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Jan 2017

 

 

Montag, 30. Januar 2017:

Ich erwartete einen unspektakulären Vormittag, an welchem ich die zwei neuen Stationen zum Lernzirkel „Sprachwandel“ „in Form“ brachte, die ich gestern noch entwickelt hatte. Einleitend formulierte ich:

„Beim Thema „Sprachwandel“ nennen viele Menschen immer wieder die häufig verwendeten Anglizismen. Dabei wurden Lehnwörter aus anderen Sprachen zu allen Zeiten auch in die deutsche Sprache aufgenommen. So haben es auch französische Lehnwörter ins Hochdeutsche geschafft, etwa: ‚Boullion‘, ‚Guillotine‘ oder ‚Malheur‘. In den Jahrhunderten der französischen Vorherrschaft in Europa hat die französische Sprache entscheidend auch den europäischen Wortschatz bereichert und verändert. Im 18. Und 19. Jahrhundert sprach und schrieb die gebildete Welt Französisch. Geschaffen hatten diese Sprache „la cour et la ville“ der höfische Adel und das gebildete Bürgertum.

In der Pfalz hat die Nähe zu Frankreich, die Besatzungszeiten und Annexionen die Übernahme von Lehnwörtern in die Dialektsprache zusätzlich befördert. Noch vor ein, zwei Generationen kannten die Menschen eine große Anzahl von aus dem Französischen übernommenen Wörtern. Bei der jungen Generation verschwinden diese aber wieder, zum Teil, weil die bezeichneten Gegenstände verschwunden sind (wie etwa der „Nachttopf“ bei Bottschamber) oder weil der Dialekt nicht mehr so flächendeckend gesprochen wird“.

Die Aufgabe dieser Station besteht darin, eine kleine Umfrage zu starten. Eine Liste mit 35 pfälzischen Begriffen, die sich aus der französischen Sprache ableiten lassen, soll zunächst älteren Menschen und anschließend jüngeren vorgelegt werden. Kennen die Älteren diese Begriffe noch, etwa: „Haschee“, „Muckefuck“ oder „Schees“; werden sie von Jüngeren noch gekannt? Mit dieser Aufgabe wären die Schüler/-innen mitten drin im Sprachwandel.

Und dann: Unverhofft kommt oft. Für zwei Referendare, die im laufenden Schuljahr ihre Ausbildung vorzeitig beendet und damit ein Minus von 16 Stunden hervorgerufen haben, erhielt die Schule eine zusätzliche Planstelle – der Himmel weiß, wo diese Planstellenanteile „zusammengekratzt“ wurden. Wir jubelten! Dank nach Neustadt! Heute Nachmittag stellte sich die Kollegin vor. Sie selbst ist noch zwei Tage in Hessen Beamtin auf Widerruf. Ab Mittwoch steht sie im rheinland-pfälzischen Schuldienst…welch ein nahtloser Übergang! Der Nachmittag stand dann mit einem wiederum dunklen Flur angesichts vieler Anmeldewilliger unter dem Stern der „Staumelder“. Es dauerte bis nach 16 Uhr, bis dieser „abgearbeitet“ war.

Und ich erhielt noch eine Anfrage aus dem Wachenheimer Pfarrhaus, wie ich als Katholik die 500. Wiederkehr der Reformation empfinde. Zwei, drei Sätze würden reichen. Von wegen – ich kam so ins Schrieben, dass, spontan und aus dem Bauch heraus, dann doch fast eine Seite aus mir heraussprudelte. Bereits am Abend war die Antwort da:

„Lieber Georg! Du hast wie immer das Herz auf der Zunge. Deine Antwort kommt mal wieder erfrischend ehrlich, unverkrampft und geistreich daher. Vielen Dank!“

 

Samstag, 28. Januar 2017:

Kaum ist der eine aufregende Höhepunkt, das schriftliche Abitur, geschafft, steht schon der nächste Adrenalinschub ins Haus: die diesjährige Anmelderunde für den neuen fünften Jahrgang. Bereits vor neun Uhr, dem eigentlichen Startpunkt, standen Eltern mit ihren Kindern im oberen Flur in Wachenheim. Wir hatten kaum Gelegenheit, Räume, Schütten und Formulare zu richten. Der Flur füllte sich flugs und zwischendrin sah ich die Familien bis ins Treppenhaus stehen. Gefühlt waren es wieder mehr als im vergangenen Jahr. Natürlich wollten eine Reihe von Eltern „nur“ beim Schulleiter anmelden, so dass ich alle Hände voll zu tun hatte. Angekündigt waren durchaus einige Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die inzwischen die Grundschule besucht haben, zum Teil schon über gute Deutschkenntnisse verfügen und nun bereit stünden für die weiterführende Schule.  Und plötzlich saß wieder die Weltpolitik bei mir am Tisch. Auf die fehlende Unterschrift des Vaters aufmerksam gemacht, antwortete die Mutter aus Syrien: „Vater in Aleppo tot, Krieg“. Ein anderes Flüchtlingskind erzählte von den Tagen im Schlauchboot auf dem Mittelmeer. Eine kirgisische Familie meldete sich an, in diesem Fall berichtete der Flüchtlingshelfer von der dreimonatigen Flucht über den Irak, die Türkei und Griechenland. Ich hörte auch wieder schlimme Geschichten von familiären Problemen und gesundheitlichen Schwierigkeiten, schulische Erlebnisse wurden mir zu Gehör gebracht und ich wurde in Trennungsgeschichten eingeweiht – mehr denn je war „professionelle Distanz“ gefragt, die mir heute mitunter schwer fiel. Aber, ich will es nicht verhehlen, es gab auch herrlich unkomplizierte Gespräche mit pfiffigen Kindern, lachenden Eltern, ich schaute ebenfalls in leuchtende Kinderaugen, wenn sie vom Tag der offenen Tür berichteten oder von Freundinnen und Freunden erzähltem, die bereits an unserer Schule seien und „fast nur“ positive Dinge weitergaben. Der erste Anmeldemorgen vermittelte mir erneut: Die IGS ist eine Schule für alle Kinder und der unseren eilt ein guter Ruf voraus.

 

Donnerstag, 26. Januar 2017:

Das schriftliche Abitur ist gelaufen. Als letztes Fach war heute Chemie dran. Bis auf eine weitere Krankmeldung können wir dieses Kapitel zuklappen, jetzt sind die Korrekturen dran. Die gesamte Organisation und Durchführung hat bestens funktioniert, Kompliment an alle Beteiligten! Insgesamt fehlten nur zwei Prüflinge wegen Krankheit, bei einer Anzahl von über 120 betroffenen Prüfungen durchaus eine hinnehmbare, „gesunde“ Anzahl, wenngleich die beiden eingetroffenen nun für die Nachprüfungen das erneute Erstellen von Aufgaben nach sich ziehen. Das kostet zusätzlich Zeit und Aufwand.

Wo werden diese Aufzeichnungen gelesen? Heute erreichte mich die Anfrage, ob die Baucontainer für den Jugendtreff auf dem Schulgelände aufgestellt werden können. Es geht also weiter, so als hätte jemand den Eintrag von letzter Woche gelesen.

Und ganz wichtig heute: Beginn des Stationenlernens zum Thema „Sprache im Wandel“. Zwei herrliche Stunden mit betriebsamer Arbeit interessierter Schüler/-innen bei einem Thema, das mich zunächst selbst nicht „hinterm Ofen hervorgelockt“ hatte. So kann differenziertes Arbeiten ideeller Weise funktionieren: Alle arbeiten am gleichen Thema mit vielen Wahlmöglichkeiten und verschiedenen Aufgaben auf unterschiedlichem Anspruchsniveau. Natürlich war das die mit Neugier durchdrungenen ersten beiden Stunden und Durststrecken werden nicht ausbleiben, aber der Anfang ist gelungen!  

