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Mai 2 2018

 

Mittwoch, 30. Mai 2018:

Die letzte Meldung in Sachen Personalplanung lautete: über hundert Vertretungsstunden können wir einrichten, eine Planstelle für unsere Schule gibt die Stellenvorgabe des Landes leider nicht her. Wir selbst sind in unserer Planung der Unterrichtsverteilung zu dem Ergebnis gekommen, dass wir Bedarf in vier Fächern haben, die sich am besten auf vier oder fünf „Köpfe“ verteilen, um die Teams vollständig einrichten zu können. Solch ein „Jumbo-Puzzle“ lässt sich am Telefon kaum bewältigen. Kurzerhand fuhr ich daher heute zur Schulaufsicht nach Neustadt. Gemeinsam am Computer, die Referenten der anderen Bezirke zwei Türen weiter und unsere Bedürfnisse (Ich scheue immer noch den Plural „Bedarfe“) in der Tasche, wollte ich heute ein gutes Stück vorankommen. Erfolgreich investierte Zeit: Weil Absprachen auf kurzen Wegen und sofort möglich sind, fuhr ich zur Schule zurück: Quasi in der Tasche hatte ich die Möglichkeit von zwei Planstellen, die aus anderen Bezirken aufgrund von Versetzungswünschen an die IGS Deidesheim/Wachenheim und Überversorgungen der derzeitigen Einsatzschulen mit passenden Fächern zu uns „rübergeholt“ werden können, einem festen Vertretungsvertrag, der Telefonnummer eines Kollegen für einen weiteren und dem Einblick in die Bewerberliste mit den von uns benötigten Fächern. Damit hatte ich selbst nicht gerechnet!

 

Bei einem anschließenden Unterrichtsbesuch in Physik durfte ich folgendes Faszinosum miterleben. Es ging um die Berechnung von Induktionsstrom. Aha! Die dazu benötigten Formeln, welche die Schüler erarbeitet hatten, schrieb die Lehrkraft mit Straßenkreide an verschiedene Stellen auf den Schulhof. „So, nun geht nochmal zu der Formel dahinten, prägt sie euch ein und setzt sie in diese hier ein!“ Auch die dadurch neu entwickelte Formel zierte daraufhin den Hof. Mit einer zusätzlich aus den vergangenen Stunden kombiniert und gekürzt bzw. zusammengefasst, stand am Ende die merkbare Regel fest: U(induktiv) = G mal L. Faszinierend! Durch die Bewegung und das Gehen wird die ganze Herleitung mit ihrem Schlussergebnis wohl besser haften bleiben, wenn nicht, wird sie eventuell durch die Erinnerung an die wahrhaft „beschrittenen Wege“ in Gedanken herzuleiten sein. Eindrucksvoll!

 

Die vormittags nach hitzefrei lechzenden Schülerinnen und Schüler hätten sicherlich mit Bewunderung nicht gespart, traf sich doch abends in dem immer noch aufgeheizten Klassenzimmer der Schulelternbeirat. Dann aber konnte das letzte lange Wochenende im zweiten Halbjahr auch für mich beginnen. 

 

 

Montag, 28. Mai 2018:

