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März 2014

 

Dienstag, 25. März 2014:

Immer wieder hörte von anderen Schulen, dass ein Studientag zur Lehrergesundheit durchgeführt wurde. Bereits im vergangenen Jahr hat unsere Gesamtkonferenz beschlossen, dass ein solcher auch (oder gerade?) für uns von großer Bedeutung ist. Natürlich geht es dabei nicht um solche Fragen: Wie kann ich gesund bleiben angesichts der vielen Möglichkeiten sich gerade im Winter anzustecken? Oder: Wie muss ich als Lehrkraft vor Krankheiten schützen? Nach einer digitalen Abfrage wurde heute von sechs unterstützenden Referenten Angebote gemacht. Zum einen kamen sie vom Pädagogischen Landesinstitut. Zusätzlich gibt es in Rheinland-Pfalz als einzigem Bundesland (!) ein Institut für Lehrergesundheit in Mainz, welches heute ebenfalls mit Referenten an der Schule war.

Angeboten waren folgende Arbeitskreise: “Professioneller Umgang mit belastenden Emotionen“; „Schulische Arbeitsbedingungen verbessern“ mit Inhalten wie Arbeitsabläufe, Strukturen, Nutzen vorhandener Ressourcen, „Schwierige Elterngespräche als Belastungsfaktor“, „Work-Life-Balance und Erholung von der Arbeit“ und natürlich „Zeitmanagement“. Lehrkräfte können sich zwar ihre Arbeit zu einem bestimmten Teil flexibel einteilen. Aber genau darin steckt die Gefahr, dass die Zeit (zum Teil massiv) überzogen wird. Bei allen Bereichen kann durch Reflexion und Bewusstseinsbildung gegengesteuert werden. Eine allgemeine und dennoch zentrale Rückmeldung, die ich heute spontan erhielt, lautete: „Weißt du, unabhängig davon, was heute rauskam, tut es einfach gut, dass das Kollegium für einen ganzen Tag zusammen ist. Diese Erfahrung fehlt uns im Alltag als Schule an zwei Standorten!“, Ja, auch ich spüre, dass diese Situation die Arbeit zusätzlich erschwert. Natürlich stehen zusätzliche Hürden in der Organisation vor uns, die täglich zu überwinden sind. Aber ein nicht zu vernachlässigender Faktor sind die rein menschlichen Hemmnisse, zumindest, wenn man auf einer solch umgänglichen Ebene und einander in solchem Maße wertschätzenden Weise miteinander arbeitet, wie ich es an unserer Schule erlebe. Das ist ein noch nie abgefragtes Qualitätsmerkmal!

Für alle anderen Belastungsfaktoren gilt natürlich: Im Rahmen eines Studientages sind Veränderungen nicht herzustellen. Bewusstmachen und Draufblicken ist da eher das Ziel. Dennoch, so wurde ich am Rande um Zustimmung gebeten, werden zumindest zwei Workshops über den heutigen Tag hinaus arbeiten – und das ist ein schönes Ergebnis.

 

Freitag, 21. März 2014:

Beim Durchfahren der „schönsten Pfälzer Allee“, dem mit Mandelblüten links und rechts gesäumten Abschnitt zwischen Bad Dürkheim und Wachenheim, heute noch von der Morgensonne in herrliches Licht getaucht, fasste ich den Entschluss: Die Mensa bleibt heute zu. Es ist herrliches Wetter, der Morgen frühlingshaft lau – wozu braucht es da ein Aufenthalt im Gebäude.  Die dadurch freie Zeit nutzte ich für die Vorbereitungen zu den Auswahlgesprächen, die heute den ganzen Vormittag einnahmen. Zur Entlastung meinerseits und zur besseren Strukturierung nutzte ich eine Methode, die ich von den Verfahren zur Besetzung von Funktionsstellen kennen gelernt habe: In einer Tabelle sind neun Begriffe notiert. Der/Die Gesprächspartner/in wählt immer selbstständig einen aus und kann dazu sagen, was ihr/m einfällt bzw. was ihm/r wichtig erscheint. Natürlich sind Nachfragen und Einhaken erlaubt, aber die Gespräche laufen dadurch sehr entspannt und inhaltlich vertieft ab. Drei Gesichtspunkte spielen dabei für mich eine wichtige Rolle. Zunächst ist die Reihenfolge interessant, welche gewählt wird: Pickt sich die/der Gesprächspartner/in gleich ein zentrales Stichwort heraus (heute etwa: „heterogene Lerngruppen“ oder „Schwerpunktschule“) oder beginnt er/sie sich mit leichteren Begriffen wie „Ganztagsschule“ oder „Vor- und Nachteile einer IGS“ durch die Tabelle zu schlängeln. Dann natürlich der Inhalt, mit welchem die Stichworte gefüllt werden. Da die Auswahlgespräche kein drittes Staatsexamen sein sollen, ist interessant, wie eine Relation zwischen Stichwort und Person hergestellt wird. Beim Begriff „Schwerpunktschule“ etwa interessiert mich nicht, welche Formen der Umsetzung es gibt oder wie die Förderung stattfinden kann. Für die Auswahl ist für mich von zentraler Bedeutung, wie der/die Kandidat/-in als Person diesen Begriff füllt: Steht er/sie der Inklusion positiv gegenüber? Hat er/sie eine klare Haltung? Kennt er/sie die Absicht und die Hintergründe?

Natürlich sind diese Gespräche für die (meist) jungen Lehrkräfte aufregend. Immerhin sitzen sie vier erfahrenen Menschen gegenüber, die am Ende eine Entscheidung treffen: Einem Vertreter des Schulelternbeirates, einem Vertreter des Personalrates, einem Schulleitungsmitglied und einem Schulleiter. Die Gespräche heute verliefen aber alle in angenehmer Atmosphäre – die Anwesenden verstanden es mit Humor die Anspannung etwas zu lösen. Auch hier spüre ich sehr schnell, wie souverän mit der Entspannung umgegangen wird, ob die Augen bei einer humorvollen Bemerkung mitlachen usw. Natürlich erleben wir die Kandidat/-innen nicht bei ihrem Kerngeschäft: dem Umgang mit Kindern. In den einzelnen Aussagen wird aber gleichwohl deutlich, wie sich in etwa die Haltung gegenüber Kindern gestaltet. So denke ich, dass durch die Art, wie wir die Gespräche angelegt haben, ein deutliches und begründetes Votum möglich ist. Heute war es jedenfalls so, obwohl ich gerne drei oder vier bei uns an der Schule gehabt hätte. Wir hatten aber nur eine Stelle zu vergeben. Schade! Und noch steht ein weiteres Gespräch eventuell noch an. Egal, wie es kommen wird: Den Unterlegenen wünsche ich von Herzen einen guten Start anderswo. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns in anderen Zusammenhängen oder gar später bei uns einmal wieder. Eine junge Kollegin will, unabhängig vom Ergebnis, einmal bei uns hospitieren. Na, gerne doch!

