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Aug bis Sept 2016

 

Donnerstag, 29. September 2016:

Ein junges Kollegium besitzt den Charme, dass sich zahlreiche Familien ihre Zukunft vorstellen und diese planen – dazu gehören wunderbarer Weise auch viele Kinder. Das zu beobachten, stimmt mich immer wieder glücklich und ich empfinde das als Weitergabe des Lebens in seiner direkten Form. Daneben spinnt sich aber als Schulleiter ein personalplanerischer Faden, der nicht immer zu meiner Zufriedenheit gestaltet werden kann. In den letzten beiden Tagen erreichte mich hierzu die Nachricht, dass gleich zwei Kolleginnen ihre Elternzeit verlängern wollen. Ihr Kinder, seid glücklich darüber. Für mich bedeutet das, neu nachzudenken und die Unterrichtsversorgung neu zu organisieren.

Eine weitere gute Nachricht: Die bisher vermissten Container werden in den Herbstferien angeliefert. Da für die kommende Bauphase weitere benötigt werden, sollen für die jetzt angelieferten gleich haltbare Fundamente gegossen werden, die eine eventuelle Aufstockung von Containern im kommenden Jahr „aushalten“. Die große und lange erwartete Fertigstellung des Gebäudes durch Abriss, An- und Neubau wirft ihre konkret fassbaren Schatten (oder besser: ihr Licht?) in die Gegenwart hinein. Meine Anspannung steigt…

 

Montag, 26. September 2016:

Einer herrlicher, ein spannender und ein ertragreicher Tag, unser Studientag zur Vorbereitung des mündlichen Abiturs. Das überaus junge Kollegium steht vor der Aufgabe, eine mündliche Abiturprüfung nach „allen Regeln der Kunst“ durchführen zu müssen, wobei die letzten persönlichen Erfahrungen der meisten Kolleg/-innen das eigene Abitur waren. Daher sollten heute Abiturprüfungen simuliert werden, mit all den Aufgaben, Rollen und Abläufen, wie sie dann im März beim „Ernstfall“ benötigt werden. Dazu hatten wir eine ganze Reihe von Experten geladen. Zunächst führte der Leiter der Oberstufe einer benachbarten IGS in die Abläufe und die äußeren Rahmenbedingungen der beiden Tage ein, schilderte die gemachten Erfahrungen, zeigte die Gestaltung der Prüfungsräume auf, streute manche humorvolle Bemerkung ein und vermittelte durchaus ein Stück der Atmosphäre, wie ich sie beim mündlichen Abitur an meiner ehemaligen Schule noch gut in Erinnerung habe.

Anschließend trafen sich Kleingruppen und führten mit gesammelten originalen Aufgabenstellungen mündliche Prüfungen durch. Als Prüfer könnte ich auf Erfahrungen zurückgreifen, die Aufgabe des Prüfungsvorsitzes war auch für mich neu. Kolleg/-innen schlüpften in die nicht einfache Rolle der Prüflinge und mussten „ihren Mann/ihre Frau“ stehen, wobei es selbstredend nicht auf die Ergebnisse im sehr guten Bereich ankam, sondern auch stockende Momente können in einer Simulation sehr lehrreich und bedeutungsschwer sein. Einige erfahrene Fachberater brachten dabei ihre Erfahrungen ein, konnten kompetent entstehende Fragen beantworten und unterstützend Hinweise auf die Art der Aufgabenstellungen geben.

Die Aufregungen und Unsicherheiten von heute, werden bei unserem ersten Abitur durch den heutigen Tag minimiert und stehen dann im März nicht mehr im Wege. Jede/r im Kollegium hat nun eine „aktuelle Prüfung“ erlebt und kann sich auf die heute gemachten Erfahrungen stützen. Ein guter Tag der Schulgeschichte und ein weiterer wichtiger Schritt auf das große Ziel des ersten Abiturs hin. Danke allen, die den Tag vorbereitet, unterstützt und in solch großer Offenheit mitgemacht haben.

 

Donnerstag, 22. September 2016:

Das bestellte Modul zur Erweiterung der elektrischen Anlage, welches einen zentralen Feueralarm ermöglicht, ist bestellt. Allerdings verschob sich die Lieferung. Wir wollten den Probealarm aber nicht länger hinausschieben – er ist innerhalb der ersten vier Wochen nach Unterrichtsbeginn obligatorisch – so dass der Hausmeister heute noch einmal mit dem Megaphon alarmieren musste. Insgesamt verlief alles gut, die komplette Schule war in weniger als fünf Minuten geräumt und alle Schüler/-innen standen mit ihren Lehrkräften auf dem Parkplatz des  nahegelegenen Supermarktes, dennoch benötigten wir durch Unachtsamkeit mehr Zeit als im vergangenen Jahr. Damals hatten wir einen Wegeplan ausgetüftelt, der keines der Treppenhäuser durch zu viele Schüler überlastete und somit Staus verhinderte. Zum Teil sind diese Wege zum Sammelplatz aber weiter, als es diejenigen über die beiden Feuertreppen an der Stirnseite des Gebäudes. Dennoch führen sie zu einer zügigeren Räumung des Gebäudes. Dieser Wegeplan wurde heute nicht von allen eingehalten, so dass es doch zu Stockungen auf den Feuertreppen kam, weil aus drei Etagen auf sie zugeströmt wurde. Will heißen: Wenn das neue Alarmsignal installiert ist, werden wir den Probealarm mit Hinweis auf die einzuhaltenden Wege wiederholen müssen.

