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Mai 2016

Samstag, 28. Mai 2016:

Wenn eine Stadt ein Doppeljubiläum begeht, ist ein Festakt keine verwunderliche Veranstaltung. Dass in einer nicht allzu großen Stadt der Schulleiter dazugehört, lässt auch nicht aufhorchen. Eingestimmt war ich allerdings auf einen eher zähen Verlauf, einfach aus der Erfahrung heraus, dass solche Anlässe in aller Regel nicht zu einem Aufflackern von Kreativität herausfordern, dass lange Grußworte, mehr oder weniger historisch angehauchte oder akademisch daherkommende Reden sich mit bodenständigen (vornehmlich von Männerchören vorgetragenen) Heimatliedern abwechseln. Ich sollte eines Besseren belehrt werden. Bereits die Besetzung der Moderatorenrolle an einen regional bekannten Commedian (oder gar Kabarettisten?) ließen mich aufhorchen. Die oft lähmenden Grußworte wurden in einem Gruppeninterview auf der Bühne als lockere Runde gestaltet, ein in der Stadt bekannter Schauspieler huschte durch die Geschichte der Stadt, schlug abwechselnd mit einem (gemischten!) Chor den Bogen von den Römern, über die erste Nennung der Stadt im Codex des Klosters Lorsch (wo auch anders?), über die mittelalterliche Burg, die Zeit Napoleons, das Hambacher Fest in die Neuzeit, mit Musikstücken, die mich sehr stark an Carl Orff erinnerten (nachweisen kann ich sie nicht näher), garniert mit zwei Stücken aus des Moderatoren Soloprogrammen (unter anderem die fast poetry-geslamte „Hymne auf das Dubbeglas“) – kurzweilig und ansprechend eben. Soweit, so gelungen und gegenläufig zu dem von mir Erwarteten. Die gelungene Veranstaltung erhielt – quasi als Sahnehäubchen obendrauf – einen zusätzlichen Tupfer, der aber mit diesem Festakt über Jahre hin verbunden bleiben und in erster Linie die Erzählungen an die Enkel bestimmen wird. Bereits vor dem offiziellen Beginn erschütterte ein heftiges Gewitter die Gemarkung Wachenheim, gefolgt von einem Regenguss der ganz heftigen Sorte. Wir saßen alle in der bis auf den letzten Platz gefüllten Kulturscheune und erfreuten uns des Daches über uns. Allerdings machten wir die Rechnung ohne die Gewalt der Natur, denn zunächst tropfte es nur leicht auf die Bühne, der Moderator baute diesen Umstand herrlich und spontan mit in sein Programm ein, indem er sein Sektglas darunter hielt und die Tropfen kommentierend auffing: „Die Stadt lässt da keinen Gag aus!“. Dann kam urplötzlich Bewegung in die ersten Reihen, ein Strom des Regenwassers, das bereits einen Keller beglückt hatte, rann vor der Bühne durch die festliche Veranstaltung, VIP-Füße mussten angesichts der „Flut“ „gelüftet“ werden, damit die (wohl eher der vornehmeren Art zugehörigen, leichten) Schuhe ihre Nässe nicht allzu sehr an die Füße weitergeben konnten, die eh anwesende Feuerwehr trat mit Pumpen in Aktion, die Tonanlage fiel aus und eine Unruhe ging vorne durch das erlauchte Publikum. Als die gröbsten Misslichkeiten unter Kontrolle waren, fragte der Moderator, die Situation gekonnt rettend: „Ist jemand verletzt? Sind Nichtschwimmer hier?“. Damit hatte der Stadtbürgermeister, der keinen todernsten sondern einen lockeren Festakt anstrebte, einen ungewollten Beitrag in seinem Sinne erhalten - und ich bekam einen vergnüglichen Wochenendtermin beschert – einfach herrlich!   

 

Mittwoch, 25. Mai 2016:

Ein zusätzlicher Sporttag im Schuljahr, da wir uns sowieso zu wenig bewegen, bedeutet immer wieder zusätzliche zeitliche Belastung. Ich persönlich empfinde das gar nicht so, oder genauer: empfinde die zusätzlich eingebrachte Zeit mehrfach belohnt. Ob Wandertage, Wochenenden mit den Young Americans, Sporttage oder ähnliche Zusatztage, immer verspürte ich einen Nutzen, der sich auch pädagogisch „bezahlt“ macht. Der Grund ist immer der gleiche: Ich erlebe Schüler/-innen bei solchen Tagen anders, lerne sie neu kennen, kann entspannt mit ihnen und sie mit mir umgehen und kann bisher unentdeckte Seiten erleben. Wenn Pädagogik nur dann Pädagogik ist, wenn sie den ganzen Menschen in den Blick nimmt, dann sind es genau solche Tage, die mir unbekannte Länder in den vielfältigen Schülerlandschaften eröffnen, die mir ganz neue Seiten zeigen und mich miterleben lassen. Ich gönne allen – Schüler/-innen wie Lehrkräften – diese Erfahrung, weil einmal nicht die Kopftätigkeit gefragt ist, nicht meist theoretisches Lernen im Vordergrund steht und jede/r sich neu, anders, ganzheitlicher zeigen kann. Herrlich! Und deswegen schwindet für mich die Zeitabrechnung gegen null. Heute erlebte ich etwa, da ich die Gruppe „Schach“ in drei Stunden „in Schach“ hielt, wie ein Schüler, den ich seit langem kenne aber im Alltag eines Schulleiters aus den Augen verloren habe, wie eben dieser Schüler simultan gegen zwei jüngere Mitschüler spielte – und gewann!  Wo anders hätte ich ihn so erleben können? Wo anders hätte ich ihn so bewundern und ihm meine Begeisterung kundtun können? Hinzu kam, dass ich die ganze Atmosphäre dieses Tages in mich aufsog, sei es die Stimmung beim Wurstverkauf der künftigen Abiturient/-innen, sei es den strengen Duft beim Feuerspucken bei der Zirkusgruppe, sei es die abgekämpften Wanderer oder Triathleten bei der Rückkehr an die Schule und vieles mehr. Ein Tag eben, den ich genießen durfte! Dank an alle, die ihn ermöglicht haben.