Ganz nebenbei hielt ich heute ein Schreiben der Schulaufsicht in der Hand, das unscheinbar mit anderen Umschlägen in der Post lag: Die offizielle Errichtungsverfügung für die Oberstufe. Diese „Hürde“ hatten wir lange im Blick – nun ist sie mit einem einfachen Schreiben übersprungen. Was diese zwei Seiten Text „lostreten“, überschaue ich wohl noch gar nicht in allen Dimensionen, denn es ist die Voraussetzung dafür, dass die Schule weiter ausgebaut wird und dann an ihrem Ziel entgegenläuft. Die Fußballtrainer sagen aber immer öfter: Wir haben nur das nächste Spiel im Blick. Für die Schule heißt dies, dass der dritte Bauabschnitt nun ausgeschrieben wird. Im Mai soll dann daraus der Architekt hervorgehen, der mit den Arbeiten beauftragt wird und mit dem, so der Schulträger, bei einem Besuch an der Schule das weitere Vorgehen besprochen werden soll. Bis dorthin müssen wir wissen, was wir noch planen und an Möglichkeiten umsetzen wollen. So thematisierten wir in einem ersten Gespräch gestern, dass die Möglichkeit eines (Schüler)-Kiosk gegeben sein müsse, um eventuell daraus eine schulinterne Schülerfirma ins Leben zu rufen, die wiederum für unsere beeinträchtigten Schüler/-innen eine wichtige Perspektive sein könnte. Nun aber zunächst mal ab ins Wochenende, das eine überaus intensive Woche ablösen soll.

 

Mittwoch, 19. März 2014:

Schlecht vorbereitet trat ich heute den Weg in die Schule an: Zum einen wollte ich im Assembly in Wachenheim den Welt-Down-Syndrom-Tag vorstellen und mittags bei der Fortbildung in Religion in der Sekundastufe II mit einem Kollegen das trialogische Lernen vorstellen. Zu beidem musste ich irgendwie zwischendrin noch eine Powerpoint-Präsentation hinbekommen. Würde ich das schaffen? Und ob! Zu beiden Themen verfüge ich in „meinem Archiv“ über eine Reihe von geeigneten und passenden Fotos. Inhaltlich stecke ich „über die Knie“ in beiden Thematiken drin, dass schnell Textfelder mit den wichtigsten Informationen eingefügt waren. Dennoch mag ich diesen Zeitdruck nicht. Aber wenn es eben nicht anders geht....

Die Fortbildung über Religion in der Oberstufe war sehr erhellend. Nicht nur, dass ich mich an meine MSS-Zeit an der IGS Mutterstadt erinnert fühlte, ich hätte sie jeder/m „neuen“ Kolleg/-in gegönnt. Da gab es ganz viel Information zu Inhalten, zu Operatoren, zu Anforderungsbereichen und zur Notenfindung, die Unsicherheiten verringern könnten. Ich denke durchaus dran, eine solche Veranstaltung für alle Interessierten zu wiederholen.

 

Dienstag, 18. März 2014:

So langsam kommt das Auswahlverfahren für die schulscharfe Stelle in Fahrt. Es wird aber auch Zeit! Die Organisation dazu ist in diesem Jahr wegen der vielen Bewerbungen aufwändiger als je zuvor. Eine schöne Pressemitteilung der Herbert-Quandt-Stiftung über den „Markt der Möglichkeiten“ erreichte mich heute. Dem Ansinnen eines auswertenden Gesprächs am Telefon konnte ich allerdings nicht nachkommen, da zu diesem Zeitpunkt das zweite Auswahlverfahren für die Oberstufenleitung im Haus stattfand – die Stelle soll noch im laufenden Schuljahr besetzt werden. Oha, das soll aber schnell gehen, da muss so mancher Schreibtisch die Rolle einer schnellen Zwischenlandung und nicht die als „Hangar“ spielen. Mit dem Personalrat habe ich noch den Gliederungsplan besprochen. Ein Eltern- und ein Informationsbrief gingen heute noch an alle raus, Kontakt zum hiesigen Gymnasium wegen möglicher Hospitationen beim mündlichen Abitur, da noch ein Gespräch mit dem und hier noch eine Begegnung mit jener…Alltag eben, der bindet und mich auf Trab hält.

 

Freitag,  14. März 2014:

