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Mai 1 2017

 


Montag, 15. Mai 2017:

Immer, wenn die zu Beginn des Schuljahres erstellte Liste der Protokollanten mich auserwählt, verfügt die Sitzung des Schulleitungsteams für mich über eine zusätzliche Note, nein, stressig wäre das falsche Wort, eher sich addierende Beanspruchung. Das Schuljahr ist fortgeschritten, die Zeit bringt es mit sich, dass die Unruhe im Kollegium hinischtlich der Arbeit im nächsten Schuljahr deutlicher wahrnehmbar wird. Da die anstehende Runde der Personalplanung bisher kaum verwertbare Hinweise erhält, sitzen wir zwischen den Stühlen. Die realen sind dagegen gepolstert, wenngleich sie aus der Ausschussware einer Bank stammen.

Die Redaktiop des DÜW-Journals hat sich gemeldet. Meine Anfrage hinsichtlich des Projektes „Pop macht Schule“ im März war gespeichert. Vor Wochen war es nicht möglich, eine/n Redakteur/in vorbeizuschicken, zumal für die damalige Nummer bereits der Redaktionsschluss ausgerufen war. Fotos hatte ich bereits ausgewählt und heute nun einen kleinen Text verfasst – der Redaktionsschluss für die neue Ausgabe ist am kommenden Freitag. Da dieses Journal als Medium der Kreisverwaltung jeden Haushalt im Landkreis erreicht, ist die Wirkung flächendeckender als die der Tageszeitung. Der Chefredakteur sagte vor geraumer Zeit, die Zeitung errreiche nur etwa ein Drittel der Haushalte!  

Als Tagesabschluss konnte ich bei einem  besonderen Erlebnis einen Originaleinblick in die Stadtstruktur verbuchen. Inzwischen erreichten mich neun der zehn antiquarisch zu erhaltenden Bücher der „Turmschreiber-Reihe“. Bei dem fehlenden zehnten wollte ich mich erst auf die Suche machen, denn es wurde gebraucht überall im Netz nur für 50 Euro angeboten. Ein zu stolzer Preis! Auch die Recherche unserer Schulbibliothek ergab, dass das Buch lediglich im Landesbibliothekszentrum auszuleihen ist. Heute nun erreichte mich der Umschlag. Eine Sekretärin beobachtete mich beim Öffnen des kleinen Päckchens und ich berichtete vom Hintergund der Lieferung. Was folgte war ein Anruf bei der Tourist-Information und die Aussage, dass dort natürlich genügend Exemplare vorhanden seien und nach kurzen Verhandlungen erhielt ich die Zusage, dass die Schule ein Freiexemplar erhalten würde, das bis heute 17 Uhr abgeholt werden könne. Im dortigen Regal fand ich einen Verkaufshinweis, dass das Buch hier in Deidesheim für 9.50 Euro, originalverpackt in Folie, über die Theke geht, so dass ich mir gleich ein weiteres Exemplar sicherte. Zuvor hatte ich bereits beim Bürgermeister angefragt und meine „Lese-Reise“ durch die Turmschreiberei erwähnt. Bei dem nun abzuholenden Exemplar von Fanny Morweisers Turmschreiberbuch „Deidesheimer Elegie oder wie man keinen Krimi schreibt“ (Neustadt, 2004) lag ein Umschlag bei. Absender: Der Bürgermeister der Stadt Deidesheim, Inhalt: eine Einladung, die 614. Geißbockversteigerung im Ratssaal mit erleben zu können. In den bisherigen Beschreibungen von Altendorf, Harig, Hagelstange und Weckmann war in diesem Zusammenhang immer von den Honoratioren der Stadt die Rede. Ruckzuck wurde ich heute zu einem solchen, meines Vaters gedenkend, der immer über die „Einflussreichen eines Dorfes“ aufzählte: „Der Pfarrer, der Bürgermeister, der Apotheker und der Schulmeister“. Nun treibt mich die Frage um, ob ich mir Frack und Zylinder besorgen muss.

 

Sonntag, 14. Mai 2017:

Mein kleines „Literaturprojekt“ hat weiter Bestand. Mit „Wie ein Vogel im Paradiesgarten“ von Wolfgang Altendorf (Neustadt 1978) bin ich auf den Anfang gestoßen, denn Altendorf war der erste „Deidesheimer Turmschreiber“ überhaupt. Auch dies keine erzählende Geschichte mit einer Handlung, sondern eher Betrachtungen, allerdings auch nicht in Form eines Tagebuchs. Kein Wunder, dass dieses Buch interessante Hinweise auf die Anfangszeit enthält. Bereits im Klappentext heißt es zur Vorgeschichte:

„Zwei Männer gingen durch das Städtchen Deidesheim an der Deutschen Weinstraße. Am Turm im Stadtgraben hatten sie eine Idee geboren und auch gleich getauft, machten ihren Einfall zur Realität und nannten sie kurz und bündig ‚Deidesheimer Turmschreiber‘. Die Einfallsreichen waren Stefan Gillich, der Bürgermeister von Deidesheim, und Paul Kaps, der derzeitige stellvertretende Chefredakteur der Tageszeitung ‚Die Rheinpfalz‘ […] Der Autor wird von einem Gremium bestimmt. Er verpflichtet sich, die Pfalz und die Pfälzer bzw. eine pfälzische Landschaft literarisch zu besichtigten. Wie er das tut, ist seine Sache“ (hinterer Klappentext, in: ebd.)

Jedem der acht durchnummerierten Kapitel folgt ein Zusatz: „Was außerdem noch dazugehört“. Darin fügt Altendorf, manchmal nur stichwortartig, zusätzliche Gedanken ein, die ihm vermutlich zum Inhalt eines Kapitels nicht passend erschienen, die aber mir als Leser wertvolle Hinweise auf die Arbeitsweise und Einblicke in die Gedankenwelt vermitteln. Im ersten dieser Texte ist die schriftliche Grundlage beschrieben, die, so will mir scheinen, die von mir erwartete Erzählung gar nicht grundlegt und daher eher in meinem Kopf entstanden entstanden ist:

„Vertrag sieht so aus: Ein Buch, zweihundert Seiten und mehr, Thema freigestellt, soll im Raum Deidesheim oder in der Pfalz um Deidesheim angesiedelt sein […] Angestrebtes Ideal: Stadt, Landschaft und Leute verhelfen dem Turmschreiber zur Identifikation: Mein Thema infolgedessen: Was geschieht mit mir, wenn ich im Turm sitze? Wem begegne ich, wer begegnet mir? Welche Gespräche? Wie bringe Besucher zum reden? Wie machen sie mich gesprächig? Führen diese Begegnungen zu Reflexionen? Welcher Art?“ (ebd. S. 29).

Als erstem der Reihe der Turmschreiber fiel Altendorf wohl zusätzlich die „Pionierarbeit“ (ebd. S. 63) der notwendig zu ergänzenden Rahmenbedingungen zu, noch steckte das ganze Unternehmen in den Kinderschuhen. Die oben erwähnte Idee musste in der praktischen Umsetzung ja erst noch Erfahrungen sammeln, so zumindest mutet die Frage an: „Wie kocht ein Deidesheimer Turmschreiber Kaffee?“ In einer kühnen Vision sieht er den Turm für zukünftige Schreiber mit mehreren Etagen aufgestockt, mit etwas „Luxus“ versehen, der auch eine kleine Küche umfasst, in welcher das Kaffeekochen „vollautomatisch“ geschähe.

