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Mai1 2018

 

Pfingstmontag, 21. Mai 2018:

In fünf Jahren 23 Kolumnen für eine zweimonatlich erscheinende Zeitschrift zu schreiben, bedeutet: alle 79 Tage einen Text von fünf bis zehn veröffentlichungsreifen Seiten verfassen zu müssen. Ich versuche mir den Vertrag vorzustellen, den Andreas Maier mit der österreichischen Literaturzeitschrift „Volltext“ hierzu abgeschlossen hat, versuche die Arbeit neben den Romanen zu erahnen. Wie sehr steht ein Autor unter Druck, wenn er liefern muss, wo er doch gedanklich mit etwas ganz anderem beschäftigt ist? Sind die Texte in der Regel vor dem 79. Tag abgeschlossen? Was, wenn selbst am 80. Tag das Papier leer bleibt, weil eine Idee fehlt? Gibt es so etwas wie einen Ideenspeicher, aus dem „mal schnell“ ein Text entsteht? Mir kommen diese Gedanken, weil ich an meiner ehemaligen Schule für die dortige „Schulzeitung“ (vgl. Eintrag vom 02. März 2012) für das Editorial verantwortlich war. Ein zumindest ähnlicher Vorgang. Die Editorials durften nicht warten, bis die bessere Idee sich einstellte, der Termin stand fest, an dem ich fertig sein musste. In den Zwischenzeiten achtete ich darauf, ob mir etwas begegnete, ein Gedanke, eine Haltung, ein Zitat, wovon ich dachte: Das wäre was für das nächste Editorial. Andreas Maier hat es jedenfalls bewerkstelligt. Die Kolumnen, die er zwischen 2005 und 2010 veröffentlicht hat, liegen als Sammelband vor (Andreas Maier, Onkel J., Heimatkunde, suhrkamp taschenbuch 426, Frankfurt 2011).

Alle Texte beginnen mit dem Wort Neulich, etwa: „Neulich war ich in Berlin“, „Neulich war wieder Ostern“ oder „Neulich lief ich über den Theaterplatz“. Von diesen konkreten Angaben aus schreibt sich Maier, immer wieder meisterlich abschweifend, durch die Kolumnen, kommt von A auf B, fügt C ein oder denkt sich D dazu, grübelt über E nach und „bindet“ oft den Text, zu A oder B zurückkehrend, am Ende zu. Dennoch kommen die Texte nicht verwirrt oder beliebig daher und entfalten eine eigenwillige und für sich einnehmende, leuchtende und oft humorvolle Kraft. Alle zusammen lassen einen faszinierenden Blick in die Gedanken- und Lebenswelt Maiers zu, bringen den Autor der nicht immer einfachen Romane quasi zum Leser an den Kneipentisch, wegen mir zu einem gemeinsamen Glas Apfelwein. Am Ende würde ich gerne, stets dankbar und bereichert, die Rechnung übernehmen, weil er etwa aufräumt mit dem Klischee, die Russen würden gläserweise den Wodka in sich hineinschütten und Besucher ebenfalls dazu nötigen. Nichts davon stellte sich bei ihm am Rand einer Lesung in Moskau ein. Stattdessen räumt ein kleines Rechenexempel damit auf: An einem Tag auf der Leipziger Buchmesse, der mit einem Empfang mit den einen und weiteren Glas Sekt beginne, sich beim Mittagessen mit Wein fortsetze, dem sich zur Verdauung der eine oder andere Schnaps anschließe und sich schließlich des Nachts mit verschiedensten Cocktails bis in die frühen Morgenstunden erstrecken kann, an die Alkoholmenge eines solchen Tages kämen die Russen nicht heran:

„Es stimmt. Die Russen trinken langsamer, sie mischen nicht, sie essen etwas dazu, und sie trinken nicht existentialistisch-vereinsamt wie wir, sondern die trinken sozusagen kollegial: Sie warten auf dich, sie warten auf dein Glas, und man trinkt die Runden gemeinsam. Und der dritte Toast ist immer auf die Frauen und die Liebe (Maier, Onkel J., S. 18f).

Schön ist auch die Schilderung ihres Hauses in Bad Nauheim, wo keine fünfzig Meter entfernt Elvis Presley stationiert war, den Maiers Mutter immer über den Zaun klettern sah, weil vorne die Mädels einen undurchdringlichen Pulk bildeten, wie die Amerikaner in ihrem Haus wohnten und in den Kleiderschränken Wäscheleinen spannten, zuvor hätten sie Flugblätter über Bad Nauheim abgeworfen, dass Bad Nauheim geschont würde, weil die Amerikaner später dort wohnen wollten, all das ausgehend vom ersten Satz: „Neulich hängte ich das Bild meiner Großmutter ab“ (ebd. S. 100).

Für die kommende Turmschreiberzeit in Deidesheim nicht uninteressant ist seine Aussage, dass er während eines Stipendiums noch nie gearbeitet habe, weil er nämlich nur zu Hause arbeiten könne:

„Ich war ein halbes Jahr in Wiepersdorf in Brandenburg und habe dort etwa zehn Seiten geschrieben, ich war elf Monate im Wendland in einem winzigen Dorf und habe dort etwa dreißig Seiten geschrieben, dafür aber einhundertzwanzig vorher zu Hause geschriebene wieder vernichtet. Ich war vier Monate in M*** und habe dort kein einziges Wort geschrieben, ich war sechs Wochen in Potsdam und habe dort mein Stipendiengeld unmittelbar und ohne Verzug in sämtliche umliegende Kneipen getragen […] summa summarum: Ich habe in fünfundzwanzig Monaten Stipendium insgesamt minus achtzig Seiten geschrieben. Das ist die Wahrheit, denn in diesen Kolumnen hier geht es unbedingt immer um die Wahrheit. Wenn ich nun ausrechne, dass ich in fünfundzwanzig Monaten Stipendium etwa 20.000 Euro bekommen habe, dann macht das für jede vernichtete Seite 250 Euro. Grandios! Ob das den Stipendiengebern wirklich klar ist?“ (ebd. S. 44).

Wie wird Maier wohl seine Zeit in Deidesheim verbringen? Besucht ihn vielleicht seine Frau und werden sie möglicherweise durch die Wingerte (sicherlich der Kategorie zwei zugeordnet) zur Eva im Paradiesgarten spazieren? Wer weiß, ob sie dort „unseren“ Kuckuck sehen werden, der seit Tagen wieder in meinem Büro in der Schule zumindest zu hören ist (siehe Eintrag vom 17. Mai 2017). Wenn also Maier eh nicht schreibt, wird wohl ausreichend Zeit bleiben, um an und mit der IGS zu verweilen. 