Mein Gefühl damals in Bad Homburg (siehe Eintrag vom 7. September 2013) war: na, das hat ja dann noch Zeit. Doch wie so häufig bei solchen oder ähnlichen Gefühlen: Es geht dann doch ganz schnell und mir nichts, dir nichts steht der Termin vor der Tür. Wir reisten heute mit fünf Schüler/-innen und drei Lehrkräften nach Saarbrücken zum so genannten „Markt der Möglichkeiten“. Innerhalb des Trialog-Wettbewerbes stellt er so etwas wie beim Fußball das Ende der ersten Halbzeit dar. Die acht Schulen aus dem Saarland und Rheinland-Pfalz, die ein als förderungswürdig angesehenes Exposé eingereicht hatten, sollten vorstellen, was aus dem Projektvorhaben bisher geworden ist. Dazu musste ein Stand gestaltet werden und eine Präsentation den versammelten Schulen, den Vertreter/-innen der Herbert-Quandt-Stiftung und der angereisten Jury vorgestellt werden – eine durchaus spannende Angelegenheit also. Und das macht selbst vor mir nicht halt: Die Atmosphäre im Vorfeld, das Vorbereiten und Gestalten der Plakate, das Schreiben und Üben der Präsentation, das Zusammentragen der einzelnen „Stand-Requisiten“, das Packen der Autos, das Ankommen am fremden Ort, der zunächst kahle Stand, das allmähliche „Gestalt-Annehmen“, der bunte Endzustand, das Beobachten der anderen Teilnehmerschulen mit ihren entstehenden Ständen, die erste Probe auf der Bühne, die Anspannung vor der Aufführung und so weiter – das alles macht auch mir „altem Hasen“ derart viel Freude, dass ich die bei den Jugendlichen nur erahnen (und dennoch erspüren) kann. Für sie kommt ja noch hinzu, dass sie „ihre“ Schule, zwar begleitet und zunächst angeleitet, auf der Bühne aber dann doch alleine präsentieren dürfen/können/müssen. Auch sie können die Eindrücke von den anderen Schulen ja nicht „wegklicken“, wie deren Stimmung ist, wie sie miteinander umgehen, wie sie ihr Projekt darstellen und wie deren Stand aussieht. In diesem ganzen Konglomerat an Faktoren auch die Feststellung: Sie waren einfach klasse! Den Applaus haben sie sich redlich verdient! Wenn man so will, hat die Jury bei der Auswahl der förderungswürdigen Projekte ein „gutes Händchen“ bewiesen. Was an diesem Nachmittag an Kreativität, an Gestaltungswillen und an Ideenreichtum auf die Bühne gebracht wurde, zeigte wieder die schon öfter von mir gerühmte Aussagekraft und den Ideenreichtum von Schüler/-innen. Vom selbstgeschriebenen Theaterstück über ungarische Frauen in der Zeit des faschistischen Terrors (eines Gymnasiums), über die mulikulturellen Schulfeste mit Zutaten aus einem „trialogischen Garten“ (einer berufsbildenden Schule) bis hin zu einem (türkischen?) Schreittanz (einer saarländischen Gemeinschaftsschule), in den die ganze Versammlung einbezogen wurde bis zu unserer inhaltlich tiefen Präsentation eines Trialoges der abrahamischen Religionen bot diese Präsentationsphase ein buntes Kaleidoskop. Die Jury wird es wohl nicht einfach haben! Für uns kam zusätzlich positiv hinzu: Wir konnten Jurymitgliedern vermitteln, dass unser Projektansatz in der interreligiösen Schulfeier alle Schüler/-innen der Schule mit einbezog und die einzelnen Projekte über alle Jahrgänge gestreut sind und dass das Thema sich harmonisch aus dem pädagogischen Konzept der Schule und dem, was wir bereits seit längerem schon tun, herausentwickelt hat. Freilich machte keiner eine irgendwie gelagerte Aussage darüber, wie die Jury diesen Ansatz einschätzt, aber ihn einmal mündlich ausführlich darstellen zu können, ergibt sich an einem solchen Nachmittag eben augenscheinlicher, als ihn schriftlich im Abschlussbericht formulieren zu müssen.

Erfüllt, bereichert, mit Eindrücken voll und mit persönlichen Begegnungen beglückt traten wir die Heimfahrt an, wissend: Dieser Tag lohnte den Aufwand. Wir erhielten die Energie mannigfaltig zurück! Möge sie uns „die zweite Halbzeit“ über erhalten bleiben und diese erfolgreich gestalten helfen. Danke euch allen, die heute mitgewirkt haben!

Ganz an mir vorüber ging die Einladung der Sparkasse. Bei der Internet-Abstimmung über den Thementag „Nachhaltigkeit“ haben wir den ersten Platz erreicht. Das dafür vorgesehene Preisgeld wurde heute innerhalb einer kleinen Feierstunde überreicht. Auch dorthin war eine Schülergruppe unterwegs, begleitet von einer Kollegin. Ich bin auf ein paar Fotos ahgewiesen, damit ich wenigstens nachträglich optische Eindrücke speichern kann. Auch hier gilt mein Dank allen Kolleg/-innen, die diesen Tag gestaltet haben und allen Schüler/-innen: Es ist euer Preisgeld. Die Umfrage, wie wir die Summe schulisch investieren, lief schon im Assembly in dieser Woche.

So endet die Woche mit zwei Höhepunkten außerhalb der Schule.

 

Donnerstag, 13. März 2014:

Für die geplante Bandklasse benötigen wir Instrumentallehrer. Andres als bei der 1stClassRock-AG können wir das nicht selbst stemmen. Wie segensreich Kontakte sind stellte sich heute wieder dar: in der zweiten Stunde waren zwei mögliche Instrumentallehrer der Popakademie in Mannheim da, mit denen wir Rahmenbedingungen zu klären versuchten. Das wäre ein Ding, wenn wir da eine Kooperation hinbekämen, das würde dem Projekt Bandklasse von Anfang ein Qualitätsetikett verleihen.

In Deidesheim legte ich letzte Hand an den Trialog-Text. Ich glättete inhaltlich Brüche, gestern bereits machten die Schüler/-innen Vorschläge, um die Lesbarkeit zu verbessern – heute erstellte ich daraus die endgültige Tabelle und vermerkte darin die „Klicks“ für die Präsentation am Computer. Die Zeitdauer konnte ich nun nicht mehr stoppen, das muss jetzt morgen irgendwie so laufen, wie es heute ist. Wird schon werden, selbst wenn wir die sieben oder acht Minuten überschreiten werden.

Bereits vorgestern baten Mitglieder des Schulelternbeirates der Grundschule in Deidesheim um einen Termin wegen der Betreuung ihrer Kinder bei uns im Haus. Längst zeichnete sich durch die stattgefundenen Gespräche die Lösung ab: Ich benötige die seit Jahren genutzten Räume, wir können aber nach Absprache andere zur Verfügung stellen, eventuell entsteht eine kleine Zeitspanne, die überbrückt werden muss und die Räume liegen nicht mehr so günstig in der „Nähe des Schulhofes“, aber die Betreuung kann fortbestehen. Das Gespräch war also eigentlich überflüssig, aber die Freude umso größer, als ich eine Lösung bereits parat hatte.

Morgen muss die jährliche Planung im Gliederungsplan hochgeladen werden. Zum ersten Mal bin ich mit ihm einen Tag früher fertig. Morgen noch ein paar „verpflichtende Ansparstunden“ eintragen, die ich am Nachmittag noch ermittelt habe – dann kann „das Werk“ hochgeladen werden.

 

Mittwoch, 12. März 2014:

Hat es das schon mal gegeben: Zwei Assemblysan einem Tag? Ich glaube nicht, denn wir haben die beiden Assemblys in Wachenheim aus stundenplantechnischen Gründen und auch wegen der Stundentafel voneinander getrennt. Die Fünftklässler haben wöchentlich ihre Versammlung, die Sechstklässler in längeren Abständen unregelmäßig und durch verschiedene Fachstunden rotierend. Beide Treffen heute waren bestimmt durch die Auswahl des Logo-Wettbewerbes. Es wurden wieder über 50 Vorschläge eingereicht, die wir alle in beiden Versammlungen vorstellten. Per Abstimmung (jeder verfügte über drei Stimmen) erhielten die Vorschläge eine Stimmenzahl, die zehn mit den meisten Stimmen erreichten heute die nächste Runde. In dieser wird dann eine Jury bestehend aus einer/m Künstler/in, einem Schulleitungsmitglied und einer/m Schülervertreter/in bestehen. Zum ersten Mal hatte ich keine/n Favoriten, so dass ich richtig gespannt bin, welcher Vorschlag das Rennen machen wird.