 

Freitag, 20. Mai 2016:

Was gestern noch „demain“ war, ist heute „aujourd‘hui“. Um Viertelvoracht war Treffpunkt am Bahnhof, Schüler/-innen, Eltern und Lehrkräfte waren schon zuhauf anwesend. Als wollten sie die gestrigen Worte bestätigen: es gab Umarmungen, Adressenaustausch, Wiedersehensversprechen und natürlich auch Tränen. Auch die bei mir kurzen und sprachlich sehr eingeschränkten Begegnungen mit den Lehrkräften aus Cuisery vermittelten mir zusätzlich den Eindruck: Diese Tage waren äußerst gelungen und können durchaus als Grundstein für eine kommende Schul-Partnerschaft gelten. So gesehen erlebten wir für die Schule vielleicht historische Tage, wenn einmal besiegelt ist, was heute als Absicht mehrfach erwähnt wurde. Abgesehen davon, war es zusätzlich bereichernd, denn unser Umgang mit den Schüler/-innen unterscheidet sich deutlich von dem des Nachbarlandes. Dort wird vielmehr auf Autorität gesetzt, für Zuspätkommer zur Schule gibt es eigene Stellen zur Betreuung, weil Lehrkräfte ihre Aufgabe und Tätigkeit in erster Linie im Unterrichten sehen. Von daher beeindruckte das Assembly (oder seit gestern „assemplage“) und das Ruhezeichen in besonderer Weise. Kein Wunder auch, dass Gastschüler äußerten, der Unterricht bei uns sei ihnen zu laut, sie seien da anderes gewöhnt. Ein verloren gegangenes Mobiltelefon verzögerte den Abschied ins fast Schmerzhafte. Es wurde dann aber im Grünstreifen am Bahnhof gefunden, so dass der Bus sich dann endlich unter Hupen und Winken Richtung Frankreich aufmachte.      

Seit einiger Zeit bürgerte sich in der Verwaltung der Begriff „alla-hopp!-Wetter“ ein. Das Begegnungs- und Bewegungsgelände wird gerade jetzt im Frühjahr wieder verstärkt genutzt. Bei schönem Wetter am Wochenende ist kein Parkplatz zu bekommen und der Platz fast überlaufen. Vom Bürgermeister der Stadt weiß ich, dass sich diese Einrichtung bereits in der Gastronomie der Stadt bemerkbar macht: Nicht selten würden ganze Gruppen „einfallen“, die sich, während ihre Kinder, mit oder ohne Aufsicht auf dem alla-hopp!-Platz sind, in den verschiedenen Restaurants und Weinstuben verköstigen ließen. Ein weiteres Novum: Als in einer Neustadter Grundschule die Flurdecken runterfielen, wurden die Klassen auf den Platz vor unserer Schule „ausgelagert“, heute scheint wieder eine Grundschule ihren Wandertag dorthin zu machen. Für die Stadt also ein Juwel! Dieser Tage wurden auch in den Überseecontainern die ersten Fenster- und Türelemente eingebaut. Ich denke, dann wird der eigentliche Innenausbau beginnen können, an dessen Ende aus den Stahlkolossen der Deidesheimer Jugendtreff auferstehen wird. Unsere Schulbau-Geschichte? Findet hoffentlich auf den Schreibtischen der Behörden ihren Fortgang, denn bei uns bemerkt man immer noch nichts…

Eine schöne Begebenheit erfuhr ich heute noch auf dem Parkplatz. Wären die Austauschschüler nicht bei uns gewesen, hätte sich die Potenzialanalyse für Schüler/-innen der achten Klasse sehr viel mehr in den Vordergrund gedrängt. Als Testung für eine eventuelle Berufsausbildung werden Stärken, Kompetenzen und Potenziale ausfindig gemacht. Ein für uns neuer und für mich sehr wichtiger Schritt, denn die IGS ist eine Schule, die alle Abschlüsse vergibt. In den letzten Monaten hat sich allerdings die Oberstufe immer wieder ins Rampenlicht gedrängt. Daher tut das Augenmerk und das Angebot für die Berufsreife als Regulativ gut – ein Gedanke, den ich am Dienstag in die Dienstbesprechung einbringen möchte. Aber zurück zum Parkplatz: Der Verantwortliche der externen Firma sprach mich an, dass alles gut verlaufen sei. Er sei ja an verschiedensten Schulen und könne sich daher eine Erfahrung weitergeben: „Ihre Schüler/-innen weisen eine ausgeprägte soziale Kompetenz aus.“ Die Tests gehen durchaus auch so vor, dass Grenzen ausgelotet würden. Es sei signifikant, wie sehr unsere Schüler gerade in diesen Situationen miteinander agieren. Und wieder ein Puzzleteil, welchen das Kollegium nicht mitbekommen hat. Auch dies werde ich am Dienstag in einer Woche weitergeben!  

 

Donnerstag, 19. Mai 2016:

Was lange währt, wird endlich gut: Wir beherbergen seit Dienstag eine Gruppe von 34 Schüler/-innen aus der Partnerstadt Cuisery in Gastfamilien. Seit dem ersten Jahr bereits gab es verschiedene Ansätze für einer partnerschaftliche Beziehung zur dortigen Schule, nun stehen die Zeichen gut für eine Umsetzung. Da ich nur über kleine und einzelne kurze Sätze in Französisch verfüge, saßen neben den vier französischen Lehrkräften einige unserer Lehrkräfte dabei und dolmetschten für mich. Die bisherige Stimmung ist sehr gut, so dass wir diese für die unmittelbare Begegnung auf offizieller Schulseite nutzen und fortführen konnten. Ich stieß auf offene und interessierte Gesichter und an positiven Bemerkungen und beiderseitigem Lachen ließen wir es nicht fehlen. Wenn wir an einem kennzeichnenden Merkmal der IGS teilhaben lassen wollen, dann bietet sich dazu es die Teilnahme an einem Assembly an. Daher kam die Idee auch von der Schülervertretung auf, zur Begrüßung der französischen Gastschüler/-innen am Standort Deidesheim zu einem ebensolchen Treffen der Jahrgänge 7 bis 10 in die Turnhalle einzuladen. Zu meiner Überraschung hatte der Schülersprecher sich auf eine zweisprachige Begrüßung vorbereitet – herrlich! Neben dem Film aus der Skifreizeit, bei welchem immer wieder Szenenapplaus aufbrandete, hatten wir noch einige Ehrungen für den Bundespreis beim Europawettbewerb vorzunehmen, so dass eine insgesamt gelungene Stunde über die Bühne ging. Danach blieb kaum Zeit, mich für den nächsten Gang vorzubereiten: Der Empfang beim Stadtbürgermeister in der guten Stube der Stadt. Die Atmosphäre dieses alten Raumes übertrug sich auf die rund sechzig Schüler/-innen, auch die meisten unserer Schützlinge kannten dieses Schmuckstück ja noch nicht. Angesichts der vielen historischen Daten, die sich mit diesem Ratssaal verbinden, verblasste aber die Aufmerksamkeit schnell, bis die Rede auf die geschnitzten Stühle aus dem 17. Jahrhundert kam, die zu Dreharbeiten für eine Filmtrilogie auf die Wartburg verfrachtet wurden. Über das Internet war die Filmfirma auf „unsere“ Originalstühle aufmerksam geworden und fand keine ähnlich schönen Exemplare. In schützende Folie verpackt, wurden sie insgesamt dreimal zu Aufnahmen auf die historische Lutherburg gebracht. Da einige Jungen und Mädchen die Fantasy-Filme kannten, war das Interesse wieder geweckt, dem anschließenden zweisprachigen Geburtstagsständchen für den Bürgermeister kam dies nur zugute.

Am Abend wurden die Gastschüler mit einem Schüler-Eltern-Lehrer-Grillen - einer neuen Bedeutung für die Abkürzung SELG – verabschiedet. Es war einfach nur herrlich, wie in der kurzen Zeit von zwei Tagen Beziehungen gewachsen waren. Beim späteren Aufräumen versuchte ich mit den wenigen mir bekannten Brocken den französischen Kolleg/-innen zu erklären, dass sie in etwa drei Jahren hier auf eine neu gebaute Schule treffen würden. Die fragenden Augen zeugten von dem Misslingen meines Radebrechens, sodass eine Französischlehrerin doch aushelfen musste. Eine sehr schöne Geste hatten sich die Gastschüler/-innen überlegt: Im Stile eines internationalen Fußballturniers hatten sich alle schwarz-rot-gelbe Streifen auf die Wangen gezeichnet, einige hatten sich auch Girlanden in unseren Nationalfarben gekauft und umgehängt. Herrlich! Mit den Lehrkräften verabredete ich mich mit Worten, die ich kannte: Bon nuit et a demain!

 

Dienstag, 17. Mai 2016:

Seit der ersten Auflage des Terminkalenders steht für heute fest: Wandertag für alle Klassen. Auch das Schulleitungsteam „wanderte“ heute durch ganz verschiedene Themen! Die Klassen sind unterwegs zu den unterschiedlichsten Zielen, das ermöglicht eine ganztägige Klausur ohne größere Störungen. Wir gingen verschiedene Konzeptpunkte an und erstellten Fahrpläne, etwa zur Unterrichtsverteilung. So recht ein ergiebiger Tag! Zwischendrin Begrüßung der sechsten Klassen, denn es hat sich eingespielt, dass sie an diesem „Geißbock-Feiertag“ den Standort in Deidesheim besuchen. Sie sollen als Siebtklässler nicht in ein ihnen fremdes Gebäude einziehen müssen. Gleich vermittelte ich ihnen den „Flur der Ruhe“.

 

Pfingsten, 16. Mai 2016:

Zu der Übernahme einer achten Klasse in Deutsch gehören natürlich Aufsätze und die notwendigen Korrekturen dazu. Über die Feiertage habe ich mir daher „Hausaufgaben“ mitgenommen – es ist seit acht Jahren das erste Mal, dass ich einen Aufsatz korrigiert habe, eine Inhaltsangabe. Ich muss feststellen: Ich kann es noch! Und ich darf feststellen: Ich kann einen gewissen Reiz nicht leugnen! Zugute kommt mir dabei, dass ich mir während der langen Zeit, in der ich regelmäßig Deutsch unterrichtete, ein Verfahren angewöhnt habe, das handhabbar ist und welches sowohl Eltern als auch Schüler/-innen die Korrektur gerade eines Aufsatzes transparent vermittelt. Aus meiner eigenen Schulzeit hat sich durchaus der Eindruck erhalten, dass gerade Aufsatznoten einer undurchsichtigen Zufälligkeit nicht entbehren. Heute macht mir das damals aus begleitender Literatur heraus entwickelte Verfahren mit festen Punktzahlen für bestimmte Inhalte und sprachliche Anwendungen die Arbeit immer noch leicht. Eine zuvor entworfene Liste mit den Anforderungen und Punkten für jede einzelne Aufsatzform, die auf einem Bewertungsbogen eingetragen werden, haben seinerzeit Eltern zu dem Satz bewogen: „Es ist das erste Mal, dass ich eine Aufsatzbewertung nachvollziehen kann!“ Ich bin gespannt, ob ähnlich gelagerte Worte nach der Ausgabe auch dieser Klassenarbeit folgen.