62 Jahre auf der Welt, davon 26 im Schuldienst, zehn Jahre als Schulleiter – aber das gab‘s noch nie: Um 7.10 Uhr fuhr der Fahrer des Landrates mit der „Chef-Limousine“ des Landkreises bei uns vor und holte mich ab. Der wichtige Termin im Ministerium in Sachen Bau stand an. Dass wir gemeinsam fahren würden, hatten wir ausgemacht, dass ich als erster abgeholt würde, kam dann oben drauf. Wenn die Spitzen zweier Verwaltungen zusammen kommen, steht eines fest: Heute wird es eine Entscheidung geben! Ich reihe mich mal als (nicht haftbarer) Antragsteller einfach mal mit in diese Gruppe des Kreises ein, schließlich ging es um „meine“ Schule. Allerdings ist „die andere Seite“ mein oberster Dienstherr – spannende Aufgabe also). Wir hatten uns eine Gesprächsstrategie zurecht gelegt und brachten drei mögliche Varianten mit, die im Auto während der Fahrt nach Mainz nochmals abgestimmt wurden. Ich sollte das Gespräch aber zunächst eröffnen und die Situation an der Schule mit ihrer Dringlichkeit und dem Druck auch von Elternseite vermitteln, auf welche dann der Landrat die drei ausgearbeiteten Varianten vorstellen sollte. Es stellte sich aber schnell heraus, dass die Türen, die wir aufstoßen wollten, bereits geöffnet waren: „Grundsätzlich: auch wir wollen, dass der Bau endlich losgeht, dass wir heute eine Lösung finden. Auch dem Ministerium ist daran gelegen, dass die Maßnahme möglichst schnell umgesetzt wird. Es geht nur darum, den Vergabeverstoß gegenüber dem Rechnungshof zu ‚heilen‘“. Bereits nach fünfzig Minuten war der Knoten bereits zerschlagen und Kostenstellen gefunden, die jetzt zeitnah (der Staatssekretär sprach von wenigen Tagen) durchzurechnen seien, möglichst bis zur nächsten Sitzung des Kreis- Bauausschusses in gut einer Woche, damit dieser die notwendigen Beschlüsse fassen könne. Und dann ginge es wirklich los? Ich kann es kaum glauben. Erwähnt wurde ein öffentlichkeitswirksamer Spatenstich, damit der Baubeginn auf breiter Basis bekannt wird. „Herr Dumont kann ja dann seine Gitarre mitbringen“, merkte der Staatssekretär abschließend lachend an. Jaja, wir kennen uns schon über zwanzig Jahre, seit meinen Anfangstagen in Oggersheim, dennoch: er hat mich noch nie Gitarre spielen gehört. Diese Schlusssequenz zeigt aber die gelöste Stimmung, in der wir auseinandergingen. Ein Anschlusstermin des Landrates sorgte dafür, dass die Mitfahrer Zeit überbrücken mussten. Ich nutzte sie für eine ruhige und besinnliche Phase im Mainzer Dom, bevor ich die Dombuchhandlung besuchte. Ich stieß auf Andreas Maiers jüngsten Band der „Ortsumgehung“ mit dem Titel „Die Universität“. „Nein, nicht als Geschenk verpacken, das Buch ist für mich“. Gleich begann ich im benachbarten Cafè mit Blick auf den sonnenbeschienen Domplatz die ersten Seiten zu lesen. Die Stimmung dieses Morgens wird nun für immer mit dieser Neuerwerbung verbunden bleiben.

Bereits auf der Rückfahrt erreichte den Bauamtsleiter eine Mail auf dem Mobiltelefon mit einem ersten Terminvorschlag. Für mich war dieser Abstecher aus der Schule heraus ins „Hohe Haus zu Mainz“ eine Lehrstunde in politischem Handeln, wenn die Sachlage stimmt, der Wille zur Lösung feststeht und die richtigen Entscheidungsträger gemeinsam am Tisch sitzen, kann alles ganz schnell gehen. Wohlan denn, es scheint ernst zu werden. Reserviert schon mal die Spaten!

 

Sonntag, 27. Mai 2018:

„Maier at his best“ las ich, vor der eigenen Lektüre, in der „Berliner Literaturkritik“ über Andreas Maiers letzten eigenständigen Roman „Sanssouci“ (suhrkamp taschenbuch 4165, Frankfurt 2010) und nahm das Buch mit hohen Erwartungen zur Hand. Noch bevor der Text startet, stellt Maier ihm eine Passage aus der Apostelgeschichte voran:

„Doch schrien die einen dies, die anderen das; denn in der Versammlung herrschte ein großes Durcheinander, und die meisten wussten gar nicht, weshalb man überhaupt zusammengekommen war“ (Apostelgeschichte 19, 12, zit. nach: ebd. S. 5).

