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Jan bis Feb 12

Mittwoch, 29. Februar 2012:

Da unsere Schule noch keine vier Jahre alt ist, ist dies der erste Eintrag an einem Schalttag. Er wurde von Julius Cäsar 45 v.Chr. in den nach ihm benannten Julianischen Kalender eingefügt, weil das Sonnenjahr sich vom Mondjahr um einen Vierteltag unterscheidet. Alle vier Jahre wurde, um diese Ungenauigkeit richtig zu stellen, ein zusätzlicher Tag einge-schaltet. Auch das war noch nicht genau genug, denn der julianische Kalender mit seinen Schalttagen war nun 11 Minuten pro Jahr zu lang. Das klingt nach Erbsenzählerei, aber auf längere Sicht gesehen verschieben sich damit Termine um Tage. Das war vor allem meiner geliebten katholischen Kirche ein Dorn im Auge, denn der Auferstehungstermin kann sich ja wohl mit seiner heilsgeschichtlichen Bedeutung nicht beliebig nach vorne schieben. Also wurden von Papst Gregor XII. die Schalttage in durch vier teilbaren Jahreszahlen wieder gestrichen. Und seither, also seit 1582 gilt er, der nun nach ihm benannte Gregorianische Kalender. Als letztes ist übrigens China im Jahr 1949 dieser Zählweise "beigetreten", die vermutlich immer noch nicht ganz exakt ist, aber immerhin rutscht nun die Auferstehung Jesu nicht mehr durch die Zeit, zumindest können nun all diejenigen beruhigt feiern, für die eine historische Platzierung des Ostergeschehens unabdingbar dazugehören muss. Es mag auch für jene wichtig sein, die Erziehung und Bildung in wie auch immer getaktete Zeiteinheiten einteilen müssen. Feste und scheinbar objektive Zeitpunkte sind da gefragt. Mit vier Jahren muss man das können, mit fünf jenes und spätestens mit sieben Jahren muss man "schulreif" sein mit festen Kompetenzen. Am Ende wird das Kind vergessen und vergessen wird, dass alles in der Entwicklung eines Menschen zum einen nicht objektiv sein kann, noch zum anderen schon gar nicht "genau"sein kann - und als solches sind Zeitfragen wohl eher eine philosophische Fragestellung, keine pädagogische und jedenfalls keine humane. Allem mit und um die Entwicklung von Kindern müssen wir mit der "Kunst der Langsamkeit" (Bergmann) begegnen. Ewig gültige, genau festgelegte und objektiv geltende Größen scheitern schon an der Zeitvorstellung selbst, weil sie von Mächtigen immer wieder geändert wurden, und sie passen schon gar nicht einheitlich auf das einmalige "Wunder Mensch". Immer ist da ein individueller Zugang notwendig, erst dann kann so etwas wie eine individuelle Heilsgeschichte sich ereignen.

Vom 29. Februar zum individuellen Umgang mit Kindern - zugegeben, ein gewagter Gedankengang, aber immerhin: an einem solch bedeutungsschwangeren, auf welt- und heilsgeschichtlichen und letzten Endes philosophisch angehauchten Hintergründen ruhenden Schalttag schreibe erstmals in dieses Tagebuch...

... und muss nun gleich mit einem Nachtrag beginnen. Mein Kopf ist nicht groß genug für alles, was derzeit in ihm vor sich gehen müsste. Am Montag begann die Reihe, in der unsere ausgebildeten Courage-Scouts aus Jahrgang 8 in die einzelnen Klassen in Wachenheim ausströmen, um ihre Arbeit gegen rechts, gegen Rassismus und für Courage vorzustellen und in den jüngeren Köpfen und Herzen grundzulegen. Das ist ein Vorgang, der nicht zu unterschätzen ist: 14/15-jährige Schülerinnen und Schüler treten bei den Kleinen auf und werben für einen anderen Umgang mit einem hochbrisanten Thema, das gestern wieder die Nachrichten füllte, von sich aus, ohne Lehrkräfte und als glaubwürdigere Multiplikatoren als wir "Alten". Da können wir doch wieder einmal nur stolz sein! 


Dienstag, 28. Februar 2012:

Ein praller Tag, satt an Pädagogik und voll des Genusses! Das Kollegium der IGS Deidesheim/Wachenheim erlebte heute in meinen Augen eine auf einen Tag gedehnte Sternstunde. Auf dem Programm: der erwähnte Studientag zu konzeptionellen Fragen. Da hat sich derart viel angestau, was wir mit dem ganzen Kollegium besprechen wollten und mussten. Themen waren heute: Veränderung des Fahrtenkonzeptes, Differenzierung in Naturwissenschaften ab Klasse 9, Differenzierung in Klasse 10, Veränderung des Wahlpflichtfach-Angebotes, Veränderung der Stundentafel, Berufsorientierung und Einführen eines Praxistages. Am Ende hatten 40 Pädagoginnen und Pädagogen von 8 bis 16 Uhr getagt, miteinander gesprochen und diskutiert. Das allein schon eine Leistung, die nicht nur Sitzfleisch erfordert. Mir wurde aber immer wärmer ums Herz, als ich miterleben durfte, wie dieses Kollegium durchaus kontroverse und zu reichhaltigen Emotionen neigende Themen wertschätzend und respektvoll bearbeitete. Ein Schulleiter kann sioch angesichts dieser Diskussionskultur nur glücklich schätzen. Ich habe es auch schon anders erlebt, zufällig (?) auch bei den selben Themen. Da wurde durchaus so persönlich, angreifend diskutiert, dass sich Lehrkräfte (!) nicht mehr grüßten, am Kopierer sich nicht anschauten und ähnliche Kampfszenarien eröffneten, wie man sie heutzutage unter Pubertierenden in sozialen Netzwerken verwerflich findet. Nicht so heute, nicht so bei uns. Wollte ich den Tag kommunikationstheoretisch analysieren, müsste ich Begriffe wie Ich-Botschaften, kontrollierter Dialog, Trennung von Inhalts- und Personalebene mit einbeziehen. Das war einfach klasse! Habt alle herzlichen Dank dafür! Ein auf sein Kollegium stolzer Schulleiter fuhr kurz nach Hause, um am Abend wieder inder Schule zum SEB anzutreten. Auch hier setzte sich das wertschätzende Gespräch fort, obwohl ein kontroverses Thema viel Sitzungszeit in Anspruch nahm. Wo das folgende Zitat herstammt, weiß ich nicht mehr, aber es passt heute wie nie zuvor: "Eigentlich müsste ich noch Geld bringen!" Als ich wiederum am späten Abend heimkam, war ich richtig schlapp, aber erfüllt mit Freude auf den  morgigen Tag, auf die nächsten Etappen. Von der zeitlichen, konzentrierten und intensiven Beanspruchung her würde ich solche Tage nicht immer bewältigen können, aber ich spüre auch, wie der heutige auch Kraft gibt und ein tiefes Glück angesammelt hat.   


Samstag, 25. Februar 2012:

Komme eben mit der Familie vom Krempelmarkt in Mannheim zurück. Dort erstand ich für wenig Geld blaue (!) Lego-Dachsteine und für 50 Cent eine Krawatte. Sie ist weiß und hat lila, schräge Streifen. Weiberfastnacht 2013 kann kommen...

 

Freitag, 24. Februar 2012:

Kindkrank nennen wir es, wenn ein Elternteil wegen erkrankter und nicht betreutrer Kinder nicht zur Schule kommen kann, ein paar Tage stehen jedem zu. Heute war ich dran und hatte Krankendienst. Dazwischen kümmerte ich mich telefonisch um den Studientag, der am Dienstag zu allen möglichen Konzeptfragen stattfindet. Es sind so viele, dass wir diese zusätzlich und nach 16 Uhr kaum bewältigen können. Die Schulaufsicht hat uns daher diesen Tag genehmigt. Und wieder ist es schwierig, alles unter einen Hut zu bringen. Das Kollegium, an zwei Standorte gewöhnt und getrennt, "lechzt" nach einem Gemeinschaftsgefühl. Das wird jetzt doch auch unterbrochen, weil ein Team für sich mit einem externen Referenten an einem weitergehenden Thema arbeitet und die Gruppe der Berufsorientierung benötigt auch eine Extrazeit, ebenfalls mit Experten von außerhalb. Na dann, schauen wir mal, wie wir das wieder hinkriegen.


