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April 2016

Dienstag, 05. April 2016:

Vor längerer Zeit hatte bereits eine Kollegin bei mir angefragt, ob sie einen Tag bei mir hospitieren könne. Sie habe die verschiedenen Module der Fortbildung für an Schulleitung Interessierten absolviert, bei welcher als fester Bestandteil eben auch die Hospitation im „Alltag eines Schulleiters“ vorgesehen ist. Ich vertröstete sie auf die Zeit nach den Osterferien. Heute nun war sie da und wollte mitnehmen, was eben gerade läuft. Da mein Alltagsgeschäft an diesem Dienstag nicht sonderlich typisch war, haben wir uns sehr viel über die Schulform der IGS unterhalten. Mir wurde erneut deutlich, um es positiv, oder euphemistisch (?), auszudrücken, wie „vielfältig“ diese Schulform inzwischen ist. Differenziert müsste ich formulieren, wie wenig hie und da von in meinen Augen Grundpfeilern der IGS an einer ebensolchen umgesetzt sein können und die dennoch als IGS „durchgehen“. Immerhin verschaffte ein Gespräch über Produktkonten im Haushalt der Schule, das für heute terminiert war, einen Einblick in nicht sonderlich spannende Aufgaben eines Schulleiters bzw. dessen Stellvertreters. 

 

Mittwoch, 06. April 2016:

Nach einigen Wochen der Unterbrechung – Berufspraktikum, Vertretung, Osterferien – konnte ich heute wieder aktiv meine Treue zur Wochenplanarbeit in meiner Deutschklasse beweisen. Die inhaltliche und formale Fertigstellung hat mich gestern Abend noch beschäftigt, so dass ich ihn heute Morgen lediglich noch ausdrucken und kopieren musste. Ich habe das Gefühl, diese Möglichkeit zu eigenverantwortlichem und geöffneten Arbeiten, wird angenommen.

Der April ist in unserem Kollegium derjenige Monat mit der größten Geburtstagsdichte. Heute war der mittlere von drei aufeinanderfolgenden dran. Wenngleich der meinige in den Osterferien lag, ziehen sich die nachträglichen Gratulationen bis ins Heute hinein und scheinen kein noch Ende nehmen zu wollen – eine schöne Wertschätzung.

Auch noch als ein Relikt aus den Osterferien hält meine Beschäftigung mit Heinrich Böll an. Darin enthalten, eine Nachricht aus dem organisatorischen Bereich, dass der Verantwortliche für Bölls Werk bei der Heinrich-Böll-Stiftung anwesend sein wird und für die Arbeitsgruppen montags zur Verfügung stehe. Parallel das Wieder-Lesen von Literatur, vor allem hinsichtlich der Gattung der Kurzgeschichte:

Meine Vorliebe für die „kleine Form“ habe ich ja bereits früher geschildert (siehe Eintrag vom 5. Januar 2010), die Kurzgeschichte gehört schon allein durch die Bezeichnung dazu. Zudem hatte ich mich in meinem Referendariat seinerzeit intensiver und begeistert damit befasst, weil gerade die Kurzgeschichte in sich abgeschlossene und jederzeit einzufügende Unterrichtseinheiten ermöglicht. Mein damaliger Deutsch-Fachleiter übertrug mir daher gerne und mehrfach solche Unterrichtsreihen, die ich dann auch nach Themen konzipierte und durchführte. Aus dieser Zeit kenne ich die als Ursprung benannte Zeit der deutschen Kurzgeschichte: Autoren wie Alfred Andersch und Josef Reding sind der amerikanischen Short-Story während der Kriegsgefangenschaft begegnet, haben Hemingway und Faulkner gelesen und diese Schreibweise für die Nachkriegszeit adaptiert. In dieser Textgattung wird nichts breit geschildert. Das, was der Autor mitteilen will, muss, auf engstem Raum komprimiert, beim Leser Assoziationen auslösen, um die „Botschaft“ zu vermitteln. Hemingways „Alter Mann an der Brücke“ etwa kennt nur ganz wenige Erzählstellen. Dominiert wird diese Kurzgeschichte von drei Seiten durch die Dialoge des alten Mannes mit dem Offizier. Aus ihnen wird das ganze drastisch hilflose Elend des Krieges deutlich, in welchem der alte Mann seine Tiere und sein Leben in dem zu evakuierenden Dorf zurücklassen muss. Oder eine weitere Meistererzählung von Hemingway: „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“, die von einer Jagd-Safari in Afrika erzählt. Den ganzen Text hindurch schält sich, zunächst als Vermutung, dann als Gewissheit heraus, dass Francis am Ende zu Tode kommen wird. Stets ist es aber nur angedeutet, es steht nur zwischen den Zeilen, nie wird es ausgedrückt und doch lugt es hinter jedem Satz hervor. Ein weiterer Meister dieses Genres ist Wolfgang Borchert mit seinen Geschichten „Das Brot“, „Die Küchenuhr“ oder „Nachts schlafen die Ratten doch“. Gerade diese drei Texte erzählen derart auf das Notwendige zusammengepresst den Schrecken des Krieges, dass es mir bei jedem Lesen schaudert, weil sich im Grunde mit jedem Wort die alles zerstörende Unmenschlichkeit beißend vermittelt. Als ein weiteres Merkmal hielten wir damals im Unterricht fest, dass die äußere Handlung auf eine innere Handlung zielt. Deutlich etwa wieder in Wolfgang Borcherts „Die Küchenuhr“: eine kaputte Wanduhr wird aus den Trümmern eines Hauses gerettet, sie ist um halb drei stehen geblieben, ausgerechnet um halb drei, zur der nächtlichen Stunde, als die Mutter dem heimkehrenden Sohn immer etwas zu essen machte. Sie ist nur der äußerlich sichtbare Gegenstand, der in gleichem Maße aber für die innere Zerstörung des Sohnes steht, der lediglich immer wieder nur die gleichen Worte verwirrt wiederholen und stammeln kann. Diese verdichtete, assoziativ gehandhabte Erzähltechnik will und muss durch Identifikation wirken, weil sie sich nicht den Raum nehmen will, und nicht, wie etwa bei Thomas Mann, seitenlang differenzierte Schilderungen vorzunehmen bereit ist.