 

Mittwoch, 25. Januar 2017:

Der konzipierenden Arbeit vom Wochenende folgte in den letzten beiden Tagen die kopierende und fertigstellende Tätigkeit. Die Stationen mussten ausgedruckt und in einen Ordner geheftet und die notwendigen Arbeitsblätter kopiert werden. Lob der Teamarbeit: Ich erhielt noch schönes Material für zwei weitere Stationen. Ein Foto einer Unterrichtssituation mit Sprechblasen und ein Schema mit fünf Aspekten des Sprachwandels als eher theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema: Phonetik (sich wandelnde Aussprache), Morphologie (sich wandelnde Formenlehre und Zusammensetzung der Wörter in der Deklination, Konjunktion, Komparation), Syntax (sich verändernde Satzlehre), Lexik (sich verändernder Wortkanon durch Neologismen, Anglizismen und Lehn- und Fremdwörter) und schließlich Semantik (sich verändernde Bedeutung gleicher Wörter). Zugegeben: diese Station ist eher für theoretisch begabte Schüler/-innen im E-Niveau. Ich erhoffe mir dadurch aber durchaus Hinweise auf die am Ende des Schuljahres erfolgenden Einstufungen für die zehnte Klasse. Da einige Stationen entstanden sind, die bei weitem nicht so abstrakt sind, sondern sich eher konkreterem Arbeiten verpflichten (Umschreiben eines Märchens in Jugendsprache), ist eine solche Station durchaus zu rechtfertigen. Ebenfalls war noch ein Regelblatt zu entwerfen, wie, wann und wie lange die Arbeit mit den Stationen stattfinden soll, wie der am Ende abzugebende Ordner aussehen soll usw. Heute nun stellte das „Projekt“ der Klasse vor und erntete als ersten Hinweis ein Bedauern, dass in der heutigen Stunde noch gar nicht begonnen werden konnte. Fühlt sich also gut an. Morgen dann geht es los und ich bin mächtig gespannt.

 

Montag, 23. Januar 2017:

Das zweite Halbjahr kündigt sich schon an vielen Stellen an. Für Deutsch in Jahrgang neun einigten sich eine Kollegin und ich auf ein erstes Thema „Sprachwandel“, das im neu eingeführten Deutschbuch enthalten ist. Eine Anfangsstunde in Gruppenarbeit mit anschließender Präsentation hatte ich schon letzte Woche durchgeführt. Am Wochenende kam ich dann auf die Idee, dazu einen Lernzirkel zu erarbeiten. Das schafft ein Wochenende Arbeit (Ich hatte mich weitgehend aus der Familie abgemeldet), bringt dann aber eine ganze Reihe von Deutschstunden mit selbstständigem Arbeiten mit Wahlmöglichkeiten auf verschiedenen Niveaus. Natürlich soll die ganze Arbeit auch mit Spaß erledigt werden, so dass ich ein Balkenrätsel mit bereits untergegangenen Wörtern „zusammenbastelte“, bestellte per Internet fünf Exemplare des „Lexikons der Jugendsprache“, welche nun die Arbeitsgrundlage für drei Stationen darstellen, suchte Grafiken zu den „Anglizismen des Jahres“ und kreierte eine Station mit dem Titel „Am Sterbebett des Konjunktiv II. Diesen Modus des Verbes, der als „Irrealis“ bezeichnet wird, kennt die Alltagssprache kaum noch. Immer häufiger wird er mit würde umgangen. Gesprochen wird also nicht mehr: Ich sänge ein Lied, sondern: Ich würde ein Lied singen. Schade um die „netten“ Konjunktivformen, die bei starken Verben mit einem umlautfähigen Vokal zu verwunderlichen Ergebnissen führen: Ich mölke für: Ich würde melken. Ich büke Brot für: Ich würde Brot backen. Ich fröre für Ich würde frieren. Allein an dieser die ungewöhnlichen Formen zu bilden, wird nun Aufgabe der sicherlich erstaunten Schüler/-innen sein. Eine weitere Station konnte ich komplett aus einem Lernzirkel übernehmen, den ich zur Einführung des DUDENS an meiner ehemaligen Schule erstellt hatte. Sprachwandel macht sich auch in der Rechtschreibung bemerkbar. Damals bestellte ich mir bereits eine Faksimile-Ausgabe des „Ur-DUDENS“ von 1880 mit dem Titel: „Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ herausgegeben vom späteren Namensgeber Konrad Duden, besorgte mir antiquarisch eine Ausgabe von 1914 und verglich die Schreibweise besonderer Worte in den drei Ausgaben miteinander. Kammmacher etwa schrieb man 1880 mit drei „m“, ebenso Schwimmmeister, 1914 nur (noch) mit Doppelkonsonant (Schwimmeister) und seit der Rechtschreibreform von 2006 gesellte sich wieder das dritte „m“ hinzu. Dazu kommen natürlich die sich angepassten Schreibweisen, bei denen das ursprüngliche „ph“, etwa in Telephon oder Photographie zum heute üblichen „f“ wurde, ganz verschwunden ist das ältere „th“, etwa in thun oder Thee, das durch durch das einfache „t“ ersetzt wurde. Während ich andere Stationen völlig neu entwickeln musste, konnte ich hier die damalige Arbeit übernehmen, musste nur die Seitenzahlen der inzwischen 26. Auflage des DUDEN anpassen. Letztlich kam ich auf 22 Stationen, die ganz unterschiedliche Aspekte, Arbeitsaufträge und Anforderungen abdecken, darunter kreativer Umgang mit der Jugendsprache mittels verschiedener Medien, Aufgaben Schreibarbeiten, Lesen, eine Tabelle und eine Mindmap anlegen und natürlich auch Textarbeit mit dem Deutschbuch. Unter den Texten dort findet sich ein Artikel von Bastian Sick, der mit seiner Buchreihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ bekannt wurde. Dem fast durchgängigen Urteil, Sprachwandel sei gleichzeitig ein Sprachverfall, entgegengesetzt, formuliert Sick, dass durch die neuen Medien noch nie so viel geschrieben wurde wie heutzutage, der frühere, oft flächendeckend auftretende Analphabetismus führte auch dazu, dass Fehler oder das Nichtbeherrschen der Rechtschreibung gar nicht auffiel. Sprachwandel habe es zu allen Zeiten gegeben und die deutsche Sprache stelle eh eine Mischung aus ganz verschiedenen Sprachen und Dialekten dar. Ich hätte gerne noch eine Untersuchung in den Lernzirkel eingebaut, die den Beitrag Martin Luthers mit seiner Übersetzung des Neuen Testaments zur Bildung des Deutschen beleuchtet hätte, aber die gefundenen Texte stiegen dann doch zu tief in die Sprachwissenschaft ein.

 

Sprich: Dieses Wochenende machte mir trotz der anhaltenden Arbeit sehr viel Spaß und ich machte mit mir die Erfahrung: Ich kann mich noch „heiß machen“ für den Unterricht, der „alte“ Deutschlehrer in mir lebt fort und didaktisch-methodische Arbeit kann mich noch anstecken und kann die Management-Aufgaben, die sonst den Alltag eines Schulleiters bestimmen, nach wie vor in den Hintergrund drängen.

 

 

Donnerstag, 19. Januar 2017:

 

Wir befinden uns in der Woche der Zeugniskonferenzen – eine pädagogische Hoch-Zeit und hoffentlich keine Woche des Rechnens. Was ich in den Konferenzen erleben durfte, erfüllt mich erneut mit Freude, weil ganz viel pädagogisch diskutiert wurde und der/die Schüler/-in im Vordergrund stand. Vor der heutigen Konferenz beschäftigte mich ein Einzelfall, der es in sich hatte. Er hatte sich bereits soweit entwickelt, dass es um „hopp“ oder „flopp“ ging. Natürlich war dies auch Thema in der Konferenz. Ich fühle mich wohl, dass ich an einer Schule bin, in welcher um eine Lösung im Sinne eines Schülers wahrhaft gerungen wird und ich am Ende an einer guten Grundlage mitwirken konnte, um pädagogisch agieren zu können. Da würde ich ja fast weitere Bauverzögerungen hinnehmen…die eigentlich bereits nach den Sommerferien benötigten zusätzlichen Container sind immer noch nicht geöffnet…der neue Deidesheimer Jugendtreff sollte, ebenfalls nach Verzögerungen, im Februar eröffnet werden – aber weder der Innenausbau noch das Außengelände machen derzeit Fortschritte, dunkel, kalt und unberührt stehen die Überseecontainer morgens da und Februar ist es bald…   