Donnerstag, 23. Februar 2012:

So, heute ist wieder Leben in der Bude. Gleich ging es los mit Vertretungsregelungen. Fasching macht krank. Dachte heute, dass ich eventuell ein guter Hauptschullehrer geworden wäre. Wieder kam ein Schüler der aufwändigeren Art auf mich zu und begrüßte mich mit warmen Augen. In der Häufung der letzten Tage kam das bisher eher selten vor, so dass dieser Gedanke Raum fand. Vielleicht ist es auch die eigene Biografie, denn ich musste ja zunächst selbst die Hauptschule damals durchlaufen und war bei Gott kein pflegeleichter Schüler. Wo es etwas anzustellen gab, war ich dabei. Aber mein Glück: Ich verehrte meinen Werklehrer, ein wahres Vorbild an Menschenfreundlichkeit. So wie der wollte ich auch werden. Nun ist es mit dem Werklehrer an der Hauptschule nichts geworden, der Weg war ein weiter zu der anderen Schulart und den anderen Fächern, aber wenn ich für den einen oder anderen knorrigen Schüler an die Rolle meines damaligen Werklehrers heranreichen würde - ich wäre glücklich. Spät, aber immerhin, habe ich dann ja auch den Oberstufenunterricht genießen gelernt, innerhalb dessen ich mit Abiturienten, die in Religion bei mir in die mündliche Prüfung gingen, die Religionskritik eines Karl Marx mit der eines Feuerbachs in freudigen Diskursen vergleichen konnte. Und genau dieses Spektrum ist ja so befruchtend und interessant. Und nun kam in den letzten Jahren noch der Schulleiter hinzu - welch eine Breite an Erfahrung und welch ein Glück. Wenn ihr durstig seid, trinkt davon, nippt daran, schöpft es aus - nehmt mich in Beschlag. Ich kann, ich will, ja, ich muss dies dankbar weitergeben.

Zwei Besonderheiten von heute noch: Ein Sechstklässler unserer Schule hat den Vorlesewettbewerb des Börsenvereins des deutschen Buchhandels auf Kreisebene gewonnen. Glückwunsch, mein Lieber! Das ist eine tolle Sache. Ich wünsche dir nun für den Bezirksentscheid alles, alles Gute! Ein Fünftklässler hat im Schach das so genannte Bauerndiplom mit fast der vollen Punktzahl er"dacht". Auch hier: Tolle Leistung! Ich weiß nur, wie die einzelnen Schachfiguren ziehen dürfen. Daher bewundere ich dich in besonderem Maße!

Und dann waren heute noch zwei Studentinnen aus Landau an der Schule. Die Uni dort möchte einen Vergleich (in Form eines Forschungsprojektes?) in Mathematik erstellen. Das Thema der Untersuchung lautet: Wie schneiden die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an einer Schwerpunktschule im Vergleich zu denen in der Förderschule ab. Ich will dem Ergebnis ja nicht vorgreifen, aber...Jedenfalls kam es nach dem Unterrichtsbesuch zu einem anregenden Gedankenaustausch über Inklusion und über Erfahrungen mit anderen Schwerpunktschulen. Zumindest da wurde klar: Wir können uns mit unserer Zugehensweise sehen lassen! Und doch sind immer wieder neue Ideen gefragt, kommen Neuerungen und Verbesserungen dazu! In Wachenheim kamen auch die ersten beiden Rollschränke für die nun auch dort eingerichtete Lernwerkstatt an. Bei den Fünfern hat sich das als pädagogisches Hochzentrum ganz toll eingespielt. Nun dann auch im OG bei den Sechsern und dann sind wir wieder einen großen Schritt weiter in Richtung Individualisierung. Ach, macht das Spaß, wenn es so vorwärts geht und wir Schritt für Schritt weiterkommen in Richtung individueller Förderung.

 

Aschermittwoch, 22. Februar 2012:

Ein unterrichtsfreier Ausgleichstag für den Tag der offenen Tür im Dezember - Zeit, endlich mal störungsfrei meinen Schreibtisch in der Schule aufzuräumen. So viel bleibt da immer liegen. Ich weiß zwar, auf welchem Stapel das alles liegt, aber sie werden nie von alleine kleiner. Also dann: heute muss es sein.

Schreck in der Schule: Über Fasching lief der Wasserhahn eines Putzwaschbeckens. Als ich heute kam, war zwar alles wieder trocken, welch ein Glück, dass wir die blinden Scheiben (endlich) ausgetauscht bekamen. Die Firma hatte das Wasser entdeckt und anscheinend kommen wir mit dem Schreck davon (Ach so, alles in Wachenheim).

Nun hat sich auch der erste Rechtsanwalt in einen Widerspruch eingeklinkt, alle Jahre wieder...Apropos Aufnahme: Habe eine schöne Mail eines nicht aufgenommenen Schülers erhalten, dem ich zum Trost zurück geschrieben hatte. Darin steht: "Sie sind einfach ein sehr freundlicher Mensch. Ich hoffe daher weiter." Schöne Beifügungen in einem ansonsten an schwierigen Reaktionen nicht armen Aufnahmeverfahren. Ansonsten lässt mich die Grundschule in Ruhe arbeiten, still ist alles, wenn  nur die Kleinen da sind.

 

Freitag, 17. Februar 2012:

Das "pädagogische Kaffee-Trinken" der ehemals drei/vier IGSn in und um Ludwigshafen zwecks Austausch und Kontakt hat sich zu einer Tagungsrunde entwickelt, die sich heute in Edigheim getroffen hat. Ja. ja, der zweite Besuch dort in dieser Woche. Es ging vor allem um die Irrungen und Wirrungen beim Anmeldverfahren, die durch eine sehr kurzfristige Anweisung aus Trier entstanden sind und das noch mitten im Verfahren. Mich selbst erreichte sie per Telefon montags, wo doch die Anmneldung mit dem größten Batzen bereits am Samstag davor begonnen hatte. Schnell wollen wir das mit der Schulaufsicht nun klären, damit frühzeitig gut geplant werden kann. Ein reger Austausch und auch das Kennenlernen frisch ins Amt eingeführter Kolleginnen und Kollegen prägt diese Runde und macht sie so liebenswert, auch wenn sie immer am Freitagnachmittag stattfindet. Schön auch die Nachricht, dass eine weitere IGS "unser" Differenzierungsmodell der heterogenen Tischgruppen übernommen hat. So ist denn schon an der zweiten IGS ein Auftritt in deren Gesamtkonferenzen erfolgreich und damit in die Kategorie "lohnender Außentermin" einzuordnen.

Zwei Dinge möchte ich noch nachtragen. Das Assembly in Wachenheim findet im zweiten Halbjahr montags statt - ein exklusiver Termin zum Wochenanfang. In dieser Woche haben wir uns an die Auswertung des SV-Wettbewerbes gemacht: Wie soll der neue Jahrgang heißen? 32 Vorschläge gingen ein - wieder mal eine tolle Beteiligung. Die Kreativität der Kinder - ich schreibe dies gerne immer wieder - kennt keine Grenzen. Die Versammlung wählte nun fünf aus, die ihrer Ansicht nach in einer nächsten Runde von einer "Fachjury" (SV, Kunst-Lehrkräfte, Schulleitung) bewertet werden sollen, aus der dann der Sieger hervorgehen soll. Meine Favoritin - es soll ja im kommenden Schuljahr wieder ein weibliches Logo sein - hat es zwar in diese Runde geschafft, liegt aber abgeschlagen weit zurück. Dennoch ein gutes Verfahren, das alle beteiligt und das Entscheidungskompetenz mit Wirksamkeit vermittelt. Ein Jahrgangs-Logo wird fest in die Schulgeschichte eingehen.