 

Donnerstag, 12. Mai 2016:

Die Personalplanung für das neue Schuljahr – für uns ja die letzte, die quasi ein weiteres Team aufnimmt, wenn die Planstellen zur Verfügung gestellt werden – beginnt langsam. Ein erstes Telefongespräch mit der Schulaufsicht zu diesem Thema beschäftigte mich heute Morgen. Dabei liegt die Zahl der von der Regierung freigegebenen Planstellen noch völlig im Dunkeln. Eine sich neu bildende Regierung zum Verfassungstag am 18. Mai wird zu Beginn ihrer Legislatur aber erfahrungsgemäß nicht die gleichen Spendierhosen anhaben wie eine, die wiedergewählt werden will. Überraschungen sind da immer möglich, genauso wie der Name der neuen Bildungsministerin, den ich heute der Zeitung entnahm. Dem Koalitionsvertrag entnehme ich sowohl ein auf Antrag weiterhin möglicher Ausbau von Gesamtschulen als auch eine Stärkung der Realschule plus. Endlich erhalten diese die wichtige Funktionsstelle einer didaktischen Koordination. Dass der Unterrichtsausfall weiter gesenkt werden soll, wird sich jede Regierung notieren, die Finanzministerin wird das ihrige dazu verlauten lassen…

Mich beschäftigen immer noch Auswüchse des Böll-Projekts. In einer Nachbereitung wollte ich Klarheit über den Ort haben (Hier ist die Frage vom Dienstag versteckt). Immer wieder schwirren in Bezug auf den Ort der Tagung 1951 drei Bezeichnungen durch die Literatur: Feldmann lokalisiert sie in der pfälzischen Kinderheilstätte – Hans Werner Richter lud Böll ein in das „Heim für internationale Begegnungen“ und heute subsumieren sich beide Begriffe in dem der Lebenshilfe. Durch die erwähnte Bildpostkarte, auf die ich im Internet stieß, konnte ich das Licht der Unterscheidung in die Begrifflichkeiten bringen, weil sie weitere Recherchehinweise aufzeigte. Dort las ich dann, dass die Gründungsversammlung für die  „Pfälzische Kinderheilstätte e.V.“ bereits am 5. April 1893 stattfand. Eine Reihe von begüterten Personen und Orten fanden sich zu einem wohltätigen und gemeinnützigen Verein zusammen.

„Die Vereinssatzung sah vor, für „schwächliche Kinder zwischen zehn und vierzehn Jahren einen Kuraufenthalt zu ermöglichen Durch die schlechten Wohnverhältnisse, besonders in den Industriestädten, herrschten eine hohe Kindersterblichkeit durch Tuberkulose, Rachitis und allgemeine Unterernährung“ (Matthias Nathal, Bad Dürkheimer Stadtgeschichte(n), hrsg. Stadtverwaltung Bad Dürkheim 2000, S.135). Schon 1894 konnte die Kinderheilstätte feierlich durch Prinzessin Theresia von Bayern eingeweiht werden (vgl.ebd.).

Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten kamen Tausende von Kindern zur Kur und erholten sich. Die Satzung des Vereins wurde im Zuge der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft allerdings geändert: der interkonfessionelle Geist der Gründungsväter wurde konterkariert und der Kuraufenthalt wurde auf „arische Kinder“ beschränkt (vgl.ebd.S.137). Nach einer Nutzung als Wehrmachtslazarett wurde das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg von der französischen Besatzungsmacht beschlagnahmt. Im Zuge der „Umerziehung“ zu einer demokratischen Gesellschaft wurde das Gebäude der Pfälzischen Kinderheilstätte zunächst Sitz des französischen Gouverneurs und dann zum Haus für internationale Begegnungen umgestaltet. Im Zuge des Böll-Projektes konnten wir, wie oben geschildert, den Gründer der Lebenshilfe, Sigmund Crämer, befragen, der dazu unter anderem folgendes zu berichten wusste:  

„Damals [gemeint ist die unmittelbare Nachkriegszeit; Anm.d.Verf.] wurde in dem Gebäude der Kinderheilstätte ein Haus der internationalen Begegnung eingerichtet. Das war ein Haus, das unter französischer Militärverwaltung stand […] In Ludwigshafen gab es auch ein solches. Diese Häuser waren dazu da, um eine Umerziehung der deutschen Jugend zu praktizieren. Für uns war es damals so – das könnt ihr euch gar nicht mehr vorstellen – wir waren damals nach dem Krieg vollkommen abgeschnitten vom Ausland. Wir hatten keinerlei Informationen […] und in diesen Häusern wurden die internationalen Begegnungen erstmals praktiziert und ich habe eine Unmenge von Menschen aus ganzen Welt kennen gelernt […]. Da ist mir eine Welt geöffnet worden und wir hatten in diesem Haus jeden Abend Begegnungen. Da kamen sogar Akademiker aus der BASF, um an diesen Gesprächsrunden teilzunehmen. Das muss man als Hintergrund wissen, wenn da nur das einfache Wort steht: Haus für internationale Begegnungen“ (eigene Abschrift aus dem Interview vom 2.5.2016).

Bei Nathal lese ich weiterhin, dass im Jahre 1948 ein Kinder- und Studentenheim in den Räumen untergebracht war (ebd. S.138), bevor es 1953 von der Landesversicherungsanstalt Rheinland-Pfalz übernommen wurde. 1975, so Sigmund Crämer im Interview, hat die Lebenshilfe das Haus übernommen, der Verein „Pfälzische Kinderheilstätte“ löste sich dann 1977 schließlich auf. Inzwischen ist das ursprüngliche Gebäude um einige Anbauten erweitert worden (etwa durch moderne das Wohnheim der Lebenshilfe). Der Erker, in welchem die Gruppe 47 tagte, ist daher nicht mehr erhalten. Unser „Projekt-Mittelpunkt“, Ausstellungs- und Arbeitsort war immerhin die historische „Galerie Alte Turnhalle“, die seinerzeit bereits daneben bestand. Somit konnte ich die Begriffsverwirrung aufdröseln und chronologisch einsortieren: zu Beginn also tatsächlich „Pfälzische Kinderheilstätte“, unter dieser Bezeichnung war das Haus auch vor Ort allgemein verankert, nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Franzosen als „Haus für internationale Begegnungen“ eingesetzt, welches die Bezeichnung Hans Werner Richters als richtig ausweist und bis heute nun im Besitz der Lebenshilfe – zumindest für mich ein klärendes und daher Ruhe vermittelndes Ergebnis