Der erste Elternabend der neuen fünften Klassen ist immer auch der Ort, an dem sich „traditionell“ der Schulelternbeirat und der Förderverein persönlich vorstellen. Da in diesem Jahr der Elternbeirat neu gewählt wird, hatte dieser „Auftritt“ seine alle zwei Jahre auftretende Besonderheit, denn zu den in den Fünferklassen erstmals zu wählenden Klassenelternsprecher/-innen kommen noch zwei Wahlvertreter/-innen für die SEB-Wahl hinzu. Die vier wollen pro Klasse beim ersten Zusammentreffen erst mal gefunden sein. Als „geborenes“ Mitglied beider Gremien sollte ich die Aufgabe übernehmen, nochmals für die Mitgliedschaft im Förderverein zu ermuntern: „Es wäre doch ein gutes Zeichen, wenn du als Schulleiter dein Gewicht in die Schale wirfst“ (räusper). Also tingelte ich mit durch die vier neuen Klassen. Jetzt warten wir mal ab, ob sich das in die eine Richtung entwickelt oder bei der anderen verweilt.

Dieser Tage stand ich einmal allein auf der Feuertreppe, sah den nahen Wald des Haardtrandes von der noch morgendlich tiefstehenden Spätsommersonne beleuchtet, zum Teil konnte ich schon herbstliches Gelb in den entfernten Baumkronen ausmachen, davor ragte der schlanke Kirchturm von St. Ulrich bis in den hellblauen und wolkenlosen Himmel, die Glocken schickten ihren Klang auch herüber zur Schule, erstes Laub wurde auf dem alla-hopp!-Platz durch leichten Wind fast tänzelnd in kleinen Kreisen verweht – eine tief empfundene friedliche Stimmung machte sich in mir breit. Wie liebe ich diese Augenblicke, die einer inneren Ruhe Raum geben, Augenblicke ohne Telefon, ohne Nachfrage, ohne Anspruch. Ich weiß, wie zart und schützenswert solche Momente sind, dass sie nur gerade jetzt und gerade hier so sind, weil anderswo Städte zu Trümmerwüsten gebombt werden, irgendwo gerade ein Kind einsam verhungert oder geschlagen wird, irgendeiner einer Mutter ihr Kind weg gerissen wird und Männer, in Uniformen gesteckt, um irgendeinen Quadratmeter oder um irgendeine Ideologie kämpfen. Dennoch habe ich diesen Moment in mich aufgesogen und genossen, auch wissend, dass es gleich zur Pause klingeln wird und dann eine andere schöne Kulisse Raum gewinnen wird, die des Pausenhofes mit so vielen kleinen Augenblicken der Freude und vermutlich auch des Leids, bei so vielen Menschen wird beides da sein. Ich werde nicht einmal entfernt ermessen können, was in den Herzen und Köpfen dieser 849 Schüler/-innen in dieser einen Pause lebt oder leidet, wovon sie zehren und was sie alles in diesen fünfzehn Minuten mitschleppen – und trotzdem oder gerade deswegen liebe ich dieses Bild des Pausenhofes, auf dem prall gefülltes Leben auf fest umgrenzter Fläche verdichtet ist.

 

Dienstag, 20. September 2016:

Vor einigen Wochen wurde per E-Mail bereits auf den heutigen Tag hingewiesen. Beim kommenden Abitur im Januar wird es eine erste zentral gestellte Aufgabe gestellt werden, die von allen Abiturienten im Lande bearbeitet werden muss – so der rheinland-pfälzische Kompromiss, um dem Zentralabitur zu „entgehen“. Die Unterlagen zu dieser Aufgabe werden digital an die Schulen geschickt. Um möglichst jede Möglichkeit der Täuschung zu verhindern, kann die verschickte Datei nur mit einem zweiteiligen Passwort runtergeladen werden und muss dann gleich auf einen netzunabhängigen Computer überspielt und am netzfähigen gelöscht werden. Im Fach Englisch gehören sich ebenfalls zwei Tondateien dazu, die zum Hörverstehen genutzt werden. Ein recht kompliziertes Verfahren, das heute unter Prüfungsbedingungen getestet wurde. Alles lief letztendlich gut und wir konnten die Tondateien in dem Raum abspielen, in welchem auch das Abitur in Englisch geschrieben werden wird. Dies geschah deshalb, um die Raumakustik zu testen: in der vorderen Reihe sollte nicht besser gehört werden als bei den „Hinterbänklern“. Also: Fax auflegen und mit der Mitteilung „Testlauf erfolgreich“ an Ministerium zurücksenden.

Durch die Erweiterung unseres Zeitrasters, um alle Stunden für die Oberstufe unter zu bekommen, gibt es in diesem Jahr Überschneidungen bei der Sporthallenbelegung. Das Raster ist zwar schon vor zwei Jahren auf 16.30 Uhr erweitert worden, aber erst jetzt, nachdem die Schule voll ausgebaut ist, ist die Sporthalle davon betroffen. Da sich die Halle aber nicht im Besitz des Schulträgers befindet und der Bau sowohl von der Verbandsgemeinde als auch vom Sportverein finanziert wurde, musste heute ein Klärungsgespräch mit allen Beteiligten eine Lösung finden. Sie steht letztendlich noch aus, aber wir fanden Wege, die zu einer Lösung führen können. Immerhin – und also ein gelungenes Gespräch.

 

Donnerstag, 15. September 2016:

Jetzt ist es amtlich: Der letzte Kandidat für die Deutschvertretung hat abgesagt. Irgendwie haben wir das schon erwartet und längst einen Plan B umgesetzt. Das bedeutet zwar eine Umstellung, aber besser zwei Klassen haben beide etwas weniger Deutsch als eine gar nicht. Die zusätzlichen Stunden, wir decken sie durch Schulleitungsmitglieder ab, können kaum vergolten werden. Ärgerlich, aber wohl realistisch. 