Diese Notizen hier, immer wieder erhalte ich ja ermunternde Rückmeldungen, sollen in einem weiteren Band  als "Schulleiters Tagebuch 2, Der Start in Deidesheim, 2010- 2012" im Sommer als Buch erscheinen. Heute sandte mir "mein Verlag" Vorschläge der Farbgebung des Umschlages zu. Langer Vorlauf und damit Spannung, bis dann der zweite Band erstmals in Händen liegt.

 

 Donnerstag, 16. Februar 2012:

"Alter Hase", schrieb ich gestern. Am Rande einer Überprüfung erhielt ich heute die Urkunde zum 25-jährigen Dienstjubiläum. Was wird dieser seltsamen Zahl, die doch mehr dem zufällig bei uns eingeführten Dezimalsystem geschuldet ist, alles an Bedeutung beigemessen. Zumal sie so ja nicht einmal stimmt, denn ich habe definitiv 1992 an der IGS Ernst Bloch in Oggersheim begonnen. Was wird da wohl alles mit angerechnet? Bundeswehr? (Ja, ich habe normal "gedient", allerdings hinterher, nachträglich verweigert), Studienzeiten? Das Referendariat? Die Zeit mit Vertretungen als Krankenhauslehrer und in Grundschulen? Es muss noch mehr sein, um die 5 fehlenden Jahre zu ergänzen. Errechnetes Datum war der 3. Januar, der wurde aufgrund von Verwaltungsfehlern auch noch versäumt. Der Termin heute war also sowieso nachgeschoben. Ich hätte es gerne gesehen, dass die Überreichung dieser Urkunde - die dann ja nach vierwöchiger Verspätung einging - ganz im Stillen stattgefunden hätte. Aber die Schulaufsicht meinte, dass der Schulträger in solchen Fällen informiert wird und auch der wollte unbedingt anwesend sein. Ich wollte mich auf keinen Fall vor großer Runde beglückwünschen oder im Mittelpunkt feiern lassen, denn im Grunde hätte es eine Veranstaltung sein müssen, auf der ich allein Dankbarkeit hätte zum Ausdruck bringen müssen. Es ist in meinen Augen keine Leistung, 25 Jahre in dem Beruf arbeiten zu dürfen (!), den ich immer ergreifen wollte, sondern ein Glück, eine innere Zufriedenheit, auch ein zu mir selbst finden. Angesichts der Lage auf und der Veränderung des Arbeitsmarktes (immer weniger können doch ihren erlernten Beruf noch bis zur Rente ausüben) und im Falle von Beamten auch noch abgesichert - was kann da anderes als Glück und Dank im Mittelpunkt stehen. "Mit jedem Kind beginnt die Schöpfung neu" - habe ich bei Bergmann gelesen. Und ich habe das Glück, das täglich erleben zu dürfen, Kinder wachsen zu sehen, sie bei einem Stück dieses "Schöpfungsaktes" begleiten zu dürfen. Ich habe diese Gedanken auch dem Kollegium geschrieben, nicht dass sie den Eindruck bekommen, dass ich sie ausschließen will. Und alle scheinen das verstanden zu haben, es war einfach kein Thema. Wenn das Schuljahr gelungen zu Ende gegangen ist, werden wir, wie immer, ein Glas Sekt miteinander trinken. Das ist dann ein Anlass, der innezuhalten sich lohnt.

Auch heute an Weiberfastnacht: Ich hatte beim Ankommen noch Hut und Mantel an, da standen schon Schülerinnen mit der Schere da und wollten mir an die Krawatte. Ich  genehmigte ihnen nur den unteren Zipfel. Wer mir an den Hals will, muss sich dieses Vergnügen mit anderen teilen. Immerhin wartete ja eine Kollegin immer noch darauf (siehe Weiberfastnacht 2011). In der Mittagspause - ich fuhr dazu eigens nach Deidesheim - war es dann soweit. Die Krawatte enthielt nur noch den doppelten Windsorknoten am Kragen. Ich trug ihn stolz während der Überprüfung, die Schulaufsichtsbeamten lächelten mit, der eine ganz ohne Krawatte, der andere begegnete wohl keinen Närrinnen, denn sein Halsgebinde hatte noch unbeschnitten die volle Länge.

 

Mittwoch, 15. Februar 2012:

Gibt es nicht ein altes Handwerkerlied nach dem Motto: Der Geselle kehrt nach Jahren der Bewährung in der Fremde als Meister an seinen Ausbildungsort zurück? So fühlte ich mich heute. An meiner ehemaligen Schule sollte ich die "Neuen" in die differenzierte Leistungsmessung einführen. Dort habe ich sie während meiner elf Jahre Stufenleiterzeit doch selbst kennen gelernt und mit entwickelt. Heute also eingeladen, um sie vorzustellen.

Ich hatte schon den Hut an und Laptop mit Beamer umhängen, das stand überraschend die Mutter eines nicht aufgenommenen Kindes in der Tür. Schon bei den ersten Worten entwichen Tränen den schon feuchten Augen. Treu meinem Vorsatz, hielt ich inne und unterhielt mich noch mit ihr. Trost? Ich bin mir nicht sicher, zumindest verabschiedeten wir uns mit trockenen Augen...

Dann Ankunft in Mutterstadt. Von vielen wurde ich ganz herzlich begrüßt, ich schaute mich um, was sich so verändert hatte, da lief ein Kollege den Flur entlang, sagte nur: "Hallo, Georg!" und lief weiter. Nach zwei Schritten stutzte er dann doch, drehte sich um: "Huch! Was machst denn du hier?". Das zeigt ja irgendwie, dass ich noch präsent bin, wenn der Besucher zunächst mal als Gast gar nicht auffällt. Auch während der Fortbildung winkte so mancher durchs Fenster, einmal ging die Tür auf und ein "Luftkuss" wurde mir zugeworfen. Einfach schön! Neues stellte ich auch bei mir fest: Ich bin so in dem Thema drin, dass ich während des Redens umstellen und Ergänzungen einfügen kann. Etwa die des didaktischen Paradigmenwechsels, der immer noch zu langsam in den Schulen Einzug hält. Wie bei vielen schulischen Themen (Schwerpunktschule, individuelle Förderung, selbstständiges Arbeiten, Lernen im Sinne des Konstruktivismus...) ist Voraussetzung, den Hebel im Kopf umzulegen. Das versuchte ich heute zu vermitteln und flocht locker die Probleme mit der mathematischen Notenberechnung ein. So wurden die Notizen in diesem Tagebuch unter der Hand zur Vorbereitung für die Schulung heute. Und wieder meinte ich Angst vor dem Ungewohnten festzustellen. Wie geht das denn und darf man das? Da fühlte ich mich dann doch als "alter Hase", der seit Jahren durch die IGS-Landschaft hoppelt und sich Standpunkte erarbeitet oder geschenkt bekommen hat, die es nun an "die Jungen" weiterzugeben gilt. Nur, wo sind die Mitstreiter an den Schulen und Seminaren, die durch Vorbild und Vorleben die Jungen stärken und auf den rechten Weg bringen? Da ich so oft und zu verschiedenen Themen angefragt werde, fühle ich mich manchmal schon als ein Paradiesvogel unter den althergebrachten Singvögeln.

