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Nov bis Januar 2013

 

Mittwoch 30. Januar 2013:

Die Anmeldung ist abgeschlossen. Bereits am ersten Tag hatte ich das unbestimmte Gefühl: Es läuft nur schleppend an. Tatsächlich schlossen wir mit der niedrigsten Anmeldezahl seit wir die Arbeit hier begonnen haben ab. Muss das zum Nachdenken anregen? Zunächst ist festzuhalten, dass das Profil der Anmeldungen nach wie vor stimmt, so dass wir die Vielfalt in den Klassen durchaus werden umsetzen können. Zum anderen sinkt dadurch auch die Zahl der Enttäuschung verursachenden Absagen. Einige mir bekannte Faktoren spielen sicherlich hinein: Zum ersten Mal durften Eltern keine Doppelanmeldungen vornehmen. Die Schulleiter der IGSn gegen diese Regelung, denn es gab durchaus Familien, die an der IGS als Schulform anmelden wollten, nicht nur an einer bestimmten IGS. Für diese Gruppe erhöhte die Möglichkeit, doppelt anmelden zu können, die Wahrscheinlichkeit der Aufnahme. Als nächstes ist festzustellen, dass kaum noch Anmeldungen außerhalb des Landkreises vorliegen. Offensichtlich ist die Information durchgesickert, dass die letzten Jahre die winzige Chance der Aufnahme nie eingetreten ist. Immer lagen ausreichend Anmeldungen innerhalb des Schulträgerbereiches vor. Sie alle müssten berücksichtigt worden sein, bevor ein Kind von außerhalb zum Zuge kommen könnte. Ein dritter Faktor könnte die demografische Entwicklung sein. Das wäre zu prüfen und mit der allgemeinen Anmeldesituation zu vergleichen. Zumindest von einer IGS weiß ich, dass auch dort die Anmeldezahl niedriger liegt. Also zunächst kein Grund zur Panik.

Wann ist man irgendwo richtig angekommen? Heute erhielt ich eine mögliche Antwort: Wenn der Verbandsbürgermeister beim Standortwechsel winkt, mich zum Anhalten auffordert, grüßt und noch sagt: „Ich glaube, in Ihrem linken Vorderreifen ist zu wenig Luft. Kommen Sie doch wieder einmal für eine Tasse Kaffee vorbei!“ – Reminiszenz an die Anfangszeit der Schule… 

Dazwischen organisiere ich hauptsächlich mit einem Kollegen die spontane Fahrt nach Jena. Es ist eine dritte IGS im Boot, die ebenfalls Kontakt zur Grete Unrein hat. „Den Schulleiter kannst du getrost anrufen, der passt zu uns.“ Wahrlich! Wenn in einem kurzen Telefonat so viel Kontakt und fast schon Nähe entstehen, dann ist wohl das gleiche Holz auch unser beider „Grundmaterial“. Ich neige auch wieder dazu, „IGS-Familie“ zu schreiben. Immer wieder erlebe bei „den Alten“ Übereinstimmung in Grundsatzfragen und daher auch im mitmenschlichen Kontakt ein schnelles Miteinander-Klarkommen. Mein Part bei diesem Kontakt ist die Organisation (Kontakt, Absprache mit Gießen, Bustransfer), der Kollege kümmert sich um die Mitfahrenden. So langsam kommt Fahrt in das Projekt.

Als Schulleiter zweier Schulen kommen auch Sitzungen zweier Elternbeiräte in den Terminkalender. Dass sie an zwei aufeinanderfolgenden Tagen liegen, ist schlecht geplant. Dass sie auch noch in der eh anstrengenden Anmeldewoche liegen, vermehrt Beanspruchung noch unnötig.

Morgen wird im Losverfahren Schicksal gespielt, werden Schullaufbahnen geprägt, Kinderleben beeinflusst, Familiengeschichten mitgeschrieben…   

 

Freitag, 25. Januar 2013:

Ausgabe der Halbjahreszeugnisse – ein Tag, der einem Schulleiter etwas Luft geben sollte. Aber: Falsch gedacht! Wie lassen sich entstandene Tutorenlücken am besten schließen? Ein Tutorentandem muss eng zusammen arbeiten. Das geht dann am besten – ich weiß dies aus eigener Erfahrung – wenn nicht jeder einzelne Punkt vorher besprochen oder ausdiskutiert werden muss, wenn sich die beiden „gut riechen“ können, sich mehr oder weniger „blind“ verstehen. Von daher ist Fingerspitzengefühl und Empathie gefragt, vor allem, wenn nicht in einem gemeinsam beginnenden Fünfer-Team neue Paare gebildet werden, sondern einer der Tutoren „quer“ einsteigen muss. Das sorgte heute für ausreichend Gesprächsanlässe. Eine wohl überlegte, mit den Unterrichtsfächern vereinbarte Lösung (Tutoren können nicht die gleichen Fächer in ihrer Klasse unterrichten, sollten aber so oft wie möglich in ihrer Klasse sein) konnten wir nicht umsetzen. Die Alternative musste dann schnell mit vielen besprochen werden.

Für die bevorstehende Mathematik-Olympiade in Jena kamen Absprachen hinzu. Zwei Lehrkräfte sind gefunden, die Schülergruppe „rappelt“ sich langsam zusammen, Telefonat nach Jena, Bustransfer planen…auch nicht ohne. Dazwischen im Portal ein sonderpädagogisches Gutachten beantragen und schließlich noch einen neuen Kollegen „beschnuppern“, der einen Vertretungsvertrag bis Sommer angenommen hat. Gestern stellte sich bereits eine Kollegin vor, die gar eine Planstelle erhalten hat. Damit sind wir personell wieder komplett und: Endlich kann damit die Feinplanung für die Unterrichtsverteilung losgehen, immerhin ist sie Voraussetzung für den neuen Stundenplan.

