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April 2018

Donnerstag, 26. April 2018:

Ganz, ganz selten kommt es vor und daher ist es erwähnenswert: Gitarrenmusik erklingt im Schulleiterbüro. Schon vor einiger Zeit entstand die Idee, an der Entlassfeier im Juni ein Stück für zwei Gitarren erklingen zu lassen. Ein Schüler mit Down-Syndrom lernt dieses Instrument seit ein paar Jahren, hat durchgehalten und wir hatten schon mal bei einem Flohmarkt des Freundeskreises zusammen gespielt. Nun trafen wir uns tatsächlich zum ersten Mal, um für den gemeinsamen Auftritt zu üben. Dabei habe ich von den beiden Theateraufführungen der Lebenshilfe an der Schule gelernt: Es geht nicht darum, ein völlig neues Stück einzuüben, sondern das auf die Bühne zu bringen, was schon da ist. Ich hatte meine Gitarre bereits mit drei neuen Basssaiten bezogen, er brachte heute die seinige mit. Gemeinsam griffen wir in die Saiten und die Nummer wächst. Der Akkordwechsel von A-Dur nach D-Dur muss noch etwas flüssiger werden, aber dann wird das eine tolle Sache. Bleibe dran, mein Lieber, das wird!

 

Mittwoch, 25. April 2018:

Mehr aus Verzweiflung wegen des nicht recht einzuübenden Rhythmus‘ des Cupsongs sangen wir heute Nenas Hit „99 Luftballons“ – der läuft nach 35 Jahren immer noch. Sofort ließen sich die Kids anstecken und sangen ungeahnt kräftig mit und zauberten eine begeisterte tolle Stimmung in den Klassenraum, weil alle engagiert mitsangen. Auf meine erstaunte Rückfrage, wer dieses Lied denn gekannt hat, sah ich nahezu alle Finger sich zur Decke strecken. Enorm, denn ich dachte, das Lied hätte sich nach zwei Generationen in die Vergangenheit verlaufen. Selbst die durch Amerika und Nordkorea hergestellte Aktualität der Bedrohung durch Atomraketen konnten wir mühelos besprechen, denn einige informierte Schüler/-innen brachten ihren (erstaunlichen) Informationsstand ein. Und siehe da: Der Cupsong ist „abgesetzt“, für die Begrüßungsfeier will die Klasse nun die „99 Luftballons“ aufführen. Bereits heute zeichneten sich erste Tanzbewegungen ab…eine „Wahnsinnsstunde“, die zeigt, wie lebendig Schule sein kann. Grandios! Und wieder liegen Licht und Schatten dicht beieinander: Eine Schülerin entzog sich einem Konfliktgespräch durch unentschuldigtes Fehlen, was nun eine zweite Mahnung nach sich ziehen wird! Mein guter Wille zum pädagogischem Handeln war da, nun wird der Buchstabe des Gesetzes das weitere Vorgehen bestimmen, schade!

Erwähnenswert ist noch der neue Platz der „Abiturgemälde“. Nun hängen schon zwei Leinwände vor der Bibliothek, der Anfang eines „Walk of Fame“ der IGS aus dem ersten Abiturjahrgang wurde fortgesetzt und wird hoffentlich die weiteren Jahrgänge anstacheln.

 

Dienstag, 24. April 2018:

Wie jedes Jahr um diese Zeit: Kuratoriumssitzung der Frank J. Lyden-Stiftung. Mich interessierte vor allem die Sitzung des Beirates der Literaturstiftung, der jetzt als Unterstiftung der Frank J. Lyden Stiftung neues Leben eingehaucht wurde und die ja bekanntermaßen bereits einen neuen Turmschreiber berufen hat. Zuvor aber musste die Tagesordnung „abgearbeitet“ werden, nach welcher zunächst ein neuer Notar und ein neues Mitglied verpflichtet werden mussten. Ebenfalls: Bericht der Kassenprüfung, Rechenschaftsbericht des Vorstandes, Ausgaben und Einnahmen der Stiftung, Hinweise zum Stand des Stiftungsvermögens und dergleichen mehr. Nicht eben spektakulär, aber notwendig. Dann endlich wurde die Turmschreiberei aufgerufen. In den Beirat wurden ein Kulturredakteur der hiesigen Tageszeitung und ein selbiger des Südwestrundfunks berufen, „geborenes“ Mitglied ist der Vorsitzende der Lyden-Stiftung. Laut Bericht stellte jeder eine persönliche Liste von möglichen Kandidaten auf, auf welcher renommierte Namen standen. Auf allen drei Listen stand eben auch Andreas Maier, auf welchen sich die drei Beiräte dann wohl sehr schnell geeinigt haben und der auch prompt zusagte. Im Herbst soll er der Öffentlichkeit, möglichst im Schlossgarten am Turmschreiberturm, vorgestellt werden. Die Veranstaltung soll musikalisch von der IGS umrahmt werden – und schon sind wir mittendrin. Laut Vorsitzendem, der Kontakt zu Andreas Maier hält, verfüge Maier über Kontakte nach Edenkoben, kenne Deidesheim durch Besuche und freue sich auf die Zeit hier, er habe sich auch erfreut darüber gezeigt, dass er bereits in der Abiturrede zitiert wurde. Mir zeigt dies alles, dass er wirklich kommt, denn einen leisen Zweifel darüber, dass ein Autor solchen Kalibers das Turmschreiberamt in Deidesheim annimmt, konnte ich bisher nicht ausräumen.

Pfingsten nähert sich und damit die 615. Geißbockversteigerung, an welcher wieder die sechsten Klassen von uns mitwirken. Auch ein zweites Geißbocklied tauchte plötzlich auf, textlich weniger „geschlossen“ als das bekannte und auf die Melodie des „Jägers aus Kurpfalz“ gesungen. In besagten Klassen würden beide, so meine Information, bereits eingeübt. Und wie bestellt: Ich erhielt wieder eine Einladung, die Versteigerung vom Ratssaal aus mitverfolgen zu können. 

 

Freitag, 20. April 2018:

Seltsam: Obwohl die Inhalte genau die gleichen sind, wenn sie vom Schulleiter persönlich kommen, werden sie schneller (oder überhaupt?) akzeptiert. Dabei müsste das bei weitem nicht alles „Chefsache“ sein, aber nur so kann ich mir erklären, weshalb Konflikte oder nur Stimmungen sich mitunter schnell lösen, wenn sie bei mir landen. Woran liegt das? Am Festhalten an Hierarchien? Obrigkeitsdenken? An mangelndem Glauben daran, dass Mitarbeiter/-innen, selbst wenn sie der Schulleitung angehören, nicht richtig oder kompetent antworten? Gar an mangelndem Vertrauen?

Obrigkeitsdenken? Sei es drum, jedenfalls lösten sich einige konfliktträchtige fast in nichts auf. Klärungen konnten wir auch bei Stichworten wie Anrechnungs- und Entlastungsstunden erarbeiten, mindestens einen Klassenkonflikt lösen und termingerecht die nächsten Wechselprüfungen auf dem Weg voranbringen. Auch das diesjährige Aufnahmeverfahren neigt sich dem finalen Status entgegen. Zwei Plätze konnten gemeinsam mit der Schulaufsicht „nachbesetzt“ werden. Zumindest in einem Fall erhielt ich eine erfrischende und herzzerreißend dankende und freudige E-Mail:

„…mir fehlen vor lauter Freude die Worte. Um ehrlich zu sein laufen mir gerade die Tränen. Tränen der Erleichterung, der Freude und der Dankbarkeit.“

Nach all den schwierigen Gesprächen, die das Aufnahmeverfahren jedes Jahr mit sich bringen, ist eine solche Rückmeldung wie ein Labsal, auch für mich als Schulleiter. Dennoch bleiben natürlich ausreichend Familien, deren Anliegen unberücksichtigt bleiben wird. Bleibt also resümierend für die erste Woche festzuhalten: Wieder ein Vielzahl von Themen, die mich auf Trab gehalten hat, einiges geht voran und vor allem: ich habe durchgehalten!