Mir fallen dazu zwei Beispiele von Heinrich Böll ein, um wieder zu ihm zurückzukehren, bei denen sich meine Identifikation durch eigene, ähnliche und dennoch natürlich viel abgeschwächtere und kaum vergleichbare Wahrnehmungen meiner selbst sofort einstellte. Während meiner Bundeswehrzeit, in der wir zu acht in einem Zimmer untergebracht waren, belastete mich die ständige Anwesenheit der sieben weiteren Stubenbewohner. Ich vereinbarte mit ihnen, dass sie mir vom Frühstück aus der Kantine etwas mitbringen sollten, ich würde so lange die Betten „bauen“ – nur um wenigstens kurz nach dem Aufstehen eine halbe Stunde allein zu sein. Um diesem Bedürfnis weiter nachkommen zu können, zog ich mich auch öfter in den in der Regel ja leeren Waschraum zurück, las dort in Büchern oder spielte für mich allein Gitarre. Und dann las ich in Bölls „Der Zug war pünktlich“ genau von diesem Empfinden:

           „Das Klo ist der einzige Ort, wo man wirklich allein ist“.

Da ich meinen Wehrdienst in einem Bataillon leistete, das ein amerikanisches Depot mit (Atom?)-Sprengköpfen zu bewachen hatte, waren wir eine Woche lang durchgehend in diesem streng abgeschirmten Depot in einem Wald oder der Kaserne zusammengepfercht. Zwei Tage Wache im Depot in einem Rhythmus von zwei Stunden Wachturm, zwei Stunden Bereitschaft, zwei Stunden frei, dann zwei Tage durchgehend Bereitschaft in der Kaserne und wieder zwei Tage im Lager, ohne Ausgang, immer zusammen, alles Männer in NATO-Grün gekleidet. Wie sehr konnte ich die Worte von Andreas in „Der Zug war pünktlich“ nachempfinden:

„Es ist wunderbar, in einem zivilen Zug zu fahren. Da sind nicht nur Soldaten, nicht nur Männer. Es ist furchtbar, immer nur unter Männern zu sein.“

Diese dichte, gedrängte, gefilterte, assoziative und zusammengepresste Erzähltechnik macht die Kurzgeschichte zu einem sprachlichen Kunstwerk. „Im Idealfall wird jeder Satz, jedes Wort wichtig, und eben darum muss sie von jedem Füllsel, von jedem überflüssigen Beiwerk befreit werden“ (Manfred Durzak, Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart, Stuttgart 1980, S.308). Und eben deshalb konnte oder musste Heinrich Böll bekennen: „Es kann Jahre dauern, ehe ich mit einer Kurzgeschichte zu Rande komme“ (Böll, zit. nach: ebd. S.309).