Heute hatte ich dafür nicht mal meinen Regelunterricht, denn ich weilte an der IGS Ingelheim beim Gesamtschultag der GEW und der GGG. Immer wieder werden solche Tage angesetzt, um inhaltlichen und persönlichen Austausch zu ermöglichen und zu forcieren, gerade zwischen neuen und so genannten alten Gesamtschulen, zu denen wir inzwischen ja gehören. Bestandteil eines jeden Gesamtschultages ist ein einführendes Referat gewesen. Heuer hat die Schulleiterin der IGS Wuppertal-Barmen ihre Schule und deren Konzeptmerkmale vorgestellt. Aufmerksamkeit war ihr gewiss, denn ihre Schule hat den Deutschen Schulpreis erhalten. Einem Schulleiter, der auf jeden Quadratmeter Fläche angewiesen ist, der ohne Container für einen neuen Jahrgang auskommen muss und der fast mit dem Raumprogramm einer Realschule plus auskommen muss, können in Ingelheim schon die Tränen kommen: Eine neue, voll ausgebaute IGS mit einer Aula, die sonst wohl nirgendwo mehr genehmigt wird, ein Schulgelände mit großzügigen Sportanlagen (apart machen sich die blauen Laufbahnen) und einer großzügigen Mensa und das alles an einem gemeinsamen Schulstandort, kurz:…ein Traum! Doch zurück zum Gesamtschultag.  Insgesamt waren 25 Foren zu unterschiedlichsten Themen angeboten, das ging von Lernbüros als Gestaltung von Heterogenität bis zu Darstellendem Spiel in der Oberstufe. Im Forum 25 ging es um die Frage „Was ist noch ‚I‘ an der IGS in Rheinland-Pfalz?“ Angeregt durch mein Buch „Deshalb IGS“ wurde ich gefragt, ob nicht den Anfang der Gesamtschul-Entwicklung mit den Überlegungen des Deutschen Bildungsrates darstellen könnte, um, davon ausgehend, zu schauen, was ist davon in Rheinland-Pfalz (noch) umgesetzt.

Ich startete mit der Bildungsdiskussion, die Mitte der Sechziger des vergangenen Jahrhunderts geführt wurde und letztendlich zur Gründung des „Deutschen Bildungsrates“ führte, der das Mandat erhielt, einen Bedarfs- und Entwicklungsplan für das Bildungswesen zu entwickeln, eine Struktur des Bildungswesens aufzustellen und Empfehlungen für eine langfristige Planung zu erarbeiten (vgl. dazu auch Kap.1.2. meines Buches „Deshalb IGS“, S. 23-35). Aus dieser Arbeit des Bildungsrates entstanden eine ganze Reihe von Empfehlungen, zum Beispiel auch die zur Errichtung Ganztagsschulen und eben auch die zur Errichtung von Gesamtschulen als wissenschaftlich begleitete Modellversuche. Ich berichtete weiter von der Einigkeit, die zunächst darüber herrschte, dass das dreigliedrige Schulsystem der veränderten demokratischen Gesellschaft nicht (mehr) gerecht würde und durch ein in Stufen horizontal gegliedertes Bildungswesen abgelöst werden müsse. Wohlgemerkt: Es ging nicht um die Schaffung einer zusätzlichen Schulform, sondern das konzipierte Bildungswesen sollte das alte ersetzen! Dazu entwickelte der Bildungsrat nicht nur strukturelle Maßnahmen, sondern forderte ebenfalls eine Veränderung des Lehrerbildes, das in der Schule von einem „Miteinander“ ausgehe statt eines „Gegenübers“ von Lehrkräften und Schülern, forderte größtmögliche Wahlmöglichkeiten in Form von verschiedenen (neuen) Fächern (geblieben ist davon das als Minimum das Wahlpflichtfach und das Fach Gesellschaftslehre), forderte einen anderen Ansatz der Leistungsüberprüfung, forderte bereits vor über 50 Jahren das Einüben in kooperative und individuelle Arbeitsformen und formulierte einen umfassenden, allgemeinen Bildungsbegriff, der keine Fächer zu „Haupt“-Fächern deklarierte, um damit kreative, gesellschaftliche und künstlerische Fächer zu „belangloseren“ „Neben“-Fächern abzuwerten. Ich schilderte auch, dass bereits damals erkannt wurde, dass eine Gesellschaft in Vielfalt bereits in frühen Kinder- und Jugendjahren gemeinsame soziale Erfahrungen machen müsse, um die Ungleichheit und Ungerechtigkeit der Chancen zu verringern oder gar zu überwinden, statt sie in einem gegliederten Schulwesen fortzuführen. Verschiedenen Begabungen von Kindern sollte durch differenzierte Angebote begegnet werden, die durchaus ermöglichten, dass Schüler/-innen in verschiedenen Fächern auf unterschiedlichem Niveaus lernen können. Wenn man heute, so der Impuls für das „Forum 25“ von der IGS hört und liest, wird lediglich (?) oder in der Hauptsache (?) die Fachleistungsdifferenzierung als Kennzeichen aufgeführt. Gesamtschule, so war und ist es mein Bestreben, ist aber doch viel, viel mehr, was aber kaum noch „transportiert“ wird.    

