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Juni 2018

 

Donnerstag, 07. Juni 2018:

Die letzte Gitarrenprobe vor dem Auftritt, dann wird das Schulleiterzimmer für eine lange Zeitspanne wieder ein Ort des gesprochenen Wortes sein. Die Entlassfeier findet heute in einer Woche statt. Heute war es ein anderer Akkordwechsel, der etwas haperte. Also, mein Lieber, eine Woche haben wir noch. Üb fleißig weiter und genieße dann den Applaus!

Am Nachmittag tagte der Bauausschuss des Kreises. Auch er musste ja der Lösung vom Dienstag zustimmen. Bei dem ausgehandelten Ergebnis aber wohl nur eine Formsache. Dennoch ist damit eine weitere Hürde genommen. Jetzt noch eine letzte Prüfung der Schulaufsicht (dauert wohl zwei, drei Wochen) und dann…nein, ich bleibe erstmal noch auf der Seite der Skeptiker und warte, bis der erste Bagger anrückt oder der erwähnte Spatenstich. Aber die skeptische Position hat mächtige Risse bekommen und schwankt beträchtlich!

 

Dienstag, 05 Juni 2018:

Ein Datum für die Schulgeschichte? Irgendwie schon, denn aufgrund des heute wirklich geführten Telefonates ist eine Lösung für den Bau gefunden, die auch, so das Ministerium, den Rechnungshof zufrieden stellen müsste. Also doch: Wenn ein Staatssekretär formuliert „in wenigen Tagen“, dann sind das Worte, die gesetzt sind, dann sind das Worte, nach denen gehandelt wird, dann sind das Worte wie in Stein gemeißelt, dann sind das Worte, die binnen einer Woche in einen über Jahre anhaltenden Stillstand Bewegung bringen. Wunderbar!

In der Mittagspause – ich musste aus meinem Musikunterricht von Wachenheim nach Deidesheim eilen – fand die Prämierung der eingereichten Projekte aus dem Schuljahr statt. Wieder erstaunte mich die Vielfalt! Vom Stop-and-Motion-Film, über ein Leporello, über selbst gebaute Modelle und Figuren, als Einzel-, Gruppen- oder Klassenprojekt eingereicht, intern oder mit außerschulischen Kooperationspartnern erarbeitet – ich bin schlichtweg beeindruckt! Um der Vielfalt irgendwie gerecht werden zu können, schnitten wir die Preise kurzerhand neu zu. Ein Assembly in Deidesheim (vermutlich erst im neuen Schuljahr) wird die Gewinner hervorhebend ehren und zu weiteren Projekten in 2018/2019 anstacheln.

Und dann das Alltagsgeschäft gegen Schuljahresende: Die Unterrichtsverteilung für das neue Schuljahr! Welche Fächer sind dünn oder gar nicht zu besetzen und bedürfen daher eines Vertretungsvertrages? Ein Glück, wenn es Menschen gibt, die darin einen besseren oder strukturierenderen Blick haben als ich selbst. Daher: Danke!

 

Montag, 04. Juni 2018:

Die überarbeitete Übergreifende Schulordnung ist da. Zunächst standen nur die veränderten Stellen im Amtsblatt, also etwa: das Wort integrativ wird in inklusiv geändert. Heute nun kam per Schulleiterpost die neue Textfassung und eine Synopse bei mir an, auf welcher die neuen Regelungen den alten gegenübergestellt sind, immerhin 39 Seiten. Das will jetzt alles erstmal verinnerlicht werden. Wichtig für die IGS ist, dass es nun einen einheitlichen Sekundarabschluss nach Klasse 10 gibt, egal an welcher Schule man ihn erzielt. Damit ist auch die Ungerechtigkeit behoben: Bisher gab es durchaus Fälle, die wegen der an der IGS strengeren Übergangsbedingungen in die Oberstufe nicht in Klasse 11 gehen konnten, während Absolventen der Realschule plus, ohne dass sie jemals von E2-Kursen gehört hatten, den Übergang bei uns geschafft hatten. Das ist für uns zunächst die wichtigste Änderung und die mit den größten Folgen. Allerdings: Die geänderte Ordnung gilt erst ab dem 1. August 2018. Bis dorthin, so wurden wir eigens aufgefordert, gelten die alten Bestimmungen fort.

