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März bis April 10

Montag, 01. März 2010:

Im Schulträgerausschuss des Landkreises wurden die Anmeldezahlen aller Schulen synoptisch vorgestellt. Die beiden IGSen sind beliebt und viel nachgefragt. Das ist gut, gefällt uns natürlich und zeigt eine gute Hand bei der Schulentwicklung des Kreises.

Dienstag, 02. März 2010:

Zum ersten Mal traf sich die Runde der regionalen Schulleiter der Gymnasien und IGSen bei uns in Wachenheim. Nun sind wir noch nicht sehr groß, dennoch organisierte ich Schüler-Taxis, die die einzelnen Personen in den richtigen Raum begleiteten. In den großen Schulgebäuden, in denen die Dienstbesprechungen bisher stattfanden, kam ich mir des Öfteren verloren vor und es bedurfte der Nachfrage, wo ich denn hinmüsse. Inhaltlich natürlich betroffener Rückblick auf die Vorkommnisse in Ludwigshafen und die Frage, wie wir an allen Schulen entgegenwirken können, welche Vorbereitungen getroffen werden können. Möge dieser Kelch an uns allen vorübergehen, jetzt und künftig und immer.

Mittwoch, 03. März 2010:

Das Datum ist als Geburtstag einer Kollegin eingebrannt und just heute besprachen wir mit einer Referentin den Teilstudientag zum Projektunterricht. Wir drei, das Geburtstags"kind", die Referentin und ich arbeiteten zu meiner Anfangszeit an einer Schule. Immer noch lebe ich in dieser damals kleinen IGS-Familie, die bei der großen Zahl der Neugründungen im Grunde größer werden müsste, aber ob der räumlichen und wohl auch inhaltlichen Entfernungen nicht diese Familienbande mehr wird entwickeln können. Was bleibt für mich? Eine starke Prägung in meiner Anfangszeit, eine Vorstellung davon, wie eine gute IGS aussehen sollte und die Aufgabe, bei den inzwischen immer häufiger näher rückenden Altersteilzeiten als flügge gewordener Spross der alten Familie die Fahne hoch zu halten und möglichst vielfältig weiterzugeben. Nächste Woche ist dazu Gelegenheit: Eine weitere Planungsgruppe hat sich angesagt und will mich mit Fragen löchern. Da sie Kuchen mitbringen wollen, werde ich alles gerne weitergeben.

Donnerstag, 04. März 2010:

Treffen des kleinen Förderteams zu Fragen der Schwerpunktschule. Eine Absichtserklärung zu Beginn des Schuljahresgilt es inzwischen, da wir seit Monaten auf dem Wege sind, zu überprüfen: Den Weg hin zu einer inklusiven Schule. Wir haben einige Punkte davon umgesetzt, einiges läuft, eine Reihe anderer Punkte müssen wir noch mal in den Blick nehmen. Vielleicht, das wurde mir heute klar, ist das genau der Punkt, weshalb wir immer wieder von guten Rückmeldungen und von Aussagen wie  "tolle Schule" und "Vorzeigeschule" hören, wo ich doch immer dagegenhalte, dass wir noch nicht viel erreicht hätten, gehend immer noch am Anfang eines guten Weges. Aber dieses "Gehen" ist und bleibt wichtig, nicht stehen zu bleiben, hinzuschauen und neu nachzudenken, sich als in einem Prozess befindlich zu verstehen, lernende Institution zu sein. Nur: Wenn das so sein sollte, wo stehen andere? Pädagogik ist doch kein Stand(!)punkt, sondern Bewegung, Entwicklung, Wachsen. Es geht um den Umgang mit Kindern und da ist ständiges Beobachten und Begleiten gefragt, fernab von festen Konzepten und starren Rahmen. Gut, wenn wir diese Haltung uns lange erhalten können, eben nicht im misslichen und fordernden Alltag stecken bleiben.

Freitag, 05. März 2010:

Mehrere Praktikanten begannen heute ihre Zeit bei uns. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt war das Assembly kaum still zu bekommen. So ist das eben, schade. Ein Vorschlag hat mich sehr berührt: Aus Reihen der Homepage-AG kam der Vorschlag, den/die Schüler/in des Monats einzuführen und auf der Schülerseite zu veröffentlichen. Tolle Sache der Wertschätzung von Schülerinnen und Schüler, junge Menschen werden in ihrer Entwicklung gefördert, Stolz über die eigene Person kann sich entwickeln und das nicht im  Bereich von Noten und Leistungen, sondern immer da, wo eine/r Stärken hat, sich für die Schule und ihren Alltag einsetzt. Das könnte das engagiert beherzte Eingreifen bei einer Streiterei sein, das könnte eine Idee zur Gestaltung des Gebäudes sein oder...oder...oder..., kurz, eine Kultur des Positiven, die zum Nachahmen anregt. Wo auch immer die Idee herkam, dass sie bei uns von Schülerseite angeregt wurde, finde ich erneut bestärkend im Stolz auf unsere beiden Jahrgänge. Gelungen empfand ich auch, mit welcher Spannung Susi Saumagen erwartet und "empfangen" wurde. Nicht ungeteilt ist zwar die Meinung über Susi als neues Jahrgangslogo, aber sie strahlt aus und nichts ist wohl für die Pfalz so typisch wie sie. Daher fand ich die Wahl prima, möge sich der neue Jahrgang hinter ihr versammeln, möge er so stolz auf sie werden wie die Trixis und die Korken. Nun sind es deren schon drei. Diese "Familie" wird sich in den kommenden Jahren vermehren und wie an meiner alten Schule  zu einer tollen Truppe mausern.

Montag, 08. März 2010:

Huch, jetzt sind wir aber viele. Da ein Kollege als Fachleiter für Sozialkunde berufen wurde, fanden sich heute acht (!) weitere Besucher ein, die aber nicht dauerhaft da sein werden. Auf der einen Seite macht es natürlich Spaß, mit so vielen jungen (angehenden) KollegInnen zusammen zu sein, auf der anderen Seite sind unsere Teamräume nicht dafür ausgestattet, so dass der Kampf um einen Stuhl so manche Pause prägt.

