzückter Chinese die rote Farbe auf den Kommunismus bezieht und andere Begebenheiten mehr. Das hört sich vielversprechend an und die Gedanken beginnen zu träumen, Erwartungen werden geweckt, aber die einzelnen Weine bleiben dem Leser seltsam fremd. Die Autorin schafft es (zumindest bei mir) nicht, wirklich zu erzählen, Stimmungen, Charaktere und Atmosphäre einzufangen und von sich aus mit ihren Worten wiederzugeben. Es bleibt eine seltsame Distanz zum Geschriebenen erhalten, es berührt nicht, es kommt bei mir nur die Sache an, nicht die erzählende Figur. Es mag daran liegen, dass die Weine zur Passivität verdammte Objekte sind, die nicht subjektiv in die Handlung eingreifen können. Sie werden lediglich als „ausgelieferte“ Gegenstände geschildert, was die Geschichten eben verflacht. Dabei gäbe es doch Möglichkeiten, die Handlung mit ihnen nach vorne zu treiben: Warum etwa rollt eine Flasche nicht vom Tisch? Von einer Katze umgestoßen, könnte sie agieren. Weshalb wackelt nicht ein Hocker, bringt die Flüssigkeit in Bewegung und könnte „handeln“? Oder was auch immer. Mir liegt die Perspektive, sich in unwahrscheinliche Erzähler zu versetzen und aus diesem Blickwinkel zu erzählen. Aber Katja Schweder erzählt nicht, führt keine Dialoge aus, sie berichtet zu viel und bleibt zu sehr im Bereich des Äußeren verhaftet.

Manche Inhalte lesen sich wie die einer das Anbaugebiet präsentieren und loben müssenden Weinkönigin. Da stecken immer wieder zu viele Details des Weibaus drin, die, „von außen“ stammend, den Erzählfluss hemmen und als zusammenhanglose Hinzufügungen einfach fehl am Platz sind. Die Eisweinrebe etwa berichtet von der neuen, pneumatischen Traubenkelter des Weingutes:

„Während sein Großvater mit der Spindelkelter fast 60 Bar Druck aufbauen konnte, hat sein Vater mit nur noch 6 Bar gearbeitet. Aber die neue Traubenkelter kann auf 0,2 Bar gedrosselt werden – so schonend wie heute wurde noch nie gepresst […]“ (ebd. S. 37).

Da ich keine Vorstellung der Druckeinheit „Bar“ habe, kann ich mit dieser Information auch nichts anfangen. Weshalb steht sie also hier?  Und später, als der süße Flammkuchen aus dem Ofen geholt und dazu der Eiswein serviert wird, will ein passionierte Surfer aber nicht davon trinken, was der beleidigt wirkende Eiswein mit den Worten kommentiert:

„Ich verstehe die Welt nicht mehr – will der mich nicht probieren? Oder hat er Angst davor, mich zu genießen? Ich habe doch nur 9 % Alkohol, weil meine reiche natürliche Restsüße der Hefe zu schaffen machte und sich nicht weiter in Alkohol verwandeln wollte“ (ebd. S. 41).

Oder ein St. Laurent, der ausgiebig seine Herkunft seit Mitte des 19. Jahrhunderts ableitet und betont:

„Dass der St. Laurent inzwischen zu den besonderen Rebsorten der Pfalz gehört, haben wir auch Karlheinz Kleinmann aus Birkweiler zu verdanken. Er hat 1982 beim Weinbauamt meine Wiederaufnahme in die Sortenliste beantragt. Heute sind in Deutschland etwa 670 Hektar mit mir bepflanzt, der größte Teil davon in der Pfalz. Übrigens: Ohne mich gäbe es die wichtigste Rebsorte Österreichs nicht, den Zweigelt“ (ebd. S. 79).

Ich will doch kein Weinfachbuch lesen, sondern Geschichten über „Weingeister und ihre Gefährten“, die aber kommen in keiner Geschichte vor. Welche Möglichkeiten stecken doch in diesem Buchtitel, welche Lust auf phantasiereiche Geschichten, die die Wirklichkeit mit einer Fiktion vermischen, weckt er in mir. Doch ich wartete lesend vergebens. Mir scheint, Katja Schweder ist aus dem Modus der Weinkönigin nicht herausgekommen und hat zu viel von ihrem Wissen in diese Texte gepackt. Aber mir lugt da zu viel Weinkönigin durch und viel zu wenig Turmschreiberin.

Noch ein Wort zur Gattung der Kurzgeschichte. Die Texte haben für mich zu wenig von einer Erzählung, kurz sind sie dagegen. Daraus die absolut hochwertige Gattung der Kurzgeschichte abzuleiten, ist für mich zumindest eine in die Irre führende Zuordnung. Den Texten fehlt es genau an dem, was die Kurzgeschichte ausmacht: an Dichte, an der auf das Notwendigste zusammengedrängten Sprache, an Sprachbildern, die Assoziationen wecken und nur zwischen den Zeilen zu erschließen sind, an ver-dichteter Sprache, da ist kein Platz für etwa einen Begriff wie: „Werbefuzzi-Azubi“ (ebd. S. 63). Ebenfalls besteht in meiner Vorstellung der Sprache einer Kurzgeschichte kein Raum für den Satz eines Dornfelders, der als Glühwein verkauft wird und zu der Selbsteinschätzung gelangt: „[…] ich, das Topprodukt der pfälzischen Weinbaukunst!“ (ebd. S. 51).  (Vgl. zur Kurzgeschichte die Einträge vom 6. April und 21. Dezember 2016). Die Meister dieser literarischen Kunst, Hemingway, Böll, Borchert und die vielen anderen würden sich angesichts dieser Gattungszuordnung im Grabe umdrehen, wissen sie doch, dass gerade die Kurzgeschichte genauester und intensivster Arbeit bedarf, damit sich am Ende - der Lyrik darin durchaus ähnlich - die richtigen Bilder, die wenigen Worte und die immensen Inhalte zwischen den Zeilen vermitteln.

