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Juni 2014

 

Samstag, 28. Juni 2014:

„Hoffentlich hält das Wetter. Sieht gerade nicht danach aus.“ Wenngleich ich in diesen Fragen eher zu Optimismus neige, bei den heutigen Wolkenbildern hatte  auch ich meine Zweifel. Die aufgebaute Bühne räumten wir daher kurzerhand unter das Vordach. Die Instrumente, Verstärker und Kabel sollten auf keinen Fall Regen abbekommen. Die einzelnen Stände, die für den Flohmarkt hie und da aufgebaut wurden, wiesen der Kreativität keine Grenzen: Vom mitgebrachten Pavillon über jegliche Art von Plastikplanen bis hin zu aufgeschnittenen Müllsäcken war so alles vorhanden, was Regen abhalten konnte. Es hatten sich weniger Standbetreiber gemeldet als im letzten Jahr, dafür sollte das reichhaltige Schüler-Musikprogramm Besucher anziehen. Diese Rechnung ging auch voll auf.

Ab zwölf Uhr sollte das Programm über die Bühne gehen. Aber wer denkt, man besteigt einfach die Bretter, die die Welt bedeuten, und kann loslegen, der irrt. Bei (mindestens) sechs Keyboards, gefühlten zehn E- und Bassgitarren, einem Schlagzeug und fünf Mikrofonen ist eine Technik vonnöten, die ihre Zeit beansprucht: Verlegen von Kabeln, anstöpseln, beschriften und während eines Soundchecks auspegeln…alles Tätigkeiten, die mir nicht „auf den Leib geschrieben“ sind. Das Programm startete mit einem Gitarrenduo. Ich hatte einem Schüler, den ich im vergangenen Jahr in Musik unterrichtete und der seither Gitarre lernt, versprochen, gemeinsam aufzutreten. Wir hatten bereits mehrmals geübt und heute erschallten drei Stücke vor Publikum. Es folgten jeweils mit mehreren Liedern die Bandstarter AG aus Jahrgang 5, zwei Klassenformationen aus Jahrgang 6, die 1stClassRock AG und die Schulband. Ein weiterer Höhepunkt sollte der heiß erwartete Auftritt der Lehrerband sein. Wir bekamen zu viert die rudimentäre Grundausstattung hin: E-Gitarre, Bass, Drums und Keyboard mit Gesang. Als Gereifter und den drei jüngeren Kolleg/-innen besorgte ich mir eine Perücke aus dem Fundus des Darstellenden Spiels, damit ich mich besser in das „Trio der Jungen“ einfügen konnte. Das sorgte natürlich bei allen Anwesenden für einen Riesenspaß.

 „Du mit E-Gitarre und Bass…dieses Bild ist gewöhnungsbedürftig!“, so eine Stimme aus dem Zuhörerkreis, der sich dann doch gerade bei dieser Nummer unter Schirmen vor dem einsetzenden Regen schützen wollte. Ich glaube, nicht nur ich empfand großen Spaß – die vielen gezückten Handys mögen ein Indiz für zahlreichere Begeisterung sein. Alles in allem mehr als ein Flohmarkt mit Versteigerung, sondern eher ein ausbaufähiges Fest. Die Tatsache, dass am heutigen Samstag über 60 Schüler/-innen in verschiedenen Bands und Formationen tätig waren, das sind bei einer Gesamtschülerzahl von 630 immerhin knapp zehn Prozent, kann als Beleg für eine zusätzliche Bereicherung des Schulprofils gesehen werden. Vor allem, wenn man hinzunimmt, dass die Anmeldung für die geplante Bandklasse ein üppiges Ergebnis brachte. Wieder einmal muss das Los entscheiden.

Von diesem Tag kann aber nicht berichtet werden, ohne erneut den Förderverein zu erwähnen. Wieder haben fleißige und engagierte Mitglieder Großes gestemmt und den Rahmen dafür geschaffen, dass sich so viele Kinder heute präsentieren konnten. Euch sei wiederum abschließend und vehement gedankt!     

Mittwoch, 25. Juni 2014:

„Morgen kommt eine Delegation des Architektenbüros vorbei und hätte gerne Zugang zu allen Räumen.“ So vernahm ich gestern die Worte der Sekretärin. Aha, es geht los und entschuldigte mich gleich für das Assembly. Der Rundgang mit den Schulplanern ist mir sehr wichtig, um frühzeitig unsere Wünsche einbringen zu können. Heute nun hieß es kurz nach acht: Sie kommen doch nicht, sie benötigen noch weitere Informationen und Pläne. Das geht ja gut los, wenn sich solche Erkenntnisse quasi über Nacht einstellen.

Für den Auftritt der 1stClass-Rocker fand am Nachmittag die Generalprobe statt. Da klappte ganz schön viel und der Sound war richtig gut. Ich denke, dass der Auftritt am Samstag nochmal besser wird, weil eine ganz andere Spannung herrscht. Auch die Lehrerband traf sich nochmal zu einer zweiten Probe.

 

Montag, 23. Juni 2014:

Ein Schultag der pädagogischen Höhepunkte: die Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche fanden den ganzen Tag über statt. Gerne würde ich hier und da „Mäuschen spielen“, weil ich nach wie vor überzeugt bin, dass diese Kommunikation einen großen Anteil an der schulischen Atmosphäre haben. Eigentlich sollte ich mich einer Kiefer-Operation unterziehen, aber eine entzündete Speicheldrüse ließ die Zahnärztin ihr Besteck wieder wegräumen. So bot sich unvermittelt die Gelegenheit, die Datei dieses dritten Bandes von „Schulleiters Tagebuch“ in „meinen“ Verlag zu bringen. Ich will vorab ein Lese-Exemplar drucken lassen und dieses nochmals durchgehen. Die restlichen Notizen des Schuljahres sind dann schnell angefügt. Ein spannender Augenblick! Nie hätte ich gedacht, dieses „Unternehmen“ so weit voranzutreiben. Nach den Ferien werden also die sechs Jahre seit Gründung der Schule dokumentiert sein. Dabei ist die Buchausgabe gar nicht so erfolgreich, wie ich ursprünglich dachte. Doch auf der Schulhomepage – so gibt die Statistik dort Auskunft – steht „Schulleiters Tagebuch“ nach der Rubrik „Neuigkeiten“ und der Lehrerseite auf Rang drei in der Häufigkeit des Anklickens.

 

Mittwoch, 18. Juni 2015:

Inzwischen singt der Jahrgang „Kalle Keschde“ den Schulkanon ohne viel Vorbereitung vierstimmig. Welche Freude kommt da in mir auf! Habe ich die vorangegangenen Jahrgänge schlicht unterfordert? Oder war ich nicht mutig genug, meine Bedenken zu übergehen und es einfach mal zu probieren? Auch hier gilt: Alles ist im Fluss und entwickelt sich, Schritt für Schritt.