Da das Kapitel in meinem Buch für diesen Anlass etwas dünn ausgestattet ist und noch andere Ziele verfolgt, widmete ich mich noch zusätzlich dem „Gutachten und Studien der Bildungskommission 12, Lernziele der Gesamtschule“ (Stuttgart, 1969). In welche tiefgreifenden Ebenen der Veränderung ich die Zuhörerschaft führen wollte, wird schon beim erweiterten Begriff des „Lernens“ deutlich:

„Lernen soll heißen: Veränderung des Verhaltens eines Menschen durch Erfahrung“ (ebd.S.13)

Lernen habe, so heißt es weiter, früher immer einem weiteren Sinn gedient:

  „…der Einübung in die geschichtliche Kultur, der Vorbereitung auf den gesellschaftlichen Beruf, der Orientierung auf eine theologische oder philosophische Bestimmung des Menschen.“ (ebd.S.14)

Diesen weitergehenden Sinn habe das Lernen heutzutage weitgehend verloren und diene in erster Linie durch Abschlüsse zum Ausweis von Bildung und damit als Zugangsschlüssel zu festgelegten Berufschancen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie sehr wir heute noch einem Lernbegriff anhaften, der einmal wichtig war und seine gesellschaftliche Begründung besaß:

„Bis zum Beginn des industriellen Zeitalters war die Grunderfahrung des heranwachsenden Menschen von der Unveränderlichkeit seiner jeweiligen Umwelt bestimmt; Veränderungen kamen unmerklich oder katastrophisch; Gefahren drohten im Wesentlichen aus dem jeweils nicht oder noch nicht beherrschten Bereich – von den Mächtigen, von der Natur, vom Unbekannten. Ihnen gegenüber halfen nur: mehr eigene Macht oder Rechte, mehr Kultur, mehr Wissen. Und dazu musste vor allem das einmal Errungene und durch viele Generationen Weitergetragene oder Weiterentwickelte festgehalten, mussten die immer noch zu geringen Mittel sorgfältig auf die nie erreichten, durch Erfahrung schon kräftig eingeschränkten Ziele hin bewahrt und gepflegt werden. Schule war die notwendige formalisierte Vermittlung dieser ‚Summe‘ an die jeweils nächste Generation, war vergesellschaftlichtes Gedächtnis. Ihr Lern- oder Lehrziel war sicheres, unveränderliches Wissen als ein in sich begründeter Wert“ (ebd.S.16).  

Heutige Lerninhalte messen sich immer noch viel zu sehr an fachbezogenen Einzelbeschäftigungen, deren Inhalte sich quasi verabsolutieren. Etwa: Jeder Abgänger der zehnten Klasse muss eine Erzählung von einer Novelle und diese wiederum von einer Kurzgeschichte unterscheiden können, selbstverständlich die Kennzeichen des Romans wissen und all dies der Prosa zuordnen und von der Lyrik mit ihren Gattungen unterscheiden können. Das klingt nach wie vor ganz stark nach „formalisierter Vermittlung einer Wissens-Summe“. Dagegen setzt die Ende der Sechziger entwickelte Gesamtschule nicht auf einzelne Lernziele in einer durchgehenden Reihenfolge, sondern kennzeichnen sie dadurch, ob sie in einem „möglichst logischen und sachlichen Zusammenhang“ auf drei Grundphänomene reagieren als da sind:

 „ - der Prozess der sich beschleunigenden Veränderung

- der Prozess der Verwissenschaftlichung

- der Prozess der zunehmenden Vergesellschaftung“ (ebd.S.15).

Darin wird deutlich, dass es viel stärker um Lernen durch bildende Erfahrungen gehen müsste, die für ein Leben in der heutigen Welt und deren Gesellschaften befähigen sollen. Im Unterschied zu vergangenen Zeiten gibt es keinen festen Kanon von Wissen, jedenfalls keinen, auf den sich übereinstimmend geeinigt wurde. Ich habe den Eindruck, dass bis in die Gegenwart hinein jede Fachwissenschaft überlegt, was für sie wichtig und zentral ist. Aus diesen Überlegungen und rein fachwissenschaftlich bedingten Forderungen werden durch isolierte Einzelbetrachtungen Lehrpläne für jedes Fach entwickelt, die viel Wissen anhäufen, das, angehäuft und abfragbar, über ein Zertifikat des jeweiligen Bildungsgrades entscheidet. Das Leben in und die Teilhabe an einer Gesellschaft geriet aus dem Blick (oder wurde in der nachindustriellen Zeit noch nie in den Blick genommen). Darauf käme es aber doch an, dass jeder, mit zumindest ähnlichen Chancen, die Möglichkeiten erhält, sein individuelles Leben sinnvoll, wahrhaftig und gelingend gestalten zu können mit einer Bildung, deren Grundbestandteile nicht aus der Tradition sich ableiten, sondern auf ein gegenwärtiges, aktuell anstehendes Leben vorbereiten.

 

Dienstag, 13. September 2016:

Wo immer ich in der Gesamtschullandschaft auftauche und gefragt werde, vertrete ich das Team-Kleingruppen-Modell mit Vehemenz und dieses muss sich auch auf das Schulleitungsteam erstrecken. Da wir inzwischen ein vollständiges Team bilden, lag es nahe, dass auch wir als Schulleitungsteam uns Zeit zur Teamfindung nehmen, zumal das „Zentrum für Schulleitung und Personalführung“ dazu personelle Ressourcen zur Verfügung stellt. Bei einem Vorgespräch hatten wir unsere Erwartungen und Wünsche bereits geklärt: Rollenfindung, Beziehungen klären, Stärken-Schwächen benennen. Dazu war der Tag fast etwas kurz, aber aus meiner Sicht sehr wertvoll. In der Vorbesprechung klang etwa das „Riemann-Thomann-Kreuz“ an, aber eine genaue Vorstellung davon hatte ich nicht. Als wir uns heute aufstellen mussten, wurde der Hintergrund klar. Auf einem Kreuz wurden die Achsenenden jeweils aufgespannt mit gegensätzlichen Begriffen: „Nähe“ versus „Distanz“ und „Dauer“ versus „Veränderung“. Den vier so entstandenen Feldern wurden nähere Bestimmungen zugeordnet, als das sind selbstbewusster Kreativer, fröhlicher Mitreißer, ordentlicher Analytiker und treuer Kümmerer, gepaart mit jeweiligen Stärken: Star-Power, Analyse-Power. Netzwer-Power und Team-Power.