Damit habe ich alle verfügbaren Turmschreiberwerke gelesen, ein Zeitpunkt also, an dem ein Resümee möglich ist. Zunächst beeindruckte mich die große Bandbreite, auf der sich die Turmschreiber/-innen „tummeln“: entstanden sind zwei aparte Liebesgeschichten, zwei nachdenklich formulierte Tagebücher, eine Kriminalgeschichte, zwei Bändchen mit Lyrik, ein Band mit sieben barocken Weinpredigten, ein spannendes Kinder- und Jugendbuch und ein Band mit (angeblichen) Kurzgeschichten. Fast alle Werke schildern zusätzlich das Leben der Menschen und das vielseitige Brauchtum der Stadt Deidesheim. So gesehen eine überaus erfolgreiche Einrichtung, die nach Fortsetzung ruft. Aber wie könnte es weitergehen? Ist die inhaltliche Begrenzung auf Deidesheim, die Pfalz und die Pfälzer Eigenart noch sinnvoll oder sollte sie „geöffnet“ werden auch für aktuelle Themen? Kann es eine/n Autor/in geben, der/die neue Sichtweisen aufspürt und formulieren kann? Heidelöcher, Eva im Paradiesgarten, der Wein und seine kulturellen und wirtschaftlichen Folgeerscheinungen, die Geißbockversteigerung und all die speziellen Orte…ist das nicht alles ausreichend geschildert? Und doch fielen mir zwei Möglichkeiten ein, mit denen natürlich auch die Schule in den Fokus rücken könnte. Bei all dem Brauchtum, das durchaus nochmal aus der Sichtweise der nachfolgenden Generation geschildert werden könnte, stellt sich die Frage: Wie lange noch kann es sich erhalten? Wird es von Jugendlichen (noch) so angenommen, das sie es in die Zukunft hinein weiter- und mittragen? Ein Turmschreiber könnte daher durchaus unsere Schule besuchen und bei den Kids oder in Vereinen oder am Pfingstdienstag nachfragend eine Antwort suchen. Oder: Ein Turmschreiber könnte auf dem (bisher unbeschriebenen) Alla-hopp!-Platz bei der Schule ein Flüchtlingsmädchen aus Syrien treffen und mit ihr ins Gespräch kommen. Wie etwa empfindet ein Mädchen aus einem Land, das hauptsächlich durch trockene Wüsten geprägt ist, diese fast immergrüne Landschaft? Als Muslima stellt sie fest, dass der Wein, also Alkohol, der in ihrer Religion verboten ist, hier einen ganzen Landstrich ernährt und das Leben um ihn kreist. Sie könnte auch mit dem christlich geprägten Turmschreiber auf den jüdischen Friedhof gehen, auf welchem dann die drei abrahamischen Religionen in diesem „Mikrokosmos“ durchaus miteinander auskommen. Sie könnte auch mit dem Turmschreiber ins Gespräch darüber eintreten, dass ihr die ganzen Weinfeste und das dazugehörende Brauchtum aus dem Blickwinkel ihrer Religion als „Teufelswerk“ angesehen würde, weil sie vom wesentlichen Lebensinhalt, Gott zu suchen, zu finden und ihm nachzueifern, ablenke. Spannende Kontraste, aus und mit denen sich eine gelungene Erzählung oder ein weiteres Tagebuch als aktuelle Turmschreiberei ableiten könnte (und unsere Schule könnte darin hineingewoben werden). Der Weg ließe sich durchaus beschreiben als Schritte aus der Vergangenheit (gewachsenes Brauchtum) über die Gegenwart (Flüchtlinge erreichen auch Deidesheim, fremde Kulturen und Religionen kommen in einer Gesellschaft der Vielfalt miteinander in Kontakt) in die Zukunft hinein (Wie stehen die Jugendlichen zum Brauchtum). Doch, ich kann mir die Deidesheimer Turmschreiberei fortgesetzt und „moderne“ Themen aufgreifend, gut und fruchtbar vorstellen.

Es bleiben aber auch Fragen bei mir zurück, denen ich an geeigneter Stelle nachgehen werde: Wie kam es, dass zwei Turmschreiber kein Manuskript abgegeben haben? Was steckt hinter der Information, dass der Turmschreiber 1989 gar vorzeitig abgebrochen hat? Wie wurde das Amt beworben? Wie findet das Auswahlverfahren statt? Ist die Bewerberlage dünn oder reichhaltig? Und schließlich: Wie kann die Deidesheimer Turmschreiberei Gegenstand der ortsansässigen Schule werden? Ein erster Schritt wird sein, dass ich die erworbenen Werke der Schulbibliothek zur Verfügung stelle und das Kollegium darüber informieren werde – und dann schauen wir mal, wann es einen nächsten Turmschreiber geben wird. Auch beim Bürgermeister habe ich bereits darum gebeten, die Schule künftig mit zu bedenken, was beim Stadtoberhaupt selbstredend auf offene Ohren stieß:

„Hallo Georg,

schön, dass Du Dich so sehr für die Turmschreiberliteratur interessierst. Kaum zu glauben, was Du in der kurzen Zeit schon alles gelesen hast! Wir bleiben da in Verbindung.“

Das lässt doch hoffen und einem Projekt „Turmschreiber und IGS“ getrost entgegensehen. Neugierig, wie ich bin, oder an Original-Eindrücken interessiert – bleibt mir nur noch zu regeln, dass ich den Turm selbst einmal besteigen kann, um den „Tatort“, die Turmschreiber-Stube, persönlich in Augenschein zu nehmen und um den Blick auf die Bogenbrücke oder aus dem Fenster mit demjenigen aus den Büchern vergleichen zu können.

 

Montag, 22. Mai 2017:

Bei uns ist heute Tag der Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche, sprich: ruhige Atmosphäre im Haus, Familien kommen einzeln über den Hof, sitzen wartend in den Fluren und sind dann auch wieder weg. Dafür spielt sich heute Morgen viel im Sekretariat ab – von wegen endlich Zeit für die Ablage. Und ich – irgendwie mittendrin oder abseits, involviert, Entscheidungen treffend oder den Stimmen aus dem Nebenraum einfach zuhörend und gleichzeitig den Ansprüchen meines Schreibtischs Folge leistend. Draußen, vor dem – heute – offenstehenden Fenster, der gleiche Eindruck der letzten Woche: Wandertag einer Grundschule auf dem Alla-hopp! -Platz und: „Auf einem Baum ein Kuckuck saß…“.