Zu einem zweiten Treffen tagte der Essensauschuss in meinem Büro. Zum einen nahm er eine Auswertung des externen Besuches auch in der Mensa vor. Da gab es schon einige Punkte zu verbessern, zumal das Gesundheitsamt zu einer routinemäßigen Überprüfung in der Schule war und Änderungen von seiner Seite aus angemahnt hat. Wie lautet genau der Vertrag mit dem Caterer? Was kann schnell umgesetzt werden? Welche Punkte müssen vorab besprochen werden? Erste Ergebnisse zeichnen sich bereits ab und können mit Beginn der Oberstufe vielleicht schon umgesetzt werden.

Im Hortgebäude in Wachenheim, in welchem die 1stClassRock-AG „rockt“, fand ich mich unversehens erneut mit einem Bass vor dem Bauch (Müsste der bei Rockmusik nicht tiefer hängen?). Es ist erstaunlich, wie die „Rocker“ in den beiden Jahren durch das Bandspiel zusammen gewachsen sind, so dass ich guten Mutes bin für den ersten öffentlichen Auftritt beim diesjährigen Flohmarkt. Private Termine werden zeigen, ob genügend Bassisten da sein werden oder ob ich unterstützen muss. Eine Bassistin müsste dann gleichzeitig singen. Mal sehen, was die Generalprobe zu Tage bringen wird. Nun aber erstmal der letzte Feier- und der letzte Brückentag im laufenden Schuljahr! Danach geht’s durch bis zu den Sommerferien…

 

Dienstag, 17. Juni 2014:

Wegweisende Beschlüsse hat die heutige Gesamtkonferenz beschossen. Eine Reihe von Anträgen waren im Gesamtteam bereits diskutiert und abgewogen worden, so dass sie zügig beschlossen werden konnten: Drei Punkte des Oberstufenkonzeptes sind nun „durch alle Gremien“ beschlossene Sache, eine Änderung des Epochal-Unterrichts in Physik und Chemie fand eine große Mehrheit, das Assembly wird neu strukturiert und das Projekt „SamS - Schüler arbeiten mit Schülern“ fand eine überzeugende Mehrheit. Emotional wird es dann immer sehr schnell, wenn es um Belastungen bei uns an der Schule geht. Darin wird einmal mehr deutlich, wie wichtig die kommende Arbeit der Steuergruppe sein wird. Seit heute ist sie mit einem Mandat aus dem höchsten Beschlussgremium beauftragt, den Prozess der Konzept-Überarbeitung zu koordinieren.  

Der Flohmarkt wird immer mehr zum „Event“. Neben der 1stClassRock-AG werden die Schülerband und eine Lehrerband auftreten. Unser Musiklehrer sagt zwar immer: „Wer probt, hat Angst!“, aber ganz ohne Vorbereitung wollten die vier Lehrkräfte doch nicht auf die Bühne und haben sich vor der Konferenz zu einer ersten (!) Probe getroffen. Da fand sich der betagte Schulleiter erstmals Bass spielend in einer Band wieder – eine ganz neue Anforderung. In den Gesichtern von uns Vieren standen aber Freude und Spaß geschrieben. Das wird was werden…

Der Trialog-Wettbewerb geht in seine Endphase. Diesen Monat noch muss der Abschlussbericht bei der Herbert-Quandt-Stiftung vorliegen. Einen weiteren Beitrag dazu lernte ich jüngst kennen: Der Film „Zwei Kulturen unter einem Hut“. Es begeisterte mich restlos, wie Jugendliche miteinander über Religion, Migration und Kultur miteinander ins Gespräch gekommen sind. Zusätzlich zum Film holte ich mir heute im Gespräch mit der verantwortlichen Lehrerin Hintergründe, um den Abschlussbericht lebendig und hintergründig verfassen zu können.

 

Montag, 16. Juni 2014:

Der Austausch mit einer Mutter aus der Grundschule zeigte: Ich bin nicht der einzige, der die Trauerfeier vom Freitag als beeindruckend erlebt hat. Wir tauschten unsere Gedanken heute, immer noch beeindruckt, im Sekretariat bei einer flüchtigen Begegnung aus.

Immer noch habe ich keine Klarheit über die endgültige Zusammensetzung des neuen fünften Jahrgangs, denn die Schulaufsicht kann die Flut der Anträge auf sonderpädagogische Gutachten nicht schneller bewältigen, als sie es schon tut. Da wäre dringend personell „nachzurüsten“. Zum einen mögen das schlichte Verwaltungsakte sein, zum anderen aber harren Kinder und Eltern immer noch auf die Chance, als Nachrücker noch zum Zuge zu kommen. Im letzten Jahr sagte mir eine Familie: „Jetzt kommen Sie! Aber haben wir uns inzwischen anders entschieden!“ Hoffen wir mal, dass die Klassen zeitnah gebildet werden können. Sehr erfreulich sind die Anmeldungen zur neuen Bandklasse. Ich glaube, jetzt schon verkünden zu können: Wir werden dieses neue Angebot hinbekommen.

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien schwappt auch in die Schule. Die Fenster, Treppenhäuser und Gänge sind mit Plakaten, Spielplänen und selbstgemalten Flaggen geschmückt. Gerade in den jüngeren Jahrgängen tragen die fröhlichen Gesichter die aufgemalten schwarz-rot-gelben Streifen auf Stirnen und Wangen. Immer wieder werde ich gefragt, für wen ich die Daumen drücke. Wenn dann die deutsche Elf so gewinnt wie in ihrem Eröffnungsspiel, dann kennt die Begeisterung keine Grenzen. Ich wünsche mir dabei, dass die Fußball-Helden wissen, welche Rolle sie mit ihrem Sport für die Kids spielen, welche Verantwortung als Vorbilder ihnen da aufgetragen wird und wie sehr sich Kinder und Jugendliche mit ihnen identifizieren.