 

Donnerstag, 19. April 2018:

Die Woche verlief recht unspektakulär. Klar, weitere Musikstunden standen auf meinem Plan, eine ganze Reihe von Rückrufwünschen hatte sich angestaut, eine gelungene Dienstbesprechung war bestens vorbereitet und viele kleine oder „mittlere“ Gespräche fanden den Weg in die Umsetzung. Und dann doch der eine Anruf vom Schulträger: Der Gesprächstermin im Ministerium steht, an welchem eine politische Entscheidung die Lösung in Sachen Bau bringen soll und bereits heute war ein Team aus Bauamt, Elektriker und IT-Fachleuten da, um den geplanten WLAN-Übergang in den Blick zu nehmen. Das Ergebnis kann sich zunächst einmal sehen lassen: Zeitnah werden drei Stationen installiert, die mindestens drei Räume abdecken sollen, vielleicht genügt die Reichweite auch für die jeweiligen Nebenräume. Nach einer Probezeit, welche Klarheit über die Netzleistung hinsichtlich der Übertragungsrate bringen soll, werden alle neuen Räume in den Blick genommen (Die Räume aus dem Bestandsbau werden ja eh abgerissen und die neue erbauten dann komplett vernetzt sein). Nimmt der Bau jetzt wirklich Fahrt auf? Die Zeichen stehen gut!

 

Montag, 16. April 2018:

Der Infekt hatte mich schon wieder im Griff oder er ist zurückgekommen, hartnäckig soll er ja sein und nicht immer beim „ersten Mal“ überwunden werden, so die derzeitige „Gerüchtelage“. Wie auch immer, erst heute, also eine Woche später als beim Rest der Schule, fand mein erster Schultag statt. Die Stimme oder nur ihre Bänder sollten gleich in den ersten beiden Stunden einer Bewährungsprobe ausgesetzt sein: Ich begann mit den beiden Musikstunden in Wachenheim. Ergebnis: Nicht ganz bestanden, aber vielleicht noch „ausreichend minus“. In Deidesheim gab es jede Menge Aufgestautes abzuarbeiten, eine gefüllte Unterschriftsmappe und Gesprächswünsche zuhauf, da hieß es erstmal, langsam annähern und kommen lassen. Stimme, Atemwege und Gesamtkonstitution hielten durch, wenn sich der erste Tag auch als recht anstrengend erwies, wie ich zu Hause feststellte. Wird schon werden.

Osterferien 2018:

 

Wenn schon ein Deidesheimer Turmschreiber zur angesehenen  Gastdozentur in Poetik eingeladen wird, will ich mir zunächst klarmachen, was diese Einrichtung bedeutet und wofür sie steht. Die Frankfurter Poetik-Vorlesungen werden seit 1960 ebenfalls durch einen Stiftungsrat vergeben, neben drei renommierten Buchverlagen ist darin auch die Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt involviert. Eingerichtet wurde diese Reihe, um den Student/-innen nicht nur den wissenschaftlich-akademischen Diskurs in Sachen Literatur zu anzubieten, sondern auch die Schreiber selbst mit ihren Erfahrungen im Entstehungs- und Bedingungsprozess von Literatur reflektierend zu Wort kommen zu lassen. Dass die Vorlesungen anschließend meist als Buch erscheinen, liegt selbstredend im Interesse der (mit-)finanzierenden Buchverlage. Die inzwischen stattliche Reihe liest sich wie das „Who-is-Who“ der deutschen Nachkriegsliteratur, von Ingeborg Bachmann, Jurek Becker, Uwe Johnson, Hermann Lenz über Adolf Muschg und Peter Sloderdijk bis zu Martin Walser und anderen, darunter etwa auch Navid Kermani. Im Jahr 2006 also Andreas Maier, welcher in der Reihe der Deidesheimer Turmschreiber schon von daher in meinen Augen als der renommierteste Autor gelten kann. Während ich in der Aufzählung der bisherigen Vorlesungen Titel lese, welche hohe Erwartungen in ihrer Formulierung erwarten lassen („Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen“, Sloterdijk; „Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung“, Menasse oder „Lichtwelten. Abgedunkelte Räume“, Bichsel), betitelt Andreas Maier seine fünf Vorlesungen, aus dem Rahmen fallend, mit dem schlichten Titel „Ich“. Hat man die fünf Vorlesungen erst einmal gelesen, verschwindet die Befürchtung, es ginge hier um Nabelschau und Selbsterhebung, denn es wird deutlich, dass hinter diesen drei Buchstaben Maiers gesamte Weltsicht und der eigentliche Anstoß zum Schreiben stecken.