In einer Sitzung des kleinen Förderteams gelangte ich an Konzept-Materialien der IGS in Bonn-Beul, eine der Pilgerstätten der IGS-Bewegung. Vor allem ihr Umgang mit Heterogenität beruht als Schwerpunktschule auf soliden Konzepten. Übernehmen geht nicht, nachahmen wäre falsch, aber als weitere Impulse aus vielen erfolgreichen Ansätzen uns anstecken lassen, das wäre doch mal ein Virus, der sich im grünen Feld aufhalten würde.

Zwischendrin "düste" ich kurz zur ADD nach Neustadt, die letzten Widersprüche gegen das Aufnahmeverfahren brachte ich persönlich vorbei, klärte die eine und andere Personalfrage hinsichtlich Deputatsstunden und dem neuem Jahrgangsteam, schnupperte hier noch rein und trank dort noch eine Tasse Kaffee. Inzwischen liegen die Anmeldezahlen aller IGSen vor und da schneiden wir ganz gut ab. Anmeldezahlen spiegeln natürlich noch keine Qualität wider, sagen aber etwas aus über das Ansehen, das sich Schulen auf unbekannten aber wirkungsvollen Wegen nach den Gesetzen der Mundpropaganda erworben haben. Nur von daher sind sie interessant. Für alle neu startenden Gesamtschulen stand natürlich immer noch der Vorbehalt der Gründung durch ausreichende Anmeldezahlen im Raum. Bis auf eine werden alle starten können. Und dennoch fanden landesweit um die 7.000 Interessenten nicht den gewünschten Platz an einer IGS!

Dienstag, 09. März 2010:

Ein Arbeitstag - zwei Samstage weg. Eine relativ neue Initiative für Rheinland-Pfalz "Eine Schule für alle - länger gemeinsam lernen" führt eine Tagung mit elf verschiedenen Foren durch. Da ich ganz viele Verantwortliche kenne, wird meine Teilnahme fast zu so etwas wie ein Familientreffen. Ich freu mich drauf! Es wird dann im Mai einen weiteren Gesamtschultag für Rheinland-Pfalz geben, zu dem als Referent angefragt wurde. Im Sinne des Eintrags vom letzten Mittwoch, sagte ich natürlich zu. Auch das wird in ganz anderer Weise aufregend. Meine Erfahrung ist, dass die Erwartungen an Arbeitsgruppen sehr unterschiedlich auf der einen, sehr hoch auf der anderen Seite sind. Es kann aber nur darum gehen, zu motivieren, anzustacheln, Mut zu machen. Man kann den Weg aufzeigen, gehen müssen wir ihn alle selbst.

Drei neue Bücher prägen den Wohnzimmertisch: Eines zur Integrationspädagogik, eines zum offenen Unterricht und eines zur Heterogenität. Das mittlere habe ich schon halb durch und eine vielfache Erfahrung wiederholt sich: bisher viel Theorie und wissenschaftliche Absicherung, wo ich doch Praxis und Mut zur Umsetzung erwartet hatte. Natürlich müssen Konzepte auf einem festen Fundament aufbauen. Aber da müsste ich mich nicht immer wieder durcharbeiten. Es würde mir ein Hinweis genügen: Die wissenschaftliche Begründung ist vollzogen, dort und dort kannst du sie nachlesen. Jetzt geht’s an die Praxis im Alltag. Vielleicht liegt aber eine versteckte Absicht darin, durch die theoretischen Teile die Gier auf Handhabbares noch zu steigern, bis man endlich beim Praxisteil angekommen ist. Oft sind es aber dann "Kaulquappenkonzepte" - großer Kopf, dann kommt nur noch ein bisschen Wedeln. Die weitere Lektüre musste ich verschieben - Sitzung des SEB.

Die Situation an den und um die Bahnhöfe und in den Bussen und Zügen war Thema mit der Vertretrein des Landkreises. Einige Punkte können wir von da aus zu ändern versuchen. Letztlich kommt aber auch hier ein Thema ins Gespräch: Liebe Eltern, es sind nun mal eure Kinder, die sich so und so benehmen. Sprecht mit ihnen, niemand kann besser auf sie einwirken wie das Elternhaus. Diese Verantwortung kann niemand übernehmen. Weder Schule noch der ÖPNV kann hier Verhaltensweisen korrigieren, die nicht von zu Hause grundgelegt und eingeübt wurden. Klingt hart und überheblich, aber wer will korrigierend eingreifen, wenn in voll besetzten Zügen Sitze aufgeschlitzt werden, wenn Schüler (leider ist es fast immer die männliche Form) von zu Hause nicht ein ausreichendes Unrechtsbewusstsein mitbringen, das auch bei Gruppendruck standhält und Überzeugungen etwa dieser Art bereithält: "Das gehört mir nicht und deshalb passe ich auch drauf auf".

Donnerstag, 11. März 2010:

Über zwei Stunden hinweg das Gefühl zu haben: Hier wird intensiv pädagogisch diskutiert! ist schon ein Glücksfall. Wieder waren Eltern und KollegInnen in der Konzeptgruppe "Differenzierung", die um die für uns beste Form der äußeren Fachleistungsdifferenzierung rangen. Das setzt sich tief ab. Wir brauchen ja nichts Neues zu erfinden, andere IGSen haben es uns vorgemacht und die neue Übergreifende Schulordnung hat die Form der klasseninternen Lerngruppen ja auch nicht ohne Grund als Möglichkeit mit aufgenommen. Ich habe meine Position gefunden - eine Schule, die beeinträchtigte Kinder im Klassenverband unterrichten will, also inklusiv, kann ab Klasse sieben nicht nach Leistungsvermögen eingeteilte Gruppen in andere Räume schicken. Für mich beißt sich dieser Ansatz mit unserer Grundlage als Schwerpunktschule. Dass die SchülerInnen auf unterschiedlichen Niveaus arbeiten müssen und dort auch eingestuft werden, obliegt ja gar nicht unsrer Entscheidung. Lediglich die Form der Organisation kann die Schule selbst wählen. Will sagen: Wir müssen die Frage entscheiden, ob wir Gruppen bilden, die mit einer anderen Lehrkraft in einen anderen Raum gehen und dort auf ihrem Niveau arbeiten oder ob die SchülerInnen zusammen bleiben. Von den drei Modellen der klasseninternen Lerngruppen, die wir uns an anderen IGSen angeschaut haben, wird wohl keines eins zu eins übernommen werden können. Keines konnte in unseren Augen nur positive Aspekte auf sich versammeln. Wir werden daher weiter diskutieren und informieren müssen, um im April dann eine fundierte und tragfähige Entscheidung in der Gesamtkonferenz treffen zu können. Aber der bisherige Weg, eine solch wichtige und nach außen wirkende Entscheidung lange, offen und intensiv mit verschiedenen Gruppen vorzubereiten, ist ein guter.