 

Freitag, 13. Juni 2014:

Es sollte eigentlich ein ganz gewöhnlicher Freitag werden: Mein Terminkalender sah außer zwei alltäglichen Beratungsgesprächen (freiwilliges Wiederholen und ein Konflikt am Bahnhof) keine Besonderheiten vor. Auch den heute mehrfach erwähnten „Freitag der 13.“ ließ ich wegen Belanglosigkeit außen vor. Wäre da nicht die Trauerfeier für einen plötzlich verstorbenen Ehemann einer Kollegin gewesen. Er leitete in der Grundschule eine Schach-AG, an welcher immer auch Schüler/-innen der IGS teilnahmen. Aus dieser Zeit kannten wir uns. Einige wenige Punkte aus seiner Biografie wusste ich und wir hatten daraus gemeinsame Ebenen gezimmert, auf denen wir uns begegneten. In der bewegenden Trauerrede erfuhr ich nun weitere Teilstücke aus seinem Leben, und je weiter diese zurücklagen, umso näher kam mir dieser Mann - über seinen Tod hinaus. Tief liegende „Goldadern“ schürfte der Redner frei, bestehend aus Einzelheiten, die ich zu neuen Zusammenhängen verknüpfen konnte. Und je mehr er „schatzsuchend“ tätig war, umso  deutlicher entstand in mir das Bild eines Lebens, das in mir ein Gefühl, nein, einen Schmerz verursachte, diesen „Bär von einem Mann“ mit seiner verletzten Seele nicht auf weiteren Metern seines Weges begleitet zu haben. Bei keiner kirchlichen Beerdigung habe bisher eine solche Erfahrung machen können. Vielleicht verdrängt die Frage des „Was nun?“ und die immer gegebene Glaubensaussage, dass es weitergehe, dass der/die Verstorbene das Ziel seines/ihres Lebens nun bei Gott gefunden habe, eine Annäherung an und eine Wertschätzung gegenüber dem/der Verstorbenen. Viele Beerdigungen glichen daher eher Missionsstunden oder Glaubensunterweisungen. Dogmatik verdrängt Mensch! Nichts davon erlebte ich heute, dafür aber die ungeahnte Nähe zu dem Verstorbenen. Mit durchlebter und dadurch geläuterter Trauer verließ ich den Friedhof, geschwächt und gestärkt zugleich.

 

Donnerstag, 12. Juni 2014:

Eine intensive Woche allein mit „meinen“ Zehnern, dem Jahrgang „Trixi Traube“, erlebe ich da gerade. Fast ist es so wie im ersten Jahr der IGS, allerdings jetzt mit jungen Damen und Herrn statt mit wuselnden Fünftklässlern. Da macht es sich gut, dass ich in Wachenheim noch zwei Jahrgänge in Musik und im Assembly als Alltag erlebe. Ein Schüler wurde wegen allzu schmerzhaftem Heimweh von den Eltern abgeholt. Oh, wie gut ich das kenne: An wie vielen Abenden, im Stockbett oder im Schlafsack, habe ich das früher selbst erlebt, nässten meine Tränen das Kopfkissen, weil ich irgendwo mit den Pfadfindern unterwegs war, fern von zu Hause. Die Zeit vor dem Einschlafen ist wohl eine ganz intensive und gefühlvolle, die man allein mit sich selbst durchstehen muss. Tagsüber verhindern Abwechslungen und Ablenkungen, dass die Ferne schmerzt. Ich freue mich für dich, dass du von deinen Eltern abgeholt werden konntest, ein Glück, das ich mir damals sehnlichst gewünscht habe, das aber seinerzeit außerhalb des Vorstellbaren lag.

Eine andere, fröhliche Seite vermittelt mir eine SMS, die ich heute erhielt: „Hallo Georg, liebe Grüße sendet dir die 7a aus Tholey! Wir haben riesigen Spaß zusammen. Gerade bauen wir Seifenkisten und heute Mittag testen wir, wer das windschnittigste Modell entworfen hat….“ Ich hatte im Vorfeld dieser Klassenfahrt erzählt, dass ich in der Kirche der Benediktinerabtei in Tholey getauft wurde. Ich verfüge zwar aus dieser Zeit über keine eigenen Erinnerungen, im Alter von drei Jahren zog ich mit meinen Eltern nach Saarbrücken, aber durch spätere Besuche kenne ich die Abteikirche und empfinde die Taufe an diesem Ort als ein biografisches „Schmankerl“, mit dem es mir sehr gut geht. Ob damit allerdings bereits ein Interesse an Theologie oder eine gewisse Nähe zu Mönchtum und Klosterleben grundgelegt wurde (wie immer mal wieder schmunzelnd gemunkelt wird), wage ich mal vorsichtig anzuzweifeln.     

 

 

Dienstag, 10. Juni 2014:

Wenn sich drei Jahrgänge zu Klassenfahrten aufmachen, befürchte ich, morgens an einem Busbahnhof „anzulanden“. Doch ich fand nur zwei Busse vor. Geschickt versetzte Abfahrtszeiten und die Möglichkeit der Bahn ließen das an meiner ehemaligen Schule mal erlebte Chaos ausbleiben. Zehn Busse, die gleichzeitig Klassen aufnehmen wollen, sprengen jedes Park-Konzept einer Schule. Dennoch startet heute erstmals ein großes Unternehmen: zwölf Klassen machen sich zum gleichen Termin auf den Weg. Organisatorische Planungen setzten diese Regelung ein: Wenn alle weg sind (bis auf die 10er), fällt so gut wie kein Vertretungsunterricht an. Ich wünsche euch allen eine gute Woche, prall gefüllt mit Erlebnissen, Abenteuern und pädagogischen Auswirkungen. Wichtig aber vor allem: Passt auf! Wenn über 300 Schüler/-innen mit ihren Lehrkräften unterwegs sind, steigt das Risiko für unverhoffte Vorkommnisse stark an. Richtig entspannt werde ich erst wieder am Freitag sein, wenn alle (hoffentlich) gesund und heil zurück sein werden.

Die Ruhe im Schulhaus wollten wir nutzen und setzten uns für die weitere Planung der Oberstufe hin. 17 zugesagte Schulplätze in Klasse 11 wurden nicht angenommen bzw. zurückgegeben. Das macht ein Nachrückverfahren notwendig. Wir orientierten uns dabei nicht mehr ausschließlich an den erzielten Noten, sondern bereits an den Kurswahlen. Mit den Daten der bisher Angemeldeten konnten wir bereits Kursgrößen ermitteln und entsprechend notwendige Plätze in einzelnen Profilen neu vergeben: Wo benötigen wir zusätzliche Schüler/-innen, damit ein Kurs gesichert ist? Wo sind jetzt bereits Kurse (zu) voll? Gibt es welche mit 31 Belegungen, die durch zusätzliche Plätze eine Teilung besser rechtfertigen würden? Welche Kurse kommen mangels Nachfrage nicht zustande? Welche inhaltlichen und organisatorischen Fragen stehen noch an, bis es am ersten Schultag losgeht? Wie können wir den „ersten Schultag“ gestalten? Eine irgendwie gestaltete Aufnahmefeier soll es geben – immerhin kommen fast 50 Schüler/-innen „von außen“ zu uns an die Schule. In Jahrgang 5 mieten wir gar die Stadthalle, in welcher ein buntes Programm zur Begrüßung über die Bühne geht. Klar, dass wir dies für die Oberstufe nicht für angemessen halten. Dennoch soll es kein Tag wie jeder andere sein. Am selben Tag kommen ja auch die neuen Siebtklässler in Deidesheim an…also: 8 Uhr Begrüßung mit Getöse für den Jahrgang „Wilma Worschtkordel“, um 9 Uhr Begrüßung und Start der Oberstufe in der Mensa, eventuell mit Vertretern der Stadt und des Schulträgers, denn immerhin stellt dieser Augenblick einen neuen und wichtigen Abschnitt im Schulaufbau dar. Ideen sprudelten bereits…

