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April 2012

Montag, 30. April 2012:

In der Schule ist es heute zu Beginn ganz ruhig, fast glaubte ich, einen Feiertag nicht mitbekommen zu haben. Die Grundschule nimmt ihren Ausgleichstag, wir haben schulweiten Sporttag. Bereits im Vorfeld konnten sich alle Schüler einer Sportart zuwählen, die sie heute nun betreiben. Tolle Sache.

Ich bekomme nicht viel mit, denn meine erste Schule in Oggersheim will sich heute an einem Studientag besonderen Themen widmen. Nach 32 Jahre ist der Schwung des Anfangs erst mal erlahmt und soll neu erweckt werden. Quasi als (unterstützende) Paten sollen neben den Referenten auch Ehemalige fungieren, die heute in Schulleitungsfunktion in jüngeren Gesamtschulen arbeiten. Da gehöre ich nun mal dazu und diesen Tag habe ich gerne angenommen, stelle aber bei der Begrüßungsrunde fest, dass meine damaligen Kollegen/-innen inzwischen doch recht dezimiert sind. Wenn ich noch zehn, zwölf kannte, werden es viel gewesen sein. Also ist es doch eher eine fremde Schule? Bei weitem nicht. Die erste Stelle ist immer eine besondere, da bleibt lebenslang ein Eindruck hängen und in den Steinen klebt noch immer die Erinnerung des Anfangs. Von 1987 bis 1992 war ich damals trotz sehr gutem Examen in der Nähe von Trier arbeitslos, hangelte mich als pädagogische Hilfskraft in einer Hauptschule, verschiedenen Vertretungen an Grundschulen und mit Nachhilfestunden durchs Leben, bis ich 1992 endlich die Stelle in Oggersheim an der IGS Ernst Bloch angeboten bekam. Noch in den Ferien zog ich um und der dem Bistum Trier angehörige Saarländer wechselte in Pfalz. Ich war begeistert von dieser Schule, erfüllte sie mir doch den lange gehegten und erträumten Berufswunsch. Und dann auch noch an eine ehemalige Modellschule (Ich werde vielleicht morgen die rheinland-pfälzische IGS-Geschichte einmal kurz darstellen, dann werden diese Worte wohl verständlicher).

Heute nun erlebte ich seit meinem Weggang 1997 nach Mutterstadt einen ganzen Tag in diesem Kollegium – ich war da, um beim Thema individuelle Lernberatung und Fördern in einem workshop unsere SELG vorzustellen.  Die Arbeitsgruppe war sehr interessiert und offen für das Thema und meine Berichte aus DeiWa. Wir, das war dann noch ein Kollege einer jungen IGS, die Entwicklungsgespräche durchführen, besprachen die Vorteile gegenüber der verbalen Beurteilung, erzählten von der Akzeptanz in unseren Schulen, sowohl bei Eltern als auch auf Seiten der Schüler und Kolleg/-innen. Nach einem Tag voller Eindrücke fuhr ich nachmittags nach Hause.

 

Samstag, 28. April 20120:

Ein wunderschöner Frühlingstag, nein, fast ein Sommertag. Natürlich waren wir den ganzen Tag im Garten. Ich habe den Hartholztisch abgeschliffen und für 2012 eingeölt. Kein Wunder, dass wir auch die Grillsaison eingeleitet haben. Seit ich in der Pfalz wohne, grillen wir nur mit Rebholz. Holzkohle kommt mir nicht in die Schale, Grillanzünder oder gar Spiritus sind absolut verpönt. Nein, ein Holzfeuer muss es sein. Dieses schichte ich ganz kunstvoll auf: ganz unten liegt zerknüllt eine Zeitung, dann trockenes, ganz dünnes Gestrüpp aus dem Garten, anschließend eine Schicht aus dem Rebschnitt des letzten Jahres, bevor die dickeren Woiknorze dran sind. Und die ganze, kleine Pyramide zünde ich, wenn es irgendwie geht, mit einem einzigen Streichholz an. Ohne empirische Daten erhoben zu haben: Es gelingt mir in etwa 98% der Fälle. Warum ich das erwähne? Weil ich es bei den Pfadfindern vor über vierzig Jahren so eingeübt habe. Allerdings durfte man bei der Wölflingsprobe gar kein Papier verwenden – aber diese Abweichung gönne ich mir. Und getrocknetes Nadelholz, das sofort brennt, habe ich ja nicht zur Verfügung.


Freitag, 27. April 2012:

Welch ein Vormittag! Zunächst ein Gespräch mit dem Jugendamt, das sich in seinen Verästelungen länger hinzog als gedacht, aber viele neue Einblicke bot. Dran bleiben! Weiter: Die Genehmigung für das diesjährige Zirkusprojekt während der Sommerferien in Deidesheim wurde nicht genehmigt mit dem Hinweis, während der Zeit sei kein Schulbetrieb. Na eben deshalb soll, kann und hat es ja bisher stattgefunden. Freitag? Niemand zuständiges mehr da. Montag also nachhaken. Und dann: „Sie wollen doch eine Oberstufe gebaut bekommen“ – so lautete die Einleitung des Telefonats mit dem derzeitigen Landrat. Es ging um einen Termin des Bauausschusses in Deidesheim. „Wenn über einen Schulbau geredet wird, sollen die Ausschussmitglieder die Schule auch durch eigenes Anschauen kennen.“ Guter Ansatz und gutes Zeichen. Da scheint sich was zu bewegen. Kann ich doch nur draufspringen, oder? Glückwunsch zur Hochzeit eines Vaters, aber für gleich zwei „mitgeheiratete“ Kinder fehlt uns im Moment der Platz. Stures Beharren auf dem Wunsch nach Aufnahme führten dann zu Sätzen wie: „Es muss doch möglich gemacht werden, die beste Schule für seine Kinder zu finden!“ Wohl wahr, aber dieses Problem haben die circa 180 anderen Eltern, die sich um einen Platz bemühten, auch. Ärger dann auf meiner Seite, dass meine Aussagen nicht genügten und die Schulaufsicht eingeschaltet wurde. Doch Loyalität wird auch da groß geschrieben. Prima und danke! Und so weiter an diesem Freitag…da kam ich doch fast zum regionalen Treffen der IGS-Schulleiter zu spät. Neben dem menschlich immer schönen Treffen (obwohl wir uns ja erst letzte Woche bei der großen LDK sahen), nahm ich zwei mir wichtige Punkte mit. Die erwähnte und beschriebene LDK muss verändert stattfinden, um sie auch als Konferenz der IGS bezeichnen zu können. Unzufriedenheit allenthalben und die Absicht, über unsere landesweite Direktorenvereinigung im Ministerium diese inhaltliche Erweiterung und auch formale Veränderung ins Ministerium zu tragen. „Gerade als Gesamtschulvertreter ist ein zweitägiger, durchgehend frontal vorgetragener Input nicht erträglich, zumal IGS-Fragen in der Tagesordnung nicht mal vorkamen.“ Gut, nicht alleine zu stehen. Zum anderen führte das Aufnahmeverfahren auch in diesem Jahr zu zusätzlichen, juristisch durchgesetzten Schulplätzen. DeiWa steht zwar gut da, aber es müsste doch möglich sein, gesetzgeberisch das Aufnahmeverfahren so zu gestalten, dass nicht jedes Jahr diese zusätzlichen Erschwernisse auf die Schulleitungen zukommen. Neu war mir folgender Zusammenhang: Gleichgültig, mit welchen Argumenten ein Widerspruch begründet wird: Wenn ein Gericht einen kleinen formalen Fehler findet, ist dem Widerspruch stattzugeben, da spielt die konkrete Begründung dann gar keine Rolle mehr. Ist unser korrekter Umgang also doch richtig, auch wenn er hart erscheint. Und, Rückgriff auf den frisch Vermählten Vater am Vormittag: Daher kann ich auch keine Ausnahmen machen. Ruckzuck stehen dann weitere vor der Tür, einen Anwalt im Schlepptau, der dann die Ausnahme auch für seine Mandantschaft einfordert. Im Einzelfall ist das alles nicht schön und ich muss mir das Hemd des Herzlosen dann überziehen lassen, aber so ist das eben.

 

Donnerstag, 26. April 2012:

Was tun, wenn vor Aufregung ein schnaufendes Elternpaar plötzlich auftaucht und seinem Ärger Luft machen will? Ganz langsam kristallisierten wir heraus: die letzte Ursache der Aufregung beruht auf einem Missverständnis. Dennoch gilt es für das Kind und die Eltern Schritte zu überlegen, welche die Situation langfristig entspannt. Nach gut 90 Minuten mit schließlich fünf Personen hatten wir die Kuh vom Eis, die Eltern verließen beruhigt und entspannt das Büro, vier Ideen auf verschiedenen Seiten haben wir gemeinsam überlegt. Vor allem habe ich unsere Grundhaltung verdeutlicht und nochmals zugesichert, die immer über allen aktuellen Vorkommnissen steht: Wir wollen pädagogisch mit jedem Kind arbeiten und schmeißen niemand von der Schule, schon gar nicht wegen ein oder zwei konkreten Vorfällen. Es gilt nur, die Anzahl der Vorfälle so gering wie möglich zu halten und dem Kind viele Entwicklungsschritte zu ermöglichen. „Und dazu brauchen wir Sie als Eltern, und zwar kooperativ und unaufgeregt!“ Ein gutes Ende, die Knoten waren entwirrt, die Verschlingungen gelockert, die Atmosphäre gelöst. Ein gutes Stück Arbeit also, so ungeplant sie auch über mich hereinbrach.

„Mein Sohn will Sie unbedingt kennen lernen. Er bringt Ihnen auch was Selbstgebasteltes mit!“ – so stand es in der Mail des hüpfenden Jungen, der nachgerückt ist. Heute kamen die beiden. Er hat für mich aus einem Holzscheit, Styropor und Gips einen Engel hergestellt. Ich war so platt, dass ich ihn gar nicht nach dem Hintergedanken fragen konnte. Wie schön ist es doch, einen Jungen so glücklich machen zu können. Nun schmückt der Engel mein Büro und erinnert mich an eine anrührende Begegnung. Ich werde ihn hüten und vielleicht wird er dich und mich auch behüten…

Unglücklich waren dagegen die Eltern und ein Kollege einer fünften Klasse. Da der Vertretungsgrund im Mai wegfällt, endet auch unwiderruflich der Vertretungsvertrag. Der Kollege kommt zwar nach den Sommerferien auf eine feste Planstelle zurück, aber die verbleibenden sechs Wochen konnten nicht überbrückt werden. Wen habe ich da nicht alles angesprochen, hin und herüberlegt: Wie ist das hinzukriegen? Aber Finanzpolitiker müssen alles im Blick haben, nur nicht die Pädagogik. Natürlich streben wir Kontinuität in den Tutorenschaften an, natürlich ist es pädagogisch unsinnig, einen Fachlehrer in der „heißen“ Notenphase am Ende des Schuljahres nicht weiter zu beschäftigen, natürlich ist es kaum zu verstehen, dass bei der Rückkehr einer Kollegin aus der Elternzeit mit zwölf Stunden die fehlenden fünfzehn einfach wegfallen, natürlich ist es unverständlich bei sechs Wochen keine Lösung zu finden, natürlich haben Schulleitung, Personalrat und Schulaufsicht alles getan, was möglich ist – ABER: Ohne Vertretungsgrund kein Vertretungsvertrag, zumal wir bisher seit Bestehen der Schule keine Stunde strukturellen, also eingeplanten Unterrichtsausfall zu verzeichnen haben. Da kenne ich Schulen, die sich angesichts dieser Aussage die Finger schlecken würden. Also kann es nur heißen: innerschulisch auffangen, das ist mein Job als Schulleiter, unemotional und nach sachlichen Kriterien. Das haben wir auch bis auf vier Stunden durch Änderung der Unterrichtsverteilung geschafft. Ein gutes und als Schule hinnehmbares Ergebnis. Natürlich nicht für die Kinder und Eltern der betroffenen Klasse.  Das versuchte ich den Eltern an einem Elternabend zu verdeutlichen, aber meine Erläuterungen ließen die Eltern betroffen zurück. Sie werden sich weiter wehren und auch das ist gut so.