Apropos Weg. Die Planungsgruppe einer neu startenden IGS informierte sich heute bei uns, was vor dem ersten Schultag im August noch wichtig ist. Bei solchen Gesprächen wird mir unsere bisherige Wegstrecke immer wieder vor Augen geführt. Ein gutes Stück ist geschafft und eine wichtige Etappe werden wir mit Inhalten wie Differenzierung, Ganztageskonzept, Projektunterricht, Fordern und Fördern, Schulsozialarbeit, Fahrtenkonzept noch bis zu den Sommerferien abschließen, dann die Erweiterung mit dem zweiten Standort. Langeweile wird im Ansatz schon nicht aufkommen können.

Sonntag, 14. März 2010:

Eigentlich war es nur ein Kindergartentermin, aber er sollte religiös-archaische Schichten ansprechen: Das Stabausfest in Leistadt. Während der aus Stroh errichtete Schneemann brannte, kamen mir die längst vergangene Zeiten und Menschen in den Sinn. Haben wir, die wir in geheizten und gemütlichen Stuben leben, den diesjährigen Winter satt genossen und harren sehnsüchtig der ersten Blumen und Sonnenstrahlen, wie stark musste sich dieser Wunsch, dieses Begehren, dieser Heißhunger erst bemerkbar machen, bei Menschen, die viel stärker in und mit der Natur leben mussten, die im Winter dieses grau-braun nur um sich hatten, die die frühe Dunkelheit und beißende Kälte direkt draußen aushalten mussten. Endlich den Winter verabschieden, ja ihn verbannen und verbrennen, dies wurde vermutlich so stark, dass daraus ein Ritual, ein gemeinsames Fest wurde. Im südwestdeutschen Raum kenne ich verschiedene Arten, dieses Winterende zu begehen, seien es die brennenden Strohballen irgendwo im Schwarzwald oder - wie heute erlebt - das Verbrennen eines Schneemanns, nachdem er mit Musik ein letztes Mal durch den Ort gefahren wurde, begleitet von Kindern mit ihren bunten Stabausstecken. Als dann am Feuer die Blasmusik des Dorfes auch noch lang gezogen "Winter ade" anstimmte, empfand ich das als religiösen Augenblick. Begangen - da ist die Religion dann direkt greifbar - an Lätare, dem vierten Fastensonntag, drei Wochen vor Ostern, dem Fest, an dem der Tod endgültig als überwunden galt. Das hiesige "Stabaus"-Fest leitet sich vom dialektalen "Staub heraus" ab, die geschmückten Stecken werden wohl ursprünglich gestaltete Besen gewesen sein, die den Dreck des Winters auskehrten, um der milden Frische des Frühlings Platz zu machen. Rituale, Feiern, Gemeinschaft, auch lustig und augenzwinkernd begangen, die aber durchaus ernste und tiefe Stimmungen und Gefühle nach außen hin feiernd bewältigen - ein Ort dafür kann Schule sein.

Dienstag, 16. März 2010:

Topp-Punkt heute war eine Dienstbesprechung der Schwerpunktschulen im Bereich Mitte/Süd. Zwar war das Hauptthema eher für Grundschulen gedacht, aber Informationen aus erster Hand zur kommenden Pauschalierung zu bekommen, war wertvoll und interessant. Nun müssen wir mal hochrechnen, was das für unsere (noch) kleine IGS bedeutet, zumal wir ja neun Kinder mit besonderem Förderbedarf zugewiesen bekommen haben. Ein wohliges Gefühl beschlich mich während einer Diskussion über den inklusiven Ansatz (siehe Eintrag vom  07. August 2009). Da haben wir im Kollegium einen gewissen Vorsprung in der Umsetzung der UN-Konvention. Da läuft noch nicht alles rund, aber der Weg stimmt, das Bewusstsein ist gerade innerhalb der letzten Monate stetig gewachsen. Pflegen und düngen wir es zum Wohl der Kinder.

Donnerstag, 18. März 2010:

Unterrichtsbesuch, Dienstliche Beurteilung, Bewerbungsgespräch, Schulbuch-liste und noch mehr in dieser Richtung strukturierten den Tag. Pädagogik in der Praxis fand bei mir heute nicht statt. Kein Kerngeschäft also, die Kinder mussten ohne mich auskommen. Morgen finden die Auswahlgespräche zu den beiden schulscharf ausgeschriebenen Stellen statt. Eine Zusage fehlt noch - draußen ist es warm und sonnig und das scheint auch in die Schule hineinzustrahlen. Mal sehen, welche Knospen noch aufspringen und zur Blüte oder gar zur Frucht werden.

Abends dann ein thematischer Elternabend: Methodisch der Pädagogischen Schulentwicklung entnommen stellten wir thematisch das SINUS-Projekt vor. Das „wir“ muss ich korrigieren, denn ich war nicht dabei. Klassisch ist das ja ein Feld der Stufenleitung, da muss der Schulleiter nicht (mehr) hin. Leider trafen viele Eltern dieselbe Entscheidung, sogar angemeldete blieben fern. Schade, aber wer bei solchen Themen von der üblichen Resonanz ausging, dem fehlt Erfahrung (Ein paar mehr hätten uns dennoch gut getan).