Dennoch schoben sich diese und andere „Tüfteleien“ trotz vorheriger Zeitplanung zu weit in den Vormittag hinein, sodass die Geißbockankunft erneut ohne mich stattfinden musste.

 

Pfingsten 2014: 

Gestern Abend las die letzten Seiten von Küngs „Das Judentum“. Vielleicht ist das Pfingstfest ja ein guter Zeitpunkt, Rückschau zu halten und ein (noch vorläufiges?) Fazit zum „Trialog“ zu ziehen. Immerhin beschäftigte mich seit meinem Studium kein (theologisches) Thema mit einer vergleichbaren Dauer und derart reichhaltiger Literatur. Seit letzten September ließ mich das Thema nicht mehr los. Zunächst musste ich vieles (nach)-lernen, was den Islam betrifft. Auf dem zurückgelegten Weg liegen zwei Mohammed-Biografien, zwei kürzere Darstellungen zum Islam selbst, in zwei Koran-Übersetzungen habe ich immer wieder nachgelesen, habe mich mit den Hadithen befasst, mit einigen Einzelfragen und mit dem historischen Überblick, darin wiederum mit den Einflüssen des Islam im Bereich der Wissenschaft. Entstanden ist ein von Wertschätzung und Respekt geprägtes Bild dieser Weltreligion. Darüber hinaus wuchs das Gefühl, auf eine bisher nicht gekannte Verwandte gestoßen zu sein. Die bisherige unwissende Fremdheit ist dabei gewichen. Ebenfalls stellte sich die Einsicht ein, dass sich auch der Islam in der historischen Sicht und ebenfalls in der konkreten Ausformung als prophetische Religion, die Heil verkündet, nicht in den besten Händen befindet. Allzu viel menschlich geprägte Interessen haben sich auch dort in das heute bestehende  theologische Gebäude des Ursprungs eingeschlichen und sich dieser Religion bemächtigt. Schließlich stieß ich auf das Projekt „Weltethos“, das die drei abrahamischen Religionen mit der umfassenden Trilogie „Zur religiösen Situation der Zeit“ von Hans Küng mit dem Blickwinkel eines für die Welt wesentlichen Trialogs grundlegend betrachtet.

Doch zurück zum jüngst beendeten Buch von Hans Küng. Für ihn war es der Start als Beschäftigung mit der ältesten sich auf Abraham gründenden Religion, für mich der Schlusspunkt. Ich stieß ja über seinen Band zum Islam überhaupt erst darauf. Daher begründet Küng hier auch seine Vorgehensweise für das ganze Projekt „Weltethos“. „Nur wenn wir wissen, wie es soweit gekommen ist („Die noch gegenwärtige Vergangenheit“), können wir verstehen, wie es um uns steht („Die Herausforderungen der Gegenwart“), können wir überlegen, wie es weitergehen soll („Die Möglichkeiten der Zukunft“) (Hans Küng, Das Judentum, Wesen und Geschichte, München 1991, S.13). Auch hier geht Küng nach Klärung des Ursprungs und dem Zentrum des Judentums methodisch nach der Paradigmenanalyse vor und schlägt einen Bogen von den „Stämmen in vorstaatlicher Zeit“ und dem „Reich der monarchischen Zeit“ über das Judentum in der Epoche nach dem Exil und anschließend das rabbinisch-synagogale Mittelalter bis zum „Assimilations-Paradigma der Moderne“ – die faszinierende und spannende Geschichte einer Religion, der die Welt den Monotheismus verdankt. Ebenfalls die Geschichte eines Volkes über Jahrtausende hinweg, voller Blüten und auch prall voll mit Leid und Verfolgung, das in jüngster Zeit beinahe ausgerottet wurde. Ich habe auch davon gelesen (und mir wieder in Erinnerung gerufen), dass Jesus von Nazareth natürlich Jude war, dass seine Jünger und Apostel jüdischen Glaubens waren, dass erst mit den hellenistisch geprägten Christen langsam sich eine eigene Religion herauszukristallisieren begann, die sich später als Christentum in der ganzen Welt verbreiten sollte. Der Anfang aber war fest im Judentum, in der jüdischen Gemeinde und im jüdischen Gedankengut verwurzelt. Theologisch finden sich bei Küng natürlich Parallelen zum Christentum und zum Islam, die einen Trialog geradezu herausfordern: Die Entwicklung von polytheistisch glaubenden Stämmen hin zur Verehrung des einen und wahren Gottes, die Offenbarung einer heiligen Schrift über einen längeren Zeitraum hinweg, ein Gesetzeswerk, das über die jeweilige Heilige Schrift (weit) hinausgeht und als aus der Theologie abgeleitetes „Menschenwerk“ gelten müsste und die Aussage, dass diese Offenbarung für die ganze Menschheit Gültigkeit beansprucht. Schon „Adam“ ist kein Eigenname eines Menschen sondern ein Gattungsname für den Menschen an sich.

