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Januar 2014

 

Freitag, 31. Januar 2014:

„Du bist nicht deine Zeugnisnote!“ – dieser Satz springt mir in Deidesheim seit einiger Zeit in die Augen. Danke an den/die, der/ihn aufgehängt hat, gerade heute am Zeugnistag. Die Zeugnisse besitzen bei uns nicht die Wucht wie an anderen Schulen und kommen durch die Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche nicht unvorbereitet auf die Schüler/-innen herab. Sie bedingen bis zur neunten Klasse auch nicht eine Versetzung. Dennoch bekam ich aufgeregte Gespräche mit, wenn es etwa um die Qualifikation für die Oberstufe geht und diese oder jene nicht erreichte Niveau- oder Notenbedingung die erhoffte Schullaufbahn in Frage stellte. Grundsätzlich und heute besonders ist daher der eingangs erwähnte Satz so bedeutend: Wenn wir schon die Noten nicht abschaffen können, so ist beständig die Trennung von Person und Zensur zu betonen! Hoffen wir, dass es bei den einzelnen Schüler/-innen auch so ankommt.

Rechtzeitig, wenn auch noch nicht in allen Verästelungen endgültig, ist der neue Stundenplan fertig geworden. Auch das führt zu Verstimmungen und Diskussionen. Natürlich gehen wir einzelnen Problemen noch nach und suchen nach Lösungen, die erträglich sind. Aber Schuldienst ist kein Wunschkonzert, da ist die eine oder andere Unbequemlichkeit, zumindest für ein Halbjahr, hinnehmbar. Wir werden sehen, welche kreativen Ideen gesammelt werden. Diesen Prozess empfinde ich immer als äußerst spannend, wenn plötzlich Ideen auftauchen, die vorher nicht im Blick waren.

Die Schulaufsicht in Neustadt war heute wohl nur mit wenigen „Statthaltern“ besetzt. Allein drei Verabschiedungen von Schulleiter/-innen in den Ruhestand sind mir heute in meinem Umfeld bekannt. Der erste Februar ist scheinbar in dieser Hinsicht ein magisches Datum. Ich selbst war an die benachbarte IGS eingeladen und sollte, auch im Namen der Direktorenvereinigung der IGSn, Worte des Abschiedes und des Dankes an den scheidenden Schulleiter richten. Bei denjenigen Veranstaltungen dieser Art, bei denen ich bisher anwesend war, dominierte das gesprochene Wort. Und da viele Institutionen zu Wort kommen sollen, sei es die Schulaufsicht, seien es Vertreter der Kommunalpolitik oder schulische Vertretungen, nahmen das Reden oft kein Ende. Dies im Blick behaltend, setzte ich nicht auf das gesprochene Wort, sondern legte meinen Beitrag in den Bereich des gesungenen Wortes. Und siehe da, in der Aula der Schule erklang der Refrain aus vielen Kehlen und im Nachhinein galt mein Liedbeitrag als der gelungenste am rechten Ort. So richtig schief gegangen ist bisher keines dieser Vorhaben, so dass ich mir weiter die Gitarre „vor den Bauch hängen kann“. „Toll, wenn man solch eine Begabung mitbringt!“

 

Mittwoch, 29. Januar 2014:

Als größten Stressfaktor erlebte ich heute wieder die Gleichzeitigkeit von vier (Konflikt)-Aufgaben, die innerhalb kürzester Zeit und ungeplant auf mich zu stürmten und die alle „aus dem Stand heraus“ innerhalb einer Stunde zu regeln waren, dabei sollte ich doch ins Assembly nach Wachenheim. Das geht nur mit Abstrichen. Alle, die an Lösungen mitgearbeitet haben: Danke! Eure Unterstützung unendlich so gut!

 

Dienstag, 28. Januar 2013:

Jetzt ist die Schweigezeit vorüber: Wir haben derzeit vier (!) Schwangerschaften in den Reihen des Kollegiums. Das ist wunderschön und auch ein Zeichen für einen optimistischen Blick in die Zukunft und auch für die Lebendigkeit innerhalb des Kollegiums. Für die Schulleitung heißt es natürlich zusätzlichen Organisationsbedarf, zum Teil haben wir Stunden durch eine andere Unterrichtsverteilung aufgefangen oder Vertretungsverträge sind bereits angeregt, noch ist zwar keiner an der Schule abgekommen und eine Planung heute geplatzt. Doch was bedeuten diese Punkte schon im Vergleich dazu, dass neues Leben entsteht mit all den Hoffnungen, Möglichkeiten und auch Ängsten.

Die Ganztagsschule ist eine Baustelle, seit es die Schule gibt. Umso wichtiger sind Treffen wie heute, bei denen sich alle versammeln, sich austauschen und Ideenentwickeln, wie der Nachmittag auch für ältere Schüler/-innen gestaltet sein könnte, damit er nicht als „Gefängnis“ erlebt wird. Und gerade die Gruppe der Ganztagskräfte, die für „ein Appel und Ei“ kommen und sich engagieren, ist für das Wohlbefinden an Bedeutung nicht zu unterschätzen. Erste Ideen haben wir heute gesammelt: veränderte Essenskultur, Lockern der Struktur, attraktive Angebote. Für mich selbst bleiben zwei Fragen übrig: Wie kann ich für diese Gruppe mehr Wertschätzung hinbekommen? Sollten wir die Frage der rhythmisierten Ganztagsklassen neu diskutieren?

 

Montag, 27. Januar 2013:

Die Flut der Anfragen nach einem Schulplatz lässt nicht nach. Wie soll oder kann ich ihr angemessen begegnen? Selbst zu den (manchmal ausufernden) Telefongesprächen komme ich nicht. Auf der anderen Seite will ich keinen einfach nur abblocken. Und vor allem: Was tun, wenn verzweifelte Eltern nicht anrufen, sondern bereits (weinend) vor der Tür stehen? Natürlich ist es wunderschön, fast täglich von dem (zu?) guten Ruf unserer Schule zu hören. Auch schön, dass so viele wie möglich dazugehören oder davon profitieren wollen. Aber es bleibt durch jeden Anruf und gar durch unangemeldete Besuche Arbeit liegen, die zu tun habe. Wie wird die diesjährige Anmelderunde verlaufen? Sind das bereits Vorzeichen auf eine heftigere als im letzten Jahr? Und dann, mitten im Trubel, überreichte mir eine Schülerin einen wunderschönen Brief, an mich adressiert. Ich darf daraus zitieren:

„Lieber Herr Dumont,

gestern Abend habe ich mir nach einiger Zeit mal wieder die Anfänge des Tagebuchs, das Sie auf der Homepage führen, durchgelesen. Bei dem Blick auf das Datum und dem Gedanken, dass sich bald der erste Jahrgang der IGS auflöst, sind mir die Tränen gekommen. Ich habe angefangen, darüber nachzudenken, was diese Schule aus mir gemacht hat. Ich bin so dankbar dafür….Ich bin stolz darauf, eine Schülerin der IGS zu sein!“  

Das ist so schön zu lesen und das setzt soviel Energie frei. Mögen es möglichst viele lesen, die freilich auch mit dem Wust an Arbeit bei uns belastet sind und nicht immer wissen, woher die Energie zu alldem nehmen. Mögen sie daraus die Kraft ziehen, die wir benötigen, trotz allem Aufwand zu wissen: Ja, wir sind auf einem guten Weg! Da rücken die Schulplatzanfragen wieder etwas in den Hintergrund…

Ich habe es immer wieder erzählt und bin auf Skepsis, Erstaunen und Unglaube gestoßen: Über 400 pubertierende Jugendliche sitzen auf Matten in der Turnhalle, einige Schüler/-innen haben selbstständig eine Tagesordnung geplant und vorbereitet, das Ruheziechen (wenngleich mehrmals notwendig) erzielt seine Wirkung, zur Einstimmung erschallt Musik, anschließend ein Jahresrückblick mit Bildern über Beamer an die Leinwand „geworfen“… Assembly in Deidesheim mit vier Jahrgängen! Grandios! Freilich müssen wir an der Moderation feilen, freilich müssen wir an der Tagesordnung „basteln“  und freilich benötigen wir Konzeptarbeit, wenn ab Sommer die Oberstufe hinzukommt. Stimmen aus Jahrgang 10, die Langeweile signalisierten, müssen wir beachten. Keiner hat das Assembly als „fertig“ bezeichnet. Ich sehe es immer noch als Durchgang auf dem Weg zu einem Schülerparlament. Aber so, wie es sich heute präsentiert hat…nur klasse!