„Ganz anders zum gegenwärtigen Zeitpunkt! Der heutige Turmschreiber benötigt zum Kaffeekochen vor allem und zuerst einmal Wasser. Zwar sprudeln zu seinen Füßen, eben im Schlossgrabenpark, einige erfrischende Fontänen, doch mahnt ein Hinweis: ‚Kein Trinkwasser!‘ Wer wagt schon Wasser zu schöpfen, wo so etwas geschrieben steht? […] Wer sich jedoch als Turmschreiber von Anfang an mit den gärtnersichen Fachkräften des Parks gutstellt, ihnen vor allen anderen hin und wieder ein Gläschen aus den Beständen des Deputatweines spendiert, wird den wertvollen Tipp erhalten, dass – in etwa einhundertzwanzig Meter Entfernung vom Turm in östlicher Richtung an der hohen Mauer hinter Büschen verborgen – sich ein kräftiger, handlicher Wasserhahn befindet, der absolut reines trinkbares Nass hervorsprudeln lässt. […] Was für eine Freude – und dies täglich – an einem solchen Hahn das Kaffeewasser zu zapfen! Dazu benötigt man allerdings einen Topf. Die Fremdenverkehrsbehörde der Verbandsgemeinde Deidesheim stellt ihn dem Turmschreiber auf Anforderung ohne Murren zur Verfügung. Einhundertzwanzig Meter hin, einhundertzwanzig Meter zurück – zusammen also zweihundertvierzig. Das fördert den Kaffeedurst!“ (ebd. S.196f).

Ebenfalls erfuhr ich von der „[…] gehissten Stadtfahne am Turm, als Zeichen, dass ich dort sitze und schreibe“ (ebd. S.27), und, dass der Bad Dürkheimer Maler Erich Schug, der Altendorf protraitierte, das Turmschreiber-Signet entwarf (ebd. S. 73). Auch bei Altendorf finden sich herrliche Passagen darüber, wie er in Gedanken verfällt, wie er, darin Harig und auch Böll ähnlich, Dinge erblickt, Eindrücke wahrnimmt, die Assoziationen auslösen und dann zur Beschreibung dienen:

„Wie sieht er aus, der Stadtgrabenturm in Deidesheim? Eigentlich müsste sich jede Beschreibung erübrigen. Wir oft wurde er doch fotografiert, gefilmt und wieder fotografiert, wieder gefilmt. Er wurde gezeichnet, auch von mir, in Stein gehauen und in nicht üblen Versen besungen. Und das geschah alles zur Turmschreiberzeit im ersten Jahr und wird sich wohl fortsetzen in vielen Jahren. Er ist rund, nicht rechteckig […] Im Grunde ist er niedrig, steht er doch in einem Graben; zur Überheblichkeit gibt er keinerlei Anlass. Vielleicht war er früher höher, imposanter, aber da saß kein poetischer Turmschreiber drin, vielmehr, wie der der Deidesheimer Heimatforscher Schnabel es weiß, Gefangene: Strauchdiebe, Mörder, Totschläger und was sonst alles […] Un d gewiss saß hin und wieder einer unschuldig, verleumdet vielleicht oder durch widrige Umstände in bösen Verdacht geraten. Hilda, die Ehebrecherin saß da, wo ihr Mann doch mit männlicher Kraft getan, wofür man sie nun bestrafte; Greta, die Hexe, ehe man sie verrannte; Jockel, den man schändliches mit seinen Ziegen treiben sah. Sein Kopf fiel unterm Beil. Nun sitze ich hier und fühle mich wohl. Wie kommt das? Sind Steine doch keine Zeugen, oder gilts mit Poesie das steingewordene Leid aufzuweichen, dass es zerbröckelt? Man hängt gern solchem nach, wenn man in einem Turm sitzt“ (ebd. S. 51).

Doch der Vertrag wäre ja nicht erfüllt, käme nicht auch die Beschreibung der Pfalz, seiner Einwohner und Typisches dieser Gegend vor. Und auch da hat Wolfgang Altendorf einiges zu bieten. Bei der Weinblüte ging es ihm ähnlich wie mir, als ich immer und zu weit vom Rebstock entfernt, auf die Blüte wartete. Im Grunde entdeckte ich die kleinen weißen Blüten erst zufällig im dritten Jahr meiner Rebstöcke im Garten. So ähnlich, wenn auch von einem „älteren Herrn“ draufgestoßen, erging es dem ersten Turmschreiber:

„[…] der Weinstock am Haus [hat] seine weißen Käppchen abgeworfen, Blüte also. Die erste, denn dieser Weinstock nutzte die Wärme der Mauer. Ich kontrllierte täglich Stöcke in den Weinbergen; aber erst am vorletzten Tag sah ich, wie Wein blüht: Unscheinbar, wenn man davon absieht, dass das an vorgebildeter Traube geschieht, also an einem doch respektablen Ständer, enttäuschend sicherlich für viele, die mit dem Begriff Wein nicht nur Romantik, auch Superlative verbinden. Man kann aus Weinblüten keinen Strauß binden, der auch nur im mindesten Effekt machte. Eine Weinkönigin vermag sich keine Weinblüte ins Haar zu stecken oder ihre Krone damit zu zieren.“ (ebd. S. 93).

Als ich aus dem Hunsrück vor Jahren hierher umgezogen bin, fiel mir als erstes der Eindruck einer geordneten Landschaft auf. Wie auf dem Reißbrett entworfen, ist sie von schnurgeraden Linien durchzogen, nun, auch noch verstärkt durch die im Wesentlichen abgeschlossene Flurbereinigung:

„Die Landschaft um Deidesheim, so wie sie der frühe Morgen entwickelt und endlich beim Höhepunkt fast kristallklar zeigt, ist auch eine von Menschen total veränderte. Die Natur kennt keine Weinlandschaft. Sie weiß nichts von exakt ausgerichteten Zeilen, in denen Weinstock an Weinstock an Drähten hochgezogen wird, eine Monokultur gigantischer Ausdehnung, in ihrer flächendeckenden ‚Radikalität‘ nicht weniger kompromisslos als die Industrielandschaft, doch unter ganz anderen, schier umgekehrten Vorzeichen. Es ist die Industrie der belebten Natur, die hier schon einige Jahrhunderte zur Sicherung der Existenz genutzt wird“ ebd. S. 88).

Und noch einen Eindruck finde ich durch eigenes Erleben bei Wolfgang Altendorf wieder. Ganz gleich, ob beim Spaziergang oder auf dem alltäglichen Weg zur Schule, ich kenne das, was er beschreibt und habe die „Lautlosigkeit“ selbst empfunden“

„Der Weinbau ist trotz der Motorpflüge, der Motorspritzen, eigentlich immer noch eine stille Arbeit. Sie geschieht, gemessen an dem, was der Mensch gewöhnlich an Lärm produziert, fast lautlos. Die Anlage der Zeilen wehrt auch den Blick. Das heißt – man merkt auch nicht, dass gearbeitet wird. Nur hin und wieder entdeckt man einen Menschen, sieht auf einem der wenigen Wege ein Auto stehen, den Traktor. Da kann man vermuten: Irgendwo wird gearbeitet. Sicherlich weiß man auch wo. In einer der vielen Zeilenrinnen, die schnurgerade durch das Grundstück laufen, wird beschnitten oder gesprüht“ (ebd. S. 100).

Ach, eine ganze Reihe von Passagen könnte ich hier noch anfügen, allesamt wären sie es wert, gelesen zu werden, sprachliche Betrachtungen, oder die Gedanken zum seinerzeit „deutschen Terrorismus“, Ausführungen zur Demokratie, die er in Gesprächen im Turm mit Jugendlichen weitergibt oder einfach die Notizen über Begegnungen. Doch weder will ich hier  die Neugier zum eigenen Lesen löschen, noch muss ich umfassend alles in diesem Tagebuch eines Schulleiters aufnehmen. So lautet am Ende meiner Lektüre das Resümee: Auch dieses vierte Buch, der Turmschreiberei entsprungen, ist nach fast vierzig Jahren noch lesenswert und vermittelt neu Gesehenes. Ich meine, dass durch die Lektüre der bisherigen Bücher meine Wurzeln tiefer in die pfälzische Landschaft eingedrungen sind. Das klingt etwas pathetisch, also drücke ich es mal beruflich aus: Es kann nicht verkehrt sein, als Leiter einer hier ansässigen Schule sich mit Land, Menschen und Kultur durch die Augen eines Dritten, eines „Fremden“, eines Sehenden zu beschäftigen.     