Heute sollte das „Bau-Telefonat“ zwischen Kreis und Ministerium wegen des Baus stattfinden – aus terminlichen Gründen leider auf morgen verschoben…

 

Sonntag, 03. Juni 2018:

Der früheste Schlager, an den ich mich genau erinnere, war „Sierra Madre del Sur“, gesungen von Ronny. Mein Onkel Karl (ich könnte ihn ja in Anlehnung an Andreas Maier „Onkel K.“ nennen?) sang ihn laut und das Radio übertönend im Nebenzimmer mit, während ich von meiner Oma, da sie nicht über ein Badezimmer verfügte, in einer Zinkwanne in der Küche stehend, gebadet und gewaschen wurde. Das Lied prägte sich mit seiner sentimentalen Melodie, die Ronny mit seiner tiefen Bass-Stimme und mein Onkel mit seinem „schnulzigen“ Schleifen der Töne noch unterstützten, tief in mich ein. Jahrzehnte später grölte ich die Melodie erstmals öffentlich auf dem Betzenberg mit, der angepasste Text lautete nun: „Super, super FCK“. Ich erwähne dieses „öffentlich“ deshalb, weil Ronny und dieses Lied zu der Musik gehörten, die „man“ in meinem Umfeld eigentlich nicht hörte, die „man“, wenn schon, eher für sich im stillen Kämmerlein pflegte. So ging es mir auch mit den Liedern von Udo Jürgens. Sie begleiteten meine Kindheit und Jugend, gehörten irgendwie dazu, ohne eine besondere Rolle zu spielen. Udo Jürgens tauchte vermutlich immer mal wieder in den von der Familie geschauten Sendungen auf, etwa bei „Einer wird gewinnen“ mit Hans Joachim Kulenkampff oder „Dalli Dalli“ mit Hans Rosenthal, vielleicht auch „Drei-mal-neun“ mit Wim Thoelke. Titel wie „Merci, Cherie“, „Immer wieder geht die Sonne auf“ oder „Es wird Nacht, Senorita“ kann ich bis heute zum Teil mitsingen. Weshalb mir die Worte vertraut sind, weiß ich gar nicht, und vor allem sprachen mich die Melodien emotional in eigenartiger Weise an, speziell, wenn die Arrangements, wie oft bei Udo Jürgens, zu musikalischen Steigerungen mit Pauken, Streichern und Bläsern beitrugen. Bestimmte Einzelheiten prägten sich ein: etwa das schnelle Gitarren arpeggio und das rhythmische Klatschen bei „Es wird Nacht, Senorita“, die Kastagnetten bei „Was ich dir sagen will“ oder die oft zu hörenden hohen Frauenstimmen, die gefühlsbetont weit über die Melodien gelegt sind. Dennoch: Udo Jürgens gehörte in die Sparte „Ronny“ und war an und für sich kein Thema.

Ich staunte daher nicht schlecht, als ich in der Bibliographie von Andreas Maier den Titel „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“ las (suhrkamp taschenbuch 4764, Frankfurt 2017). Wie sollte das nur zusammen passen: Ein promovierter Germanist, Absolvent der Philosophie und mit Preisen nahezu überhäufter Schriftsteller – und Udo Jürgens? Da war es wieder und immer noch: mein Vorurteil! Um es vorweg zu nehmen: Es passt vorzüglich und das Buch gehört zu der raren Sorte, bei denen es mir nach der Hälfte leid tat, dass ich das meiste bereits gelesen hatte – ein solches Buch dürfte aber nicht aufhören und so ich blätterte zurück und las einige Stellen nochmals, einfach, um die Zeit und den Genuss dieser Lektüre zu verlängern.

Formal ist es wieder ein Sammelband mit Kolumnen wie bei „Onkel J.“, die im Logbuch des Suhrkamp-Verlages zwischen Januar und Oktober 2015 veröffentlicht wurden. Auch sie beginnen alle mit dem Wort „Neulich“ und führen dann zu nachdenklichen und humorvollen Bezügen zwischen Andreas Maier und Udo Jürgens, immer wieder finden diese in den von Maier geliebten Apfelweinkneipen statt. Eine Faszination für mich selbst speist sich sicherlich aus der Tatsache, dass Andreas Maier stets mit Erinnerungen an sein eigenes Leben, an seine Kindheit und Jugend anknüpft und damit auch eine Zeit beschreibt, die über weite Strecken auch mein eigenes Leben erzählt. In den Ereignissen dieser Zeitspanne kreuzen sich nun mal gemeinsame Erfahrungen, sei es beim Kalten Krieg, sei es die Mondlandung, seien es Hinweise zur DDR oder seien es Hannes Wader, Wolf Biermann und viele andere Namen, die sich gleichermaßen auch in meinem Leben von anderen Namen und Begriffen deutlich abheben. Es ist weiter die selbst reflektierende Ernsthaftigkeit und Wertschätzung, mit der sich Maier dem Phänomen Udo Jürgens nähert. Auf dem Klappentext heißt es dazu: „So intensiv wie in diesem Buch hat noch niemand über Udo Jürgens nachgedacht“ (Gerrit Barrels, Der Tagesspiegel, zit. nach: ebd.).