 

Mittwoch, 25. April 2012:

Eine Gruppe habe ich - ich gestehe es reumütig ein - bisher sträflich vernachlässigt: Unsere Hausmeister! Dabei sagte mir mein Fachleiter damals, vor Jahren, im vorigen Jahrtausend: "Herr Dumont, ich gebe Ihnen noch mit auf den Weg: Schauen Sie immer, dass sie mit der Sekretärin und dem Hausmeister klarkommen. Die sind die wichtigsten Schaltstellen einer Schule." - und das habe ich im alltäglichen Umgang immer so gehalten und ich schätze die damalige Empfehlung als zutreffend ein. Nun gut, einer der vier hat heute Geburtstag und ich stimme an diesem Tag das Loblied auf die guten Seelen an. Natürlich ist der Alltag weder stress- noch konfliktfrei, aber bei all dem sind wir Menschen, ob studiert oder nicht. Und wie sehr habe ich von deren Arbeit schon profitiert. Da lasse ich auch keinen Spalt für Kritik aufkommen. Danke euch für eure Arbeit, eure Unterstützung und euer Wohlwollen!

"Für meine kurze Einführung benötige ich eure Fantasie. Stellt euch eine Fischfütterung vor oder die der Seehunde im Zoo, wie sie sich alle auf den einen Brocken, der da hineingeworfen wird, stürzen. So etwa tickt unsere Schule." Es ging um die Erläuterung des Projektes zu Philipp Fauth. Im Grunde fand "nur" ein Vortrag über diesen (un)bekannten Bad Dürkheimer Mondforscher in der Schule statt, und weil der Hausmeister nicht da war, schloss ich den Raum selbst auf. Natürlich blieb ich dann da. Wie oft habe ich im Adressfeld von Briefen "Philipp-Fauth-Straße" geschrieben und wusste doch gar nichts über ihn. Am Ende fuhr ich bereichert nach Hause und fragte am nächsten Tag einen Kollegen, ob das nicht Thema einer Forscher AG sein könne. Die fand dann auch statt, das Ergebnis, steht schon irgendwo hier, trug uns dann den Anerkennungspreis in München beim History-Award ein. Und weil es vermutlich vielen Bad Dürkheimer Bürgern so geht wie mir, eröffneten wir heute eine Ausstellung im Foyer der Kreisverwaltung. Auch als Dank an den Kreis und seine Bewohner, indem wir einen Einblick in unser Arbeiten gewähren mit einem Thema, das alle angehen kann. Im Sitzungssaal, in dem die IGS beschlossen wurde, begrüßte der kommissarische Landrat unsere Schülerinnen und Schüler, die den Weg nach Bad Dürkheim suchten und fanden, die Schulband umrahmte die Veranstaltung und der Film der AG wurde gezeigt, im Foyer dann die bestückten Plakatwände, unter anderem mit einer verkleinerten Kopie von der von Philipp Fauth (von Hand!) gezeichneten Mondkarte. Darauf zu finden und gekennzeichnet: der Philipp-Fauth-Krater. "Herr Dumont, beim Zusammenkleben haben wir auch einen Dumont-Krater entdeckt!" Aha, auf die Schnelle fanden wir ihn aber nicht wieder. Alles in allem eine gelungene Sache - und fing doch mal wieder als kleiner Brotkrümel an. So arbeiten wir hier, so tickt diese Schule, so nehmen wir Möglichkeiten einfach wahr, die im ersten Moment noch gar nicht viel enthalten und dann wird plötzlich was draus, entsteht auf einmal was für Viele. Am (vorläufigen?) Ende stehe ich mit eigenem Staunen davor, denkend: Wie ist nur wieder entstanden. Danke euch allen, die daran mitgewirkt haben, junge und gesetztere, vor allem natürlich den Schülerinnen und Schülern aus der Arbeitsgemeinschaft. Ich habe wieder einmal von euch gelernt. Den Dumont-Krater werde ich mit Sicherheit suchen, will ja nicht unwissend abends den Himmel anschauen.

Für mich als Schulleiter kam noch ein Punkt hinzu. Ich liebe den direkten Kontakt. Wenn ich dann schon mal beim Kreis bin (so die Sprachregelung bei uns), nutze ich dies auch aus. Sprach hier den Landrat, dort den Schuldezernenten und den Architekten, hier ein Witz mit einem Schüler, dort ein "High-Five". Zumindest in einem Fall erzielte ich direkt eine Zusage, ist doch was. Und dann, ohne die Absicht, mich dauernd zu wiederholen), auf eine Zigarette mit dem derzeitigen Landrat auf der Dachterrasse des Kreishauses. Neues Thema, persönlicher Austausch mit wahren Fakten gegenüber denen aus der Zeitung, Klärung der Standpunkte, weiteres Vorgehen - selbst das Wetter stimmte: In diesen fünf oder sieben Minuten schien die Sonne auf zwei Männer, die gut miteinander können. Einfach schön und erfolgreich.