Maier hat den Kolumnenband mit gleich zwei Begriffen betitelt. Zum einen ist es Onkel J., der immer wieder auftaucht. Er war ein „Flabbes“, wie es im Hessischen heißt, ein beschränkter Mensch. Dieser Onkel, mittels Zange geboren und daher „geburtsbehindert“, geistig zurückgeblieben, ein dürres Kind, geistert durch die Wetterau und durch die Literatur Maiers, ungewaschen, einen permanenten Gestank verbreitend, lebensuntüchtig, schmerzunempfindlich (Verbrennungen an der Herdplatte bemerkt er lediglich durch den Geruch), permanenter Kneipengänger und mutmaßlicher Bordellbesucher, Vogelkenner und Heino-Hörer – eben eine eigenwillig schillernde Figur in Maiers Wetterau – dennoch verbindet die beiden eine gewisse Beziehung:

„Die letzte Beerdigung auf diesem Friedhof, die meine eigene Familie betraf, war die meines zeitlebens verhassten Onkels J., dem ich heute in memoriam immer ähnlicher werde […] Inzwischen hat meine Seele eine geheime Verwandtschaft zu ihm, dem Abscheulichen, entdeckt. Bei Familienfesten diene ich inzwischen geradezu als sein Stellvertreter“ (ebd. S. 21, Hervorhebung i.O.)

Damit der Weg zum zweiten Titelbegriff geebnet: Heimatkunde. Zu meiner Grundschulzeit war dies noch ein eigenes Fach. Ich lernte, seinerzeit in Stuttgart lebend, den dortigen Talkessel kennen, suchte Quelle und Verlauf des Neckars aus dem Atlas heraus, erfuhr, dass der Name der Stadt sich von einem fürstlichen Stutengarten ableitet, presste so manches Blatt, zwischen Zeitungspapier in ein dickes Buch gelegt, habe das eine oder andere dort auch schon mal vergessen, legte ein Herbarium für meine naturliebende Lehrerin an, lernte staunend, dass die Schwäbische Alb dadurch entstanden ist, dass ein Gletscher sie während der letzten Eiszeit „vor sich hergeschoben“ habe und entwickelte dadurch ein staunendes Verhältnis zur „Kleinheit“ des Menschen. und wir „bestiegen“ an Wandertagen den „Monte Scherbelino“, der nur durch die aufgetürmten Kriegstrümmer entstanden ist, für mich eine frühe Erschütterung der optimistischen Grundstimmung. Schließlich entstand ein durchaus ein inniges Verhältnis zu „meiner“ Heimat, auch zu Figuren wie „Häberle und Pfleiderer“. Heute heißt das Fach in der Grundschule „Sachunterricht“ – ob das „Herz“ der Kinder dabei so mitschwingt, wie meines damals in der „Ameisenbergschule“ in Stuttgart, vermag ich nicht zu sagen. Andreas Maier jedenfalls widmet sich immer wieder der Zerstörung seiner Heimat, der Wetterau. In „Neulich war ich im Forsthaus Winterstein“ geht er die Reihe der Kneipen und Gasthäuser seiner Kindheit durch, von denen kaum noch eins besteht. Wo früher Hirschgeweihe hingen, stehen heute Palmenkübel, wo er als Kind Krautwickel gegessen habe, gab es vor fünfundzwanzig Jahre bereits nur noch bistecca a la gogonzola, einmal musste er gar den Handkäse bei Flamencomusik zu sich nehmen.

„So geht die Welt langsam zugrunde. Meine Heimat wird jetzt zu einer Ortsumgehungsstraße“ (ebd. S. 35)

Unter diesem Arbeitstitel schreibt Andreas Maier ja derzeit sein auf elf Bände projektiertes Romanprojekt. Erstmals lese ich einige Hinweise, wie er das Projekt anlegt und weshalb die einzelnen Bände so heißen:

„Ich habe sogar bereits einen Titel […]. Ortsumgehung. Das spielt auf Ortsumgehungsstraße an. Die Wetterau wird nämlich bald eine einzige Ortsumgehungsstraße sein. Ich werde eine Welt schildern und erfinden, ausgehend von dem Zimmer, in dem mein geburtsbehinderter Onkel J. gelebt hat und das jetzt mein Arbeitszimmer ist, und von diesem Zimmer komme ich auf das Haus, meine Familie, die Grabsteine, die Toten, Elvis, unsere Nazis und unsere Amerikaner, und von dem Haus komme ich auf die Straße. Früher fuhren wir das erste Auto in der Straße, heute fahren dort zehntausend am Tag, bei ruhiger Verkehrslage. Und sie kontrollieren mich, den Fußgänger, genau“ (ebd. S. 102, Hervorhebung i.O.).

Diesen „rabenschwarz leuchtenden Kolumnen“ (ebd. Klappentext) wünsche viele Leser/-innen, denn aus jeder schaut Andreas Maier in einer neuen Facette hervor. Auch selbst, wenn es nicht um den Wunsch ginge, den neuen Turmschreiber kennen lernen zu wollen, diese Texte öffnen Blickweisen und können jede/n Lesende/n bereichern. Meine Lieblingskolumne, das sei noch erwähnt, heißt übrigens: „Neulich war ich in der JVA Butzbach“

 

Samstag, 19. Mai 2018:

Es gibt Verse, die sind tief vergraben, aber sie waren immer und sind fortwährend da. Sie  erwachen sofort zu neuem Leben, wenn sie einem, erneut gelesen, wie von weit her begegnen und sich sofort als bekannt zu erkennen geben, zart erst mit der Frage: Euch kenne ich doch, aber woher? Und dann, fast schlagartig, wird Erinnern gegenwärtig und der gemeinsame Ursprung dämmert auf. Dieses Mal handelt es sich um den Anfang eines Gedichtes von Barthold Heinrich Brockes:

Kirschblüte bei der Nacht

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte

Jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,

In kühler Nacht beim Mondenschein;

Ich glaubt, es könne nichts von größrer Weiße sein.

In einem Proseminar über Naturlyrik musste ich, das mögen gut und gerne vierzig Jahre her sein, eben diesen Dichter während des Studiums in Saarbrücken vorstellen – oder war es eine Hausarbeit über ihn? Genau dieses Gedicht lernte ich damals, in den Siebzigern, kennen. Seither schliefen diese Verse, dornröschenähnlich, in mir, fein formuliert, aber vergessen, vergraben, überwuchert, bis sie jetzt „wachgeküsst“ wurden – von Andreas Maier und seiner Frau Christine Büchner. Im selben Jahr 2006, als die Poetik-Vorlesungen erschienen, brachten sie gemeinsam ein schmales Büchlein heraus mit dem Titel: „Bullau, Versuch über die Natur“ (Lizenzausgabe als suhrkamp taschenbuch 3947, Frankfurt 2008). Ausgehend von gemeinsamen Spaziergängen im Odenwald, im brandenburgischen Wiepersdorf, durch die Bad Nauheimer Skiwiesen, in die Höhenwege um Brixen und um den wendländischen Ort Schreyahn halten die beiden fest, was Spaziergängern wie mir entgehen würde, sie erzählen von „Erstbegegnungen“ mit mir völlig unbekannten Blumen, beschreiben faszinierend den unterschiedlichen Gesang von Vögeln und bringen all diese Beobachtungen in einem fast poetischen Buch ein in eine kontemplative Existenzerfahrung, ganz ähnlich jener des barocken Brockes bei der nächtlich betrachteten Kirschbaumblüte. Die nach oben schauenden Augen erblicken schließlich durch die feinsinnig beschriebene Blüte hindurch die Sterne und Brockes lässt das Gedicht am Ende in den Lehrsatz münden:

„Die größte Schönheit dieser Erden

Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden“.

