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April 2014

Mittwoch, 30. April 2014:

„Verspätet“ kamen die Methodentage dann in den letzten beiden Tagen doch. Ist das Konzept als Ganzes „in die Jahre“ gekommen? Bedarf es auch hier schon einer Überarbeitung? Besteht (noch) ein Konsens über die Absicht und das Ziel? Fragen, die sich mir heute stellten, die durch jene Bemerkung, diesen Hinweis und eigene Beobachtung hervorgerufen wurden. Auch hier wird die Konzept-Revision Klarheit bringen müssen. Aber die Botschaft des Tages lautet: Die bei dem Einbruch während der Ferien entwendeten Dienstsiegel sind von spielenden Kindern im Gebüsch unweit der Schule gefunden worden. Zumindest diese Verlustmeldung ist damit hinfällig. 

 

Montag, 28. April 2014:

Im Grunde ist es ein Zeichen des gelungenen Abschaltens während der Ferien, denn ich hatte nicht „auf dem Schirm“, dass die letzte Etappe vor den Sommerferien mit Unterricht nach Plan beginnt. Gespeichert hatte ich, wie in den letzten Jahren auch, dass nach den Ferien zwei Methodentage liegen. Also fuhr ich wie gewohnt nach Wachenheim, erkundigte mich vor acht Uhr über den Stand der Einbruchsschäden, schaute mir den Stand der neuen Toiletten an, die gestrichene Fassade, die Deckenbeleuchtung…das sieht alles wunderbar aus, nicht instand gesetzt, sondern neu erstellt: die alte Holzdecke (auch und vor allem im Außenbereich) durch eine weiße Fläche ersetzt, die Beleuchtung modern und verbessert…klasse eben!

Schock: Ein Schüler, der im neuen Jahrgang zu kommen sollte, ist verstorben. Er war schwer erkrankt und schon vor den Ferien trug man mir immer wieder Nachrichten zu, die sich mal besser, mal schlechter anhörten. Wenn Kinder sterben, tönt in mir ein Aufschrei, ein Unverständnis, ein kaum zu ertragender Schmerz. Jedes Wort, auch das der Theologen und Dichter, ist mir zu viel. Schweigend bei einer Kerze konnte ich das bisher bewältigen. Aber nun, vor dem Unterricht? Ich musste es dort thematisieren, kurz nur, aber ich konnte es nicht beiseite lassen…

 

Osterferien 2014:

Gleich am ersten Tag unseres Urlaubes im Thüringer Wald meldete sich das Mobiltelefon: Schon wieder ist am Standort in Wachenheim eingebrochen worden. So, wie es sich darstellt, hatten die Täter es nur auf Bargeld abgesehen. Zusätzliche Zerstörungen blieben dieses Mal aus. Aber wieder entstand Schaden am Gebäude, der erneut Instandsetzungen erfordern wird. Das Schulgelände liegt eben in den Ferien recht ruhig, „geschützt“ und verlassen da. Ob da nicht doch eine Sicherung durch eine Alarmanlage angesagt ist?

Freude kam auf, als ich nach dem Urlaub die Schule aufsuchte und feststellte, dass die Toiletten am Standort in Wachenheim fast fertig sind. Die beiden Lehrer- und die Mädchentoiletten sind „gebrauchsfertig“, die neue Decke im Freien und die Pfeiler sind neu gestrichen. Das sieht alles wunderbar aus. Nur die Jungen müssen wohl noch eine Zeit lang den Container benutzen. Durch einen zusätzlich entdeckten Wasserschaden musste dort erst lange Zeit eine Trockenanlage laufen. Nun muss ein neuer Estrich gelegt werden, der auch wiederum trocknen muss. Dann geht’s auch dort an die schönen neuen Fliesen, die mit gelben „Einsprengseln“ aufgelockert, ein ganz neues „Geschäftsgefühl“ hervorrufen werden. Mögen alle Benutzer/-innen diese neuen Räume schätzen lernen. Sie sind, verglichen mit dem vorherigen Zustand, in nichts mehr wiederzuerkennen. Hütet dieses neue „Kleinod“ am Standort Wachenheim.

Die Ausschreibung für den dritten Bauabschnitt am Standort in Deidesheim scheint erfolgt zu sein, denn vier Architekten schauten sich bei einem informativen Rundgang das Schulgebäude an. Jetzt wird es langsam spannend. Zumindest die Schulsäle und Möblierung für die elften Klassen sind gesichert, wie ein planerischer Rundgang mit „Stühle-Zählen“ ergab.