Andreas Maiers Kunst des Stimmengewirrs sollte also weitergehen, nach der Wetterau, Klausen und Frankfurt nun also (auch noch) Potsdam – ein erster Dämpfer. Sanssouci, berühmter Park und gleichnamiges Schloss, heißt übersetzt: ohne Sorge. Genau so wollen mir die Figuren des Romans erscheinen, sorglos leben sie in den Tag, plappern, streuen wiederum Gerüchte und wie alle Figuren Maiers: Sie arbeiten nicht, jedenfalls wird in den Büchern bisher darüber nichts erzählt.

Wieder beginnt der Roman mit einer Beerdigung: Der Regisseur Maximilian Hornung, der als Westdeutscher eine umstrittene Fernsehserie namens „Oststadt“ produzierte, ist tödlich verunglückt und wird in Frankfurt beerdigt. Maier folgt einigen Potsdamern, die eigens angereist waren, in die Hauptstadt Brandenburgs. Zunächst sind da die beiden, verwahrlost erscheinenden, verhaltenskreativen Zwillinge Arnold und Heike, die vielleicht sogar Kinder Hornungs und immer für Überraschungen gut sind. Da ist die radikale Vegetarierin Merle Johansson, die mit Hornung verheiratet gewesen ist. Sie nutzt die Männer gnadenlos aus, so auch den Vater ihres Sohnes, den sie in Kürze schmerzlos verlassen wird, der aber davon noch gar nichts ahnt. Dr. Mai, der mit dem Nachlass Hornungs beauftragt ist, will partout Merle vergessen. Was sich da vor drei, vier Jahren ereignete, lässt Maier, wie so vieles in dem Roman offen. Merle führt ein Doppelleben, denn während sie tagsüber, umsorgend aber radikal die Mutterrolle für ihren Sohn Jesus (!) spielt, schlüpft sie offensichtlich des Nachts in die einer Domina, die alle möglichen sadistischen Sexpraktiken in den unter dem Park liegenden, von den Nazis angelegten Gängen und Kammern für die Honoratioren der Stadt anbietet. Das alles wird bei Maier nicht erzählt, sondern ergibt sich aus den Gesprächen, Gerüchten und Mutmaßungen, der Leser muss es sich erschließen, denn:  

„Es ging um ein Buch namens Stopfkuchen. Nils erklärte, in dem Buch werde das, was erzählt wird, gar nicht erzählt, und gerade dadurch werde es erzählt“ (ebd. S. 158, Hervorhebung i.O.).

In „Sanssouci“ agiert erstmals auch ein Gegenbild zu all den schwatzhaften Zeitgenossen. Ein ruhiger, in sich ruhender orthodoxer Mönch namens Alexej, zunächst dem „einfachen Leben“ auf dem Lande in Russland folgend, kehrt wegen seines totkranken Vaters nach Deutschland zurück und tritt in München in ein orthodoxes Kloster ein. In Potsdam nimmt er übergangsweise so etwas wie eine Stelle als Gemeindehilfskraft beim dortigen orthodoxen Priester an. Von Alexej heißt es – und diese Worte könnten für Andreas Maiers bisheriges literarisches „Programm“ stehen:

„Er hatte bald nach seinem Eintritt ins Kloster begriffen, dass viel Unglück und Falschheit in die Welt kommt durch Unmäßigkeit im Reden. Er sah im Reden eine ähnliche Verlockung wie im Trinken oder in der geschlechtlichen Liebe. Also hielt er sich beim Reden zurück und erlegte sich Enthaltsamkeit auf, wodurch er auf deine Umwelt außerhalb des Klosters zwar nicht schweigsam, aber doch zurückhaltend, unaufdringlich und manchmal geradezu weise wirkte. Alles, was er sagte, war plötzlich einfach und hatte Hand und Fuß. Ansonsten schwieg er und hörte umso mehr zu […] Er begriff, dass die meisten Menschen überhaupt nicht wussten, warum sie auf der Welt waren. Sie hatten keine klare Idee und spürten keine Wahrheit in sich“ (ebd. S. 31).