Ich stelle mir vor, wie die beiden in Liebe Zugeneigten, fest dem Wissenschafts- und Literaturbetrieb verhafteten (Christine Büchner promovierte in katholischer Theologie und lehrt inzwischen als Professorin in Hamburg) und viele Termine, Lesereisen und Vorträge wahrnehmen müssenden Menschen gemeinsame Wochenenden im Landgasthof bei Bullau benötigten, um hin und wieder ungestört  Zeit miteinander verbringen zu können. Und wenn dann eine Theologin und ein philosophierender Schriftsteller gemeinsam sich die Natur „erarbeiten“, dann kommt es zu Gedanken wie diesem:

„Brockes hat diesem Baum bei Nacht doch irgendwie ein besonderes Sein gegeben. Und immerhin bemerkenswert die Wendung: mit betrachtendem Gemüthe. Und auf das Gemüthe den Reim: blühte! Das ist doch schön! Und es verändert nicht die Welt! Es lässt sie sein, eben mit betrachtendem Gemüte“ (Maier, Büchner, Bullau, S. 49).

Dabei ist diese Leidenschaft lediglich irgendwann entstanden, nicht mit Absicht und auch nicht mit einem Ziel. Es beeindruckt mich, welche Blumen, Pflanzen und Vögel die beiden inzwischen kennen, doch wir sollen sie ja nicht bewundern, denn sie „wüssten vergleichsweise gar nichts“ und hätten nicht einmal „einen Kuckuck gesehen oder einen Wiedehopf“ (ebd. S. 25). Und doch strahlt das kleine Buch so etwas wie eine das Sein berührende Ruhe aus.

„Vielleicht hat es mit Sehnsucht zu tun. Sehnsucht nach etwas, wie es sein sollte, aber nicht ist […] Was wollen wir an jenem Ort finden? Was versuchen wir dort zu finden, was wir in einem Haus oder auf einer Bundesstraße oder am Frankfurter Flughafen nicht zu finden versuchen? Nein, es ist nicht Stille, Schönheit oder einfach: Natur. Es ist etwas vollkommen anderes. Es ist schon kaum möglich zu sagen, was Natur ist und was das Gegenteil davon“ (ebd.).

Zurückhaltend und nachdenklich versuchen sich die beiden, diesem Begriff zu nähern und führen zwei Kategorien ein. Zum einen sei Natur das, was gezeugt wurde und gewachsen ist. Das führt aber nicht weiter, denn der von Menschen hervorgezüchtete Yorkshireterrier wurde gezeugt und ist gewachsen, wäre aber ohne den Menschen gar nicht existent. Auch Parks würden ja als Natur empfunden, seien aber ohne die Planer und Landschaftsgärtner nicht denkbar.

„Und dennoch gehört der Yorkshireterrier für uns nicht in die Kategorie Ehrenpreis, Singvogel, Sonnenuntergang, sondern eher in die Kategorie Kaufhaus, Verkehr, Menschen. Menschen nicht als die, die blühen, sondern als die, die fahren, wollen, kaufen, handeln, zielstrebig sind, kurz, als die, die die Welt nicht so lassen, wie sie ist“ (ebd.).

Bei längeren Wegbeschreibungen fragte ich mich: Warum liest du das so fasziniert? Du warst noch nie in St. Andrä in Südtirol, weshalb sollst du jetzt lesen, dass der Weg nach einer Weile rechts abbiegt in einen dichteren Wald? Und trotzdem ist dir nicht langweilig dabei. Ich glaube, es ist so etwas wie eine „kritische Demut“, die immer wieder aus diesen Worten spricht, wenn die beiden schreiben, dass der Ehrenpreis „nicht aus Ideen gemacht“ ist, kein Warum hat und die Dinge in „ihrem Sein“ lässt. „Dagegen stecken schon in jeder Schnittblume Tausende Flugkilometer“ (ebd. S. 116). So sehr ich unseren Garten genieße, in welchem gerade wieder Erbsen, Tomaten, Erdbeeren, auch Gurken heranwachsen, alles wird später im Jahr ohne einen einzigen Flugkilometer unsere Speisekarte verfeinern. Kartoffeln setzen wir nicht mehr, weil wir anscheinend nicht zu den „dümmsten Bauern“ gehören und die Erdknollen kaum die Größe von Eiern erreichten. Ebenfalls finde ich mich beim Aufschauen – da ich gerade auf der Terrasse schreibe – inmitten einer Farbenpracht der verschiedensten Blumen, Büsche und Bäume wieder, ganz zu schweigen von den Früchten an den Bäumen – unser Garten gehört trotz allem wohl nicht zum Begriff der Natur im Sinne der beiden: Wir legten ihn, mit Menschenhand, an, greifen immer wieder mähend oder umgrabend ein und lassen ihn nicht, wie er ist und ziehen, geplant und mit Absicht, unseren Nutzen aus ihm. Oder gehört er doch in Aspekten zur Natur, denn immerhin erblickte ich im vergangenen Jahr einen Fuchs, den es aus dem nahen Wald in unseren Garten zog und erst letztes Wochenende entdeckte ich schaudernd wieder einen Haufen zerfledderter Federn – er hatte sich wohl erneut den Tisch in unserem Garten gedeckt. Auch das hämmernde Klopfen eines Buntspechtes ist mir vertraut und ich kann ihn dabei beobachten, wie er sich, vergnügt und mit Vorfreude, an die über fünfzigjährige Rinde des Mirabellenbaumes krallt und sich seine Nahrung aus dem alten Holz hervorholt. Ganz zu schweigen von den stolz daherkommenden Elstern, die mit ihrem Kreischen manch anderen Vogel übertönen – immerhin dies ohne das Zutun einer Menschenhand.  

Der Theologin sind natürlich auch Meister Eckart und Hildegard von Bingen ein Begriff, beide bereichern und ergänzen „unterwegs“ die Gedanken. Etwa Hildegard, allerdings nicht als zarte Naturheilerin verehrt, die alle möglichen Kräuter hinsichtlich ihrer Heilwirkung kennt und anpflanzt und die inzwischen als so etwas wie die „Heilige der Öko-Freaks“ mit ihrem Naturwissen (wieder?) hoch im Kurs steht. Nein, so nicht, denn es gibt auch die anklagende Mystikerin Hildegard, die ähnlich den beiden heutigen Spaziergängern schon vor Jahrhunderten formuliert hat:

„Und ich hörte, wie sich mit einem wilden Schrei die Elemente der Welt an jenen Mann [gemeint ist Christus] wandten. Und sie riefen: ‚Wir können nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden. Denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie in einer Mühle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der vollen Gerechtigkeit“ (Hildegard von Bingen, zit. nach: ebd. S. 33).