Und morgen nun beginnt für mich die fünfte Anmelderunde. Wieder wird sie anders als bisher sein, denn aus Mainz erhielten die Schulleitungen genauere Vorgaben als die letzten Jahre. Nicht mit allen bin einig, denn sie engen die Aufnahmeausschüsse stärker ein. Wie immer, wenn etwas für alle gleich geregelt werden soll, fallen dann doch Ungerechtigkeiten an. War es bisher etwa möglich, die Lostöpfe gerecht nach der Anmeldesituation der einzelnen Schule zu bilden, sind sie nun vorgeschrieben. „Das gibt den Schulleitungen doch mehr Sicherheit.“ Das mag so sein, aber an dieser Stelle benötigte ich sie nicht. Unser Losverfahren war immer juristisch unanfechtbar, weil die Begründungen und Regelungen korrekt, nachvollziehbar und gerecht waren. Nun entfällt dieser Anteil der Regelbarkeit an der einzelnen Schule, der Anteil der Eigenständigkeit, der Anteil an pädagogischem Handeln sinkt, und das ist schade. Mir kommen wieder die Noten in den Sinn. Ich habe dazu schon mal ausgeführt, dass die „Berechnung“ von Noten eine scheinbare Sicherheit zu Lasten der pädagogischen Verantwortung vermitteln. Ähnlich geht es mir mit diesen engeren Regeln. Gerne hätte ich die pädagogische Verantwortung für unser Aufnahmeverfahren weiterhin übernommen. Nun ist es engmaschiger geknüpft,  und ich soll mich durch einen engeren Rahmen scheinbar entlastet fühlen. Gut geht es mir dabei nicht, weil ein gutes Stück Pädagogik einem in Zahlen gegossenen Regelwerk weichen musste. Zahlen und Quoten, wo und wie auch immer, werden diesem wunderbaren Wesen Mensch einfach nicht gerecht. Ab morgen werden wieder kleine Menschen neben mir sitzen. Sie werden wieder mit großen Augen auf Glück im Losverfahren hoffen. Das an sich ist schon schlimm genug. Ab diesem Jahr werde ich ihnen mit noch mehr Zahlen begegnen müssen. Und deswegen entsteht in mir das ungute Gefühl, ihnen noch weniger gerecht zu werden. Dieser Preis für ein scheinbares „Mehr an Sicherheit“ ist mir zu hoch und doch werde ich ihn entrichten müssen.         

 

Donnerstag, 24. Januar 2013:

„Heute hat noch gar niemand angerufen, der einen Schulplatz sucht!“ – so wird ein Normalzustand für das Sekretariat zum besonderen Ereignis. Einen persönlichen Gesprächstermin hatte ich aber zu diesem Thema schon zugesagt. Wieder musste ich von der schlimmen Situation eines Mädchens hören, welches in ihrer Schule so gar nicht klarkommt, somatisch reagiert, nur noch mit Angst und Depression jeden Tag zur Schule geht. Alleine die Fälle, die bei mir landen, lassen mich erschrecken. Weiß jemand, was sich da jeden Morgen in den Köpfen, Herzen und Körpern der Schüler/-innen in der Umgebung abspielt? Wie hoch ist eine eventuelle Dunkelziffer? Wie hoch die Zahl der weniger dramatischen aber dennoch problematischen Fälle? Ich mag mir das gar nicht ausmalen…

Mein Terminkalender lässt kaum noch Spielraum für den „Alltag eines Schulleiters“. Was da an Gesprächen, Vermittlungen und Beratungen derzeit zusätzlich in der Schule (zum Teil ungeplant) auf mich einströmt, ist hoffentlich zeitlich beschränkt. Wieder musste ich zu spät zu den 1stClassRockern eilen und. Ich will das gerne alles leisten, aber die „normale Arbeit“ bleibt liegen und will doch irgendwann erledigt sein. Die Personalplanung war eigentlich für das zweite Halbjahr in trockenen Tüchern und riss dennoch ein erneutes Loch. Die bisherigen Telefonanrufe endeten ergebnislos. Ist doch toll, dass es in benachbarten Bundesländern Stellen für junge Lehrkräfte gibt. Macht mir zwar Arbeit und unsere Schule hat das Nachsehen, aber noch bin ich nicht am Ende meiner Liste. Am Nachmittag traf sich die Fachkonferenz Fördern. An unserem Konzept, dem Verständnis und der Umsetzung von Inklusion im Schulalltag arbeiten wir seit dem Start der Schule. Es ist auch ein ganz besonderes Vorhaben, das viel Arbeit und Planung von uns verlangt. Als ich die Stelle des Schulleiters übernahm, hatte ich die Vorstellung: Wie eine IGS funktioniert, weiß ich aus vielen Jahren Erfahrung. Ich musste feststellen: In Deidesheim/Wachenheim entwickelt sich (fast) alles anders. Und ich mich mit. Weder von Ganztagsschule in Angebotsform und schon gar nicht von Schwerpunktschule hatte ich eine Ahnung. Und Inklusion ist ein ambitioniertes Vorhaben, das uns weiterhin viel kraft, Energie und Ideenreichtum abfordern wird. Also nahm ich an der Fachkonferenz teil – und das war gut so. Vorher, ganz so, als würde sich eins ins andere fügen, klingelte das Telefon. Genau zum Thema „Inklusion“ wollte ein Zeitungsredakteur einige Fragen stellen. Wieso schon wieder ich? Er hatte eine Liste der Schwerpunktschulen in Rheinland-Pfalz vor sich und sei über die Homepage auf uns aufmerksam geworden. Unvorhergesehene 20 Minuten mit hoher Aufmerksamkeit, Vorsicht bei der Wortwahl, aber auch der Erfahrung: Du stehst gut in diesem Thema drin, denn aus dem Stand heraus und unvorbereitet am Schreibtisch aus der Arbeit gerissen, antworten zu können, machte mich sicher. Gespannt bin ich darauf, was dann gedruckt auf dem Papier landet. Da stimmen, gerade nach Interviews am Telefon. Mit wohl oft heißer Nadel werden da Artikel verfasst, bei denen nicht einmal die Fakten stimmen, geschweige denn die Zitate.

Von zu Hause aus am späten Nachmittag dann doch noch der Erfolg in der Personalplanung: Eine Zusage, mit Freude und Erwartung gespickt, konnte ich verbuchen. Nicht das gewünschte Lehramt, nicht die gewünschte Fächerkombination, aber mit gutem Willen auf beiden Seiten ein Pfropfen für das entstandene Loch. Wenn die Bürokratie ins Laufen kommt, könnte es bis zum 1. Februar klappen.

Ein Schmankerl noch für den Abend: Ich hatte heute die Dokumentations-DVD vom Jugendkongress im Oktober erhalten. Gespannt warf ich den Player an und genoss. Auch mit Abstand und Erinnerungen durch den 20-minütigen Film setzte sich das Gefühl erneut fest: Das war ein guter Tag, der inhaltlich reichhaltig und atmosphärisch dicht für alle nur als gelungen bezeichnet werden kann. Prima, das noch einmal nacherleben zu können.

 

Dienstag, 22. Januar 2013:

Kurzfristig hat eine Vertretungskraft eine Planstelle erhalten. Das freut mich, wo ich doch die Unsicherheit von solchen Verträgen und die mangelnde Perspektive aus meiner Biografie noch allzu gut erinnere. Für uns bzw. für mich bedeutet das allerdings: Auf die Schnelle jemanden finden, der diese Lücke füllen kann. Also: Termin bei der Schulaufsicht, Listen durchgehen, telefonieren. Anschließend, quasi den Rest des Vormittags, ein langes Gespräch im Referat Förderschule. Und wieder die Erfahrung, dass sich persönlicher Kontakt auszahlt. Wir haben überlegt, konzipiert und Einschätzungen ausgetauscht. Konkret wird sich das in Einzelfällen unserer Schule positiv auswirken, personell können wir vielleicht weitere Erfolge verzeichnen, das wird sich noch zeigen müssen.