Mit Kreppband wurde ein großes Kreuz auf den Boden geklebt und wir sollten uns nun einem der Felder, das uns in der Eigenwahrnehmung am meisten entspricht, zuordnen und dort „hineinstellen“. Dieses „Standbild“ konnte nun eine ganze Reihe von Auskünften geben: Decken wir alle Felder ab? Befinden wir uns im Gleichgewicht? Welche Felder sind stärker besetzt, welche schwächer? Sind die Felder stabil besetzt oder lediglich in der jetzigen Phase der Schulentwicklung? Wer hat die meisten Anteile des angrenzenden Feldes und könnte dieses mit einbringen? Sprich: ein einfaches Modell, um schnell über die Zusammensetzung eines Teams, über starke Seiten und geringere Anteile ins Gespräch zu kommen. Nie zuvor hatten wir über solche Fragen nachgedacht. Dies unter Anleitung einen Tag lang tun zu können, wünsche ich jedem Team. Die kommende Zusammenarbeit wird zeigen, ob und welche Früchte dieser Tag hervorgebracht hat.  

Eine Äußerung der Anleiterin beeindruckte mich abschließend. Sie würde oft für Fortbildungen „gebucht“, wenn in einem Team scheinbar unüberwindliche Konflikte auftreten würden, die eine fruchtbare Zusammenarbeit verhinderten. „Jetzt kann ich von einer Schule berichten, die sich um Teambildung kümmert, bevor Konflikte auftreten“.

 

Donnerstag, 08. September 2016:

Laut der neuen Unterrichtsverteilung blieb bei mir eine Stunde übrig. Welches Fach ist schon einstündig? Kurzerhand belegte ich daher zwei Mittagspausenaufsichten in Wachenheim, die doppelt gerechnet eine Unterrichtsstunde ergeben. Zwar rief das hie und da Verwunderung hervor: Der Schulleiter macht Pausenaufsicht? Aber ich schlage damit zwei Fliegen mit einem Streich. Dadurch, dass ich im fünften Jahrgang dieses Jahr keine Musikklassen habe, wäre ich nie am Standort Wachenheim zu finden. Zudem ist die Mittagspause an diesem Standort eine bekannte Schwachstelle, da sie drei Aufsichten gleichzeitig benötigt, was in der Vergangenheit immer wieder zu Engpässen führte, weil Kolleg/-innen den Standort „in Richtung“ Oberstufe wechseln mussten. Ich empfinde dies als eine prima Lösung, denn vor die Aufsichten legte ich noch jeweils eine Stunde, in denen ich im Büro für Kolleg/-innen ansprechbar bin. Heute ließ ich mich also in die Regelungen der Mittagspause einweisen und erlebte eine herrliche Stunde. Bei Sonnenschein herrschte eine schöne Stimmung, jetzige Sechstklässler strömen zu mir, begrüßten mich, klatschten ab und freuten sich, mich auf dem Hof zu sehen. Ich genoss es zu sehen, wie sie Verstecken spielten, ihr Pausenbrot aßen, die Spielgeräte nutzten und die Softbälle hin- und herkickten. Ich bin nun gespannt, wie sich der Herbst und der Winter gestalten, aber das heutige Erleben will ich schon jetzt nicht mehr missen.

 

Dienstag, 06. September 2016:

Seit einigen Jahren schon fährt das Fünferteam zu erlebnispädagogischen Tagen der Teamfortbildung, die gleichzeitig auch als Vorbereitung auf die Klassenfahrt dient. Dass sie in diesem Jahr direkt im Anschluss an die Integrationstage stattfindet, ist ein Besonderheit, welche der Terminenge im Martin-Butzer-Haus geschuldet ist. Das mindert die Anstrengung aber nicht. Gestern arbeiteten die Fünftklässler zu Hause. Am zweiten Tag fand immer ein Wandertag mit der jeweiligen Patenklasse statt. Es häuften sich aber die Rückmeldungen, dass dieses Unternehmen wegen der großen Schülerzahl deutliche Grenzen erfährt. So reduzierten wir den Kontakt auf eine Patenaktion. Anschließend sollte ein langes Assembly stattfinden und in der 5. Und 6. Stunde sollte die Bundespolizei über das Verhalten am Bahnhof und auf dem Nachhauseweg informieren. So war es geplant, so war es aber nicht durchführbar, weil wiederum die Termindichte im Weg stand. Also organisierte ich ein „sehr langes Assembly“. Zu Beginn befassten wir uns ausführlich mit dem Schullied, sprachen über Inhalt und das Singen im Kanon und probierten es fleißig aus. Das kostete kaum Vorbereitung, weil ich es genau auf diese Weise Bestandteil in meinen Musikklassen war. Das Klatsch- und Rhythmusspiel „Verbotener Rhythmus“ kam auch in dieser Jahrgangsversammlung gut an und es war bei der Masse der Schüler/-innen eine leichte Übung zu gewinnen. Anschließend hatte ich mir einen Klassenwettstreit ausgedacht: Jede Klasse musste Aufgaben erfüllen, die anschließend vor einer jahrgangseigenen Jury präsentiert und von ihr bewertet werden sollten. In Gruppen sollte der Text des Schulliedes auswendig aufgesagt und gesungen werden, drei Berufe sollten als Standbild aufgestellt werden, verschiedene Gegenstände sollten auf dem Schulhof gesammelt und ein Balkenrätsel mit Begriffen „rund um die Schule“ musste gelöst werden. Alles verlief gut und ich stellte fest, dass mich diese vier Stunden mit einem kompletten Jahrgang bei weitem nicht so anstrengten wie die Begrüßungsfeier letzte Woche. Meine Analyse lautet: Weil ich alles „selbst im Griff“ hatte und damit auch steuern konnte. Sollte sich die Gestaltung dieses Tages im nächsten Jahr so fortsetzen, könnte er noch interessanter werden, weil wir im Vorfeld ja noch geeignetere Aufgaben überlegen könnten. Ein bisschen fühlte ich mich an meine Pfadfinderzeit erinnert, in der ich auch immer wieder Gruppen zu „beschäftigen“ hatte. Heute machte ich die Erfahrung: Ich kann es noch!    