Man sollte jetzt aber nicht meinen, das Buch wende sich an alle, die sich als zivilisationsmüde und -kritische Aussteiger definieren. Ich empfinde es viel eher als gedanklich genaues Annähern im Sinne Brockes und eben persönlich angereichert durch die Gegenwart mit ihrem Kontrast. An einer Stelle will mich ein Trost nicht in Ruhe lassen, weil ich den Gedankengang noch nicht zu greifen bekomme. Noch bis vor kurzem wurde dort, wo derzeit der Fronhof II hier in Bad Dürkheim entsteht, noch Wein angebaut, die Stadt frisst sich weiter in die Landschaft hinein und nicht wenig Fläche wird zusätzlich versiegelt. Immer wieder kommt an solchen Punkten die Aussage hoch, nach der „früher alles besser“ gewesen sei, eben die „gute alte Zeit“. Das stimmt schon rein faktisch nicht und doch beschleicht auch mich dieses Gefühl hin und wieder. In diesem Büchlein heißt es nun: 

„Der Fehler, der jeder laudatio temporis acti [Lobrede auf die vergangene Zeit, Anm.G.D.] innewohnt ist, dass zu keiner Zeit die Zeit anzuhalten war. Jeder Augenblick ist transistorisch. Die früheren Zeiten hätten nur dann besser sein können, wenn man sie hätte anhalten können. Aber in Wahrheit waren sie wie die heutigen, denn es waren schon immer die Menschen in ihrem Tun. Und der Weg zu heute war schon immer der einzige Weg, den wir hatten“ (ebd. S. 76, Hervorhebung i.O.).

Das klingt nicht nach wehklagender Reminiszenz an die ach so gute alte Zeit, an eine scheinbar heile Welt zu vergangenen Zeiten, sondern nach kritisch betrachteter Gegenwart, aber nüchtern feststellend und ohne Groll. Diese Gelassenheit teilen sie unter anderem mit einem weiteren Dichter: Nicolas Born, der „den Dingen ihr Sein gelassen und in seiner Sprache für uns aufgehoben [hat]“ (ebd. S. 114). Beim Spazierengehen durch das Elbholz im Wendland kommt ihnen sein gleichnamiges Gedicht in den Sinn:

„Es ist tatsächlich eine Ähnlichkeit da, mehr als das. Dieses Gefühl haben wir oft bei Werken, die uns nahe sind. Es sind Gesänge ‚ohne Warum‘. Vielleicht machen wir zwischen Nachtigallen und Zaunkönigen und Rotkehlchen und ihrem Gesang und Raabe und Born und anderen keinen so großen Unterschied wie zwischen, sagen wir, den Büchern Raabes und einer bundesdeutschen Autobahn. Alles oben Genannte gehört in die Kategorie eins, zu den Menschen und den Dingen (unsretwegen ‚der Natur‘), insofern sie sind, singen, blühen, leben, welken und sterben und die Welt sein lassen, sie vielleicht nur ansingen. In die Kategorie zwei gehören die Menschen, insofern sie handeln und ihre Taten rechtfertigen wollen, ihren Handel, ihren Verkehr, ihr Wachsen. Vielleicht ist es das, was wir suchen bei unseren Gängen: Die Abwesenheit von uns. Von uns als Kategorie zwei […] die Abwesenheit von uns, insofern wir die Welt verändern mit unseren Gründen und unserem Warum […] Deshalb ist jeder Spaziergang eigentlich immer das Gegenteil von beschaulich. Jeder Spaziergang, jede Blume dabei ist das Gegenstudium zu unserem Tun (der Kategorie zwei). Wahrscheinlich ist das unser Verhältnis ‚zur Natur‘ (ebd.)

Und diese Betrachtung endet mit zwei Gedichtzeilen von Nicolas Born aus eben jenem Gedicht, in dem es heißt:

„Du gehst als gingst du unter Freunden

Du gehst mit tiefen Schritten durch dich selbst“ (zit. nach: ebd.).

Zunächst dachte ich, in diesem schönen, schmalen Buch einem ganz anderen Andreas Maier zu begegnen, schreibt er doch in den bisher gelesenen Romanen in Fiktion über die nicht wahrhaft existieren wollenden Menschen in einem ewigen und oberflächlichen Palaver. In „Bullau“, gemeinsam mit seiner Frau, finde ich einen fast schöngeistigen, eher still meditativen und dennoch deutlich schreibenden, an Transzendenz heranreichenden Naturwahrnehmer. So unterschiedlich die Ansätze aber auch sein mögen: bei beidem geht es letztlich um das Sein des Menschen, um das Nachdenken über die eigene Wahrheit. So gesehen ergänzt diese Schrift das Bild des bisher gelesenen Autors auf eine außergewöhnliche Weise. Ich freue mich also und empfinde es zusätzlich als ein Glücksfall, dass der Suhrkamp-Verlag sich entschlossen hat, dieses Werk des hauseigenen Autors als Lizenzausgabe zu verlegen und damit einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen.

 

Freitag, 18. Mai 2018:

Tag der Verkündigung der Landesverfassung – daher auch Tag der Beförderungen. Die Ziellinie der vier Wechselprüfungen II ist gerissen, ich durfte heute vier Lehrkräfte nach bestandener Prüfung befördern! Glückwunsch!

 

Donnerstag, 15. Mai 2018:

Gestern gingen zwei Assemblys durch den Kunstsaal, in beiden veranstaltete die Schülervertretung einen Talentwettbewerb. Chapeau meine Lieben, was da in der Publikumsmitte geboten wurde, rief meine Bewunderung hervor. Ein Schüler sang, völlig allein zu einer Karaokeversion von „Applaus, Applaus“ das komplette Lied und hielt durch. Hut ab! Sich mit zwölf Jahren allein vor den gesamten Jahrgang zu stellen und zu singen…nie im Leben hätte ich mich das getraut! Ein Junge am Schlagzeug brachte dann einen Rhythmus in den Saal, Wahnsinn! Im Fünferassembly  stand die nächste Runde des neuen Jahrgangslogos an. Aus wieder einmal 63 (!) Vorschlägen wurden aus den zwanzig gelungensten fünf für die Endrunde ausgewählt, die jetzt an eine Jury aus Kunstlehrkraft, Schüler- und Schulleitungsvertreter geht. Hoffentlich schaffen wir das noch bis zum ersten Elternabend! Eine solche Bereicherung wünsche ich jedem, der meint, Schule sei langweilig und kompliziert!

Das zweite Schulseminar mit den Lehramtsanwärtern, Thema eigentlich immer noch Noten, die natürlich auch vorkamen. Heute sollte ich im lockeren Gespräch aber viel aus meiner Erfahrung loswerden. Auch das lohnend, denn ich hätte mir als Referendar seinerzeit auch gewünscht, einen „alten Hasen“ nach allem möglichen befragen und mich mit ihm austauschen zu können.