 

Freitag, 08. April 2016:

Wegen eines Termins für ein Selbstsicherheitstraining für Schüler/-innen war heute die Polizei in Deidesheim, hatte aber nur ganz wenig Zeit: „Ich wurde eben zu einem Einsatz wegen eines Einbruchs gerufen.“ Zuvor hatte ich „Schulleiterdienst“ am Standort in Wachenheim und empfand ein heftiges Zerren an mir. Neben den Telefonaten zu einem Versetzungswunsch mit Folgetermin, einer Anfrage von Eltern eines Dritt(!)klässlers wegen der Aufnahme in Klasse fünf, einer Klärung mit einem Vater hinsichtlich der kommenden fünften Klasse, Absprache wegen des Bau-Jour fixe am kommenden Montag, Stand der Einzahlungen der Familien wegen der diesjährigen Klassen- und Profilfahrten, einer Nachfrage wegen eines Platzes einer Praktikantin im Anerkennungsjahr, einer weiteren Mail zum Böllprojekt, wollten mich zusätzlich immer wieder anwesende Lehrkräfte sprechen. Stets höre ich dann die gleiche Formulierung: „Ach, Georg, wenn ich dich gerade sehe….!“ Dabei wollte ich doch den nächsten Wochenplan vorbereiten, was nun wieder ins Wochenende rutscht. So genoss ich denn die Autofahrt nach Deidesheim. Aber man höre und staune: ich war kaum bis Forst gekommen, da klingelte das Handy auf der so kurzen Fahrt! „An Tagen wie diesen…“, hörte ich im Radio…

 

Montag, 11. April 2016:

Ein erneutes Treffen in Sachen Bau in der Schule zeigte mir: anscheinend geht es doch „hinter den Kulissen“ weiter, denn wir unterhielten uns heute bereits über verschiedene Punkte der Ausstattung. Bei der generell geltenden Maxime: So wenig Kosten, wie es eben geht, sagte ich zu, dass das Büro des Schulleiters von den Möbeln her so übernommen werden kann und keine Neuausstattung eingeplant werden muss. Sie sind beileibe nicht mehr neu, aber durchaus auch für ein Büro im Neubau zu verwenden. Es sei einem späteren Nachfolger gegönnt, daran etwas zu ändern und eine Neuausstattung für angemessen zu halten. Als nächster wichtiger Schritt soll noch im April (endlich) der formelle Bauantrag gestellt werden. Die Prüfungen und Genehmigung aller Planungen und Vorhaben sind damit erledigt. Heute einigten wir uns noch auf eine irgendwie einfache aber praktische Ausstattung der (bewusst) entstehenden Nischen. Wenn ich es im Kopf richtig von den Plänen abfotografiert habe, geht es um sechs bis neun Ecken und Nischen, die, da sie keine Flure darstellen und damit anderen Brandschutzbestimmungen unterliegen, auch als informelle Ecken (der Pädagoge denkt da natürlich an Arbeitsecken) genutzt werden können. Nun sollen da nicht einfach Tische und Stühle stehen, sondern modern und einfach gestaltete Sitzmöglichkeiten sollen „erfunden und gebaut“ werden. Sehr schön! Den „Aufstieg“ auf das Dach im Klassentrakt habe ich mir dann „geschenkt“ – immerhin musste ich zum nächsten Termin, den ich jetzt schon nicht mehr pünktlich wahrnehmen konnte. Ich musste dazu aber meine Tasche im Büro abholen, wo ich die Schulleitungsrunde intensiv diskutierend vorfand. So soll es sein: „der Chef“ macht sich möglichst entbehrlich. „Dann sind wir ja jetzt vollständig!“, wurde ich im Kuratorium der Frank-Lyden-Stiftung begrüßt. Natürlich kam ich verspätet an, aber nach einem Termin-Fauxpas im vergangenen Jahr war mir meine Teilnahme sehr wichtig. Erfreut wurde mein Hinweis aufgenommen, dass im kommenden Jahr das erste Abitur bei uns abgelegt würde und dass dadurch auch wieder die Möglichkeit bestünde, den Hauptzweck dieser Stiftung, die Unterstützung von jungen Menschen in Sachen Bildung durch Stipendien, wieder deutlicher umzusetzen. Junge, Junge, ein praller Montag, an dem die Unterrichtsstunden wieder einmal die unauffälligste und die mich am wenigsten fordernde Zeit darstellten, da kann ich einfach aus einem reichhaltigen Repertoire schöpfen. Neben der grundlegenden Wiederholung der Grammatik, um Sicherheit zu erlangen bzw. zu erhalten, lesen wir immer noch die Lektüre „Das Jahr der Wölfe“ von Willi Fährmann über die Flucht der Familie Bienmann 1945 aus Ostpreußen nach Westfalen.