 

Mittwoch, 18. Januar 2017:

So nah, oder besser: so langlebig kann die Vergangenheit sein. Vor vierzig Jahren saß ich selbst im schriftlichen Abitur in Mathematik, nicht mal mit mäßigem, sondern ohne Erfolg ging ich mit einem Punkt daraus hervor. Heute nun befand ich mich „auf der anderen Seite“ und eröffnete das erste Abitur in Mathematik in unserer Schule und verstand von der Aufgabenstellung nicht mehr als damals. Das Gefühl, das Unbehagen in mir und das Bangen von damals waren heute urplötzlich wieder wach, die Seele vergisst da nichts – gleichzeitig aber auch die große Hoffnung, dass es die heutigen Prüflinge besser meistern werden. Neben dieser unerwartet angetretenen Reise in die eigene Vergangenheit verlief aber alles gut, und fast ist schon an diesem vierten Abiturtag so etwas wie Routine spürbar. Zum vierten Mal die Anwesenheit prüfen, die Hinweise auf den Täuschungsparagrafen und den Toilettengang, Öffnen des versiegelten Umschlags, der bereits vor Weihnachten mit allen Abituraufgaben aus dem Ministerium von einem Boten überbracht wurde und sich seither den Tresor mit dem Dienstsiegel und den Briefmarken teilen musste. Nach dem kurzen offiziellen Teil ließ ich die Prüflinge alleine – Bekunden von Unmut oder Verzweiflung nahm ich nicht wahr. Vielleicht sind heute ja wirklich alle besser präpariert, als ich es damals war. Es sei ihnen gegönnt.  

 

Freitag, 13. Januar 2017:

Zweiter Abiturtag. Bereits gestern lud ich mit dem bereits beschriebenen Verfahren die zentral gestellte Aufgabe herunter: zwei Audiodateien zum Hörverstehen und die Texte zum Leseverstehen. Das funktionierte wieder problemlos und wir konnten die notwendige Anzahl von 31 Exemplaren kopieren. Das Abspielen via USB-Stick verfeinerten wir noch etwas, indem wir eine Aktivbox aus dem Fachbereich Musik anschlossen, was den Klang erheblich verbesserte. Die Eröffnung der heutigen Prüfung nahm die MSS-Leitung vor. Ich hatte nach dem Start lediglich die Aufgabe, bei erheblichen Störungen, die ein Anhalten der Audio-Datei notwendig machen würden, über die Stelle zu entscheiden, ab welcher die Wiedergabe der Audiodatei wieder eingesetzt wird. Da das Anhören für alle (landesweit!) nur in einem „Rutsch“ geschehen darf, obliegt eine solche Entscheidung der jeweiligen Schulleitung oder dem Vorsitzenden der Prüfungskommission. Einige Schüler/-innen, die am Mittwoch schon ihre Prüfung in Deutsch abgelegt hatten, erschienen heute schon recht entspannt. Auch in mir kehrte ein gutes Stück Entspannung ein, denn Räume, Organisation und Abläufe waren ja schon bekannt. Wieder, wie schon bei der Klausur unter Abiturbedingungen, bekam ich von den Redeausschnitten nur rudimentäre Vokabeln mit, auch das Tempo in welchem gesprochen wurde, kam mir sehr schnell vor, dabei handelte es sich um Originalmitschnitte aus dem englischen Parlament und aus dem Radio. Ich bewunderte einmal mehr unsere Prüflinge, die mit den Aufgaben augenscheinlich wieder sehr viel besser zurechtkamen. Kompliment! Die sich anschließende Aufgabe zum Leseverstehen und die weitere schriftliche Prüfung erforderte meine Anwesenheit nicht mehr, so dass ich wieder dem Tagesgeschäft eines Schulleiters nachgehen konnte. So verlief auch der zweite Tag  ohne besondere Vorkommnisse. Aber halt! Da war noch der dritte Anruf einer Redakteurin der Tageszeitung innerhalb dieser Woche – das gab's noch nie. Heute startete die Zeitung eine Umfrage, ob der Sturm der vergangenen Nacht zu Verspätungen im Prüfungsablauf geführt habe – „Ihre Schüler/-innen haben doch zum Teil eine Anfahrt aus dem ganzen Landkreis zu bewältigen.“ – aber ich konnte nichts „Sensationelles“ beitragen, eher im Gegenteil, denn die Englisch-Prüflinge waren schon zwanzig Minuten vor Prüfungsbeginn vollzählig anwesend.