So langsam kann die Personalplanung für das kommende Schuljahr starten, es gibt erste Hinweise aus der Schulaufsicht, die Rückmeldungsbögen für den Einsatz der Kolleg/-innen kommen bereits zurück. Natürlich sind diese „Wunschzettel“ keine „Bestellzettel“, aber wenn es geht, wollen wir möglichst jede/n Kollegen/-in so einsetzen, wie sie/er es sich wünscht. Nichts Besseres kann einer Schule passieren, als wenn der Lehrkörper zufrieden ist mit der Arbeit und oft genug hängt darin ja auch ein großer Anteil pädagogischer Arbeit. Je größer die Schule aber geworden ist, umso komplizierter wird das ganze Unternehmen. Klar ist auch: Zunächst müssen wir das Ganze im Blick haben, alle Klassen, Kurse und Fächer müssen versorgt werden. Das wird sich auch im kommenden Jahr mit dem einen oder anderen Kolleg/-innenwunsch beißen – und noch ist das Personal ja nicht komplett, noch sind nicht alle Weg- und Zuversetzungen unter Dach und Fach. Das wird noch einiger Stunden Kniffelarbeit bedürfen. Aber am Ende wird es wieder passen, da bin ich zuversichtlich.

 

Sonntag, 21. Mai 2017:

Wer einen renommierten Kinder- und Jugendbuchautor zum Turmschreiber ernennt, wird als Ergebnis ein Kinder- und Jugendbuch erwarten dürfen. Wenn dieses Werk dann noch so gut gelingt wie bei „Der Ring des Piraten“ von Bernd Kohlhepp (Tübingen 2009), können Kinder, Jugendliche und auch Schulleiter sich auf eine spannende Lektüre freuen. Schaut man sich die Liste der Veröffentlichungen über Piraten, Ritter, Zauberschwerter und andere Abenteuer von Kohlhepp an, kommt man zu dem Schluss: Er muss es können. Dass er eine solche Piratengeschichte als Turmschreiber des Jahres 2006 nach Deidesheim verlegt, ist so überraschend wie gelungen.

Im Grunde geht es um die zwei „Oberpiraten“ Commodore Belassare und den fürchterlichen Melac, Nachkomme jenes französischen Generals, der im pfälzischen Erbfolgekrieg brandschatzend die Pfalz eroberte und später als Kommandant von Landau residierte. Die beiden „Alpha-Piraten“ befinden sich in Kampf und Zwist wegen jenes Rings, denn nur mit ihm kann man als „König der Piraten“ herrschen. Eine alte Schatzkarte führt die beiden nach Deidesheim, denn dort ist die Stelle verzeichnet, an welcher der Schatz „Das Gold der Pfalz“ zu finden ist: das eingezeichnete Kreuz auf dieser Karte ist eben just und genau dort zu finden, wo der Turmschreiberturm im Schlossgraben steht.

Der neu angekommene Turmschreiber gerät mitten in diesen Kampf hinein und wird von zwei herrlich entwickelten Figuren unterstützt: vom sprechenden Eisenvogel Herbert Nostradamus, der aus verschiedenen, historisch bedeutsamen Metallen zusammengeschmolzen wurde. Der zweite Helfer ist der einohrige Kater Topinambur, der seinerseits wiederum mit dem Kater Don Ramon im Wettstreit um die Katzendame Madeleine liegt – diese gesamte Konstellation verspricht natürlich eine verzwickte, nur langsam sich zusammenfügende Handlung, aber auch Kurzweiligkeit und Spannung. Dass die wesentlichen Ereignisse nach Deidesheim verlegt werden, macht den besonderen Reiz aus. Die bekannten Orte, etwa die Heidelöcher, das Schwimmbad, der Turm oder die Eva im Paradiesgarten werden wie selbstverständlich in die Geschichte eingebaut und ausgerechnet bei der Geißbockversteigerung wird die Weinprinzessin Viola von Melac entführt: beim dritten Schlag des Auktionshammers zündet er eine Haubitze, der Knall und die dadurch ausbrechende Panik unter den zu hunderten angereisten Schaulustigen nutzt er dazu, die Weinprinzessin Viola in seine Gewalt zu bringen. In den alten Kellern und Gängen unter Deidesheim werden sowohl der Turmschreiber als auch die Weinprinzessin gefangen gehalten und – wie soll es anders sein – durch die tatkräftige Unterstützung von Herbert Nostradamus und Topinambur befreit, zusätzlich wird Melac in die Flucht geschlagen. Mittels der Schatzkarte wird auch das „Gold der Pfalz“ im Fundament unter dem Turmschreiberturm gefunden, welches allerdings nicht aus Gold- und Silberstücken, Schmuck und Edelsteinen besteht. Worin drückt sich der Reichtum der Pfalz aus? Was lässt sich in unserer Region als nicht versiegende „Goldader“ bezeichnen? Was wird hier, jährlich nachwachsend, zu „Gold verwandelt“? Natürlich und selbstredend: der Wein! Hintersinnig als „Schatz“ bezeichnet, findet die Gruppe, bestehend aus dem Turmschreiber, der Weinprinzessin, Herbert Nostradamus und Topinambur viele Flaschen sehr guten und edlen Wein von unermesslichem Wert, den sich seinerzeit der historische General Melac gesichert hat und der seither, spinnenverwebt, sein vergessenes Dasein fristete – eine geniale Idee, welche der dichterischen und musengeküssten Gabe entsprungenen Handlung zusätzlich schmunzelnd einen realen Aspekt hinzufügt.

Bernd Kohlhepp ist als 12. Deidesheimer Turmschreiber ein wirklich lesenswertes Buch gelungen, er hat zusätzlich die Reihe der Turmschreiberbücher um eine weitere Gattung bereichert (Kompliment an die Auswahlkommission!) und unter Beweis gestellt, wie er die phantasiereich verzwickte Ausgangslage meisterhaft weiterzuspinnen, mit glaubhaften Figuren auszustatten und das Knäuel am Ende kunstgerecht aufzudröseln versteht.