Nach dem Weg durch nahezu 3000 Seiten ist natürlich zu fragen: Was hat die Methode der Paradigmen-Analyse gebracht? Zunächst einmal dies: In allen drei Religionen hat sich der Kern der jeweiligen Religion über alle Paradigmen hinweg erhalten und ist auch heute noch zu finden. In allen drei Religionen finden sich dem Ursprung ähnliche Entwicklungen (aufsteigende Epochen – konsolidierende Phasen – mittelalterliche Zeiten und Konfrontationen mit der Moderne). In allen drei Religionen bewegen sich geistige Strömungen, Vertreter von jeweiligen Richtungen und Theologen in unterschiedlichen Paradigmen und haben die Übergänge in neue Gesamtkonstellationen „verpasst“. Es zeigt sich darin: „Befangenheit in einem früheren Paradigma kann eine Religion und ihre Repräsentanten unglaubwürdig machen. Religiöser Traditionalismus ist weder für das Judentum noch für das Christentum und den Islam eine weiterhelfende Parole“ (ebd. S.551). Hans Küng kommt zu dem Schluss, dass er allen drei Religionen für eine (auch theologische) Verständigung Unbequemes zumutet (vgl. Küng, Der Islam, S. 783). „Aber das ganze Werk ist getragen von einer dreifachen unerschütterlichen Hoffnung, dass jede der drei prophetischen Religionen aufgrund ihre spirituellen und ethischen Reichtums ein wirkmächtiges Zukunftspotenzial besitzt, dass alle drei in Verständigung und Zusammenarbeit zu größerer Gemeinsamkeit gelangen können und dass alle drei Weltreligionen gemeinsam einen unverzichtbaren Beitrag zu einer friedlichen und gerechteren Welt leisten werden“ (ebd.) Vor etwa zwei Wochen besuchte Papst Franziskus Israel. Ein lange gehegter Wunsch, so entnahm ich der Presse, sei es gewesen, sich mit einem Rabbi, einem Imam an der Klagemauer zu umarmen. Dass ein Foto von dieser Begegnung um die Welt ging, erstaunt nicht und kann symbolisch für das stehen, was im Trialog und im Projekt „Weltethos“ angestrebt wird. Es kann nicht um eine irgendwie geartete Einheitsreligion gehen, eine gleichgemachtes, diffuses Konglomerat aus Bestandteilen der drei abrahamischen Religionenn oder wie auch immer. Dazu ist auch mein Respekt vor der jeweiligen Religion allzu groß. Aber aus allen drei Religionen könnten schon jetzt grundgelegte ethische Ansprüche an die Welt für eine Epoche formuliert werden, welche die als „Moderne“ bezeichnete ablöst oder bereits abgelöst hat. Denn es wird darum gehen, dass diese Welt weiter und besser bestehen bleibt. Wie dünn die Kruste auf den Wunden der als Vergangenheit geglaubten Konflikte erst ist,  zeigt aktuell die Krise um die Ukraine. Worum es geht und wie es gehen kann, steht in der Weltethos-Erklärung des Parlaments der Weltreligionen von 1995. Alle darin enthaltenen Elemente befinden sich in Übereinstimmung mit den drei abrahamischen Religionen, alle drei könnten diese Erklärung als zeitnah anzustrebenden Katalog voranbringen und damit zum Heil der Menschheit in Zukunft beitragen: Zu schaffen wäre danach:

  • „Eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben; ‚Hab Ehrfurcht vor dem Leben‘ – ‚Nicht töten‘, foltern, quälen, verletzen!...

 

  • Eine Kultur der Solidarität und einer gerechten Wirtschaftsordnung ; ‚Handle gerecht und fair‘ – ‚Nicht stehlen‘, ausbeuten, bestechen, korrumpieren!... gerechten Wirtschaftsordnung

 

  • Eine Kultur der Toleranz und des Lebens in Wahrhaftigkeit  ; ‚Sprich und handle wahrhaftig‘ – ‚nicht lügen‘, täuschen, fälschen, manipulieren!...

 

  • Eine Kultur der Gleichheit und der Partnerschaft von Mann und Frau; ‚Achtet und liebet einander‘ – ‚nicht Sexualität missbrauchen‘, nicht betrügen, erniedrigen, entwürdigen! (Küng, Der Islam, S. 779f)

 

Wichtig ist dabei zudem der Grundsatz, „dass keine Religion und kein ethisches System je wegen moralischer Entgleisungen einiger ihrer Anhänger verurteilt werden sollten“ (eda.S.781).

Freilich: Obwohl dies ein so einfacher Weg zu sein scheint, wird es ein langer sein bis zum Ziel. In alle Religionen mag auf dem Weg dorthin ein Abschnitt über das Wort „Gott“ von

Martin Buber als eine ursprüngliche Bescheidenheit Einzug halten, eine eher demütige Grundhaltung statt lauthals verkündeter Dogmatik, die keine eigene Suche nach den ewigen Dingen erlaubt und Glauben vorschreibt statt Vertrauen zu stiften:

„Ja es ist das beladenste aller Menschenworte. Keines ist so besudelt, so zerfetzt worden. Gerade deshalb darf ich darauf nicht verzichten. Die Geschlechter der Menschen haben die Last ihres geängstigten Lebens auf dieses Wort gewälzt und es zu Boden gedrückt; es liegt im Staub und trägt ihrer aller Last. Die Geschlechter der Menschen mit ihren Religionsparteiungen haben das Wort zerrissen; sie haben dafür getötet und sind dafür gestorben; es trägt ihrer aller Fingerspur und ihrer aller Blut. Wo fände ich ein Wort, das ihm gliche, um das Höchste zu bezeichnen! […] Wir müssen die achten, die es verpönen, weil sie sich gegen das Unrecht und den Unfug auflehnen, die sich so gern auf die Ermächtigung durch ‚Gott‘ berufen; aber wir dürfen es nicht preisgeben. […] Wir können das Wort ‚Gott‘ nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganzmachen; aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten über einer Stunde großer Sorge“ (Martin Buber, zit nach: Hans Küng, Das Judentum, S. 548)

Wohlfühlen würde ich mich, wenn eine solche Haltung im Religionsunterricht unserer Schule „gelehrt“ würde, wenn dadurch ein Behaupten, das stets zu Ausgrenzung und Gegnerschaft führt, überwunden oder zumindest in die Enge gedrängt würde. Schließlich würde eine solche Haltung uns als Schulgemeinschaft auch in vielen anderen Bereichen, ich denke etwa an Themen wie „Inklusion“ oder „Differenzierung“, aus einem ideologischen Gefängnis befreien und (endlich und ganz) den individuellen Menschen an sich in den Blick nehmen lassen.

Was die Religionen betrifft, könnte ein Herzstück jedweder Religion, das Gebet, bereits jetzt gemeinsam gesprochen werden, wenn es nicht dogmatische Inhalte transportieren will und damit andere selbstredend ausschließen muss, wenn im Gebet der eine Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs angesprochen würde, auf den sich die drei Weltreligionen selbst begründen.. Was wir bei unseren interreligiösen Feiern bereits beachten, hat Hans Küng (Das Judentum, S. 701f und: Der Islam, S. 761f) beispielhaft formuliert, ein Gebet, das schlicht und daher voller Kraft ist, auf die Gemeinsamkeiten achtet und Unvereinbares außen vor lässt. Glaubende aller drei abrahamischen Religionen können es daher gemeinsam sprechen, heute, ohne weiteren Trialog, ohne theologische Diskussionen. Es sei daher abschließend hier aufgenommen:

 

„Verborgener, ewiger, unermesslicher, erbarmungsreicher Gott,

außer dem es keinen anderen Gott gibt.