 

Dienstag, 24. April 2012:

Ganze Menge los hier. Bisher noch gar nicht erwähnt sind die Klassenfahrten bei den Susi Saumagen. Sie waren schon gestern wieder hier, alles verlief gut und, mir wie immer wichtig, alle sind heil wieder da. Und, was ich so mitbekomme: Sie hatten Riesenspaß. Danke auch den Lehrkräften, für die eine Klassenfahrt ja immer eine aufreibende und zeitaufwändige Sache ist.

Inhaltliche Konzeptthemen gehen mir im Kopf herum. Es sind so viele, dass wir sie gestern im Schulleitungsteam auf zwei Konferenzen verteilt haben und auch das wird schon eng. Probieren müssen wir es trotzdem. Es stehen Themen an wie: Autonomie der Teams (Über wie viele Tage an Exkursionen, Theaterbesuchen, Sporttagen, etc. können die Jahrgangsteams selbst verfügen?), Differenzierung in den Naturwissenschaften ab Klasse 9, und damit zusammenhängend: Auflösung der integrierten Form in die Einzelfächer Physik, Biologie, Chemie schon ab Klasse 7, Änderung der Stundentafel, eigentlich mehr ein Tausch, usw. 

In die Endphase kommt das Aufnahmeverfahren. Nach einem Telefonat mit der Schulaufsicht kann ich nun freie Plätze vergeben. Natürlich versuche ich, das Gefüge der Klassen beizubehalten was die Leistungen, die Konfession, das Geschlecht und die Anmeldung zum Ganztagsbetrieb betrift. Hundertprozentig wird das nicht mehr klappen, aber die Summe wird stimmen. Die Mail eines Jungen möchte ich nicht vergessen und zitiere sie hier. Er antwortete (sicher mit Hilfe seiner Mutter) auf meine Anfrage, ob er noch Interesse an einem Platz bei uns habe, positiv und fügte an: "Als meine Mama mir heute diese Email gezeigt hat, hüpfte ich singend durch das Haus. Ich hüpfe immer noch. Auch meine Mama und Schwester hüpften mit." Das ist so herrlich und ich wartete bei all den unangenehmen Telefonaten auf solche Augenblicke, weil sie ein klein wenig entschädigen. Es bleiben dabei keine traurigen und enttäuschten Menschen zurück und ich bekomme wieder das Gefühl, das ein Geldbriefträger wohl erleben darf. Aber auch andere Reaktionen rufe ich hervor: "Ach, nein, das kommt jetzt etwas spät, meine Tochter hat sich mit der neuen Schule abgefunden und bereits neue Freundschaften geknüpft. Tut mir leid, wir wollen es jetzt dabei belassen." Auch gut, denn es bestätigt doch die Meinung: Eine Absage bei uns eröffnet auch neue, bisher ungeahnte Möglichkeiten, wenn der erste Schreck erst mal verwunden wurde. Auch hier lässt sich nichts verallgemeinern, bei jedem Kind ist es anders und muss anders hingeschaut werden, ganz klar.

Methodentage in allen Klassen mit konzeptionell festgelegten Inhalten - hie und da sehe ich Kids auf den Fluren arbeiten. Neu ist innerhalb der Berufsorientierung in Klasse 8 der Erste-Hilfe-Kurs. Den haben nach heute alle in der Tasche, egal ob für die weitere Schullaufbahn oder für das Berufsleben.

 

Sonntag, 22. April 2012:

Vier Tage mit hoher Dichte an Eindrücken liegen hinter mir: Zunächst zwei Tage Landesdirektorenkonferenz (LDK) und dann der Trip nach Jena. Die LDK ist traditionsgemäß (der erste Bestandteil des Wortes ist der tragende) das Treffen alle zwei Jahre der Leiterinnen und Leiter von Institutionen, die das Abitur vergeben mit der obersten Schulaufsicht, dem Ministerium. In erster Linie sind dies natürlich Gymnasien, aber auch Kollegs und die inzwischen 54 IGSn, die damit immerhin ein Drittel der LDK darstellen. Zunächst einmal ist es durchaus positiv, dass ein solches Treffen alle zwei Jahre stattfindet (Im letzten Jahr wohl wegen der nahen Landtagswahl ausgesetzt): Jeder Dienstherr in der Industrie wird die Zeitspanne als zu hoch ansehen. Aber bei über 200 Schulleiterinnen und Schulleitern, die über das Land verstreut sind, ist dies bereits ein organisatorischer und finanzieller Aufwand, der nicht jährlich zu stemmen ist.