 

Freitag, 19. Mai 2017:

Die Stimmzettel für die Personalratswahl sind ausgezählt. Beim Örtlichen Personalrat – nur dieses Ergebnis ist bisher veröffentlicht, die Ergebnisse für Bezirks- und Hauptpersonalrat werden den jeweiligen Wahlvorständen weitergeleitet – wurde an der Schule eine gute Mischung aus erfahrenen Mitgliedern und neuen Kolleg/-innen gewählt, auch, davon kann man ausgehen, eine ausreichende Anzahl von Ersatzmitgliedern, die bei Ausscheiden eines gewählten Mitgliedes nachrücken können. Lasst uns im Sinne der Schule und eines zufriedenen Kollegiums in vertrauensvoller Zusammenarbeit die besten Lösungen finden.

Erstmals musste ich heute in Deutsch eine verkürzte Klassenarbeit stellen. Es war mir nicht gelungen, bei der Terminenge eine Doppelstunde „ausfindig“ zu machen. Für die Notenfindung reicht auch diese Form und die Kids fanden es sowieso eher angenehm.

Heute Abend spielt die Bandstarter AG in der Alten Feuerwache in Mannheim. Der Tag mit dem Projekt „Pop macht Schule“ (siehe Einträge vom 8. Und 10. März 2017) machte es möglich. Und erneut muss dieser Höhepunkt ohne mich über die Bühne gehen. Natürlich hatte ich meine Anwesenheit geplant, aber wieder kam es anders. So muss ich wieder mutmaßen, wie ein solcher Auftritt auf einer regional bekannten Bühne bei den jungen Musikern ankommt. Wie werden sie sich fühlen, mit anderen Bands und Bandklassen vor größerem Publikum aufzutreten? Raus aus der Schule – rauf auf eine Bühne Mannheims! Gemeinsam mit zumindest „Halb-Profi-Bands“ der Pop-Akademie die Halle „zu rocken“ – wem bietet sich schon die Möglichkeit solcher Erfahrungen! Ich drücke euch mächtig die Daumen!

Wenn es, wie heute, klappt, kann ich freitags die Schule relativ früh verlassen und Zeit zur Lektüre finden. Ich brachte sie in „mein Turmschreiber-Projekt“ ein. Vom vierten „Amtsinhaber“ Herbert Heckmann liegt ein schmaler, großformatiger Band vor mit dem Titel: „Wenn der Wein niedersitzt, schwimmen die Worte empor, Sieben Weinpredigten“ (Landau, 1987). In diesem Titel steckt bereits die Besonderheit des Werkes, denn Heckmann fokussiert sein Schreiben auf einen Begriff, der sowohl für Deidesheim als auch die Pfalz typisch ist: Wein. Er studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte, promovierte über die „Elemente im barocken Trauerspiel“ und war einige Zeit der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. So verwundert es nicht, dass er sich mit Barockliteratur intensiv beschäftigt hat und während seiner Zeit als Turmschreiber im „barocken Predigtstil“ (ebd. Klappentext) einen ganz besonderen Beitrag für die Reihe schuf.

Im „Sachwörterbuch zur deutschen Literatur“ (Reclam Verlag, Stuttgart 1999) las ich, dass bei der Predigtform zwei Arten unterschieden werden, zum einen die Homilie, welche die sonntägliche Bibellesung auslegt, und die so genannte Sermo, die Anlass- oder Themenpredigt. Wenn der Untertitel nun Sieben Weinpredigten heißt, kann es sich ja nur um die zweite und zugleich säkularisierte Form handeln. Die Epoche des Barock mit ihrer Zerrissenheit in ein leidendes Diesseits und ein erlösendes Jenseits betonte daher wort- und bildreich die Stichworte carte die (Nutze den Tag) und memento mori (Gedenke, dass du sterben wirst). Dies als vorbereitende Bemerkungen für Heckmanns Predigten. Die sieben Predigten „preisen den Wein und die Liebe, die Freundschaft und die Phantasie, und sie verdammen Heuchelei, Missgunst und Spießertum“ (ebd.). Sie insgesamt zusammenzufassen, fällt schwer, daher sei nur die titelgebende betrachtet, um eine Vorstellung von Heckmanns Buch anzudeuten. Die dritte seiner Predigten gibt dem Buch seinen Titel:  „Wenn der Wein niedersitzt, schwimmen die Worte empor“. Diese will ich etwas näher betrachten, lässt sich mit ihr doch einen Eindruck über das ganze Buch dingfest machen. Heckmann geißelt darin zunächst die Dummheit der Menschen:

„Die Dummheit ist umsonst – und jeder glaubt nur zu schnell, mit ihr einen guten Fang gemacht zu haben. Dann lässts sich besser schlafen, sorgloser leben, lammfrommer arbeiten; keine Zweifel kommen auf, die Skepsis findet keine Gründe und die paar Gedanken, die man sich vielleicht einmal macht oder die man der Einfachheit halber von anderen übernahm, ändern die Welt nicht und einen selbst auch nicht. Sie erleichtern eher das Im-Kreis-Gehen […] Die Dummen wollen immer dabei sein, um wenigstens durch ihre Anwesenheit aufzufallen. Sie sind die Marktschreier der Geschichte, reden über alles, weil sie über eine Sache nichts Richtiges zu sagen haben“ [ebd. S. 41f, Hervorhebung i.O.).

So geht es über einige, mit vielen Worten ausgedrückte Abschnitte weiter, über die Dummheit und die Menschen, die ihr trägerweise nachhängen, statt sich des Verstandes zu bedienen, die sich von der Dummheit einverständig und ohne Gegenwehr regieren lassen. Mit der barocken Lust am bildlichen Ausdruck und an der Wortneuschöpfung spielt Heckmann besonders deutlich im folgenden Abschnitt:

„Dummheit ist ein selbstgewähltes Schicksal. Sie kostet nichts und ist schneller da, als man sie rufen kann. [Sie ist die] Geliebte aller Finstergucker, lunarischen Fremdgänger, die nicht recht wissen, wo sie selbst ihre Füße hinsetzen können, aller lahmhirnigen Dunstablasser, Affirmationshechler, Grillendompteure, Nichtigkeitenrülpser, Maulschneider, Kopfnicker und bleiärschigen Nichtschwimmer, die das Grundlose suchen. Aller metphysiachen Huschhuschdenker und linkshändigen Pragmatici, die lauthals verkünden, es muss etwas geschehen! Und dann schnell die Hände in den Schoß legen, damit Schwielen ihnen nicht das letzte Gespür rauben“ (ebd. S. 44, Hervorhebungen i.O.).