Freitag, 19. März 2010:

Schokolade als Dankeschön von einer Praktikantin - der Tag fing gut an! Gewichtiger und dichter aber ein traumhaftes Assembly. Der Haiti-Sponsoren-Lauf erbrachte mit der Schlusssumme von 7.700 Euro einen irren Betrag. Der Haiti-Kinderhilfe e.V. war so begeistert von der Summe, dass eine feierliche Übergabe stattfinden sollte. Eine Vertreterin reiste eigens an und wir sind im Assembly natürlich in der Lage, daraus etwas Besonderes zu gestalten. Singen, Gespräche, Filmausschnitte und Fragerunde kennzeichneten den Verlauf. Die Schülervertretung, deren Idee der Spendenlauf ja war, entschied sich für diese Organisation, weil "jeder Cent in Haiti ankommt". Konkret wird die

Spende einer Schule in Bellanger zugutekommen, die vom Erdbeben teilweise beschädigt wurde. Ein besonderer Grund, so hörte ich aus der SV, war die Tatsache, dass die Kinder durch eine vom Verein gebaute Küche zu Mittag essen können. Es wurden den Schülern auch Bilder zugesagt, die den Einsatz und den Erfolg der Spende dokumentieren sollen.  Auslöser für die dichte Atmosphäre war die Nähe zu den haitianischen Kindern, die durch diese Elemente fast am Assembly teilnahmen. So verwunderte es nicht, dass von Empathie geprägte Fragen gestellt wurden und in den anschließenden Religionsstunden Schülerinnen und Schüler darüber nachgedacht haben, wie wir den Kontakt zu der Schule in Bellanger fortsetzen können.

Eben habe ich den Eintrag vom 20. März 2009 gelesen, weil sich Gedanken, die ich damals notierte, wieder meldeten. Am Nachmittag fanden die Auswahlgespräche mit den Bewerberinnen und Bewerbern auf die schulscharfen Stellen satt. Das sind der Schule zugewiesene Planstellen, bei uns waren es zwei, welche die Schule je nach ihren speziellen Bedürfnissen ausschreiben darf. Wir haben zum Beispiel Musik mit einem beliebigen anderen Fach ausgeschrieben, drei Jahrgänge kann und will ich nicht mit meinem "Hobby-Fach" abdecken, da muss jetzt ein Profi her (Huch, von Profi gibt es keine weibliche Form!). Es meldeten sich auch ausreichend Kolleginnen und Kollegen, so dass eine wirkliche Auswahl auch möglich war. Zurück aber zum letztjährigen Eintrag. Es gab in meiner Wahrnehmung mit mir eine deutliche Veränderung: Längst war ich nicht mehr so aufgeregt wie beim ersten Mal, ich saß (unabhängig vom Gewicht!) fester auf dem Stuhl. Schulpsychologinnen (!) und Psychologen würden dies wohl professionelle Distanz nennen. Aber egal, wichtig für mich ist, dass ich dazugelernt habe und wenn die Schulleiterrolle weiter in mich hineinwächst, hie und da deutete sich das in letzter Zeit immer mal wieder an, dann komme ich ja voran und wachse mit.

Montag, 22. März 2010:

Kurzbesuch in Deidesheim, unvorhergesehen und dazwischen geschoben. Was es eben so zu besprechen gibt, wenn eine Schule mit einem Jahrgang neu einzieht: Personal, Versetzungen, Raumverteilung, Sekretariatsstunden, Ganztagsbetrieb und so weiter. Zurück nach Wachenheim, kleine Schulleitungsrunde. Kurz: ein Vorgeschmack ab dem kommenden Schuljahr, das Auto könnte die Strecke ja schon programmieren.

Dienstag, 23. März 2010:

Sitzung der Trägervertretung IGS in Deidesheim mit Besichtigung der Baustelle. Das geht mächtig voran und immer mehr kann ich mir vorstellen, wie es ab Sommer aussieht und dort zugeht. Fast kommen "Heimatgefühle" auf, wenn ich die blauen Plastikbahnen sehe, die die gelb gerahmten Fenster schützen - genau so hat es vor zwei Jahren in Wachenheim ausgesehen. Da ich bei meinen "Reisen" immer den Foto dabei hatte, bin ich einer der wenigen IGS'ler, der den Baufortschritt im Blick hat. Daher habe ich in die Rubrik "Neuigkeiten" mal eine Fotostrecke gestellt, für alle, die wissen wollen, wie es dort aussieht, wohin wir umziehen. Ich spüre da immer wieder Aufbruchstimmung und Gestaltungslust in mir. Diese Stelle strengt an, hält jung und spornt an. Zur Ruhe werden wir wohl so schnell nicht kommen. Die tatsächliche Baustelle wie die pädagogische machen zwar Fortschritte, werden als solche aber noch eine Weile bleiben. Um im Bild zu bleiben: Das Dach ist jetzt drauf und wenn der Rohbau erstmal fertig ist, geht’s an den Innenausbau, dort müssen dann die Feinheiten installiert werden.

Mittwoch, 24. März 2010:

Wer weiß, wer heute was gelernt hat - ich bin auf alle Fälle dabei. In Musik wollte ich die neue Aktivbox mit zwei Funkmikros, die wir gekauft haben, kennen lernen und ausprobieren. Die Aufnahmefunktion sollte dem Schulkanon gewidmet sein. Mehrere Versuche benötigte es, bis so einigermaßen eine brauchbare Version zustande kam. Da - plötzlich - aus heiterem Himmel ergriffen zwei Schüler der 6b das Mikro und mit rhythmischen Lippen- und Atembewegungen, gepaart mit weiteren unglaublich klingenden labialen und gutturalen Geräuschen und dennoch irgendwo aus der Gaumengegend herkommenden Melodietönen entstand eine Version des Liedes, die ich zunächst für akustischen Unfug hielt, dann aber immer mehr Gefallen daran fand, bis ich erfuhr, dass ich musikalisch stehen geblieben war und diese als Beatbox bezeichnete Stilrichtung junger Menschen bisher lediglich ohne mich entstanden ist und als Weiterentwicklung des Hiphop internetweit für Furore sorgt. Aufnahme gedrückt, etwas Hall dazu gemischt und nun ist die Version konserviert. Wenn ich es schaffe, eine MP3-Datei daraus zu machen, wäre es durchaus etwas für die Homepage. Wer weiß, vielleicht reizt dies ja auch zu einem schulinternen Beatbox-Wettbewerb. Ich jedenfalls brachte die Aktivbox in den Teamraum zurück mit der Gewissheit, in dieser Musikstunde mehr gelernt zu haben als die Schülerinnen und Schüler.