 

Dienstag, 10. Mai 2016:

Wie angedeutet, schickte ich gestern die Sprecher/-innen mit dem Audio-Recorder in den Differenzierungsraum, zum einen wollte ich das Fazit von einer Schülerin gesprochen haben, zum anderen konnten sie dabei gleich drei weitere Abschnitte neu aufnehmen, entweder, weil sich in die bisherige Version ein undeutlicher Versprecher eingeschlichen hatte oder, in einem Fall, auch eine Stelle übersteuert war. Erstmals schauten wir die Präsentation mit der ganzen Klasse an. Sie stieß auf viel Aufmerksamkeit, vor allem wenn Mitschüler/-innen auch in Fotos zu sehen waren. Ich stellte die Frage: Habt ihr Interesse, unsere Lektüre in solch einer Präsentation darzustellen. Zustimmung allenthalben. „Müssen wir das zu dem Buch machen oder kann es auch ein anderes Thema sein?“ Hmm, schauen wir mal, wie sich das realisieren lässt. Im Internet stieß ich auf eine Bildpostkarte, auf der die „Pfälzische Kinderheilstätte“ auf einem sehr alten Foto abgelichtet ist. Diese und die neuen Tonaufnahmen fügte ich in die nun achte Version ein. Böll und kein Ende? Eine Frage bleibt in mir noch offen. Wenn ich sie schließe, notiere ich sie.

Am Abend noch zwei Parallelveranstaltungen: Zum einen der Informationsabend zu den Wahlpflichtfächern, bei dem ich die letzten Jahre schon nicht (mehr) anwesend war, zum anderen tagte der Vorstand des Fördervereins. Durch den Kurzbesuch im BK-Saal verpasste ich die Besichtigung der Baustelle „Keller/Förderverein“. Nach inzwischen acht Jahren verfügt der Förderverein durchaus über das eine oder andere Equipment, das im Kriechkeller der Schule auf einem unbefestigten Sandboden untergebracht war. In einer gemeinsamen Aktion legten die Männer nun einen trockenen und festen Estrichboden – fast eine neue Ära. Seid ganz herzlich bedankt und bewundert! In der Sitzung selbst ging es um den anstehenden Flohmarkt, das Weinprojekt und die langfristigen Planungen bis zum neuen Schuljahr. Immer wieder schaue ich ehrfürchtig auf diesen Kreis, der für die Schüler/-innen ackert und Frei- und Arbeitszeit einbringt. Einfach herrlich!

 

Sonntag, 08. Mai 2016:

Das Datum ist eigentlich in seiner Bedeutung fest als „Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus“ eingemeißelt. Dennoch drängte sich heute anderes in den Vordergrund: die abschließende Finissage des Böll-Projektes, an welcher  die Ergebnisse aus den einzelnen Projekten vorgestellt wurden. Unsere audio-visuelle Präsentation war gestern fertig geworden, da blinkte am Nachmittag, auf dem Sofa liegend, eine Idee auf, die mir so gut gefiel, dass ich sie noch flugs einfügen wollte – solche Ideen rufen dann durch ihre kurzfristig spontanen Anteile letztendlich doch Stress hervor. Dennoch habe ich die zwei dazugehörigen Fotos gemacht und sie noch eingefügt, die dadurch notwendige Anpassung der Audiospur lief noch, als ich das Auto einräumte. Punktlandung.

Am Ort des Geschehens, in der Galerie Alte Turnhalle, kam es noch durch kommunikative Missverständnisse zu aufregenden Momenten. Doch ich war insofern vorbereitet, als dass ich unsere Präsentation unabhängig von allen technischen Gegebenheiten vorstellen konnte. Im Auto hatte ich alle dazu notwendigen Gerätschaften geladen: Leinwand, Laptop, Beamer, Aktiv-Box, Präsentationstisch, Verlängerungskabel und Mehrfach-Steckdose, da konnte nichts schiefgehen. Im Einzelnen wurden dann vorgestellt:

- Gestaltete Lesung eines Textausschnittes von „Die schwarzen Schafe“

- zwei szenische Darstellungen, die aus dem Thema des satirischen Textes   abgeleitet waren

- unsere audio-visuelle Präsentation

- eine Comic-Strecke zu Szenen aus dem Böll-Text

- filmische Eindrücke aus allen Projekt-Gruppen, darin enthalten: das selbst komponierte und getextete Lied einer Gruppe aus dem Heinrich-Böll-Gymnasium in Ludwigshafen.

Es war faszinierend, auf welch unterschiedlichen Wegen sich die Schülergruppen dem Text von Heinrich Böll näherten, immerhin nahmen alle Gruppen einen Text zum Ausgangspunkt, der ihnen bisher nicht bekannt war und der „aus dem letzten Jahrhundert“ stammt. Der Inhalt zeichnete sich aber durchaus als aktuell und die Fantasie anregend aus. Unsere Präsentation gliedert sich in sechs Teile:

- regionaler Bezug: Historische Info zur Tagung der Gruppe 47 in Bad Dürkheim

- Auseinandersetzung mit dem Text durch eine Zusammenfassung der

  Erzählung eines Schülers aus dem Unterricht

- Hintergrundinformationen zum Projekt, zum Gebäude und zum Autor  durch

  so titulierte Experten: Ideengeberin des Projektes, Gründer der Lebenshilfe,     

  Vertreter der Heinrich-Böll-Stiftung

- deren Definition des Begriffes „schwarze Schafe“  

- Erkundung in den Alltag hinein: verschiedene Meinungen bzw.