Aber ein Prediger würde seine Absicht verfehlen, verbliebe er im Gestus der Klage, priese er nicht den Weg eines bessernden Anspruchs, welcher vom bedauernswerten Zustand in die Lösung führe – dieser Ausweg aus der Dummheit steckt für Heckmann im Genuss des Weins:

„Was wir brauchen, sind ein paar Nasenstüber, um nicht im Eselstrab der Dummheit zu verharren. Wollt ihr das Licht, so die Vernunft gibt, verschlafen? Besteht das Glück in nichts anderem, als die Schlafmütze über die Ohren zu ziehen, auf dass sie die Dummheit warmhält? Nein, nein, nein! Gibt’s doch ein probates Remedium, um der progressiven Schlafköpfigkeit den Kampf anzusagen. Reißts Maul auf, nicht um Maulaffen feil zu halten, nein, sondern um einen tüchtigen Schluck Weins die Gurgelstraß hinunterzujagen, dass die trägen Dämonen der Dummheit reißaus nehmen […] Der Wein bringt Bewegung ins Hirn, dass die Gedanken und Einfälle plötzlich wieder durch das Kopflabyrinth finden, dass die Phantasie ihre Flügel ausbreiten kann, um uns die Gravitation der Dummheit vergessen zu machen […] Der Wein ist der Gedankenerwecker, ein Feueranzünder, eine Sonne, die das Dunkel zum Horizont hinunterdrängt […] ein Tanzmeister der Einfälle, ein Weit-, Rund- und Tiefblick, ein Strömen, das durch den Mund in den Leib fährt, das Blut durch die Adern treibt, das Herz zu Bocksprüngen einlädt und das Hirn zum Brodeln bringt“ (ebd. S. 47).

Und schließlich mündet nach vierzehn wortgewaltigen Seiten über die Dummheit und nach einigen Gedankengängen, Aspekten und Nebenwegen die Lobeshymne auf den Wein dort, worauf hin eine Predigt eben abzielt:  

„Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, ich bitt dich fleißiglich und inniglich, dass du geruhst einzugießen in die Geschöpfe des Weins die Süßigkeit des Geschmacks und der Weisheit und der Poesie, dass es sei deinen durstigen Kreaturen ein Vorgeschmack auf’s Paradies, dass der böse Feind seine vettelige Schwester, die Dummheit, uns nicht das Leben verhunze, dass die schlotterige Phantasielosigkeit uns nicht überkomme, die Gegenwart ausöde und unsere Zukunft verhänge. Ich bitt!“ (ebd. S. 52, Hervorhebungen i.O.).

Diesem Stile ähnlich sind auch die anderen sechs Predigten verfasst, wenngleich sie anderen Themen vorbehalten sind. Damit ist dieses Turmschreiberwerk keines wie die anderen, es schildert nicht Stadt und Brauchtum, führt nicht an nahe Orte ringsherum, lässt auch den Turm außen vor. Vermutlich wird es kaum ein Leser von vorne bis hinten durchlesen. Unsere andere, sachlichere und weniger bildhafte Sprache gewohnt, wird man sich einlesen, wird man mitschwingen müssen in diesem dem Barock nachgeahmten Stil. Wem dies gelingt, wird aber auch in diesem Buch ein ganz Besonderes entdecken, das nach Deidesheim und in die Pfalz passt. Vermutlich hat nichts anderes das Leben in dieser Region und auch dieser Stadt so geprägt, hervorgebracht, verändert und beeinflusst wie der Wein. Seit Generationen dient er als Lebensgrundlage und hat, im Gegensatz etwa zum kargen Hunsrück, wo die Menschen unter härteren Bedingungen nicht weniger arbeiten, hier Wohlstand und mehr Auskommen gebracht. Und er verändert immer noch, wenn ich mir die Entwicklung von der ehedem hölzern, rustikal dunklen und butzenfenstrigen Weinstube hin zu den hellen, glasig und geradlinig designten Vinotheken vor Augen führe, die inzwischen oft über eine eher mehr als weniger nobel ausgestattete Lounge verfügen und deren Parkplätze durchweg mit der gehobenen Automobilklasse gefüllt sind. Weshalb also nicht schmunzelnd über eben diesen Wein „predigen“ und allemal ein sprachlich parodierendes und augenzwinkerndes Kunstwerk schaffen.

 

Donnerstag, 18. Mai 2017:

Vor meinem Fenster gestaltet irgendeine Grundschule ihren Wandertag auf dem Alla-hopp!-Platz. „Ihr derft nur do uffm Spielplatz bleiwe. Dass mer kenna iwwer den Weg do geht!“ versucht die Kollegin lauthals die aufgeregt lärmenden Kinder anzuhalten. Ob die Nachricht durch die vielen Stimmen alle Ohren erreicht hat? Hoffentlich hält für euch das Wetter, gerade zieht sich der Himmel dunkelgrau zu. Der Stimme des seit Tagen seine Existenz mitteilenden Kuckucks scheint dies auch heute Morgen nicht zu schaden. Beeindruckendes Durchhaltevermögen! Vielleicht ist er deshalb so eifrig, weil wir ihn die Jahre zuvor nicht beachtet haben oder aber er ist neu hier. Viele Grüße also zurück!  