 

Freitag, 12. Mai 2017:

„Wir haben und doch schon mal gesehen, oder?“, mit diesen Worten sprach ich den Pressefotografen an, der vor meinem Büro Fotos in den Schulhof hinein „schoss“. Dort knieten verteilt Schüler/-innen einer achten Klasse, die innerhalb des Projektunterrichts anlässlich des 500. Jubiläums die 95 Thesen Martin Luthers mit Kreide auf den Schulhof schrieben. Eine faszinierende Idee! Gestern sah ich Jungs, die ihre selbst gebauten Seifenkisten ausprobierten. Noch ein Faszinosum! Um den Projektunterricht zu stärken haben die beiden Koordinatoren einen vom Förderverein unterstützen Wettbewerb gestartet, der jährlich das schönste, prächtigste oder ideenreichste Projekt prämieren soll. Es laufen so viele interessante Dinge im Haus, die leider kaum und schon gar nicht von allen wahrgenommen werden (können), aber doch einen Großteil der Projektarbeit ausmachen. Das soll nun gewürdigt und vorgestellt werden. Meine Eindrücke der letzten beiden Tage zeigen, auf welch fruchtbarem Boden die Idee bereits zu reifen begonnen hat. Ganz vergessen, dabei so einschneidend: Die Gruppe, die zu einem Austausch in Cuisery weilte, ist mit sehr positiven Rückmeldungen zurückgekehrt und einem zum Konzept zu erhebndem Austausch scheint nun nichts mehr im Wege zu stehen. Damit erreicht eine weitere Etappe die Zielgerade: Wie oft waren wir bemüht, einen England- oder Frankreichaustausch auf die Beine zu stellen. Nun scheinen sich die Vorzeichen als Erfolg der jahrelangen Anbahnung einzustellen.

Als am Nachmittag die Mitgliederversammlung der „Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule“ (GGG) begann, hatte der Regen leider die 95 Thesen bereits weggeschwemmt. Ganz anders als die wirklichen (oder die als solche überlieferten) Thesen, war Nachhaltigkeit nicht ihre Güte, schade! Die Idee und der Eindruck, vielleicht sogar die Öffentlichkeitswirkung werden bleiben (Kein Pressefotograf kommt, wenn nicht ein Artikel geplant ist). Das Ziel, durch ein relevantes Thema, die  Mitgliederversammlung zahlenmäßig zu vergrößern, gelang nicht. Ich sollte zum Thema „Oberstufe“ unseren Weg und unsere Schritte vorstellen und damit zusätzlich Teilnehmer von IGSn, die gerade in Richtung unterwegs sind, nach Deidesheim locken. Das ist nicht gelungen. So fanden sich, fast als Seniorenkaffee einzustufen, nur wenige „alte Kempen“ der Gesamtschulbewegung ein. Wenn aber über fast vierzig Jahre eine Instutition die rheinland-pfälzischen Geschichte der Gesamtschule im Verbund mit dem Bundesverband begleitend, unterstützend und fordernd vorangebracht hat, dann fällt mir dazu nur die GGG ein. Wer sich das Literaturverzeichnis des Buches „Deshalb IGS“ anschaut, wird dies leicht mit mit den dort genannten Veröffentlichungen nachvollziehen können. Wechselnde Regierungen, inhaltlich schwankende Akzentsetzungen der Lehrerverbände, bildungspolitische Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderung mögen normal sein – das Ziel, die Gesamtschule als Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem zu veranken und immer weiter zu entwickeln, verfolgte durchgehend nur die GGG. Bei jeder Gesetzesänderung, bei jeder Verwaltungsvorschrift mischt sich die GGG in der Anhörung ein und nimmt aus Sicht der IGS Stellung. Mögen spätere Generationen den historischen Einfluss erforschen und darstellen, immerhin wird ein Archiv – der Name ist mir entfallen – in Berlin alle Unterlagen und Dokumente sammeln. So war es immerhin eine würdigende, eine interessante, wenn auch altersdurchschnittlich bedenkliche Veranstaltung, die allerdings den Beginn des Wochenendes auf 19 Uhr verschob.    

 

Dienstag, 09. Mai 2017:

Unser Kollegium ist vielleicht eines der diskussionsfreudigsten im Lande – das schreibe ich mal ohne Evaluation einfach so hin. Wenn dann drei Beschlussvorlagen mit mehreren Seiten Text formuliert sind, könnte das zu ausufernden Debatten führen. Daher haben wir einen anderen, bereits bewährten Weg gewählt. Die jeweiligen Antragssteller geben die Vorlagen in die Jahrgangsteams, dort werden sie besprochen, dort kann sich jede/r, ohne der Eigendynamik einer Gesamtkonferenz mit knapp achtzig Kolleg/-innen zu unterliegen, zu Wort melden und Änderungswünsche einbringen. Alle erhalten die Beschlussvorlagen nochmals mit den Änderungen und dann landen sie in einer „reinen Beschlusskonferenz“. Das Vorhaben, die drei Vorlagen zu beschließen und dann noch Vertreter für den Schulausschuss und den Schulbuchausschuss zu wählen und das innerhalb von dreißig Minuten, war durchaus ambitioniert. Es lief mindestens eine Wette, dass ich das nicht schaffen werde, doch nach 31 Minuten konnte ich die Gesamtkonferenz schließen und alles war „unter Dach und Fach“. Nicht ohne Staunen auf meiner Seite starteten wir in den zweiten Teil des Nachmittags: Die Arbeitsgruppe zu den Schüler-Eltern-Lehrer-Gesprächen wollte das bisherige Zwischenergebnis vorstellen und in Kleingruppen weiterbearbeiten lassen. Das Wetter spielte mit, so dass acht Stehtische im Hof verteilt waren, an denen die Kolleg/-innen und zwar gerade nicht in den Jahrgangsteams diskutierten – welch ein beeindruckendes, intensives und arbeitssames Bild!

Im anschließenden Plenum wollten wir das weitere Vorgehen beim Thema Differenzierung vorstellen – und da war sie wieder, die längere Leine der Diskussion und die Eigendynamik, die plötzlich eine ganz andere, überraschende und unvorhergesehene Wendung nahm. Da werden wir nochmals nachsteuern müssen.

 

Montag, 08. Mai 2017:

Wenn montags in der Verwaltung kein Netzanschluss besteht, sollten wir eigentlich nach Hause gehen – doch stopp, Mails, die vorher ankamen, liegen bereits auf dem Server und können ohne Netzverbindung dort abgerufen und gelesen werden, es ist nur nicht möglich, neue zu schreiben, bzw. schreiben hätte ich sie können, aber nicht versenden. Die eigentliche Umstellung der Telekom sollte nur zwei, drei Minuten dauern – denkste! Wir mussten erst mühsam die neuen Zugangsdaten ermitteln, um wieder ins Netz zu kommen. Da gibt es ja aber noch die gute alte Papierpost, die mir einen Umschlag der Schulaufsicht in Trier bescherte. Darin die Namen von  sieben Kolleg/-innen, die zur Verbeamtung auf Lebenszeit anstehen, zwar erst Anfang September, aber in Anbetracht der Sommerferien bis Mitte August, sei dies schon mal vorangezeigt, denn immerhin heißt das sieben Dienstliche Beurteilungen schreiben, die wiederum vierzehn Unterrichtsbesuche voraussetzen, sieben Amtsarztbesuche, die wiederum unsere Abwesenheitsblätter benötigen – also: rechtzeitig beginnen! Wohl dem, der auf eine vorausblickende Personalabteilung bauen kann. Die ersten Termine dazu stehen bereits im Kalender.