  Auffassungen über den Begriff von Passanten auf der Straße

Unsere achtminütige Präsentation schloss mit folgendem Fazit:

 „Unterm Strich können wir festhalten, dass „schwarze Schafe“ im Jahr 2016 durchaus auch positiv gesehen werden, weil sie Individualität und Vielfalt in die Welt bringen können. Allerdings haben wir auch Aussagen der Intoleranz und Ausgrenzung gesammelt. Es ist durchaus denkbar, in diesen Aussagen einen Spiegel der Situation in Europa insgesamt zu sehen. Politische Strömungen, die Menschen als schwarze Schafe ausgrenzen, finden in vielen Staaten immer mehr Gehör.

So gesehen ist Bölls Text „Die schwarzen Schafe“ auch heute noch aktuell und hat nichts von seiner Bedeutung eingebüßt.“

Diese Schrittfolge gefällt mir auch jetzt noch im Nachhinein und ich konnte sie mit ganzem Herzens präsentieren, immerhin hatte ich insgesamt sieben Versionen auf dem Rechner gespeichert. Rückmeldungen von Anwesenden bestätigten mir dieses Gefühl: unsere Arbeit kam durchweg sehr gut an. Beim Verabschieden bemerkte ich, wie in der kurzen Zeit Beziehungen gewachsen sind, die sich so schnell nicht werden vertiefen können – zu unterschiedlich und entfernt sind die Beteiligten in ihrem jeweiligen Alltag gebunden. So fand ein faszinierendes und auch mich selbst bereicherndes Projekt seinen Abschluss, der Einsatz und der Lohn haben sich bei mir „gerechnet“, persönlich und beruflich - ganz zu schweigen von den Schüler/-innen, von denen mir einer beim Weggehen noch nachrief: „Können wir so was nicht öfter machen?“.

 

Donnerstag, 05. Mai 2016:

Inhaltlich war das Literaturgespräch am heutigen Abend als Höhepunkt der Projekttage angekündigt. Bekannte Größen aus dem Literaturbereich hatten ihre Teilnahme zugesagt: die Autorin Ursula Krechel, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Fücks, der Direktor des deutschen Literaturinstituts in Leipzig Josef Haslinger und Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur in Gießen und Mitglied bei „Writers in prison“ des PEN-Zentrums. „Literatur und Engagement in Zeiten von Flucht und Vertreibung“ war das vorgegebene Thema. Dies ist nicht der Ort, die Diskussion insgesamt wiederzugeben, dennoch waren drei Punkte dieses mich bannenden Gesprächs für mich bedeutend. Zum einen die kritische Bewertung der Gruppe 47. Selbst angetreten, Literatur in demokratischen Zeiten hervorzubringen, wurden heute Abend „Leerstellen“ und „weiße Flecken“ benannt: die Gruppe agierte, Hans Werner Richter vorneweg, recht undemokratisch. Aus dem Exil zurückgekehrte Autor/-innen wurden nicht berücksichtigt und fanden keinen Zugang zur Gruppe und thematisch wurden Verfolgung und Vernichtung der Juden nicht thematisiert (Paul Celan, so hörte ich, wurde mit seiner bekannten „Todesfuge“ sogar ausgebuht). Im Vordergrund stand das (eigene) Erleben des Krieges und die so genannte Trümmerliteratur. Ein zweiter Punkt: die Rolle der Literatur und der Literat/-innen in Zeiten, da sich autokratisch gebende Staaten die Freiheit des Wortes immer mehr einzuschränken versuchen und Schriftsteller/-innen bedrohen, verfolgen oder gar ermorden. Dem internationalen PEN-Zentrum sind weltweit 800 (!) Autoren bekannt, die aktuell  von Verfolgung, Verbot oder gar Verhaftung betroffen sind. Eine Formulierung des Abends blieb mir in diesem Zusammenhang besonders haften: „Literatur, Schreiben und Lesen ist das Praktizieren von Freiheit“. Anschaulich wurde dies in besonderer Weise, als eine syrische Schriftstellerin und ein schreibendes Paar aus dem Jemen in die Runde aufgenommen wurden. Alle drei leben derzeit als Stipendiaten der Heinrich-Böll-Stiftung in Deutschland und sind damit zunächst einmal in Sicherheit gebracht. „Allerdings ist die Entscheidung für eine/n Autor/in immer gleichzeitig eine gegen Dutzende von anderen, die nicht zum Zug kommen“, sagte mir, darauf angesprochen, anschließend im Gespräch Sascha Feuchert.

So komme ich zu der Einschätzung, dass der Abend für mich sehr wohl ein Höhepunkt der Projektwoche darstellt: zu dem Kontakt zu Jochen Schubert gesellte sich die persönliche Begegnung mit dem derzeitigen Literaturbetrieb, ich hörte von neuen Einschätzungen und Bewertungen die Gruppe 47 betreffend, ich konnte gedanklich die Aufgaben und Möglichkeiten der Literatur insgesamt mitverfolgen und damit reflektieren und, wie schon letzte Woche, erstreckte sich die Weltpolitik in meinen Alltag hinein, heute durch die Begegnung mit verfolgten Literaten. Betrachte ich mir diese Reihe, dann wären die Tage ein Sahnehäubchenn für jeden Deutschunterricht gewesen. Hier fand unmittelbarer Begegnung mit Literatur statt, die zeitlich und regional auch noch an die Schule geknüpft ist. Da reihten sich mehr Perlen auf, als jeder Lehrplan aufzuweisen hat. Jeder Leistungskurs Deutsch hätte hier reichhaltigere Ernte mit direktem Bezug zum Unterricht einfahren können.

 

Mittwoch, 04. Mai 2016:

Lange geplant, dann wieder verschoben und neu bedacht – heute fand er statt: das Kollegium fand sich zu einem Studientag zusammen. Die Arbeit in der Oberstufe lenkt den Blick immer wieder auf die Sekundarstufe und deren Inhalte. Abhilfe können da nur differenzierte Arbeitspläne schaffen, die es heute, beide Stufen im Blick habend, zu erstellen und zusammenzufassen galt. Seit wir das Gesamtteam ausgesetzt haben, kommt das Kollegium nur noch selten zusammen – Preis der Teamschule. So war es denn atmosphärisch ein sehr schönes und außerhalb der Inhalte ein kollegiales Ereignis. Herrlich!