Ich hatte nach der Mensaaufsicht noch einen Termin in Wachenheim. Ein Oberkommissar brachte zwei Gegenstände aus dem Diebstahl in den Osterferien mit, jedenfalls deuten viele Indizien darauf hin. Er musste nun, da sie nicht eindeutig zuzuordnen waren, etwa durch Kennziffern oder ähnlichem, eine amtliche Entscheidung herbeiführen. Dazu bedurfte es einer glaubhaften Person, welche die Gegenstände als aus der Schule stammend deklarieren konnte. Nun spricht man einem staatsbeamteten Schulleiter diese notwendige Glaubwürdigkeit durchaus zu. Ich tat mein Bestes. Die Aufnahmen auf der Speicherkarte der kleinen Digitalkamera waren ausnahmslos in Räumen der Schule gemacht worden und zeigten Schüler/-innen unserer Schule. Die kleine Geldkassette war eh aufgebrochen und nichts mehr wert, trug aber dieselbe Farbe, wie sie vom Hausmeister beschrieben wurde. Beide Gegenstände wurden schließlich „amtlich“ der Schule zugeordnet, beide gingen aber zurück zur Polizei, weil sie als Beweisstücke dem Staatsanwalt vorgelegt würden. Er wird dann über einen Prozess (?) entscheiden - kein schlechter Aufwand!

Dieses bisher einmalige Erlebnis kann aber gut als Überleitung zu Fanny Morweiser dienen: „Deidesheimer Elegie oder Wie man keinen Krimi schreibt“ nannte die zweite Turmschreiberin und direkte Nachfolgerin von Emma Guntz ihr Werk. Neben Ludwig Harig war sie die einzige aus der Reihe der Turmschreiber, deren Name ich kannte: Meine Frau liebt ihre hintersinnigen und stimmungsvollen Krimis. Elegie leitet sich aus der griechischen Sprache ab und meinte, laut DUDEN, dort einen „Trauergesang mit Flötenbegleitung“, allgemein wird heute darunter ein Klagegedicht verstanden. Und das in Deidesheim? Da wird direkt inhaltliche Neugier und damit Spannung geweckt, die Fanny Morweiser zu Beginn ihres Buches eigens thematisiert:

„Warum das nicht miteinander verbinden, eine Art Tagebuch und eine Liebeserklärung an Deidesheim, denn ich kann beim besten Willen keinen Krimi schreiben, der hier spielt. Keine Verklärung, sicher nicht, warum sollte es an diesem Ort keine Intrigen geben, keinen Hass, keine Anfechtungen, gleich welcher Art, warum also nicht auch einen netten kleinen Mord, um den herum ich dann die Puppen tanzen lassen kann. Aber es geht nicht. Ich hatte ja auch versprochen, keinen Einwohner aus dieser Stadt umzubringen, dachte da eher an einen dicklichen jungen Mann, einen Dichter, der als Turmschreiber kommt und eine Vergangenheit, soweit er sie eben schon hat, der also das, was eigentlich für eine gewisse sorglose Zeit im Turm hinter sich lassen wollte, mitbringt, davon eingeholt wird und schließlich am Ende selbst daran glauben muss“ (ebd. S. 5).

Diesen Mann entwickelt Morweiser neben ihrem als Tagebuch verfassten Text an all den Orten in Deidesheim, die auch die anderen Turmschreiber erwähnen: die Eva im Paradiesgarten, die Heidelöcher, den Schlosspark, das historische Rathaus mit der Geißbockversteigerung und all die Orte um Deidesheim herum. Sie gibt ihrem Opfer den Namen Jakob Mangold. Dieser taucht wiederholt und unvermittelt auf und spricht mit der Autorin, so dass die beiden die Geschichte in der Geschichte quasi selbst entwickeln. Dabei kann Jakob durch verschlossene Türen gehen, kann ungeduldig sein, weil er, als literarische Figur nichts über sich selbst wissend, neugierig auf Antworten wartet, wer er ist und wie die Autorin ihm Konturen verleihen will. Außerdem kann er sich nur schlecht in Geduld üben, die Turmschreiberin mit ihren Turmschreiber-Verpflichtungen schreibt ihm seine Geschichte nicht schnell genug, vor allem hinsichtlich seiner Schuld beim Tod der geliebten Martha:

„‘Wie habe ich mich in sie verliebt, oder besser warum?‘ fragt Jakob, nachdem wir uns gesetzt haben.

‚Eigentlich vom ersten Augenblick an. Sie war dein Meretlein und dein Gretchen und ein bisschen Tennessee Williams Schwester aus der Glasmenagerie.‘

‚Das Zerbrechliche an ihr?‘

‚Ja. Du hattest sofort das Gefühl, sie beschützen zu müssen.‘

‚Das habe ich dann ja auch‘, meint er bitter […].

‚War es so, dass ich nicht wollte, dass sie zu diesem Mann geht, weil ich irgendwas über ihn rausgekriegt habe?‘

‚Schon möglich.‘

‚Also bin ich nicht böse‘, stößt er hervor. Er ist richtig aufgeregt. ‚Ich bin kein Totschläger.‘

‚Beruhige dich. Nein, das bis du nicht. Keineswegs.‘“ (ebd. S. 108f).

Jakob ist wissbegierig, will mehr über sich und seine Geschichte wissen, will wissen, wo sich was und warum abgespielt hat und will natürlich endlich wissen, wie sein eigenes Ende aussieht, ob es schmerzhaft sein wird, ob er lange wird leiden müssen und wie es passieren wird:

„‘Und du wirst mich am Schluss wirklich umbringen?‘ ruft er.

‚Ich doch nicht. Nicht in dem Sinn.‘

‚Wer denn?‘

‚Einer aus dem merkwürdigen Haus, in dem ich dich untergebracht habe.‘

‚Wann erzählst du mir davon?‘

‚Bald. Ich denke, wir fangen bald damit an.‘

‚Und wird es schlimm sein?‘

‚Wer?‘

‚Mein Tod.‘

‚Wie hättest du es gern?‘

Er hebt die Hand und winkt mir zum Abschied zu.

‚Keine Ahnung‘.“ (ebd. S. 15).