Am Nachmittag tagte noch der Schulträgerausschuss. Es ging hauptsächlich darum, ob einer weiteren Realschule plus im Landkreis eine Fachoberschule genehmigt wird. Ich brachte die Sichtweise der Integrierten Gesamtschule ein: Uns würde eine solche Einrichtung entlasten, denn sie wäre eine echte Alternative für die Eltern, die ihre Kinder bei uns anmelden und keinen Platz erhalten. Am Rande erkundigte ich mich, wie es nun bei uns vorangeht. Zunächst einmal soll die Ausschreibung irgendwann im Mai einen Architekten hervorgebracht haben, der den Zuschlag erhält. Dann wird en Detail mit der Schule geplant. Allerdings ist offen, wie der dritte Bauabschnitt im Einzelnen umgesetzt wird. Anbau oder Aufstockung? Was wird im Bestandsbau geschehen? Nur neue Fenster und neue Heizungsanlage? Was ist mit den (neuen?) Nachhall-Werten in den alten Klassenräumen? Muss da „nachgerüstet“ werden? Fragen, die erst mit dem Architekten geklärt werden können. Also ist noch eine kleine Weile Geduld angesagt. Da wir in Deidesheim alle verfügbaren Klassenräume für die beginnende Oberstufe benötigen, fehlen der Grundschule diejenigen Räume, die sie bisher für die „betreuende Grundschule“ benutzen konnten. Was tun? Auch hier konnten wir nach der Sitzung eine mögliche Lösung zumindest skizzieren. Es kommt auf die genauen Zahlen an. Die werden nun eruiert. So bestätigte sich erneut, wie wichtig sich die beiden Worte „am Rande“ in der Praxis darstellen können. Die Inhalte stehen auf keiner Tagesordnung, aber erneut schafft eine versammelte Zuständigkeit durch Kontakte tragfähige Lösungen.

 

Donnerstag, 06. März 2014:

Die freien Tage habe ich zusätzlich dazu genutzt, für die Präsentation beim „Markt der Möglichkeiten“ einen „Trialog“ zu schreiben. Er soll die Fotos unseres Projektes begleiten und unsere Vorgehensweise so verdeutlichen. Da merkte ich, wieviel einzelne Inhalte durch die reichhaltige Lektüre all der Bücher seit August dazu gewonnen habe und welch ein Überblick über die „Knackpunkte“ mir eigen geworden ist. Ich konnte aus dem Vollen schöpfen und schnell fielen mir zu den Fotos, ich hatte sie schon vorher in einem digitalen Ordner gesammelt, die verbindenden Worte finden. Heute haben wir sie mit Kolleg/-innen besprochen. Eine Überarbeitung wird folgen, denn ich habe den Trialog geschrieben, er soll aber authentisch gesprochen werden. Da müssen auch nochmal Schüler/-innen drüber schauen, ob das auch ihre Sprache, ihr Satzbau sein kann.

Das Aufnahmeverfahren für die Oberstufe kommt seinem Abschluss näher. Die Vorwahlbögen sind im Computer eingegeben, dieser kann dann addieren. Es kamen einige zu kleine Kurse heraus, andere bersten vor Teilnehmer/-innen. Das wird noch ein Stück Arbeit werden. Auf der einen Seite soll nicht alles an der Kursgröße orientiert sein, dann wäre die Auswahl zu sehr eingeschränkt, auf der anderen Seite kosten kleine Kurse die gleichen Lehrerwochenstunden wie große. Da gilt es also geschickt zu haushalten. Aber wir stehen längst nicht vor der endgültigen Jahrgangsstufe 11. „Rechnen Sie mit 10 bis 15 Prozent, die noch eine andere Schule besuchen und sich wieder abmelden“, so die Schulaufsicht. In den gleichen Tenor stimmten meine Kolleg/-innen ein, die bereits über langjährige Erfahrungen mit ihren Oberstufen verfügen. Dennoch interessierte uns die Möglichkeit, einen Jahrgang 11 mit den jetzigen Vorwahlen durchführen zu können. Probehalber gaben wir in den Gliederungsplan die aktuellen Zahlen ein. Erleichterung: Er rechnete uns die notwendige Zahl an Stunden aus und lag sogar leicht drüber. Da bleiben wir doch einfach mal guter Dinge. Jetzt geht morgen die Post mit Zu- und Absagen raus, dann wir wieder das Telefon klingeln. Heute sprach ich nochmals mit  zwei enttäuschten Eltern, deren Kinder keinen Platz im neuen Fünferjahrgang erhalten haben. Da geht dann die eine Anmeldung in die andere über.

Abends planten wir mit dem Förderverein die nächsten drei Veranstaltungen, die uns in diesem Schuljahr noch ins Haus stehen: Elternabend der neuen Fünfer, Flohmarkt und Entlassfeier.  

 

Aschermittwoch, 05. März 2014:

„Ich bin doch Leser von Schulleiters Tagebuch, aber im Moment ist mir zu viel ‚Islam‘ drin!“, so ein Kollege vor einigen Wochen. Daher der Hinweis: Dieser Eintrag führt meine gedankliche Auseinandersetzung weiter. Wer inhaltlich dem Thema nicht folgen möchte, mag getrost zum nächsten Eintrag springen.