Sehr früh habe er sich, so Maier, in einer Differenz zu anderen und zur Welt empfunden, sei es, wie es in der Familie erzählt wurde, bereits im Kindergarten der Fall, sei es später auch in Schule und Familie gewesen und es ist im Grunde bis heute so geblieben. Immer wieder stieß er auf Menschen, die nicht wahrhaftig ihr Ich lebten, sondern sich mit dem Alltag der Welt, diesen auch noch verschönernd, zu versöhnen wussten, ohne die eigene Wahrheit zu leben und sich selbst als Wesen zu finden. Nur in den Büchern seines Vaters begegnete er Menschen, die, wie er, auf der Suche nach ihrem wahren Ich waren:

„In meinen Eltern wie in meinen Geschwistern wie in allen anderen begegnete ich Wesen, die mir fremd waren wie Dinge von einem anderen Stern, sie waren nie ein Ich wie ich, sondern sie waren wie Leute aus der Gruppe der Kindergartenkinder mitsamt Kindergärtnerinnen. Ich war offenbar nicht mit ihnen verwandt. Aber z.B. mit Aljoscha Karamasow war ich verwandt, da fand etwas statt, das auch in mir stets stattfand, nennen wir es eine Seele, nennen wir es vielleicht auch eine Seele, die leidet, nennen wir es vor allem aber eine Seele, die sucht, und zwar ohne ihr eigenes Zutun, vielmehr einfach so, von selbst, als bestünde sie aus nichts anderem als eben nur aus dieser Suche und auch diesem Leiden, nota bene aber auch aus einer gewissen Sensibilität oder Empfänglichkeit, wie ich sie ebenfalls nirgends in meiner Umwelt entdeckte. Dass nicht alles so sein müsse, wie es ist, dass vielleichtalles anzuzweifeln sei, radikal, weil alles nur ein bloßes Funktionieren ist, zu dem sich nie jemand am Grund seines Seelenlebens wirklich entschieden hat, sondern das eher in einem allgemeinen menschlichen Trott seinen Ursprung hat, von den familiären Bindungen bis hin zum Tourismus, von der Schule bis hin zum Staatswesen(Andreas Maier, Ich, edition suhrkamp 2492, Frankfurt 2006, S. 25, Hervorhebung i.O.).

Einzig in den Büchern begegnet Maier anderen Ichs, in den Büchern etwa von Thomas Mann oder immer wieder Dostojewski. Dort stößt er auf unverbogene Seelen, mit denen er sich als verwandt empfindet, dort findet er die im eigenen Leben vermissten Menschen, die, ähnlich ihm selbst, auf der Suche seien:

„Das Ich eines alten Säufers und Tyrannen bei Dostojewski wird mir immer noch hundertmal sichtbarer als zum Beispiel das Ich sämtlicher meiner ehemaligen Lehrer, Mitschüler, meiner Verwandten et cetera. Die Literatur ist nämlich ein Hilfsmittel, um ein Ich sichtbar zu machen […] Ich war also den Büchern ähnlicher als den Menschen, oder anders gesagt, die Bücher waren dem, was die Menschen von sich behaupteten (nämlich Menschen zu sein, bewusste, erlebende, fühlende, leidende, wahrheitsorientierte), näher als diese selbst. Die Bücher waren eigentlich die Menschen (ebd. S.27, Hervorhebung i.O.).

Der Gegenbegriff zu diesem sich selbst reflektierenden und nach Wahrhaftigkeit strebenden Ich ist zwangsläufig die Gruppe, jede Gruppe, die eben nicht, was ja sein könnte, aus vielen Ichs besteht, sondern die das Finden eines Ichs verhindert. Die Gruppe (ver-)führt den Menschen dazu, sein wahres Ich aufzugeben. „Die Wahrheit ist, dass wir falsch sind und richtig sein könnten und falsch allein kraft unseres eigenen Entschlusses, oder nennen wir es meinetwegen auch Trägheit, sind“ (ebd. S. 92). Dieses Gegensatzpaar Ich versus Gruppe zieht sich bei Maier auch in die Liebe hinein:

„Dieser andere Mensch (das Mädchen) war einer, er war keine Gruppe und konnte keine bilden, solang er mit mir allein war“ (ebd. S. 22).