 

Freitag, 24. Januar 2014:

Schulorganisatorisch ist die derzeitige Phase immer von besonderer Hektik geprägt: Alles läuft auf die pünktliche und exakte Zeugnisausgabe zu (dafür sind – modern ausgedrückt -  viele inhaltliche, organisatorische, bürokratische und kommunikative Steuerungsmechanismen notwendig), parallel laufen die aufwändigen Vorbereitungen für den neuen Stundenplan, der wiederum von der sich verändernden Personalsituation abhängt (Krankheiten, Wechsel der Lehramtsanwärter mit anderen Fächern, Schwangerschaften) und der für den Schulbereich magische Termin des ersten Februar als Stichtag für alle Art von Anträgen (Versetzung, Teilzeit, Altersteilzeit) kommt noch hinzu. Dank an alle, die zusätzlich auch noch daran beteiligt sind. Gestern kam noch eine Besprechung mit dem Förderteam hinzu, um die Förderstunden im zweiten Halbjahr sinnvoll aufzuteilen. Letztendlich aber ist die Aufteilung nur vorläufig, da sie wiederum vom neuen Stundenplan abhängig ist. Umgekehrt können Vorgaben für diesen die Fördersituation verbessern. Sprich: Die Woche ist bei mir um, bevor sie (gefühlt) richtig begonnen hat, ohne das „Gefühl“, viel bewirkt zu haben. Jedes kleine Detail ist zwar wichtig im großen Getriebe, keine Frage, aber wer nur an „kleinen Schräubchen“ im „Innenausbau“ dreht, entwickelt nicht das Gefühl für die eine „große Baustelle“. Hinzu kamen diese Woche noch die Vorbereitungen für die (erstmals) zwei Anmeldungen für die Klassen 5 und 11, eine ganze Reihe von Kontakten zur Schulaufsicht nach Neustadt und zur obersten Schulaufsicht nach Mainz - Abstimmungsbedürfnis überall. Auch zeittypisch für Ende Januar: Die vielen Anfragen wegen eines gewünschten  Schulwechsels zu uns. Auch in diesem Bereich wirft die Zeugnisausgabe ihre (hier durchaus auch begrifflich doppeldeutigen) Schatten voraus.

Am Nachmittag trafen dich die IGS-Schulleiter zu ihrer regionalen Runde. Das Thema Praxistag an der verschiedenen Gesamtschulen war das Hauptthema, aber auch die bevorstehende Anmelderunde und wieder einmal die Abschlussbedingungen (Es tauchte ein Fall auf, dass ein Schüler einer neunten Klasse aufgrund der Ausgleichsbedingungen die Berufsreife nicht erreicht hat, dafür aber die Versetzung nach Klasse 10. Ein wohl übersehener Irrwitz der juristischen Bestimmungen). Ich muss das mal genau anhand der Schulordnung eruieren.

 

Mittwoch, 22. Januar 2014:

Was ich gestern schrieb, fand heute sein Fortsetzung auf Schülerseite. Die Assembly-Gruppe der SV in Wachenheim lobte einen Talentwettbewerb aus, der heute über die Bühne ging. Sie hatten eine Jury gebildet, Beiträge gesammelt, Urkunden selbst angefertigt und Preise besorgt. Der Raum war vorbereitet, die Technik war aufgebaut. Das Programm lief wie am Schnürchen ab, es wurde Beifall geklatscht und sogar das Ruhezeichen (ohne Lehrerhand!) führte zu der erwünschten Wirkung. Wir Lehrkräfte saßen dabei, staunten und glaubten: Das kann doch nur ein Traum sein. Vier Schüler/innen aus dem sechsten Jahrgang gestalten das Assembly allein und alles läuft wie am Schnürchen. Besser hätten das die Lehrkräfte auch nicht hinbekommen. Danke euch, für diese herrlichen 45 Minuten!

 

Dienstag, 21. Januar 2014:

Erster Tag der Zeugniskonferenzen. Ich selbst besuchte die des fünften Jahrgangs und erlebte erneut, wie sich auch dieses neue Team wertschätzend pädagogisch über die Schüler/-innen unterhält, hier Unterstützung anbietet, dort weitere Ideen entwickelt, wie den einzelnen Schüler/-innen geholfen werden könne; da fiel kein abschätziges Wort bei Kindern, die viel und aufwändige Arbeit erfordern, da wurde emphatische Pädagogik sichtbar – sprich: Mich ergriff ein Wohlgefühl und auch etwas Stolz (ich kann es nicht verhehlen), Schulleiter dieser Schule sein zu dürfen. So ein Nachmittag baut auf und gibt Kraft. Danke an euch alle!

 

Freitag, 17. Januar 2014:

Gestern tagte die Konzeptgruppe für die Oberstufe erneut. Wir brachten das vorbereitete Anmeldeformular in die endgültige Form – es kann nun auf die Homepage hochgeladen werden. Eine andere Kleingruppe befasste sich mit den Profilfahrten. Es ging nicht um konkrete Ziele oder Unternehmungen, sondern um einen Leitfaden. Beispielsweise sollten immer beide verknüpften Fächer abgedeckt sein. Im Kulturprofil mit den beiden Fächern Deutsch und Bildende Kunst drängt sich sofort eine Fahrt in die Stadt der Deutschen Klassik schlechthin, Weimar, mit den literarischen Monolithen Goethe und Schiller an. Die Kunst könnte in einer Tagesfahrt nach Dresden in den dortigen „Zwinger“ zu ihrer Geltung kommen.

Heute sah mich die Schule gar nicht. Zur Vorbereitung der in diesem Jahr wieder stattfindenden Landesdirektorenkonferenz trafen sich die Sprechergruppen der Direktorenvereinigungen Gymnasium und IGS mit der Abteilungsleiterin und der Ministerin. Es wird in diesem Jahr so sein, dass wir den ersten Tag mit beiden Schularten bestreiten, um die Dinge zu klären die beide betreffen (etwa die Bildungsstandards zum Abitur). Am zweiten Tag werden wir nach Schularten getrennte Tagesordnungen bearbeiten. Damit wird der Hauptkritik aus den Reihen der Gesamtschule Rechnung getragen werden (siehe Eintrag vom 22. April 2012). Von früher wohl üblichen Spannungen zwischen den beiden Schularten war heute nichts zu spüren. Immer wieder kam Wertschätzung und auch Anerkennung zum Vorschein. Mag sein, dass die Worte der Ministerin ihren Anteil daran haben, mag sein, dass die ideologischen Grabenkämpfe vergangener Zeiten überwunden sind, mag schließlich auch sein, dass anderes „Personal“ bei allen drei „Institutionen“ zu einem entspannten Arbeiten in pädagogischer Verantwortung beiträgt. Insgesamt kamen wir resümierend zu der Auffassung: Der Tag hat sich gelohnt. So, wie die Landesdirektorenkonferenz im April nun strukturiert und vorbereitet ist, werden die Beteiligten beider Schulformen einen Nutzen daraus ziehen können.