„Im guten Sinne steht Udo Jürgens für alles und nichts zugleich und ist damit das unextreme, weil nicht ins einzelne Extrem gehende Abbild unserer Menschenwelt. Und weil er nicht in ein einzelnes Extrem geht, was ja Vereinfachung, Strukturierung und Sublimierung bedeutet, sondern in alle Extreme zugleich, ist er mehr als alles andere das extreme Abbild dieser unserer selbstgeschaffenen Menschenwelt“ (ebd. S. 28).

Die kritischen Lieder, die es bei Udo Jürgens ja neben denen, die die Liebe thematisieren, auch gibt, führen zu nichts, entfalten keine Wirkung. „Lieb Vaterland“ löst keine Diskussionen aus, „Aber bitte mit Sahne“ und „Griechischer Wein“ thematisieren etwas, das eh alle wissen und führen bis heute lediglich dazu, dass, in Feierlaunen der Refrain mitgesungen und schunkelnd die brennenden Feuerzeuge in der Hand geschwenkt werden. Die Musik von Udo Jürgens „[…] war eben immer vollendeter Mainstream. Weil sie für gar nichts Besonderes stand, hatte man den interpretatorischen Umweg erfunden, diese Musik als Schlagermusik abzutun“ (ebd. S. 50). Und doch widerfuhr Andreas Maier ein Erweckungserlebnis. Eine gemeinsame Freundin von ihm und seiner Frau brachte zu einem Treffen Musik von Udo Jürgens mit. Zunächst wurde diese in der üblichen Weise und belächelnd eingestuft. In dem Lied „Mein Bruder ist ein Maler“ beneidet der Sänger den malenden Bruder um seine Bilder, sie seien dauerhafter und könnten mehr aussagen als ein Lied. Am Ende beneidet eben dieser Bruder den Sänger um seine Lieder, die deutlicher seien als jedes Bild. Dieses Lied traf auf Maiers geöffnetes Herz und drang dort ein:

„Nichts von dem, was ich hörte, und nichts von der Art, wie der Text funktionierte, war mit Geschmacksurteilen, mit denen ich sonst durch die Welt laufe, kompatibel. Eigentlich kam nichts von dem, was ich hörte, auch nur irgendwie infrage, weil es eigentlich gar nichts repräsentierte, und auch keinen Teil von mir oder meiner musikalischen Geschichte […]. Es hatte keine Abgründigkeit, es hatte keinerlei besondere Eleganz, keine besondere musikalische Qualität […] sie passte in überhaupt keinen Geschmacksrahmen und plötzlich erhob sich die Musik und stellte mir die Frage: Wer bist du? Sie stellte die Frage: Hörst du, dass du in mir das versteckte andere Abbild deiner selbst hörst? Jenes, das entkleidet ist von diesen Geschmackurteilen und Peinlichkeitsbeurteilungen und diesem ganzen Aufwasch, mit dem du jeden Tag herumläufst? Weißt du, welches Gepäck du mit dir herumträgst, und kaum hörst du mich, kommt dieses ganze Gepäck, der ganze Tross deiner Urteile in Alarmstimmung und baut sich frontal gegen mich auf? Weißt du das? […] Ich stand nackt da. Ich stand von einem Moment auf den anderen völlig nackt da. Und jetzt […] merkte ich zugleich, dass auch diese Musik nackt war, unflankiert. Dass sie nie eine Gruppenzugehörigkeit gestalten könnte. Dass ihr das Imperiale, Zwanghafte, Demagogische, Getriebene dazu fehlen würde“ (ebd. S. 143).