 

Dienstag, 12. April 2016:

Trotz oder wegen mannigfaltiger Erfahrungen sind Gesamtkonferenzen eine besondere Veranstaltung, denn sie unterliegen ganz eigenen Gesetzen und einer kaum vorhersehbaren Dynamik, die, hat sie sich mal in eine ungewollte Richtung entfaltet, kaum wieder „einzufangen“ ist. Die heutige dagegen kam eher harmlos daher, gut vorbereitet mit bereits besprochenen Tischvorlagen, die zudem nicht in meinem Aufgabengebiet lagen. Schon lange wenden wir die heute verabschiedeten Rahmenbedingungen zu  Leistungsfeststellungen bei Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf an. Nun sind sie verbindlich, da auf einer Gesamtkonferenz von allen mehrheitlich beschlossen. Die Änderung des Namens des Wahlpflichtfaches Mathematik/Naturwissenschaften bedurfte auch keiner Diskussion. Es ging ja letztendlich darum, die Schüler/-innen durch das Wort „Mathematik“ nicht abzuschrecken, da der Lehrplan hauptsächlich naturwissenschaftliche Inhalte parat hält und nur wenig Mathematik. Also: eine gute, kurzweilige und angenehme Gesamtkonferenz.

 

Mittwoch, 13. April 2016:

Erstmals nahm ich einen Termin bei der Winzergenossenschaft wahr – auch das kann zum Aufgabenfeld eines Schulleiters gehören. Es geht um etwas ganz Besonderes: Die IGS wird zum ersten Mal mit Unterstützung der Profis einen eigenen Wein produzieren. Das kam so: Bei der Berufsmesse, bei der sich am Tag der Berufsorientierung inzwischen über 30 Ausbildungsfirmen vorstellen, über die verschiedenen Berufsbilder informieren und erste Kontakte knüpfen, war vor drei Jahren auch die Winzergenossenschaft vertreten. Nun haben wir ja von der Realschule plus eine Wingertzeile hinter dem Klassentrakt übernommen, die wir seither „bewirtschaften“. Die Frage an den Chef-Winzer: „Könnte man den jährlichen Ertrag nicht zu Wein machen?“ Aber, die Rebsorte eignet sich nicht dazu, immerhin wurde für die erntenden Schüler/-innen ein eigener Traubensaft kreiert. Die Idee aber war geäußert und gärte weiter. Inzwischen arbeitet eine Arbeitsgemeinschaft im Ganztag das ganze Jahr über in einem zur Verfügung gestellten Wingert, verrichtet vom Schneiden, binden, Ausgärzen bis zur Lese alle Arbeiten. Daraus wurde nun zum ersten Mal ein Wein ausgebaut – geschätzte 1200 Flaschen scheinen denkbar. Flugs wurde daraus ein Projekt: Mit Rolf Stahlhofen, einem der „Söhne Mannheims“, der ein eigenes Projekt „Water is Right“ betreut, soll der Gewinn je zur Hälfte geteilt werden: 50% gehen an unseren Förderverein, 50% an das Wasserprojekt – also durchweg ein gemeinnütziges Anliegen. Schnell war ein Etikett entworfen („Unser“ Wein heißt: R-IGS-ling“), Flaschen, Verschlüsse wurden gesponsert, der Druck der Etiketten kann nebenher mitlaufen. Eine Riesensache, von der ich seit dem ersten Schultag 2008 träume: Damals wurde der Schule als Startgeschenk ein Weinberg versprochen, zu dem es nie kam. Ich selbst erhielt als Dank für meinen Einsatz an einem Studientag einer IGS in Mainz eine Flasche IGS-Wein (Ein Winzer hat dort seinen Sohn eingeschult) – nur die IGS an der Weinstraße bekommt das nicht hin. Ja selbst das Wahlpflichtfach „Ökologie/Weinbau“ mussten wir in der Versenkung verschwinden lassen, weil es nie gewählt wurde. Und nun, nach acht Jahren der Zieleinlauf. Einfach nur herrlich und Danke allen, die daran teilhaben. Bei dem Termin heute ging es um ganz praktische Fragen: Wo lagern die 1200 Flaschen? Wer verkauft sie? Wie halten wir es mit der Abrechnung? Bei so viel Wohlwollen tat sich nicht ein einziges Problem auf. Wir planen einen etwas größeren und publikumswirksamen Start. Aber erst wenn es soweit ist, will ich darüber schreiben.  

                                                                                                                                            

Samstag, 16. April 2016:

Vor Wochen erhielt das Sekretariat die Mail einer mir zunächst unbekannten Frau im Absender. Als ich ihren Mädchennamen las, den sie vorausblickend angefügt hatte, war mir klar: Es handelt sich um eine Schülerin aus meinem ersten Jahrgang „Bernhard Bumerang“ an der IGS Mutterstadt. Anlässlich des 10-jährigen Abiturs planten sie ein Klassentreffen: „Hierzu würden wir gerne unseren alten Tutor - Ihren heutigen Schulleiter- Georg Dumont einladen“. Nun stehe ich solchen Treffen nicht nur positiv gegenüber, denn allzu oft werden diese durch eher sentimentale Geschichten und Erinnerungen geprägt, die, hervorgezerrt, nicht selten ihren Glanz verlieren. Aber die Wahrscheinlichkeit, neben den Schüler/-innen auch ehemalige Kolleg/-innen wiederzusehen, ließ mich der Einladung folgen. Neben den Schüler/-innen der eigenen Klasse kannte ich natürlich aus dem Abiturjahrgang nur extern hinzugekommene, insofern sie katholisch sind. Dennoch schlug mir ein lautes Hallo entgegen, als ich durch die Eingangstür eintrat. Entgegen meinen Befürchtungen entwickelte sich ein amüsanter Abend. Durch viele Gespräche erfuhr ich von den verschiedenen erfolgreichen Wegen der Anwesenden. Ich hörte von einer Promotion in Chemie, ließ mir erzählen, wie ein anderer Leiter einer Bankfiliale wurde, ließ mir von der Abteilungsleitung in einem Logistikunternehmen erzählen, von Master- und Diplomabschlüssen und: wir saßen alle in einem Restaurant, dessen Inhaber ebenfalls ein ehemaliger Schüler war. Die Aufzählung mag erneut alle diejenigen Zweifler beruhigen (oder sogar überzeugen?), dass die Abschlüsse an Gesamtschulen erfolgreiche Wege ebnen.

Mit den anwesenden Kolleg/-innen aus meinem ersten Mutterstadter Jahrgangsteam war ich einig: eine solch gelungene Zusammensetzung von Lehrkräften, die sich pädagogisch und menschlich nahstanden, hatten wir alle vorher noch nicht und nachher nicht wieder erfahren. Da hat so Vieles einfach gestimmt, dass die gemeinsame Arbeit leicht von der Hand ging, dass eine Supervisionsgruppe Schwächen wertschätzend bearbeiten und Stärken für alle gewinnbringend nutzen konnte. Wir zogen den Vergleich zu einer Fußballmannschaft, zu der, will sie eine Weltmeisterschaft gewinnen, zum sportlichen Vermögen ein Zusammenhalt auf vielen weiteren Ebenen gehört. Das spürten wir heute erneut, denn auch nach einer Frist von zehn Jahren konnten wir menschlich dort anknüpfen, wo sich unsere Wege damals trennten so, als hätten wir uns gestern noch gesehen. Für den heutigen Abend kann ich nur dankbar sein und für dieses Treffen meine Skepsis auswichen.   

 

Dienstag, 19. April 2016:

Geld sparen allerorten – so könnte einmal die Überschrift über meine berufliches Leben lauten. Zwar zu Zeiten des so genannten Wirtschaftswunders geboren, die Nachkriegsnot nicht mehr kennen gelernt, diktiert der Rotstift von Beginn an die Pädagogik. Freilich, auch und gerade in der Pädagogik ist Geld nicht alles, aber fehlendes Geld schränkt Vieles ein. Auch insgesamt gesehen ein kleiner Träger wie ein Landkreis kann nicht agieren, wie er will. Unter diesen Voraussetzungen verwundert es nicht, dass Kosten dadurch gespart werden sollen, dass alle Drucker mit denselben Kartuschen arbeiten sollen, um andere Einkaufspreise aushandeln zu können. Der eine oder andere Drucker muss gestrichen werden. Da freut mich das Ergebnis, dass es gelungen ist, die Drucker in den Teamräumen zu erhalten und nicht ein zentraler Druck- und Kopierraum eingerichtet wird – das Team-Kleingruppen-Modell darf auch durch die Ausstattung nicht enden – immerhin zeigte ich guten Willen, weil ich den Drucker des Schulleiters preisgab und künftig meine Ausdrucke nebenan abholen werde. Das ist zwar umständlicher als jetzt, aber durchaus vertretbar, besser bei mir gespart als bei den Teams.

Gleich zwei Polizisten saßen heute an meinem Besprechungstisch. Es ging um das Selbstsicherheitstraining für unsere Schüler/-innen. Wir planen die Einheiten zwar noch vor den Klassenfahrten, aber ich bin skeptisch, ob das so schnell umzusetzen sein wird. Vor den Sommerferien, also noch zu Hochzeiten der Weinfeste, wären die Maßnahmen immer noch gut aufgehoben. Schauen wir mal, was geht.