Natürlich ist Ferienzeit auch wieder Lesezeit gewesen. In dem Buch: „Kulturkonflikte – Kulturbegegnungen; Juden, Christen und Muslime in Geschichte und Gegenwart“, herausgegeben von Gisbert Gemein in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politischen Bildung, Bd. 1062, Bonn 2011 fand ich einen lesenswerten Aufsatz des Herausgebers: „Der Dschihad-Begriff im Wandel der Zeit“ (S. 221-251). Ein Text, wie ich ihn liebe, denn er klärt auf der Grundlage von historisch-kritischer Philologie einen Begriff für die heutige Zeit und schürft damit wesentliche Gedanken für ein neues (oder: altes, eigentliches?) Verständnis frei.

Von der Tatsache ausgehend, dass das gegenwärtige Bild des Islam durch aktuelle Vorkommnisse, in den Medien und in der Öffentlichkeit als von Gewalt geprägt wahrgenommen wird, versucht Gemein dort anzusetzen, wo der „Dschihad“ als erstes vorkommt: im Koran. Er untersucht alle Stellen, in denen das Wort dort verwendet wird und kommt zu dem Urteil, dass sowohl der Begriff „Dschihad“ als auch die „…Frage der Gewaltanwendung ein widersprüchliches Bild [bieten]. Es stehen sich Verse, die zur Friedfertigkeit bzw. Gewaltvermeidung aufrufen, den sogenannten ‚Schwertversen‘ gegenüber“ (ebd. S. 226). Dennoch lasse sich ablesen, dass die Frage der Gewaltanwendung vor allem in Suren aus medinischer Zeit stammen und um den Konflikt mit den heidnischen Mekkanern kreisen, somit (lediglich?) auf eine besondere historische Situation antworten. Allerdings machen sich alle späteren Verwender diese historische Situation zunutze und übernehmen die ungefragt die Motivation. „Eine Untersuchung der Arten des Dschihad durch muslimische Juristen fasst Christine Schirrmacher zusammen: Die vier Arten des jihad sind:

1. Der jihad des Herzens: Dies ist die Bekämpfung des Teufels und die Abwehr seiner Angriffe, um die Menschen zum Bösen zu verleiten.

2. Der jihad der Zunge: Er wird gekämpft durch das Aussprechen des Wahren und Richtigen.

3. Der jihad der Hände: Dies ist das Eintreten für das Richtige und das Vermeiden des Falschen.

4. Der jihad des Schwertes: Nur er bedeutet Kampf und Krieg gegen die Ungläubigen und Feinde    des Glaubens“ (Schirrmacher; zit. nach: ebd. S. 224).

An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass Gewalt und Terror als Dschihad zu legitimieren, zumindest eine Engführung auf die vierte Art darstellt. In der klassischen Theologie des Islam gehört der Dschihad keinesfalls zum Kernbereich des Glaubens, denn dieser ist in den fünf Säulen (Glaubensbekenntnis, rituelles Gebet, Fasten, Almosen und Wallfahrt nach Mekka) festgeschrieben. Laut Gemein lässt sich eine direkte Linie verfolgen, die sich vom heutigen Terror im Namen des Islam und dem iranischen Revolutionsführer Khomeni über das osmanische Reich bis ins Mittelalter verfolgen lässt. Einflussreich ist demnach der hanbalitische Gelehrte Ibn Taymiyya mit seiner Auffassung: „Der Kopf aller Dinge ist der Islam; sein Pfeiler ist das Gebet; sein Gipfel der Dschihad für die Sache Gottes“ (zit. nach: ebd. S. 241). Gemein zitiert weiter aus einer Rede Khoenis: „…Wir müssen auf der ganzen Welt Krieg führen, bis alle Verderbnis, aller Ungehorsam gegenüber dem islamischen Gesetz aufhören. Eine Religion ohne Krieg ist eine verkrüppelte Religion. Es ist der Krieg, der die Erde läutert“ (Khomeni; zit. nach: ebd. S.246). Dass es sich bei solchen Worten von Scharfmachern (Die Reihe könnte beliebig fortgesetzt werden) um eine radikale Umdeutung handelt, liegt auf der Hand. Sie für alle mögliche Gewalt und jedweden Terror zu nutzen, dazu bedarf es weder großer Schläue noch viel Phantasie. Aber ist das die Weltreligion des Islam? Mitnichten! Zu wenig verbreitet sind dagegen Aussagen islamischer Institutionen und Gelehrter, die sich deutlich davon abgrenzen, die diese Politisierung und Militarisierung im Namen des Islam heftig verurteilen. So etwa das bei Gemein zitierte „Islamische Zentrum Hamburg“. Im siebten Heft der Reihe „Islamisches Echo in Europa“ etwa heißt es:

„Frieden ist eine der höchsten Maximen im Islam, was schon im Namen dieser Religion deutlich zu erkennen ist. So entspringen die Begriffe Islam und Salam derselben arabischen Sprachwurzel…Die Religion des Islam will die Menschen immer zum Frieden führen…Jihad ist jedoch niemals ein für sich alleinstehendes Ziel. Es ist lediglich ein Mittel um Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen zu begründen. Jihad bezieht sich auf den Kampf des Menschen mit den Faktoren des Bösen, d.h. auf sein permanentes Ringen um individueller, gesellschaftlicher, wissenschaftlicher, politischer und wissenschaftlicher Ebene um eine Veränderung hin zum Guten. Daher kann Jihad auch nicht als heiliger Krieg übersetzt werden…“ (zit. nach: ebd. S. 223).

Was kann das ein weiteres Mal zeigen, auch und gerade für die Schule und nicht nur dort und nicht nur auf Seiten der Jugendlichen? Immer wieder dies: Schaut genau hin! Übernehmt nicht plakative Allgemeinplätze, ohne zu hinterfragen! Überlasst den Stammtischen (und den Medien?) der Nation nicht die Deutungshoheit! Bildet euch eine eigene, fundiert erarbeitete Meinung mit vielen Grautönen – die Welt ist in Schwarzweiß nicht abzubilden! Und keinesfalls ist dies auf das Thema Islam beschränkt. Wer mag den Rückgriff auf mittelalterliches Denken hier belächeln in Zeiten, in denen dort in Rekordzeit zwei Päpste „heilig“ gesprochen werden, weil eine „Prüfungs“-Kommission zu dem Ergebnis kommt, „Wunder“ direkt auf deren Fürsprache zurückführen zu können? Nachdenklich stimmen mich vor allem die bei der Heiligsprechung zuhauf anwesenden jungen Menschen, die dieses Ereignis miterleben wollen und Kraft für sich daraus ziehen können, manche der Verzückung nahe. Zeiten auch, in denen der neu gewählte Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz bekundet, sich dem Thema „Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten“ widmen zu wollen. In den Nachrichten höre ich auch über von der Seite Israels abgebrochene Friedensverhandlungen, weil sich die beiden widerstreitenden Vertretungen der Palästinenser (wieder einmal) zusammenschließen wollen. Welches Weltbild, welches Gottes- und Religionsverständnis, welche gedanklichen Konstruktionen aus welcher Zeit feiern hier fröhlich Urstand? Wieder kommt mir Hans Küng in den Sinn: Kein Friede zwischen den Nationen ohne Frieden zwischen den Religionen. Der Weg dazu wäre das kritische Wieder-Lesen der jeweils Heiligen Schriften, der Ur-Kunden, die mehr von der Wahrheit unserer Existenz künden, als die von Menschen gemachte Geschichte es wissen wollte und will. Immer wieder und immer neu werden die Schriften zur Durchsetzung eigener Interesse geplündert und missbraucht.    

 

Dienstag, 08. April. 2014:

Mit Spannung habe ich das heutige Gesamtteam erwartet. Zwei größere Themen standen an und dann sollte ein Ausklang mit Sekt und Brezeln die Etappe bis zu den Osterferien abschließen. Als ersten Punkt wollte ich den Trialog offiziell ins Schulkonzept installieren. Meine Idee dabei war, die zwei größeren Konzeptpunkte „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ und „Modellschule für Partizipation und Demokratie“ mit dem „Trialog“ zu verbinden und daraus mit allen an der Schule Beteiligten ein Leitbild zu formulieren. Für mich haben alle drei „Projekte“ eine große gemeinsame Schnittmenge, gehen quasi harmonisch auseinander hervor, bedingen sich gegenseitig. Meine Absicht fand heute aber keine Mehrheit. „Wir haben derzeit wichtigere Baustellen zu bearbeiten, die uns mehr unter den Nägeln brennen.“ Das ist wohl wahr und der zweite Tagesordnungspunkt zeigte dies deutlich: Als Fortsetzung des Studientages fand die Idee einer extern betreuten Steuergruppe für Konzeptfragen eine große Mehrheit. Wir haben viel angesammelt in den letzten knapp sechs Jahren und eine Überarbeitung steht dringend an. Schließlich soll diese Arbeit zu einer Konsolidierung mit einem (vielleicht) abgespeckten Konzept, das dann allerdings auch auf lange Sicht hin trägt, führen. Das ist derzeit unser großes Thema. Meine Idee des Leitbildes wäre in dieser Phase ein zusätzliches mit Aufwand verbundenes (Arbeits)-Element. Vielleicht habe ich das Kollegium auch zu wenig eingestimmt und mit der heutigen Vorstellung überfordert. Durch die intensive Beschäftigung ist der „Trialog“ immer mehr „mein“ Thema geworden. Aber habe ich die Kolleg/-innen in ihrer Gesamtheit auf diesem Weg mitgenommen? Wohl eher nicht. Immerhin wurde meine Idee als stimmig angesehen. Vielleicht ergibt sich Laufe des weiteren Aufbaus der Schule einmal ein günstigerer Zeitpunkt, der nicht so sehr von anderen Themen belastet ist. Aufgeben möchte meine Idee noch nicht, denn eines Leitbildes bedürfen wir, zumal mit der kommenden Oberstufe der Aufbau der Schule langsam seinem Abschluss entgegen sieht. Wenn allerdings der Alltag so erlebt wird, dass das Konzept der Schule durch die vielfältigen Elemente kaum oder nicht bewältigt werden kann, steht ein weiteres Konzeptmerkmal nun einmal nicht an erster Stelle.

 

Samstag, 05. April 2014:

Über die islamische oder besser: arabische Vorherrschaft in vielen Bereichen des Wissen und der Forschung über Jahrhunderte hinweg (siehe Eintrag vom 5.3.2014) wollte ich Genaueres wissen und griff zu dem Buch „Im Haus der Weisheit; Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur“ von Jim al-Khalili (Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg, Frankfurt, Zürich, Wien 2010).

Die Abbasiden, die immerhin 500 Jahre den Kalifen stellten, machten, wie berichtet, Bagdad zu ihrer Hauptstadt. „Keine andere Stadt auf Erden musste über die Jahrhunderte so viel Tod und Zerstörung aushalten wie Bagdad. Andererseits war sie als Hauptstadt eines der größten Weltreiche auch ein halbes Jahrhundert lang die reichste, größte, stolzeste und auch hochmütigste Stadt der Erde“ (al-Khalili, S. 38). Genau hier wurde im Jahr 786 einer der berühmtesten Herrscher geboren: Abu Ja‘far Abdullah al-Ma’mum, der größte Mäzen der Wissenschaften. Zu dieser Zeit umfasste das arabische Reich die größte Ausdehnung seiner Geschichte. „Zum ersten Mal seit Alexander dem Großen waren Ägypten, der Fruchtbare Halbmond im Mittleren Osten, Persien und Indien wieder vereinigt“ (ebd. S. 68). Dieser Umstand wirkte sich selbstredend auf die Wissenschaften aus, denn niemals vorher hatte eine Gelehrtenschar einen solchen Zugriff auf die verschiedensten Traditionen, Errungenschaften und Denkweisen. Hand in Hand mit diesem Umstand der mannigfaltigen Einflüsse ging eine Toleranz einher, welche in die Zeit des so genannten Goldenen Zeitalters und des Fortschrittes mündete, weil die dortigen Forscher aufgrund der Vielseitigkeit der Einflüsse eine viel weitere Sicht der Welt erhielten, als es in einem einzigen Land möglich war. Zusätzlich spielte aber der Kalif eine ganz bedeutende Rolle: „Al-Ma’mum war von einem nahezu fanatischen Wunsch getrieben, alle Bücher der Welt unter einem Dach zu versammeln, ins Arabische übersetzen zu lassen und dafür zu sorgen, dass seine Gelehrten sie studierten“ (ebd. S. 124). Zunächst begann eine Zeit der Übersetzungen. Etwa 200 Jahre währte diese, mit gewaltigen Geldsummen des Kalifen unterstützte Grundlagenarbeit, „…eine Zeit, in der die Weisheit früherer Zivilisationen – Griechen, Perser und Inder – zu großen Teilen ins Arabische übersetzt wurde“ (ebd. S. 79). Diese Zusammenschau setzte ungemeine Gedankenarbeit und Forschungswille frei. Vielleicht lässt sich diese Blüte der Wissenschaft mit einem Beispiel symbolisch verdeutlichen: Während im europäischen Mittelalter Hygiene kaum eine Rolle spielte, zu vielfältigen Krankheiten führte und die Notdurft der Menschen auf die Straßen und Gassen gekippt wurde, befassten sich arabische Forscher mit der industriellen Herstellung von Seife (vgl. ebd. S.118) – allerdings nicht aus Freude am Erfinden, sondern weil Sauberkeit im Koran eine religiöse Forderung darstellt. „Für die Gelehrten im Bagdad früherer Zeiten standen Religion und Wissenschaft nicht in Konflikt. Die damaligen Denker hatten eine klare Vorstellung von ihrem Auftrag: Der Koran verlangte, dass sie […] Himmel und Erde studierten, um den Beweis für ihren Glauben zu finden. Der Prophet selbst hatte seine Anhänger angehalten, ‚von der Wiege bis zum Grabe‘ nach Wissen zu streben, ganz gleich, wie weit die Suche sie führen würde“ (ebd. S. 29).