Einen solchen Moment der Selbsterkenntnis beim Hören der Musik von Udo Jürgens habe ich nicht erlebt. Udo Jürgens war einfach immer da, von Anfang an seit ich Musik hörte, er tauchte immer wieder mal auf und irgendwann war er nicht mehr da, ohne dass das Fehlen von mir besonders bemerkt wurde. Ganz anders Andreas Maier, der Konzerte besuchte und der am Todestag, dem 21. 12. 2014, eine SMS mit der Todesnachricht in seiner Apfelweinkneipe erhielt. Ich selbst hörte die Jürgens-Lieder immer nur emotional, konnte mich ergötzen an den einfachen Melodien, konnte mich auch schon mal schmachtend ihnen und ihren Steigerungen hingeben, zog nichts aus den Texten. Ähnlich liegt für Andreas Maier das Wesentliche der Lieder von Udo Jürgens im Performativen, „[…] also dass er sie singt und andere so etwas eben nicht singen“ (ebd. S. 169). Ins Nachdenken bin ich nie gekommen, staune darüber, wie Andreas Maier Udo Jürgens zu einer Figur macht. Eine solche Figur „[…] begleitet einen, spiegelt einen, stellt einem immer wieder Fragen und liefert eine Erzählung über Welt und Gesellschaft, an der man sich selbst stets messen und so zu eigenen Begriffen kommen kann“ (ebd. S. 109) und wir schreiben mit an der „Erzählung Udo Jürgens“, liefern unsere eigenen Beiträge zu ihr.

„Wir sind er, und er ist wir, und so entsteht er, und so entstehen wir […] Was Udo Jürgens ist, war, wie er wirkte und als was er (und für was er) dasteht, das können wir nur in uns wiederfinden, den Lesern dieser Erzählung Udo Jürgens. Oder hermeneutisch besser gesagt: Wir müssen diese Erzählung erst konstruieren. Wir müssen über Udo Jürgens ins Erzählen kommen, um ihn zur Erzählung zu machen. Und in jeder Erzählung stecken wir drin. Es geht immer auch um uns“ (ebd.).

Glanz- und Kabinettstück in einem ist für mich in diesem Buch die knapp dreißigseitige (!) Analyse des ersten großen Erfolges „Merci, Cherie“, mit welchem Udo Jürgens 1966 den Grand Prix d’Eurovision gewonnen hat. Andreas Maier geht bei diesem Lied, das wohl weltweit bekannt ist, in seiner Analyse bis in die Mikrostruktur der Melodie und des Textes hinein. Das Lied folgt nicht dem üblichen Ablauf Strophe – Refrain – Strophe – Refrain, sondern zwei Strophen streben ohne Refrain einem Höhepunkt zu, kurz zuvor schwillt die Melodie sequenzweise an (wobei Andreas Maier selbst in die rhythmischen Atembewegungen bei einzelnen Silben einsteigt), bis  schließlich die Worte „Denn kein Meer ist so wild“, nochmals steigernd, den Höhepunkt markieren: „wie die Liebe“. Bei dem Wort „Liebe“ erreicht die Melodie den höchsten Ton des ganzen Liedes, der lange angehalten wird, als ob man diesen Augenblick nicht lassen will. Danach kehrt in die Melodie abschwellende Ruhe ein, die erschöpft nur noch die Worte wiederholen kann: „so schön, so schön, so schön“. Maier bezieht zu seiner Deutung Schuberts Schöne Müllerin und das Vorspiel zu Wagners Lohengrin mit ein und zeigt damit erneut, wie ernst und breit er an Udo Jürgens herangeht. Am Ende kommt folgende Deutung heraus: „Merci Cherie“ ist in allen Phasen so aufgebaut wie ein Liebesakt, vom anfänglichen Geplänkel, über das Anschwellen und den Höhepunkt bis zur erschlaffenden Ruhephase.

„Mit diesem Lied erlangte Udo Jürgens seine öffentliche Rolle und von diesem Lied ausgehend, wurde mehr oder minder unbewusst, anschließend seine öffentliche Person erzählt. Er galt als erfolgreich und untreu. Das ging bis zu seinem Ende so. Im Grunde, wie hier gezeigt, war am Anfang schon alles gesagt, aber eben mit einer Eleganz und einem Esprit, die die französische Ansprache geradezu erforderten. Was all die kleinen deutschen Schlager ständig aussprechen müssen, um dabei doch immer nur im Wortlaut steckenzubleiben […] , und worüber auch Helene Fischer in ihren Liedern nicht hinauskommt […], hat Udo Jürgens, schlicht, dezent, elegant, scheinbar timid [schüchtern, zurückhaltend, G.D.] und wie ein netter Enkelsohn, aber in Wahrheit cäsarenhaft vor aller Öffentlichkeit gleichsam physisch in unser aller Ohren vollzogen, und wir mit ihm. Er hat es getan, er hat es gesungen: Der Mann verlässt die Frau, sie kümmert ihn in Wahrheit einen feuchten Kehricht, und er nimmt die Gelegenheit wahr, noch einmal kräftig Spaß mit ihr zu haben“ (ebd. S. 99).