Den ganzen Tag über hatte ich den Fotoapparat neben mir liegen, denn ich wollte unbedingt die Ankunft der Überseecontainer für den Jugendtreff auf dem alla-hopp!-Gelände festhalten. Seit Eröffnung sperrte ein letzter Bauzaun das dafür vorgesehene Gelände ab, jetzt geht es endlich weiter. Schon um acht Uhr stand der erste Sattelschlepper vor der Schule, kurz darauf kam der riesige Autokran an, der die langen Metallcontainer über die Bäume auf die richtigen Stellen hievte – der Junge in mir jubelte angesichts solcher Anblicke. Schon immer konnte ich mich an Baustellen verweilen und empfand nie Langeweile, verabschiedete manchen Mitbeobachter frühzeitig, während ich fasziniert verweilte. Zwar lässt die Arbeit eines Schulleiters stundenlanges Staunen nicht zu, aber wann immer es heute möglich war, zog es mich auf die Feuertreppe, um die Fortschritte zu beobachten. Schade, dass ich den letzten Container nicht – ja früher hätte ich sagen können: auf den Film bannen konnte, heute wird ja lediglich eine Chipkarte gefüllt – wie auch immer, als einziger in blauer Farbe hätte er sich gut abgehoben und ein farbenfroheres Bild ermöglicht. Jetzt, nachdem die Männer in Präzisionsarbeit den riesigen Kran „leiteten“, stehen die sieben, zum Teil 14 Meter langen Metallbehälter zentimetergenau an ihren vorgesehenen Plätzen. Bewundernswerte Arbeit! Ja natürlich kann die Firma den Starkstromanschluss der Schule für die morgigen Schweißarbeiten nutzen und natürlich musste ich einmal durch die noch geöffneten Container gehen, um mir die fertigen Räume vorzustellen.

 

Mittwoch, 20. April 2016:

Huch! Nochmal der Autokran? In der Pause standen die gestern exakt aufgestellten Container wieder verrückt und wie wild abgestellt nebeneinander. „Da ist was schief gelaufen. Erst müssen doch die metallenen Verbindungsstücke angeschweißt werden. Das war in den Plänen nicht verzeichnet.“ So lautete die Antwort auf meine vorwitzige Frage. Na denn…

Ich fuhr nach Wachenheim und holte endlich die seit Monaten mitgeführten Plastikbecher aus dem Kofferraum, die seit dem letzten Besuch eines nordischen Möbelhauses dort ihr rollendes Dasein fristeten. Heute in einer fünften Klasse hatten sie ihren ersten großen Auftritt beim erneuten Einüben des Cupsongs. Ich hatte die dünnen Einwegbecher der letzten beiden Jahre satt, die so schnell zerknittern und dann die Freude an der Nummer rauben. Und siehe da: Obwohl schon einige aus der fünften Klasse das rhythmische Glanzstück kannten…es steckt immer wieder an. So viel Begeisterung entfache ich selten in Musikstunden, selten stoße ich auf solche Begeisterung und durch nichts anderes gelingt mir eine Beschäftigung aller in diesem Maße – ein Traum! Und dann die neuen Becher, die dem Aufklackern auf den Tischen eine besondere akustische Wirkung verliehen, herrliche zwei Stunden, die ich morgen in der anderen Klasse wiederholen werde…

  

Donnerstag, 21. April 2016:

Treffer! Auch die Parallelklasse ließ sich anstecken. Zum ersten Mal konnte ich die Cupsong-Übung auch Integrationshelferinnen zeigen. Verschmitzt ermunterte ich sie, nicht aufzugeben, schließlich hätte ich drei Jahre Vorsprung!

Ein weiteres (letztes?) Treffen zur Vorbereitung der Böll-Literaturtage. Wir trafen uns an historischer Stätte in der alten Turnhalle – ein Schmuckstück mit herrlich alten Balken und wunderbar altem Parkettboden. Projektleiter der unterschiedlichsten Richtungen waren da: vom bildenden Künstler, der eine Mal-Perfomance anbieten wird, über ein Filmteam, das die Tage begleiten wird und die Lehrkräfte der verschiedenen teilnehmenden Schulen. Wir besprachen die Raumaufteilung, die zeitliche Struktur, wer kann wann und wo proben oder Interviews machen usw. Da kommt so langsam Fahrt auf.

Eine wunderbare Brücke von Heinrich Böll 1951 und der alten Turnhalle 2016 sei nicht verschwiegen, die sich heute über den langen Zeitraum von 65 Jahren hinweg über mir erstreckte. Derzeit lese ich das opus magnum „Frohburg“ von Guntram Vesper. Das tausendseitige Werk erhielt vor kurzem den Preis der Leipziger Buchmesse. Ich hatte es während der Osterferien zu lesen begonnen und war überrascht, dass darin mehrfach Orte der Pfalz erwähnt werden. Das Böll-Projekt wird unter anderem gemeinsam mit dem Künstlerhaus in Edenkoben veranstaltet und dort tagt während der Literaturtage auch das deutsche PEN-Zentrum. Heute Nachmittag löste sich das Rätsel wunderbar auf: Guntram Vesper war Stipendiat im Künstlerhaus Edenkoben und eben dort sind Teile seines neuen Werkes während dieser Zeit entstanden. Naiv stolpere ich da in ein Projekt hinein und völlig überraschend eröffnen sich ungeahnte Zusammenhänge und zeichnen sich verbindende Linien ab. Wie faszinierend ist das denn!