Wieder bzw. erstmals am Tag in Deidesheim, Rückzug hinter eine verschlossene Bürotür: Ich musste noch die Personalakte einer Kollegin durchforsten. Sie ist die erste, die wir in einer gut vorbereiteten Abschlussfeier im Gesamtteam verabschieden wollen. Dazu gehören Abschiedsworte des Schulleiters. Ich stieß auf einige Dinge, die ich humorvoll verpacken konnte. Vor dem Gesamtteam schoben wir noch eine Fachkonferenz Religion/Ethik ein. Kolleg/-innen hatten sich vor allem das Thema Assembly gewünscht. Einige Ideen zur Verbesserung fielen uns ein, die wir direkt für das zweite Halbjahr umsetzen wollen. Zum einen wollen wir die Sitz(un)ordnung verbessern, da wir die Enge als einen Unruhefaktor ausmachten. Zum anderen sollen die sechsten Klassen mit größerem Abstand teilnehmen, um das Bedürfnis zur Teilnahme zu vergrößern.

Da wir zwei Funktionsstellen (Didaktische Koordination und Stufenleitung 7/8) neu besetzen konnten, ist das Schulleitungsteam angewachsen. Die Leitung des Gesamtteams obliegt nun der Didaktischen Koordination, so dass es mein erstes als Teilnehmer war. Ich genoss es. Und dann: Unsere erste größere Verabschiedung einer Kollegin in den Ruhestand. Da es sich um ein ehemaliges Mitglied der Planungsgruppe und eine allseits beliebte Kollegin handelte, war die Feier sehr emotional und ging auch mir unter die Haut. Lieder und Bilder ermöglichten einen Blick auf die letzten Jahre und trugen das Ihrige dazu bei, dass in manchem Auge eine gewisse Feuchtigkeit wahrzunehmen war. Eine schöne, eine warmherzige, eine ganz besondere Verabschiedung. Es freute mich sehr, dass das so groß gewordene Kollegium diese Art von Atmosphäre und kreativem Zusammensein als Bestandteil unseres Umgangs miteinander lebt. Ein Glücksfall und ein Krafttank. Danke euch allen! 

 

Montag, 21. Januar 2013:

Das Wetter schlägt Kapriolen: schnell gefrierender Regen auf Schnee – ich bekam das Auto kaum freigekratzt. Mein Schulweg aber war gut zu fahren. Deshalb staunte ich bei der Ankunft darüber, dass mehrere Schüler/-innen sich darüber beklagten, dass an unserer Schule normaler Unterricht stattfindet. Ihre Freundinnen und Freunde, natürlich an allen (!) Schulen der Umgebung, würden sich eines freien Tages erfreuen. Erstens stimmte das in dieser Absolutheit nicht und zweitens war die überwiegende Mehrheit der Schüler/-innen anwesend. Da steckt wohl ein Stück Preuße in mir. Zum einen besteht grundsätzlich für alle Heranwachsenden Schulpflicht. Wir als Schule haben demgegenüber die Aufgabe, dass man dieser Pflicht auch nachkommen kann. Meine Einschätzung am Morgen kam nicht zu dem Ergebnis, dass die Situation so einschränkend war, dass eine ganze Schule geschlossen bleiben muss. Wenn einzelne Busse oder Bahnen nicht fahren, kann das ein freier Tag für alle in meinen Augen nicht rechtfertigen. Ich sagte bei der auflaufenden Kritik aber zu, morgen um 6.30 einen Hinweis auf den Unterricht hochzuladen. Ein Zusatz habe ich auf der Homepage einer anderen Schule gefunden, den ich allen zur Kenntnis geben will. Ich habe ihn schon getippt und muss ihn daher nur noch reinkopieren: „Wir weisen darauf hin, dass die Erziehungsberechtigten in Anbetracht der aktuellen Straßenverhältnisse selbst darüber entscheiden können, ob sie ihre Kinder zur Schule lassen oder nicht.“ Das dürfte hoffentlich die notwendige Ruhe bringen.

Bei einem Telefonat mit den Kollegen aus Jena sagte ich zu, dass wir die geplante Mathematik-Olympiade von vier Schulen in Jena noch schnell auf die Reihe bringen. Das heißt: Aus drei Jahrgängen jeweils zwei gute Mathematiker und zwei „Kulturschaffende“ zu finden, die sich vom 5. bis 7. Februar nach Jena aufmachen. Zuschüsse für die Busfahrt dürften möglich sein. Klar, in der Zeugniszeit ein zusätzlicher organisatorischer Aufwand, aber machbar. Oder bin ich zu optimistisch? Im Fünferassembly fanden sich schon Interessierte. Schauen wir mal, wir sind ja alle ein bisschen verrückt und kriegen solche Dinge hin…

Eine schöne E-Mail erreichte mich heute im Nachklang der erwähnten Lesung der vergangenen Woche:

„Sehr geehrter Herr Dumont,

ich habe am Donnerstag bei Ihnen aus meinem Buch "Hans Scholl" gelesen. Herzlichen Dank, dass Sie sich als Direktor die Zeit genommen haben dafür. Ihr Terminplan ist sicherlich voll genug, und da hat es mich besonders gefreut, dass Sie dabei waren.

Ihre Schüler in Deidesheim haben mir sehr beeindruckt. Ob Hans Scholl von den Judenabtransporten in die KZs gewusst habe, und seit wann -- das sind normalerweise Fragen, die mir Historikerkollegen während meiner wissenschaftlichen Vorträge stellen!

Auch wie sehr Ihre Schüler bei der Organisation mit zugepackt haben, war eindrücklich. Bitte grüßen sie Ihren Schülersprecher herzlich, danke an ihn für die Rede (und die Blumen). Und grüßen Sie die beiden Jahrgänge 8 & 9 noch einmal. Es war für mich ein ganz besonderer Termin…“

Das ist ein erneuter Beleg dafür, dass sich all unser Bemühen und all unsere „konzeptionellen Extras“ letztendlich auszahlen. Ich hörte das schon von einer Reihe von Gästen aus dem schulischen Bereich (Fachleiter, Studienseminar, Kolleg/-innen anderer Schulen). Schriftlich und von einem „schulfremden“ Besucher hatte ich dies noch nicht erhalten.

Am Nachmittag dann noch eine Premiere: meine erste Zeugniskonferenz als Schulleiter der Realschule plus und damit „unsere“ erste Zehnerkonferenz mit Aussagen über voraussichtliche Abschlüsse.