 

Dienstag, 14. Februar 2012:

Um neun Uhr Besichtigung der Toilettenanlage mit der Kreisspitze und der Presse. Nein, die Toiletten sind nicht ansehnlich, aber durchaus intakt. Eine Renovierung käme an eine fünfstellige Summe heran, die der Schulträger derzeit einfach nicht hat. Am Mittag im Schulträgerausschuss wurde nochmal deutlich, was der Kreis alles in seine Schulen investiert, locker zweistellige Millionenbeträge. Da kann man angesichts der Haushaltslage nicht meckern. Und sie haben eben seit eineinhalb Jahren eine "Erblast" von vier, durch die Schulstrukturreform übernommene Schulen hin zu bekommen, die alle in etwa 40 Jahre alst sind. Und wenn ich von anderen Toilettenanlagen höre, dann freue ich mich doch darüber, dass an unseren Kabinen überall funktionsfähige Türen dran sind. Gegen die Geruchsbelästigung werde direkt was getan. Und: Wir haben ja eine aktive SV hinter uns, die zur Verschönerung der Toiletten beitragen möchte. Also wird Eigeninitiative gefragt sein, bis sie dann auf der Sanierungs-Prioritätenliste ganz oben stehen. Ich habe gelernt, dass der Aufbau einer Schule eine lange Sichtweise benötigt und kurzfristige Wünsche und Vorstellungen eher nicht erfüllbar sind. Aber der Blick aufs Ganze ist mir wichtig. So auch das Außengelände in Deidesheim. Es ist auf nächstes Jahr verschoben, denn dummerweise kommt noch auch der kommunale Entschuldungsfonds auf den Schulträger zu, der nochmal 15% Einsparungen erfordert. Die von der Bauzeit zurück gelassene Brachfläche so liegen lassen? Nein, da müssen wir mit einer großen SEL-Aktion ran. Unterstützung des Trägers ist zugesagt. Hoffentlich bleiben die Stimmen: "Wieso müssen wir das machen? Das ist doch Aufgabe des Trägers!" singuläre Einwendungen. Ein solche Aktion birgt auch viel Potenzial für eine Schulgemeinschaft zum Zusammenwachsen. Ich sehe schon viele Menschen mit Schaufeln da werkeln, ein Bagger hilft dabei und anschließend haben wir dort zumindest eine Grasfläche. Ich kann mir das als tolle Aktion vorstellen mit Musik, Essen, Arbeit und Getränken. Da machen wir was draus!

Noch was Schönes heute: Am Valentinstag gab es Kuchen von Schülerinnen und Schülern gebacken und verkauft. Lecker! Auch wenn es meiner Risikominimierung entgegenwirkte. Und dann noch ein Blitzbesuch mit Folgen: Von "unserer" Landtagsabgeordneten wird ein "Forum neue Bildung" mit mehreren Veranstaltungen geplant. Die Eröffnungsveranstaltung soll in Deidesheim stattfinden. Natürlich habe ich meine Unterstützung zugesagt. Wo und wie auch immer neue Ansätze verbreitet werden können, bin ich dabei!


Montag, 13. Februar 2012:

Nun kenne ich 22 der 54 Gesamtschulen, naja, kennen ist wohl übertrieben, aber ich war jedenfalls dort und habe einen Eindruck vom Gebäude. Wir wollten uns heute in Edigheim darüber informieren lassen, wie eine gelungene EDV funktioniert und was dazu nötig ist. Tolle Eindrücke haben wir erhalten (auch wenn ich nicht mal die Hälfte der Fachausdrücke verstanden habe: Was ist denn zum Beispiel ein Proxio-Server?). Beschlossen haben wir einen Kontakt mit der Firma und bereits einen Termin zur Begutachtung unserer Hardware (den Begriff kenne ich). Es wäre für unseren ganzen schulischen Betrieb ein Riesengewinn, wenn wir die Mängel und die damit verbundenen Mühen der EDV-Anlage einfach nach außen abgeben könnten und immer kurzfristig Lösungen für Störungen bekämen. Zumal an zwei Standorten, deren Vernetzung bisher einfach nicht geklappt hat und jede Menge Zeit, Einsatz und letztlich doch nur Frust erzeugt hat. Schauen wir mal, denn das Angedachte wäre schon so etwas wie ein Quantensprung.


Samstag, 11. Februar 2012:

Wir nennen sie in der Familie "freie Zwischenzeiten", wenn 20 Minuten vor dem Weggehen, vor den Nachrichten, vor der Musikschule oder anderer Termine so recht nichts Neues anzufangen lohnt. Zu kurz ist ja die fest bemessene Zeit, ihr Ende schon abzusehen. In einer solchen blätterte ich also in Bergmanns Buch "Lasst eure Kinder in Ruhe", das ich ja schon im November erwähnt habe. Es liegt immer noch im Wohnzimmer bei den anderen Bergmann-Büchern. Immer hatte ich das Gefühl, mit ihnen noch "nicht fertig" zu sein, so dass sie noch keinen festen Platz in einem Regal gefunden haben. Da ich Bücher fast immer mit Bleistift "in Besitz" nehme und markante Sätze anstreiche, fallen diese beim Durchblättern natürlich maßgebend ins Auge. So auch der auf Seite 119: "Mit jedem Kind beginnt die Schöpfung neu!" Welch ein Monument aus Worten. Bergmann ist ja kein Theologe, er ist Erziehungswissenschaftler und als solcher dieser Satz, nun an mich, der Theologie studiert hat. Wie würde sich Schule verändern, stünde er nur über dem Schulalltag! Wer könnte bei Kindern noch mit Angst ein Erziehungsziel, und sei es nur eine ruhige Klasse erreichen wollen? Wer könnte noch mathematische Formeln zur Notengebung verwenden? Wer könnte angesichts dieser Wucht des Gedankens nicht grundlegende und immer währende Wertschätzung verbreiten? Wer könnte länger von irgendwem festgelegte und sich immer wieder ändernde Inhalte, Lernziele, Kompetenzen und Leistungen für wichtiger halten als den Fortgang der Schöpfung, der in sich in diesem Kind personalisiert, ganz gleich ob diese einem Gott, einem Weltgeheimnis oder einem Urknal zugeschrieben wird?

Ein zweiter Satz, der die freie Zwischenzeit über deren Ende hinaus verlängerte: "Ein die Egozentrik stimulierendes Lernen - und davon wird man ein  Lernen 'auf der Überholspur' kaum freisprechen können - behindert die Intelligenz und den sozialen Charakter eines kleinen Menschen." (S.126). Leistungsdruck, fast ausschließlich kognitiv geprägtes Arbeiten, Ellenbogenpädagogik, Notenrivalität schon in der Grundschule - das meint Bergmann mit Lernen auf der Überholspur, hie und da wird wohl auch eine Lehrkraft die "Lichthupe" bedienen, um freie Fahrt zu bekommen ("Ihr Kind ist bei uns an der falschen Schule!") - all das ist nicht nur nicht förderlich für die Intelligenz, sondern behindert sie. Und ist die fatale Entwicklung zu immer neuen, nur an wirtschaftlichen Gewinndaten interessierten Blickwinkeln nicht eine Folge davon, weil das Soziale gegen ein selbstbezogenes Leistungsdenken ausgetauscht wurde/wird? Und das alles wird unverblümt in Schulen weiter betrieben? Die Spatzen pfeifen das neue und doch ursprüngliche Lernen von den Dächern: individuelles Lernen versus gleichgetaktetes Büffeln, Verknüpfung mit der eigenen Erfahrungswelt versus Auswendiglernen, Anwendung und Übertragen von Inhalten versus reproduzierendes Wiedergeben von Fakten, Kinder als wertgeschätztes Subjekt ihres Lernens versus Objekt von außengesteuerten Lehrplänen, Integration versus Selektion.

 

Freitag, 10. Februar 2012:

Zunächst ein Nachtrag zum 27. Januar: Wie selbstverständlich hat der Gedenktag der Opfer des Holocaust im Assembly der Siebener und Achter seinen Eingang gefunden. Mir wurde auch erzählt, dass sich die nach kurzer Schilderung des Anlasses eingefügte Gedenkminute wieder zu fast bedrückender Stille verdichtete. Och, schade, das hätte ich gerne miterlebt. Noch immer zehre ich von den Gedenkminuten in Wachenheim zu diesem Anlass, zu dem Erdbeben in Haiti, zum Krieg im Gaza-Streifen und auch zu der bei den Young Americans mit nahzu der ganzen Schulgemeinschaft. Toll, dass wir uns immer wieder darauf einlassen können und dass diese Art des Innehaltens zu ein kontemplativen Element unserer Schulkultur entwickelt hat. Mögen die Anlässe künftig so singulär wie möglich bleiben.