Und ganz langsam baut sich auch beim Leser eine Vorstellung davon auf, wie sich, die nur zerstückelt aufdeckende Geschichte durch diese nachdenkenden Selbstdialoge um Jakob und den Tod Marthas zugetragen hat. Aber: Für die Arbeit eines Turmschreibers stehen aber gleichrangig zur Handlung die Beschreibung von Land und Leuten im Vordergrund. Nun habe ich schon sechs Werke von Turmschreibern gelesen, kenne die eine und die andere Art, in eigenen Akzenten die Stadt, ihr Brauchtum und die Umgebung zu beschreiben und doch zeichnet es Schriftsteller und Dichter wohl aus, weitere und andere Beobachtungen zu machen und zu formulieren:

„[…] die kleine Stadt erstarrt in dieser Mittagshitze, die Läden vor den Fenstern sind geschlossen, die Feigenbäume, von denen man mir erzählt, dass ihre Wurzeln den Kellern die Feuchtigkeit entziehen, saugen das Sonnenlicht gierig auf, kein einziges Blatt hängt welk herunter, das ist das Klima, das sie lieben. Gestern bekam ich eine reife Frucht geschenkt und in ihr war die ganze klebrige Süße langer sonnendurchtränkter Tage. Ist Deidesheim wirklich das andere Paradies, so hätte Adam seiner Eva statt eines Apfels eine Feige gegeben. Auf jeden Fall scheint mir dies ein Ort für Genießer zu sein, für Umherschlenderer, für Bewunderer enger Gassen oder villenähnlicher Herrenhäuser, auf dem Land draußen weithin sichtbar, im Ort selbst versteckt in parkähnlichen Gärten. Sie haben riesige Höfe, in die man gut hineinfahren kann, manchmal stehen die Türen zu den unterirdischen Gewölben offen, steile Stufen führen hinunter, Kühle und ein Geruch von vergärten Trauben steigt aus ihnen empor.“ (ebd. S. 17).

Von Fanny Morweiser erfahren wir auch, dass sich in ihrer Wahrnehmung das Turmschreiberamt offensichtlich verändert hat und sie ist die erste, die bisher die anderen Turmschreiber mit in ihr Buch aufnimmt. So erzählt sie vom Besuch einer Kinderbuchautorin, welcher den zweiten Turmschreiber des Jahres 1980, Rudolf Hagelstange, noch persönlich kannte. Diese kennt auch das…

„[…] Buch, das er über seine Deidesheimer Zeit geschrieben hat, es ist eine Liebesgeschichte, sagt sie, und tatsächlich hat mir der Bürgermeister davon berichtet, dass Hagelstange immer entwischt ist, um diese Dame, die er im Turm kennen gelernt hat, zu treffen. Überhaupt muss es früher im und um den Turm weit lebhafter zugegangen sein als in den letzten Jahren. Die Dichter müssen seinerzeit dem Deputatwein tatsächlich jeden Tag mit Freunden und Gesinnungsgenossen zugesprochen haben, so dass der Turm sich in der Nacht mit seinem selig trunkenen Inhalt losgelöst haben muss, um durch den Schlossgarten in Richtung Sterne zu schweben, eine Barke voll Romantiker, was weiß ich“ (ebd. S. 83f).

Fanny Morweiser nennt auch Altendorf, Harig, Heckmann und Emma Guntz, deren Bücher sie aber zunächst gar nicht lesen will, um ihre eigene Amtszeit nicht voreingenommen zu gestalten. „Mag sein, dass ich sie später lese und mich wundere oder auch nicht“ (ebd.). Wie es mit Jakob weiterging, will ich hier gar nicht notieren, das soll jede/r Leser/in selbst erkunden. Am Ende will mir Fanny Morweisers Buch als dasjenige Turmschreiberbuch erscheinen, das ich an Platz eins einer persönlichen Liste setzen würde. Es ist erfrischend und zugleich verschachtelt geschrieben und die Gespräche mit Jakob verleihen ihm eine ganz eigene Perspektive und Struktur, die den Leser in die Entstehung der Geschichte mit hineinnimmt, mit der Autorin selbst verstrickt. An einer Stelle sagen die beiden in einem kurzen Dialog über Georg Trakl:

„‘Er würde erst im Herbst kommen‘, sagt Jakob hinter meinem Rücken.

Ich drehe mich zu ihm um. ‚Kannst du Gedanken lesen?‘ frage ich.

Er setzt sich zu mir und legt nachdenklich einen Finger an seine Stirn.

‚Da ich ein Teil von dir bin, wird es wohl so sein.

‚Du meinst also, er passt noch nicht, nicht jetzt.‘

‚Ja.‘“ (ebd. S. 78)  

 

Diese Verschränkung der äußeren Rahmengeschichte der Turmschreiberin Fanny Morweiser, die während ihrer Amtszeit ihre Eindrücke als Tagebuch notiert, in welchem eine ganz andere Geschichte entsteht, die es aber erst im Gespräch mit einer Kunstfigur, die wiederum die Autorin selbst ist, zu entwickeln gilt, diese Konstruktion macht das Buch so interessant.

Gleichwohl könnte „Platz eins“ der bisherigen Turmschreiber noch anders belegt werden, denn noch bin ich ja nicht durch. Die Ergebnisse dreier Schreiber von Deidesheims Turm stehen noch aus.

 

Dienstag, 16. Mai 2017:

Zunächst aber beschäftigten mich, neben den Kommentaren zu den Schüler-Eltern-Lehrer-Gesprächen für meine neunte Klasse, die kommende Klassenarbeit in Deutsch und die Teilnahme an einer Teamsitzung, zwei Lyrikbändchen der Turmschreiber aus den Jahren 1991 und 2000. Zunächst handelt es sich um „Die Schlüssel sind vertauscht, Gedichte und Prosagedichte 1987 bis 1991 (Hamburg, 1992) von Walter Helmut Fritz. Dabei ist dem Buch kein Hinweis zu entnehmen, dass der Autor „Deidesheimer Turmschreiber“ war. Letztendlich ist es lediglich ein Büchlein mit Gedichten eines Verlages, in welchem Gedichte aus vier Jahren versammelt sind. Seltsam. Auch inhaltlich musste ich suchen, wo denn Gedichte notiert sind, die irgendwie diesem Projekt zuzuordnen sind. Ich fand sie erst im dritten Abschnitt unter dem Titel: „Die Tage schauen noch einmal her“. Beim Lesen löste sich der scheinbare Widerspruch von „Gedicht“ und „Prosagedicht“ auf. Meine Definition wäre demnach: Ein Prosagedicht ist ein im Blocksatz gesetztes Gedicht, bei dem im modernen Gewand alle formalen Vorgaben aufgelöst sind. Der Bezug zur Region wird direkt beim ersten klar:

„Sandstein, Muschelkalk, Granit, Porphyr, Schiefer, Wort für Wort, Hügel neben Hügel, Rebstock bei Rebstock, Wegkreuzung bei Wegkreuzung, Dorf an Dorf, Deidesheim, Ruppertsberg, Meckenheim, Niederkirchen, Forst, Wachenheim, Lerchenruf an Lerchenruf, Wolke hinter Wolke, jede eigenständig, schnell fortziehend, allem Leben gleich, zuweilen tiefblaue, blitzende Augenblicke freigebend, helle Aufbrüche, weiter, weiter“ (ebd. S. 33).