Groß bist Du und allen Lobes würdig.

Deine Kraft und Gnade erhält das All!

 

Du Gott der Treue ohne Falsch, gerecht und wahrhaftig,

hast den Abraham, Deinen Dir ergebenen Diener,

zum Vater vieler Völker erwählt

und hast gesprochen durch die Propheten.

Dein Name sei geheiligt und gepriesen in aller Welt,

und Dein Wille geschehe, wo immer Menschen leben.

 

Lebendiger und gütiger Gott, erhöre unser Gebet:

Groß geworden ist unsere Schuld.

Vergib uns Kinder Abrahams unsere Kriege,

unsere Feindschaften, unsere Missetaten gegeneinander.

Erlöse uns aus aller Not und schenke uns den Frieden.

 

Segne Du, Lenker unseres Geschicks,

die Leiter und Führer unserer Staaten,

dass sie nicht gieren nach Macht und Ehre,

sondern handeln in Verantwortung für das Wohlergehen

und den Frieden der Menschen.

Führe Du unsere Religionsgemeinschaften und ihre Vorsteher,

damit sie die Botschaft des Friedens nicht nur verkünden,

sondern auch selber leben.

Uns allen aber, und auch denen, die nicht zu uns gehören,

schenke Deine Gnade, Barmherzigkeit und alles Gute

und führe uns, Du Gott der Lebendigen,

auf dem rechten Weg in Deine ewige Herrlichkeit.“

 

Freitag, 06. Juni 2014:

War gestern schon ein Tag, der die Schule „neu“ in mir entstehen ließ, führte der heutige schon bei der morgendlichen Zeitungslektüre die Linie weiter: Die Verbandsgemeinde Deidesheim hat bei einer großen Stiftung den Zuschlag für ihr Bewerbungskonzept erhalten, welches den brach liegenden Sportplatz neu beleben wird. Das eingereichte Konzept sieht Bewegungs- und Kooperationsmöglichkeiten für Jung und Alt vor, vom Kindergarten, über die Jugendfreizeitstätte und die Schule bis zum Seniorenstift. Ein Millionenbetrag kann dafür eingesetzt werden. Für die Schule bedeutet dies: mehr Möglichkeiten für das Außengelände, auch hier ein Mitentwickeln von günstigen Ideen auf eine zukünftige Qualitätssteigerung des Schulstandortes Deidesheim. Was für eine Frühstücksnachricht!

In der Schule selbst erlebte der Thementag eine ungeahnte Fortführung: Die Klassen 5 bis 7 befassten sich mit Medien aller Art, von der Zeitung über das Handy bis zum „Zentrum für Kunst und Medien“ in Karlsruhe, die Klassen 8 bis 10 informierten sich bei 23 Ausstellern über Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Enorm welche Vielfalt da heute in der Schule herrschte. Und erneut: Durch solche Veranstaltungen entstehen Synergie-Effekte, von denen beide Seiten profitieren. So viel strömte auf mich ein, dass ich einen Moment innehalten muss. Es entstanden Kontakte und die Bereitschaft zur Kooperation mit zwei nahegelegenen Discountern, mit der Winzergenossenschaft, die eigens Schüler/-innen zu verschiedenen Stadien des Weinbaus einladen will, mit der Agentur für Arbeit mit…mit…mit… Ein bunter Reigen, der sich segensreich auf die Zukunft unserer Schülerschaft auswirken muss. Dank an alle für die bestens organisierte Vorbereitung und Durchführung, da steckte viel Arbeit drin, auf die mit Sicherheit in den nächsten Jahren zurückgegriffen werden kann.

Wenn ich die Woche revuepassieren lasse, was war darin nicht alles enthalten: die Steuergruppe „Schulentwicklung“ für Verbesserungen nach innen; die Trialog-Fortbildung für meinen eigenen inneren Horizont; der Erstbesuch der Architekten für die äußere Entwicklung des Gebäudes; der Zuschlag für das Bewegungs-Konzept auf dem Sportplatz für die Gestaltung im schulischen Umfeld. Damit ist die gesamte Schule in Bewegung, bisher Aufgebautes (sowohl das pädagogische Konzept als auch das Gebäude und das Umfeld) werden betrachtet und weiterentwickelt. Letzte Woche schrieb ich von einem Scheidepunkt im Aufbau der Schule. Nach dieser Woche haben wir ihn überschritten, weil wir bereits auf dem Weg der Verwirklichung sind, anfangshaft erst, gewiss, aber mit deutlicher Richtung nicht rückwärts blickend, sondern nach vorne ausgerichtet. Viele Lösungen, die auf Dauer angelegt sein werden, liegen als Aufgabe bereits auf dem Tisch, müssen freilich erst noch bearbeitet werden. Dass sie sind erkannt und formuliert sind, immerhin der erste notwendige Schritt, sie umzusetzen, macht mir jetzt schon Mut, geben jetzt schon Schwung, verhindern jetzt bereits einen lamentierenden Blick des Stillstandes. Wie formuliert Herrmann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Genau das spüre ich heute. Nochmal: Was für eine Phase erleben wir da gerade! 

 

Donnerstag, 05. Juni 2014:

Vielleicht macht das ja die Arbeit am Trialog aus: Wo ich im Assembly früherer Jahre das Fest Christi Himmelfahrt vorgestellt habe, spannte ich gestern einen motivgleichen Bogen von der Jakobsleiter, über den im Feuerwagen in den Himmel fahrenden Propheten Elias, Christi Himmelfahrt und den auf seinem (Fabel?)-Reittier „Burag“ von Jerusalem in den Himmel reitenden Propheten Mohammed. Drei abrahamische Religionen und ein Motiv: die Verbindung von Himmel und Erde, die Erhebung besonderer Heilsbringer und die Einsicht: Solche Menschen können nicht einfach in der Erde beerdigt werden, sonst wären sie wie wir. Unsicher bin ich darin, ob die Thematik die Schüler/-innen erreicht hat – ihrem unmittelbaren Lebensbezug entstammte sie nicht. Vermutlich werden die Schüler/-innen das Ungeheuerliche (noch) nicht ermessen, das sich in diesen Motiven ausdrückt:  Himmel und Erde, Endlichkeit und Unendlichkeit, Zeit und Ewigkeit, Absolutes und Relatives, Gott und Mensch sind in und durch diese „Über-Bringer“ von Heil miteinander verbunden und überwunden. Aber vielleicht prägen sich die Gemälde und Bilder ein, die ich von allen vier „Himmelsreisen“ zeigte. Vielleicht bleibt eines davon haften und wird irgendwann erinnert. Allein, wenn sich dies ereignen würde, bei dem einen oder der anderen Schüler/-in, wäre der Trialog gelungen.