Möglich war diese Höhe der Gelehrsamkeit unter anderem deshalb, weil über die Seidenstraße Methoden der Papierherstellung aus China ihren Weg nach Bagdad fanden. Für das „Haus der Weisheit“ stellte diese neue Errungenschaft eine in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzende Voraussetzung dar, denn damit war ein Weg geebnet, all das übersetzte und gesammelte Wissen auch zu dokumentieren und zu vervielfältigen.

Jim al-Khalili beschreibt in seinem Buch Themen, Gelehrte und Werke fast minutiös. Einige Stichworte mögen hier überblickshaft genügen, um einen Eindruck davon zu erhalten, weshalb die arabischen Wissenschaften als „Fundament unserer Kultur“ gelten.

Unsere heute verwendeten Zahlen 1 bis 9 gehen auf eine arabische Weiterentwicklung der ursprünglich hinduistischen Zeichen zurück. Sie wurden in Europa erst spät übernommen, da sie „Teufelswerk des Gegners“ waren.

Die Einführung des ursprünglich ebenfalls hinduistischen Dezimalsystems und das Dezimalkomma gehen auf arabische Mathematiker zurück.

Die bedeutenden mathematischen Arbeiten der Griechen Archimedes, Apollonius, Euklid und Prolemäus wurden übersetzt und weiter entwickelt.

Der Gelehrte al-Khwarizmi „…gab die Praxis auf, Einzelaufgaben zu lösen und formulierte stattdessen allgemeine Prinzipien und Regeln zur Behandlung und Lösung quadratischer Gleichungen in einer Reihe von Einzelschritten“ (ebd. S. 198) und lehrte die Algebra zum ersten Mal als eigenes, von Arithmetik und Geometrie getrenntes Fach (vgl. ebd.). Das Wort Algebra leitet sich aus dem Titel seines Buches „Kitah al-Jebr“ ab.

Al-Khwarizmis Buch über das Dezimalsystem war das erste Werk, das ins Lateinische übersetzt wurde. „…es beginnt mit den Worten Dixit Algorismi („Al-Khwarizmi sagt“)...und ist damit der Ursprung des Verfahrens und des Wortes „Algorithmus“ (ebd. S.173). 

Mit den anwachsenden mathematischen Erkenntnissen war eine ganz neue Stufe der Astronomie möglich. „Die meisten Sterne, die wir am Nachthimmel sehen [tragen] arabische Namen. So sind beispielsweise die Namen von fünf der sieben Hauptsterne im Sternbild des Großen Wagen arabischen Ursprungs“ (ebd. S. 21).

AL-Biruni wandte mathematische Verfahren an, „…die zuvor noch nie jemand benutzt hatte; unter anderem entwickelte er erste einfache Methoden der Infinitesimalrechnung, um damit die Beschleunigung der Himmelskörper zu beschreiben“ (ebd. S. 287). Bereits im 10. Jahrhundert schlug er ein heliozentrisches Weltbild vor. „Berühmt wurde seine Aussage, man könne alle astronomischen Beobachtungen nicht nur mit einer stationären Erde erklären, sondern ebenso gut auch mit der Annahme, dass die Erde sich einmal am Tag um ihre Achse dreht und einmal im Jahr um die Sonne kreist“ (ebd.).

Ibn al-Haytham verfasste unter anderem ein einflussreiches, siebenbändiges Werk über die Optik, „…das ohne Übertreibung…neben Newtons Principia Mathematica eines der wichtigsten Bücher in der Geschichte der Physik ist“ (ebd. S.250). Er stellte auch „…eines der ersten Experimente an, mit denen Licht in seine Farbbestandteile zerlegt werden sollte“ (ebd. S. 261).