Freitag, 02. September 2016:

Und da lachte der Himmel erneut und nun zum neunten Mal: immer, wenn wir freitags nach den Integrationstagen mit den Eltern grillten, war schönes Wetter – in dieser Anzahl kaum zu glauben! Wieder vernahm ich viele Stimmen, die sich sehr über die vergangenen Tage, ihr Programm und über diese Phase der Eingewöhnung geäußert haben. Dazwischen schnappte ich noch nach der wie immer entspannten und locker schönen Atmosphäre. Auch hier hatte die Planungsgruppe seinerzeit eine glänzende Idee, die sich über Jahre hin fortsetzte und immer noch reizvoll und gelungen ist. Natürlich waren wir für die restlichen Luftballons bestens gerüstet, kein/e Schüler/-in soll wegen organisatorischer Misslichkeiten der Genuss des Wettbewerbs versagt bleiben. Für die kommenden Jahre werden wir immer zwei volle Flaschen parat haben, dann können die Luftballons so groß sein, wie sie wollen und so prall gefüllt, wie immer der Abfüller es meint. 

Weiterhin bin immer auf der Suche nach einer Deutsch-Lehrkraft. Inzwischen habe ich über 50 Anrufe ohne Erfolg absolviert. Heute „schneite“ ganz unverhofft eine Bewerbung auf meinen Schreibtisch. Der Kollege möchte sich am Mittwoch vorstellen. Ich drücke uns mal eigensinnig schon jetzt die Daumen!



Mittwoch, 31. August 2016:

Beim ersten Riechen dachte ich: „Wer grillt denn da mitten in der Woche auf dem Alla-hopp!-Gelände?“. Als ich aber einen Schüler rufen hörte: „Feuer! Wir haben Feuer!“ lief ich doch schnell den Flur entlang und sah durch die bereits geschlossene Rauchschutztür am Fachtrakt dicken, schwarzen Rauch. Schüler standen schon auf dem Hof, ich sah ebenfalls den Hausmeister schon am Mobiltelefon. Selbst im Hof angekommen, wurde ich informiert: Der Reinigungswagen einer Putzkraft war abgebrannt. Da sich solches Gerät kaum selbst entzündet, gingen wir gleich von einer Brandstiftung oder einer groben Dummheit aus. Zwei Jugendliche wurden gesehen, die entgegen des „flüchtenden“ Schülerstroms die Treppe hoch Richtung Brandstelle liefen, aber niemand konnte sie näher beschreiben. Die mit drei Fahrzeugen angerückte Feuerwehr brachte den angekokelten und verbrannten Wagen runter, mit schwerem Atemgerät, und stellten dann drei Gebläse auf, um den Rauch aus dem Gebäude möglichst umfangreich herauszublasen. Immerhin waren Plastikteile verbrannt, deren Rauch durchaus giftig sein konnte. Ein hinzugeeilter Rettungswagen kümmerte sich um zwei Schüler, die geholfen hatten, den Wagen mit Feuerlöschern zu löschen.

Vermutlich wurde die Polizei mitalarmiert oder von der Feuerwehr hinzugerufen. Sie befragte mit zwei Mann alle Umstehenden nach dem, was diese gesehen hatten. Abschließend wurde ich als Schulleiter informiert: „Wir erstatten Anzeige gegen unbekannt wegen schwerer Brandstiftung“. „Weshalb schwere Brandstiftung? War doch nur ein Putzwagen?“, wollte ich wissen. „Zum einen handelt es sich um ein öffentliches Gebäude und zum anderen hätten Personen zu Schaden kommen können. Also: schwere Brandstiftung.“, wurde ich aufgeklärt. Zum Abschluss kam ich mir vor wie im Fernsehen, hört man den folgenden Satz doch bei jedem Krimi: „Wenn Ihnen noch etwas einfällt – hier meine Karte, rufen Sie mich einfach an!“ Zwei Schülergruppen aus dem anderen Flügel entließ ich kurzerhand aus dem Unterricht. Zwar bestand keine unmittelbare Gefahr, aber bei der Aufregung war an sinnvollen Unterricht eh nicht zu denken.

Natürlich hatte ich den Schulträger und die Schulaufsicht bereits telefonisch informiert, beide wollten zeitnah zusätzlich einen schriftlichen Bericht, den ich gleich per Mail auf den Weg brachte. Kaum saß ich am Computer, klingelte mein Mobiltelefon auch schon. „Ist morgen Unterricht, es hat doch gebrannt!“. Über die sozialen Netzwerke war die Nachricht „schon durch“ und weckte Begehrlichkeiten, aber der Unterricht findet völlig regulär statt.

Zum Glück hatte die Feuerwehr mit Wasser gespart. Von meinem „Feuerwehr-Bruder“ weiß ich, dass der Schaden, der durch Löschwasser verursacht wird, oft größer ist als der durch das Feuer selbst. Vereint packten die Reinigungsfrauen, der Hausmeister und zwei Schüler an, sodass zunächst der gröbste Dreck und alles Wasser bald verschwunden waren. Einen Raum sperrte ich für den morgigen Unterricht. Der Pulverinhalt der Feuerlöscher legte sich in einem Physikraum so über alle Möbel, Geräte und den Boden, dass er von einer Spezialfirma fachkundig gereinigt werden muss. Zwei Standorte – zwei Brände innerhalb von zwei Jahren. Eine traurige Bilanz und dennoch eine glückliche, weil bei beiden kein/e Schüler/-in zu Schaden kam.    