Später wird Heike sich über ein Wort verwundern, welches sie in einem alten Duden vorfand: Insichvollendetsein. Das Streben und die Suche danach würde die Wahrheit des Einzelnen ermöglichen, wie sie Alexej verfolgt. Jeder vollende sich in sich. Ich stelle mir dieses Streben zwar immer wieder als mit sich kämpfend vor, aber ohne Außenwirkung, ohne das nach Aufmerksamkeit heischende Ego und ohne ständiges Erfolgsgerede. Damit lässt sich an das „Ich“ aus den Poetik-Vorlesungen anknüpfen. Wiederum ist es die Grundfrage Maiers: Was ist Wahrheit? Die eines Menschen, die einer Liebe, die eines Augenblicks und die eines Wortes. Nicht leichtfertig oder sogar bewusst verfälschend als unbestätigtes Gerücht geäußert und sich nicht zufriedengebend mit oberflächlicher Schönheit oder gar Idylle: Der ganze Park ist unterkellert mit Gängen und Räumen (Abbild von uns selbst?), in denen das Gegenbild zum überirdischen Idyll in den sadistischen Sexpraktiken stattfindet, ausgerechnet angeleitet von der „überirdisch“ so radikal ökologisch agierenden Merle. Andeutungsweise wird geschildert, dass der zu Tode gekommene Hornung in seiner Vorabendserie diese Verlogenheit und Korruptheit zum Thema machen wollte, übrigens mit genau den Personen als Schauspieler, die Maiers Roman tragen. Deshalb kommt es zu heftigen Diskussionen:

„Wir sind Oststadt, freilich sind wir es, aber wir haben stets die Möglichkeit, auch anders zu sein. Beharren wir nicht zu sehr darauf, nicht zu sein, wie wir geschildert werden, sonst laufen wir Gefahr, genau zu sein, wie wir nicht sein wollen […] Ja, so sein, wie wir nicht sind, damit wir sind, wie wir sind!“ (ebd. S. 222).

An einem der vielen Potsdamer Brunnen entsteht so etwas wie ein Treffpunkt, den man aufsucht, wie die Vögel, die im Sommer eine Wasserstelle suchen. Wie soll es anders sein: es wird dort geredet und geredet, keiner wusste, ob da Wahres verbreitet wurde oder ob bei genauerem Hinsehen alles nur inhaltslos in sich zusammenfallen würde:

„Hier war Sprache, was sie von jeher bloß war: Sprache. So versammelte sich die ganze Welt im Singsang auf dem Luisenplatz, alles wurde verhandelt, und nichts geschah, und von außen sah es genauso aus, wie wenn sich am Frühabend die Amseln auf dem Platz versammelten und mit ihrem Gesang und ihrem Ticksen eine, zivilisatorisch gesprochen, ebensolche Epochè übten wie die Männer mit ihren Flaschen dort. Alles war nichts und umgekehrt“ (ebd. S. 272).

Der Begriff „Epochè“ kommt aus der Musik und meint einen Abschnitt, in welchem stilistische Gemeinsamkeiten vorkommen. Sprich: Das Reden der Menschen ist nichts anderes als das Zwitschern der Vögel, eine Kritik der gesellschaftlichen Verfasstheit, die nicht tiefer gehen kann in einer Zeit, in welcher bei uns wieder antisemitische Haltungen aus den bisher erfolgreich verschlossenen Löchern an die Öffentlichkeit herauskriechen, in welcher hasserfüllte und menschenverachtende Gruppenbezeichnungen im Bundestag geäußert werden, immerhin sogleich eine Ermahnung des Bundestagspräsidenten nach sich ziehen, eine Zeit, in welcher Menschen von einem Politiker (!) als „Ziegenficker“ betitelt werden – alles Sprache im Jetzt. Wie harmlos klingt dagegen das „Ticksen“ der Amseln draußen vor unserem Küchenfenster. Und wie aktuell müsste sich der Roman Maiers in die Gedanken der Menschen hineinschürfen! Jeder einzelne muss die eigene Wahrheit in dieser verwirrten Zeit suchen. Der orthodoxe Priester sagte Aleksej:

„Ich habe einmal einen weisen Mann kennen gelernt, einen katholischen, der sagte, das eigentliche Wesen der westeuropäischen Gemeindeführungen bestehe darin, den Menschen nicht die Wahrheit, sondern recht zu geben. Er sagte, in unserem orthodoxen Glauben sei die Wahrheit eine Flaschenpost, die ungeöffnet durch unsere Zeremonie zu jedem hingetragen wird, während im Westen die Flasche immer schon geöffnet und die Postnachricht immer schon ausgelegt, interpretiert, benutzt und instrumentalisiert ist“ (ebd. S. 90).