Al-Razi trieb die „Klassifikation der chemischen Substanzen weiter voran als alle anderen vor ihm; er verbesserte die griechische Theorie der vier Elemente, indem er Substanzen nach ihren chemischen Eigenschaften einteilte, die er aus Laborexperimenten abgeleitet hatte“ (ebd. S. 232). Er schrieb Werke zu den verschiedensten Themen, die leider nicht erhalten geblieben sind. „Dagegen haben viele seiner wichtigsten medizinischen Texte glücklicherweise sowohl auf Arabisch als auch auf Latein überlebt, und sie wurden im Mittelalter […] in ganz Europa in großem Umfang genutzt“ (ebd.).

„Als Arzt verdankt Ibn Sina seinen bis heute andauernden Ruhm dem Kanon der Medizin, der sowohl in der islamischen Welt als auch in Europa […] für die nächsten 600 Jahre als medizinisches Standardlehrbuch diente… Ein Band des Kanons enthält einen Abschnitt über Knochenbrüche und ähnelt in manchen Aspekten einem modernen Lehrwerk: Er beschreibt Ursachen, Typen und Formen aller möglichen Brüche sowie Methoden zu ihrer Behandlung“ (ebd. S. 283).

Diese Übersicht zeigt, welch erkenntnisreicher Ort das „Haus der Weisheit“ war. Diese Blütezeit der Wissenschaft wurde allerdings im Jahre 1225 jäh beendet, als die Mongolen Bagdad einnahmen und die Stadt sowie auch dieses Wissenschaftszentrum zerstörten. Einige Jahre länger überlebte die Wissenschaft im islamisch regierten Spanien. Eine ganze Zeit lang versuchte die dortige Hauptstadt des Herrschers, Cordoba, mit Bagdad in Konkurrenz zu treten. Reisende mussten aus Bagdad „…von Musik und Tischsitten bis zu Haarmode, Parfüms und Deodorants…“ (ebd. S. 300) berichten, damit das Leben in Cordoba dem in Bagdad in nichts nachstand. Ebenfalls wurde zu dieser Zeit die Zahnpasta entwickelt, die sich bald in ganz Spanien großer Beliebtheit erfreute (vgl. ebd.) Bald war auch eine Bibliothek mit fast einer halben Million Büchern errichtet – „die größte Bibliothek des christlichen Europas dagegen besaß zu jener Zeit nicht mehr als einige hundert Manuskripte“ (ebd. S.301). Eine weitere Hoch-Zeit erlebte die Medizin in Andalusien. Abu al-Qasim  al-Zahrawi entwickelte sich zum berühmtesten Chirurgen des Mittelalters. „Er erfand mehr als 100 chirurgische Instrumente, von denen (beispielsweise die Geburtszange) noch heute in Gebrauch sind, und verwendete als Erster Katzendarm für innere Nähte; auch die chirurgischen Haken, Löffel, Stäbe, Speculum und Knochensäge, die chirurgische Nadel, die Spritze und das Skalpell […] gehen auf ihn zurück“ (ebd. S. 308).   

Spanien wurde endgültig im Jahre 1236 im Rahmen der Reconquista von christlichen Truppen zurückerobert. Der Weg all des gesammelten Wissens nach Europa war frei. Ein Gelehrter namens Gerbert brachte als erster christlicher Gelehrter die arabische Wissenschaft über die Pyrenäen nach Europa. „Faszinierend ist diese Geschichte vor allem deshalb, weil er später in der katholischen Kirche Karriere machte und zum Papst Sylvester II. wurde: Das christliche Europa wurde zum ersten Mal durch einen Papst mit der Wissenschaft des islamischen Großreiches bekannt gemacht“ (ebd. S. 315). Zwei Beispiele von al-Khalili mögen abschließend zeigen, wie wichtige Erkenntnisse aus der arabisch/islamischen Wissenschaft im christlichen Europa weiter verwendet wurden. „Anscheinend stellte eine Gruppe arabischer und jüdischer Astronomen um 1060 auch in Toledo Beobachtungen an […], die sich auf die Tabellen al-Khwarizmis und des syrischen Astronomen al-Battani stützten […] Diese Tabellen von Toledo wurden später von vielen einflussreichen europäischen Astronomen zitiert, unter anderem auch von Kopernikus“ (ebd. S. 311). Abu al-Farghani verfasste im 9. Jahrhundert ein Buch, in dem er sich mit den Bewegungen der Himmelskörper auseinandersetzte “ Christoph Kolumbus benutzte al-Farghanis Berechnung des Erdumfanges, um seine Geldgeber zur Finanzierung seiner berühmten Reise zu überreden“ (ebd. S. 146).