Nach dem Informationsabend zu den Wahlpflichtfächern am Dienstag für Jahrgang 5 stand heute der Abend zum Thema Differenzierung für Jahrgang 6 an. Ein IGS-Thema schlechthin, nicht immer leicht zu verstehen, aber wichtig für die weitere Schullaufbahn der Kids. Wir trafen auf offene Ohren und machten es, wenn man die wenigen Fragen am Ende als Maßstab nimmt, wohl nicht schlecht. Und wenn man mal schon den Schulleiter greifen kann: Wie steht es eigentlich mit dem Bau. In der Zeitung stand…Derzeit tut sich nichts, aber in zwei Wochen fahre ich mit nach Mainz ins Ministerium, dann weiß ich hoffentlich Neues zu berichten.

 

Montag, 14. Mai 2018:

Und wieder eine neue Erfahrung: Aufgrund des Wechsels der Ausbildungsleitung bei den drei Referendarinnen, wegen Mutterschutz und Tätigkeitsverbot ist die Ausbildung in zeitliche Enge geraten, haben wir die Aufgabe auf mehrere Schultern verteilt. Viele, eigentlich die meisten Themen der Ausbildung lernen die angehenden Lehrkräfte im Studienseminar oder den jeweiligen Fachseminaren.  Eine Reihe von Themen stellen sich in der Praxis aber vielleicht etwas anders dar oder werden im Alltag mit einem neuen, einmaligen Blickwinkel gesehen. Heute saßen unsere drei Lehramtsanwärterinnen bei mir im Büro, unser Thema war die Notengebung. Zumindest war das so geplant und wir haben auch viel über Noten gesprochen. Aber wenn man mal mit dem „Chef“ an einem Tisch sitzt, dann ergeben sich hunderte von Fragen, die jetzt endlich gestellt werden können. Der größte Themenkomplex stellen dabei selbstredend die Fragen um die Zukunft dar. Wie sieht es mit Stellen aus? Welche Möglichkeiten ergeben sich in der Praxis? Wie siehst du mit der Erfahrung als „Einstellender“ unsere Chancen? Und dergleichen mehr. Eine herrliche Runde und Blaubeermuffins gab es obendrauf!

Heute geht’s auf mehr oder weniger große Fahrt: die Jahrgänge 7, 9 und 12 starteten in ihre diesjährigen Klassenfahrten. Ich wünsche euch viele Erfahrungen und bleibende Erlebnisse, und wie immer: Kommt mir gesund zurück! Dass mir keiner ins Ijsselmeer fällt oder von der Porta Nigra fällt!

Auch ein weiteres Konfliktgespräch gestaltete sich dann doch lockerer als gedacht. Das Problem scheint zwar vom Tisch, aber die Wunden sind sicherlich noch nicht vernarbt. Die Schulleitungsrunde schloss sich am Nachmittag an, allerdings ohne spektakuläre Themen. Ach ja, da war noch ein Text zu redigieren von der Veranstaltung einer israelischen Autorin, die in der Oberstufe gelesen hat. In der derzeitigen politischen Situation ist jedes Wort auf die Goldwaage zu legen und da  tut der Blick oder das Empfinden mehrerer Herzen gut. Erneut also die Weltpolitik im Klassenzimmer, Schule nah dran!

 

Sonntag, 13. Mai 2018:

In der Sonntagsglosse der Tageszeitung las ich neulich eine Umschreibung für Smartphones. Sie wurden dort bezeichnet als „Ich-hab-zwar-nix-zu-sagen-aber-sonst-auch-nix-zu-tun-Ding“ – herrlich in Zeiten von allen möglichen „Mülldiensten“, wie ich die vielen Apps schon mal nenne. Im Lieblingsroman meines Vaters „Das einfache Leben“ lässt Ernst Wiechert die Titelfigur Johannes sagen: „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“ Beides könnte über den ersten drei Romanen von Andreas Maier stehen, die ich inzwischen gelesen habe. Den Debütroman „Wäldchestag“ habe ich bereits erwähnt. Nach dem Ableben von Sebastian Adomeit treffen sich viele, die den Verstorbenen gekannt haben wollen, aus Anlass seiner Beerdigung. Adomeit war ein (intellektueller?) Eigenbrötler und Sonderling mit durchaus eigenen, von all den anderen wohl nicht geteilten Wertvorstellungen. Das Zusammentreffen dieser Menschen, die als „Hauptnenner“ lediglich auszeichnete, dass sie Adomeit gekannt haben wollen, bildet, wie so oft im richtigen Leben auch, das „gärende Gemenge“ für jegliche Art von Gerüchten, Mutmaßungen, und Lügen. Was wird da nicht alles geredet, getratscht, verleumdet, geschwätzt, geplappert, unterstellt und gemutmaßt, verschrieben der konjunktivischen Demonstration über die Macht des Hörensagens:

„Gerüchte, was heiße Gerüchte! An Gerüchten sei immer was Wahres, also halte er sich an Gerüchte! Er halte sich an Gerüchte, da er sich nämlich an die Wahrheit halte, da man ohnehin alles nur durch Gerüchte erfahre…nur durch Gerüchte…jawohl, so ist es!“ (Maier, Wäldchestag, S. 222).

Niemand ist in diesem Roman an der Wahrheit über Adomeit wirklich interessiert und dass dieser seine (geplante) Beerdigung auf den Pfingstsonntag verfügt habe, wo jeder doch etwas Besseres vor hat und die Testamentseröffnung auch noch auf den darauf folgenden Dienstag, ausgerechnet auf den „Wäldchestag“, an welchem sich die ganze Wetterau in nahegelegenen „Wäldchen“ zum Grillen, Essen, Feiern und lockerem Trinken treffe, erbost die Beteiligten noch mehr und schürt zusätzlich die schwatzhafte Ablehnung.

Dabei stellen sich die über dreihundert Seiten, die durch den durchgehenden Konjunktiv und die sich immer wieder ändernde Erzählperspektive zunächst einmal bewältigt werden müssen, lediglich als Begründung des Herrn Schossau für einen Kurantrag heraus. Vorab heißt es nämlich: „Zur Vorlage an die Kommission zur Bewilligung von Kuren auf Beitragsbasis der hiesigen Kassenstelle“ (ebd. S.5). Schossau ist nämlich zutiefst verunsichert, irgendetwas habe sich verändert, es fehle die…

„…Substanz, die nicht mehr in allen Dingen vorhanden sei…Er könne gar nicht mehr sagen, was von dieser ganzen Geschichte tatsächlich passiert sei, was ihm bloß erzählt wurde oder was er möglicherweise im Verlauf des dauernden Nachdenkens ergänzt oder erfunden habe“ (ebd. S.7f).