 

Freitag, 18. Januar 2013:

Gestern erhielt ich eine E-Mail aus Jena: „Ich mach mir ernsthaft Sorgen! Seit weit über einem Monat ist dein Tagebuch stehen geblieben.“ Räusper! Okay, ich werde die Lücke schließen. Sie entstand in erster Linie durch eine Bronchitis im Dezember. Eine Woche lavierte ich damit herum und versuchte das Notwendigste vom Krankenbett aus zu erledigen – Telefon und E-Mails ermöglichen, auf dem Laufenden zu bleiben und trotz Krankheit „mitzumischen“. In der Samstagszeitung vom 8. Dezember dann der Schock: Die Landrätin war gestorben. Bewohner des Kreises wussten um ihre Krankheit, auch von der großen Typisierungsaktion, um einen so genannten genetischen Zwilling zu finden, dessen Stammzellen Heilung ermöglichen sollten. Hin und wieder hatte ich während ihres krankheitsbedingten Fehlens Kontakt per E-Mail. Die letzte klang gar nicht so negativ. Und dann beim Aufschlagen der Zeitung die Meldung, dass sie ihrer Krankheit erlegen war. Mir ging das sehr unter die Haut. Noch ganz lebendig habe ich die Sitzung des Schulträgerausschusses 2008 konserviert, als unter ihrer Leitung das Benehmen wegen eines Schulleiter für die IGS hergestellt werden musste. Seither begegneten wir uns immer wieder in und außerhalb der Schule. Stets waren die Begegnungen von freundlicher Wertschätzung getragen. Sie verfolgte genau, was sich an der Schule entwickelte und ließ sich immer wieder unterrichten. Gut erinnere ich auch eine Bemerkung aus 2009. Die Interessenvertretung IGS wollte sich über das erste Jahr informieren. Nach meiner Präsentation sagte sie: „Es ist enorm, was Sie und ihr Kollegium in einem Jahr auf die Beine gestellt haben. Dafür benötigt manch andere Schule Jahre.“ Dass ich mit meinem durchweg positiven Eindruck von ihr nicht alleine war, erlebte ich in der bewegenden Trauerfeier. 600 Menschen waren gekommen, darunter der Ministerpräsident, die Dekanin und Mitstreiter aus Partei und Kreisverwaltung. Am Rande sprach ich mit einer ganzen Reihe von ebenfalls Trauernden. Es war dies nicht meine erste, aber ohne Zweifel die ergreifendste Trauerfeier, die ich miterleben musste und auch durfte. Durfte deswegen, weil sich unsere Begegnungen in den Trauerreden wiederspiegelten. Ja, genau so habe ich die Landrätin erlebt, genau so ist sie mir begegnet. Als letzte Bestätigung galten mir die traurig bewegenden Sätze ihrer Mitarbeiter/-innen. „Sie ist uns allen immer wieder menschlich begegnet, egal welche Aufgabe man in der Verwaltung innehatte. „Sie nahm sich Zeit, besuchte uns im Büro und hatte immer ein offenes Ohr auch für private Probleme.“ Ja, das kann ich mir gut vorstellen, und: Ja, ich spürte keinen dienstlichen, sondern einen privat motivierten Schmerz. Heute, mit Abstand von über vier Wochen und in der Zeitung bereits die Regelungen für die Nachfolge lesend, kann ich das so formulieren. Vor Weihnachten war die Zeit nicht reif dazu und die Worte noch weit entfernt. Auf der anderen Seite konnte ich aber nicht so schreiben, als wäre nichts geschehen.

Und dann waren noch drei Schule, sicherlich noch nicht ganz genesen, „schleppte“ ich mich durch sie hindurch. Stichworte aus diesen Tagen sind: Der angefragte Artikel zur der interreligiösen Feier erschien in der neuesten Ausgabe der religionspädagogischen Hefte. Die Schule erhielt eine ganze Reihe von Belegexemplaren. Und der hier schon mehrfach erwähnte Pavillon kann aufgestellt werden – der Kreis erteilte dazu die Baugenehmigung, die mir auf über einem Dutzend Seiten zugemailt wurde. Also, lohnt sich energisches Dranbleiben doch. Meine Energie schien ja aufgebraucht. Dank an den Kollegen, der sich nicht entmutigen ließ. Zwar kommen jetzt doch Kosten für die statische Berechnung auf die Schule zu – sei’s drum, wenn der Pavillon steht, denkt da eh keiner mehr dran.

Am ersten Ferientag fuhr ich zur Schulaufsicht nach Neustadt. Personalfragen wollte ich noch klären, erste Namen aus der Bewerberliste für Vertretungsverträge nahm ich mit nach Hause, denn ein weiteres (das elfte ?) Kind aus dem Kreise der Kollegiums Familien war geboren worden und der Vater stellte einen Antrag auf Erziehungsurlaub. Sehr weit brachte ich die Planungen vor den Feiertagen nicht mehr, da musste der Januar noch herhalten. Immerhin brachte ich noch meine Weihnachtspost ans Kollegium fertig. Ja, auch wenn es inzwischen über 50 Kolleg/-innen sind, jede/r soll einen Gruß in Papierform mit persönlichen Gedanken von mir erhalten.

Anscheinend waren die Ferien immer noch nicht ausreichend genug, um die bereits entstandene Lücke im Tagebuch zu schließen. Es drängte sich nicht auf, ließ mich einfach in Ruhe, die gemachten Stichworte, die ich später ausformulieren wollte, blieben unbearbeitet in Rohform liegen, ihre Mahnungen „Wann schreibst du uns denn nun auf?“ überhörend, war ich einfach nur Papa und Ehemann.

Das neue Jahr begann nach den Ferien ungewohnt hektisch. Ich hatte die durch die Krankheit ausgefallenen Termine nachzuholen, neue wurden gewünscht, zu bearbeitende Konflikte gesellten sich aufwändig dazu. In meinen Musikklassen wollte ich die Einschätzung der Schüler/-innen hören: Was führte dazu, dass das Assembly während meiner Krankheit wegen Unruhe abgebrochen (!) werden musste. Klar, irgendwie ist diese Einrichtung mit mir verknüpft und seit nunmehr viereinhalb Jahren habe ich kaum ein Assembly versäumt. Mag auch sein, dass es sehr durch mich geprägt ist. Aber dennoch muss es doch auch, wenn es ein eingespielter Konzeptpunkt ist, ohne mich stattfinden können. Demgegenüber äußerten die beiden Fünferklassen: „Wenn Sie dabei sind, ist es eben anders.“, „Wenn Sie zu Beginn Gitarre spielen…das allein ist schon beruhigend.“ Das ist natürlich schön zu hören, gut wird es dadurch aber nicht. Es soll nicht mein Assembly sein! Da ist also genau hinzuschauen und nachzuhaken. Und prompt erlebte an beiden bisherigen Montagen wunderbare Treffen. Thematisch stand das erste mit den Fünftklässlern unter dem Thema: „Sternsingeraktion“. Wieder waren eine ganze Reihe bei dieser Aktion in ihren jeweiligen Pfarreien eingebunden und konnten den ganzen Jahrgang mit ihren Berichten bereichern. Das Treffen in dieser Woche stand unter den Themen: Wettbewerb „Wie soll der neue Jahrgang heißen?“ und „Vorstellen der beiden Standortsprecher und ihrer Aufgaben“. Und gesungen haben sie wie die Domspatzen. Das machte mich hinsichtlich meiner Rolle nachdenklich. Sollte ich nicht, gerade weil es mit mir funktioniert, meine „Dominanz“ zurückfahren? Ein Treffen in der kommenden Woche sollte hier Klärung und die weitere Wegstrecke bringen.