Wieder einmal - da liebe ich dann das Tagebuchschreiben, weil es Ereignisse des Tages noch mal in Ruhe hervorkramt - war keine Zeit, dass sich dieses Erlebnis setzen und reflektiert werden konnte: Unterrichtsbesuche, aktuelle Vorfälle, Anrufe von der ADD, Sitzung mit Vertreterinnen der Sozialämter Neustadt und Bad Dürkheim, Besuch des Schulpsychologen, einen weiteren Termin in Deidesheim musste ich kurzerhand absagen, sodass erst am Abend die Gelegenheit entstand, das Lied zu Hause nochmals von der Kassette abzuspielen.  Im Netz suchend fand ich wirklich Beatbox wieder, es gibt sogar bereits Weltmeisterschaften darin. Welch ein Tag: prall gefüllt mit Leben, reich mit Begegnungen und Erfahrungen und zusätzlich wieder einmal durch Schülerinnen und Schülern bereichert - ein Tag wie ein Geschenk.

Freitag, 26. März 2010:

Letzter Schultag vor den Osterferien, diese Tage sind dann immer noch kürzer, als man denkt, vielleicht, weil so viele Kleinigkeiten noch zu erledigen sind. Die Praktikantinnen und Praktikanten hatten heute ihren letzten Tag (Kuchen - Merci!). Es tut einfach immer wieder gut, wenn sich Außenstehende so positiv über unsere Schülerschaft, das Kollegium und die Schule insgesamt äußern. Mitten im Getriebe - oder im Auge des Orkans - geht dieser tägliche Blick vielleicht verloren und wir sehen nicht mehr so intensiv, was alles bei uns schon gut läuft. Besonders gefreut haben mich Aussagen wie: "Enorm, wie selbstständig eure Schüler arbeiten.!"  oder "Die Atmosphäre an eurer Schule ist einmalig!". Allen Dank, die diesen Weg bisher mit Ideen, Engagement und täglichem Begleiten mitgestaltet haben. Und dann waren plötzlich Ferien! Alles war ruhig, hie und da noch eine verstreute Kollegin, da noch ein Klassenbucheintrag aus Musik und dort noch ein Schreiben - und tschüss! Ihr Lieben alle, ich wünsche euch erholsame Ferien und schöne Feiertage. Kommt mir gesund und mit frischem Mut zurück!

Nachtrag zum Montag, den ich festhalten wollte aber vergessen habe: Aus dem Auto in Richtung Schulhof laufend, erreichten Rufe wie "Hallo, Herr Dumont!" und "Wie geht's Herr Dumont?" mein Ohr. Huch, wie das denn? Es waren Schülerinnen einer siebten Klasse, die im letzten Jahr noch in Wachenheim waren. Na, das war doch ein tolles Ankommen am neuen Standort!

Ostersonntag, 04. April 2010:

Während der Ferien soll unser Dreijähriger ungebremst über seinen Vater verfügen können. Er nimmt dies so in Anspruch, dass ich diese Einträge nachhole. Zweimal hatte ich während der Ferien angesetzt und jedes Mal forderte er sein Recht: "Papa, Auto bielen!"

Welch ein Unfug! Die Tageszeitung startete eine Umfrage zu Ostern, welche berühmte Persönlichkeit zum Wohle der Menschen in den Augen der Leser "auferstehen" sollte. Nicht nur theologisch falsch, sondern auch noch riskant, fördert diese Frage doch ein naiv-kindhaftes Verständnis von Auferstehung, als ginge es darum, dass irgendjemand ab einem Tag X wieder auf der Welt wandelt. Da lobe ich mir das Erlebnis der Osterfeier im Hunsrück, die ich einige Jahre mitmachen durfte. Die Gemeinde sitzt in der dunklen Kirche, die schwere Holztür ist verschlossen. Der Priester klopft von außen an, es rummst. Er singt dabei (durch die noch geschlossenen Tür): "Öffnet eure Tore, Fürsten öffnet sie! Seht, der Ehre König ist zum Einzug da!" - Die Gemeinde antwortet von innen: "Wer ist dieser König, dem das Reich gebührt?" - Wieder vor der Tür: "Er, der Herr, der Starke, mächtig in dem Kampf!" - Innen erschallt es: "Halleluja". Drei Strophen dauert dieser Wechselgesang, bis das Tor geöffnet wird und der Priester mit dem Ruf "Lumen Christi" einzieht und das Licht der Osterkerze in die Gemeinde hinein verbreitet. Der Text des Liedes, er wird dieses Jahr 200 Jahre alt, ist sicher ebenfalls volkstümlich, aber, einem Mysterienspiel nicht unähnlich, so gebrochen, dass er Ostern eher vermittelt als diese Umfrage.

In der ersten Ferienwoche habe ich viel gelesen über Heterogenität in Lerngruppen. Im Mai soll ich dazu einen Arbeitskreis am Gesamtschultag leiten, da will ich auf dem neuesten Stand sein. Zwei Dinge bisher: Vom griechischen Wortsinn steht es für andere Herkunft, der DUDEN macht daraus unterschiedliche Teile eines Ganzen. Heterogenität taucht als Problem nur dadurch auf, dass ein zeit- und inhaltsgleiches Arbeiten angestrebt wird. Würde individuelles Lernen das Ziel sein, würde Heterogenität gar nicht wahrgenommen. Vielfältiges Lernen miteinander ist erfolgreicher als in angenommenen homogenen Lerngruppen (die ja Illusion sind). Ein schönes Motto aus Kanada (Eine treffende Übersetzung will mir nicht einfallen): "Celebrate the difference!" Feiert den Unterschied, seid stolz auf die Vielfältigkeit oder so ähnlich müsste es lauten. Also nicht Jammern: Ach, die Schülerschaft ist so unterschiedlich (Das war sie doch immer, man hat sie eben nur an einer mittleren Linie gemessen. Wer die nicht geschafft hat, wurde an die nächst niedere Schule weitergereicht!), sondern: Erfreut euch an den vielseitigen Begabungen eurer Lerngruppe. Macht sie nicht zum Problem sondern zum Acker, auf dem soviel nebeneinander wachsen kann.