Heute Morgen habe ich versucht, eine wegen unserer Absage leidende Familie im persönlichen Gespräch in Büro aufzumuntern. Die meisten Gespräche verlaufen ja am Telefon, heute nahm ich mir die Zeit zu einem gewünschten persönlichen Gespräch. Es ist durchaus nicht so, dass ich an nicht gefüllter Zeit leide, viele einzelne und ungeplante Punkte fallen immer wieder an, die meine Anwesenheit, meine Einschätzung oder meine Entscheidung erfordern. Aber was ich an Gesprächen, an Ermunterung oder an Trost spenden kann, will ich bei der durch uns verursachten Enttäuschung gerne einbringen, da ist der zeitliche Aspekt wohl der geringfügigste, wo ich doch inhaltlich bei keiner der Anfragen Abhilfe leisten konnte und auch künftig nicht werden kann, denn das Losverfahren ist nun mal unerbittlich und starr. Da will ich wenigstens zu Gesprächen bereit stehen. Bisher ist mir das nach den Rückmeldungen auch gelungen, etwa heute mit den Worten: "Danke, dass Sie sich nochmal die Zeit für uns genommen haben. Das Gespräch allein hat uns schon geholfen!" Ich schreibe auch, wenn ich per Mail angefragt werde, gerne an die Kinder direkt zurück. Wenn sie schon keinen Platz bei uns finden, will ich ihnen wenigstens als Schulleiter meine Wertschätzung vermitteln. Erstaunt dankende Antworten habe ich schon erhalten: "Ich habe allen meinen Freunden erzählt, dass mir der Schulleiter persönlich geantwortet hat. Danke!"

Weitere Themen heute: Pressebesichtigung der Toiletten mit dem Kreis, Feuerwehr-Notwege-Pläne, Haushaltssperre bis April, Folge- und Vorbereitungsgespräche mit dem Jugendamt, Instandsetzung des Computerraumes in der nächsten Woche, Vorbereitung einer Überprüfung, Besichtigung des Werk- und Maschinenraumes wegen geplanten Ergänzungen und nicht zuletzt die vielen Begegnungen auf den Fluren. Da macht es richtig gute Laune, wenn mich Schülerinnen und Schüler den ganzen Tag über mit ihrem melodiösen "Guten Tag, Herr Dumont!", wobei die ersten beiden und die letzte Silbe tiefer liegen, das "Tag, Herr Du..." etwa eine Terz höher erklingen. Gestern kam auch ein Schüler auf mich zu, der immer wieder Anlass zu Klagen gibt, schaute etwas traurig aus seinen durchaus großen Augen und sagte: "Es ist so schade, dass wir Sie im zweiten Halbjahr nicht mehr in Musik haben!" Wie ich diesen Kontakt zu den Kindern liebe! Fast hatte ich auch Sommergefühl, wenn das neue Schuljahr begonnen hat, denn meine zwei "neuen" Fünferklassen hatte ich diese Woche zum ersten Mal in Musik. Bei offener Tür näherten wir uns erst einmal an. Eine Tutorin schaute, aus dem Teamraum kommend mal rein: "Wollte nur mal sehen, ob eine Lehrkraft da ist, ich hörte euch soviel lachen." Wie sagte mein Ausbilder in Deutsch seiner Zeit: "Eine Stunde, in der nicht mindestens einmal gelacht wird, ist eine schlechte Stunde." Gemessen daran waren die ersten beiden Stunden in meinen Klassen gute Stunden. Wie schön, dass mir das immer noch gelingt.

 

Donnerstag, 09. Februar 2012:

So, das Protokoll des Aufnahmeausschusses mit all seinen feinen Verästelungen in Orte, Verteilung, Zahlen, Tabellen ist fertig. Viel hängt genau von ihm ab, wenn die Aufnahme von juristischen Augen betrachtet wird. Ein Fehler darin kann dann zur verordneten und zusätzlichen Aufnahme durch ein Gericht führen, kommt nicht häufig vor, aber die Eltern, die diesen Weg versuchen, werden zahlreicher. Schauen wir mal, ob wir alles richtig gemacht haben. Schreiben zweier Gutachten, dazwischen weitereTelefonate, Sitzung mit dem Bauamt - so vergeht ein Vormittag mit dem anschließenden Gefühl: Waren das nicht sechs Zeitstunden? Wo sind sie hin?

Am Nachmittag dann noch ein Blick über den pädagogischen Zaun hinweg und als solcher dann ein gutes Beispiel für Kooperation mit außerschulischen Partnern: Im Kreisjugendamt traf sich eine "große" Runde (was meint: drei Vertreter des Jugendamtes, Tutorin, Stufenleitung, Schulsozialarbeiterin und die Leiter der beiden Institutionen), um für ein Kind gemeinsam den besten Weg der Hilfe und Unterstützung zu suchen. Durch regelmäßige Kontakte ist uns eine tolle Grundlage gelungen, auf der wir unkompliziert und mit der Kenntnis (und Wertschätzung) der Personen schnell in die Mitte eines Problems vorstoßen und Maßnahmen erarbeiten können. Spät aber zufrieden trat ich den Heimweg an.


Dienstag, 07. Februar 2012:

Aus den vergangenen Jahren kenne ich die Arbeit in der Woche nach dem Losverfahren. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Anrufe es von Eltern nicht geloster Kinder es waren. Die ersten Widersprüche gehen ein, alles bekannt. Auch spüre ich, dass ich am Telefon souveräner reden kann als in den ersten beiden Jahren. Un d dennoch berührt mich die Mail einer Mutter, macht mir zu schaffen, weil sie mir nicht aus dem Kopf will - oder präziser geschrieben: weil mir der Junge, um den es geht, nicht aus dem Kopf will. Er leidet angeblich unter einer Wahrnehmungsstörung und die Mutter schrieb mir, dass er heimkam, von dem ablehnenden Bescheid gehört hat und "weint und weint und sagt, jetzt müsse er doch auf eine Schule, wo er geärgert wird." Von den Eltern erwarte ich irgendwie, dass sie mit dem Bescheid umgehen können, das gehört irgendwie zum Leben mit Kindern dazu. Aber die Kinder gehen mir nicht aus Kopf und Herz. Sie können das ganz und gar nicht verstehen. Die Vorstellung, dass er "weint und weint" tut mir selbst weh, da vermisse ich, auch weil ich selbst Vater bin (?), jede professionelle Distanz. Und das wird zunächst noch so bleiben. Auch bei der Schulaufsicht, so ließ ich mir sagen, gehen laufend Anrufe ein. "Herr Dumont, da sitzen wir in einem Boot!" Was mir dabei auch schwerfällt, ist sicherlich, dass ich nichts daran ändern kann.

Aber der Nachmittag lenkte schon ab, brachte mich auf andere Gedanken. Wir hatten seit einiger Zeit schon den Gedanken, uns dem Thema Austismus zu widmen, um bei diesem Thema etwas professioneller verstehen und agieren zu können. Heute nun waren alle zu einer pädagogischen Konferenz mit der Autismus-Beauftragten eingeladen. Viele Beispiele aus der Praxis machten das Bild plastischer, ebneten Verständniswege zu diesen Kindern und skizzierten notwendige Verhaltensweisen auf Seite der Schule. Für mich kam noch ein ganz wichtiger Punkt hinzu: Der Nachmittag strahlte hinter dem Thema Autismus noch einmal aus, dass wir in der Arbeit mit Kindern, so individuell es eben geht, auf das Kind bezogene Ansätze erarbeiten müssen - nicht nur bei Kindern, die über ein sonderpädagogisches Gutachten verfügen, nein, möglichst mit allen. Das schaffen wir in der notwendigen Intensität und unter den derzeitigen Bedingungen natürlich nicht. Aber das Ziel, die Absicht, den Weg dorthin dürfen wir nicht aus den Augen verlieren und dazwischen das machen, was geht. Insofern ein guter, ein sehr guter Nachmittag für unser Arbeiten. Vielleicht ist es dahingehend ja auch berechtigt, dass so viele Eltern in unserer Schule die einzige Möglichkeit sehen, ihre Kinder zu unterstützen. Und dann schlägt ein ablehnender Bescheid um so heftiger ein.