Abends kehrte ich nach Deidesheim zurück. Wir hatten zum zweiten Mal die Theatergruppe der Lebenshilfe aus Neustadt zu Gast (vgl. Eintrag vom 30. Mai 2015). Das Stück hat den faszinierenden Titel: „Mischen ist possible“ – ein herrliches Wortspiel mit dem Titel eines James-Bond-Filmes, gleichzeitig die programmatische Kurzform für Inklusion in der Schule. Es ist einfach faszinierend, wie diese Gruppe durchweg beeinträchtigter Menschen ein Theaterstück auf die Bühne bringt. In der Begrüßung hieß es, dass sich jede Aufführung von der vorigen unterscheidet, ganz viel aus dem Stand heraus entsteht und nur ein rudimentärer Rahmen feststeht. Die heutigen Themen waren: Peter Pan, James Bond, Winnetou und die Suche nach neuen Abenteuern. Gelungen war auch das Catering des Wahlpflichtfaches Französisch. Mit dem Gewinn wollen sie eine Fahrt nach Straßburg finanziell auspolstern. Ein gelungener Abend also durch und durch, wenn die Mensa auch eine Reihe von zusätzlichen Besuchern durchaus vertragen hätte. Die, die da waren, gingen bereichert nach Hause, die, die nicht kamen, haben was versäumt.

 

Mittwoch, 11. Januar 2017:

So, das Abitur ist eröffnet, im doppelten Sinn: das erste Abitur bei uns an der IGS und das heutige schriftliche Abitur in Deutsch. Eröffnung heißt: Jede einzelne Prüfung muss mit etwa zehn zu berücksichtigenden Punkte beginnen: Anwesenheit prüfen, ausgelosten Sitzplan überprüfen, Ausfüllen des Schülerbogens mit Unterschrift als Beglaubigung dafür, dass man auf den Täuschungsparagraphen hingewiesen wurde, Feststellung der Gesundheit (damit hinterher niemand sagen kann: „Ja, eigentlich war ich gar nicht in der Lage, die Prüfung abzulegen“), Hinweis auf den Toilettengang und frühzeitige Abgabe der Prüfungsunterlagen bei vorzeitiger Beendigung der Prüfung und natürlich auch, quasi als Krönung, das Öffnen der bis dahin versiegelten Umschläge und die Bekanntgabe und Austeilen der vom Ministerium ausgewählten Prüfungsaufgaben. Das wiederum bedeutet, dass die Fachkolleg/-innen alle (!) von ihnen eingereichten Aufgaben in der entsprechenden Anzahl als Kopien bereithalten müssen. Nicht ausgewählte Aufgaben gehen zurück an die Prüfungskommission. Eine kurze Phase zum Nachfragen verfahrenstechnischer Art schließt sich an und dann: Die Prüfung beginnt! Relativ pünktlich und landesweit gleich um 9 Uhr. Zunächst ist eine Einlesezeit von 30 Minuten vorgesehen, schon in absolutem Schweigen. Zuvor hatte ich noch an der Freude eines Schülers teilnehmen können. Er hat wohl hoch gepokert und sich nur auf Goethes Faust vorbereitet – das Spiel ging an ihn, das Faustthema wurde vom Ministerium gewählt! Glück gehabt, mein Lieber!  

Diese „Eröffnungszermonie“ wird klassischerweise (oder festgelegt?) von einem Schulleitungsmitglied durchgeführt. Schön, dass ich zum Start des ganzen Unternehmens als Schulleiter heute dran war und damit auch gleichzeitig das erste Abitur der IGS eröffnen konnte.  