Auf meinem Programm stand für heute bereits der Unterrichtsbesuch einer Deutschstunde, allerdings für eine Wechselprüfung vom Lehramt für Hauptschule zum Lehramt für Realschule plus, welche das Land nun endlich, Jahre nach der Schulstrukturreform, ermöglicht. Auch hier ist ein, wenn auch verkürztes – Gutachten notwendig. Die Schulleitungsrunde bereitete noch die morgige Gesamtkonferenz und die sich anschließende Dienstbesprechung vor und dies noch und noch jenes. Jedenfalls war der Montag schneller um als gedacht, obwohl er sich gar nicht so gefüllt ankündigte.

 

Sonntag, 07. Mai 2017:

Das passt gut: Nicht nur das dritte „Turmschreiberbuch“ für mich, Ludwig Harig wurde in der Chronologie als dritter Turmschreiber ausgewählt und sein Schreibergebnis lautet: „Zum Schauen bestellt – Deidesheimer Tagebuch“ (Landau 1984). Bereits am Titel wird klar: Es handelt sich nicht um die Erzählung einer Handlung, wie bei den beiden bisherigen, sondern um Betrachtungen, die der Autor in Form eines Tagebuchs in der Zeit zwischen dem 27. September 1982 und dem 3. Oktober 1983 notiert hat. Nach kurzem Zögern – Hatte ich mich zu sehr auf eine weitere Geschichte gefreut? Aber ich wusste doch, dass es „lediglich“ ein Tagebuch ist!) – konnte ich mich darauf einlassen und habe zu Lesen begonnen. Gleich zu Beginn war der Vorbehalt zerstreut, denn vorangestellt und titelgebend ist das so genannte „Türmerlied“ aus Goethes Faust, 2. Teil:

 

„Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen
Gefällt mir die Welt.

Ich blick in die Ferne,

Ich seh in der Näh

Den Mond und die Sterne,

Den Wald und das Reh.

So seh ich in allen

Die ewige Zier,

Und wie mirs gefallen

Gefall ich auch mir.

Ihr glücklichen Augen,

was je ihr gesehn,

Es sei, wie es wolle,

Es war doch so schön!“

Da lacht das Herz des Deutschlehrers, der solche Bezüge liebt, der literarisch „rückgebundene“ Programmatik schätzt und bei der Lektüre im Hinterkopf behalten wird. Ludwig Harig ist mir seit meinem Studium in Saarbrücken bekannt, mein Gitarrenlehrer hat seinerzeit gar Gedichte von ihm vertont. Die humanistische Bildung, die Harig erfuhr, blitzt auch an vielen Stellen durch sein „Deidesheimer Tagebuch“ hindurch. Immer wieder etwa bezieht er erlebte Augenblicke oder erschaute Einzelheiten auf die literarische Werke, auf Märchen und auf die antike Mythologie, zeichnet gekonnt Linien zu Rilke, Goethe, Schiller bis zu Ernst Bloch, von Bacchus zu Heliogabalus, dem Spitznamen für den römischen Kaiser Varius Avitus (musste ich selbst nachschlagen), zur Nibelungensage und natürlich: Rousseau. Der Begriff „natürlich“ ist hier angebracht, weil Harig als sein größtes opus einen viel beachteten Rousseau-Roman geschrieben hat. Nun also ein Saarländer auf dem Turm zu Deidesheim, um die Pfälzer, ihre Region und ihre Eigenheiten zu beschreiben. Und wahrlich, der Klappentext hat Recht: Es finden sich manche Kabinettstückchen darin, so dass ich den symbolischen (?) Preis von einem Cent (!), zu dem ich das Buch erwarb, fast schmerzlich empfinde.

Dass Harig keine Geschichte schreibt, sondern Betrachtungen in einem Tagebuch, ist kein Zufall und auch keine epische Schwäche, sondern leitet sich unmittelbar von seiner Grundhaltung ab. Über einen seiner häufigen Spaziergänge schreibt er:

„Beim Abstieg zischt und raschelt es im Gestrüpp und unter den Steinen. Hinter einem Buchenstamm schaut ein Eichhörnchen hervor, ein Admiral flattert im Heidekraut, wir gehen den weiteren Weg, unsere Aufmerksamkeit ist den Dingen zugekehrt. Wir gehen nur. Wir laufen nicht, wir springen nicht, wir verrenken nicht die Glieder. Wir gehen, um zu gehen. Wir gehen, wir schauen, wir hören, wir gehen ohne Hintergedanken. Wir, als Spaziergänger, gehen nicht, um einen Pfad zu finden, um ein Ziel zu erreichen, um einen Kreuzweg zu absolvieren. Wir gehen in Ungedanken. Wir finden, ohne zu suchen“ (ebd. S.102).

Ludwig Harig ist hier und schaut. Er schaut, erschaut und spürt, was das Erschaute mit ihm anstellt, was sich dabei in ihm selbst regt und wie es seine Gedanken in Gang setzt. „Wenn ich hier als Turmschreiber zum Sehen und Beschreiben bestellt bin, dann muss ich sehen, wie ich beides, Leben und Schreiben zusammenbringe“ (ebd. S. 148). Die von Rousseau abgeleitete Sicht- und Schreibweise (vgl. ebd. S. 149ff) ist eine radikal subjektive: „Ich schreibe, was ich sehe, was mich bewegt. Die Thematik, die ich aufgreife, ist immer meine eigene und nicht eine, die mir von Journalisten, Politikern, Ökonomen vorgeschrieben wird“ (ebd. S. 151). Und Harig schildert auf den knapp 200 Seiten herrliche Begebenheiten, die er mit Besuchern im Turm oder beim Gehen durch Stadt und Landschaft sieht oder sehend erlebt. Die Eindrücke reichen dabei von der Grenzregion zum Elsass bis zur 30. Literarischen Weinstunde in Neustadt, zu der er als Turmschreiber eingeladen wurde, von ausgedehnten Spaziergängen zu den Heidelöchern, auf den Eckkopf oder zur Wachtenburg und machen nicht Halt vor einem Hydranten, dessen Buchstaben er auf dem Hinweisschild, zu zwei Herzen ergänzt, erblickt. Auch den Höhepunkt im Deidesheimer Jahreslauf, die Geißbockversteigerung am Pfingstdienstag, lässt er selbstredend nicht aus und verleiht dem Leser dadurch seine genau beobachteten Einblicke in den Ablauf, etwa wenn er zu Beginn den Liedtext notiert:

„Der Geißbock ist gekommen,

er trägt die Hörner hoch;

er wurde angenommen,

obgleich er nicht gut roch‘

singen die Schulkinder, die den Lambrechter Geißbock, das Totemtier von Deidesheim und des heutigen Tages, vom Stadtrand abgeholt und vor das Rathaus geführt haben. Da steht er nun, glatt gestriegelt, breit gehörnt, stark beschlagen, ‚bien cornu et bien capable‘, wie es in der napoleonischen Urkunde heißt, auf einem grünen Holzpodest und harrt der historischen Prozedur […] Der Bock muss geprüft werden, so verlangt es der Brauch, er muss besehen, berochen, betastet werden, er muss von allen Seiten durchgemustert und auf Herz und Nieren geprüft werden, ob er auch wirklich ‚bien cornu‘ und ‚bien capable‘ ist, ‚gut im Horn und gut in seiner Gebräuchlichkeit‘, wie die Deidesheimer Sprachregelung lautet […] Ein Sachverständiger greift dem Bock ins Horn, streicht ihm das Fell, fasst ihm ans pralle Gemächt, so heftig, dass der Bock zu wiehern beginnt und ausschlägt mit seinem lockig behaarten Huf. O ja, beneidenswert ist seine Gebräuchlichkeit, jetzt duftet er strenger, räkelt er sich genüsslicher […] Nun aber schlägt dreimal die Kirchenglocke, und die Versteigerung beginnt. Herr Leim schwingt seinen Auktionshammer, er breitet die Arme aus, dreht seinen Kopf, hebt seine Stimme. ‚Wer bietet mehr?‘ ruft Herr Leim, und der Schirm seiner Winzermütze glänzt in der Abendsonne….“ (ebd. S. 28-32).