Dienstag, 06. April 2010:

Okay, Rotstift halten ist nicht Garten umgraben! Mein Kreuz schickt mir diese Einsicht heute Abend leidlich zu, aber die Kartoffeln müssen raus. Und, in der Sprache der erwähnten Bücher über Heterogenität: Ich habe ja nichts anderes getan als "die Gelingensbedingungen" der Kartoffeln optimiert, in einer sowohl altersheterogenen Gruppe (Die Oma schuftet nebenan) als auch mit differenzierten Aufgaben (Sie hackte das Stück für die Tomaten!), während Benjamin mit seinem Bagger spielerisch im Garten tätig war.

Freitag, 09. April 2010:

Gestern drei Stunden in der ADD, Personalplanung für das neue Schuljahr, da wächst langsam etwas, was unser neues mal sein wird. Fest steht nichts, alles noch offen, aber das erste Grün lugt aus dem Boden. Dazwischen zwei Termine am Bau und eine Einladung zu einem Kuratorium in Deidesheim. Der dortige Schulleiter ist satzungsgemäß Mitglied. Mein Großvater sagte schon immer: Der Bürgermeister, der Pfarrer, der Apotheker und der Schulmeister...Honoratioren im Dorf. Hmhmmm....

Heute nun die gleiche Stundenzahl im Schulleitungsteam. Ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk vom "Team von der Brücke". Die Autobiografie von Hartmut von Hentig, dem alten Kempen der Reformpädagogik, auch als Taschenbuch so schwer wie ein Backstein mit seinen über tausend Seiten. Toll, habe gleich rein gelesen und muss zum Zuschlagen gezwungen werden. Verrückt ist ein Zusammenhang, der während dieser Ferien nun beim zweiten Autor genannt wurde: Das Lernen in einer  kleinen Dorfschule mit mehreren Klassen im selben Raum. Heterogenität pur. Ich durfte das ja vor meiner ersten Stelle selbst erleben: Als Vertretungslehrer in einer Grundschule bei Trier, in der die dritte und vierte Klasse zusammengelegt war, weil es zu wenige Kinder waren . Damals hatte ich nicht die Spur einer Ahnung, wie wichtig diese Erfahrung einmal sein wird. Jetzt kann ich sagen: Ich habs erlebt. Es geht. Es ist kein Problem!

Wir haben heute das Restprogramm des Schuljahres abgesteckt. Mannomann, da gibt es noch einiges zu tun bis zu den Sommerferien. Wenn wir das dicht gedrängte Programm schaffen, sind wir aber auch guten Schritt weiter - reif für Deidesheim.

Montag, 12. April 2010:

Was für ein blöder erster Schultag! In Mainz fand eine Infoveranstaltung zur Lernmittlausleihe für Schulleiter statt. Daher war ich nur 30 Minuten an der Schule, das reichte nicht mal, um alle haitianisch zu begrüßen. Und dann ab nach Mainz. Die Neugierde war größer als die erhaltenen  Informationen. Wenn man die Briefe an die Schulen gelesen hatte, ging der Gehalt der Veranstaltung gegen null. In der Mittagspause verweilte ich im Dom, der gleich hinter der Tagungsstätte liegt und nahm die tausendjährige Stille in mich auf. Dankbar verweilend verfestigte sich das schon ältere Empfinden: Der Dom in Speyer liegt mir in seiner Helle und Klarheit mehr, auch wenn dort ebenso über Jahrhunderte gebaut wurde, in ihm sind nicht die vielen (gotischen und barocken) Altäre zur Erinnerung irgendwelcher Kurfürsten und Bischöfe angehäuft wie in Mainz. Spitzenreiter in der romanischen bis modernen Stilmischung ist aber wohl immer noch Trier.  Einmal mehr Lehrgeld bezahlt, am ersten Schultag gehöre ich in die Schule!

Mittwoch, 14. April 2010:

Immer wieder schön zu erleben: Ein Team gleich empfindender und ähnlich denkender Menschen kriegen in kurzer Zeit einen guten Studientag vorbereitet. Ein Hoch auf die Teamarbeit! Morgen gehts für mich nach Jena. Heute habe ich noch aus unterschiedlichen Quellen eine Partnerschaftsurkunde "gebastelt" und schon mal vorab nach Jena gemailt. Am Freitag wollen wir sie in der Festveranstaltung zur abgeschlossen Restaurierung austauschen. Für die Schule so etwas wie eine Zweitagewoche mit Schulleiter.

Samstag, 17. April 2010:

Wo fange ich an? Noch immer wirbeln hunderte von Eindrücken, Stimmungen und Gefühle in mir durcheinander - die Anstrengung hat sich gelohnt. Vielleicht gehts am besten chronologisch. Donnerstag, acht Uhr zwölf: Bahnhof Mannheim. Was nützt ein reservierter Fensterplatz, wenn im Großraumabteil schon um neun Uhr die Weinflaschen kreisen, Stiefelchen mit Schnaps gefüllt die Runde machen und "...ich will a Schnäppsje han, iss das net fein..." gegröhlt wird? Wären es Jugendliche gewesen, hätte ich so manches Vorurteil bestätigen können, aber die nach Dresden reisende Gruppe waren im Schnitt Endfünfziger. Die Frauenkirche und der Zwinger sind angesichts solcher Besucher auch nicht zu beneiden. Ich setzte den Rest der Reise im Bistrowagen fort, wann habe ich schon mal vier Stunden Zeit in Ruhe zu lesen. Das wollte ich mir nicht nehmen lassen.