Ich ging anschließend kurz ins Büro, unterstützte die dort anfallende Arbeit zur Vorbereitung weiterer Prüfungen, nahm meinen eigenen Unterricht in Deutsch wahr, telefonierte danach mit der Schulaufsicht hinsichtlich eines Vertretungsvertrages und nahm ein weiteres Gespräch mit der Tageszeitung entgegen. Wie denn so alles verlaufen sei, wollte die Redakteurin wissen, morgen solle auch in der Bad Dürkheimer Ausgabe darüber ein Artikel veröffentlicht werden. Junge, Junge, da sind wir in der Presse ganz schön präsent – das macht sich für die anstehende Anmelderunde gut. Es gab, so bekam ich im Laufe des Tages mit, wirklich Prüflinge, welche die fünf Stunden Arbeitszeit in Anspruch genommen haben. Das war also der erste Prüfungstag des ersten Abiturs, keine Zwischenfälle, alles hat geklappt und nun, da er bereits Geschichte ist, hat er mir eine neue Erfahrung gebracht und wirkt im Nachhinein doch auch auf seine Weise unspektakulär. Am Freitag geht es dann weiter mit der Prüfung in Englisch.

 

Dienstag, 10. Januar 2017:

Sollte das eine Folge des Klimawandels sein? Dass es im Winter auch mal schneien kann und die Straßenverhältnisse kompliziert sind – war das nicht einmal „normal“? Heute fuhren Busse nicht, Schüler/-innen waren nicht da, die, die da waren, wollten früher heim. Von „Ausnahmewetter“ war die Rede. Hmmm, so kenne ich das nicht.

Im Grunde startete das Abitur für mich bereits heute: Nur in einem vorgegebenen Zeitfenster, das mit einer Mail erst heute Morgen an die Schulleitungen mitgeteilt wurde, konnte ich die zentral gestellte Aufgabe im Fach Deutsch aus dem Netz verschlüsselt runterladen. Dazu musste ich einen in zwei Teilen bereits vor Weihnachten zugesandten Passwort-Schlüssel zusammensetzen, bevor ich dann die notwendige Datei entschlüsseln konnte. Alles funktionierte, wir hatten es ja bereits bei der letzten Klausur erfolgreich vollzogen. In einer Dienstbesprechung zum morgigen Abitur-Start besprachen wir am Nachmittag alle Feinheiten mit dem ganzen Kollegium. Jede/r Kolleg/in muss Bescheid wissen, denn durch eventuelle Krankheiten können auch bisher nicht eingeteilte Lehrkräfte zu Aufsichten eingeteilt werden. In solchen Fällen können wir nicht jeden Einzelnen nochmals über die ganzen Regelungen eigens informieren. Außerdem habe ich mehrmals kundgetan: Das Abitur geht die ganze Schule an.

Im Anschluss fand ich eine Rückrufbitte von der Redaktion der Tageszeitung vor. Zum Start der diesjährigen Prüfungen soll morgen ein Artikel erscheinen, der einen Überblick über die einzelnen Gymnasien geben soll. „Und bei Ihnen findet doch in diesem Jahr auch erstmals das Abitur statt!“ Auf die Frage, welche besonderen Vorkehrungen wir getroffen hätten, antwortete ich im Telefoninterview, dass alles bestens vorbereitet sei. Dennoch könnte Unvorhergesehenes passieren, auf das wir dann spontan reagieren müssten. Ich erzählte von der Schülerin mit dem gebrochenen Finger, sie müsse in einem separaten Raum schreiben, um die Mitschüler/-innen mit den Tippgeräuschen nicht abzulenken. Das will alles zusätzlich und auf die Schnelle organisiert sein. Nun galt es, schnell ein Laptop technisch so zu formatieren, dass die Bedingungen erfüllt sind, ein zusätzlicher Raum an den speziellen Prüfungstagen musste hergerichtet sein und zusätzliche Aufsichten eingeteilt werden. Die Prüflinge wurden, sofern sie heute anwesend waren, nochmal auf eine zusätzliche Zeitspanne hingewiesen, die sie wegen der eventuellen Wetterlage morgen benötigen könnten. Schließlich haben wir das alles bewältigt – und jetzt kann es morgen losgehen.   