Und so geht es genau erzählend weiter zum dritten Hammerschlag, zum Bezahlen in bar beim Bürgermeister in Zylinder in den historischen Rathaussaal.

Zum herrlichen Schmankerl steigert sich Harig, wenn er von zu Hause erzählt, „[…] wo im Bücherschrank die Bücher und die Weingläser so lustvoll nebeneinander standen, dass es unabweislich zu diesem schönen Austausch der Geister aus Buch und Flasche kommen musste, zu diesen kuriosen Verbindungen, wenn erst einmal der Buchdeckel aufgeklappt und eine Flasche von ihrem Korken befreit war (ebd. S.40). Als Turmschreiber käme nun zu den verschiedenen öffentlichen und privaten Bibliotheken eine weitere hinzu, die Deidesheimer Turmbibliothek.

„Ja, dieses Deidesheimer Kombinatorium von Bibliothek und Weinregal wird ein Abbild meines elterlichen Wohnzimmerschranks sein, nur viel, viel kleiner, und der Wein dieser Deidesheimer Turmbibliothek, dieses Deidesheimer Turmweinregals, ein Deidesheimer Turmbibliothekswein, ein Deidesheimer Turmweinregalswein, ja ein Deidesheimer Turmbibliotheksweinregalswein wird zum ersten Mal in meinem Leben ein Pfälzer Wein sein“ (ebd. S. 41).

Doch Harig wäre nicht Harig, wenn er nur wortkombinatorisch und spielerisch mit der Sprache oder deren Versatzsstücke umgehen würde, wenn er nicht hintergründiger, „tiefer schürfen“, ernsthafter nachdenken und auch lyrisch schreiben würde. Er trägt nicht nur durchaus komödiantische Passagen in sein Tagebuch ein, wer genau liest, wird Ernsthaftes und Existenzielles darin entdecken, angeregt durch geschaute Einzelheiten oder dadurch in Gang gesetzte Gedankenreihen. Exemplarisch lässt sich dies an einem Gedicht zeigen, das er seiner Turmschreibertätigkeit programmatisch voranstellt, denn es geht beim Schreiben schlichtweg „um alles“:

 

„Der Mensch ist ein Wurm,

drum liebt er den Turm.

Er kriecht auf der Erde

aus Löchern hervor,

dass lichter ihm werde,

sehnt er sich empor.

Drum liebt er den Turm.

Der Mensch ist ein Wurm.

 

Der Mensch sucht Verwandlung

und stürzt sich in Handlung;

Denn will er nicht lasch

als Regenwurm sterben,

so muss er sich rasch

ein paar Flügel erwerben.

Er stürzt sich in Handlung.

Der Mensch sucht Verwandlung.

 

Er kriecht auf den Hügel

und fühlt seine Flügel.

Hier ist er am Ziele.

Es klingt in Akkorden:

aus einem sind viele,

sind Menschen geworden.

Sie fühlen die Flügel

und stürmen den Hügel.

 

 

 

Die Menschen sind Falken,

sie thronen auf Balken.

Sie krächzen, sie singen

hoch oben im Turm.

Sie breiten die Schwingen

und trotzen dem Sturm.

Sie thronen auf Balken.

Die Menschen sind Falken.

 

Sie brüten und dauern

in Deidesheims Mauern.

Sie haben zum Wächter

den Dichter gesetzt;

schon hat er, als Fechter,

den Schnabel gewetzt.

In Deidesheims Mauern

die Turmfalken dauern.

 

Der Mensch ist kein Wurm

auf Deidesheims Turm.

Ich sehe Gesichter,

ich höre Gelächter,

ich bin der Dichter,

der Fechter und Wächter.

Auf Deidesheims Turm

erhebt sich kein Wurm“.               (ebd. S. 51)

 

 

Liege ich falsch, wenn ich daraus so etwas wie „Harigs kleine Weltgeschichte“ herauslese, die bei Adam beginnt, über das „Mache-dir-die-Welt-untertan“ und den griechischen Pegasus reicht, das nimmersatte „Höherstreben“ des Menschengeschlechts und die Aufklärung einschließt, um letztendlich beim Deidesheimer Turmschreiber als dichtendem Mahner zu enden? Welch eine Grundlegung!

Und welch einen Schlussakkord stimmt Ludwig Harig als Saarländer über seine Zeit in der Pfalz an und berührt damit auch mein im Saarland zu schlagen begonnenes Herz:

„Ich muss sagen, dass sich hier mein Bild von den Pfälzern geändert hat. Das ist das alte Bild, das die Saarländer vom Pfälzer als eher dominierendem Menschen haben. Ich halte das mehr für eine Erfindung. Man hat als Saarländer diesen Minderwertigkeitskomplex doch sehr stark gepflegt, und aus dieser ‚Überpflege‘ des Minderwertigkeitskomplexes heraus entstand wohl diese Scheinangst vor dem Pfälzer. Aber es ist ja so, dass das zunehmende regionalistische Selbstbewusstsein den provinzialistischen Minderwertigkeitskomplex abbaut. Das gilt für einige unterprivilegierte Landschaften. Die Saarländer zählen heute sicherlich zu denjenigen, deren Selbstbewusstsein gewachsen ist“ (ebd. S. 149).

So habe ich am Ende des Buches ein Jahr in der Pfalz und in Deidesheim aus den Augen eines saarländischen Schriftstellers gesehen. Manche Beobachtungen, Eindrücke und Schilderungen haben mir die Augen weiter geöffnet und mich selbst hier noch tiefer beheimatet. Und fast kehrt ein wenig Jahresendstimmung im Mai ein, wenn ich abschließend Harigs Tagebucheintrag vom 3. Oktober 1983, noch weit vom späteren „Tag der Einheit“ entfernt, lese:

„Wir fahren mit Hans und Hanno nach Deidesheim. Es ist ein stiller, immer noch warmer Tag. Hans Dahlem zeichnet den Turm, und er zeichnet auch den Bauwagen. Wir schlendern durch die Gassen, sehen die Rathaustreppe, den Kirchturm, das alte Fachwerk. Der Sommer ist zu Ende, Rilke hätte gesagt, er sei groß gewesen. Sehen wir auf einmal mit anderen Augen?

Ich war zum Schauen bestellt, und ich habe geschaut. Jetzt steht der Turm wieder leer. Es ist Herbst geworden, und alles hat seinen Platz getauscht“ (ebd. S. 183).

 

Freitag, 05. Mai 2017:

 „Evaluation der phasenübergreifenden Kompetenzentwicklung in der Lehrkräfteausbildung unter besonderer Berücksichtigung des Vorbereitungsdienstes in Rheinland-Pfalz“, so lautete das Thema des Referates am gestrigen Morgen. Sehr wohl ein harter Brocken zum Tagungsbeginn, weitere sollten folgen, denn die nahezu zweihundert Schulleiter von IGSn und Gymnasien waren zur zweitägigen Landesdirektorenkonferenz geladen bzw. dazu verpflichtet. Es war meine vierte Teilnahme an dieser Veranstaltung der ganz besonderen Art. Mehrfach habe ich darüber berichtet (siehe die Einträge vom 24. April 2009,  22. April 2012,    2. April 2014). In diesem Jahr kamen die IGS-Schulleiter nicht mal zu einem eigenen Abschnitt zusammen. Zwei Tage relativ passiv hinzunehmender Input...so, oder so ähnlich muten wir das Schüler/-innen täglich zu…grausam!