Wir werden um den Anspruch, die eigene Wahrheit finden, die Flaschenpost jeder für sich öffnen und deren Geheimnis für uns selbst entschlüsseln zu müssen, nicht herumkommen. Nur so werden wir, um an die Schlussworte von „Wäldchestag“ anzuknüpfen, Existenzen neuen Sinn geben. Jeder für sich und vermutlich eher im Stillen als hinausposaunend. So zieht sich ein deutlicher Faden durch die bisherigen Schriften von Andreas Maier, zunächst in der Wetterau aufgenommen, nach Südtirol und Frankfurt weitergesponnen und nun in „Sanssouci“ mit noch deutlicherem Muster verwoben – eben: „Maier at his best“.

Nach diesem Roman begann Maier sein auf elf Teile angelegtes Projekt „Ortsumgehung“. Ich bin mir sicher, der Faden wird nicht verloren gehen!

 

Samstag, 26. Mai 2018:

Immer mal wieder erreicht mich eine Anfrage, ob ich bei Elternfortbildungen mitwirken möchte. Was qualifiziert mich denn für dieses Unternehmen? Soll ich wieder die SELG bei uns vorstellen? Komm einfach und trage aus deiner Sicht als Schulleiter immer das bei, was dir aus der Praxis bei euch einfällt. Ohne eigentlichen Part, einfach da sein und mitreden? Kein Problem. SO verbrachte ich den Samstag im Pädagogischen Landesinstitut in Speyer, brachte mich hie und da ein und antwortete wahrheitsgemäß aus der Praxis. Um einiges erwähnenswerter aber ist, dass ich in allen Pausen und auch nach der Veranstaltung mit Fragen „gelöchert“ wurde.

  • Was empfehlen Sie uns: Unser Schulleiter beruft keine Gesamtkonferenzen ein, sondern immer nur Dienstbesprechungen? Er will uns Elternvertreter aus dem Weg gehen.
  • Bei uns lassen fast alle Lehrer aufkommendes Mobbing einfach zu und sagen, das sei nicht ihre Sache.

  • Was würden Sie machen, wenn eine Lehrkraft eine Klassenarbeit acht Wochen nicht zurückgibt?

  • Mein Kind geht jeden Morgen mit Bauchweh in die Schule, an manchen Tagen ist es so schlimm, dass es vor der Schule erbricht. Die Schule interessiert das nicht, wir sollen halt zum Arzt gehen.

Was ist da los? Sind wir nicht im Jahr 2018 angekommen? Gibt es nicht die Übergreifende Schulordnung, die zu vertrauensvoller Zusammenarbeit verpflichtet? Ganz zu schweigen davon, dass Lernen in solchen Atmosphären überhaupt nicht stattfinden kann. Wie gerne kehre ich am Montag an unsere Schule zurück.

 

Freitag, 25. Mai 2018:

Gestern Abend fand der Elternabend für die neuen Fünftklässler zum elften Mal statt, wieder erklang der Schulkanon in der Stadthalle in Wachenheim. Mittags bereits holte ich die Aktivbox zur Gitarrenverstärkung aus dem Medienschrank, da fiel die Klappe für das Stromkabel auf den Boden, auch der Deckel des Kassettendecks war beschädigt. Ersteres konnte ich zu Hause etwas kleben. Ich hatee auch die Gitarre aus dem Teamraum geholt und schon mal gestimmt. Abends in der Halle war doch tatsächlich eine Saite gerissen! Keine Ersatzsaite mehr in der Hülle – also musste ich auf fünf Saiten spielen. So scheint alles in die Jahre zu kommen, doch das Kontinuum „Jeder kann was prima machen!“ erklang wie immer. Ebenfalls erblickte nach einiger Vorbereitung das neue Jahrgangslogo „Susi Spargel“ das Licht der Welt. „Kommt etwas schlank daher“, meinte ein Vater, aber mal was Vegetarisches aus Gönnheim liegt bei der munteren Truppe nach Saumagen und Worschtkordel auch ganz gut im Trend.