 

Montag, 09. Januar 2017:

Nun hat auch schulisch das neue Jahr mit dem ersten Schultag begonnen. Immer wieder ist es schön und für mich erbaulich, Schüler/-innen und Kolleg/-innen wiederzusehen nach einem Abschnitt der Entfernung. Ich selbst habe die Ferien wie selten privat genutzt, war nicht weggefahren, nur den letzten Aufsatz korrigiert. Immer wieder „bastelte“ ich bereits an der Rede zur akademischen Abiturfeier Ende März, denn jetzt konnte ich mich auf gedanklich freie Zeit stützen – und die nutzte ich auch. Derzeit arbeite ich gerade an der fünften Fassung, die immer noch nicht die endgültige sein wird. Weil mir so viele Formulierungen wichtig sind, habe ich sie als erste Rede auch ausformuliert und bemerke oft erst beim lauten Lesen die Stolpersteine. Das ist ja eben der Unterschiede zwischen einer „Schreibe“ und einer „Rede“. Bis März ist noch Zeit für viele weitere Fassungen oder lediglich Änderungen.

Erste Schultage sind immer hektisch, das schrieb ich schon öfter. Zu dieser Binsenweisheit der letzten Jahre gehörte heute das bevorstehende Abitur. Bereits im Dezember hatten wir die gestellten Prüfungsaufgaben aus dem Ministerium geprüft zurück erhalten. Inhaltlich waren alle in Ordnung, nur bei den Deutschprüfungen mussten zwei kleine formale Änderungen vorgenommen werden. Daher durften wir das Siegel heute schon „erbrechen“, um die notwendigen Änderungen auch noch vornehmen zu können. Übermorgen geht es also wirklich los mit der ersten schriftlichen Prüfung in Deutsch. Daher war die Schulleitungsrunde heute auch vornehmlich damit beschäftigt, letzte offene Fragen zu besprechen, anderes sich nur vorzustellen und einvernehmlich zu klären. „Was passieren kann, passiert auch irgendwann“ – eine Weisheit eines unserer Hausmeister. Daher stellten wir uns verschiedene Szenarien vor: Feueralarm (echt oder vorgetäuscht), Stromausfall und/oder plötzliche gesundheitliche Probleme; was tun, wenn ein/e Schüler/-in zu weinen beginnt, aus Anspannung oder Verzweiflung und dies noch und jenes noch. Natürlich wird sich dies kaum alles einstellen, aber wenn, dann haben wir Lösungen durchgesprochen und wissen, was wir tun können. Prompt kehrte heute eine Schülerin mit einem gebrochenen Finger an der Schreibhand aus den Weihnachtsferien zurück. Mit Gips kann sie kein Abitur schreiben. Was also tun? Kontakt zum Ministerium, Ausnahmegenehmigung einholen: Sie darf ihr Abitur mit einem Laptop schreiben, das keine Rechtschreibprüfung und keinen Internet-Zugang ermöglicht. Schön und gut, die Rechtschreibprüfung kann innerhalb von „word“ nicht abgeschaltet werden. Also löschen. Nur: Womit soll sie jetzt schreiben? Und ausgedruckt muss die Prüfung ebenfalls direkt im Anschluss werden, denn die Schülerin muss diese Arbeit durch Unterschrift als ihre Leistung beurkunden. So kommt doch etwas Spannung in die ganzen Tage – und das ist ja erst der Anfang. So langsam verstehe ich einen Hinweis aus der Schulaufsicht: „Ich wünsche Ihnen einen möglichst reibungslosen Ablauf!“. Will sagen: Solche erfahrene Menschen wissen, dass immer und alles Mögliche geschehen kann, gerade bei den ganzen Anforderungen. Geschrieben wird auf Kanzleipapier (DIN A3-Bögen). Jeder einzelne muss mit dem Schulstempel gestempelt sein. Auf ungestempeltes Papier Geschriebenes darf nicht gewertet werden und so weiter und so fort, mögliche „Fallstricke“ in Legion.