 

Mittwoch, 15. Januar 2013:

Der hospitierende Kollege vom Montag bedauerte es, dass er kein Assembly miterleben konnte. Kurzerhand lud ich ihn daher für das heutige ein. Er erlebte einen bunten Strauß an Themen. Zunächst stellten die Standortsprecher in Wachenheim ihren Talentwettbewerb vor, anschließend erklang unser Schulkanon. Unser heutiger Gast war von ihm besonders angetan, weil er so ritualisiert sei und der gesamte Jahrgang ihn ohne viel Lenkung  in zwei Gruppen erklingen ließ. Abschließend meinte er: „Ich habe eine gute Mischung aus Neuem, Organisation und Bekanntem gesehen, mit Lehrer- und Schülerbeteiligung. Beeindruckend!“

 

Montag, 13. Januar 2013:

„Ich soll im Rahmen der Fortbildung einen Tag lang bei einem Schulleiter hospitieren. Kann ich das bei dir machen?“ So lautete die Anfrage, die mich bereits Anfang Dezember erreichte. „Willst du dies nicht bei einem Schulleiter mit mehr Erfahrung machen?“ Da wir uns aber persönlich kennen, sagte ich zu und hatte ich heute einen Hospitanten an meiner Seite. Es war auch recht ergiebig, denn wir haben versuchten uns an der Personalplanung für das zweite Halbjahr. Durch den Weggang unserer Lehramtsanwärter, durch zwei neue und die (gestaffelte) Rückkehr von wieder genesenden Kolleg/-innen ist Bewegung auch in die Unterrichtsverteilung gekommen. Alle neuen Lehramtsanwärter waren inzwischen da und haben sich kurz vorgestellt. Ich wünsche euch eine erfolgreiche Zeit bei uns. Mögt ihr viele Eindrücke in den fünfzehn Monaten erhalten. So startet also bereits die „dritte Generation“. Die Schulleitungsrunde allerdings konnte fand allerdings ohne uns beide statt. Wie in jedem Jahr treffen sich die abgebenden Schwerpunktschulen im Grundschulbereich mit den beiden Gesamtschulen, um über die Kinder zu reden, die im kommenden Schuljahr an eine unserer Schulen kommen sollen – so gesehen ja eine Besonderheit der Schwerpunktschulen, die nur einmal im Jahr stattfindet und daher durchaus für eine Hospitation geeignet. Also machten wir uns auf in die IGS Grünstadt. Da die Schulaufsicht in diesem Jahr mit von der Partie war und der zuständige Referent ein neuer ist, war ich gespannt.ch hatte schon mal im Tagebuch von einer solchen Übergabekonferenz geschrieben und erlebte auch die heutige als pädagogisch reichhaltig, vor allem, weil einmal mehr die verschiedenen Kinder im Vordergrund standen.

 

Mittwoch, 08. Januar 2013:

Eigentlich und für alle anderen beginnt heute der Unterricht im neuen Jahr. „Eigentlich“ meint an dieser Stelle: „Nicht für mich!“ Ich plage mich mit den Folgen einer Zahn-Operation herum. Liegen geht nicht, das übt zu viel Druck auf die Wunde aus. Da ich also den Tag sitzend verbringen muss, möglichst ohne zu lachen, denn diese „Gesichtsverzerrung“ schmerzt am meisten, kann ich auch schreiben, das lenkt wenigstens ab. Allen, die heute in der Schule starten, wünsche ich einen guten Anfang!

Wo stehe ich denn nun nach all der Islam-Lektüre? Verschiedenen Fragen, die in der aktuellen Diskussion immer wieder gestellt werden, kann ich inzwischen anders, differenzierter begegnen.

Ruft der Koran nicht zur Gewalt auf? Nachdem, was ich bisher überblicke, stehen zum Beispiel folgende Sätze im Koran:

„Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf“ (Sure 9 Vers 5).

Aber sollte mit diesen Sätzen, die keinesfalls die Grundaussage des Korans darstellen, nicht auch anders umgegangen werden? Bedürfen sie nicht der Relativierung? Sind sie nicht in den jeweiligen historischen Kontext zu stellen und damit anders zu interpretieren? Und: Auch in der Bibel sind ohne Probleme gewalttätige Sätze in nicht geringerer Anzahl zu finden. So etwa im Alten Testament:

„Wer irgendeinen Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben“ (Lev 24, 17).

„… so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme“ (Ex 21, 23f).

„Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoniter, Kanaaniter und Persiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat“ (Dtn 20, 16f).

Am Aufforderungscharakter stehen diese Aussagen denen des Korans in nichts nach. Würde aber damit jemand die gesamte Bibel, oder das Judentum oder Christentum insgesamt diskreditieren? Auch historisch schauen wir doch auf eine blutige Kirchengeschichte zurück: von den Kreuzzügen, über die Hexenverbrennungen, über stets zu Gewalt bereite Inquisition und die Missionierung mit Feuer und Schwert. Daher schließe ich mich gerne Alexander Flores an: „Wer den Koran aufgrund seiner menschenrechtlich problematischen Passagen verdammen will, kann das tun. Wer ihn verdammt, aber die Bibel nach den strikt gleichen Maßstäben retten will, ist blind oder unredlich“ (Flores, S. 28). Beide heiligen Bücher können unreflektiert und die historische Situation, in die sie hinein gesprochen oder geschrieben wurden, außer Acht lassend, für eigenes Machtstreben und Gewaltlegitimation von Fehlgeleiteten missbraucht werden. Daraus eine Gegnerschaft oder gar Phobie gegen den Koran allein abzuleiten, ist nicht haltbar. „Als Fazit der Betrachtung des Korans lässt sich festhalten, dass sein Inhalt die Auffassung eines radikal von anderen Weltreligionen abweichenden Charakters des Islams nicht rechtfertigt“ (ebd. S. 29).

Wie differenziert die Frage des Kopftuches oder Schleiers untersucht werden muss, mag bereits oben deutlich geworden sein. Auch in Fragen der Unterdrückung von Frauen stehen Aussagen etwa des Apostels Paulus nicht auf der Höhe heutigen Verständnisse:

„Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen in den Gemeindeversammlungen schweigen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt“ (1. Kor 14,33b-34).

"Ich lasse euch aber wissen, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist; der Mann aber ist das Haupt der Frau" (1. Kor 11,3).

Inzwischen würden diese Worte in keiner aktuellen Auslegung mit einer wörtlichen Übertragung durchgehen. Selbstredend beziehen heutige Theologen diese Aussagen auf das historische Gemeindeverständnis, der Begriff im griechischen Original („ecclesia“) wurde an dieser Stelle allzu gern mit „Kirche“ übersetzt und daraus die Männerdominanz in der katholischen Kirche begründet. Auch hier hat der differenzierte, historisch-kritische Umgang Einzug gehalten, den ich jedem unkritischen Umgang mit Koran-Texten wünsche.  

Wie stellt sich nun aber die Geschichte des Islam dar, welche anscheinend alle diese Aussagen im Verständnis der westlichen Welt so problematisch deutet und festlegt? Welche historischen Entwicklungen führten dazu? Da hilft wiederum nur genauere Kenntnis. Ich greife dazu auf das Grundlagenwerk von Hans Küng, „Der Islam – Geschichte, Gegenwart, Zukunft“ (München 2004) zurück – ein Buch wie ein Backstein mit seinen knapp 900 Seiten.

Seit den Neunziger Jahren ist mir das „Projekt Weltethos“ bekannt, das Hans Küng vorantreiben will. Er hat dazu eine Trilogie erarbeitet. Die ersten beiden Bände „Das Judentum“ und „Das Christentum“ lagen seit längerem vor. Da ich während des Studiums durch Hans Küng zwar kirchenkritisch-systematische Vorgehensweisen kennen lernte, aber wenig Impulse für mein theologisch-religiöses Leben erhalten hatte (obwohl er als einer der führenden Theologen gilt, der maßgeblich als Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil Anerkennung erhielt, der wegen seiner Kritik am Unfehlbarkeitsdogma später die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen bekam), ließ ich diese Bände bisher links liegen. Nun staune ich neu über das Projekt, denn ich finde darin bereits auf Seite 19 den trialogischen Grundansatz, auf eine globale Ebene gehoben, wieder:

„Kein Friede unter den Nationen

ohne Frieden unter den Religionen.