Sarkastisch formuliert Maier daher die letzten Worte des Buches, welche die Überschrift eines zufällig entdeckten Artikels in der Tageszeitung darstellten, die aber Schossau zur Stellung dieses Antrages ermuntert haben. Sie umklammern den Roman, der besagt: Die Welt ist verrückt geworden, sie benötigt eine Kur, die Menschen in ihr müssen aus der „postmodernen Belanglosigkeit“ (FAZ) heraus. Hilfe könne eventuell die Krankenkasse bieten, so jedenfalls suggerieren die letzten Worte des Romans: „AOK-Kuren: Existenzen neuen Sinn gegeben“ (ebd. S. 315).

Autor und Roman wurden hochgelobt, der Roman als „Geniestreich“ eingeordnet. Dabei wird Maier eine gewisse Nähe zu dem Österreicher Thomas Bernhard nachgesagt, über den er schließlich auch promoviert hat. Bernhard habe ich zwar während des Studiums gelesen und positiv abgespeichert, aber zu einem Vergleich ist die Erinnerung zu verblasst, für ein Wiederlesen fehlt gerade die Zeit. Die Lektüre der Poetik-Vorlesungen hat sich insofern erneut ausgezahlt, weil ich das Grundanliegen Maiers kannte, welches in seinem Erstlingsroman an vielen Stellen vorweggenommen ist.

Die nördlich von Frankfurt gelegene Wetterau, wo Maier geboren wurde und aufgewachsen ist, bildet im ersten Roman die Bühne. Andreas Maier verlegt die Handlung dieser Provinz im zweiten Roman „Klausen“ (suhrkamp taschenbuch 3569, Frankfurt 2004) nach Südtirol, wo er, aus welchen Gründen weiß ich nicht, selbst zwei Jahre gelebt hat. An dem Titel gebenden Ort nordöstlich von Bozen sind wohl die meisten Menschen schon vorbeigefahren, wenn auch unwissend, denn die Brennerautobahn A22, eine der Haupttrassen Richtung Süden, führt über ein mächtiges Viadukt an Klausen vorbei oder darüber hinweg. Mit seinem zweiten Roman „…verfolgt Andreas Maier das mit dem Debüt begonnene Projekt konsequent weiter: die Erneuerung des Heimatromans als philosophisch-sprachkritisches Genre, der die Region als kunstvoll aus Geschwätz und Gerede, Unsinn und Tiefsinn erbautes Labyrinth beschreibt“ (Hubert Spiegel, in: FAZ.net/Bücher/Rezensionen/Belletristik). Auf den kleinen, einst idyllisch gelegenen Ort Klausen, rauscht, in zu keiner Zeit unterbrochener Weise der Verkehrslärm der Autobahn hernieder, ein nie versiegendes Geräusch, ein ständiges Rauschen und Brummen, wie das Gerede der Bewohner. Sie produzieren ebenfalls ununterbrochen ein Dauergeräusch aus Verdächtigungen, Mutmaßungen, Spekulationen und Spinnereien, streuen Gerüchte, verbreiten Halb- oder Unwahrheiten, dass dem Leser nur so die Augen tränen. Thematisch gekonnt eingewoben sind dabei Auseinandersetzungen zwischen denen, deren Identität auseinanderklafft, auf der einen Seite die sich (noch immer) deutsch fühlenden Südtiroler, auf der anderen die zugewanderten Italiener; Konflikte zwischen Modernisierungsgegnern, die Klausen als Südtiroler Idyll in einmaliger Landschaft erhalten wollen und den ökonomisch Interessierten, die den Ort dramatisch verändern wollen und nur unter einem Aspekt betrachten: nämlich dem der Wirtschaftlichkeit; Kontroversen mit den Vogelschützern, die in der Laserreklame der ortsansässigen Diskothek eine bedrohliche Verwirrung der heimischen Vögel befürchten; Unstimmigkeiten und neu entflammter Fremdenhass, weil in einer leerstehenden Burg Flüchtlinge untergebracht sind. All diese Themen werden aber nicht sachlich und intellektuell redlich, oder an der Wahrheit orientiert, bearbeitet, sondern ein Gerücht jagt das nächste, ein Vorurteil folgt dem anderen, eine Unterstellung zieht eine oder mehrere nach sich, das Geschwätz entbehrt jeglichem Interesse an der Wahrheit:

„Was über die Zustände in der Burg geredet wurde, schien sich jetzt nicht nur zu bestätigen, sondern von der Wahrheit noch übertroffen zu werden; denn immer wenn ein Gerücht sich bestätigt, scheint die Wahrheit schließlich noch viel grotesker zu sein als das Gerücht“ (Maier, Klausen, S. 132).

Oder: „Paolucci sagte, in der Burg gebe es gar keine Jugoslawen, dort seien Albaner. Entgegnung: Was macht das für einen Unterschied? Jemand rief: Die von dahinten, die sind doch alle dasselbe“ (ebd. S. 176).

Wir wohnen nicht an einer Autobahn, lediglich die Geräuschkulisse einer am Wochenende stark befahrenen Bundesstraße nach Kaiserslautern dringt aus dem Tal zu uns herauf. Und die empfinde ich bereits oft als eine „permanente Geräusche-Dusche“. Still ist es in unserem Garten nur des Nachts, aber wenigstens dann. Wie mag es denjenigen ergehen, die an der Hauptstrecke nach Süden wohnen, Verkehrslärm unendlicher Fahrzeugschlangen, der keine Unterbrechung kennt, der angesichts des Warenverkehrs mit Lastwagen auch noch stetig zunimmt. Der ständige Lärm ist gar so laut, dass Bewohner am Eisackufer die Fensterläden nicht mehr öffnen, um sich zu schützen. So werden in dem Roman auch Lärmmessungen durchgeführt, die aber angesichts von Korruption und Interessenlage zu keinem Ergebnis führen. Unabhängige Lärmmessungen einer Initiative werden durch Handgreiflichkeiten unterbunden und Aktivisten sperren gar eines Nachts die Autobahn, um ein Transparent an dem Viadukt anzubringen:

„Alles war still. Kein Auto fuhr und kein Lastwagen. Maretsch sagte später, er habe in diesem Moment wirklich gedacht, es sei ein Wunder geschehen, ein schreckliches Naturgesetz sei plötzlich außer Kraft gesetzt. Etwas Unfassbares war eingetreten: Stille. Alle hielten die Luft an, Sonja und ihrem Bruder traten sogar die Tränen in die Augen, Stille in Klausen, nichts hätte noch eben unvorstellbarer geklungen als das, Stille in Klausen“ (ebd. S. 202).

Was hier als akustisches Phänomen alle bestürzt, möchte sein Pendant auch im ständigen Dunst der Gerüchteküche finden: Stille auch unter den ständig plappernden Menschen, Wahrheit durch nicht Ausgesprochenes, durch Schweigen also. Wörtlich bringt dies ein vor dem Zivilisationslärm nach Klausen „geflüchteter“ Professor in seinen regelmäßigen Anfällen zum Ausdruck:

„Er sagte immer wieder, alle sollten endlich ruhig sein. Manchmal, wenn der Anfall besonders schlimm war, sitze er da, ohne jede Reaktion, und stammle vor sich hin, alle sollen endlich ruhig sein, immer wieder: alle sollen endlich ruhig sein“ (ebd. S. 92, Hervorhebungen i.O.).