Sehr schnell bemerkte ich beim Lesen von Küngs Grundlagenwerk „Der Islam“, dass mir der Ausgangspunkt fehlt, der auch die im Buch angewandte Methodik der Paradigmenanalyse liefert. Daher schob ich noch ein kleines Büchlein „Projekt Weltethos“ desselben Autors (München 1992) ein. Küng geht darin davon aus, „dass die gegenwärtige Situation Ausdruck eines tiefgreifenden Epocheneinbruchs ist.“ (ebd. S. 20). Diese sich immer noch im Werden befindende Weltepoche habe noch keinen Eigennamen, eher hilflos als inhaltlich bestimmt, verwendet er daher vorläufig den Begriff „Post-Moderne“. Entscheidend wird in dieser Epoche sein, ob sich die Welt zusammen rauft, denn nur so können sich Planet und Menschheit erhalten. Das versucht Küng mit seinem „Projekt Weltethos“ anzustoßen: Nur wenn alle eine „globale Ethik“ entwickeln und einhalten, wird der „blaue Planet“ weiter existieren. Sollten wir weiter die Natur rücksichtslos ausbeuten, das Klima aus Gewinnträchtigkeit zerstören und aus Machtgier Kriege zwischen den Nationen führen, dann wird der Planet keine Zukunft haben. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Religionen, denn: „kein Frieden unter den Nationen, ohne Frieden unter den Religionen; kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog unter den Religionen“ (ebd. S. 175). Dialog unter den Religionen ist dabei nur möglich, wenn eine möglichst offene und grundlegende Kenntnis der jeweils anderen Religion vorliegt. Daher wendet sich Küng in grundlegenden Untersuchungen den Weltreligionen zu, zuerst den drei abrahamischen: Judentum, Christentum und Islam. Nach der inhaltlichen Betrachtung „Spurensuche“ in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts hat Küng bereits in den Neunzigern das „Projekt Weltethos“ angestoßen, dessen Ziel eine gemeinsame Übereinkunft von Wertvorstellungen und Handlungsmaximen sein soll. In der Zeit, in der ich dies notiere, tobt ein Kampf in der zentralafrikanischen Republik. (Angeblich) christliche Milizen gehen mit brutaler Gewalt gegen islamistische Terrorgruppen vor und umgekehrt. Kein Frieden zwischen den Nationen ohne Friede zwischen den Religionen.  „Wir werden vielmehr auf die – bis heute sich auswirkenden! – welthistorischen Weichenstellungen achten: auf die epochemachenden Umbrüche und die daraus folgenden, bis heute gültigen kulturell-religiösen Konstellationen“ (ebd. S. 154). Aus den Naturwissenschaften kommend, hat sich Küng dabei die so genannte Paradigmenanalyse zu nutze gemacht. Ein Paradigma wird dabei verstanden als eine „Gesamtkonstellation von Überzeugungen, Werken Verfahrensweisen, die von den Mitgliedern einer bestimmten Gemeinschaft geteilt werden“ (Th. S. Kuhn, zit. nach: ebd. S. 156). Eine Religion lässt sich zunächst untersuchen nach ihrer Geschichte (Historie) und nach ihren Inhalten (Systematik). Für die religiöse Situation der einzelnen Religionen gilt es aber, „die entwicklungsgeschichtlich-erzählende und die topisch-thematische Behandlung möglichst zu verbinden“ (ebd. S.154). Gefragt wird dabei nicht nur: Wann hat sich etwas verändert? Was waren die dazu führenden Zeitumstände? Sondern gleichzeitig wird in den Blick genommen: Hat diese Veränderung zu einer neuen Grundkonstellation geführt? Wurden zentrale Ergänzungen oder Erweiterungen in Übereinstimmungen erzielt oder geschwächt?  Verdeutlichen lässt sich diese Paradigmenanalyse vielleicht an der „Geschichte“ unserer Schule: Ein erstes Paradigma wäre der Start mit einem Jahrgang in Wachenheim mit noch nicht ganz ausgearbeitetem Konzept. Ein weiteres „Paradigma“ hätte dann spätestens mit dem zweiten Standort in Deidesheim begonnen: konzeptionell reifer, in einem Gebäude mit der Realschule plus, inzwischen selbst über „höhere“ Jahrgänge verfügend und mit einem ständig wachsenden Kollegium. Innerhalb dieses Paradigmas fand bereits die inhaltliche Diskussion über ein verändertes Differenzierungskonzept statt, aus dem „die Schule“ verändert hervorging.. Ein weiterer Einschnitt stellte der Abschluss im letzten Jahr dar: Die Realschule plus entließ ihren letzten Jahrgang, die IGS ihren ersten, erstmals ist seither die IGS „allein“ am Doppelstandort vertreten. Inhaltlich begann gleichzeitig die Konzeptarbeit für die Oberstufe, die wiederum den Start derselben in diesem Sommer vorbereitete. Dann wird ein äußeres Gebäude entstehen, welches das alte integriert, aber auch verändert. Will also jemand diese Schule umfassend verstehen, wird er diese „Epochen“, diese „Grundkonstellationen“ beachten müssen, die sich, wie ich behaupte, an keiner anderen Schule genau so entwickeln konnten. Es geht also nicht nur um geschichtliche Daten, um Inhalte, um interne oder externe Entwicklungen oder um Überzeugungen allein – Paradigmenanalyse nimmt die Gesamtschau in den Blick.

Derart gerüstet konnte ich mir Küngs Band „Der Islam“ weiter vornehmen. Wie so oft schon vorher gehört: Die frühen Hochkulturen der Sumerer im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, dort, wo das Rad, das älteste Rechensystem und die Schrift für die Menschheit erfunden wurden, haben Auswirkungen bis ins spätere Arabien hinein. Zwischen den sich im 7. nachchristlichen Jahrhundert sowohl das Byzantinische wie das Sassanidische (Perser)Reich im Niedergang befanden, entstand ein Machtvakuum, welches die arabischen Kräfte auszufüllen in der Lage waren. Die lange Entwicklung hin zum Glauben an einen monotheistischen Gott hatte das Judentum ebenfalls durchgemacht und nachdem sich im 7. vorchristlichen Jahrhundert auch im Perserreich mit Zoroaster der Ein-Gott-Glaube durchsetzte, die Christen hatten diesen von den Juden übernommen, war das gesamte Umfeld Arabiens monotheistisch geprägt. Der Boden und die Zeit für einen monotheistischen Glauben auch in Arabien war bereitet, zumal sich judenchristliche Gemeinden in Arabien inzwischen nachweisen lassen (vgl. Küng, Der Islam, S.73-79).

Daher lässt sich auch der Ursprung auf Abraham zurückführen: Er ist „…nach den Texten der hebräischen Bibel eindeutig der Urvater des Volkes Israel, ist nach dem Neuen Testament der geistige Stammvater auch der Christen und ist nach dem Koran der leibliche Stammvater besonders der Araber“ (ebd. S. 78). Dass dieser Urvater mehrere Frauen und Nebenfrauen hatte, wird weder bestritten noch kritisiert (Im Gegensatz dazu wird später Mohammed die „Vielweiberei“ heftig vorgehalten!). Mit seiner Ehefrau Sara zeugte Abraham im hohen Alter Isaak, den Vater des Esau und des Jakob, der wiederum als Vater der zwölf Stämme Israels gilt. Mit seiner ägyptischen Nebenfrau und Sklavin Hagar zeugte zuvor Abraham aber Ismael, den Stammvater von zwölf  ismaelitischen Gruppen, „…mit seiner zweiten Nebenfrau Ketura schließlich wird Abraham zum Ahnherrn von 16 (proto)arabischen Nomadengruppen“ (ebd. S. 81). Alle drei prophetischen Religionen berufen sich auf den Gott Abrahams, es ist dies der gleiche, monotheistisch gedachte Gott. Wie sehr die hellenistisch beeinflusste Christologie diesen Eindruck schwächte, möchte ich später beschreiben. Darüber hinaus gibt es, es geht ja schließlich um Möglichkeiten eines „Trialogs“ oder eines „Weltethos“, noch eine ganze Reihe von grundsätzlichen Gemeinsamkeiten.