Als gereiftes Gegenstück dazu interpretiert Maier „Es wird Nacht, Senorita“. Noch Ende der Sechzigerjahre tauchte hinter diesem Lied das bekannte Rollenbild auf: „der Frauen gewinnende, triebgesteuerte Udo Jürgens. Sein Ziel: Eroberung. Sex. Seine Argumente: Er ist/küsst/liebt besser als die anderen“ (ebd. S. 128).  In seinem Todesjahr trug er dieses Lied gereift vor, als Aushandlung eines gleichberechtigten Vertrages, ohne das übliche „präkoitale Einlullen“ (ebd. S. 132), ein Bitten, das abgelehnt werden kann, „Es findet eine völlige Balzverweigerung statt“ (ebd. S. 135). Andreas Maier tritt immer deutlicher vor Augen, „[…] dass sich Udo Jürgens hier geradezu an der Auflösung der klassischen Geschlechterrollen abarbeitete“ (ebd.), die Frau nicht mehr als zu „eroberndes Objekt“, der Mann nicht als machohafter Eroberer:

„Der Koitus ist hier aber gedacht als etwas, in dem beide Personen sich in gegenseitiger Offenheit, des gesellschaftlichen Rollenspiels entkleidet, als Menschen in ihrem Eigenwert überhaupt erst wirklich begegnen können, und zwar gerade aufgrund des beide Personen gleichermaßen auf Augenhöhe würdigenden Vertragsabschlusses“ (ebd. S. 133).

Andreas Maier ist natürlich weit davon entfernt, Udo Jürgens zu idealisieren. Er ist eine ganze Reihe von Texten durchgegangen, hat Sätze genau betrachtet und analysiert. Immer wieder stößt er dabei auf die großen Begriffe wie Liebe, Wahrheit, Glück und andre mehr. Aber alle diese Begriffe entwickeln keine Kraft, setzen keine Energie frei, stehen als Buchstabengebilde nur für sich selbst da. Maier kommt schließlich an den Punkt, an dem die Worte und ihre Bedeutung lediglich durch die Person des Sängers gefüllt werden:

„In dem Augenblick, in dem man die großen, leeren Begriffe dieses Kampfes um das Menschsein auf Udo Jürgens als konkrete Person bezieht, bedürfen die Begriffe keiner Füllung mehr, denn sie sind ja durch die vermeintliche Person gefüllt, durch Udo Jürgens (bzw. durch das Narrativ Udo Jürgens) […] Bei Udo Jürgens bleiben jedoch alle diese Menschsein-Grundbegriffe immer Grundbegriffe. Insofern sie keine andere Füllung haben als sich selbst, erschöpfen sie sich in ihrem eigenen Wortlaut und sind insofern leer und adiskursiv“ (ebd. S. 179).

Dennoch wurde dieser „Chansonnier und, in seinen kommerziellsten Augenblicken, Gassenhauer-Wodka-Trallala-Unterhalter“ (ebd. S. 109) für Maier wichtig, weil er begonnen habe, sich, „unabsichtlich, es geschah einfach so“, über ihn Gedanken zu machen. Wie bei einer nicht verblassenden Film- oder Literatur-Figur stelle diese einem immer wieder Fragen, lieferten eine Idee von Welt, einen Entwurf von Gesellschaft, an denen sich jeder Hörer eigene Begriffe bildet, diese vergleichen und weiter entwickeln könne.

„Nur freilich ist die Udo-Jürgens-Erzählung noch nicht zusammengesetzt, noch nicht geschrieben, und ich kann hierbei natürlich auch nur Bruchstücke sammeln. Es geht dabei natürlich nicht um eine Biographie […] Mein faktisch-biographischer ‚Wissensstand‘ über Udo Jürgens tendiert sowieso gegen null […] Und dennoch liefern wir die Erzählung“ (ebd. S.109).