Und dann gab es doch ein Thema, das mich aufhorchen ließ: Zentralabitur. Fast hätte es zur Kabarettnummer taugen können, denn die Abteilungsleiterin, selbst Vertreterin bei der Kultusministerkonferenz, schilderte, ausgehend von verschiedenen Artikeln in der Presse (zuletzt: „Die Lotterie des Lebens“ von Miriam Olbrisch, in: DER SPIEGEL, 18/2017, S.12 – 20), dass der Bestandteil „zentral“ offensichtlich fehl am Platze ist. Aktuell müssen Schüler/-innen mit sturkturell völlig unterschiedlichen Oberstufen das Abitur ablegen. Das beginnt bei der Anzahl der der ins Abitur einzubringenden Kurse (die Schwankung beträgt 32 bis 40), immense Unterschiede bei der Möglichkeit, Kurse mit weniger Punkten wegfallen lassen zu können, bis hin zu Unterschieden in der Fächer- und Stundenanzahl bei der schriftlichen Prüfung. Hier reicht die Spanne von drei bis vier schriftlichen Fächern mit verschiedenen Zeitvorgaben und erstreckt sich auf erhebliche Unterschiede in den mündlichen Prüfungen, bei denen, je nach Bundesland, auch Präsentationen oder besondere Lernleistungen eingebracht und damit zusätzliche Punkte gesammelt werden können. – und das alles in 16 Variationen, weil Bildungspolitik nun eben Ländersache ist. Wer kann vom Sinn oder von der Notwendigkeit eines bundesweiten Zentralabiturs reden, wenn ein und derselbe Schüler mit seiner erreichten Punktzahl in einem Bundesland ein Einserabitur zugesprochen bekäme, während er, wegen unterschiedlicher Strukturen und Regelungen, in einem anderen nicht mal zum Abitur zugelassen wäre? Wie stur und schwerfällig ist eine bürokratisch unbewegliche Konferenz von Landesvertretern, wenn eine Formulierung „von zwei bis vier Leistungskursen“ in monatelangen Verhandlungen in die Worte “mindestens drei Leistungskurse“ umgewandelt werden soll? Stoff, um daran verzweifeln zu können!

Was hätte ich da alles lesen können, sind doch zwei weitere Büchlein von „Deidesheimer Turmschreibern“ bei mir angekommen. Zwar konnte nicht die Rede der (neuen?) Ministerin zu bildungspolitischen Grundsatzfragen selbst mich „hinter dem Ofen hervorlocken“, aber immerhin erlebte ich sie zum ersten Mal „live“, konnte sie „studieren“, wie souverän und menschlich angenehm sie es verstand, ein nicht gerade einfaches Plenum von so vielen Schulleitern „für sich einzunehmen“, ohne auf die „oberste Chefin“ pochen zu müssen. Und – ich will es gern erneut hervorheben – die für mich entscheidenden Augenblicke und Begegnungen fanden im Foyer statt, in zum Teil kurzen, zum Teil längeren Gesprächen. Es mag durchaus sein, dass diese zweitägige Form der Konferenz zum letzten Mal stattgefunden hat, zum einen, weil Personen ausscheiden oder bereits ausgeschieden sind und weil sich die Frage der Kosten einer solchen Mammutveranstaltung am Nutzen wird messen müssen. Ob ich sie wirklich vermissen würde? Ich lasse es heute offen. Schauen wir mal…

 

Dienstag, 02. Mai 2017:

Als erstes der antiquarisch bestellten Büchlein lag vom achten Turmschreiber André Weckmann „Der Geist aus der Flasche und die Leichtigkeit der Zuversicht“ (Landau 1998) im Briefkasten. Vordergründig handelt es sich um die Liebesgeschichte eines Elsässers und einer Pfälzerin. In seinem Vorwort schreibt Weckmann:

„Diese Ehrung ist mit einer Auflage verbunden: Der Turmschreiber verpflichtet sich, ein literarisches Werk zu verfassen. Von mir, dem Elsässer, erwartet man ein völkerverbindendes Thema, insbesondere im Sinne der deutsch-französischen Freundschaft […] Was wissen wir Elsässer von unseren deutschen Nachbarn? Was wissen sie von uns, über uns, von der Küche, der Kultur, von den folkloristischen Klischees abgesehen? (ebd. S. 5).

Eine solche Liebe über die Grenze hinweg scheint heute unkompliziert, Weckmann bettet die seinige in die wechselvolle Geschichte des Elsasses, welches immer wieder als Spielball zwischen Frankreich und Deutschland mal dem einen, mal dem anderen Staat zugeschlagen wurde. Die Grenze, die die Politik immer wieder anders zog, war aber nie eine Sprachgrenze, der elsässische Dialekt leitet sich aus dem Deutschen ab. Deutschland – Frankreich, über Jahrhunderte eine wechselvolle Geschichte mit je eigenen Geschichten des Selbstverständnisses, lange währenden Vorbehalten und Feindschaften. Was dem Pfälzer das Elsass, ist dem Saarländer sein Lothringen – beider Geschichten gehören zusammen. Noch immer präsent sind mir Erzählungen aus der eigenen Familiengeschichte, etwa dass meine Mutter vom Opa zur Geburt der ersten beiden Söhne 1.000 „Franken“ erhalten habe, wie mein Vater als Reparationsleistung nach der französischen Gefangenschaft in dunklen Bergwerken saarländische Kohle fördern musste, denn erst 1959 wurde das „Saargebiet“ wirtschaftlich und damit endgültig der Bundesrepublik angegliedert, erzählt wurde immer wieder, wie heftig gegen einen europäischen Status gewettert wurde, wie das bekannte Bergmannslied „Glück auf! Glück auf!“ umgetextet wurde in: „Deutsch ist die Saar! Deutsch immerdar. Und ewig deutsch unsres Flusses Strand und ewig deutsch mein Vaterland!“. Vielleicht konnte ich deshalb dieses Büchlein sehr eng an mich knüpfen und konnte die grundlegenden Fragen sehr gut nachempfinden :

„Ja doch, ich liebe ihn. Bis zum Verrücktwerden. Die Deutsche den Franzosen? Die Pfälzerin den Elsässer? Oder die Ludwigshafenerin den Straßburger? Muss ich darüber nachdenken? Muss ich mich für eine der drei Gattungsbestimmungen entscheiden? Großvater Wilhelm sagte von ihm, mit einem leicht ironischen Unterton: der Elsässerfranzose, Mutter: der Straßburger, Vater sagt nichts. Großvater behauptet, Elsässer seien abtrünnige Deutsche, Mutter schwärmt von seinem französischen ‚art de vivre‘, Vater tendiert eher zum angelsächsischen Lifestyle, das wäre die Zukunft.“ (S. 18)

Der Erzählfluss wird immer wieder mit „Kontrapunkten“ unterbrochen, so nennt Weckmann die regelmäßig eingestreuten Kurzgedichte im Elsässer Dialekt. Wie sehr auch die Sprache in die Politik hineinwirkt, gerade in grenznahen Regionen, in denen immer wieder wechselnde Staatsgrenzen keine Sprachgrenzen darstellen, wird in folgendem Abschnitt augenscheinlich und berührend deutlich:

„[…] und er dankt Gott dafür. Dieser aber wechselt bald seinen Namen von Liebgott zu Bon Dieu, und Üschan stellt sich die Frage, warum er jetzt Notre Père beten sollte und nicht mehr Vater unser?“ (ebd. S. 54).