„Gemeinsam ist Juden, Christen und Muslimen der Glaube an den geschichtlich handelnden Gott, an jenen Gott […], der als Schöpfer der Welt und des Menschen in der Geschichte tätig ist, der eine Gott Abrahams, der spricht durch die Propheten und sich seinem Volk offenbart…“.

„Gemeinsam ist Juden, Christen und Muslimen der Glaube an den einen Gott, der für sie – obwohl unsichtbar alles umgreifend und durchwaltend – ein ansprechbares Gegenüber ist: anredbar in Gebet und Meditation, zu loben in Freude und Dankbarkeit, anzuklagen in Not und Verzweiflung: ein Gott, vor dem der Mensch ‚aus Scheu ins Knie fallen‘, ‚beten und opfern‘, ‚musizieren und tanzen‘ kann, um […] ein Wort des Philosophen Heidegger aufzugreifen“.

Gemeinsam ist Juden, Christen und Muslimen schließlich auch der Glaube an den barmherzigen, gnädigen Gott: an einen Gott, der sich den Menschen annimmt“ (alle drei: ebd. S. 128).

Was bei Küng dann folgt, sind auch schon hier beschriebene Inhalte über Mohammed, die Entstehung des Korans und die Strukturelemente des Islam. Mit Spannung erwartete ich dann die Analyse der insgesamt fünf Paradigmen des Islam, die Küng auf den nächsten vierhundert Seiten seines Werkes ausführt. Sie seien hier wenigstens kurz angedeutet, denn 800 Seiten sind in diesem Rahmen natürlich nicht wiederzugeben und die Wiedergabe auch nicht sinnvoll.

Der Blick auf die Anfänge ist, wie beim Christentum auch, von besonderem Interesse, denn was sich dort bildet und verfestigt, gilt als authentisch und noch unverfälscht. Mohammed und der Koran muten der arabischen Gesellschaft nicht weniger zu als eine Umkehr des Denkens und eine veränderte Lebensweise. „So vertritt der Koran gegenüber der Glorifizierung von Clan und Stammesgruppe, gegenüber dem Kriegerstolz und manchmal auch Hedonismus der Beduinen ein Ideal der Bescheidenheit und der Zurückhaltung“ (ebd. S. 201). Die Legitimation dieser grundsätzlichen Umwertung traditioneller Wertvorstellungen bezieht der Koran von Gott selbst: Mut, bisher im Kampf gefordert, soll jetzt für die neue Glaubensgemeinschaft eingesetzt werden; Geduld angesichts der Anfeindungen gegenüber dem Glauben an den einen Gott soll sich Bahn brechen; Großzügigkeit soll in der neuen Gemeinschaft einziehen, Demut soll den Hochmut ablösen, damit sich Dankbarkeit und Brüderlichkeit einstellen können und eine Kultur des Verzeihens (vgl. ebd.). Dieses erste ur-islamische Gemeinde-Paradigma ist weiter geprägt durch die nicht geregelte Nachfolge nach Mohammeds Tod. Bereits hier beginnen die Streitigkeiten unter einzelnen Gruppen. In unmittelbarer Nachfolge Mohammeds werden vier, so genannte rechtgeleitete Kalifen bestimmt, die Mohammed selbst noch erlebt haben. Dennoch werden davon drei ermordet werden, was zu erheblichen Stammesfehden und Blutvergießen führte. Die Frage der Nachfolge ist ein dramatischer Wechsel vom charismatischen Propheten hin zum institutionalisierten Kalifen und nicht zuletzt hier spaltet sich bereits die neue Glaubensgemeinschaft: Die einen sehen in der Nachfolge den am besten geeigneten Mann (Sunniten), die anderen (Schiiten) wollen nur eine genealogische Nachfolge aus der Familie des vierten Kalifen gelten lassen. (Die so früh erfolgte Spaltung hat sich über die Jahrhunderte hinweg bis heute gehalten und wird aktuell, etwa im Irak, wieder mit viel Blutvergießen und Terror ausgetragen!). Unabhängig davon vergrößerte sich die islamische Gemeinde zu einem stetig wachsenden und militärisch agierenden Staat , eroberte die Provinzen Syrien, Ägypten und Irak. „Die territoriale Ausdehnung des islamischen Staates bedeutete nicht auch schon die geistige Ausbreitung der islamischen Religion“ (ebd. S. 223). Theologie, Rechtssystem und die endgültige Form des Koran befanden sich noch in den Anfängen. Dennoch gelangt Küng zu der abschließenden Zusammenfassung: „Für die Großzahl der Muslime wird das ur-islamische Gemeinde-Paradigma in Erinnerung bleiben als das Goldene Zeitalter des Islam: Da war die Welt des Islam noch in Ordnung, da war die Gemeinde noch eins, gelenkt im Geiste des Koran zuerst vom Propheten selbst und dann von den ‚rechtgeleiteten‘ Kalifen“ (ebd. S. 241).

Die zweite Epoche nennt Küng: „Das arabische Reichs-Paradigma“ und schildert darin den Aufstieg der Umayiaden. Vierzehn Kalifen stellten sie und setzten damit das dynastische Prinzip durch, sie verlagerten weiter das Machtzentrum von Medina nach Damaskus und beherrschten nach einer Eroberungswelle ein Reich, das von Spanien bis Indien, vom Himalaya bis zu den Pyrenäen reichte. Die vorher gefundene Konföderation von Stämmen wich einer zentralistischen Monarchie. Durch die rasche Ausbreitung entstand auch der Mythos vom Islam als einer Religion des Sieges. Theologisch sorgt während dieser Zeit die Kontroverse zwischen göttlicher Bestimmung und menschlicher Verantwortung für reichlich Diskussion. Laut Koran wäre beides denkbar, die umayiadischen Kalifen wollten aber „von oben“ gerne Gottes Vorherbestimmung sehen (damit wäre ihre Herrschaft theologisch legitimiert). In den verschiedenen Gruppen der Hariqiten (Rückkehr zum reinen Koran), den Azraqiten (Bildung einer neuen Gruppe des Islam) und den Ibaditen (Reform von innen in der Gemeinschaft mit allen Muslimen) wurde diese Frage unterschiedlich beantwortet. Gelöst wurde sie nicht. Weitere ungelöste Fragen, ob und wie etwa nicht-arabische Muslime zu integrieren seien, der Machtanspruch der Abbasiden, mit Gewalt und Terror durchgesetzt, künden vom Ende dieses zweiten Paradigmas.