Bis auf wenige rudimentäre Fakten waren mir vor der Lektüre von al-Khalilis Buch all diese Zusammenhänge nicht bewusst. Insofern stellte es zum einen eine ungemein gewinnbringende Lektüre dar, gerade auch für mich als „Geisteswissenschaftler“. Zum anderen beschreibt al-Khalili seine Motivation für sein Buch wie folgt: „Ich möchte den Menschen in der heutigen muslimischen Welt an ihr reiches wissenschaftliches und gelehrtes Erbe erinnern und deutlich machen, dass unsere heutigen Kenntnisse über die Natur zu einem nicht geringen Teil den Beiträgen der arabischen Wissenschaft zu verdanken sind; damit möchte ich ein Gefühl des Stolzes wecken und der wissenschaftlichen Forschung wieder die Bedeutung verschaffen, die ihr gebührt: Sie ist ein Kernstück dessen, was eine zivilisierte, aufgeklärte Gesellschaft ausmacht“ (ebd. S. 373).

Ein weiteres kommt hinzu – und deshalb notiere ich das alles in „Schulleiters Tagebuch“ – dieses Erbe könnte ein wichtiger Bestandteil für einen fruchtbaren Trialog sein. Die westliche Welt vermag, mit Dank und Respekt ausgestattet, dieses gegenseitige wissenschaftliche Fundament zu betonen, auf dem viele weitere Fortschritte erst möglich waren. Aus diesem respektvollen Verhalten könnte die muslimische Welt erkennen: „Der Westen achtet, anerkennt und schätzt uns; er beabsichtigt gerade nicht, uns überheblich ins Abseits zu stellen oder zu überrennen.“ Daraus könnte, so stelle ich mir vor, durchaus ein Selbstwertgefühl auf Seiten des Islam entstehen, das nicht von Angst, Misstrauen oder Minderwertigkeit geprägt ist und das somit nicht in Gegnerschaft münden muss. Dies wiederum wäre ein Grundstein für einen Dialog auf Augenhöhe - oder gar für einen Trialog, denn zumindest im spanischen Teil des muslimischen Reiches arbeiteten christliche, muslimische und jüdische Wissenschaftler Hand in Hand. Auf dem Boden dieser gegenseitigen Wertschätzung könnte vorurteilsfreier und offener an alle anderen Themen, seien sie theologischer oder politischer Natur, herangegangen und dann gelöst werden.

 

Mittwoch, 02. April 2014: 

Die zweitägige Direktorenkonferenz aller Schulleiter von „Anstalten“, die zum Abitur führen, ist für 2014 vorüber. Der Titel klingt etwas sperrig, aber es waren eben nicht nur Gymnasien und Gesamtschulen vertreten sondern auch Kollegs, Abendschulen und wer sonst noch alles zur Hochschulreife führt. Mein Resümee fällt in diesem Jahr positiver aus als die Jahre zuvor. „Das Format“ – Wer wohl diesen Begriff in die Welt gesetzt hat? – wurde in diesem Jahr, wie bereits berichtet, den veränderten Bedürfnissen angepasst. Den ersten Tag tagten alle gemeinsam und behandelten Fragen, die beide Schularten betreffen (Lehrkräfteausbildung, Neues aus der „Agentur für Qualitätssicherung“, Fragen zum Übergang zwischen den beiden Schularten, „Betriebliches Eingliederungsmanagement“ – noch so ein Wortungetüm, dabei stellte lediglich das „Institut für Lehrergesundheit“ seine Arbeit vor – bis wir uns schließlich so weit vorgearbeitet hatten, dass wir dem traditionell mit Spannung erwarteten Vortrag zu Grundsatzfragen der Bildungspolitik der Ministerin lauschen konnten. Nicht viel Spektakuläres, aber nicht uninteressant. Außerdem ist es ein nicht zu unterschätzendes Ritual, dass sich die Ministerin der sich anschließenden Fragerunde „aussetzt“. Leider beschränkt sich diese wiederum im Wesentlichen auf Forderungen der beiden Schularten und Verbände. Als ich gestern – als kostensparender, notorischer Heimschläfer – nach Hause fuhr, spürte ich einem Gefühl der Unzufriedenheit nach und stieß auf eine Leerstelle: Weshalb gelingt es nicht, in dieser großen Runde mit in erster Reihe für die Schulen Verantwortung tragender Menschen über das zu reden, was uns unbedingt angeht: Pädagogik! Stattdessen bleiben wir in langen Diskussionen darüber stecken, welche Auswirkungen die veränderte Lehrkräfteausbildung hervorrufen, welche Formen des Ganztagsbetriebes die Ministerin nicht erlaubt und welche Angebote bei Wiedereingliederung zuvor erkrankter Kolleg/-innen angeboten werden können. Vielleicht ergibt sich am zweiten Tag der Konferenz die Möglichkeit darauf hinzuweisen, immerhin ist dann die „zweite“ Reihe vertreten: Der Staatssekretär.