Nach dem Fünferassembly am ersten Schultag fuhr ich nach Neustadt zur Schulaufsicht. Der koordinierende Referent feierte seinen 60. Geburtstag. Mehrfach hatte er mich eingeladen, zuletzt bei meinem Besuch im Dezember: „Gell, wir sehen uns im Januar?“. Eine schöne Wertschätzung aufgrund eines 20-jährigen Weges. Da wir beide stets an anderen Orten und in verschiedenen Funktionen arbeiteten, ist der nie abgerissene Kontakt ein schöner roter Faden auch meiner Berufsbiografie. Die Tatsache, dass ich in einer „fremden“ Behörde durchgehend in Gespräche „verwickelt“ war, zeigt, wie viele Menschen seit der Schulgründung sich in den letzten viereinhalb Jahren in meinem Leben tummelten. Da ich immer Wert auch auf persönlichen Kontakt lege, riss der Gesprächsfaden während der Stunden in Neustadt nicht ab.

Nicht nur die Zeugniszeit erforderte erhöhte Präsenz in der Schule. Ich leitete seit einiger Zeit wieder einmal eine Zeugniskonferenz. Erneut durfte ich erleben, wie sehr unsere „Konferenzkultur“ gediehen ist: Die Zahlendiskussionen waren durch gute Vorbereitung auf ein vorgeschriebenes Minimum reduziert. Das Hauptanliegen waren pädagogische Überlegungen zu einzelnen Kindern. Gerade heute nun ereilte mich ein Anruf aus Bad Kreuznach. Gerade diese Art der pädagogischen Konferenz an unsere Schule soll ich wiederum in einem Artikel formulieren. Zusätzlich wurde mir noch ein Telefoninterview angetragen, das sich mit der gestrigen Buchlesung in den Jahrgängen „Konrad Korken“ und „Trixi Traube“ befassen sollte. Im Grunde war das Angebot, eine neue Biografie über Hans Scholl in einer Lesung an der Schule vorzustellen, eine Folge letztlich der interreligiösen Feier und deren Kontakte. Natürlich oblag es dem Schulleiter die (recht junge) Autorin als „Hausherr“ zu begrüßen. Da ich über eine lange Linie zu diesem Thema bis in mein Studium hinein verfüge, fiel es mir auch leicht, einen direkten Faden von der „Weißen Rose“ bis zu unseren Jugendlichen zu knüpfen. Was dann folgte, war ein besonderes Vergnügen. Ich erlebte während meiner Berufszeit Lesungen, die aus Gründen der Unruhe völlig in die Hose gingen. Gestern aber war ich Teil einer Zuhörerschaft des kompletten Jahrgang neun, die mit einer zum Greifen spürbaren Ruhe und Konzentration den Ausführungen der Schriftstellerin folgte. Kommentar einer Kollegin:„An solchen Punkten spüre ich einfach, dass sich unsere ganze Anstrengung doch lohnt.“ Und ob! Ich hätte gerne noch den achten Jahrgang erlebt, der gerade in Deutsch ein Buch über Sophie Scholl gelesen hatte und daher wohl noch näher am Thema war. Jedenfalls wurden mir heute die Worte der Autorin zitiert: „Es war sehr schön bei Ihnen. Ich lese öfter an Schulen. Ich habe da schon ganz anderes erlebt.“ Wunderbar und Dank an euch „Trixis“ und „Korken“. Ich selbst fuhr nach Speyer. Welche Informationswege da nun schon wieder wirksam wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich jedenfalls war als Praktiker und Schulleiter bei einer Ideenbörse zu gelungener Arbeit zwischen Eltern und Schulleitung eingeladen worden. Unsicher über die „Gelingensbedingungen“ (welch ein modernes Wortungetüm, das immer häufiger zu hören ist), fuhr ich zum Pädagogischen Landesinstitut. Und siehe da: Nach einer kurzen Phase des Zuhörens konnte ich mich wirklich mit vielen Erfahrungen aus der Praxis am Diskurs beteiligen. Gleichzeitig lernte ich dazu, denn mindestens zwei Dinge nahm ich im Kopf mit zurück an die Schule. Allerdings hatte ich kaum Zeit, die Erfahrungen sich setzen zu lassen und nochmals hin und her zu wenden. Die Vorbereitung der Zeugniskonferenz der beiden Zehnerklassen füllten meinen Nachmittag mit wieder neuen Eindrücken und Erfahrungen (so genannte Kopfnoten, Abschlussbedingungen der Realschule plus, etc.) Wie sagte meine Sekretärin vor kurzem: „Ich möchte bloß mal wissen, wie du die ganzen Gespräche, die allein ich hier mitbekomme, verarbeiten kannst.“ Wohl wahr: Von einer Lesung früher weg zu müssen, um pünktlich zu einer Ideenbörse zu kommen, dort präsent mitzuarbeiten, um sie auch verfrüht zu verlassen, denn der nächste Termin mit hoher Konzentration wartet schon in der Schule – diese Fülle ist gerade typisch für meine Tage. Die Abende vergehen daher zunehmend mit der nachgefragten Verarbeitung.

Nun ist die Lücke geschlossen, das Tagebuch wieder aktuell. Heute galt es, die Gunst der Stunde und den Kuss der Muse zu nutzen. Angemerkt sei auch dies: Es ist nach wie vor eine Freude und so etwas wie ein Lebenselixier, wenn ich beim Überqueren der Schulhöfe an beiden Standorten immer wieder und immer noch die Zurufe vieler Schüler/-innen höre: „Guten Morgen, Herr Dumont!“ Eine Besucherin, die kürzlich mit mir ankam, merkte dazu an: „Das ist aber mal ein gutes Zeichen für die Atmosphäre an einer Schule, wenn deren Leiter so freudig begrüßt wird!“ Die derzeit kalte Witterung macht die Worte durch den Hauch auch noch sichtbar im morgendlichen Laternenlicht. In diesem Beruf sind nicht nur Zeit und Inhalt bis an die Oberkante reichlich gefüllt, seine Erlebnisse gießen auch Erfüllung in hohem Maße in mich hinein.

 

Donnerstag, 06. Dezember 2012:

Zum Nikolaustag erhielt ich heute die ersten Plätzchen aus der „Weihnachtsbäckerei“. Das macht doch zusätzlich Schule aus, dass auch der Schulleiter mit kleinem, süßem Backwerk aus den Familien bedacht wird. Herrliche Szenen und Dialoge spielen sich da ab. Welcher Beruf hat dies schon im Angebot.