Raffiniert gebrochen hat Weckmann den Handlungsstrang zusätzlich dadurch, dass heimatliche Haus- und Flaschengeister die geschichtlichen Ereignisse immer wieder kommentieren und mit Ratschlägen eingreifen. Augenscheinlich dankbar und verschmitzt seinem Auftrag als Turmschreiber nachkommend, flicht er natürlich auch seine „Amtsstube im Turm“ ein:

 

„Der mittelalterliche Wehrturm, ein rundes Gemäuer aus grob zugehauenem Bundsandstein, schließt als Eckturm den botansich anschaulich hergerichteten Schlossgraben ab. Eine Treppe führt hinauf zum Turmstübel. Eine Schießscharte, ein Auslug, ein breites Fensterbord, das als Schreibtisch dienen soll, zwei Stühle, zwei Gläser, eine Flasche Riesling Spätlese trocken, ein Heizapparat, eine Taschenlampe und, seit gestern, er, mit Schreibmaschine und einem Kassettenrecorder […] Draußen Vogelgezwitscher. Lasst mich in Ruhe! Sagt er. Ich weiß, dass heute Frühlingsanfang ist. Ich weiß um dieses pfälzische Städtchen herum blühen tausend Mandelbäume. Ich weiß: mediterranes Mikroklima, ‚Deutsche Toskana‘. Ich weiß. Aber die andere, die echte, die wär mir lieber gewesen […]“ (ebd. S. 80).

 

Am Ende scheint diese Liebe alle „Grenzanlagen“ zu überwinden, die Sehnsucht nach „der Heimat“ und der zweite Teil des Buchtitels, „…die Leichtigkeit der Zuversicht“ deuten dies bereits an. So lege ich am Ende der Lektüre ein Buch aus der Hand, das sich an die eigene Vita anknüpft, das die wechselvolle Geschichte und die daraus resultierende Prägung der Kultur und der hier lebenden Menschen hintergründig beleuchtet und das zusätzlich eine Brücke schlägt zu meiner Gegenwart des Schulstandortes, modern, weil nicht chronologisch erzählt und, so mein abschließender Eindruck, das sich als Resultat des „Turmschreibers“ als würdig erweist.

 

Auf einer ganz anderen Idee basiert der zweite Band der „Deidesheimer Turmschreiber-Reihe“: Rudolf Hagelstange erzählt in „Liebesreim auf Deidesheim“ (Neustadt 1981) als „Turmschreiber“ zwar auch eine Liebesgeschichte. Im Laufe seiner Turmschreibertätigkeit lernt Theodor eine schreibende Dame namens Dorothee kennen. Sie notiert Erlebnisse ihres Lebens nur für sich, nicht, um diese  drucken zu lassen oder sonst wie zu veröffentlichen, sondern nur, um die Ereignisse und Vorkommnisse besser verarbeiten zu können. Sie schreibt, nachdem sie vom Turmschreiber erfahren hat, fragend an, ob dieser ihre Notizen einmal lesen und beurteilen wolle. Die beiden treffen sich, lesen die Texte und Gedichte und kommen sich nach und nach durch das Reden über Literatur näher, weil Literatur die Seelen öffnet. Die Geschichte ist chronologisch erzählt, vermeidet Brüche und wartet mit einer möglichst genau umschreibenden, ruhigen, manchmal etwas ziseliert wirkenden Sprache auf:

 

„Unser Held, der keiner war noch einer werden wollte, saß schon am dritten Nachmittag an dem kleinen sachlichen Schreibtisch und sah hinaus in den vom Wind bewegten lockeren Wald, aus dem das Fenster ein beinahe quadratisches Rechteck herausschnitt. Und weil das Fenster gerade geöffnet war und sich zum ersten Mal am Tag die Sonne dieses knausrigen Sommers zeigte, nahm er den hellen, fast leuchtenden Stamm der vor ihm wachsenden, kaum merklich bewegten Birke wahr, welche den Fensterblick exakt teilte.

 

Seitlich vor ihm stand das Glas mit der im rückwärtigen Sonnenstrahl funkelnden trockenen Auslese, überragt und gleichsam leuchtend überschattet von dem in zärtlichen Mischfarben – violett, hellrosa, rotgelb, blassblau – prangenden Strauß, den die feingliedrige Hand der Gastgeberin aus Mohn, Rudbekia, Akelei, Lupinen, Rittersporn und kokardenblumen geordnet hatte“ (ebd. S. 5).

 

Ähnlich wie Weckmann schildert Hagestange natürlich auch die „Inbesitznahme“ des „Arbeitszimmers“ im Schlossturm. Für mich wird darin deutlich, mit welchem Ernst der Aufenthalt in Deidehseim als zeitweisen Lebensmittelpunkt geplant und ausgefüllt  wurde:

 

„Er nahm den Schlüssel zum Turm und den Stoffkoffer, in dem er die ‚Ausstattung‘ seiner Amtsstube befördert hatte, und verließ die gutbürgerlich ausgestattete, freiherrlich gestiftete Hotelbleibe, um die Szenerie seiner phantastischen Turmschreiber-Existenz aufzususchen und – auszustatten.

 

Außer einem als Schreibtisch zu verdächtigenden, bescheidenen Tisch und vier Stühlen fand er drei Weinflaschen vor, also gut das Deputat eines Tages, etliche Gläser, einen Korkenzieher (aus einer Baumwurzel) und einen Willkommensgruß, handgeschrieben, vom Meister der Bürger“ (ebd. S. 29).

 

Der Leser lernt weiter das „Rahmenprogramm“ kennen, welches für den Turmschreiber während seines Aufenthaltes ausgerichtet wurde – vermutlich hat es so real stattgefunden, wie es geschildert ist. Neben einem Ausflug zum Hambacher Schloss, einer Fahrt nach Kaiserslautern, Sprechstunden für Besucher der Turmstube und die Einkehr bei verschiedenen Winzern erzählt Hagestange, wohl aus eigenem Erleben heraus, von Spaziergängen und Einladungen zum Essen in verschiedenen Gasthäusern, darunter auch das heute noch am Marktplatz existierende Gasthaus „Zur Kanne“. Als ehemaligem „Einwanderer“, geboren im Saarland, der nach einem Kindheitsintermezzo in die schwäbische Metropole verzog, der in Stuttgart alles, was mit Schule zu tun hat, absolviert hat, der das Studentendasein erneut ins Saarland verlegte, der beruflich dem Winken einer Planstelle in die Pfalz folgte und zu Hause daher als „Fahnenflüchtiger“ tituliert wurde, und der privat nach Familiengründung hier sesshaft wurde, mich also mutet es eigentümlich an, die Namen all jener Orte, nach einem über zwanzig Jahre währenden „Einbürgerungsprozess“ der inzwischen zur Heimat gewordenen Region, denn nirgendwo lebte ich länger als hier, als Orte einer Handlung in einer Erzählung zu lesen, etwa Wachenheim, Ungstein, Gimmeldingen, Mußbach, Edenkoben und Forst und an machen Stellen meine ich die beschrieben Wege und Stätten aus eigener Anschauung genau vor mir zu sehen, da ich mich doch selbst schon dort aufgehalten habe.