Kein Friede unter den Religionen

ohne Dialog zwischen den Religionen.

Kein Dialog zwischen den Religionen

ohne Grundlagenforschung in den Religionen.“

Wohlan denn! Es wird natürlich seine Zeit dauern, bis ich mich durch diesen „Schmöker“ gearbeitet haben werde. Aber ich will die Entwicklung vom barmherzigen Gott des Korans, wie ihn Korchide betont, zu der gegenwärtigen Angst vor dem Islam bzw. zu der wahrnehmbaren Islam-Feindlichkeit besser verstehen.   

 

Epiphanie 2014:

Zwei E-Mails erreichten mich auf den Weihnachtsbrief hin, den ich auch nach „außerhalb“ an liebe Menschen gesandt habe, die mit Schule irgendwie verbunden sind. Sie zeigen, dass das Anliegen des Trialogs durchaus auch außerhalb des Wettbewerbs bedacht wird: 

„Lieber Georg, vielen Dank für deine besinnlichen Weihnachtsgrüße! In unserer gerade zu dieser Zeit des Jahres christlich geprägten Kultur ist es schön, den Brückenschlag zu anderen Religionen zu suchen, zumal diese in unserer Kultur zunehmend an Bedeutung und Verankerung gewinnen…“

„Lieber Georg, …Mich wundert es schon seit Jahren, dass die Religionen, die so viel miteinander gemeinsam haben - Judentum, Christentum, Islam - es nicht auf die Reihe kriegen, Frieden miteinander zu schließen. Man könnte den Schluss ziehen, dass das Bodenpersonal nicht dazu geeignet ist, Frieden in die Welt zu bringen.“

Nachzutragen bleibt zum Thema Mohammed noch die so genannte Sunna (Gewohnheit, übliche Handlungsweise, Brauch), bestehend aus unzähligen Hadithen (Singular: Hadith, mündliche Mitteilung, Erzählung). „Bereits im Lauf des zweiten islamischen Jahrhundert (ca. 720 – 820) entwickelt sich die Überlieferung von Aussagen und Handlungen Mohammeds zu einer wichtigen Quelle der islamischen Theologie und Rechtsgelehrsamkeit, die an Bedeutung nur dem Koran nachsteht“ (Schöller, S. 62). Der Aufforderung in Sure 4 Vers 80: „Wenn einer dem Gesandten gehorcht, gehorcht er (damit) Gott“ (Übersetzung Paret) war lediglich mit dem Koran nicht gerecht zu werden, weil er zu vielen bzw. den meisten Belangen des alltäglichen Lebens keine konkreten Hinweise gibt. „Auch die im Koran niedergelegten Regelungen, etwa zum Erbrecht oder zu rituellen Verrichtungen (Gebet, Fasten usw.), sind mehrdeutig oder bedürfen der Ergänzungen im Detail. Dies leisten die Aussagen Mohammeds, wie sie in den Hadithen überliefert sind“ (ebd. S.64). Also sammelte man alles, was über Mohammed zu erfahren oder zu überliefern war. Es entstanden riesige Sammelwerke, denn die Anzahl der Hadithe geht über die hunderttausend hinaus. „Mögen auch die meisten Hadithe nicht auf Mohammed selbst oder seine Zeit zurückgehen, so reichen sie doch mehrheitlich sicher bis ins 8. Jahrhundert zurück und bewahren die Hauptelemente seiner Lehre“ (ebd. S. 68). Dabei können die einzelnen Hadithe von ganz unterschiedlicher Länge sein, je nachdem, ob sie lediglich einen auf Mohammed zurückgeführten Ausspruch enthalten oder längere Episoden erzählen. Formal bestehen die Hadithe immer aus zwei Teilen. Der vorangestellte, erste (genannt isnad) enthält die gesamte Überlieferungskette vom Erstüberlieferer an. Man wollte damit sicherstellen, dass nur authentische Aussagen gesammelt werden und Missbrauch möglichst ausgeschlossen ist. Der zweite Teil enthält dann den eigentlichen Text (matn). Hartmut Bobzin führt in seiner Mohammedbiografie aus der großen Hadithsammlung von al-Buhari ein Beispiel an:

isnad: Es überlieferte uns ‚Abdallah Ibn Yusuf, das uns al-Lait von ‚Uqail von Ibn Sihab von Urwa Ibn az-Zubair von Aischa (Gott habe Wohlgefallen an ihr!) überlieferte:

matn: Dass der Prophet (Gott segne ihn und spende ihm Heil!) im Alter von dreiundsechzig Jahren gestorben ist“ (Bobzin, Mohammed, S. 25).

Natürlich kann es dabei vorkommen, dass die Länge der Überlieferungskette den eigentlichen Text um ein Mehrfaches übersteigt. Bekannt geworden und als anerkannt gelten heute sechs große Hadith-Sammlungen mit jeweils 4.000 bis 7.000 Hadithen. „Unter diesen sechs können wiederum die Sammlungen al-Buharis und Muslims den höchsten Rang für sich beanspruchen: Man nennt sie gemeinhin ‚die beiden korrekten Sammlungen‘“ (Schöller, S.72). Mehr einem Zufall verdanke ich die Kenntnis, dass eine Auswahl von al-Buharis Hadithen auf Deutsch vorliegt, ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Dieter Ferchl (Stuttgart 2013).

Einleitend schreibt Ferchl, dass die mündliche Überlieferung natürlich ein sehr gut funktionierendes Gedächtnis voraussetze, was aber in orientalischen, zumal in denen der islamischen Frühzeit schriftarmen bzw. –losen Gesellschaften keine Besonderheit darstelle (vgl. ebd. S.10). Ferchl merkt dazu an: „Neben einigen Fehlern, die durch mangelhafte Übermittlung entstanden, wurden Hadithe auch bewusst verfälscht“ (ebd.) und macht dafür politische, dynastische, dogmatische und juristische Streitigkeiten in dem angewachsenen islamischen Einflussgebiet geltend. „Für unseren Zusammenhang sind drei Termini von Bedeutung, die für die Beurteilung der Authentizität der Hadithe verwendet werden:

- „Sahih“ – „gesund“ ist ein Hadith, dessen Überliefererkette keine Mängel erkennen lässt.

-  „Hasan“ – „schön“ bezeichnet ein Hadith, dessen Isnad nicht ganz vollständig oder dessen Gewährsleute nicht unumstritten sind.

- „Da’if“ – „schwach“ wird ein Hadith mit größeren Mängeln genannt“ (ebd. S. 11f).

Al-Buhari wurde 810 geboren. Im Alter von elf Jahren begann er mit ersten Studien und Sammlung der Hadithen. Im Laufe seines Lebens studierte er in Mekka und Medina und weiteren Zentren islamischer Gelehrsamkeit. Dabei sammelte er mehr als 600.000 Hadithe. Er „…unterzog jedes einzelne einer genauen Überprüfung. Letztlich erschien ihm nur bei 7.400 Hadithen die Authentizität als wirklich gesichert, nur sie nahm er in seine berühmte Hadithsammlung auf“ (ebd. S. 13).

Bei einer ersten Annäherung an die 661 von Ferchl ausgewählten Hadithen wurde mir erstmals bewusst, wie sehr mit dem Alltäglichen durchtränkt  das Bedürfnis der Muslime ist, dem Vorbild oder dem Willen Mohammeds zu folgen und damit letztlich Gottes Willen gerecht zu werden. Erwartet hatte ich sehr wohl Hadithe zu Glaubens- und Gebetsfragen oder Regelungen zum Fasten wie etwa die folgenden:

„Anas, Gott möge an ihm Wohlgefallen haben, berichtet, der Prophet, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, habe gesagt: Keiner von euch ist wirklich gläubig, bevor er nicht seinem Glaubensbruder das wünscht, was er für sich selbst erhofft“ (ebd. S. 35).