Am heutigen zweiten Tag teilten wir uns in zwei Gruppen auf, nach Schularten getrennt, um jeweils spezifische Fragen zu erörtern. Ich wurde mein ungutes Gefühl auch dahingehend los, als ich die Frage nach einer „inneren Schulentwicklung“ stellen konnte, die folgerichtig nach der äußeren Schulstrukturreform nun folgen müsste. Immerhin seien die Gesamtschulen einmal angetreten, Schule anders zu gestalten. Ich beging vielleicht den Fehler, als Beispiel die Noten anzuführen. Dieser Punkt, der ja nur einer von vielen nach „innen“ zu entwickelnden ist, gewann aber plötzlich soviel Raum und kulminierte in der Aussage: „In Rheinland-Pfalz werden die Noten nicht abgeschafft. In diese Diskussion steigen wir gar nicht ein, weil wir sie verlieren würden!“ Immerhin erhielt ich im Anschluss an die Runde mit dem Staatssekretär so viele positive Rückmeldungen von IGS_Direktor/-innen, dass wir, ebenfalls beim Kaffee im Foyer, in der Direktorenvereinigung den Gedanken nach einer Entwicklung nach innen vorantreiben wollen.  Vielleicht spricht es ja für die IGS, dass der weitere Verlauf nicht im frontalen Plenum gestaltet wurde sondern in drei Arbeitsgruppen. Eine davon hatte die differenzierte Leistungsmessung zum Thema. Meine leicht abgeänderte Präsentation (siehe Eintrag vom 28.2.2014) fiel anscheinend auf einen seit längerem brachliegenden Acker. Jedenfalls wollten knapp zehn Menschen aus verschiedenen Bereichen diese unbedingt haben. „Könnten Sie diesen ‚Vortrag‘ nicht da und dort wiederholen?“ Da war ich doch verblüfft. Freilich ist die Präsentation in einigen Jahren gewachsen, Elemente meines eigenen Unterrichts kommen darin ebenso konkret und anschaulich vor wie neuere (?) Erkenntnisse aus den Lern- und Neurowissenschaften. Mit dieser Welle an Zustimmung hätte ich dennoch nicht gerechnet. Gar aus dem Ministerium, wo ich eine „innere Schulentwicklung“ nachgefragt hatte, hörte ich eine Stimme aus „leitendem Munde“: „Das war aber mal gelungener Vortrag. Kompliment!“ Dabei sollte dies für uns alle Alltagswissen und rudimentäres Handwerkszeug sein. Vielleicht, die kommende Zeit wird es zeigen, war dies so etwas wie ein Spatenstich für das brachliegende Feld. Das wär doch was!

 

Dienstag, 01. April 2014: 

Die letzten Tage verliefen nicht ruhig, nein, das nicht, aber mit gehäuften Gesprächen komme ich inzwischen gut klar und habe sogar das Gefühl von Präsenz unabhängig von der Vielzahl an Themen und Personen.

Dass es heute zudem noch heftiger kam, ist zum Großteil meine Schuld, denn ich sagte zu, die Sitzung des Schulelternbeirates einfach um eine Woche zu verschieben. Dabei hatte ich nicht im Blick, dass heute der erste Tag der Landesdirektorenkonferenz stattfand. Danach war ich kaum eine Stunde zu Hause, da hieß es schon wieder: ab nach Wachenheim. Wohl erstmals in unserer Schulgeschichte war das Gremium in zwei Sitzungen hintereinander nicht beschlussfähig, weil sich so viele Mitglieder entschuldigt hatten. So konnten die Beschlüsse zur Bandklasse und zur Hausordnung nicht gefasst werden. Dafür lauschten mir geduldig-neugierige Ohren, als ich die gesammelte und geplante Baugeschichte vortrug. Ein Tag zum Sitzfleisch-Erproben von morgens bis abends.