Ziel von Maiers Menschenbild ist es, dass sich der Mensch nicht „vergruppt“ (ebd. S. 36) und sieht sich darin durch den Evangelisten Matthäus bestärkt. Das zugesagte Heil des Menschen stellt sich nie und nimmer als Gruppe ein. Alle Menschen sieht Maier fixiert in einer Welt, ausgeliefert einem System des Lebens, das von vorne herein durch bloße Anwesenheit schuldig macht vor Gott und den Menschen. Erlöst werden kann nur jeder einzeln als Ich:

„Man steht nämlich als Ich vor Gott, nicht als Gruppe, Gruppen gibt es nicht, das heißt in einer Gruppe gibt es einen selbst nicht, die Gruppe ist der Tod des Menschen, des Ich“ (ebd. S. 97).

Die Lösung für den Menschen liegt für Andreas Maier darin, dass sich das selbst reflektierende, nicht sich selbst belügende, sondern wahrhaftige Ich, von dieser ganzen irdischen, verlogenen und schuldigen Gefangenschaft in Gruppen, in Luxus und in Unwahrhaftigkeit loslöst und distanziert. Kronzeuge für dieses Loslassen zum eigenen Heil ist für Maier wiederum der Evangelist Matthäus:

„Ich bin nur ein Mensch auf der Suche nach Worten, die längst schon gefunden sind, die im Matthäusevangelium schon alle dastehen, in perfekten logischen Sequenzen […] eine erschöpfende Analyse dessen, warum wir falsch sind und warum wir dadurch schuldig werden vor allem und vor jedem, nämlich bloß kraft unseres wahrheitsfernen Tuns […] das größte philosophische Werk des Abendlandes. Das uns nichts sagt als bloß: Seid nicht. Das uns sagt: Wenn ihr aufhört, zu sein, dann seid ihr.  Wenn wir uns im Matthäusevangelium wiederfinden, dann immer nur auf der Seite der Hohepriester, immer auf der Seite des reichen Edelmannes, immer auf seiten der Kleingläubigen, der Rechthaber, der Schriftgelehrten und Sophisten. Also auf seiten derer, die sich verteidigen, die verteidigen, was sie haben, als sei das recht, die verteidigen, was sie sind, als sei das richtig, das ist unser tägliches Brot, die Selbstverteidigung, aber dieses Brot hat uns Gott nicht gegeben“ (ebd. S. 89).

All das kann als allgemein bekannt vorausgesetzt werden wie der Vergleich mit dem Kamel, das eher durch ein Nadelöhr passt als dass ein Reicher in den Himmel kommt (vgl. Matthäus 19,24). Oder auch das Gleichnis mit den Vögeln auf dem Felde:

24 „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

25 Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?“ (Matthäus Kap. 6).

 

Und doch schmelzen die Gletscher schneller als je zuvor, während gleichzeitig weiter Braunkohle gefördert wird und täglich verhungern Tausende von Kindern und die Bundesrepublik ist nach wie vor dicke und mit allen Tricks gewinnbringend im Rüstungsgeschäft vertreten. Ein Ich im Sinne Maiers müsste sich verweigern, um dieser schuldhaften Verlogenheit entgegenzutreten, die ihr schwarzes Tuch noch sehr viel weiter ausbreitet, als es diese wenigen Beispiele benennen. Leicht könnten sie hundertfach erweitert werden. Aber ist ein Nicht-schuldig-werden in der Welt überhaupt zu leisten? Besteht die einzige Möglichkeit in einem Weg zurück zur Natur in einer Art Totalverweigerung:

„Ja, wer kann denn dann selig werden, wenn so etwas von uns verlangt wird? Keinen Strom mehr? Keine Kühlschränke? Keine Autos? Kein Geld? Keine finanzielle Sicherheit für in zwei Tagen? Ein Leben wie die Vögel? Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist das unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich. Das ist die Differenz. Bei den Menschen, bei Gott. Ich habe nie einen Helden in meinen Romanen gehabt, der binnen dem Roman etwas wurde. Er wurde nie mehr, sondern immer weniger, in meinem Debütroman war der Hauptheld sogar schon tot ganz am Anfang“ (ebd. S. 91).