Der Nachmittag war für Fachkonferenzen geblockt. Ich wählte die für Musik. Bei der Bandklasse bedarf es zusätzlicher Justierungen, damit dieses besondere und gut angenommene Konzeptmerkmal noch reibungsloser umgesetzt werden kann. Aber das Klingeln des Mobiltelefons lockte mich zu anderen Orten. Den Abend verbrachte ich „unter dem Kopfhörer“: die langen und inhaltlich unterschiedlichen Audiobeiträge mussten zusammengeschnitten und irgendwie strukturiert werden. Ich erinnerte mich an die Satire „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ von Heinrich Böll. Darin muss ein Kulturredakteur aus zwei Vorträgen des bekannten Bur-Malottke aus den aufgenommenen Bändern siebenundzwanzig Mal das Wort „Gott“ herausschneiden, weil der Verfasser nicht mehr dahinter stand. Der Begriff „Gott“ sollte durch die Formulierung: „jenes höhere Wesen, das wir verehren“, ersetzt werden. Das verlängerte die Vorträge nicht unerheblich, der Vorgang bereitete durch die Fälle hindurch auch grammatikalisch Probleme. Die Tonbandschnipsel mit dem Wort „Gott“ wurden später wiederverwendet und in ein Hörspiel eingefügt. Eiin herrlicher, wenn nicht des beste Text von Heinrich Böll. Also spielte ich Dr. Murke, schnitt aus dem Tonmaterial einige „Ähs“, Pausen und „Ehms“ heraus und musste die gesammelten Aussagen vor allem kürzen. Zwar musste ich nicht, wie Murke in Bölls Text, mit der Schere und mit jenem braunen Magnetband arbeiten, sondern digital mit der Computermaus markieren, „kopieren“ oder „löschen“, aber Absicht und Folge dieser Tätigkeit war dieselbe: Ich griff in die Aussagen anderer Menschen ein, stellte sie neu zusammen, machte sie für die Präsentation passend, ohne dass der/die Urheber sich dagegen wehren konnten – stets in der Hoffnung, Inhalte nicht zu verschieben. Einige Teile der Präsentation bekam ich final bereits hin: gesprochener Text und entsprechende Fotos passten zueinander, aber die erste Version war noch viel zu lang. Da wird bis Sonntag, wenn das Ergebnis bei der Finissage vorgestellt werden soll, noch einiges an Zeit zu investieren sein. Durch Studien-, Feier- und Brückentag werde ich das alleine stemmen müssen, die Arbeit der Jungs ist „im Kasten“.

 

Dienstag, 03. Mai 2016:

Der zweite Projekttag verlief ruhiger und bestand in der Hauptsache darin, das gesammelte Bild- und Tonmaterial zu sichten und zu bearbeiten. Das ist eine Arbeit, die sich schlecht in der Gruppe machen ließ. Also strömten die Jungs nach Bad Dürkheim aus, um weitere Passanten zu ihrer Auffassung zu dem Begriff „schwarze Schafe“ zu befragen. Durch die Arbeit mit den bisherigen Aufnahmen, entstand eine neue Idee für den Aufbau der Präsentation. Dafür benötigten wir nochmals weitere Moderationstexte, die wir noch am Ende mit Mädchen aus der Klasse digital bannten. Freudig beobachtete ich, wie souverän die Jungs mit dem Aufnahmegerät umzugehen gelernt hatten – Projektarbeit mit dem Erwerb von Kompetenzen!

 

Montag, 02. Mai 2016:

Die Projekttage zu Heinrich Böll sind gestern gestartet. Zwar fiel der „Tag der Arbeit“ in diesem Jahr auf einen Sonntag – schade, aber zum Feiern war mir abends dennoch zumute. Was ich erleben durfte, erwuchs aus meinem Beruf. In der alten Turnhalle der Lebenshilfe - heute als Malwerkstatt und Ausstellungsraum genutzt - wurde gestern die Plakatausstellung der Heinrich-Böll-Stiftung eröffnet. Zwei Plakate sind eigens für die hiesigen Projekttage hinzugekommen. Herrlich, zum ersten Mal las ich die Einladungskarte von Hans Werner Richter:

„Sehr geehrter Herr Böll,

die Tagung der Gruppe 47 findet vom 3. bis 7. Mai, Heim für internationale Begegnungen, Dr. Kaufmannstraße, statt, der 3. Ist Anreise-, der 7. Ist Abreisetag.

Wir würden uns sehr freuen, Sie dort zu treffen. Der Aufenthalt (Unterkunft und Verpflegung) kostet pro Tag DM 4.- Bahnstation ist Ludwigshafen, von dort verkehrt alle Stunde die Rhein-Haardt-Bahn nach Bad Dürkheim.

Bitte teilen Sie mir doch umgehend, d.h. bis zum 10. April, mit, ob Sie daran teilnehmen.

Mit freundlichem Gruße

Toni Richter

P.S. Wir haben für Sie einen Freifahrtschein vorgesehen, den wir Ihnen nach Ihrer Zusage rechtzeitig zugehen lassen werden.“

Wie lapidar dieser Vorlauf, wenn man bedenkt, was alles daraus wurde. Ich werde auch das Gefühl nicht los, dass in dem Duktus dieser Karte die autokratische Manier Richters durchblickt, die immer wieder bei der Leitung (oder Führung?) der Gruppe 47 nachgesagt wird – hörte ich doch heute auch, wie aufregend die Zeit vor einer Tagung war, weil die Schriftsteller/-innen im Vorfeld einer Tagung täglich auf den Eingang einer Postkarte gierten, denn wer eingeladen war, gehörte plötzlich zum Literaturbetrieb, die anderen blieben außen vor. Ein persönliches Schmankerl: Die Karte ist auf den 2. April datiert! Weiterhin erinnerte ich mich an die mir aus einer Bildmonographie bekannten, klein gedruckten „Baupläne“ und „Strukturskizzen“ einiger Böll-Romane. Diese nun in großen, farbigen Reproduktionen sehen und entziffern zu können, war für mich allein schon spannend. Erstmals  erkannte ich darin, wie sich die Romanfiguren in farbigen Linien durch die Kapitel zogen, wo sie wann auftauchen sollen und wer alles dabei ist. Im Studium staunte ich darüber, wie Böll seine Romane fast architektonisch plante.