 Zwei wichtige Dinge standen dann für diesen Tag an: die korrigierte Schülerzahlprognose für das kommende Schuljahr musste heute der Schulaufsicht mitgeteilt werden und: Die neue EU- Grundverordnung zum Datenschutz gilt seit heute auch als geltendes Recht in Rheinland-Pfalz. Hört sich lapidar an, aber wer sich mit seiner Datenschutzbeauftragten unterhält, der weiß, welche Verästelungen das alles mit sich bringt. Aber: Seit 2 Uhr 33 enthält auch die Schulhomepage eine Datenschutzerklärung mit den neuen Inhalten, die des Fördervereins schon seit Ende April. Von daher erstmal Ruhe an Bord. Für die weiteren Schritte ist nun etwas Zeit gegeben, denn alle Schulen erhielten die Aufforderung, die weiteren Schritte nicht heute, sondern „zeitnah“ vollziehen.

 

Mittwoch, 23. Mai 2018:

Wechselprüfung II, der zweite Teil: Wieder mussten sich vier Kolleg/-innen den Regularien der Wechselprüfung unterziehen, was bedeutet: in beiden Fächern eine besuchte und bewertete Stunde halten, zwei Anhörungen und zwei mündliche Prüfungen absolvieren. Da kam es dieses Mal zu dem anachronistischen Zusammentreffen zweier Ereignisse binnen zweier Wochen: zuerst „im Namen des Landes Rheinland-Pfalz“ die Anerkennung für „40 Jahre der Allgemeinheit geleisteten Dienste“ und heute diese Prüfung, die über die Eignung für das Lehramt an Realschulen entscheidet, obwohl die Kolleg/-innen genau dies seit Jahren an der IGS bereits tun. Jaja, ich weiß, juristisch und laufbahntechnisch und haushaltsbezogen geht das nicht anders. Sagt man! Ich denke, um die Arbeit der vergangenen Jahre und die Menschen im Dienste des Landes wertzuschätzen, ginge es sehr wohl anders. Aber ich sitze ja nicht an Entscheidungshebeln und klügere Köpfe der Lehrerverbände, Juristen, Haushaltspolitiker und Prüfungsämtler haben dies so entwickelt…

Es ging ja auch weitgehend alles gut, bei allen Vieren steht jetzt „bestanden“ unter der Prüfung, die Beförderung wird noch etwas warten müssen, aber sie wird kommen. Wichtig ist mir noch die Freude, die ich heute empfunden habe. Auch für mich ist dies ein Tag der Anspannung, immerhin gewährt er einen „intimen“ Blick in den „inneren Alltag“ der Schule, der so reichhaltig und multiperspektivisch an kaum einem anderen Tag möglich ist. Und was ich da an Unterricht gesehen habe, war vom Feinsten! Ganz herrlich, wie da in den unterschiedlichen Fächern, Jahrgängen und bei unterschiedlichen Kolleg/-innen gearbeitet wird. Jedem Beteiligten war heute klar: Das sind keine Schaustunden für die Prüfung, dass überhaupt so gearbeitet werden kann, lässt Rückschlüsse auf die Kompetenzorientierung der Schule insgesamt schließen. Dass dies „von Außenstehenden“ bemerkt und formuliert wird, hat selbstredend Auswirkungen auf das Bild der Schule, das jetzt wieder „hinaus ins Land getragen“ wird. Danke euch allen!