Zu Beginn des Nachmittags eine ein Treffen mit Schüler/-innen, die eventuell auf den Abschluss zugehen. Wir versuchten, ihnen zum einen auf die Füße zu treten, weil das Engagement angesichts der Bedeutung dieses Abschnittes uns nicht ausreicht. Auf der anderen Seite wollten wir motivieren, um das Beste herauszuholen. An diesen Stellen wird mir meine eigene Schulbiografie erneut sympathisch und das nutz ich auch aus. Auch sie führte zunächst über den Hauptschulabschluss und dann über die zweijährige Berufsfachschule in der technischen (!) Ausrichtung. So kann ich mich als lebendes Beispiel hinstellen, dass die Berufsreife zum einen nicht wertlos ist, zum anderen zu einem Wunschberuf führen kann, der in diesem Schulabschluss zunächst gar nicht angedacht ist. Über noch einen glücklichen Umstand verfügen wir: Die Mutter eines Schülers ist Kollegin an der örtlichen Berufsbildenden Schule. Sie war heute ebenfalls da und konnte als „Externe“ unsere Ausführungen unterstreichen und die Möglichkeiten des dualen Systems aus ihrer Sicht darstellen. Auch ein vielzitiertes Beispiel aus meiner eigenen Klasse führt ich erneut an: Einer meiner Schützlinge sah ich partout nicht in Klasse 10. Ich beriet ihn und auch seine Eltern dahingehend, den Einstieg ins berufsbildende Schulwesen anzustreben, weil dessen Schwerpunkte den Neigungen eher entsprachen. Zunächst erntete ich viel Widerstand, dann auch Kritik, weil ich standfest blieb. Und siehe da: Der eher mittelmäßige Schüler an der allgemeinbildenden Schule entwickelte sich zum sehr guten Eleven in der Berufsfachschule und fand mit einem Superzeugnis einen Ausbildungsplatz seiner Wahl. Also, ihr Lieben, hängt euch nochmal rein, ihr durchlebt gerade eine ganz wichtige Zeitspanne. Nutzt sie, um noch eine Schaufel draufzulegen!    

 

Dienstag, 04. Dezember 2012:

„Soziales Kompetenztraining“ nennt sich eine Maßnahme bei uns an der Schule, die seit einigen Jahren angeboten wird. Der Landkreis kann aus bestimmten Mitteln (die genauen Zusammenhänge erschließen sich mir nur schwer) dieses Training anbieten. Es ist erneut für zwei Jahre genehmigt, so dass heute inhaltliche Absprachen stattfanden. So kurz ich den ovalen Tisch in meinem Büro auch bevölkere, es sind daran schon eine ganze Reihe wichtiger Gespräche geführt worden, zu zweit, zu dritt, im Schulleitungsteam oder in größerer Runde wie etwa heute oder gestern die Baurunde. So gewinnt dieses Möbelstück zunehmend an Bedeutung.

 

Montag,03. Dezember 2012:

In zwei meiner Musikklassen erklang schon das Lied „In der Weihnachtsbäckerei“ – fast schon ein Klassiker meiner IGS-Dei/Wa-Zeit. Durch Synkopenklatschen etwas aufgepeppt „läuft“ es in jedem bisherigen Jahrgang. Heute erklang es neben dem „Wir sagen euch an den lieben Advent“ aus dem Gotteslob im Fünfer-Assembly, und wer genau hingeschaut hat, wird auch in meinen Augen ein Leuchten entdeckt haben. Wunderbar!

Zurück im Deidesheimer „Oval Office“ traf sich eine mächtige Baurunde bestehend aus Kreisvertretern, Architekt und Schulleiter, um erste Überlegungen zum dritten Bauabschnitt, sprich Bau der Oberstufe, anzustellen. Im Grunde liegen, bis auf die Quadratmeter festgelegt, die Räume durch die Schulbau-Richtlinie fest, die „zuschussfähig“ sind. Die zwei Standorte bedingen zusätzlich, dass Räume und deren Fläche an beiden Standorten addiert werden. Das führt durchaus zu Einengungen, denn was nützt es den Klassen 7 bis (später einmal) 13, wenn sich einer der beiden vorgeschriebenen Computerräume am Standort in Wachenheim befindet. Schulbaurichtlinie erfüllt, aber für die „Großen“ zu weit weg. Spielraum ergibt sich trotzdem nicht, kein Schulträger kann bei leeren Kassen wegen des Doppelstandortes zusätzliche (nicht bezuschusste) Räume errichten. Gleichwohl ist die Richtlinie für den Einzelstandort geschrieben worden. Solche Überlegungen spielten heute eine Rolle und ich hatte den Eindruck, mit einem uns wohlgesonnenen Träger im Gespräch zu sein. Klar wurde schnell, dass die Richtlinien gänzlich umgesetzt werden, auch das, was zusätzlich im Bereich Ganztagsschule und Schulsozialarbeit formuliert ist. Entscheidend für das künftige Aussehen der Schule werden die Ergebnisse der in den Herbstferien durchgeführten Bodenbohrungen sein. Sie entscheiden letztendlich darüber, ob der Baugrund ein zusätzliches Geschoss tragen könnte oder ob ein Anbau die Lösung sein wird.

Im dann wieder leeren Büro machte ich mir noch Gedanken zur Personalplanung. Es sind zwar nur kleine Veränderungen, aber meine Wunschlösung gleicht mehreren Zügen beim Schachspiel, jede Idee begründet weitere, die wiederum eine Folge nach sich zieht und gelöst werden will. Mal sehen, ob die Schulaufsicht „mitspielt“.

 

Sonntag, 02. Dezember 2012:

Ein selten dichtes Vorkommen von Terminen spiegelt sich auch im Tagebuch wieder – ich muss eine komplette Woche nachtragen.

Ich beginne beim Donnerstag der letzten Woche. Großer Informationsabend „Auf welche Schule schicke ich mein Kind“. Er war vielleicht so gut besucht wie nie, genaue Zahlen gibt es nicht, das Gefühl entscheidet. Die Veranstaltung verlief wie immer: Zunächst die Schulform der Realschule plus. Da gibt es eine Reihe von Schnittmengen zur IGS: integrative Form, Wahlpflichtfächer, Ganztagsschule, Medienkompetenzschule. Diese Punkte nutzend, stellte ich die IGS vor. Als Schulform, die ebenfalls das Abitur vergibt, stellt sie quasi den Übergang zum Gymnasium dar. Was an einem solchen Abend alles an Informationen genannt wird, ist für Außenstehende kaum zu verarbeiten. Aber auch ich hatte ja in diesem Jahr einen gedruckten Flyer dabei, dem alle Besonderheiten zu entnehmen sind. Kurzer Schreck bei der Einsicht: Diese Dreierrunde an Schulleitern wird durch Pensionierung in dieser Konstellation nicht mehr zusammen kommen. Und es wird nur ein weiteres Jahr dauern, dann bin ich dort der dienstälteste Schulleiter. Kaum zu fassen.