Den Eröffnungsvortrag hielt Dr. Jochen Schubert, bei der Heinrich-Böll-Stiftung verantwortlich für Leben und Werk von Heinrich Böll, der für die Zuhörer/-innen eben diese Planungsskizzen erschloss und deren Entwicklung zu immer abstrakteren Gebilden hin erläuterte. Einem Zufall verdankte sich, dass ich kurze Zeit später in einer Weinstube saß und, mit Jochen Schubert an einem Tisch, so manche mich interessierende Frage stellen konnte. Herrliche Einblicke in die Hintergründe seiner Arbeit boten sich, etwa, dass eine Vielzahl von Böll-Originaldokumenten nur deshalb erhalten geblieben sind, weil sie beim Einsturz des historischen Archivs in Köln vor einigen Jahren in den Räumen der Böll-Stiftung lagerten. Zwar waren sie dort längst ausgewertet, aber solche „Schätze“ hat man gerne um sich, auch wenn ein vereinbarter Rückgabetermin längst verstrichen ist. Im Vorfeld des Projektes vernahm ich bereits, dass Jochen Schubert zugesagt hatte, für den Workshop interviewt zu werden. Gleich vereinbarten wir noch, wo wir uns wann treffen würden. Zusätzlich wurde ich ermuntert, heute bereits eine Stunde früher als geplant im Haus Cartoir zu sein, da der Gründer der Lebenshilfe, Sigmund Crämer, ebenfalls für eine Befragung gewonnen werden konnte, zu unserem Thema wisse er eine Menge zu sagen. 

So also verwarf ich meine Planungen und die Einführung in den Workshop und fuhr heute kurz nach Unterrichtsbeginn mit drei Junges nach Bad Dürkheim und begleitete die Interviews. Gut, dass der Text „Die schwarzen Schafe“ bereits durch den Unterricht bekannt war. Die Fahrt nach Bad Dürkheim war lange genug, um wenigstens kurze Absprachen zu treffen: Wer ist das denn überhaupt, den wir jetzt befragen können? Welche Fragen sollten wir unbedingt stellen? Lobenswert, dass sich „meine“ Truppe so ins kalte Wasser werfen ließ – ganz nach meinem Geschmack! Sie konnten dadurch erfahren, dass bei solchen Projekten, wenn mehrere Menschen an zwei Orten sich zusammenfinden, Flexibilität und Spontaneität gefragt sind. Bei den Befragungen selbst konnten sie lernen, dass sich Interviewpartner beileibe nicht an Vorgaben halten und, statt kurze Antworten zu geben, längere Monologe nicht scheuen. Wenn unsere Präsentation nur fünf, maximal zehn Minuten dauern darf, dann stellen drei Redebeiträge, jeder einzelne bereits länger als zehn Minuten, das Team vor eine gehörige Aufgabe. „Natürlich müssen wir das massiv kürzen, das ist immer so. In meinem dritten Jahr als Lehrer hatte ich an meiner ehemaligen Schule für einen 45-minütigen Videofilm über Ernst Bloch am Ende Filmmaterial von knapp fünf Stunden“, hörte ich den „Medienberater“ in mir kommentieren. Wir fuhren aber erstmal in die alte Turnhalle, dort hatten wir uns mit drei Schülern der Berufsbildenden Schule verabredet, die zu unserem Workshop stoßen wollten. Fehlanzeige: einer hatte sich krank gemeldet, einer war in die Comic-Gruppe gewechselt und der dritte irgendwie nicht da…noch eine Erfahrung, denn unsere Projektgruppe entbehrte dadurch zwar dem Prädikat „schulartübergreifend“, musste aber dennoch weiterarbeiten. Die Jungs suchten sich auf dem Parkplatz draußen den Hintergrund für die Fotos aus, die wir für die Präsentation benötigten. Um vor Urheberrechten geschützt zu sein (Im Netz gibt es Hunderte von Fotos mit schwarzen Schafen), hatte ich von einer bekannten Firma für Spielfiguren zwei Sätze Schafe bestellt. Da kein schwarzes dabei war, hatte ich kurzerhand eines bepinselt, das nun die Hauptrolle einnahm. Derweil, auch das keine neue Erfahrung, ärgerte ich mich mit der Technik herum: Die Audioaufnahmen bekam ich einfach nicht zur Bearbeitung auf den Laptop. Später fuhren wir zurück an die Schule. Wir wollten Passanten unvorbereitet nach ihrer Vorstellung von schwarzen Schafen befragen. Spontaneität hatten die Jungs schon eingeatmet: Vor einem Einkaufsmarkt hatten alle keine Zeit, wollten sich nicht mit den Fragen auseinandersetzen, weil sie schnell noch…So entstand die Idee, Menschen auf dem alla-hopp!-Gelände anzusprechen. Wer sich dort aufhält, kann sich nicht durch angebliche Zeitnot drücken. Eine herrliche Idee, die zudem noch einige gut verwendbare Aussagen hervorbrachte. Ich selbst bearbeitete bereits die am Vormittag fotografierten Aufnahmen mit schwarzen Schafen und zu Hause gelang es mir endlich, die Audiomitschnitte zu überspielen und hörbar zu machen. Das Programm für die Präsentation wollte sie aber nur in einem anderen Dateiformat annehmen, also erstmal umwandeln. Dazu bedurfte es wiederum ein eigenes Programm, das als freeware aus dem Netz runtergeladen werden konnte.