„Abu Huraira berichtet, der Gesandte Gottes, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, habe gesagt: Wer sich aufrichtig zum Islam bekennt, dessen gute Tat wird ihm zehn- bis siebenhundertfach gutgeschrieben, während seine schlechte Tat nur als solches notiert wird“ (ebd. S. 41).

„Aisa berichtet, der Prophet, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, habe gesagt: Einmal fiel mein Blick während des Gebets auf die Hamisa, die ich anhatte. Da kamen mir Bedenken, dass ihre Verzierungen mich beim Gebet ablenken könnten“ (ebd. S.101).

„Abu Maslama Sai’id Ibn Yazid al-Azdi berichtet: Ich fragte Anas Ibn Mailik: ‚Hat der Prophet, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, während des Gebets jemals Sandalen getragen?‘ – ‚Ja‘, erwiderte er (ebd. S. 103).

Abu Huraira  berichtet, der Prophet Gott segne ihn und schenke ihm Heil, habe gesagt: Wenn jemand das Fasten vergisst und versehentlich isst und trinkt, soll er anschließend sein Fasten fortsetzen. Gott war es, der ihm zu essen und zu trinken gab“ (ebd. S. 234).

Ebenso las ich Aussagen zur Ehescheidung als betroffener Katholik mit Neugier und Überlieferungen zu den Gebetszeiten und dem Gebetsruf finden ihren angemessenen Platz. Erstaunt war ich aber darüber, Hadithe zu folgenden Themen zu lesen: „Ackerbau und Landwirtschaft“, „Die Entschädigungszahlung“, „Das Deuten von Träumen“, „Die Menstruation“ oder „Die Medizin“. Und immer wieder stellte sich mir die Frage: Wie können diese Hadithe aus dem 8. Jahrhundert einen Beitrag für das heutige religiöse Leben leisten? Denn ich stieß auch auf in meinen Augen kuriose Aussagen, deren Relevanz für ein gelebtes Glaubensleben sich mir nicht erschließt. Etwa:

„Zaid Ibn Halid al-Guhani berichtet: Ich fragte ‚Utman Ibn ‚Affan: ‚Wie soll ein Mann die Waschung verrichten, wenn er seiner Frau beigewohnt hat, aber keinen Samenerguss hatte?‘ ‚Utman erwiderte: ‚Er soll wie vor dem Gebet die kleine Waschung verrichten und zusätzlich seinen Penis waschen. Dies sagte der Gesandte Gottes, Gott segne ihn und schenke ihm Heil“ (ebd. S.79)

„Abu Huraira   berichtet, der Gesandte Gottes Gott segne ihn und schenke ihm Heil, habe gesagt: Wenn eine Fliege in ein Gefäß mit Flüssigkeit fällt, dann taucht sie erst vollständig unter, bevor ihr sie herausnehmt und wegwerft. Denn in einem Flügel ist eine Krankheit, während im anderen Flügel ein Heilmittel dagegen ist“ (ebd. S. 408).

„Abu Huraira  berichtet, der Gesandte Gottes Gott segne ihn und schenke ihm Heil, habe gesagt: Wenn ihr eure Schuhe anzieht, dann beginnt mit dem rechten. Und wenn ihr eure Schuhe auszieht, beginnt mit dem linken. Der rechte Schuh soll zuerst angezogen und zuletzt ausgezogen werden“ (ebd. S. 416).

„Ibn ‚Umar  berichtet, der Gesandte Gottes Gott segne ihn und schenke ihm Heil, habe gesagt: Schneidet den Schnurrbart kurz und lasst den Kinn- und Backenbart lang!“ (ebd. S. 419).

„Abu Huraira   berichtet, der Gesandte Gottes Gott segne ihn und schenke ihm Heil, habe erzählt: Gott liebt das Niesen, und er verabscheut das Gähnen. Wenn jemand niest und anschließend ‚Preis sei Gott‘ sagt, so soll jeder Muslim, der ihn hört, ‚Gott erbarme sich deiner!‘ erwidern. Das Gähnen aber ist von Teufel. Unterdrückt es, so gut es geht. Und wenn jemand beim Gähnen ‚Haa‘ macht, lacht der Teufel über ihn“ (ebd. S.440).

Es verwundert nicht, dass zum Verstehen der Hadithe über die Jahrhunderte hinweg wiederum ein unübersehbar reichhaltiges Schrifttum entstanden ist. Keinem „Normal-Gläubigen“ ist es möglich, dies alles in seinem Leben kennen zu lernen, geschweige denn einzuhalten. Dementsprechend groß ist das Bedürfnis nach Unterstützung durch islamische Gelehrte. Zudem stößt dieses enge und alles umfassende Regelwerk an die Grenzen meines (westlich geprägten) Verständnisses des Menschen als selbstbestimmtes, einmaliges Individuum. Und vor allem taucht die Frage auf: Wie ist mit denjenigen umzugehen, die das Regelwerk nicht (in allem?) einhalten (können)?

Zu Beginn, als ich mich mit dem Islam näher befasste, erschien ein weiteres Buch von Mouhanad Korchide mit dem Titel „Scharia – der missverstandene Gott“ (Freiburg, Basel, Wien 2013). In der Tageszeitung (DIE RHEINPFALZ Nr. 268 vom 19. November 2013) wurde zu diesem Anlass ein Artikel veröffentlicht, in welchem auf die Kritik der muslimischen Verbände (Plural? und alle?) hingewiesen wird. Nun überrascht es mich nicht, dass Korchide bei korantreuen Muslimen Widerspruch hervorruft. Das darf sein und wird auch die Auseinandersetzung beflügeln. Was mich stört und ärgert ist, dass (zumindest in diesem Artikel) keinerlei inhaltliche Auseinandersetzung erwähnt wird, sondern Zweifel an „Korchides Fähigkeit, wissenschaftlich zu arbeiten“ (ebd.) geäußert werden. Und zudem wird Korchide vorgeworfen, „theologische Irrlehren“ (ebd.) zu verbreiten. Diese Wortwahl und dieses Ansinnen sind mir aus meiner eigenen Kirche nur allzu gut bekannt. Ausgrenzung statt inhaltlicher Diskussion. In beiden Fällen scheint mir sich selbst zugeschriebene Deutungshoheit vorzuliegen.

Nein, ihr Herren (!) jedweder Religion und Konfession, ich gewähre euch diesen Eingriff in mein Leben nicht (mehr). Ich verfüge über einen funktionierenden Verstand, den ihr nicht mit Glaubenssätzen, die nicht hinterfragt werden dürfen, beleidigen dürft. Alles, was ihr in Geschichte und Gegenwart verkündet habt, ist immer verdächtig eng verbunden mit der Gier nach Macht und dem Wunsch nach Einfluss, auf alle Fälle aber mit autoritären Strukturen, in denen ich, immerhin auch ein Geschöpf Gottes wie ihr, keine Rolle spiele. Den Kontakt zu Gott kann ich ohne euch aufbauen, dazu sind mir eventuell eure Einwürfe und Formulierungen eine Hilfe. Stellt mir eure Angebote vor, werbt wegen mir dafür, aber lasst mir meinen selbstbestimmten Weg der Auseinandersetzung damit. Sprecht mir meinen Glauben auf keinen Fall ab, nur weil ich nicht mit euch übereinstimme! Nehmt euch und eure jeweiligen Glaubenssätze nicht so wichtig! Weshalb seid ihr so wenig gelassen, wenn es um (in euren Augen) „ewige Wahrheiten“ geht? Manchmal drängt sich mir der Verdacht auf, ihr könntet selbst darin unsicher sein, allein schon deshalb, weil ihr so vehement auf ihnen besteht.  Ich gebe euch für meinen Lebensentwurf keine Zugriffsrechte mehr. In Fragen der Religion zitiere ich gerne den anonymen Vierzeiler, den ich seit über drei Jahrzehnten mit mir herumtrage. Ich habe ihn im Studium und in meinen Oberstufenkursen immer wieder hin- und hergewendet:

„Ich  bin, ich weiß nicht wer.