 

Pfingstdienstag, 22. Mai 2018:

Dienstag nach Pfingsten heißt: Geißbockversteigerung. Das heißt wiederum: Wandertag für die ganze Schule. Die vier Sechserklassen, die nach den Sommerferien an den Standort Deidesheim wechseln, wandern seit einigen Jahren nach Deidesheim, um dabei zu sein, wenn der Geißbock um 10 Uhr an der Stadtgrenze abgeholt wird. Natürlich wollte ich das würdigen und kam rechtzeitig am Ortsrand an. War das ein Hallo! Die Klassen wussten ja nicht, dass ich auch da sein würde. Nach kurzer Begrüßung mit vielen „Ghetto-Fäusten“ hörten wir schon die Blasmusik und sahen die in schwarz gewandeten Mitglieder des aktuellen Stadtrates und die Mitglieder des „Hohen Stadtgerichts in den historisch nachempfundenen Gewändern“. Das Brautpaar mit dem Geißbock war pünktlich zur Stelle, kurze (historisch offizielle) Begrüßung und dann setzte sich der ganze Trupp aus Kindergärten, Grundschulen und der IGS in Bewegung Richtung historisches Rathaus. Die Menge verdichtete sich, je näher wir dem Rathaus kamen, viele Besucher (und/oder Einwohner Deidesheims) säumten den kompletten Weg an den Straßenrändern. Ein faszinierendes Spektakel, das mit dem ritualisierten Stück des hohen Stadtgerichtes den vormittäglichen Höhepunkt erreichte: Prüfung und Annahme des Bockes. Alles wurde für gut befunden und nachdem der Stadtschreiber pflichtgemäß alles zu Protokoll genommen hatte, löste sich die Menschenmenge auch recht schnell auf und verschwand in der angrenzenden Gastronomie (vgl. auch hierzu den Eintrag vom 6. Juni 2017).

Der „Schulmeister“ gehört irgendwie zu den „Honoratioren der Stadt“, so dass ich in diesem Jahr erneut die Einladung erhielt, mich ab 17 Uhr im Ratssaal einzufinden und dort der Versteigerung, dem Höhepunkt des Tages, entgegenzusehen. Ich fühlte mich um einiges „sicherer“ in diesem Jahr, kurzweilig waren die Unterhaltungen, da mir heuer wesentlich mehr Menschen bekannt waren. Ein kurzes Gespräch mit den beiden amtierenden Weinhoheiten ergab sich auf der Treppe des Rathauses. Zum einen mit der Weinprinzessin der Verbandsgemeinde Deidesheim Lena I., (ehemalige Schülerin der IGS) und der Pfälzischen Weinprinzessin Alina I. (ehemalige Schülerin der RS+). Beide wollen auf meine Einladung an der Entlassfeier der neunten und zehnten Klassen kommen. Problemloser verlief in diesem Jahr die Bezahlung des Tributbockes: Der österreichische Hotelier hatte eine Rolle mit Scheinen dabei, wie sich herausstellte 3.000 Euro. Da er den Zuschlag aber erst bei 3.200 Euro um Punkt sechs Uhr erhielt, wurde ihm von einem Mitgereisten der Restbetrag zugesteckt. Urkunden und Tierschutzerklärung noch unterschreiben, Geld nachzählen, Dank und Respektsbezeugung des Bürgermeisters (wie immer zu diesem Anlass die Amtskette tragend,  und dann war die 615. Geißbockversteigerung vorüber.

Oft dachte ich im Verlauf des Tages an Andreas Maier. Zum einen hat sich hier ein Stück heimatliches Brauchtum nahezu ungebrochen im 615. Jahr erhalten, Kindergärten und Schulen scheinen dies in die Zukunft hinein weiter zu tradieren (Übrigens entdeckte ich morgens beim Einzug nach Deidesheim am Straßenrand einige ehemalige Schüler/-innen, die bei uns das Abitur abgelegt haben – zumindest sie waren ja „freiwillig“ hier) und anders, als es vielleicht in der Wetterau empfunden wird, lebt hier „Heimat“, zumindest am Pfingstdienstag, fort, wenn auch touristisch aufgepeppt, wozu die zahlreich erschienenen Medienvertreter zweier Fernseh- und dreier Radiosender sicherlich erneut beitrugen. Zum anderen haben die meisten bisherigen Turmschreiber eben diese Geißbockversteigerung besucht, mitgemacht und/oder beschrieben. Wer weiß, ob bei Nummer 616 im nächsten Jahr wieder ein Turmschreiber Eindrücke sammeln wird…