Für mich war es die zweite LDK, bereits 2009 hatte ich verschiedene Dinge kritisiert und ich wollte erst gar nicht teilnehmen. Aber aus dem Ministerium wurde meine fehlende Anmeldung im Vorfeld angemahnt. Dienst ist Dienst. Alla hopp dann. Ich hatte damals schon ein "Lob der Foyers und der Flure" ausgerufen, weil außerhalb des offiziellen Programmes das für mich Wesentliche stattfand. In diesem Jahr hat sich dieser Eindruck noch verstärkt. Ausnahmslos alle Tagesordnungspunkte waren Inhalte, die in erster Linie das Gymnasium betreffen. Wir IGSn saßen dabei und waren weitgehend auf die Rolle der Zuhörer und Informationsempfänger beschränkt. Einen Nutzen für die Schule und mich habe ich daraus nicht gezogen, jedenfalls keinen, der ein zweitägiges Treffen gerechtfertigt hätte. Gut, in der Rede der Ministerin kamen die Buchstaben IGS immerhin in bisher nicht üblicher Häufigkeit vor, aber das war es auch schon für mich. Zumal sie bei der Direktorenvereinigung IGS nahezu auch regelmäßige Gastrednerin ist. Und dann die Redebeiträge! Nein, mir ist es nicht ersichtlich, weshalb die Ausbildung von Gymnasiallehrkräften in ihrer Qualität sinkt, wenn die bisher übliche Hausarbeit durch eine gehaltvolle Präsentation ersetzt werden soll. Nein, mir ist nicht ersichtlich, dass das Bildungsniveau sinken solle, wenn die Zahl der schriftlichen Hausarbeiten auf maximal vier pro Schuljahr festgelegt werden soll. Nein, ich benötige nicht den inzwischen dritten Zwischenstand des Projektes gemeinsame Schulverwaltungssoftware. Doch, ich glaube inzwischen daran: pädagogisch prallen da zwei Welten aufeinander! Wie anders soll ich mir ansonsten erklären, dass die beklagte Heterogenität in den Klassen des Gymnasiums ("Unser Schülerklientel ist einfach nicht mehr so wie früher!") jetzt (!) pädagogische Lösungen anbieten muss. Ein Projekt wurde ins Leben gerufen, das über die Fachberater folgende Inhalte bearbeitet und an die Schulen bringen soll: selbstständigeres Arbeiten der Lernenden, differenzierte Arbeitsformen und differenzierte Formen der Leistungsmessung. Neu klingt das alles nicht, kommt mir seit Jahren irgendwie bekannt vor...

Einen Gedanken möchte ich aus der Rede der Ministerin extra erwähnen. Zum Thema Inklusion sagte sie, dass Deutschland die UN-Behindertenkonvention unterschrieben habe. Es sei nicht die Frage, ob diese umgesetzt werden solle, sondern es könne nur über das Wie diskutiert werden und zwar in allen Schularten. Na dann aber los!

Das Mittagessen am Freitag sparte ich mir mir, weil ich ja noch nach Jena musste. Um 19 Uhr startete dort die Festveranstaltung zur Hundertjahrfeier von Grete Unreins Schule. Auf diese Bezeichnung - so erfuhr ich am Abend (Ich kam noch eine Stunde vor Beginn an) - fiel den Freunden ein, weil die Schule in hundert Jahren viele Namen trug: zunächst Städtisches Lyzeum als höhere Mädchenschule, dann Oberlyzeum, zur Zeit der Nationalsozialisten Ernst-Moritz-Arndt-Schule und erst ab 1948 den Namen der Mitbegründerin Grete Unrein. Wie eindrucksvoll, wie bedeutend, wie anschaulich an einem Schulgebäude die deutsche Geschichte durchdeklinieren zu können. Was könnten diese Steine alles erzählen, könnten sie nur reden. Neun Geschichten, die mit der Geschichte der Hundertjährigen in Verbindung stehen, trugen Schülerinnen vor - interessant, kurzweilig und nachdenklich zugleich. Nach so viel "Alter" zog dann nochmal studentische Jugend ein: Ein (spät)abendlicher Bummel mit Stopps in der Kneipenmeile der studentisch geprägten Innenstadt. Lang, lang ist's her...

Am Samstagvormittag - der Tag, an dem die Ehemaligen geladen waren - erneut ein Glücksfall: Auch die Grete suchte nach ihrer Gründung als IGS Kontakt zu "Leuchtturmschulen der IGS-Landschaft", um das eigene Konzept bereichert entwickeln zu können. Kein Wunder, dass sie unter anderem auch auf die Offene Schule Kassel Waldau stießen. Und wie es die Chemie unter Menschen so will: der Kontakt hält bis in die Gegenwart. So weilte der pädagogische Leiter aus Kassel ebenfalls zum Jubiläum in Jena. Er war es übrigens, der die Young Americans erstmals nach Deutschland holte und auch nach Jena lenkte. Das war aber nur ein kurzer Aspekt unseres knapp zweistündigen Austauschs. Anregungen, Vergleiche, Impulse, Erfahrungen zuhauf und gegenseitige Einladungen prägten das dichte Gespräch. Auch Überlegungen und persönliche Kontakte hinsichtlich der Schulpartnerschaft Jena-DeiWa brachten wir noch zustande. Ein praller Vormittag, menschlich und pädagogisch, in einem kleinen Gesprächsraum, während vor unserer Tür die Ehemaligen die Grete "stürmten".

In der Nähe des Schlachtfeldes, wo Napoleon die Preußen entscheidend in der Schlacht von Jena schlug, in Cospeda, ließen wir uns in einem bekannten Gasthof Thüringische Spezialitäten servieren, statteten dem dortigen Museum einen kurzen Besuch ab, schlenderten, über solche Zigtausende das Leben kostende Machtgelüste den Kopf schüttelnd, die Wege entlang, an deren Ränder Gras über das Gemetzel von 1806 gewachsen ist. Wir schauten an blühenden Obstbäumen vorbei, haben den Sonnenschein vom weißblauen Himmel genossen, sahen weiter hinten Jena im Talkessel liegen, wunderschön und friedlich sieht die hügelige Landschaft aus. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es hier vor gut 200 Jahren aussah. Im Museum sind Schlachtreihen und Angriffsstrategien mit Zinnsoldaten nachgestellt, liegen originale, verrostete Kanonenkugeln und Bajonette in Vitrinen, stehen alte Vorderlader in Gestellen -  ich erhalte einen erneuten Eindruck, mit welcher Geringschätzung über das Leben junger Männer hinweggegangen wurde. Beim Laufen konnte ich nur hoffen, dass wenigstens ein schneller Tod die Soldaten ereilte, aber es werden auch (wie?) viele verstümmelt, verletzt, allein gelassen, unter fürchterlichen Schmerzen schreiend, einfach verblutet sein. Ich mag mir auch gar nicht vorstellen, dass solche menschenverachtenden Gewaltakte nur hier Vergangenheit sind!