In Jena holte mich der Schulleiter vom Bahnhof ab, herzlich und so, als würden wir uns schon seit Jahrzehnten immer wieder treffen, offen die Umarmung und beiderseits das Gefühl: "Schön, dich wieder zu sehen!".  Auf dem Weg zur Grete Unrein Schule die ersten bemerkenswerten Gebäude in Jena. "Hier, das war alles Carl Zeiss Jena", ein riesiger Gebäudekomplex mitten in der Stadt, jetzt architektonisch mutig zur Goethe Galerie zu einer Einkaufsmeile umgestaltet. Die Produktion in Einzelfirmen und als Jenoptik gegründet, wurde vor die Stadt verlegt. Dann die letzte Ecke, dann tauchte das Gebäude von 1912 auf, das ich von einigen Bildern und Broschüren kannte: Die IGS Grete Unrein, frisch herausgeputzt und rekonstruiert. Ohne große Veränderungen hätte man darin die Feuerzangenbowle drehen können. Welch mächtiges Treppenhaus mit steinernen Geländern und Rundbögen! Den erst fünf Tage alten Betrieb sah man an allen Ecken und Enden, da ein letzter Handwerker, dort eine Umzugskiste, hier noch mal drüberwischen. Nach dem Mittagessen im neu gebauten Speisesaal (und mit Theke zum Selbstwählen), nahm ich das Hotelzimmer in Angriff und einen ersten kurzen Stadtbummel, in der Schule wurde ich angesichts der Feier morgen nicht "gebraucht". Um 17 Uhr verabredeten wir uns, weil, wie die ganze Woche über, zwecks Schulführungen für Interessierte die rekonstruierte Schule geöffnet wurde. Viele Baugeschichten und deren Ergebnisse vom Dach bis in den Keller strömten auf mich ein. In einem solchen Gebäude, das erschloss sich mir recht früh, gibt es immer wieder überraschende Ecken und Nischen für dies und jenes. Gut konnte ich mir die noch fehlenden Sitzgruppen, die Pflanzen und die sicherlich entstehenden Bilder in den Fluren vorstellen. Ein Gebäude zum Verlieben und mit einer langen Geschichte. Zwei Weltkriege, zwei Diktaturen und nun das Aufwachen im neuen Kleid. Und dann der Name...neidisch setzte ich Fuß vor Fuß. Hohe Räume, welche die Fensterbänke in Brusthöhe ermöglichen (Auf die werden sich n ur Hochspringer setzen können), eingebaute Wandschränke im Original, mir ging das Herz auf, spätestens aber beim Betreten der Aula: Tonnengewölbe, original Parkettfußboden, Empore...ein Ort zum Wohlfühlen. Was mag in diesem großzügigen Raum alles stattgefunden haben? Der Führung wohnten auch ehemalige Schülerinnen und Schüler der Grete Unrein Schule an, heute erwachsene Menschen jeglichen Alters, zum Teil längst in der Großelterngeneration. So manche Anekdote wurde zum besten gegeben, mancher Sitzplatz als der damalige erkannt, "Und von diesem Platz habe ich immer auf den Berg geschaut, wie er sich in den Jahreszeiten verändert hat.". Als "besonderer" Gast kam ich auch in den Genuss, die eine oder andere Besonderheit sehen zu dürfen, so etwa die hängende Auladecke im Dachgestühl mit Zugang zur Schuluhr. Und wieder: Da ein Stübchen, dort Platz für Kulissen...irre! Nachdem auch der letzte Besucher gegangen war, machten wir uns zu dritt auf, um nun, ich immer noch in der aufnehmenden Rolle, das zu sehen, was in Jena wert ist gezeigt zu bekommen. Reste der Stadtmauer, an diesem Turm hängt jene Geschichte, jenes Haus verbirgt diese Besonderheit. Auf der Karte des Lokals, in dem wir dann schließlich landeten, stand doch wirklich Pfälzer Wein von einem mir bekannten Weingut in Ellerstadt! Ich wollte aber den Roten aus Saale-Unstrut testen. Anlass meines Trips nach Jena war die Festveranstaltung am Freitag, in der offiziell die Rückkehr der gesamten Schule nach 14 Monaten Bauzeit in das renovierte Gebäude gefeiert wurde. Wir vereinbarten im Vorfeld, dass wir diesen Anlass auch dazu nutzen wollen, unsere Schulpartnerschaft mit Urkunden zu besiegeln. Noch vom Hotel aus rief ich in unserem Assembly zu Hause an und erklärte, warum ich nicht in Wachenheim sondern in Jena bin. Die Schulpartnerschaft muss ja von der Schülerschaft getragen werden, also sollen sie möglichst Anteil nehmen. Wenn schon nur der Schulleiter dort ist, wollte ich wenigstens fernmündlich (heißt das im Handy-Zeitalter noch so?) die Schülerinnen und Schüler mit hineinholen. Ich holte mir auch per lautem Zuruf das Mandat für ein nächstes Projekt im Oktober. In der Feierstunde sollte ich nach einigen Reden, Musik und der Vorführung der von Schülerinnen entworfenen Schulkleidung (bewusst keine Schuluniform) kurz in unser Anliegen einführen und den Tausch der Urkunden in die Wege leiten. Die Besonderheit lag darin, dass am 16. April 1912 die Schule eröffnet wurde. Just 98 Jahre danach wurde der Einzug ins renovierte Gebäude gefeiert und unsere Schulpartnerschaft begründet. Vorausblickend werden wir 2012 hundert Jahre Grete Unrein Schule und zwei Jahre Schulpartnerschaft mit der IGS Deidesheim/Wachenheim feiern. Eine tolle Sache! Der Feier schloss sich ein Essen in der neu erbauten Mensa an - welch eine Ruhe, welch eine Gelassenheit herrschte dort. Lag es nur an dem neuen Raum? An dem noch frischen Gefühl: "Wir haben jetzt auch eine Mensa?" Ich habe jedenfalls eine tolle Atmosphäre an der Schule wahrgenommen, der freundlich Umgang miteinander, die zum Gebäude passende Großherzigkeit, die vielen fröhlichen Gesichter, die warmherzigen Worte in der Feierstunde - wie sagte ich in meinem Grußwort: "Das Mädchen-Lyzeum war die erste Schule in Jena, für uns ist es weiterhin die erste Adresse!"

Die Zeit zur Abfahrt meines Zuges drängte, so blieb nur noch die Möglichkeit einer kurzen Autotour "in die Berge" rund um Jena. Ein gelungener Schlussakkord. Mit dankbaren Gefühlen und der Gewissheit, dass dies eine hektische Fahrt war, aber die sich in jeder Minute gelohnt hat, kam Wehmut am Bahnhof auf. Der Alltag holte mich dann doch ein: Wegen der Aschewolke und dem geschlossenen Luftraum (das klingt so nach Krieg!), war der Zug so was von überfüllt, dass es an quengelnden und sich beschwerenden Fahrgästen nicht mangelte. Bleibt am Ende nur bescheiden zu danken für diese zwei Tage. Ich bin so reich beschenkt worden und hoffe, dies in Engagement für die Schulpartnerschaft zurückgeben zu können.