Donnerstag, 02. Februar 2012:

Das Losverfahren der laufenden Runde haben wir heute Mittag erfolgreich durchgeführt. Erfolgreich nenne ich es, weil wir alle Voraussetzungen und Bedingungen einhalten konnten, ohne dass der neue Jahrgang Einbußen erfahren muss. Aus den Erfahrungen der letzten Jahre weiß ich, dass das Verfahren absolut wasserdicht sein muss. Ich denke, das können wir auch dieses Jahr gewährleisten. Ich weiß auch, dass wir wieder Traurigkeit, Enttäuschung und vielleicht auch Leid auslösen werden, weil damit auch diejenigen feststehen, die keinen Platz bei uns erhalten können. Meine Wünsche begleiten euch dennoch und ich hoffe, dass ihr an anderen Schulen auch euren Weg gehen werdet - keine Schulart ist eine Einbahnstraße!

Unverständnis lösten bei mir in der gerade gelaufenen Anmeldrunde folgende Schilderungen aus, vielleicht müsste ich es Ärger oder pädagogische Wut nennen. Es handelte sich um drei verschiedene Kinder aus drei unterschiedlichen Grundschulen. Bei allen dreien wurde mir von einer Note berichtet, die durch die letzte, leider verhauene Klassenarbeit "runtergerutscht" sei. Kann es denn wahr sein, dass bereits in der Grundschule ein rechnerisch ermittelter Wert mathematisch aufgerundet wird und eine einzige, punktuell ermittelte Leistung die Note eines Halbjahres nach unten zieht? Kann es sein, dass ein Grundschullehrer (angeblich) gesagt haben soll: "Ich hätte dir gerne die bessere Note gegeben, aber durch deine letzte Klassenarbeit ist mir das nicht möglich."? Unabhängig davon, dass die Schulordnung andere Möglichkeiten und Ermessensspielräume einräumt, auch mal davon abgesehen, ob Noten pädagogisch vergeben werden müssen und sich nicht aus mathematischen (!) Regeln ableiten sollten: Machen wir uns immer wieder klar, dass damit an dieser Schnittstelle eine Schullaufbahn in die eine oder andere Richtung entschieden werden kann? Was, wenn diese Note, die nun da steht und nicht übergangen werden kann, dazu führt, bei uns in einem anderen Lostopf zu landen, der eh schon angefüllt ist? Was, wenn diese Note dazu führt, an einer anderen Schule nicht aufgenommen zu werden? Wenn dies, auch nur als Gedankenspiel, vorkommen könnte, entschiede eine einzige (!) Klassenarbeit, geschrieben in einer (!) Stunde an einem vielleicht schlechten Tag über eine Schullaufbahn. Übertrieben und verzerrt? Mag sein, aber möglich. Und weil es möglich wäre, erwähne ich hier die drei mir im Januar 2012 begegneten Fälle, die mein pädagogisches Gebäude, welches immer wieder und immer neu das einzelne Kind in den Blick zu nehmen mich verpflichtet, angreifen. Nein, es wird dadurch nicht einstürzen, es steht fest und in meinen Augen auch auf einem solideren Fundament, das, ich gebe es zu, eine gefestigtere Lehrerpersönlichkeit erfordert als es die mathematischen Rückzugsgebiete oder rechnerischen Versteckspiele zulassen können.    


Dienstag, 31. Januar 2012:

Seit Samstag läuft die Anmelderunde 2012. Bisher hatte ich während dieser Zeit das Tagebuch gemieden, um ja nicht in die laufende Anmeldung hinein zu wirken. Natürlich besteht diese Absicht immer noch, aber Eindrücke sollen notiert werden. Es wurde mir wieder schlagartig bewusst: Schule ist ein Abbild der Gesellschaft, was sollte sie auch anderes sein. Mich beschäftigen die vielen Kinder, die schon in so jungen Jahren soviel Leid ertragen mussten. Da sind mir Sterbefälle und bittere Trennungen geschildert worden, schlimme Krankheiten und Gefängnisaufenthalte - und auch Geschichten aus Grundschulen, die mich, wenn sie sich denn so abgespielt haben, traurig stimmen. Wir Erwachsene können solche Dinge ja oft nur schwer ertragen, wie sehr muss es erst Kinder aus der Bahn werfen! Ihr lieben Kleinen, ich kann euer Leid sicher nicht mindern, aber in Gedanken bin ich oft bei euch und ich wünsche euch besonders starke Schutzengel, die euch nun weiter begleiten mögen.


Freitag, 27. Januar 2012:

Wenigstens ein minimaler Kontakt mit den Zeugnissen: Ich musste heute derer vier nochmal ausdrucken, weil sich Fehler eingeschlichen hatten. Ich weiß, welch besonderer Tag der Zeugnistag ist (Psychologische Dienste haben flächendeckend Notdienst) und hoffe doch gleichzeitig, dass keiner unserer Schützlinge heute "eine Rechnung serviert" bekommen hat, sondern dass Leistungen (wenn die Ziffernnote nun denn nicht zu umgehen ist) fair, gerecht und zutreffend beurteilt wurden und vor allem abgesprochen sind. Liebe Eltern, sorgt nicht für Druck wegen Noten und "bezahlt" sie nicht mit Geld!

Gestern erlebte ich noch eine Sternstunde in Sachen Konferenzkultur: Ganz leise und ohne Emp- und Befindlichkeiten teilten die Fachschaften das ihnen zustehende Budget auf. Wunderbar eine solche Sitzung leiten zu dürfen.

Ach ja, heute ist ja auch der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Weiß gar nicht, ob das irgendwo heute eine Rolle spielte. In den letzten Jahren - Woher nahmen wir dort die Zeit? - haben wir diesen Tag in irgendeiner Weise begangen. Angesichts der aktuellen Situation sollten wir das nicht aus dem Auge verlieren.

So geht also eine Woche zu Ende, die reichhaltiger kaum sein konnte. Nicht erwähnt habe ich Anrufe von und bei der Polizei, mehrfacher Kontakt zu Jugendämtern (die noch Gespräche bedürfen), beleidigende und entwürdigende Einträge auf sozialen Netzwerken im Internet, die Nacharbeit erfordern und eine aus Unfug zerdepperte Kloschüssel, bei der neun Jungs beteiligt waren, die aber alle nichts gemacht haben...Und morgen nun beginnt die Anmeldung für das kommende Schuljahr...


Mittwoch, 25. Januar 2012:

"Wo ist denn deine Schule in Wachenheim. Wir stehen vor der Kurpfalzschule." Die Woche meiner alten Klasse - zuerst die lieben Grüße einer ehemaligen Schülerin und heute der überraschende Besuch zweier weiteren...ja, ich muss sagen jungen Damen. Sie haben gerade ihr schriftliches Abitur hinter sich gebracht und nun frei. "Da wollten wir dich einfach mal besuchen." Wunderbar und Zeugnis, wie die langjährige Tutorenschaft an Gesamtschulen sich auswirkt, prägt und verbindet. Wenn dieser Jahrgang dann im März abgegangen sein wird ("Du musst unbedingt zu unserem Abi-Ball kommen!"), werden die letzten "meiner" Schülerinnen und Schüler die alte Schule verlassen haben. Und dann? Nun ja, das Leben nimmt seinen unaufhaltsamen Lauf, just dann werden die ersten Abschlüsse an meiner "neuen" Schule jetzt noch unbekannte Wege nach Klasse neun erfordern. 