Weit davon entfernt, an der Erzählung namens Udo Jürgens „mitarbeiten“ zu können (und doch tue ich es gerade auf eine spezielle Weise), habe ich mir am Montag in Mainz – ich fand mich nach dem Kauf eines USB-Sticks unversehens in der CD-Abteilung wieder – ein Doppelalbum „Best of Udo Jürgens“ gekauft! Eine persönliche Auswahl habe ich mir für das Auto zusammengestellt, die seither bei jeder Fahrt zu hören ist. Dem Album ist ein booklet beigegeben, auf dem ich erstaunt feststellte: Udo Jürgens hat nur drei Texte zu den Liedern beigetragen, ansonsten immer nur (?) die Musik zu den Liedern geschrieben. Nun tauchen Fragen in mir nach dem Zusammenwirken auf: Hatte Udo Jürgens jeweils einen Text vorgelegt bekommen und dazu eine geeignete Melodie gesucht? Sitzen Texter und Komponist gemeinsam am Klavier (im Falle Udo Jürgens vermutlich eher ein Flügel) und feilen so lange, bis ein für beide stimmiges Lied daraus geworden ist? Schafft der Komponist erst eine Melodie und sucht bei entsprechenden Textern geeignete Worte dafür? Identifiziert sich ein Künstler durch das Komponieren so stark mit einem fremden Text, dass es letztendlich doch so etwas wie „sein Lied“ wird? Mir wäre eine Antwort auf diesen Zusammenhang wichtig. Können wir überhaupt über die Lieder als Udo-Jürgens-Lieder reden, wenn die Texte gar nicht aus seiner Feder stammen? Identifiziert er sich über seine Musik so sehr mit ihnen? Oder habe ich zu sehr das Ideal eines Liedermachers wie Hannes Wader, Konstantin Wecker oder auch Reinhard Mey im Kopf, die ein Lied vollständig in Text und Melodie „machten“?

„Neulich habe ich den Mann mit dem Fagott gesehen“ lautet Maiers vierte Kolumne, die dann aber lediglich durch die Ähnlichkeit eines Tisches eine symbolische Beziehung zwischen Andreas Maier und Udo Jürgens beschreibt. Meine Frau brachte mir letzten Freitag die beiden DVDs aus der Bibliothek mit: „Die lag einfach da und ich dachte, das könnte dich interessieren“. Ich schaute mir die beiden Teile hintereinander an. Abgesehen davon, dass vor allem die verzwickte Familiengeschichte der Bockelmanns über drei Generationen (1880 bis heute) hinweg erzählt wird, verknüpft durch eine kleine Bronzestatue, die eben den Fagott spielenden Mann darstellt, ist die Kindheit und der Aufstieg Udo Jürgens eine der verschachtelten Handlungsstränge. Bedeutend daran ist für mich, dass sich der junge Udo Jürgens vehement gegen ein lukratives und erfolgversprechendes Angebot als Schlagersänger wehrt. „Was Sie von mir wollen, das hat nichts mit mir zu tun. Was hab ich denn mit Seemannsliedern zu tun…das bin nicht ich“, sagt der junge Udo Jürgens im Film. Und weiter in derselben Szene: „Ich war in Amerika. Was ich dort gelernt habe, als ich mit Jazzmusikern in Harlem gespielt habe: die spielen eine Musik, die so ist wie sie selbst, authentisch. Wir müssen endlich damit beginnen, von uns selbst zu erzählen!“ Wenn ich auch persönlich mit der Jazzmusik in Harlem ganz anderes assoziiere, so bleibt doch der Eindruck, dass Udo Jürgens sehr früh erkannt hat: Er selbst, seine Person und seine Emotionen sind die Klammer all seiner Lieder. Ich würde Andreas Maier gerne befragen, weshalb er diesen Zusammenhang, da er doch den Zweiteiler selbst gesehen und erwähnt hat, außen vor lässt.

Abschließend bemerkt, bleibt also nicht nur das Vergnügen, mit diesem Buch die Person, die Geschichte und den Schriftsteller Andreas Maier von nochmals einer neuen Seite kennen gelernt zu haben, sondern auch den Blick auf eine Kultfigur und deren „Erzählung“ gelenkt bekommen zu haben. Die Lektüre ist an keiner Stelle langweilig, ich saugte den (zu kurzen) Band in mich auf und er verführte mich zusätzlich, zu einer eigenen (kleinen) Auseinandersetzung mit Udo Jürgens. Was kann ein Buch mehr wollen! Im Februar 2019 soll ein weiterer Band mit Kolumnen Maiers erscheinen…