 

Dienstag, 26. April 2016:

Selten wird die enger zusammengerückte Welt so deutlicher spürbar, als wenn sich die Weltpolitik unmittelbar ins Klassenzimmer erstreckt: Kurz nach acht Uhr erreichte mich die aufgeregt vorgetragene Nachricht, dass ein Flüchtlingsmädchen in der Klasse umgekippt sei. Gleich machte ich mich auf den Weg in den zweiten Stock, den Schreibtisch Schreibtisch sein lassend. Das Mädchen lag immer noch abwesend mit geschlossenen Augen auf dem Boden, allerdings durch die Schulsanitäter bereits in stabil gelagert. Da sie immer noch kaum ansprechbar war, hatten wir bereits den Krankenwagen gerufen. Auch die Sanitäter stellten nichts Gravierendes fest, wollten sie aber zur Beobachtung mitnehmen, man wisse ja nie, es könnte sich aber um die Folgen einer Traumatisierung handeln. Es stellte sich heraus, dass am Abend zuvor der Vater des syrischen Mädchens, der noch immer in Aleppo festsaß, eine Nachricht per Mobiltelefon gesandt hatte. Die Stadt solle am nächsten Morgen von einer Terrormiliz eingenommen werden. Da er einer christlichen Konfession angehört, hatten nun alle Angst um das Leben des Vaters und des Bruders. Lediglich die Mutter ist mit drei Kindern über Istanbul, mit einem Schlauchboot nach Griechenland und dann über die so genannte Balkanroute nach Deutschland geflohen. Eine Familienzusammenführung ist derzeit unmöglich. Eine solche Anspannung am Morgen dieses Tages, der alles und nichts bringen und an dem es um Leben und Tod gehen kann, ist ja kaum als Erwachsener und auch als „Außenstehender“ nur schwer auszuhalten, geschweige denn für ein betroffenes, junges Mädchen! Und was heißt hier „Außenstehender“, wenn das Mädchen vor mir auf dem Boden liegt und eine Schülerin unserer Schule ist.

Am Abend schaute ich mir angespannt die Tagesschau an: Nichts! So sind die Medien nun mal, da stehen andere Nachrichten des Tages im Vordergrund. Jedenfalls erfuhr ich nichts. Im Internet, gezielt gesucht, immerhin so viel: Gerade die Stadt Aleppo stehe bei den strategischen Interessen verschiedener Kampftruppen und Milizen im Fokus. Heute seien wieder Zehntausende aus der Stadt wegen der anhaltenden Kämpfe geflohen. Ganz falsch war die Nachricht also nicht, wenngleich von gezielten Tötungen nichts zu erfahren war.

Der Alltag lenkt dann ab und schiebt sich über diese (noch immer unverarbeitete) Begegnung des Morgens.

Wie belanglos dagegen doch die Fortschreibung des Fahrtenkonzeptes wirkt, zu der sich eine Gruppe aus Eltern, Lehrkräften und Schülervertretern am Nachmittag traf. Ungereimtheiten, bisherige Erfahrungen (immer mehr Anträge auf Unterstützung werden gestellt) und die Fortschreibung für die Oberstufe machten dieses Treffen notwendig. Das Konzept nun als Ganzes betrachten und hinsichtlich Anzahl und Kosten überprüfen – das hatten wir uns zur Aufgabe gemacht. Wir benötigten letztendlich doch mehr Zeit, um „einen Wurf“ hinzubekommen. Nicht alle Wünsche sind erfüllt, aber als Ergebnis können wir ein Konzept mit rotem Faden zu vertretbarem Kostenaufwand zur Abstimmung stellen.

Damit nicht genug, denn am Abend stand noch die Sitzung des Schulelternbeirates an, die erste nach meinem Geburtstag. Wieder Gratulation und Geschenk, jetzt ist aber auch genug. Herrlich fand ich die Formulierung: der 28. Geburtstag jährt sich zum 32. Mal. Licht und Schatten, Tag und Nacht, Ying und Yang an einem Tag und daher ein spannender Tag!