 

Dienstag, 30. August 2016:

Ist es nicht herrlich, wenn niemand ein Konzept vorgibt und eine Feier sich fast als Tradition Jahr für Jahr fortsetzt? So heute wieder bei der Begrüßungsfeier der „Rike Rieslings“ in der Stadthalle. Schon im Musikunterricht des letzten Jahres fragten beim „Cupsong“ die Schüler: „Können wir das nicht bei der Begrüßungsfeier vorführen?“ Genau so soll es in meinen Augen sein, wenngleich dies schon fast die höchste Stufe ist: Schüler/-innen haben selbst die Feier im Blick und denken bei Unterrichtseinheiten daran. Auch bei dem eingeübten Squaredance das gleiche Spiel. Auch der Auftritt des neu zusammen gestellten Lehrerteams…wie aus dem Nichts und selbstverständlich kommt da eine witzige Choreografie auf die Bühne, welche die Lehrkräfte und ihre Fächer gleich mit in die Vorstellung einbauten. Heute kam hinzu, dass ich wegen der Einschulung eines Kollegenkindes die Moderation übernommen habe. Will heißen, dass zwei Programmpunkte, meine Begrüßung, das Schullied, Einsatz bei der Teamaufführung und hinterher das Programm mit den Eltern mehr oder weniger auf meinen Schultern ruhte. Das war dann doch etwas anstrengend, wie ich am Nachmittag empfand. Kommt da langsam das Alter ins Spiel?

„Dumm gelaufen!“ oder „Sowas passiert eben!“: Die beiden Flaschen mit Luftballongas reichten nicht aus, um alle Ballons zu füllen. Schade für die jeweiligen Kinder, aber wir versprachen, dass wir das am Freitag beim Grillen nachholen wollen, damit alle die Chance haben, ihren Ballon fliegen zu lassen. Der Vormittag war also erneut eine runde Sache, die ohne unseren Förderverein wieder nicht zustande gekommen wäre. Dankbar stehe ich da, empfinde Glück und wünsche allen neuen Fünftklässlern, dass sie durch die heutige Feier und die kommenden Integrationstage sich schnell bei uns wohlfühlen.

 

Montag, 29. August 2016:

Seit der Jahrgang „Konrad Korken“ in Deidesheim begann, bedeutet der erste Schultag nach den Sommerferien „Lärm und Krach“, denn immer müssen da die neuen Siebtklässler zu Begrüßung am neuen Standort durch ein lärmendes Spalier aus Acht- bis Zehntklässler hindurch – ein schönes und stets ergreifendes Spektakel, das kurz aber heftig über den Schulhof wallt.

Ebenfalls bereits eingespielt ist die Begrüßung des neuen Oberstufenjahrgangs in der Mensa – zwar sehr viel ruhiger, aber schon auch berührend. Inhaltlich geht es immer um drei Punkte: Ich stelle, vor allem für die aus anderen Schulen zu uns gestoßenen Schüler/-innen die Schulform der IGS vor und bitte die „Eigengewächse“ um gute Integrationshilfe. Wir weisen auf die besonderen Bedingungen und Notwendigkeit der Oberstufe hin. Die meisten sind es gewohnt, die zehnte Klasse gut und mit relativ wenig „Arbeit“ abgeschlossen zu haben. Oberstufe bedeutet nun, dass diese Gruppe der Besten nun in einem Jahrgang versammelt ist und die guten Noten sich unter Umständen oder sehr wahrscheinlich nur noch mit mehr Arbeit erzielen lassen. Und der dritte Punkt bezieht sich auf alles, was man am ersten Tag an einer neuen Schule eben wissen muss.

Die Besonderheit heute bestand noch darin, dass wir nun auch von Schülerseite komplett ausgebaut sind: Wir unterrichten erstmals alle Jahrgänge von fünf bis dreizehn. Der sukzessive Aufbau über neun Jahre ist abgeschlossen, ein komplettes Kollegium unterrichtet alle neun Jahrgänge, sprich (nach heutigem Stand) 851 Schüler/-innen. Ich kann es mir nicht verkneifen: …und das alles, obwohl seit 2009 nicht ein Quadratmeter Fläche hinzugekommen ist!

Lange konnte ich diesen Gedanken allerdings nicht ausbrüten, denn in Wachenheim erwarteten mich meine beiden Musikklassen aus dem letzten Jahr. Für die Einschulungsfeier des Jahrgangs „Rike Riesling“ hatte ich im Unterricht den „Cupsong“ und einen Squaredance vorbereitet. Nach sechs Wochen Schulferien sollte eine probende Auffrischung am Originalort den letzten Schliff vermitteln.

Auch dies lief ohne Probleme, so dass ich pünktlich zur Schulleitungssitzung wieder in Deidesheim ankam.   

 

Freitag, 26. August 2016:

Die erste Dienstbesprechung mit dem kompletten Kollegium – personell ist damit die Schule „ausgebaut“. Diese Dienstbesprechung ist seit Jahren der Ort, an dem ich auch die aktuelle Personalsituation vorstelle. Drei neue Kolleginnen konnte ich begrüßen, eine Kollegin, die bereits im letzten Jahr zu uns versetzt wurde, aber sich in Elternzeit befand, und nun uns kommt. Eine besondere Freude war die Umwandlung eines dreijährigen Vertretungsvertrages in eine Planstelle. Neue Kolleg/-innen können jetzt nur noch zu uns stoßen, wenn es innerhalb des Kollegiums Veränderungen in Form von „Abgängen“ (so heißt das offiziell im Gliederungsplan) gibt oder Veränderungen der Teilzeitkräfte beantragt werden. Beim jährlichen Foto konnte das wirkliche „Ausmaß“ dieses nun komplettierten Kollegiums erst richtig zu ermessen. Wenn sich alle unter einem Baum drängen, dicht an dicht, damit sie aufs Bild kommen, stehen knapp 80 Lehrkräfte, mit möglichst freundlichem Gesichtsausdruck da…welch ein Eindruck.