Eine erkleckliche Strecke von den erzählenden Turmschreibern entfernt, notiert Fritz nur noch Eindrücke, reiht Begriffe oder Satzteile aneinander und baut darauf, dass die ausgewählten „Mosaiksteine“, „Pinselstriche“ oder gar sprachlichen Versatzstücke ein Bild, eine Assoziation beim Leser erzeugen:

„Rasch arbeiten, treiben die Stöcke, rasch zeigen sich die ersten Blätter, ranken sich die Triebe um den Draht, werden die kleinen, weißen, ohne lockende Farben auskommenden, sich selbst befruchtenden Blüten zu einem ‚Geschein‘, entstehen daraus winzige harte Köpfe, später Trauben, keine fehl am Platz“ (ebd. S. 35).

Mir gefällt dabei am besten das letzte Prosagedicht in dieser kurzen Reihe, weil durch Vorerfahrung meinerseits die einzelnen Wörter oder Satzteile sich zu einem Bild vereinen, eine Stimmung in mir wachrufen. Die Bastandteile sind also gut gewählt:

„Die Lese: neulich der Anfang, leicht in der lebendigen Luft. Heute: der steife Rücken, die klammen Finger, die kalten Füße. Einige Träume auf dem Gesicht. Der Matsch und der dreiste Nebel. Das Klicken der Scheren. Der Logelträger auf dem Weg zum Wagen. Was weiterlebt, sind die Stimmen am Ende der Zeile, ist ein Lachen, das einem Leben antwortet. Die Tage schauen noch einmal her, ehe sie fortziehen“ (ebd. S. 39).

Natürlich erfährt der Leser nichts über Deidesheim, nichts von der Geißbockversteigerung und kann auch keine Eindrücke von Spaziergängen entnehmen. Hinter den achtzehn Gedichten von Walter Helmut Fritz steht ein völlig anderer Grundansatz: Er will Stimmungen und atmosphärische Eindrücke auf engstem Raum und mit knappen Worten vermitteln. Das gelingt ihm (bei mir) sehr wohl, wenn auch nicht in dem Umfang, wie bei den ausführlicher erzählenden Autoren. Kritische Stimmen mögen beurteilen, ob damit der „Vertrag“, der zwischen Stiftung und Turmschreiber, vermutlich in ähnlicher Weise wie bei Altendorf geschildert,  abgeschlossen wurde, erfüllt ist. Hier sei erwähnt, dass auf der Deidesheimer Homepage bei den Turmschreibern der Jahre 1992 und 1996 vermekt ist, dass gar keine Veröffentlichung erfolgte. Vertragsbruch? Rückzahlung der Unterstützung?

Nochmal andere Wege geht Emma Guntz, erste Turmschreiberin im Jahr 2000 mit ihren Gedichten mit dem Titel „Ein Jahr Leben“ (Landau 2002). Ihre Gedichte  sind von genauer Naturbeobachtung angestoßen, gehen merklich durch diese hindurch und erreichen stets Übertragungen auf die menschliche Existenz, poetisieren über Anfang und Ende, über Blüte, Reife und Welken, über Leben, Zeit und Vergehen. Auch hier ist nicht genau nachzuvollziehen, welche Texte unmittelbar im und um den Turm und um das Stipendiat herum entstanden sind, wenngleich das schmale Bändchen immerhin das Turmschreiber-Signet enthält und damit, anders als bei Fritz, eindeutig als Turmschreiberwerk identifizierbar ist. Die Gedichte folgen den Monaten eines Jahres und werden mit den so genannten „Acht Deidesheimer Gedichten“ abgeschlossen. Im Epilog schreibt Emma Guntz:

„Als ich Deidesheim zum erstenmal sah, war ich auf Besuch bei meinem Vorgänger, unserem Freund André Weckmann, der mich und meinen Mann in seine ‚Turmschreiberei‘ eingeladen hatte. […] Im Sommer des folgenden Jahrs fragte man zu meiner Überraschung bei mir an, ob ich gewillt sei, eine Amtszeit als erste Turmschreiberin in Deidesheim zu übernehmen. Mit allen Rechten und Pflichten […] Die Entstehung des vorliegenden Gedichtbandes ist eng mit meinem Aufenthalt in und um Deidesheim verbunden. Aber auch andere Landschaften und ihre Menschen haben ihre Spuren hinterlassen. Das Elsass und der Garten, der unser Straßburger Haus umrandet. Die Ille de France, insbesondere der Park von Fontainebleau, die Ufer der Seine und des Loing und das uralte Städtchen Veneux-les-Sablons mit seinen schattigen Pfaden, die sich zwischen hohen Mauern der ehemaligen Traubengärten winden“ (ebd. S 76f).

Auch Emma Guntz versucht in wenigen, kurzen, fast splitterhaften Versen ohne strukturierende Satzzeichen als Hilfe anzubieten, möglichst umfassende Inhalte zu erzeugen. Die kurzen Texte müssen, um zu wirken, auf die Vorerfahrungen und die gedankliche Offenheit der Lesenden bauen, nur so kommen sie als sprachliches Kunstwerk an. Für sich allein genommen bleiben die Worte bruchstückhaft und lassen den Leser fragend zurück:

 

                                               „Weich weht der Wind

                                               mit sanftem Grün

                                               umarmt

                                               der wilde Wein

                                               das winterliche Haus“ (ebd. S. 28).

 

Oder:                                       „Im Maigras

                                             &am