Durch einen heißen Ritt über die Autobahn war es mir noch möglich, zur Gute-Nacht-Geschichte wieder zu Hause zu sein. Und doch hatte ich später Mühe, angesichts dieser vielen Eindrücke selbst einzuschlafen.

 

Mittwoch, 18. April 2012:

Nomen est omen, auf dem Zeugnis ist es ja überall vermerkt: Zweite Staats(!)prüfung, immerhin, so eine Anekdote am Rande des heutigen Tages, habe selbst die Ministerin ihren Terminkalender danach angepasst, Staatsprüfung geht vor! War mir beim Aufstehen heute Morgen gar nicht so bewusst. Sie fand heute zum Abschluss des Referendariats der beiden Lehramtsanwärterinnen erstmals an unserer Schule statt: zwei Mal "bestanden" - Glückwunsch! Konkret hieß das: vier Examenslehrproben in vier Lerngruppen an zwei Standorten, an zwei Schularten und anschließend vier Anhörungen, ein Haufen Holz, bis am Nachmittag dann die Sektgläser klangen. Den Vorsitz teilten sich zwei Studienseminarleiter, einer davon reiste eigens aus Koblenz an. Nun war es nicht nur der Verlauf des Tages spannend, ich habe durch Miterleben wieder viel gelernt. Am meisten war ich von einem der beiden Vorsitzenden beeindruckt. Er vermochte es in kürzester Zeit mit ein paar Notizen die Aussagen der Prüflinge, der Fachleiter (ohne -innen, es waren halt nur Männer) und des Ausbildungsleiters so zu strukturieren, das am Ende die gegebene Punktzahl gerecht abgewogen und schlüssig daraus hervorging. Auf dieser Grundlage konnte er auch auf der menschlichen Ebene agieren, loben und Kritik anbringen, die sachlich fair und nie verletzend war. In einem Fall hat er auch höchst professionell die Diskussion um Punkte dadurch beendet, dass er, nochmals zusammenfassend, als Vorsitzender die Punktzahl ruhig und souverän festgelegt hat. Was habe ich da, etwa bei Abiturprüfungen, nicht schon ein  Rumdrucksen, ein kaum nachvollziehbares Lamentieren erlebt. Nicht so heute: klar, professionell, sachbezogen und menschlich stimmig. Einfach bewundernswert. Ich habe es mir zur Nachahmung empfohlen, nein, nachahmen geht nicht, ich bin eine andere Person, ergo muss es auch mit mir übereinstimmen. Aber ein bisschen Abgucken, mir wünschen, auch so ähnlich agieren zu lernen, das geht schon. Allein es heute so erlebt zu haben, ist schon ein bleibender Wegweiser, der in Erinnerung bleiben wird.


Dienstag, 17. April 2012:

Was zeichnet ein Kollegium neben allem, was sonst schulisch an Qualität zu bringen in der Lage ist, zusätzlich aus? Dass anlässlich einer Beförderung eine kleine Feier geplant wird mit kleinem Programm, Glückwünschen, Text- und Liedbeiträgen, Geschenkkorb...und alles das bleibt "geheim", nichts dringt zu der betreffenden Person, bis sie die Tür öffnet, zwei Teams anwesend sind, das Buffet steht und die Glückwünsche losbrechen. Die Überraschung war wieder einmal gelungen, auch wenn der Co-Tutor alle Hände voll zu tun hatte, um unschuldiges Nichtwissen zu verbreiten. Prima und Danke allen verschwiegenen Mitwissern/-innen,


Montag, 16. April 2012:

Ein Gedicht bewegt das Land, ein Gedicht bewegt nicht nur ein Land. Ganz gleich, ob notwendig oder überflüssig, ob ausgewogen oder polarisierend, sprachlich prägnant oder verwaschen - ein Gedicht bewegt das Land, ruft schlaue und dumme Bemerkungen hervor, wird an sachlichen und anderen Kriterien gemessen, führt zur Verweigerung einer Einreise in einen demokratischen Staat - ein Gedicht bewegt das Land und das allein müsste ein Fest für Deutschlehrer sein. Nur durch Sprache auf einer knappen Seite sind die Feuilletons und politischen Spalten gereizt und gefüllt, laufen Talkrunden mit plötzlichen Lyrikkennern über. Wann hat es dies zum letzten Mal gegeben?  Ich wies heute im Assembly darauf hin. Wer weiß schon, wie es angekommen ist bei den "Kleinen", aber es dürfte angekommen sein, was Sprache auslösen, wie einflussreich sie wirken kann. Geht sorgsam mit ihr um!!

Ansonsten ein erster Schultag wie immer, ein Haufen (durchaus wörtlich zu nehmen) Post, dies und das, wenig Zeit, viel Spaß.