Die Stimmung war ebenfalls eine besondere, so empfand ich es wenigstens, vielleicht weil der die Schule aufbauende Schulleiter angesichts der abschließenden Fülle über einen besonderen Kanal für Stimmungen verfügt. Die Ausführungen, was im neuen Schuljahr auf uns zukommen wird und was wir uns vorgenommen haben, die Erläuterungen des dicht gedrängten Stunden- und Raumplanes angesichts der ausgebliebenen Container – kaum etwas beeinflusste die Stimmung negativ. Wie sollte ich mich bei dieser Stimmung, auch Freude, und dieser professionellen Reaktion nicht glücklich sein!

Von den sich anschließenden Teamsitzungen bekam ich nichts mit, da saß ich bereits wieder im Büro, bereitete nach, kümmerte mich um die bürokratischen Notwendigkeiten bei Neueinstellungen als da sin: Vereidigung, Belehrungen über das Gesetz zur Vermeidung von Korruption, Hinweise zu Nebenbeschäftigungen, Belehrung über Verschwiegenheit usw. Erstmals folgte noch ein Treffen der ehemaligen Zehnerlehrkräfte zur „Übergabe“ an das MSS-Team. Im letzten Jahr gingen Informationen über Schüler/-innen unter, so dass wir dieses „neue Instrument“ einführten.

Jetzt kann das Schuljahr beginnen, die Struktur ist gelegt, die räumliche Enge zumindest auf dem Papier bewältigt, die Stimmung gut. Lasst uns ein Schuljahr beginnen, das in erster Linie für unsere Schüler/-innen, aber auch für uns ein erfolgreiches sein wird!

 

Sommerferien 2016:

Das war ja mal wieder ein fulminanter Endspurt im Schuljahr, aber in den Sommerferien  sollte etwas Ruhe einkehren. Wir hatten die Unterrichtsverteilung ja wirklich zwei Wochen vor (!) den Ferien im Großen und Ganzen hinbekommen, so dass die Kolleg/-innen schon mal einen Vorgeschmack auf ihren künftigen Einsatz bekommen konnten. Eine erste Sitzung des Schulleitungs-Teams gleich zu Beginn der Ferien hatte den Terminplan für das neue Schuljahr zum Gegenstand, natürlich noch mit einigen Löchern der Detailplanung. Mitten in diese Sitzung ereilte uns die Hiobsbotschaft: Die zusätzlich und schon lange angeforderten Container für die neuen Elfer werden erst nach den Herbstferien geliefert werden. Müssen die Ferien mit einem solchen „Hammer“ beginnen? Wie soll das gehen und was sind die Hintergründe? Bürokratische Hürden und der „Teufel im System“ stecken dahinter. Zum einen wurden zugesagte Container von Kommunen nicht zurückgegeben, andere entsprachen nicht den Vorschriften, die für als Klassenzimmer genutzte Container gelten (Da saßen vielleicht die Fenster 1,5 Zentimeter zu hoch!) und zum dritten konnten auf die daraus entstandene Kürz keine neuen hergestellt werden. Jetzt sind sie bestellt. Na dann… Nur wie sollten wir das neue Schuljahr mit einem MSS-Jahrgang bewältigen?

Mitten in meinen Urlaub an der Ostsee platzte dann die Nachricht, dass die Kollegin, die mir vor den Ferien einen Vertrag zugesagt hatte, inzwischen „was anderes“ gefunden habe und abgesagt hat. Seither bin ich am Telefonieren, um Ersatz zu finden! Sieht gar nicht gut aus. Zwar gibt es über 240 Bewerbungen mit dem Fach Deutsch, aber für einen Vertrag über 12 Stunden, der sich nur bis in den Februar hinein erstreckt, müssen einige Komponenten stimmen: Es darf sich nichts „Besseres“ gefunden haben und man muss Zeit haben. Als Absagegründe höre ich immer wieder: „Ich habe bereits etwas anderes“. Hinzu kommt, dass man in der Nähe wohnen muss. Für zwölf Stunden an drei Tagen kommt niemand etwa aus Mainz angefahren. Ausnahmen erstrecken sich auch auf persönliche Gründe: „Ich habe gerade ein Baby bekommen!“ oder: „Wir machen jetzt erstmal Urlaub! Geht es erst nach den Herbstferien?“ Noch aber habe ich meine lokal bereits eingeschränkte Liste nicht durch!

Der Computer hat es tatsächlich hinbekommen, drei zusätzliche Oberstufen-Profile unterzukriegen. Eine Teufelsmaschine! Dafür sind nun alle Räume fast immer besetzt, die Elftklässler werden so genannte „Wanderklassen“ sein und manche Unterrichtsstunde wird nicht in einem Fachraum stattfinden können. Aber wir sind alle „unter“.

Und dann ertönte mitten in der Ferienarbeit ein elektronischer Feueralarm – wie das? Bisher ging die Mähr um, dass dies bei uns nicht möglich sei. Bei der Neujustierung und Programmierung des Schulgongs wird aber ein externes Notebook mit dem notwendigen Programm angeschlossen und darin ist eben auch ein Modul für den Feueralarm enthalten. Aha! Was ist notwendig und wie teuer wäre es, wenn wir dieses Modul einbauen würden? Der Antrag läuft. Welch eine neue Zeit würde bei uns einkehren, wenn nicht der Hausmeister mit dem Megaphon alarmierend durchs Gebäude laufen müsste! Nebenbei erfuhr ich: Der Spatenstich für den Anbau soll im März sein – allerdings erreichte mich die Nachricht ohne Angabe einer Jahreszahl!