 

Montag, 19. April 2010:

Wie oft von dem grandiosen Besuch an der IGS Grete Unrein heute erzählt habe - ich weiß es nicht. Ein Kollege sagte mir: "Man merkt es: Du sprühst ja immer noch!" In der Schulleitungsrunde dann erneuter Bericht und Ansprechen des kommenden Projektes im Oktober. Wir drei Kreativen fanden gleich Möglichkeiten, Planungen und auch schon eventuell beteiligte Personen. Die Partnerschaftsurkunde ziert gerahmt unser Zimmer. Post geht hin und her...das ist also noch nicht abgeschlossen.

Die Schulsozialarbeiterin hat sich (nun auch mir) vorgestellt. Offene Begegnung und gleich stimmt die Chemie. Das wird sicherlich eine gedeihliche Zusammenarbeit. Auf gehts! Toll auch die Kontakte an die IGS Ernst Bloch in LU-Oggersheim zu "meiner" Urmutter der Schulsozialarbeiter.

Beginn des jahrgangsübergreifenden Sportprojektes. Toll, dass wir die Planung hinbekommen haben. Die nächsten Wochen werden also überall auf dem Schulgelände Bälle gekickt, gebaggert, geschlagen, gestoßen, Badmintonbälle (?) fliegen durch die Luft usw.

Mittwoch, 21. April 2010:

Nochmal so ein Tag, der eine multiple Existenz erfordert hätte. Da ich versuche, nur in mir zu ruhen, musste ich Abstriche machen. Zunächst in Mainz bei der Direktorenvereinigung der IGSen. Einige der Schulleiterinnen und Schuleiter der im Sommer startenden neuen IGSen sind schon eingeführt und waren schon da. Der Kreis wird sich also noch erweitern und ist längst über das Stadium "Wir kennen uns seit langem" überwunden und eine stattliche Gruppe geworden, die dieses Jahr ja auf 53 Schulen anwachsen wird.

Vorzeitige Rückfahrt aus Mainz, denn um 16.00 Uhr findet das Richtfest auf der Baustelle in Deidesheim statt. Den musikalischen Rahmen gestalten wieder zwei SchülerInnen, dieses Mal nur aus der 6a. Der Wind weht die Noten weg, open winds beim open air. Die Kulisse des Anbaus wirkt: Mächtig ragt der Klassentrakt zu uns rüber, der Fachraumtrakt noch ungestrichen aber schön verkleidet, fast so ein bisschen wie Aida vor den Mauern. Wohlwollende Worte von Politikerseite, auf Anfrage, was mit den alten Fenstern und den auch hier überalterten Toiletten passiert, aber auch Zurückhaltung. Schön und originell

der Richtspruch, der eigens für diese Veranstaltung zusammen gestellt wurde, „Schulen haben wir bisher noch nicht mit einem Richtspruch versehen“, so der Zimmermann. Er soll daher hier nicht fehlen:

Richtspruch IGS Deidesheim/Wachenheim

Froh versammelt die Richtfestgäste, lasst euch grüßen auf's allerbeste

und hört nach altem Brauchtum an von Dach hoch oben, den Zimmermann.

Es ist bestimmt in Dorf und Stadt ein Glück für's Volk, wenn's Kinder hat,

denn ohne Kinder stirbt ein Haus mit der Familienzukunft völlig aus!

Und wie, wie wär das Leben leer, ja, gäb es keine Kinder mehr,

die lustig froh dann hier rumspringen, das ist das wichtigste von allen Dingen.

Fortan diene dieser Ort dem guten Rat, dem edlen Wort.

Und unsre hoffnungsvolle Jugend lerne Ehrbarkeit und Tugend.

Nicht nur Wissen, Geistesgaben, auch Charakter muss man haben.

Wenn die Schüler bald hier sitzen und über ihren Büchern schwitzen,

mög aus redlichem Bemühen, der schulische Erfolg erblühen.

Ein guter Geist ziehe hier ein, die Schulgemeinschaft soll gedeihn.

Die's mit der Jugend redlich meinen und sie in diesen Räumen lehren,

dass sie einmal auf eignen Beinen und fest im spätren Leben stehen,

denen geb Gott Kraft und Verstehen mit unsrer Jugend umzugehen.

Dass man in diesem Hause fröhlich lehrt, das ist mir ein Gläschen wert.

Hohes Lob gebührt sodann dem Architekten, der den Plan ersann,

der mit viel Geschick und nach der norm dem Bauwerk gab die edle Form.

(Zweites Gläschen)

Aller sei mit Dank gedacht, die an dem Neubau mitgemacht,

des Meisters, der Gesellen Schar, des Lehrlings, der auch tätig war.

Das Handwerk ehr' ich voller Freude - zum Wohl auf alle Handwerksleute.

(Drittes Gläschen)

Mein letzter Gruß dem schönen Haus: In jedem Wetter halte aus!

Hoch soll leben die ganze Welt, bis sie einmal zusammenfällt.

Der Scherben Stück um Stück, bringt den Kindern künftig Glück, wie auch sonst noch jedermann!

Dies wünscht euch - der Zimmermann.

Brezeln, Wein und Fleischkäse, ein schöner Rahmen für die erste gemeinsame Veranstaltung mit der Realschule plus. All die Treffen vorher führten schon zu einer fast harmonischen Atmosphäre. Nichts zu spüren von Gerüchten und ablehnenden Bemerkungen - nein, das wird alles gut. Und immerhin: Schließlich waren es alle Beteiligten in Deidesheim, die den Lärm und den Dreck während des gesamten Schuljahres aushalten mussten. Der Dank dafür wird den heutigen Tag überdauern! Quasi die Krönung: Der Aufstieg übers Gerüst bis an die

Dachkante. Da lässt sich getrost von einem ersten Überblick sprechen, die Sicht weitet sich, alles Enge liegt weit unter uns, Probleme zeigen sich mit jeder erklommenen Leiter kleiner und - so will es mir atmosphärisch erscheinen - verschwinden dann ganz. Mit diesem Bild vor Augen werden wir alles Kommende packen!