Samstag, 14. April 2012:

Wo beginne ich den heutigen Eintrag? Am besten an Weihnachten, denn seinerzeit stand ein Buch auf meinem Wunschzettel, das den Deutschen Buchpreis bei der Frankfurter Buchmesse verliehen bekam: "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Eugen Ruge. Es ist ein tolles Buch über eine Familie in der DDR und geht über drei Generationen bis ins Jahr 2001. Es wurde als der große Buddenbrooks-Roman der DDR beschrieben, was ich bei aller Begeisterung etwas zu hoch gegriffen empfinde. Vom Vater wird in dem Roman erzählt, dass er lange Jahre in Russland verbracht hat - biografische Parallelen zum realen Vater des Autors. Irgendwann im Januar sah ich dann in einer Kultursendung im Fernsehen, dass eben jene Erinnerungen des Wolfgang Ruge an seine Jahre in Russland posthum erschienen sind. Klar, dass mein Geburtstag nicht ohne dieses Geschenk vergehen sollte. Nun habe ich es mit großer, innerer Beteiligung während der Ferien (fast ganz) gelesen und bin tief berührt. Aber darum soll es gar nicht gehen, es ist mal wieder nur die Vorgeschichte. Anlässlich des DDR-Romans schrieb ich die Stasi-Unterlagenbehörde an, was denn mein Antrag aus dem Jahr 2010 eigentlich mache, den ich im Oktober in Bremen gestellt hatte. Unser Stand damals bei "Deutschland macht Schule" lag nur wenige Meter vom Zelt der "Birthler-Behörde" entfernt, ein Antrag schnell ausgefüllt. Ich erhielt auch im Dezember 2010 ein Schreiben, dass meine Personalien beim Ministerium für Staatssicherheit gespeichert seien, "was darauf hindeuten könnte, dass eine Akte existiere." Diese Woche nun erhielt ich Antwort auf meine Mail. Ich solle mich noch gedulden, derzeit erledige man noch Anträge aus dem Jahr 2009 und früher als der meinige gestellte aus 2010. Dies ist ohne Hintergrund schwer zu verstehen. Also...

Während des Studiums, keiner dachte auch nur entfernt an einen Fall der Mauer oder eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten, gab es eine Initiative der katholischen Hochschulgemeinden beider Staaten, deutsch-deutsche Kontakte zu ermöglichen. Unser Saarbrücker Hochschulpfarrer freundete sich mit dem aus Cottbus an und ein zunächst loser Kontakt intensivierte sich. Irgendwann fuhr eine Gruppe von Saarbrücker Studenten nach Berlin-West, um als Tagestourist Berlin-Ost zu besuchen. Natürlich ging es in keiner Weise um die Museumsinsel oder die St.-Hedwig-Kathedrale. Wir wurden auf der anderen Seite der Grenze von Studenten aus Cottbus erwartet, mit denen wir den ersten Tag verbrachten. Abends überquerten wir wieder die Grenze Richtung unseres Hotels im Westteil der Stadt, um am nächsten Tag dasselbe Spiel zu wiederholen. Ich glaube, es war schon das darauf folgende Patronatsfest der Hochschulgemeinde, bei dem wir, offiziell, aber rein privat, nach Cottbus eingeladen wurden. Zwar war der bürokratische Aufwand viel größer, aber dafür auch die gemeinsam verbrachte Zeit ein gutes Stück länger. Das ging einige Male so, Treffen in Berlin und in Cottbus. Bei den Berliner Treffen war immer "Die Gefährtin Gitarre" mit von der Partie. Wir erfanden die Ausrede, dass ich mein Gepäck schon am Bahnhof hätte, die Gitarre aber in kein Schließfach gepasst habe. Nein, ich hätte nicht die Absicht, sie in Berlin-Ost zu lassen, sondern am Abend wieder mit in den Westteil zu nehmen. Vermerk in den Unterlagen. Der Grenzübertritt, ohnehin spannend und mit einigen Anekdoten anreicherbar, erhielt für mich dadurch immer einen zusätzlichen (Adrenalin fördernden, beängstigenden) Aspekt, denn regelmäßig wurde ich aus Schlange geholt und in einer "Einzelkabine" genauer untersucht. Noch heute trägt mein Gitarrenkoffer (in Deidesheim) die Spuren dieser Grenzübertritte: Das Futter wurde regelmäßig durchsucht und vom Holz getrennt, es könnten sich dahinter ja verbotene Materialien befinden. Beim Lesen des Romans stiegen ganz viele Gefühle aus diesen Reisen in mir auf, die Beklemmung an der Grenze, die ständige Furcht, es könne ja auch etwas schiefgehen, der Geruch und das Geräusch der Zweitakter-Motoren, die immer stärker bröckelnden Fassaden, der Palast der Republik (in den wir manchmal essen gingen, irgendwie mussten wir ja die zwangsumgetauschten Ostmark loswerden, so viele Bücher konnten und wollten wir ja gar nicht kaufen) und - bei Besuchen in Cottbus - die als Stasi-Beamten ausfindig gemachten fremden Figuren, die sich auf dem Patronatsfest eingeschlichen hatten. Um weitere gemeinsame Zeit zu haben, auch mal länger, vereinbarten wir ein Zeltlager in einem polnischen Kloster, gerade in dem Jahr, als auf der Danziger Werft der Protest von Solidarnocz losging. Polen war dann im Jahr drauf also auch zu, es folgten zwei Urlaube im Zelt am Plattensee in Ungarn im Garten eines befreundeten katholischen Pfarrers. Bei jener Einreise blieb der Gitarrenkoffer dann unberührt. Natürlich entstanden mit der Zeit auch Patenschaften für inzwischen geborene Kinder. Just die Einreise zur Taufe wurde mir dann ohne Angabe von Gründen verweigert. Und auch dies kein Einzelfall, wie ich immer wieder gelesen habe: Nach dem Fall der Mauer, als dann wirklich alles möglich gewesen wäre (etwa einmal gemeinsam durchs Brandenburger Tor zu gehen, wir standen seinerzeit verabredet auf zwei Seiten und grölten uns über die Mauer zu), lockerten sich die Kontakte und schliefen, zumindest in meinem Fall, nach ein, zwei Besuchen ohne Grenze, schließlich ganz ein. Das Trennende verband uns, das Vereinigende trennte uns.