Es scheint diese Woche auch eine mit kniffligen Gesprächen zu werden. Zwei sind schon gelaufen, zwei stehen noch an. Und schon kündigt sich die Anmeldung ab Samstag heftig an. Jeden Tag Anrufe, die das Wie und das Überhaupt und die Chancen bei der Anmeldung erfragen möchten und immer ist "Ihre Schule die einzige, die für uns Frage kommt." Das ist so schön, aber auch so tragisch, denn unsere Klassen sind proppenvoll und im neuen Jahrgang werden nur knapp 120 Kinder ihren Platz finden. Ein weiteres Gütezeichen erfuhr ich im Krankenhaus letzte Woche. "Ich weiß, wie gut Ihre Schule ist. Zwei meiner Kinder, selbst am Gymnasium, haben Freunde an Ihrer Schule und die erzählen uns immer, welch gute Schule das ist." Kann uns Besseres passieren, als dass die Kinder selbst von uns erzählen? Kein Konzept, keine Werbung, kein Info-Abend und kein Schulleiter können ein solch authentisches Bild abbilden wie die Schülerinnen und Schüler selbst. Dennoch erhöht das natürlich auch den Druck auf uns, denn inzwischen rufen Therapeuten, Jugendämter und Sozialarbeiter bei uns an, weil sie gehört haben, wie an unserer Schule gearbeitet wird. Vielleicht habe ich den Satz schon einmal geschrieben, dann sei er dennoch wiederholt: Wir können nicht das sozialpädagogische Zentrum des Landkreises und darüber hinaus sein. Auch wenn ich in jedem Einzelfall das Gefühl entwickle, das Kind wäre gut bei uns aufgehoben, die Heterogenität ist der Schlüssel und voll sind wir ohnehin.


Montag, 23. Januar 2012:

Fast ein Segen! Ich weiß gar nicht, wann wir im Schulleitungsteam das letzte Mal alle zusammen waren. Gefühlt muss es sich wohl um Wochen handeln, auf jeden Fall im letzten Jahr! Heute also haben wir wieder komplett getagt und zwar ohne Anwärmphase. Wir können es noch! Und gleich haben wir einen Berg von Themen abgetragen. Tolles Gefühl hinterher.

Genüsslich, weil so hoffnungsvoll: Eine Interessentin will ihren Bundesfreiwilligendienst bei uns absolvieren. Und siehe da, sie lässt mich ganz herzlich von einer Schülerin aus meiner alten Klasse grüßen. Das klingt fast wie aus einem anderen Leben, damals, vor Jahren, an meiner alten Schule, als ich noch Tutor war...Derzeit unterstützen uns auch zwei Praktikantinnen einer Realschule mit viel Engagement und Gespür für Kinder. IGS ist ein Sammelbecken der Professionen. 

 

Freitag, 20. Januar 2012:

So kann es gehen: Nichts ahnend startete ich in die erste Schulwoche, da verspürte ich in der Nacht zum Mittwoch einen dumpfen Schmerz oder Druck im Brustkorb. Alarm! Also den Experten-Workshop, auf die ich wollte/sollte, erstmal absagen und dann zum Arzt. Der Blutdruck war so hoch, dass er mit Notfall-Tropfen erstmal gesenkt werden musste. Zur weiteren Absicherung auf der Stelle ins Krankenhaus. Verschiedene Untersuchungen brachten das zunächst positive Ergebnis: Ein Infarkt kann ausgeschlossen werden. Dringend riet mir der dortige Chefarzt aber, die Ursache des Bluthochdrucks in einem dreitägigen stationären Aufenthalt klären zu lassen. Naja, erst ist jetzt mal Zeugniszeit, da kommt so etwas nicht gerade wie gerufen. Die verschriebenen Tabletten schlugen aber nicht an, der Blutdruck stieg unvermindert in bekannte Höhen. Und so dämmerte die Priorität: Lass Schule jetzt Schule sein und Zeugnisse Zeugnisse und kümmere dich jetzt um dich. Gleich für Montag bekam ich auch einen Termin zur Aufnahme. Ist das böse, ist es verwerflich oder darf ich das so empfinden: Diese dann vier Tage im Einzelzimmer (immerhin zahle ich monatlich seit 20 Jahren diesen Zuschlag und hatte nun zum ersten Mal was davon) mit Essen und Ruhe und viel Zeit zum Lesen...es war fast wie Urlaub. Das Ergebnis löste auch jede Anspannung: Alle Untersuchungen neagtiv (heißt für mich posiitiv, weil ohne Befund), alles in Ordnung, gegen den hohen Blutdruck allerdings müsse ich was tun. Gewicht, Bewegungsarmut und Rauchen, drei wesentliche Risikofaktoren, die es nun zu minimieren gilt, ansonsten kann ich damit hundert Jahre werden. Okay, ich habe verstanden!

Ich hatte mich per Rundmail vom Kollegium für die überraschenden drei Tage, die dann doch vier wurden, abgemeldet und noch nie vorher so viele aufmunternde Antworten bekommen. Wohl die Buschtrommeln, andere informationstechnische Wege scheiden aus, haben die Nachricht auch nach Jena getrommelt, auch von dort habe ich per SMS noch ans "Krankenbett" liebe Worte der Besorgnis und Wünsche zur Besserung erhalten. So war denn heute "mein erster Schulatg". Im Krankenhaus hatten wir natürlich auf von beruflichem Stress gesprochen, den ich anders managen sollte. Das gelang nun heute gar nicht. Viel war vorgefallen, alles prasselte auf mich ein Platzregen. Aber: "Die Schule" lief selbstverständlich auch ohne mich. Dennoch tut ein Satz wie dieser sehr gut: "Georg, wir brauchen dich, du gibst uns einfach den Weg vor und ebnest ihn für uns."

Morgen gehe zum ersten Mal in den Wald laufen, alleine und vor dem Frühstück. Risikominimierung.

 

Sonntag, 08. Januar 2012:

Wie ungewohnt sich die Zwölf noch bei der Jahrestahl tippt! Wie oft werde ich sie schreiben oder tippen müssen? Wie auch immer - morgen wird die Schule 2012 beginnen, das wird schneller gehen. Ich schätze, dass nach wenigen Minuten der Trott wieder da ist, immerhin habe ich in der ersten Srunde schon Musik.

Zwei Zusammenhänge möchte ich aus dem ersten angegebenen Bergmannbuch noch festhalten. Dies zeigt, dass die Gedanken noch in mir "schaffen" und weitergehen werden, beileibe nach der Lektüre nicht beendet sind. Zum einen führt Bergmann an, dass jeder Mensch sich nur im Zusammenhang mit seinen Mitmenschen "bildet". "Wir empfangen unser Selbst, wir lernen unser Ich-Gefühl durch Andere, wir spiegeln uns im Angeschaut-Werden durch Andere" (1, S.20). Natürlich sind die ersten Menschen, die diese Spiegelung bewirken, die Eltern, und zwar beginnend sehr früh. Aber auch wir Lehrkräfte arbeiten noch fleißig mit an der Selbstwerdung der uns anvertrauten Kinder. Vermutlich machen wir uns zu wenig klar, wie entscheidend unser eigener Umgang mit den Kindern sich auswirkt. Was spigeln wir ihnen in der Schule? Wie gehen wir mit ihnen um? Setzen wir sie unnötigem Druck aus? In welcher Weise reagieren wir, wenn eine Arbeit nicht gut ausgefallen ist? Senden wir ausreichend positive Signale, um die Ich-Werdung nicht zu erschweren? Der Schulalltag bietet eine Fülle von Situationen, Tag für Tag, in denen wir so oder so reagieen können. Wichtig ist, denke ich nur, dass wir uns dessen bewusst sind und eine positive Grundhaltung bewahren. Durch eine Kultur positiver und bei allen notwendigen Bewertungen wertschätzender Spiegelungen entsteht eine Bindung, die Voraussetzung für alles Lernen ist. So entsteht eine gute Autorität, die immer schon von den Kindern und Jugendlichen schon akzeptiert und bewundert wurde und die nie und nimmer durch Druck und kalte Disziplinforderungen wachsen kann - im Gegenteil, diese schlechte weil mit Angst installierte Autorität zerstört Vertrauen und Selbswert von Kindern.