 

Damit habe ich nun in der Lektüre den Punkt erreicht, um den es ja eigentlich geht: Wie schlägt sich eine solche Grundhaltung, eine solche Auffassung von Welt in der Literatur nieder? Was ist das Besondere an diesem Autor? Auffallend erscheint mir seine Zurückhaltung, seine Verwirrung oder besser noch die Relativierung oder selbstkritische, paradoxe Rücknahme seiner Aussagen:

„Ich begann große Romane, ich malte sie mir aus, und nach etwa einer Seite, manchmal nach zwei, im seltenen Fall nach drei Seiten war Schluss, und der Roman blieb unvollendet liegen […] Die anderen konnten es, nicht meine Umwelt, aber die Autoren Hamsun und Dostojewski, die konnten es, ich nicht. Warum? Natürlich sagte ich mir, aus Mangel an Talent“ (ebd. S.16).

„Was hast du eigentlich zu sagen, Maier? Was willst du denn erzählen, Maier? Könnte es sein, dass du vielleicht gar nichts zu sagen hast? Könnte es sein, dass du etwas erzählen willst, obgleich du gar nichts zum Erzählen hast? Ich wusste bald, dass es so war. Im Gegensatz zu offenbar allen anderen hatte ich nichts zu erzählen. Und ich habe bis heute nichts zu sagen, nicht das Geringste“ (ebd. S. 49).

„Meine Form ist ein Umgang mit meinem Nichtkönnen, und deshalb kann ich sie nicht Form nennen und bleibe dabei, dass ich keine Form habe, sondern eine Behinderung“ (ebd. S. 66).

„Diese (vierte, Anm.d.V.) Vorlesung heißt Die Verwirrung, sie ist, wie alle meine Texte, ein Produkt der Verwirrung, der permanenten Selbstverwirrung und der meiner Zuhörer. Ich kann doch, wenn ich aufrichtig bin, nur zu begründen versuchen, warum alles immer in mir in einer Verwirrung stattfindet und warum ich verwirrtes Reden von Anfang an als die Wahrheit der Menschen gesehen habe, auch und vor allem meine“ (ebd. S.114).

Während ich hier zusammenfassend Gedankengänge aus Maiers Poetik-Vorlesungen notiere, um mich dem neuen Deidesheimer Turmschreiber zu nähern, habe ich bereits seinen Debütroman „Wäldchestag“ begonnen zu lesen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber das komplette Buch ist im Konjunktiv geschrieben. Jeder der drei Handlungstage ist in einem über hundertseitigen Kapitel erzählt, das ohne Abschnitte und Absätze durchgeschrieben ist – wie ein nicht enden wollendendes „Plappern“. Form setzt dabei Inhalt um, denn über die verstorbene Hauptperson, Sebastian Adomeit, gibt es nur Gerüchte, Mutmaßungen, Verdächtigungen und Schwätzereien, jede der erwähnten Personen will etwas über ihn wissen, ohne es genau zu wissen – es wird keine Wahrheit formuliert. Ein Roman also, der die Vorlesungen Maiers, da sechs Jahre zuvor veröffentlicht, vorwegnimmt:

„Aber wir reden ja immer so unklar. Daher kommt ja alles nur zustande, weil wir immerfort so unklar reden! Weil der eine nie weiß, was der andere will, auch wenn er sich sein Leben lang an den Aberglauben gewöhnt, er wisse, was der andere wolle! Alle halten alles für so einfach, dabei sei alles völlig kompliziert, und wenn das alle einsähen, wenn sie diese Kompliziertheit sähen, die ja nur deshalb da ist, weil alle meinten, es sei alles so einfach, dann, ja dann wäre wirklich alles ganz einfach, denn in Wahrheit gibt es nur die Einfachheit, davon sei er, der Südhesse, schon lange überzeugt. Es ist alles ganz einfach, aber keiner wisse es, weil jeder schon meine, bevor er wisse“ (Andreas Maier, Wäldchestag, suhrkamp taschenbuch 3381,Frankfurt 2000, S. 155f).