Was also wusste die Stasi über diese Partnerschaften, über unsere Treffen? Weshalb wurde mir lediglich diese eine Einreise (inzwischen nicht nach Cottbus, sondern nach Dresden) verweigert? Wegen der christlichen Taufe? Aber auf eventuelle Antworten muss ich wohl noch warten. Und dies alles wachgerufen durch einen Roman. Das allein spricht schon für ihn. Eine für mich daher ganz besondere persönliche Note hat auch unsere Schulpartnerschaft mit der IGS in Jena. So schließen sich Kreise, so wird verändert fortgeführt, was klein, früher und anders begann, ein Zufall, ein Glück in der Biografie, eine tiefe Freude darüber, gerade jetzt zu leben, das alles in einem Leben unterbekommen zu können. Und: bisher 56 Jahre Frieden zu erleben, den letzten drei Generationen meiner Familie war nicht mal das vergönnt und wie vielen heutigen Zeitgenossen bleibt dies immer noch verwehrt.  Nächste Woche fahre ich wieder nach Jena: die Grete Unrein Schule wird 100 Jahre alt, die IGS zwanzig (unsere Schulpartnerschaft zwei). Auf der Fahrt dorthin werde ich die ehemaligen Grenzübergangstellen wieder erkennen, an welcher die DDR-Grenzer mit Spiegeln die Unterseite der Autos untersucht und Türverkleidungen abgetastet haben, Gepäck durchsuchten, mit versteinerten Blicken in die Pässe sagten: "Das Ohr bitte freimachen!", die Papiere nach hinten in ein Häuschen weitergaben, sonst nichts sprachen, bis mit dem erleichternden "Gute Fahrt!" unsere Pässe, nach uns zu Stunden gedehnt erscheinenden Minuten, zurück gegeben wurden...und nun der Vergleich: Wie klein ist das alles gegen die dreizehn Jahre des  Wolfgang Ruge in russischen Lagern und Verbannung... 

 

Freitag, 07. April 2012:

Beim nochmaligen Lesen der letzten Einträge fiel mir auf: Ich sollte nicht verschweigen, dass es auch Zeiten gab, in denen ich sehr viel kritischer dem Pfadfinderdasein gegenüber stand. Allein die Uniformierung mit Kluft und Halstuch, alles Tun um die Fahne herum konnte ich irgendwann nicht mehr nachvollziehen (wenngleich mein Pfadfinderhemd alle Irrungen, Wirrungen und Umzüge unbeschadet überstanden hat und noch heute ganz unten in meinem Kleiderschrank zu finden ist). Etwas versöhnt haben mich später dann allerdings die Emotionen auf dem Betzenberg: Tausende, sonst „normal“ lebender Menschen jeglichen Alters und jeglicher Herkunft, tragen rot-weiße Schals und Mützen, kleiden sich fangemäß, malen sich Vereinsfarben ins Gesicht, singen gemeinsam, schwenken auch Fahnen…vielleicht ist das alles ja doch irgendwie tief in uns angelegt, weil sich darin Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ausdrückt. Jedenfalls konnte ich beim ersten Stadionbesuch direkt einstimmen, fühlte mich wohl, umarmte bei geschossenen Toren mir völlig fremde Menschen, jubelte auch im Herzen mit, war einfach dabei. Auch bei den Gesängen, etwa „You’ll never walk alone“ oder „Super, super FCK“ wurden ähnliche Gefühle geweckt wie seinerzeit in der anderen Kluft. Wenn ich dann, wie jüngst in Berlin (!) von einem Pfadfindertreffen in Mussbach lese, bei dem auf fehlende Parkplätze (!) hingewiesen wurde, dann scheinen dies auch andere Pfadfinder zu sein, als ich sie damals kennen gelernt habe. Inwieweit die Erfahrungen noch gemacht werden können, entzieht sich meiner Kenntnis.

Zu den Bewährungen und der „nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein“, wie der Untertitel von Hentigs Buch ja lautet, sei noch angemerkt: In der Katholischen Jungen Gemeinde leitete ich dann selbst über Jahre hinweg eine Jungengruppe, zeitweise auch zwei, mit denen ich mich ebenfalls zu wöchentlichen Gruppenstunden traf, in den Ferien auf Fahrt ging und viel gesungen habe. Im Nachhinein erzählten mir auch einige Jungs, inzwischen zu Männern herangereift, wie wichtig diese Zeit und die Erlebnisse wiederum für sie waren. Mit Sicherheit waren es aber andere Dinge, als ich sie erlebt hatte. Mit sechzehn Jahren wurde ich dann auch noch zum Pfarrjugendleiter gewählt. Die Verantwortung wuchs damit nochmals an und auch das Gefühl, nicht nur nützlich zu sein, sondern gar gebraucht zu werden, denn es fand sich niemand sonst, der diese Aufgabe übernehmen wollte. Und auch das sei nicht verschwiegen: Schule spielte für mich in diesen Jahren eine kleine Nebenrolle. Nahezu täglich war ich ja irgendwie in der Pfarrei unterwegs, berief Gruppenleiterrunden ein, traf mich mit anderen Jugendlichen, um Jugendgottesdienste (oder Kreuzwege für die Jugend - heute ist ja Karfreitag) vorzubereiten, öffnete mit einigen Gleichgesinnten einen Clubraum im Zuge der offenen Jugendarbeit, nahm an Dekanatsrunden mit Pfarrjugendleitern anderer Pfarreien teil und so weiter. Natürlich (im wahrsten Sinn des Wortes) trat auch irgendwann die erste große Liebe in mein ausgefülltes Leben  – zum Lernen hatte ich schlichtweg gar keine Zeit. Ein Glück, dass ich auch so durchkam. Will heißen: Meine Sekundarstufe I habe ich seinerzeit  auf ihre Art bereits als „entschult“ er- und gelebt – nicht wissend, dass ich Hartmut von Hentigs Vorschlag damit einmal biografisch werde untermauen können.