Am darauffolgenden Morgen hatte sich der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Deidesheim angesagt. Irgendwie war es auch ein „Antrittsbesuch“. Wir hatten ein Treffen schon länger ausgemacht, nun fand es also statt. Gegenwarts- und Zukunftsthemen tauschten wir aus. Großen Raum nahmen die Überlegungen zum an die Schule grenzenden Sportplatz ein. Er liegt seit Jahren brach, wird bei größeren Festen in Deidesheim inzwischen als Parkplatz genutzt. Da der Landkreis ihn beim Übergang der Trägerschaft nicht miterworben hat, ist offen, was damit geschieht. Ganz wird eine Nutzung durch die Schule kaum umzusetzen sein, aber bereits ein Teil würde uns viele Möglichkeiten eröffnen…

Am Montag dann ein weiterer Termin zur Vorstellung unserer Schule. Aus alten Schulträgerzeiten nahm ich die Einladung „unserer“ beiden Grundschulen immer an, um die „neue“ IGS im Landkreis dort bekannt zu machen. Heute war also die Grundschule in Deidesheim dran. Dort die Besonderheit, dass ich zusätzlich über alle Schulformen und weiteren Bildungsmöglichkeiten informiere. So auch heute. Immer wieder der Stachel des Losverfahrens. Es ist Eltern, die zum ersten Mal (genau) davon hören, einfach schwer zu vermitteln, dass die IGS diese „Aufnahmehürde“ umsetzen muss. Keine andere Schulform kennt dies. Klar, dass es fremd wirken muss. Ich versuche an diesen Stellen immer, für möglichst viel Entspannung zu sorgen. Es geht zu diesem Thema wohl eine Gerüchteküche um, die kaum zu stoppen ist. Wenn ich dann formuliere, dass bisher jedes Jahr aufgrund von Widersprüchen sowohl Anwälte als auch die Rechtsabteilung der Schulaufsicht unsere Aufnahme überprüften und nichts Fehlerhaftes gefunden haben, will ich gegen dieses unkontrollierbare Gerüchtegemenge anreden. Auch eine Nachfrage, ob unsere Klassen „nur auf dem Papier“ oder wirklich heterogen zusammengesetzt sind, scheint mir auf eine reichhaltige „Küche an falschen Vermutungen und Legenden“ hinzudeuten. So sei es hier nochmal zum Nachlesen niedergeschrieben: Unser Losverfahren ist ehrlich und wird überprüft. Selbst wenn wir es so wollten, könnten unsere Klassen nicht anders als gleichmäßig heterogen zusammengesetzt sein.

Am frühen Morgen hatte sich eine Kollegin aus dem hohen Norden einen Termin geben lassen, der eine Versetzung zu uns ausloten sollte. Da waren es schon drei Bewerbungen für das kommende Schuljahr – und es ist nicht mal Weihnachten!

Dienstag: Nochmal Gespräche hier und da, die Terminvergabe durch die Sekretärin wird gerne angenommen. Gut so, denn alle freuen sich, mich erreicht zu haben. Abends, auch noch diese Woche (!), Sitzung des Schulelternbeirates mit einigen kniffligen Themen. Daher überschritten wir auch den selbst gewählten Schlusspunkt 22 Uhr um eine Dreiviertelstunde. Uff und Gähn, die Woche beginnt an mir zu zehren.

Es tut gut, grundsätzliche Erwartungen und Möglichkeiten zu klären und abzustimmen. So geschehen am Mittwoch, bei einem langen und guten Gespräch mit dem Jugendamt. Vorher zwei Stunden Musik. Was mich früher durchaus anspannte, erlebe ich seit einiger Zeit fast als störungsfreie Entspannung  und als wohltuend, weil ich lange am selben Thema bleiben kann. Mein Musikunterricht macht immer noch und immer wieder Spaß, offensichtlich nicht nur mir, denn einige aus der Klasse beschwerten sich heute, weshalb er die letzten beiden Male vertreten werden mussten. Rüber nach Deidesheim, Termin und dann nochmal nach Wachenheim: Die 1stClassRocker warteten sehnsüchtig.

Ein kleiner Schock am Donnerstagabend: Bisher war bei den eigenen Infoabenden die Stadthalle sehr gut gefüllt. Es blieben zwar immer mal Stühle frei, aber heute waren gerade mal knapp über 40 Menschen da. Ist da was eingebrochen? Ist das Bedürfnis nach Informationen nahezu gestillt? Ist der Termin nicht richtig kommuniziert worden? Er stand wie immer in den Amtsblättern und in der Zeitung. Die Präsentation hatten wir nochmals verändert, verbessert, hier gestrafft, dort Neues hinzugefügt. Ich habe das Gefühl, dass sie jetzt richtig „rund“ ist, vermute aber, dass sie im nächsten wieder anders sein wird…

Die Runde ernsthafter Gespräche ging auch am Freitag weiter, ebenfalls die Anfragen wegen Schulwechsel. Inzwischen hätte ich zumindest die Jahrgänge 7, 8 und 9 um je eine Klasse erweitern können. Gerne stehe ich Rede und Antwort, erkläre immer wieder, weshalb wir einfach keinen freien Schulplatz haben und welche Möglichkeiten sich eröffnen. Aber das kostet eben Zeit, die ich eigentlich nicht habe bzw. mit anderen Vorhaben verplant hatte. So wechseln sich die Stimmungen von Hektik und Termindruck mit solchen von Freude (und Stolz) wegen der positiven Rückmeldungen und solchen der Unzufriedenheit wegen ständig unerledigter Dinge fast stündlich ab.

Und dann gestern schließlich ein Höhepunkt im Schuljahr: der Tag der offenen Tür. Seit geraumer Zeit planten die Teams Unterricht, Präsentationen und Ausstellungen. Gestern nun standen die Türen offen: In Wachenheim zur Hospitation im Unterricht, zur Information über das Konzept und zur Präsentation vieler entstandener Dinge; in Deidesheim zur Teilnahme an einer Berufsbörse: 30 verschiedene Berufe wurden schließlich von externen Fachleuten oder Berufsinhabern vorgestellt. Welch ein Gefühl, dass an einer Schule derart engagierte Kolleg/-innen und Eltern einen solchen Tag zu stemmen in der Lage sind, wo muss überall hingeschaut werden, um ihn in Vollständigkeit wahrnehmen und würdigen zu können. Auch die Befürchtung nach dem Infoabend am Donnerstag, dass sich deutlich weniger Menschen für die Schule interessieren, zerschlug sich. Die Nachfrage war bekannt hoch. Eine von vielen Rückmeldungen lautete: „Ich habe Ihnen am Donnerstag nicht alles geglaubt, was Sie da vorgestellt haben. Heute habe ich es gesehen! Das Ministerium müsste sich die Klinke in die Hand geben angesichts ein solch tollen Schule.“ Dankend bleibe ich zurück, wissend, dass dies ein Erfolg so vieler Menschen ist, großen und kleinen. Und doch bin ich auch froh, diese „Mammut-Woche“ hinter mir zu haben. Eine solch dichte „Taktung“ kann ich als Ausnahme stemmen, zur Normalität ist sie keinesfalls geeignet – und ich auch nicht.