Auch dieser zweite Roman Maiers steht in Zusammenhang mit der Frage: Was ist Wahrheit? Ebenfalls wird das Verhältnis des Einzelnen zur Gruppe thematisiert und zwar so, dass an manchen Stellen ein Erzähler kommentierend aus dem Konjunktivischen des „Wäldchestag“ heraustritt, was den Roman für mich „lesbarer“ macht als den Erstling. Maier bleibt seinem Thema treu, erweitert das Zerreden und die Gerüchtewelt auf den Bereich des Politischen. „Wäldchestag“ bleibt im Privaten des Sebastian Adomeit verhaftet, in „Klausen“ wird nun die Gerüchteküche auch als politischer Vorgang wirksam.  

Eine weitere Ausweitung nimmt Andreas Maier in seinem dritten Roman vor, in welchem er sein Thema aus dem Provinziellen der Wetterau und in Klausen heraus und in das Geflecht der Großstadt Frankfurt hinein verlegt. „Kirillow“ (suhrkamp taschenbuch 3778, Frankfurt 2006) dreht sich in erster Linie um eine Studentenclique, die auf der ständigen Suche nach Sinn, nach dem nächsten Alkohol und der nächsten Beziehung ist und die Vorlesungen und Seminare am Wegesrand liegen lässt. Man trifft sich, sitzt irgendwo, trinkt und redet darüber, dass man sich trifft, irgendwo sitzt und trinkt – der herabstürzende Wasserfall des Geredes ergießt sich also auch in die Großstadt hinein. Dass dies jedem deutlich wird, setzt Maier mit einem Prolog ein: Einige ausgewählte Bewohner der Kellerstraße siebzehn in Frankfurt-Ginnheim „zerreißen sich das Maul“ über den Mitbewohner Frank Kober. Sie gießen ihre Mutmaßungen über den Mitbewohner aus, ziehen Gerüchte, vage Beobachtungen und Vermutungen zu Gewissheiten zusammen, unabhängig davon, ob die (Vor-)Urteile zutreffen oder nicht und ohne, dass sich Kober wehren könnte. Hilflos ist der Abwesende der Flut ausgesetzt – ein „Prolog in der Hölle“ (ebd. S. 28).

Dabei ist Frank Kober derjenige, der stets besänftigt, welcher der spätpubertären Clique so etwas wie Ruhe vermittelt und die Provokationen seines Freundes Julian Nagel zu entschärfen weiß. Durch Nagel, Sohn eines hessischen Landtagsabgeordneten, gelangen die Studenten in höhere Gesellschaftskreise, selbst dem Ministerpräsidenten begegnen sie auf einer Geburtstagsfeier. Julian Nagel ist diese spießige Welt zuwider, auch dort herrscht das übliche Gelaber des bedeutungslosen Smalltalks vor. Ein Gedanke Julians ist es, aus der verlogenen Existenz auszubrechen:

„Nur eines ist entscheidend, nur eines, aber das begreift ihr nicht. Das Entscheidende ist, es nicht auszuhalten. Nur dann bist du ein Mensch, nur dann nämlich, wenn du es nicht aushältst“ (ebd. S. 97, Hervorhebungen i.O.).

Um wenigstens eine solche Feier zu durchbrechen, schneidet er sich vor allen Gästen mit einem selbst zerbrochenen Sektglas in den Unterarm und in die Hand. Selbst dieses Ereignis, von vielen Partygästen beobachtet, wird so lange zerredet, bis es nicht mehr sicher ist, ob es überhaupt stattgefunden hat: Die einen sagen so, die anderen so, vielleicht war es aber auch ganz anders:

„Für die Leute im Saal war das Geschehen somit nicht nur einmal, sondern drei- oder vierfach vorhanden, und zwar in so unterschiedlicher Weise, dass manche über ihren Sekt- und Weingläsern und ihren Vitelo-tonnato-Bruschetten und Räucherlachs-Eier-Zwiebel-Mayonnaise-Dill-Kanapees gar nicht von einem Geschehen sprechen wollten, denn für sie war (nach der zehnten und fünfzehnten Hinundherwendung des Geschehens dort am Balkonfenster) ja gar nichts geschehen, jemand hatte sich aus Unachtsamkeit geschnitten, ein Haushaltsunfall der gewöhnlichen Sorte“ (ebd. S.104).

Was also ist Wahrheit, wenn selbst objektiv beobachtete Vorkommnisse nicht als das wahrgenommen werden und im Zerreden untergehen? Wie ist es dann erst um die Wahrheit eines Menschen bestellt? Eben dieser Julian Nagel hatte eines Tages das „Traktat über den Weltzustand“ auf dem Bildschirm, verfasst vom unbekannten Kirillow, welches im Buch aber nicht zu lesen ist, das aber einen deutlichen Hinweis auf den Roman „Die Dämonen“ von Dostojewski verweist, in welchem ebenfalls ein Kirillow vorkommt, in welchem es ebenfalls ein  solches Traktat gibt (das ich auf die Schnelle nicht gefunden habe). Es soll darin um den religiös begründeten Selbstmord als einzige Möglichkeit eines Ausweges, denn: „Die Menschheit funktioniert wie ein Krebsgeschwür und ihr Wachstumsauslöser ist das Streben nach Glück und Wohlbefinden“ (ebd. S.139). Kann das die Lösung sein, weil Abermillionen von Menschen in diese Richtung ihr Leben gestalten? Diese Orientierungslosigkeit wird bereits dem Buchumschlag optisch vermittelt. Auf ihm ist eine Reproduktion von Hobbes staatstheoretischer Schrift „Leviathan“ abgebildet. Der Staat ist ein Leib, der aus vielen Menschen besteht. Die Abbildung ist bekannt und ich habe sie oft im Religionsunterricht in der Oberstufe verwendet. Nur: Hier ist sie ohne Kopf abgebildet! Kopflos, so könnte die Aussage lauten, wimmelt es von Menschen, die nicht wissen, wohin. Und daher gewinnt der Gedankengang des Kirillowschen Traktates eine Faszination, die in dem Gedankengang endet:

„Es gibt eine Tat auf dieser Welt, nur eine, und das ist sie, das ist die einzige mögliche: Man muss sich töten, sich selbst. Es gibt keine andere Tat. Nichts anderes ist denkbar. Sowohl vor den Menschen als auch vor Gott. Alles andere heißt mitmachen und sich verstricken“ (ebd. S. 248).