Ich komm, weiß nicht woher.

Ich geh, weiß nicht wohin.

Mich wundert, dass ich so fröhlich bin."

Das sind die Fragen und Zusammenhänge, die Religionen klären müssen und wollen. Und nur Religionen können sie beantworten. Es geht um mein Da-Sein, um meine Existenz, um die zentralen Fragen, die der Mensch von Anbeginn an stellt. Schon die frühesten Höhlenmalereien künden davon. „Herausgefallen aus der Natur“ ist dieser homo sapiens mit einem reflektieren könnenden Verstand ausgestattet, der allerdings allein, trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse darauf keine Antworten geben kann. Und doch muss er damit umgehen. Vielleicht war es zu Zeiten meiner Vorfahren einfacher zu leben, denn die Fragen waren (zunächst von außen und dann übernommen) unantastbar beantwortet, etwa in der Art:

„Ich bin und Gott weiß wer.

Ich komm, Gott weiß woher.

Ich geh, Gott weiß wohin.

Kein Wunder, dass ich so fröhlich bin.“

Dieser Zugang ist mir Heutigem versperrt. Ich glaube nicht, dass er sich mir noch einmal eröffnen kann. Ich muss, wie jeder im Leben, den Vierzeiler für mich selbst formulieren bzw. inhaltlich bestimmen. Vielleicht ist es aber auch mein Weg, mich stets und andauernd mit ihm befassen zu müssen, aber Antworten als lebenslang Suchender schuldig zu bleiben. Auf alle Fälle erhalte ich keine Antworten, wenn sich mein Christ-Sein in erster Linie darauf stützt, freitags kein Fleisch zu essen, als Muslim eine bestimmte Bartlänge einzuhalten, als Jude am Sabbat kein Auto zu fahren. Das mögen Stützen sein, das mag flankierend eine Wichtigkeit erlangen und eine Struktur vorgeben. Aber ein starres Korsett kann den Zugang zum Glauben, gleich welcher Religion und Konfession, verhindern. Hilfreich ist es auf jeden Fall nur dem, der darin, freiwillig und selbstbestimmt, eine Orientierung findet, für dessen Lebensweg diese Leitplanken eine hilfreiche Rolle spielen, auch im Sinne der Abgrenzung (Ich gehöre dazu und nicht dazu.) – aber ich selbst möchte den Weg ausprobieren können. Vielleicht ist es auch notwendig, phasenweise nur den „Randstreifen dieses Weges zu befahren“ oder auf der Wiese dahinter zu liegen und an den Blumen zu riechen. Es hilft nichts: religiös ist eine Frage, wenn sie meine Existenz beruhigt, nicht, wenn sie mir vorschreibt, was ich zu tun und zu lassen habe. Was nützt es meiner aufgewühlten, modernen, wegen mir auch säkularen Existenz, wenn ich alle Gebote meiner Religion eingehalten, aber an meiner Seele vorbeigelebt habe? Wo ist mein Platz in diesem Leben, wenn ich eine Ethik befolge, die nicht aus mir heraus entstand, die ich (wegen der angedrohten Höllenstrafen oder aus Angst?) eingehalten habe, aber mein Herz weiter in existentiellem Niemandsland wandeln muss?

Am heutigen Fest Epiphanie feiert die katholische Kirche die „Erscheinung des Herrn“, die orthodoxe und serbische Kirche das Weihnachtsfest, nächste Woche feiern die Muslime die Geburt des Propheten, während wir bereits überlegen, wann wir den Christbaum „abbauen“. So reichhaltig kann religiöse Vielfalt sein und so vielfältig mögen auch die Zugänge zu religiöser Lebensführung sein –  aber stets als freie und individuelle Entscheidung in jedem/r Einzelnen selbst und nicht „von oben“ mit einem ausschließenden Verhaltenskodex und verpflichteten Glaubenssätzen erzwungen.

                                                                                                      

04. Januar 2014:

Die Lektüre von Korchides „Islam ist Barmherzigkeit“ hinterließ bei mir einige Fragen (siehe Eintrag vom 27.10.2013), zu denen ich Antworten erhoffte. Zunächst wendete ich mich dem Koran zu und besorgte mir von Hartmut Bobzin „Der Koran. Eine Einführung“, (München 72007). Gleich zu Beginn las ich ein Beispiel, das die Kompliziertheit der Beschäftigung mit dem Koran verdeutlicht. Mit dem Wort „Koran“ (arabisch: qur’an) können vier verschiedene Dinge ausgedrückt werden:

„a) der Vortrag eines Offenbarungstextes an Mohammed selbst

 b) der öffentliche Vortrag dieses Textes durch Mohammed

 c) der Text selbst, der vorgetragen wird

 d) die Gesamtheit der vorzutragenden Texte, d.h. der Koran als Buch“    (ebd.S.20)

Diese vierfache Bedeutung wirft nun an verschiedenen Stellen Fragen des Verständnisses auf. Wenn etwa in Sure 2,185 steht: „Der Monat Ramadan ist es, in dem der Koran als Rechtleitung für den Menschen herabgesandt worden ist“, so ist zu fragen, welche Bedeutung damit gemeint ist. Wenn der gesamte Koran gemeint wäre, könnten die „Ungläubigen“ in Sure 25,32 nicht fragen: „Warum ist (denn) der Koran nicht in einem Zug auf ihn herabgesandt worden?“. Nicht viel anders verhält es sich nach Bobzin mit dem Begriff „Sure“. Auch dieser kann, je nach Zusammenhang, als einzelner Abschnitt oder als der geoffenbarte Korantext verstanden werden. „Am ehesten könnte man eine Sure mit einem Psalm aus dem Alten Testament vergleichen; denn auch die Psalmen weisen zwar formal wie inhaltlich eine große Vielfalt auf, sind aber dennoch eine eigene Gattung religiöser Rede – und nicht einfach ‚Kapitel‘ des gesamten Psalmenbuches. Ebenso ist auch eine Sure nicht lediglich ein ‚Kapitel‘ des Korans“ (ebd.S.22). Konkret und für die Gegenwart bedeutend werden solche sprachlichen Untersuchungen zum Beispiel bei dem Problem der Verschleierung der Frau. Bobzin führt dazu aus, dass drei Suren dafür angeführt werden können, die zum Teil aber Männer und Frauen betreffen (vgl.ebd.S.79). Sure 24,31 lautet in der Übersetzung Parets:

„Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen (statt jemand anzustarren, lieber) ihre Augen niederschlagen, und sie sollen darauf achten, dass ihre Scham bedeckt ist (wörtlich: sie sollen ihre Scham bewahren), den Schmuck, den sie (am Körper) tragen, nicht offen zeigen, soweit er nicht (normalerweise) sichtbar ist, ihren Schal sich über den (vom Halsausschnitt nach vorne heruntergehenden) Schlitz (des Kleides) ziehen und den Schmuck, den sie (am Körper) tragen, niemand (wörtlich: nicht) offen zeigen, außer ihrem Mann, ihrem Vater, ihrem Schwiegervater, ihren Söhnen…“

Was Paret hier mit „Schal“ übersetzt, geht auf das arabische „himar“ zurück, das auch als „Schleier“ oder „Tuch“ übertragen werden kann. Noch eine Variante der Stelle fand ich in der vielzitierten Koranübersetzung von Max Henning (Stuttgart 1960). Dort sollen die Frauen ebenfalls „ihre Scham hüten“, aber statt den Schmuck am Körper zu verbergen, sollen sie bei Henning „ihre Reize nicht zur Schau tragen…und ihren Schleier über ihren Busen schlagen“ (ebd.S.337). Nach ähnlicher Betrachtung von zwei weiteren Stellen kommt Bobzin zu dem Urteil, dass sich das verpflichtende Tragen eines Kopftuches jedenfalls nicht aus dem Koran ableiten lässt. „Das haben übrigens auch schon islamische Reformer des letzten Jahrhunderts überzeugend dargelegt…“ (Bobzin, S. 80). Solcherart sind die Schwierigkeiten einer Koranübersetzung, die so weit gehen, dass der Koran schlichtweg als unübersetzbar gilt (vgl. Bobzin, S.118f). Das liegt nicht nur an der Vielfalt der Bedeutungen und Konnotationen, sondern auch am sprachlichen Kunstwerk an sich. Annemarie Schimmel zitiert in der Einleitung zur Koranübersetzung Hennings einen nicht näher genannten ägyptischen Gelehrten mit den Worten:

„Die Form des Korans spiegelt weder die sesshafte Sanftheit des Städters noch die nomadische Rauheit der Beduinen wider. Sie besitzt im rechten Maß die Süße der ersteren und die Kraft der letzteren.