Mich hat beeindruckt, wie drei Architekten eines Büros ein Gebäude betrachten und aus dem Stand heraus eine „Vision dieses Gebäudes“ entwickeln können mit Begriffen wie: Gesamteindruck der Schule, Linienführung, Laufwegen, verschenkter Raum, das vorhandene Gebäude als Ganzes in den Blick nehmen. Kein Wunder, dass ich beeindruckt war, auch als jemand, der täglich hier „in den Blick“ nimmt und eher wenige Visionen über einen Endzustand der Schule entwickelt. Es ging schon um einen gemeinsamen Start, um ein gegenseitiges Kennenlernen der Personen und der auch der Steine. Dabei waren allerdings schon zwei Fachingenieure und Vertreter des Schulträgers. Nur theoretisch konnte das heutige Treffen nicht angelegt sein. Als es sich herausstellte, dass von Seiten der Architekten und der Schulleitung zwei Saarländer im Gespräch sind, war das Eis sowieso gebrochen.  Gefreut habe ich mich über die Grüße eines IGS-Schulleiters aus Mainz, dessen Schulbau eben von diesem Büro realisiert wurde. Im Internet stieß ich auf die Informationen, dass diese Architekten-Gemeinschaft aktiv im „Verband deutscher Architekten“ aktiv ist und eine Reihe größerer Bauten betreut hat. Für den Anfang gänzlich überzeugt hat mich allerdings der Hinweis, dass die Information über den Gewinn des Klima-Preises auch aufgrund von eigener Recherche bekannt war. „Wir möchten die Schüler/-innen einbeziehen und bieten Ihnen einen gemeinsamen workshop an, in welchem wir überlegen können, was wir gemeinsam umsetzen können.“ So sind denn in mir neue Träume entstanden, Bilder haben sich aufgrund der „Visionen“ eingestellt…und kaum kann ich den ersten Spatenstich erwarten. Der wird aber noch auf sich warten lassen. Aber abschließend lautet meine Einschätzung: Da kann was Großes entstehen.

 

Dienstag, 03. Juni 2014:

Die gewährte „Nachtfrist“ führte zu dem Ergebnis: Die Kollegin kommt nicht! Seltsam, in Hessen entlässt man sie, die ihr zweites Staatsexamen in der Tasche hat, nicht aus dem Referendariat. Würde sie dennoch „kündigen“, wäre eine Planstelle in Hessen nur schwierig, wenn überhaupt, zu bekommen. Darf so etwas denn sein? Immer wieder höre ich von Regelungen oder zeitlich vorgezogenen Terminen, die eine Einstellung in Rheinland-Pfalz noch nicht ermöglichen. In benachbarten Bundesländern dagegen werden zu diesem Zeitpunkt bereits Planstellen nach Listenverfahren (auch an hier ausgebildete Lehrkräfte) vergeben. Sprich: Die Besten sind dann weg! Auch an diesem Punkt stößt der Föderalismus neben einem Bildungswirrwarr an seine deutlichen Grenzen. Lange ist meine Liste mit möglichen Vertretungslehrkräften nicht mehr!

Für die Teilnehmerschulen am „Trialog-Wettbewerb“ bietet die Herbert-Quandt-Stiftung eigens Fortbildungen an. Für die Schulen „im Süden des Landes“ fand sie heute an der Berufsbildenden Schule in Wörth zum Thema „Israel heute – Gesellschaft, Geschichte, Politik, Religion“ statt. Nun passte dieses Thema nicht nur zum Wettbewerb, sondern zeitlich auch zu meiner derzeitigen Lektüre. Im ersten Band von Hans Küngs Trilogie innerhalb des Projektes „Weltethos“, welcher dem Judentum gewidmet ist, befasst sich Küng natürlich ebenfalls mit dem Nahost-Konflikt. Äußerst interessiert, auf Parallelen und Bestätigungen hoffend, machte ich mich also mit einer Kollegin auf den Weg nach Wörth. Schön, dass wir auf Menschen trafen, die wir schon vom „Markt der Möglichkeiten“ in Saarbrücken kannten. Was uns erwartete war ein dreistündiger Vortrag mit Zwischenfragen, gespickt mit einer Fülle von Informationen. Der Referent arbeitet bei „Givat Haviva“. Dieses Institut ist fast so alt wie der Staat Israel selbst und bemüht sich seither um Projekte der Kooperation und der Verständigung. In dem gleichnamigen Begegnungszentrum treffen jüdische und arabische Israelis oft zum ersten Mal aufeinander und zusammen – zehn Jahre Erfahrung und Leben in Israel ist für eine sprühende Fortbildung natürlich eine hervorragende Basis. So bekamen wir Informationen, Einblicke, selbst Erlebtes und Mitgebrachtes aus erster Hand geschildert.

Durch genaue Darstellung hörten wir von der ungemein heterogenen Gesellschaft Israels. Von den ca. 8 Millionen Israelis sind etwa „nur“ 75% Juden. 1,6 Millionen der Bewohner Israels sind Araber (!), meist muslimischen Glaubens, und immerhin noch 4% lassen sich verschiedenen anderen Gruppen zuordnen. Aber auch die Gruppe der Juden ist keineswegs homogen: 45% gelten als säkular eingestellt, 31% als traditionell, 11% als orthodox und immerhin 14% als ultraorthodox. Dazu kommen noch „gesellschaftliche Bruchlinien“ fernab der Religion: Als Einwanderungsland zieht sich eine Linie zwischen den Alteingesessenen und den Neueinwanderern (nur 27% der Israelis sind im Land geboren). Hinsichtlich des Friedensprozesses stehen sich so genannte „Tauben und Falken“ mit völlig unterschiedlichen Lösungsansätzen und Forderungen  gegenüber: Welche Grenzen sind mehrheitsfähig? Was soll mit den besetzten Gebieten geschehen, was mit den (illegal?) entstandenen Siedlungen? Wie kann das Existenzrecht Israels dauerhaft gesichert, wie das Verhältnis zu den arabischen Nachbarstaaten gestaltet werden? Ein hochkomplexes und explosives Gemisch von Fragen und Konflikten und das auf einer Fläche, die in etwa der von Hessen entspricht, aber die Welt seit Jahrzehnten in Atem hält.