 

Auch Rudolf Hagestange wird seinem Auftrag als Turmschreiber, sich der Pfalz und den Pfälzern anzunehmen, gerecht:

 

„Mit den Pfälzern in Berührung zu kommen, fällt nicht allzu schwer. Im Geleit eines oder einer ‚Eingeborenen‘ fällt es leicht. Wer ihnen freilich ethnisch auf die Spur kommen wolle, der würde sich etwas schwer tun. Denn mit den keltischen Ureinwohnern haben sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende Römer und Griechen, Hunnen und Kroaten, Franken und Alemannen, Hugenotten, Friesen und Holländer gepaart. Zumal nach Kriegen haben friedlich-menschliche Versöhnungen zählbare Früchte getragen. Nach dem letzten Krieg hat es zum Beispiel neun Monate nach der Besatzung in Speyer zweihundert Franzosenkinder gegeben. Und da man in der Pfalz auch Einwanderer, Verfolgte und Vertriebene – von Zigeunern und Juden bis zu den Schlesiern und Ostpreußen – stets gastlich aufnahm, sind die Pfälzer ein kommunikativer, weltoffener Menschenschlag, gemütlich, unfanatisch, gesellig und großzügig, also alles andere als puritansich; eher derb und genießerisch – man entsinne sich nur der Kurfürstentochter und Königsschägerin Liselotte!“ (ebd. S. 130).

 

Die Erzählung endet zeitgleich mit dem Ablauf des Stipendiums mit einem feuchtfröhlichen Abschied beim Winzer, der gepackte Wagen Dorothees stand bereits draußen und erstmals machte sich das Paar auf in den Odenwald, dorthin, wo Theodor wohnt und den Turm wieder gegen sein Haus eintauscht – erstmals wird Dorothee „seine“ Umgebung in Augenschein zu nehmen.

 

„Es war kein Zweifel, dass sich - im Fall des Turmschreibers und unseres ‚Burgfäuleins‘ – auf dem geheimnisvollen Feld der Zuneigung etwas begab, das einem Schüttelreim entsprach. Einem Liebesreim dazu. Einem geschüttelten Liebesreim – wenn man so will.

 

Darüber zu lächeln, ist erlaubt, aber wenig sinnvoll. Das Außerordentliche geschieht, und indem es geschieht, widerlegt es die Lust am Gewöhnlichen. Gewöhnlich wäre gewesen, wenn der Mann aus dem Turm so zurückgekehrt wäre, wie er gekommen war […] Da er ewig nichts Gereimtes mehr geschrieben hatte, lag der Gedanke nicht aus der Welt: er würde vielleicht etwas Komisches zusammenreimen – auf Deidesheim gibt’s manchen Reim. Unverhofft war nun der Reim zum Liebesreim gediehen“ (ebd. S. 155).

 

Auf diese Weise kehrt am Ende der Lektüre das wehmütig-glückliche Gefühl und die Stimmung eines jeden Happy Ends ein, ein Bedauern darüber, dass gleich, nachdem die letzte Seite gelesen ist, der Buchdeckel geschlossen werden wird und die Geschichte nicht weitergeht, es sei denn in den eigenen Gedanken – ein weiteres kleines Werk also, das die Einrichtung des „Deidesheimer Turmschreibers“ und dessen Weiterführung rechtfertigt.

 

 

Montag, 01. Mai 2017:

 

Als durchaus gelungen empfand ich die Lieferung der ersten beiden Büchlein von Deidesheimer Turmschreibern pünktlich zum langen Wochenende, antiquarisch sind sie für wenig Geld zu bekommen. Siehe da: Es wurde seinerzeit ein eigenes Turmschreiber-Signet eines Bad Dürkheimer Künstlers entworfen, welches die beiden bisher gelieferten Bände ziert. Es zeigt im oberen Teil einen leicht zu erkennenden Turm, im unteren fügt sich das Wappen Deidesheims an, beides getrennt durch eine diagonal verlaufende Schreibfeder – gefällt mir ausgesprochen gut, weil die Darstellung in wenigen Strichen das Wesentliche (Turm, Wappen, Schreibfeder) in einer abstrahierenden Weise veranschaulicht. Allerdings – da staunte ich - trägt das Wappen der Stadt mit dem„schwebenden“ Kreuz des Stifteszu Speyer in den dadurch entstehenden „heraldischen Feldern“ eins und vier zwar die beiden Sterne, allerdings sind diese mit acht Strahlen ausgeführt. Sie stehen für die Heilige Maria, welcher eine frühe Kapelle am Standort der heutigen katholischen Kirche gewidmet war. Katholischerseits sei an die Litanei „Meerstern, ich dich grüße“ als begründenden Zusammenhang erinnert, wobei die Bezeichnung „stella maris“ letzten Endes auf den Kirchenvater Hyronimus zurückgehen soll – passt ja in den gerade begonnenen Wonne- und Marienmonat. Meine Mutter versammelte in meiner Kindheit an jedem Abend im Mai die beiden Brüder und mich vor einer geschnitzten Madonnenfigur, die jeglicher weiblichen Rundung entbehrte, jedes noch so magersüchtige Model kann heute davon mehr aufweisen, weswegen wir während des Studiums solche Figuren als „Ofenrohrmadonna“ bezeichneten. Das Gesicht war dagegen sehr menschlich und realistisch geschnitzt, etwas zu lieblich vielleicht, auch in meinem damaligen Empfinden schon. Ob es nur an dem hölzernen Ausgangsmaterial (in Form eines Astes?) lag oder ob dahinter eine theologische Absicht des Schnitzers stand? Jedenfalls ging es im Mai nicht ohne eine kleine Andacht vor dieser Madonna auf dem Wohnzimmerschrank ins Bett, ein Bestandteil war dabei immer ein „Gegrüßet seist du Maria“. Meine in die Jahre gekommenen Erinnerungen haben dieses Mai-Ritual mit dem Begriff „Meerstern“ verknüpft. Die Frage, wie „andächtig“ ich während dieser Minuten wirklich war, sei hier erst gar nicht aufgeworfen. Doch zurück zu den Sternen im Turmschreiber-Logo. In der Deidesheimer Chronik aus dem Jahr 1995 sind zwei Siegel der Stadt abgebildet, jenes aus dem Jahr 1410 umfasst zwar schon das Speyerer Stiftskreuz, aber nur einen Stern im ersten Feld oben links. Der zweite Stern findet sich spätestens auf dem Siegel des Jahres 1693. Woher kam dieser? Was bewegte die Verantwortlichen, einen zweiten Stern einzufügen? Auf beiden Siegeln sind die Sterne indes mit acht Strahlen abgebildet. Ab dem 18. Jahrhundert sind, als Folge eines Antrages, nur noch sechs Strahlen zu sehen. Den Hintergrund für diese Umwandlung konnte ich bisher nicht herausfinden. Jedenfalls sind seit dieser Zeit die beiden Sterne im Deidesheimer Wappen sechsstrahlig. Was ist der Grund, weshalb sie sich erneut achtstrahlig im Turmschreiber-Signet aus dem Jahr 1978 wiederfinden? An einen Zufall glaube ich in solchen Dingen nicht mehr. War es denn Unachtsamkeit des „Sternemalers“? Wollte er an frühere Zeiten anknüpfen? Ein kundiger Heraldiker müsste Antwort geben können, ich habe bisher darüber nichts gefunden.

 

Die Tatsache, dass Deidesheim das „Amt“ des Turmschreibers vergibt, kann durchaus als eine Besonderheit angesehen werden. Viele Städte stiften (beginnend mit dem Jahr 1974) ein Stipendium als Stadtschreiber, so etwa die Städte Mainz, Trier, Mannheim, Dresden, Erfurt, Halle, Ulm und andere mehr. Die Nordseeinsel Sylt kennt zusätzlich den „Inselschreiber“. Die Gemeinde Limburgerhof hat freilich einen Turmschreiber installiert, allerdings feierte dieser kürzlich sein 10-jähriges Jubiläum und scheint diese Funktion dauerhaft innezuhaben. Es liegen bereits bereits mehrere Bände mit seinen Texten vor, was nicht für ein zeitlich begrenztes „Amt“ spricht. „Turmschreiber“ gibt es desweiteren in München, allerdings als Gruppe von Literaten, die, man höre und staune, aus der Gruppe 47 hervorgagangen sein soll. Ein&