 

Donnerstag, 28. April 2016:

Wenn ein Konzept zehn Jahre alt wird, dann ist Besonderes angesagt – so natürlich auch bei dem Bandklassenkonzept „1stClassRock“ und der unterstützenden Initiative „Let’s make music – Wir machen Lust auf Musik“. Sie bieten auf einer „Tour 2016“ interessierten Schulen an, das Konzept und das Equipment direkt kennen zu lernen. Wie die IGS Grete Unrein in Jena ins Spiel kam, weiß ich selbst nicht genau, aber ich sollte unsere Kontakte dorthin für die Verbreitung des Angebots nutzen. Nun empfinde ich da immer ein gemischtes Gefühl in mir: Auf der einen Seite möchte ich gerne dazu beitragen, Gutes in die Breite zu bringen. Auf der anderen Seite kenne ich allerdings meine eigenen Reaktionen, wenn ungefragt Angebote an die Schule kommen, die immer auch zusätzlichen Einsatz bedeuten. In diesem Fall schien mir das Angebot aber eine Möglichkeit, für die immense Bereicherung unserer Schule durch die „Young Americans“, an die wir seinerzeit durch die Kolleg/-innen eben aus Jena kamen, einen umgekehrten „Transfer“ hinzubekommen. Prompt kam die zunächst einmal zumindest Neugier beinhaltende  Antwort: „Klingt sehr gut!“ Warten wir mal ab, was sich daran anschließt.

Die Gruppe für das Böll-Projekt ist angewachsen. Ein Ziel der ganzen Tage war es ja, Schulen (wenn es geht: inklusiv) zu vernetzen. Drei Schüler aus der Berufsbildenden Schule Bad Dürkheim haben ihr Interesse bekundet. Das stellt für den Ablauf drei, vier Herausforderungen, aber grundsätzlich freut es mich, dass „meine“ Projektgruppe damit gemischt zusammengesetzt ist. Auch hier gilt: Vielfalt tut gut!

Neu hinzugekommen ist in meinen Terminkalender gestern die Einladung zu einer Kreis-Bauausschuss-Sitzung. Nachdem die Planungen von der Schulaufsicht in der jetzigen Form grünes Licht erhielten, galt es heute, formal für den Bauträger den offiziellen Beschluss der Maßnahme zu fassen. Ist der unter Dach und Fach, kann endlich der Bau- und Zuschussantrag gestellt werden. „Ob Sie zu Wort kommen werden, weiß ich nicht. Aber es wäre gut, wenn Sie dabei wären!“, hieß es gestern (!) am Telefon. Natürlich empfand ich die Sitzung des Bausauschusses als Pflichttermin – immerhin sollte es darum gehen, die neuen Planungen zu verabschieden. Vor über einem Jahr waren wir eigentlich schon einmal soweit – damals „blockte“ eben dieser Ausschuss das Projekt, weil einige das Gespenst der Standortfrage wieder aus der Flasche entließen. Ein Jahr lang Berechnungen, neue Planungen, Gespräche hie und da. Nun also stand der komplett neue Wurf zur Abstimmung: Ohne Zustimmung „seines“ Bauausschusses kann der Kreis keinen Auftrag erteilen. Neue Elemente waren für mich in der Vorstellung des Planungsstandes nicht dabei, denn ich war in alles eingeweiht und die Schule hatte ja kräftig zu dem jetzigen Stand beigetragen. Bei der anschließenden Diskussion verlor ich (leider?) etwas die Kontenance, weil schon wieder in Einzelfragen (etwa der Parkplätze oder eines Windfanges an einer Seite der „Brücke“) das ganze Projekt wackelte. Erregt bis wütend meldete ich mich zu Wort, schilderte, dass die Schule doch nicht plötzlich vom Himmel fiel, dass völlig klar war, dass 2010 der Standort in Deidesheim bezogen würde, dass jeder wusste, dass eine Oberstufe einen Anbau benötige, dass ich seither auf den Anbau warte, dass nächstes Jahr das erste Abitur anstünde, ohne einen Quadratmeter dafür zur Verfügung zu haben, dass wir zum Teil zu dritt in provisorischen Büros und mit privatem oder ausrangiertem Mobiliar arbeiten, dass die erste Planung, die einen Baubeginn im November 2015 vorsah, nun ein Jahr auf Eis gelegen habe…ich könne diese Verzögerungen durch Einzelfragen jetzt langsam nicht mehr hören! Puh, draußen war’s. Notwendig oder unprofessionell? Ich vermag es nicht zu entscheiden, hörte nur draußen, bei der Abstimmung selbst mussten wir den Ratssaal verlassen: „Das hat aber gewirkt, dass der Schulleiter mal ‚auf den Tisch gehauen‘
hat. Schließlich steht er für den Endnutzer des Projektes.“ Wie auch immer: ausschließlich gut ging es mir damit nicht. Bis auf die Außenlage, die nochmal eigens berechnet und bei welcher nun Kosten eingespart werden sollen, wurde der aktuellen Planung zugestimmt. Der Bau- und Zuschussantrag kann damit fristgerecht eingereicht werden. Jetzt kommt es darauf an, wie schnell er bearbeitet wird und dann…ja, und dann dauert es immer noch bis ins nächste Frühjahr hinein, bis endlich der erste Bagger kommt…