Ein anschauliches Beispiel möchte ich konkret anführen, das heute ebenfalls zur Sprache kam. Es mag veranschaulichen, wie kompliziert und zum Teil auch fremd sich die Zusammenhänge und Hintergründe für uns darstellen: Eine damals relativ kleine Gruppe ultraorthodoxer Juden handelte mit dem jungen Staat Israel eine Sonderbehandlung aus. Sie arbeiten nicht für das Bruttoinlandsprodukt und bekommen zur Existenzsicherung eine Alimente vom Staat. Die Berechtigung dazu ziehen sie aus der Tatsache, dass sie ihr Leben lang die heiligen Schriften und Gesetze studieren, was in ihren Augen dem Staat wiederum zugute kommt. Außerdem sagten sie, als politische Partei im Parlament, die Unterstützung der Regierung zu. Da sich in Israel immer Koalitionen aus vielen Parteien bilden müssen, kam den Ultraorthodoxen dadurch auch die Rolle der Mehrheitsbeschaffer zu, die sie sich „gut bezahlen“ ließen. Ihr streng religiös ausgelegtes Leben setzt allerdings auch die Forderung aus dem Buch Genesis wörtlich um: „Seid fruchtbar und mehret euch“. Im Durchschnitt haben die Familien der Ultraorthodoxen acht bis zehn Kinder, so dass die kleine Gruppe des Anfangs über die Jahrzehnte hinweg zu einer erklecklichen Größe angewachsen ist, die sich nach wie vor vom Staat unterhalten lässt. Dies stößt selbstredend immer mehr auf Kritik, weil die Summe der Alimente enorm angewachsen ist und allein aus finanztechnischen Gründen nicht mehr getragen werden kann. Wie kann hier eine Lösung aussehen? Und das ist nur ein (weltpolitisch) kleiner und selbstgemachter Konflikt. In die viel größeren spielen aber ebenfalls viele Faktoren, Schichten und Ge-schichten hinein, so dass ich mir kaum erlauben kann, darüber ein Urteil zu fällen. Wohl dem, der einem Experten lauschen kann, der Licht zumindest in einige Begründungsstränge zu bringen vermag, angereichert durch eine ganze Reihe von Anekdoten aus den Jahren seines Lebens in Israel.

So bin ich durch den Trialog einmal mehr gereift und gewachsen, ein Geschenk am Rande nur, das aber üppigen Inhalt parat hatte. Mit geweitetem Horizont gehe ich heute Abend zu Bett. Wie unwissend war der Horizont dessen, der sich am Morgen daraus für den heutigen Tag erhob.

 

Montag, 02. Juni 2014:

Nach meinen Musikstunden in Wachenheim verbrachte wieder geraume Zeit am Deidesheimer Telefon. Zum einen erledigte ich Rückrufe aufgrund von Anfragen wegen eines möglichen Schulwechsels – das hört nicht auf - zum anderen suche ich händeringend und fast verzweifelt Menschen für zwei Vertretungsverträge. Dazu habe ich wieder Listen von Bewerber/-innen von der Schulaufsicht bekommen. Die hatte ich bereits mit der Frage durchforstet: Wer könnte/würde überhaupt zu einer Vertretung in Frage kommen? Ein Bewerber aus dem Schwarzwald oder Tübingen kommt für eine Planstelle eventuell in die Pfalz - ich bin seinerzeit auch aus Trier hierher gezogen, um eine Planstelle anzutreten – aber niemand nimmt das für eine befristete Vertretung auf sich. Gegen unser eigenes Interesse musste ich einen Telefonpartner aus Schifferstadt beraten. Er hat ein Angebot für eine Planstelle in Niedersachsen erhalten. „Auf jeden Fall annehmen“, hörte ich mich sagen, „auch wenn es uns trifft. Ich kann Ihnen auf lange Sicht nichts zusagen. Eine Planstelle ist auf alle Fälle höherwertig.“ Und weiter auf der Liste voranschreiten. „Könnte ich eine Nacht Bedenkzeit haben? Ich mache nämlich noch derzeit mein Referendariat in Hessen zu Ende.“ Natürlich räumte ich diese Nacht ein.

Prägend für den Tag war aber das erste Treffen der Steuergruppe „Schulentwicklung“. Eine Besonderheit stellt dabei sicherlich die externe Begleitung durch gleich zwei Schulpsychologen vom Pädagogischen Landesinstitut dar. Für uns ist es die erste Steuergruppe, für die beiden ist diese Arbeit „gewohntes Terrain“, so dass wir mit Sicherheit in guten Händen viel lernen können. Der erste Schritt mutete auch gleich professionell an. Bevor es an das auf länger angelegte Unternehmen ging, mussten erst grundsätzliche Schritte der Arbeit einer Steuergruppe geklärt werden: schrittweises Vorgehen mit Rückkopplung an den Auftraggeber (bei uns das Kollegium), ein klarer Auftrag von diesem Auftraggeber, eine klare innere Struktur, eine klare Rollen- und Aufgabenverteilung, Herstellen einer größtmöglichen Transparenz der Arbeit, auch in Richtung Schülerschaft und Elternvertretung, ansonsten liegt bei einer solchen Gruppe lediglich die koordinierende Prozesssteuerung, nicht die konkrete Bearbeitung.

Dieser Input bereitete keine Probleme und enthielt keine Überraschungen. Die Gruppe konnte sich also der Frage widmen: Was wollen wir eigentlich bearbeiten? Welche Zielbeschreibung kann sich die Gruppe geben? Ist diese bei allen gleich? Dieser Klärungsprozess dauerte seine Zeit, mündete aber schließlich in einer gemeinsam gefundenen und genauen Zielsetzung: Auf alle Punkte unseres Konzeptes soll so etwas wie eine „Matrix“ gelegt werden, die aus den Begriffen: individuelles und inklusives Arbeiten, professionelles Handeln und Teamarbeit bestehen soll. Durch diesen Vorgang werden Einzelpunkte nicht nur geklärt (Versteht das gewachsene Kollegium unter den Konzeptpunkten, die zum Teil noch aus der Planungszeit der Schule stammen, noch die gleichen Inhalte?), das gesamte Konzept wird dadurch einer Prüfung unterzogen, welche auch die einzelnen Anträge aus den Fachkonferenzen berücksichtigt. Also genau das, was wir vergangene Woche im Gesamtteam besprochen haben. Auf der anderen Seite müssen wir dadurch die Schule nicht „neu erfinden“, das Bestehende wird weiterentwickelt, gegebenenfalls angesammelter „Ballast über Bord geworfen“. Eine gute und intensive Sitzung. Für diese Arbeit muss nun das Mandat aus der Gesamtkonferenz eingeholt werden. Mir jedenfalls geht es nach diesem Nachmittag hoffnungsvoll gut und nach dichten Sitzungen erwacht in mir immer die Lust an der Weiterarbeit.