In diese Richtung geht auch der zweite Zusammenhang. Wer kennt nicht die Forderung: "Wir müssen diesem Jungen/diesem Mädchen Grenzen setzen!" Auch hier "befreit" Bergmann. Wie ist die Forderung nach Grenzen begründet? Worin besteht ihre Notwendigkeit? Wie gestaltet sich das Leben, dass es anscheinend zu lernen gilt, dass es (willkürlich?) gesetzte Grenzen gibt? In meiner Erfahrung kommt diese Forderung in Konfliktfällen mit einer gewissen Sturheit auf Seiten der Erwachsenen zum Vorschein, oft als Legitimation einer Bestrafung oder einer massiven Einschränkung. Dazu Bergmann: "Natürlich erfahen Kinder Grenzen, an allen Ecken und Enden müssen sie sich auf die Logik der Dinge, die Widerständigkeit der Objekte, die Mühsal von Sprache und Kontakt, auf die Regeln von Spielen einstellen und sie tun es auch. Überall sind Grenzen, die Welt ist für ein Kleines, gemessen an dem strömenden Ich-Gefühl, wie zugenagelt...Grenzen müssen wir nicht setzen, wir müssen unsere Kinder mit den Begrenzungen und dem 'Eigensinn' der Realität versöhnen, auf respektvolle Weise. Respekt der Eigenart der Welt und  der Beonderheit des Kindes gegenüber." (1, S.27f). Bergmann spricht auch vom "Einfädeln in die Welt" durch die Begleitung von starken, Vertrauen gebenden Erwachsenen. Wie anders klingt das, wie stimmig und glaubhaft. Der Ruf nach der Notwendigkeit von Grenzen an sich klingt da wie die frühere Erziehungsregel, man müsse Kinder auch mal nachts schreien zu lassen, damit sich die Lungen voll ausbilden können.

Kann dies im Schulalltag auch greifen? Wie könnten wir uns dazu durchringen? Füllt dies beispielsweise das Leitbild anderer Schulen: Es wird kein Kind beschämt? Mal sehen. Morgen beginnt erst mal das Jehr 2012, schulisch gesehen. Allen, die daran beteiligt sind, wünsche ich einen guten Start.


Donnerstag, 05. Januar 2012 

Ferienzeit ist Lesezeit. Zwei weitere Bücher von Wolfgang Bergmann standen auf meinem Programm. Ich habe den Autor ja schon mal im November erwähnt und eigentlich hat mein Vater-Sein das Interesse geweckt. Während der Lektüre empfand ich die Grundsätzlichkeit seines Ansatzes, so dass beim Lesen und darüber nachdenken immer mehr auch die Schule ins Blickfeld rückte. So will ich einige Gedanken an den Anfang des Jahres stellen, als Neujahrswünsche meinerseits.

"Kinder sind ein Geheimnis. Sie gehören nicht irgendwelchen pädagogischen Ideen und moralischen Grundsätzen, nicht dem Ehrgeiz und der Erziehungskunst ihrer Eltern, sie gehören nur sich selbst und jenem Welträtsel, dem sie entsprungen sind." (Kinder, S. 12). Ich kenne diesen Gedankengang aus einem Text von Khalil Gibran, "Von den Kindern" heißt er dort und ich habe ihn oft an junge Eltern verschenkt. Mich fasziniert daran, dass wir Kinder viel mehr als Geschenk, als Leihgabe zu betrachten haben denn als Besitz, den wir nach unserem Gutdünken formen sollten, ganz gleich, wie gut die Absichten auch sein mögen, politische, religiöse, moralische oder sonst welche. Kinder müssen wachsen und ihr eigenes Wesen entwickeln dürfen, um diese Welt voran zu bringen. Wie aber kann das gehen? In dem zweiten Buch ("Disziplin ohne Angst") formuliert Bergmann die Grundlage dazu. Eigentlich ist dieses Buch ein Gegenentwurf zu dem von Bernhard Bueb "Lob der Disziplin", das vor einigen Jahren hoch gepriesen wurde, aber auf einer kalten und verständnislosen Strafpädagogik beruht, ohne das Wesen des Kindes auch nur zu erahnen. Bergmanns Gedankengang ist schnell nachzuzeichnen: Kinder werden dann stark, wenn sie starke Vorbilder in den Erziehern haben, ich schreibe hier jetzt bewusst nicht Eltern, weil ich ja den Bezug zur Schule herstellen will. "Ein Kind empfindet seine Eltern dann als stark, wenn es sich von ihnen verstanden fühlt. Dann umfasst die elterliche Präsenz, ihr 'Da-Sein', die gesamte kindliche Welt, das Empfinden des Kindes, seine Wahrnehmung und die Störungen in dieser Ordnung, seine Selbstbezogenheiten und seinen Wunsch nach Bindung und Halt." (Disziplin, S. 39). Das klingt zunächst einfach, setzt aber starke Persönlichkeiten voraus, die nicht ausrasten, die nicht drohen, die nicht Strafe ankündigen, sich nicht in Streitereien verwickeln lassen (Solche Erzieher wären ja so schwach und klein wie das Kind selbst), sondern solche, die dem Kind souverän, ruhig, (sich) selbst sicher begegnen und - das gefällt mir besonders gut - über ein gutes Maß an Selbstironie und Humor verfügen. Das sind Vorbilder, an die sich anlehnen lässt, die Schutz bieten und starke Kinder reifen lassen, gegenüber solchen Menschen erwächst wie von selbst Respekt. Der von Bergmann so bezeichneten Gehorsamspädagogik oder der "Das-Kind-braucht-Konsequenzen-Psychologen" (ebda. S.155) wirft er vor, dass diese "zuerst das Vertrauen der Kinder zerstöre und dann ihre eigene Autorität" (S.11). "Viel Druck macht ängstlich, und ängstliche Kinder sind nicht selbstbewusst, ganz im Gegenteil" (S.52). Bergmann plädiert für Weitherzigkeit statt Kontrolle, Vertrauen statt Strafen, Verständnis statt Druck. Was mich daran überzeugt ist meine Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen seit nun mehr fast 40 Jahren. und diese bestätigen diesen Ansatz. Und: Während der Lektüre empfand ich immer wieder eine Verwandtschaft zu Janusz Korczak. Beide setzen an den Anfang jeder Überlegung die Liebe zum Kind. Ich kann den Spruch nicht mehr zuordnen, aber er fasst die Ansätze beider Autoren in fünf Worten zusammen und ersetzen damit im Grunde ein Pädagogikstudium: Erziehung ist Liebe und Vorbild.

So träume ich von einer Schule, in der starke, in sich ruhende Persönlichkeiten starke Kinder heranwachsen lassen, weil sie den Kindern grundsätzlich vertrauen, weil sie sich durch Schreien, Strafen und Druck nicht selbst klein machen und weil sie  souverän weil weitherzig sind. Ich freue mich auf ein Jahr 2012, in dem wir dieser Schule vielleicht ein Stück näher kommen - ich wünsche es uns allen!

(Zum Nach- oder Weiterlesen und aus den Rechten geistigen Eigentums seien beide Bücher auch vollständig angegeben:  1. Wolfgang Bergmann, Disziplin ohne Angst, Wie wir den Respekt unserer Kinder gewinnen und ihr Vertrauen nicht verlieren, Weinheim und Basel 2010 -  2. Wolfgang Bergmann, Geheimnisvoll wie der Himmel sind Kinder, Was Eltern von Jesus lernen können, München 2010)