Die neue Ära des klassisch-islamischen Weltreligions-Paradigma beginnt mit einem erneuten Wechsel des Machtzentrums: Die neue kulturelle Metropole des Islam wird Bagdad. Die Abbasiden-Kalifen beenden endgültig die arabisch bestimmte Herrschaft und setzen an ihre Stelle das Ideal der Gleichheit aller Gläubigen. Die Arabische Kultur geht aber nicht unter, sie wird Allgemeingut, Bagdad entwickelt sich zu einem reichen, prachtvollen, kosmopolitischen Zentrum. Die Kalifen verstanden sich nun endgültig als „Fürst aller Gläubigen“ und „Stellvertreter Gottes“, vergleichbar in der Machtfülle nur mit späteren Päpsten und absolutistischen Königen seit Ludwig dem XIV.  Der Islam entfaltet seine klassische Form. „Die Hoch-Zeit des Islam, seines Rechts, seiner Theologie, seiner Kultur ist und bleibt also das Mittelalter […]  Während das mittelalterliche Rom zur Zeit der Abbasiden in Bagdad […] sein ‚saeculum obscurum‘ (dunkles Jahrhundert) durchlebt, beherrscht von Adelscliquen und unfähigen, gar verbrecherischen Päpsten, ist die islamische Wissenschaft der europäischen in diesen Jahrhunderten generell weit voraus“ (ebd. S.318). Natürlich setzt vor allem in der Hauptstadt Bagdad eine intensive wissenschaftliche Forschertätigkeit ein, in welcher auch eine rege Übersetzertätigkeit stattfindet. „So kommt nun der Islam als Religion und Theologie in intensive Berührung mit der hellenistischen Philosophie, mit Logik, Naturphilosophie und Metaphysik, ja überhaupt mit einem für Araber neuen, streng rationalen Denken und völlig neuen Problemstellungen“ (ebd. S. 322). So bleibt auch die islamische Welt nicht verschont von der Frage: Wie lassen sich Gottes Offenbarung mit dem Vorrang der Vernunft vereinen? Die abbasidische Epoche wird aber ungeachtet dieser philosophischen Berührung den Ausbau des islamischen Rechts vorantreiben, „…welches für alle Zukunft wichtiger sein wird als Philosophie und Theologie“ (ebd.). Weiter steht dieses Paradigma auch für die Herausbildung der „Traditionen des Propheten“: die Sunna. Damit ist eine parallele Entwicklung zum Juden- und Christentum deutlich: Neben die Offenbarung der jeweiligen Schrift treten gleichberechtigt „menschliche“ Sammlungen: zur Tora der Talmud, neben Schrift des Neuen Testaments die Tradition, neben den Koran die Propheten, „Koran und Hadith werden faktisch gleichrangige Quellen für Muslime“ (ebd. S. 334). Es bilden sich ebenfalls vier bis heute existierende Rechtsschulen mit unterschiedlichen Ansätzen, die traditionalistische Tendenz wird gestärkt.

Mit dem vierten Paradigma tritt „…an die Stelle des einen Imperiums unter zentraler Führung […] nun eine verstärkte Regionalisierung“ (ebd. S.379), an deren Ende mit der Eroberung Bagdads durch die Mongolen auch das politische Symbol der Einheit des Islam, das Kalifat, für immer untergeht (vgl. ebd.). Stattdessen erhalten die Türken die Oberhand, der Wechsel vom Kalifat zum Sultanat. Die vier Rechtsschulen konkurrieren mit ihrer jeweiligen Sichtweise miteinander. Daneben gewinnen die Sufis, ein mystischer Zweig des Islam, an Bedeutung mit ihrer unmittelbaren, direkten Erfahrung von Gottes Wirklichkeit. Das entscheidende Ereignis, das für die kommenden Jahrhunderte den Islam bis heute prägen wird, ist die Verabschiedung der arabisch-islamischen Philosophie, was „den islamisch geprägten Kulturraum zunehmend in die Defensive zwingen wird“ (ebd. S.470). In der europäischen Geistesgeschichte deutet sich als Renaissance ein neues Zeitalter an, welches das Individuum stärken und ein neues Menschen- und Weltbild durchsetzen wird. „Stattdessen bleibt die geistige Entwicklung des Islam weiterhin an das traditionelle Denken und die Lebensform seines eigenen Mittelalters gebunden und ermöglicht es nicht, dass das Individuum ein neues Selbstbewusstsein und eine neue Freiheit gewinnt“ (ebd.). Dies alles aber waren die Voraussetzungen dafür, dass in Europa die Entwicklung eines modernen Verständnisses der Wissenschaft vorangetrieben wurde, letztendlich die grundlegende Entwicklung einer Technik und damit auch der Industrialisierung.

Damit sind die Weichen für das letzte, das islamische Modernisierungs-Paradigma gestellt, in welchem die Welt des Islam von Europa mehrfach herausgefordert wird. Die europäische Moderne wird eingeläutet durch wesentliche Neuerungen in allen Bereichen: mit Galilei im Bereich der Physik, mit Newton in Mathematik, mit Descartes in der exakten Philosophie. Freilich war auch die katholische Kirche alles andere als begeistert darüber und versuchte zu verhindern, was doch nicht mehr zu verhindern war. Aber die Macht dazu hatte sie nicht mehr. Aber in den islamischen Einflussbereich kam es erst gar nicht dazu. „Selbst in Bereichen, wo man jahrhundertelang führend war wie in der Mathematik oder Medizin, tritt Stagnation ein, so dass sich ein eine merkwürdige Umkehr des Wissensflusses beobachten lässt“ (ebd. S. 499). So hielten auch die Veränderungen der politisch-demokratischen und der technologisch-industriellen Revolution im auseinanderfallenden islamischen Bereich keinen Einzug. Stattdessen wurde er mit dem Kolonialismus, der Macht- und Prestigepolitik der europäischen Mächte konfrontiert (vgl. ebd. S.514 – 517).