Die gewählten Worte sind weder zu banal noch zu selten, sondern werden als Ausdruck bewundernswürdigen Adels angesehen.

Die Sätze sind in würdigster Art so ausgedrückt, dass die kleinstmögliche Anzahl von Worten verwendet, um Gedanken von äußerstem Reichtum auszudrücken…“ (Henning, S.11).

Neben der rein sprachlichen Betrachtung ist das Augenmerk, ganz ähnlich wie bei der Bibel, auf die Entstehung des Textes zu legen. Dem heutigen Leser des Korans wird sehr schnell deutlich, dass es sich nicht um ein Buch „aus einem Guss“ handelt. Weshalb wird in der oben genannten Sure gleich zweimal „der Schmuck, den sie am Körper tragen“ hintereinander erwähnt? Das klingt eher wie eine nachträgliche thematische Aneinanderreihung. Auch die Anordnung der Suren ist nach inhaltlichen Aspekten nicht schlüssig. Bobzin führt an, dass der Koran nach dem orientalischen Ordnungsprinzip der „absteigenden Länge“ gestaltet ist: „…die langen (mit Ausnahme von Sure 1) stehen zu Beginn, die kurzen am Ende. Wer sich dann den einzelnen Suren zuwendet, wird rasch bemerken, dass besonders die längeren von ihnen keine in sich geschlossene Einheit bilden, sondern aus einzelnen Abschnitten bestehen“ (Bobzin, S.98). Zum Zeitpunkt des Todes von Mohammed lag der Koran keinesfalls als fertiges Buch vor. Es gab in erster Linie eine mündliche Tradition von Menschen, die Teile des Korans auswendig kannten und rezitierten. Ebenso gab es aber auch erste schriftliche Aufzeichnungen. „In diesem Zusammenhang wird eine Reihe unterschiedlicher Materialien genannt, auf denen man Teile des Korans aufzeichnete, von Papyrus- oder Pergamentzetteln über Palmenstängel und Tonscherben bis hin zu Lederfetzen und Knochen“ (ebd. S.100), so dass die kurzen und prägnanten Suren am Ende des Korans eher als historisch gelten als die langen. Zu Nachfolgern Mohammeds wurden so genannte „Kalifen“ gewählt. Bereits der erste, Abu Bakr (er regierte von 632-634), soll die Niederschrift der sich mündlich im Umlauf befindenden Texte in Auftrag gegeben haben. Es sollte aber dem dritten Kalifen, Utman Ibn Affan (er regierte von 644-656) vorbehalten bleiben, eine erste komplette Niederschrift durchsetzen zu können, die in Abschrift an fünf Städte ging. „Andere Handschriften sollten, so der Befehl Utmans, vernichtet werden. Dies geschah allerdings erst während eines längeren Prozesses…“ (ebd. S. 102).

Zu der frühen komplizierten Textgeschichte des Korans gehören auch Hinweise zur arabischen Schreibpraxis der damaligen Zeit, die zusätzlich zur mehrdeutigen Wortverwendung auch durch die Konsonantenschrift verschiedene Deutungen zuließ. „In bestimmten Fällen (die Buchstabenformen variieren je nach Position im Schriftzug) stand für verschiedene Konsonanten (nämlich für b, t, n,  y) im Wortinneren nur ein einziges Schriftzeichen zur Verfügung…Erst in späterer Zeit behob man diese Mehrdeutigkeiten […] Es bleibt also das überaus bemerkenswerte Faktum zu betonen, dass der Text von Gottes geoffenbartem Wort keineswegs eindeutig fixiert ist, sondern in einem genau festgelegten Rahmen Variationen der Lesung und damit auch der Interpretation zulässt“ (ebd. S. 103f).

Thematisch ist im Koran keine Ordnung angelegt, aber er lässt sich in mehrere Komplexe einteilen, die ich dem Buch von Alexander Flores entnehme („Der Islam im historischen Kontext; Zivilisation oder Barbarei?“ Verlag der Weltreligionen, Berlin 2011). „Ein wichtiger Teil des Koran besteht aus dem eindringlichen Aufruf zum Glauben an Gott und zu einer entsprechenden Lebensführung – gerichtet an die ‚heidnischen‘ Araber, deren religiöse Vorstellungen bis dahin wenig Konsequenzen für ihren Lebenswandel impliziert hatten“ (ebd. S. 22). Bekräftigt werden diese Aufrufe mit den zum Teil drastisch geschilderten Höllenstrafen auf der einen und dem Einzug ins Paradies bei der Befolgung auf der anderen Seite; verdeutlicht etwa an den Versen 56 und 57aus Sure 4 (in der Übersetzung von Henning):

„Siehe, wer da Unsre Zeichen verleugnet, den werden Wir im Feuer brennen lassen. Sooft ihre Haut gar ist, geben Wir ihnen eine andre Haut, damit sie die Strafe schmecken. Siehe, Allah ist mächtig und weise. Diejenigen aber, die da glauben und das Rechte tun, die werden Wir einführen in Gärten, durcheilt von Bächen, darinnen zu verweilen ewig und immerdar; und reine Gattinnen sollen ihnen darinnen sein, und führen werden Wir sie in überschattenden Schatten.“.

„Ein weiterer, großer Teil des Koran besteht aus Erzählungen heilsgeschichtlichen Inhalts, die meisten davon biblischen Inhalts, hier natürlich in anderer Textgestalt“ (ebd. S. 23). Deuten lässt sich dieses Vorkommen in zweifacher Hinsicht. Zum einen lässt sich ein Selbstverständnis Mohammeds davon ableiten in dergetalt, dass Juden und Christen in ihrer jeweiligen Offenbarung die gleichen Inhalte geoffenbart bekamen, dass es aber Mohammeds Mission war, „…nun die inhaltlich gleiche Botschaft den heidnischen Arabern der Halbinsel zu bringen, die sie noch nicht erhalten hatten…“ (ebd.) und gleichzeitig die von Juden und Christen nicht rein und unverfälscht bewahrte Offenbarung richtig zu stellen. Eine weitere Deutung ist die Legitimation als Prophet. Mohammed wird immer wieder in einer Reihe mit biblischen Figuren gestellt (Adam, Moses, Abraham, Noah, Hiob, David, Salomo, Jesus). „Mohammed ist es, der die lange Reihe dieser Männer besiegelt, d.h. abschließend bestätigt“ (Bobzin, S.26) und damit seiner Offenbarung besonderes Gewicht verleiht.