Die Studentengruppe war sehr in dem fatalen Gedankengang verfangen, dies zeigen zum einen die Debatten in den Apfelweinstuben und natürlich die Tat von Julian auf der noblen Geburtstagsfeier. Zu der Frankfurter Studentengruppe schart sich eine Gruppe von Russlanddeutschen, die den Wodka auf die Alkoholkarte der Apfelweintrinker bringen, vor allem die Frauen erscheinen interessant. Da bieten sich reizvolle neue Beziehungen an. Schließlich löscht Julian Kirillows Traktat auf seinem Computer. Frank Kober entgegnete zu Beginn des Buches der älteren Frau Gerber, um die sich die Gruppe kümmert, als diese ihn als philosophische Person bezeichnet hatte:

„Ein Freund von mir sagte einmal, Philosophie heißt das Finden von wahren Sätzen. Darum geht es den Philosophen, ‚wahre Sätze‘ zu finden. Ich finde keine ‚wahren Sätze‘, ich suche sie nicht einmal. Allerdings hat Wahrheit mit Sprache überhaupt nichts zu tun“ (ebd. S. 37).

Alle drei bisher in den Blick genommenen Romane thematisieren den Umgang mit Sprache, oder besser: das Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Sprache, auch die belanglosen Mitteilungen, das endlose Palaver, all das ist Sprache, die keine Wahrheit ist. Die Menschen, die Maier schildert, befinden sich vielmehr in einer permanenten „Seinslüge“ (ebd. S. 117), die es zu überwinden gilt, jenseits der Sprache zu einem wahrhaftigen Sein zu finden, zu einer ehrlichen Existenz:

„Unsere Welt und unsere Sprache sind so wahr, wie diese Millionen und Millionen von Menschen sind, nämlich absolut unwahr, absolut aufgesetzt, immer nur im Hinblick auf die eigene Eitelkeit und die bequemste Ausrede für das eigene Tun gemacht“ (ebd. S. 141).

Ins Tun kommen die Protagonisten am Ende des Buches, als sie in den Landkreis Lüchow-Dannenberg aufbrechen, um dort die Castor-Transporte aufzuhalten. Maier schildert dies allerdings als groteskes Spiel, mit ritualisierten Rollen, wenn sie etwa die Polizisten mit Sätzen und erotischen Einblicken unter die lockere Kleidung necken und reizen, um sie aus ihrer jeweiligen Rolle herauszulocken. Aber so recht ernsthaft und kraftvoll kommen auch diese Aktionen bei mir nicht an. Überraschend kommt am Ende Frank Kober ums Leben, nicht der den Selbstmord propagierende Julian Nagel. „Aber klar dürfte geworden sein, dass es Maier nicht auf die Antworten, sondern auf die Fragen ankommt“ (Christoph Jürgensen, Das Ganze eine Rederei, zit. nach: www.literaturkitik.de/id/9120).

Damit bin chronologisch wieder bei den Poetikvorlesungen des Jahres 2006 angekommen. Andreas Maier erhielt bis dahin bereits eine Reihe von Literaturpreisen und hatte sich als gefeierter Autor in die jüngere deutsche Literaturszene hineingeschrieben. Mein Eindruck bis hierhin: Durchaus zu Recht. Hier schreibt ein Autor in einer schönen, flüssigen Sprache, er verfügt über ein ernsthaftes Thema, welches er in verschiedenen Variationen und intelligent zu gestalten weiß, stellt auf der einen Seite die tiefsinnigsten Existenzfragen und kann diese durchaus satirisch humorvoll gestalten. Im Lese-Prozess bin ich schon etwas weiter vorangeschritten als hier in diesen Notizen. Daher kenne ich bereits den vierten Roman, einen Band mit Kolumnen und den „Versuch über die Natur“. Ich werde an dieser Stelle darauf zurückkommen, um Andreas Maier, bei denen die wollen, „das Feld zu bereiten“. Je mehr man ihn kennt, je mehr wir von ihm vorab wissen, desto reichhaltiger wird man ihm begegnen können, wird Fragen entwickeln, die nicht aus Kenntnis heraus entstehen und die nicht durch Lesen geklärt werden könnten, die Zeit seiner Anwesenheit besser ausnutzend.

 

Dienstag, 08. Mai 2018:

Nach der Gesamtkonferenz sprach ich unsere drei Referendarinnen an und sagte ihnen, dass sie die heutige Konferenz mit einem besonderen Gütesiegel abspeichern könnten. Was wurde da nicht alles wertschätzend und sachlich diskutiert, um der Sache willen Emotionen und „Ideologien“ zur Seite gedrängt. Dabei standen durchaus „heiße“ Themen wie die Fachleistungsdifferenzierung, die Modelle der Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche, die Neuregelung der Wahlpflichtfächer und Ergänzungen des Fahrtenkonzepts auf der Tagesordnung. Wenige Beschlüsse, dafür ausgiebige Diskussionen mit einem hohen pädagogischen Stellenwert. Formal hat sicher dazu beigetragen, dass wichtige inhaltliche Überlegungen eben nicht von der Schulleitung vorgetragen wurden, sondern von Kolleg/-innen, die sich bereits vorher in Arbeits- und Konzeptgruppen darüber den Kopf zerbrochen haben. Deutlich wird darin: Nicht die Schulleitung „will  etwas“, was hier zur Debatte steht, ist unser aller Anliegen. Chapeau, Kollegium!

 

Freitag, 04. Mai 2018:

Da schlägt sich das zweite Halbjahr auch in Schulleiters Tagebuch nieder: Die vielen Feiertage und dann noch ein zusätzlicher Brückentag ergeben nicht nur vom Rhythmus eine „zerhackte“ Zeit, auch die hiesigen Inhalte plätschern nur als leises Rinnsal. Gestern Abend Förderverein, heute Post hinsichtlich der zweiten Runde der Wechselprüfungen. Heute kamen Themen für Präsentationsprüfungen an, dürfen aber erst am Montag (gegen Unterschrift!) bekannt gemacht werden. Ebenfalls erreichte mich Post aus Trier mit den Kandidat/-innen, die im Sommer in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit berufen werden sollen. Heißt wieder: Vor den Sommerferien vier Dienstliche Beurteilungen und Unterrichtsbesuche…und das bei dem „Flickenteppich“.

 

Samstag, 05. Mai 2018:

Gleichwohl es Wochenende ist, heute gab es einen schönen Termin, wieder in der Alten Turnhalle der Lebenshilfe. Die Fotos des Projektes „Blaudes“ (siehe Eintrag vom 24. November 2017) sind so ausdrucksstark geworden, dass die Idee einer eigenen Ausstellung entstand. Gemeinsam mit einer Fotoausstellung der Malwerkstatt, Thema: Verkleiden – Wer bin ich? Hingen nun die Blaudes-Fotos in der Galerie aus. Wunderbare Augenblicke schienen daraus hervor. Zusätzlich gab es die Möglichkeit, sich selbst zu verkleiden und sich mit einer Sofortbildkamera fotografieren zu lassen. Schnell waren die spontan entstandenen Exponate in die Ausstellung integriert. Die Schülerinnen der sechsten Klassen stellten ihre eigenen Gedanken vor, wie sich mit und ohne Kopftuch fühlten, was sie empfanden: mehr der Schutz vor der Außenwelt oder mehr die Intention: Das will ich nicht von mir zeigen. Zwei ehemalige Erstabiturientinnen stießen zufällig dazu. Herrliche eineinhalb Stunden!