Betrachtet man die Entwicklung von dem ehemals die Welt, auch kulturell beherrschenden Imperium hin zu zerstrittenen Einzelländern, die von der Weltentwicklung ausgeschlossen sind, der sie lediglich mit Tradition antworten, lässt sich manche Empfindlichkeit (Mohammed-Karikaturen) und manche Aggression zur Bildung islamistischer Staaten vielleicht besser verstehen (zu tolerieren sind sie dennoch nicht). Oder, wie Hans Küng es beschreibt: „Die kulturelle Stagnation des Islam, seit dem 12. Jh. vorbereitet und seit dem 15. Jh. offenkundig, dann die politische Entmachtung seit dem 19. Jh. und die akute Identitätskrise, begleitet vom Gefühl der Machtlosigkeit und Entfremdung sowie des Verlustes von Selbstbewusstsein und Würde angesichts des westlichen Kolonialismus und Imperialismus: Sie bilden den dunklen Hintergrund für einen möglichen Paradigmenwechsel“ (ebd. S.642).

Darin steckt vor allem auch die Forderung: Judentum und Christentum können sich nicht zurücklehnen und warten, bis sich der Islam in die „richtige“ Richtung bewegt. Bei allen dreien schlägt Küng vor, sich auf die heiligen Ur-kunden zu schauen, eine Re-lecture, ein Wieder-Lesen. Dort steckt Gottes Offenbarung. Alles Spätere ist zeitbedingt formuliert, dogmatisiert, als zusätzliche Offenbarungsquelle definiert oder philosophisch Gedachtes, auf alle Fälle fehlbares Menschenwerk. Nun gibt es aber kein zurück hinter all diese Traditionen, aber ein Aufeinander-Zugehen, wenn es um die Zukunft dieser Welt geht. Ein Beispiel mag das illustrieren. Koran und Sunna fordern im Zuge des Monotheismus, dass Gott der alleinige Gott ist, der keine „Beigesellung“ erlaube. Das Konstrukt des christlich definierten dreifaltigen Gottes widerspreche aber dieser Forderung. Der Weg zur Formulierung der Trinitätslehre auf den Konzilen von Nikaia (325) und Konstantinopel (381) war ein höchst komplizierter. Was ich heute wie ein Krimi lese, hat mich im Studium eher gelangweilt, weil mir die Relevanz der Fragestellung des homo-ousios (der Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater) oder des homoi-ousios (der Wesensähnlichkeit) nicht erschloss. Das bis heute in der Liturgie verwendete nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis (Gotteslob Nr. 449) formuliert abschließend eine mehrere Jahrhunderte dauernde Diskussion (Worte, die nach wie vor wie ein kraftvoller, geheimnisumwobener Hymnus in meinen Ohren klingen und bis weit in die eigene Kindheit zurückreichen):

„Wir glauben an den einen Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

der alles geschaffen hat, Himmel und Erde,

die sichtbare und die unsichtbare Welt.

Und an den einen Herrn Jesus Christus,

Gottes eingeborenen Sohn,

aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht,

wahrer Gott vom wahren Gott,

gezeugt, nicht geschaffen,

eines Wesens mit dem Vater…“

 

Aus dem judenchristlichen Bekenntnis hat sich über die Berührung mit der hellenistischen Philosophie folgendes Problem entwickelt: Wenn der Mensch Jesus gleichzeitig Gott ist, dann kann er, da er nach hellenistischem Verständnis ewig ist, keinen Anfang und kein Ende haben. Daher: „geboren vor aller Zeit“. Er durfte nicht „geschaffen“ sein, weil er dadurch nicht die gleiche Wesenheit wie dr Vater haben könne, etwas Geschaffenes ist ein Objekt mit anderem Wesen. Daher: „gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens (homo-ousios) mit dem Vater“. Nun darf man durchaus die Frage stellen: Wer, der sich Christ nennt, weiß um diese Zusammenhänge? Für wen spielen sie im täglichen Glauben eine Rolle? Freilich gehören sie zum Bestand des Christentums und können nicht einfach übergangen werden. Aber im Verhältnis zum Islam kann das Christentum sehr wohl im Dialog klären: Die Konstruktion tastet den Monotheismus nicht an. „Der Vater ist der eine und einzige Gott Abrahams, neben dem es keine anderen Götter gibt […] Der Sohn ist niemand anderes als der geschichtliche Mensch Jesus von Nazaret, der dieses einen Gottes Wort und Willen in Person offenbart: in ihm ist der eine wahre Gott wirklich offenbar, gegenwärtig, wirksam. Der Geist ist die heilige Ausstrahlung, Kraft und Macht Gottes und des zu ihm erhöhten Jesus Christus, die im Glaubenden und in der Glaubensgemeinschaft wirksam ist…“ (ebd. S.615).

In diesem Stil etwa müssten alle drei abrahamischen Religionen einander begegnen, müssten (alte und angesichts der neuen Zeit überkommene) Probleme und Formulierungen ansprechen und einander auf Augenhöhe erläutern. Mit dem Judentum müsste unter anderem geklärt werden, ob eine Jahrtausende alte, mythische Land-Zusage noch im Jahre 2014 geografisch verstanden und damit ein anderes Volk (gewaltsam) davon ausgeschlossen werden darf. Mit dem Islam müsste zum Beispiel besprochen werden, wie die Worte, die außerkoranisch vor Jahrhunderten gesammelt wurden, für heute gedeutet werden müssen und wie sie mit dem Menschenrecht der Individualität vereinbar sein können? Mit dem Christentum müsste unter anderem geklärt werden, welches Eucharistie-Verständnis für heute sinnvoll gefeiert werden kann, was es mit der Unfehlbarkeit des Papstes auf sich hat, wie sich die Jungfrauengeburt für heute verstehen ließe. Mit allen dreien müsste ein historisch-kritischer Zugang zu den heiligen Texten auf der Höhe der aktuellen Forschung verabredet werden in gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung auch der je eigenen Tiefe und Tradition, vor allem ohne „Weltherrschaftsfantasien“ und…und…und…aber: ein Trialog wäre möglich, sinnvoll, fruchtbar und vor allem: notwendig! Die Welt wird nur mit diesem Trialog bleiben – oder sie wird nicht bleiben. Dann allerdings bräuchte es auch keine Religion mehr.

Das Thema hat mich nun seit langem beschäftigt. Ich will es, ein tieferes Verständnis des Islam gewonnen, vorerst damit bewenden lassen, wenngleich ich erst den halben Band von Hans Küng „Das Christentum“ durch und ich im Gespräch mit unserer Ansprechpartnerin für den Trialog-Wettbewerb einen Lektürehinweis über Abraham in den drei Religionen erhalten habe – das Buch wurde heute geliefert…