Ein dritter Komplex im Koran kommt hinzu, der sich mit „…Anweisungen und Kommentaren zu laufenden Ereignissen der Offenbarungszeit…“ befasst (Flores, S. 24). Als letztes nennt Flores die Passagen, die Anweisungen für die Lebensführung der Muslime enthalten, „…teilweise durchaus detailliert, besonders auf dem Gebiet des religiösen und des Familienlebens“ (ebd.). Alle genannten Bereiche sind keinesfalls in eindeutiger Weise vorhanden, so dass Flores zu dem Schluss kommt: „Der Koran ist kein in sich widerspruchsfreies Dokument. Es fällt auf, dass er vielfach zum selben Thema unterschiedliche, manchmal gegensätzliche Aussagen enthält. Oft lässt sich ein ganzes Spektrum von Aussagen unterschiedlichen Tenors feststellen…“ (ebd.S. 25). Dennoch scheinen die Suren, die in Mekka geoffenbart wurden, von denen aus Medina genau zu unterscheiden sein, denn jeder Sure ist der Offenbarungsort vorangestellt. Nach welchen (textkritischen?) Kriterien dies geschehen ist, ist mir nicht bekannt. Da würde nur ein genaues Studium des Korans und seiner Interpretationswissenschaften Abhilfe schaffen.

Dass der Koran wesentlich an die Person Mohammeds geknüpft ist, liegt auf der Hand. Daher wollte ich mich mit der Biografie dieses Propheten näher beschäftigen. Zwei Bücher sollten mir dabei helfen; zum einen die Biografie „Mohammed – Leben, Werk, Wirkung“ von Marco Schöller (Frankfurt 2008); zum anderen von dem bereits genannten Hartmut Bobzin, „Mohammed“, (München 42011). Natürlich lernte ich eine Vielzahl mir bisher unbekannter Fakten kennen, aber das eigentliche Ziel, dem Koran näher zu kommen, muss wohl jeder verfehlen, der diesen Weg versucht. Zu vielfältig sind dafür die Informationen, zu breit der Textbefund und zu unsicher die als Faktum angenommenen Einzelheiten. Schöller benennt drei Hauptprobleme, die bisher bei der Beschäftigung mit dem Leben Mohammeds (noch) nicht überwunden sind. Zum ersten ist es die schiere Fülle an Material, das über die Jahrhunderte gesammelt wurde und das meist nicht in modernen Drucken vorliegt, sondern nach wie vor in vielen Handschriften in den verschiedensten (orientalischen) Bibliotheken archiviert ist (vgl. Schöller, S. 13). Das zweite Problem ist die Frage nach der historischen Zuverlässigkeit als Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens. „Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über Mohammeds Leben und Wirken wurden nicht vor 700, möglicherweise erst Jahrzehnte später verfasst“ (ebd. S. 14). Zum einen liegen also 70 und mehr Jahre mündlicher Überlieferung zwischen Mohammeds Tod im Jahre 632, zum anderen sind zahlreiche Informationen, auf die zurückgegriffen werden kann, gar nicht in diesen sehr frühen Schriften enthalten, sondern erst in später entstandenen Notierungen. „Problematisch ist schließlich, dass bereits die frühe Überlieferung von und über Mohammed den innerislamischen Diskussionen und Interessenkonflikten des 8. Jahrhunderts ausgesetzt war: Worte und Taten Mohammeds dienten der Auslegung des Korans, der Etablierung rechtlicher Regelungen, der Klärung theologischer Fragen – und waren nicht zuletzt relevant als Argumente in der Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten sowie für die Glorifizierung der Vergangenheit namhafter Familien, die sich mit Taten ihrer Vorfahren zur Zeit Mohammeds Ruhm und Ehre an ihren Stammbaum hefteten“ (ebd.). Alle Aussagen, die ich an dieser Stelle treffe, stützen sich natürlich auf westliche Islam- bzw. Orientalistikforscher. Zwar sind sie ohne Ausnahme an westlichen Universitäten habilitiert, aber sie geben naturgemäß  nicht die Sichtweise von islamischen Gelehrten wieder. Es liegt daher auf der Hand, dass dies zu einer einseitig europäischen Perspektive führt. Dies mag durchaus dazu führen, dass gläubige Muslime sich darin nicht wiederfinden oder gar heftig widersprechen. Da mir sowohl ein Zugang über die arabische Schrift und Sprache verwehrt ist und ich nicht über eine islamische Sozialisation verfüge, kann ich allerdings nur diesen Weg beschreiten.

Doch zurück zu Mohammed. Bereits sein Geburtsjahr ist letztlich nicht klar und wird aus Versen des Korans ermittelt und allgemein auf das Jahr 570 bestimmt. Mohammed wächst als Waise auf, worin durchaus eine Parallele zu Moses gesehen werden kann. Um Geburt und Kindheit ranken sich manche (spätere) Geschichten und Wunder, ganz im Stile des Motivs der „besonderen Geburt“, sie sind aber, wie die apokryphen Erzählungen um die Kindheit Jesu auch, ungesichert. „Das zentrale Ereignis im Leben Mohammeds ist seine Berufung zum Propheten. Sie fand, der üblichen Datierung folgend, im Monat Ramadan (vgl. Koran 2.185) des Jahres 610 statt“ (ebd. S.30). Vers 15 der 46. Sure folgend, erschien Mohammed im Alter von 40 Jahren der Engel Gabriel, als sich Mohammed zur Meditation auf den Berg Hira in der Nähe von Mekka zurückgezogen hatte. Der Engel beauftragte ihn: „Trag vor, im Namen deines Herrn, der erschuf!“ (Sure 96.15). Die Beauftragung erfolgt also über einen Mittler Gottes und garantiert somit die Wahrheit der prophetischen Verkündigung. Mohammed predigte fortan in Mekka (613 bis 622, nach anderer Lesart bereits ab 610), wo er „…innerhalb des vielfarbigen primitiven Heidentums seiner Stammesgenossen…“ (Schimmel, a.a.O. S.7) aufgewachsen war. Inhalte dieses Wirkens waren: „Worte des drohenden Gerichtes für die, welche ihr Leben in Leichtfertigkeit und Verschwendung hinbringen, Verkündigung der ungeheuren Schrecken, welche die in Kürze erwartete Endzeit mit sich bringen sollte, Verheißung der rettenden Gnade Gottes für die, so sich bekehren und Gutes tun“ (ebd.).  

Nach allen gängigen Schilderungen waren Zeit und Predigt in Mekka nicht sonderlich erfolgreich – schließlich verlangte Mohammed eine Umkehr, die radikaler nicht sein konnte: weg von der Vielgötterei der Stammeskultur und der der Väter, hin zur (individuellen) Unterwerfung unter den einen Gott und damit  Auflösung des prägendes Verbandes des „Stammes“ hin zur individuellen Verantwortung.  „Es sind aber besonders zwei Ereignisse dieser Zeit, die im kollektiven Gedächtnis der Muslime bis heute besonders präsent und auch für die fromme Bilderwelt des Islams sehr wichtig sind: die wunderbare Spaltung des Mondes und die Nacht- und Himmelsreise Mohammeds“ (Schöller, S. 37). Beide werden als so genannte „Beglaubigungswunder“ geführt, um die ungläubigen Mekkaner von der Botschaft des Gesandten Gottes zu überzeugen, „…doch fast alle Details dessen, was sich ereignet haben soll, entstammen der Überlieferung, nicht dem Koran“ (ebd. S. 38).

Mohammed wandte sich schließlich von Mekka ab, um in Medina einen neuen Anfang zu wagen. „Tatsächlich unterstellte sich Mohammed seinerseits dem medinensischen Stamm der Hazrag und gab damit alle seine mekkanischen Bindungen auf, weil die Medinenser ihm zusagten, für sein Leben einzustehen und, falls nötig, dafür Blutrache zu nehmen“ (ebd. S.40). Recht zügig unterwarfen sich die Stämme in Medina Mohammed, so dass ihm neben der Prophetenrolle nun auch die des Staatsoberhauptes zukam (vgl. dazu Eintrag vom 27. Oktober 2013). Medina muss man sich, im Gegensatz zu Mekka, nicht als eng bebaute Handelsstadt vorstellen, „…sondern als eine offene und in ei