Scheinbar daher geplapperte wirre Gedankengänge, die es aber in sich haben, denn:

„Die Verwirrung als das eigentliche Thema, die Verwirrung unter den Menschen, also dass Wahrheit hier unter uns nicht möglich ist, sondern nur für den einzelnen. Konkreter gesagt: dass ich Wahrheit für mich erreichen kann, dass es aber an der Wahrheit und an Gott vorbeigeht, wenn ich in der Menschenwelt im Austausch mit anderen und im diskursiven Ausgleich Wahrheit möglich machen will“ (Andreas Maier, Ich, S. 115).

Angeregt durch die Fernsehserie eines anderen Friedbergers, Wolf Schmidt, dessen hessische Familienserie „Firma Hesselbach“ dem Prinzip der chaotischen Gesprächsführung folgt, scheint Maier seinen Roman „Wäldchestag“ geschrieben zu haben. Wahre Kommunikation kommt hier wie dort nicht zustande, Menschen begegnen sich nicht wirklich, weil sie grundsätzlich aneinander vorbeireden, sich ins Wort fallen, nicht zuhören – kurz: nicht die Wahrheit ihres Ich suchen.

„Immer rede man von sich, und immer meine man den anderen, sei ihm das nie aufgefallen? Immer rede ich von mir, von meinem Ich, und rede doch immer nur von dem anderen. Von dem, das ich nicht bin. Ihr seid alle nicht ihr, sondern immer das andere“ (Andreas Maier, Wäldchestag, S. 186, Hervorhebung i.O.).

Und es gilt gleichzeitig: „Ich, diese drei Buchstaben sind der Mittelteil des Wortes Nichts, das Nichts umschließt das Ich“ (ebd. S. 124). Aber weder die Hesselbachs noch die Menschen im „Wäldchestag“ suchen dieses Ich, stattdessen „ent-ichen“ sie sich und erzielen „vergruppt“ (ebd. S. 128) nicht mal eine oberflächliche Begegnung mit ihrer eigenen Wahrheit in der Person. Andreas Maier formulierte daher am Ende der fünften Vorlesung mit folgenden Worten Grund, Anlass und Thema seines Schreibens;

„Vielleicht ist es mir gelungen, klarer werden zu lassen, was ich damit meinte, und dass die Beschreibung dieses Ich eine Lebensbeschreibung und zugleich einer mit Notwendigkeit zustande gekommenen literarischen Form ist, obgleich ich da noch sehr am Anfang stehe und sie nichts weiter ist als eine Behinderung. Es ist egal, ob ich von meinen Büchern, vom lieben Gott, von den Menschen, dem Kindergarten oder dem Literaturbetrieb rede, denn in all dem steckt immer wieder dieselbe Logik, das Ich, die Welt und Gott, die Wahrheit einerseits und Menschen andererseits, das Ich in der Mitte, die Menschen drumherum, und um alles Gott. Man könnte diese Grundstruktur vielleicht auch genauso gut in nichtreligiöser Sprache ausdrücken, aber das wäre komplizierter, der liebe Gott macht es mir da einfacher, dafür danke ich ihm“ (Andreas Maier, Ich, S. 145).