 

Mittwoch, 22. November 2012:

Dass eine Schülergruppe beim Tourismus-Wettbewerb den dritten Platz erzielt hat, habe ich bereits erwähnt. Nun waren die Gewinner bereits bei der Haßlocher-Lokalredaktion eingeladen und ein Bericht erschienen und heute nun hatte der Regionalsender „Antenne Neustadt“ geladen und wollte ein Interview durchführen. Ein Brettspiel mit eigenen Regeln lernt man am besten kennen, wenn man es spielt. Also: Brett und Spielanleitung holen und Startkarten ziehen. Auch der Schulleiter durfte mitspielen und dadurch in Idee und Praxis des ausgetüftelten Spiels eintauchen. Ich lernte erstmals weiter entfernte Punkte der Metropolregion kennen, merkte wie schlecht ich mich „hinter dem Fluss“ auskenne. Das Spiel zog sich mit seinen vielen Aktionskarten länger hin, als ich eingeplant hatte. So musste ich nach Wachenheim zu einem Unterrichtsbesuch fahren, bevor das eigentliche Anliegen, das Interview, zum Zuge kam. Jetzt am Abend denke ich, wie schnell wir sein können. Ich habe ein paar Bilder in die Rubrik „Neuigkeiten“ auf der Homepage der Schule eingestellt und beschrieben, der betreuende Kollege hatte bereits eine digitale Version des Interviews erhalten. Noch am Abend konnte man sie anklicken – gesendet war sie noch nicht!

Mittags tagte der Schulträgerausschuss mit wichtigen Entscheidungen: Zwei Schulleiterstellen werden zum nächsten Schuljahr neu besetzt. Zum Verfahren gehört, dass das Benehmen mit dem Schulträger hergestellt wird. Die sich anschließenden Informationen des Bauausschusses konnten nur mündlich vorgestellt werden. Die Verbindung zwischen Laptop und Beamer war nicht hinzubekommen – Segen und Fluch der Technik!

Eine Neuigkeit machte die Runde. Kolleg/-innen klagten immer wieder über meine Nicht-Erreichbarkeit. Doppelstandort und Außentermine machen das sich sonst scheinbar unkomplizierte Antreffen des Schulleiters zum Problem: „Ich war schon fünfmal an deiner Tür. Nie warst du da!“ Nun vergibt die Sekretärin Termine wie beim Arzt. Zunächst kommt mir das seltsam vor, aber mich haben schon überschwängliche Reaktionen erreicht. Ein gutes Stück Zufriedenheit kann durch diese Maßnahme einkehren und dann wäre es eine gute Maßnahme.

Gegenüber der Schule in Deidesheim wird derzeit die Tennishalle abgerissen. Wegen des alten und asbesthaltigen Eternitdaches sehe ich in weiße Ganzkörperanzüge gekleidete Männer vorsichtig das Dach abbauen. Da der Bestandsbau der Schule über ein ebensolches Dach verfügt, werde ich dieses gespenstisch wirkende Arrangement in den nächsten Jahren noch etwas näher erleben.  

 

Dienstag, 20. November 2012:

Als wäre es Absicht, bevor die Netzwerker der Partizipation und Demokratie kommen: Heute fand ein erstes Assembly mit den drei Jahrgängen in Deidesheim statt. Kein  Raum ist groß genug, daher hatte die SV in die Turnhalle neben der Schule geladen. Diese darf aber nicht mit Straßenschuhen betreten werden…ich rechnete mit einem Chaos. Nichts da! Alles klappte wunderbar. Die Vorbereitungsgruppe führte „stramm“ durch das Programm, die derzeit aus Burgund gastierenden Schüler wurden begrüßt, eine Diskussion angeregt, alles lag in den Händen der Schüler/-innen. Ich war begeistert!

Netzwerktreffen der IGS-Schulleiter/-innen der Region mit der Schulaufsicht, neuer Name, alter Inhalt. Wichtige Informationen galt es offiziell zu streuen. Das Aufnahmeverfahren wird sich verändern: Aufgrund des so genannten „Anmelde-Tourismus‘“ ist nur noch die Anmeldung an einer Schule möglich. Diese Verschärfung schwappte aus dem Gymnasium zu uns herüber, denn bei den IGSn war aufgrund der (immer noch) wenigen Schulen eine Doppelanmeldung gut zu handhaben. An anderen Schularten mag dies durchaus ein Problem gewesen sein, zumal in Zeiten sinkender Schülerzahlen. Ich nenne es Verschärfung, weil es durchaus Eltern gibt, die nicht eine spezielle Gesamtschule  ins Kalkül ziehen, sondern sie wollen an die Schulart IGS. Die neue Regelung verschlechtert diese Chancen und erhöht den Druck auf das Anmeldeverfahren einzelner Gesamtschulen. Eine weitere Neuregelung ist der Einstieg in die Senkung der Klassenmesszahl. Sie wird schrittweise bis ins Jahr 2015 von 30 auf 25 gesenkt. Allerdings nur in den Klassen 5 und 6. Ab der siebten Klasse gilt dann wieder die bisherige. Was das für unsere Klassen bedeutet, ist für mich noch nicht absehbar. Fünf neue Schüler/-innen in eine Klasse aufzunehmen, die bereits zwei Jahre Entwicklung mit dem Programm „Erwachsen werden“, den erlebnispädagogischen Tagen, dem Klassenrat, den Arbeits- und Lernformen hinter sich hat, wird diese Klasse verändern und stützende Maßnahmen erfordern. Ein Zusammenhang zwischen Klassengröße und effektivem Lernen konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Wieder einmal regiert der Rotstift in die Pädagogik hinein und verschlechtert die Rahmenbedingungen unseres Arbeitens. Noch gar nicht durchgerechnet ist dabei die Zuweisung von Lehrerwochenstunden bei 20 Schüler/-innen weniger pro Jahrgang…

Diskutiert wird auch die Anzahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, deren Doppelzählung aufgrund zusätzlicher Pädagogik…Sprich: Ich fuhr beunruhigt von Frankenthal nach Hause…

 

Freitag, 16. November 2012:

Wandertag aller Klassen – Ruhe in den Mauern. Ein lange erdachtes Treffen mit den beiden Sekretärinnen in Deidesheim (noch ’n Frühstück). In erster Linie aber zur Vereinfachung künftiger Arbeitsprozesse. Wir vereinbarten, in welchem der Sekretariate welches Themengebiet bearbeitet wird, wo wir die Arbeit straffen und bündeln können. Je weniger Menschen an einem Thema arbeiten, desto geringer ist die Gefahr von Fehlern. Die Zukunft wird über die Güte dieses Tages entscheiden.