Da bin ich doch – dies als mein abschließendes Resümee – gespannt, wie Andreas Maier in Deidesheim als Turmschreiber Region und Menschen erleben wird. Wenn auch die Vorlesung sehr ernst, fast pessimistisch oder resigniert klingt, auch wenn sein Anspruch an eine Ich-Werdung schier unlösbar ist, in verschiedenen Gesprächen, die ich auf Youtube angeschaut habe, wirkt er überhaupt nicht so, kein Wunder bei einem Liebhaber des Apfelweins. Da wird er sich, was das Ausgangsobst für den Wein betrifft, im Turm umstellen müssen… Inhaltlich berührt er jeden betreffende, existenzielle Fragen, die nach einer intensiven und persönlichen Auseinandersetzung rufen. Wie sieht es mit dem eigenen Ich aus? Wo stehe ich wie in meinen Gruppen? Wie erlebe ich diese? Wo verstecke ich mein Ich hinter „Plappern“ und wo niste  ich mich gemütlich an der Oberfläche ein? Themen, an denen in ihrer Relevanz auch junge Erwachsene nicht vorbeikommen, zumal in Zeiten der eigenen Orientierungssuche. Die Vorlesungen sind durchaus geeignet, sich etwa in einem Leistungskurs Deutsch mit den Voraussetzungen und Haltungen des Schreibens und deren Auswirkungen auf Inhalte und Form zu befassen. Ich selbst jedenfalls werde ich mich weiter auf Maiers Turmschreiberzeit vorbereiten. Vier einzelne Romane hat er veröffentlicht, bevor er sein elfbändiges Projekt mit dem Arbeitstitel „Ortsumgehung“ begonnen hat. Auch eine Ortsumgehung führt um das eigentliche Zentrum herum, an ihm vorbei, leicht zu fahren für die Fahrzeuge und beruhigend für die Bewohner dieses Zentrums, aber landfressend – dennoch: man erreicht nicht die Mitte des Ortes, fährt auf bequem ausgebauten Straßen, kommt aber nicht an, durch vielleicht enge Straßen und Gassen, die ins Zentrum führen, die aber unbequem sind, dann doch lieber, frisch asphaltiert, auf breitem Weg  außen rum – so phantasiere ich Gedanken um diesen Arbeitstitel. Der fünfte Band ist im Februar dieses Jahres erschienen. Da liegt also noch ein hübsches Quantum vor mir, aber die Poetik Vorlesungen haben mich gut eingeführt und neugierig gemacht. Vielleicht können diese Notizen dazu beitragen, dass einige Leser/-innen sich ebenfalls auf Maier einstellen. Auf alle Fälle hat mich die Beschäftigung mit den Frankfurter Poetik-Vorlesungen darin bestärkt: Ein Kontakt zwischen Schule und Maier ist unverzichtbar.

Gleich zu Beginn der Osterferien nahm ich noch einen Termin wahr, der einfach dazugehört, Ferien hin oder Ferien her, viele Schüler/-innen oder nur zwei. Die Lebenshilfe Bad Dürkheim feierte „20 Jahre - Kunst - Irritation - Schönheit“ mit ihrer Malwerkstatt in der alten Turnhalle. Dieses Atelier für Künstlerinnen und Künstler mit unterschiedlichen Behinderungen versteht sich als Ort für künstlerisches Schaffen und als Begegnungsstätte für kunstrelevante Inhalte. Zum Jubiläum zeigte die Malwerkstatt in einer Ausstellung Werke verschiedener Künstler der Lebenshilfe, von einer sehr farbigen Pieta bis zur detailliert architektonischen Zeichnung in fast fotografischem Realismus. Ein Comicstreifen in Schwarzweiß beeindruckte mich ebenfalls: King Kong in Bad Dürkheim, mit einigen Szenen-Bildern, die ich aus dem alten Schwarzweißfilm wieder zu erkennen meinte. King Kong lehnt in diesem Comic ihm angebotene Bananen ab und klaut am Ende das Dürkheimer Riesenfass, ein herrlicher Spaß. Das Besondere an diesem letzten Tag der Ausstellung war, dass eine Schülerin und ein Schüler aus unserem sechsten Jahrgang mit ihrer eigenen Sichtweise dieser jungen Menschen durch die Ausstellung führten und ihre unbefangenen Eindrücke zu den Kunstwerken mitteilten. Es beeindruckte mich sehr, wie die beiden sich assoziativ und unverstellt in die Bilder versenken konnten und damit wohl nicht nur mir erschlossen. Ein kleines aber vorzügliches Projekt ganz am Rande des umfassenden Schulbetriebes. Ich durfte es miterleben und stellte mir erneut die Frage, was ich inzwischen, bedingt durch die Schulgröße, alles nicht mehr mitbekomme und dennoch läuft…umso faszinierender der Besuch heute in der Alten Turnhalle der Lebenshilfe, der Ort, der sich seit den Böll-Literaturtagen im Mai 2016 mit seiner „historischen Patina“ und seiner eigenen Atmosphäre fest in mich eingegraben hat.