Diese Seite drucken

Okt./Nov. 2012

 

Donnerstag, 15. November 2012:

Was 2008 durch einen kurzen Handschlag begann, führte über ganz verschiedene Unterstützungen zu dem heutigen Besuch: Der Pressereferent des Kreises wird nächste Woche in Pension gehen. Für uns war es ein Anlass, ihn einzuladen, mit einem Frühstück und einem kleinen Programm als „Dankeschön“ zu verabschieden. Die Gesangsgruppe der Realschule plus, die sich für die interreligiöse Feier konstituierte, konnte ohne viel Aufwand ihren Auftritt erneuern, ein Gedicht dazu, ein paar Worte der Erinnerung an den gemeinsamen Weg – und schon war eine Überraschung gelungen.

 

Mittwoch, 14. November 2012:

Als ich meine Beteiligung am 7. Demokratietag zusagte, war die Termindichte bei weitem nicht abzusehen. Lange blieb mir auch schleierhaft, wie mein Name bei einer landesweiten Veranstaltung ins Spiel gekommen ist. Fakt bleibt: Ich sollte einen Thementisch moderieren zur „schulischen und außerschulischen Demokratiebildung“ – nur ein kleines Rädchen im Getriebe dieses Tages. Gefordert waren Thesen und Impulse, um in die Gesprächsrunde einzusteigen. Ich benötigte nicht lange, um deren fünf oder sechs zu formulieren. Von daher war es vielleicht nicht unberechtigt, dass mein Name beim Vorbereitungsteam ins Spiel kam.

Gereizt hatte mich die Beteiligung unter anderem deshalb, weil der Demokratietag im Landtag stattfand. Erstmals betrat ich am Morgen einen der Orte, wo Demokratie täglich gelebt wird und sich unmittelbar auswirkt. Was hier beschlossen wird, hat Gesetzeskraft. Mein erster Eindruck, als ich den Plenarsaal sah, war: Er ist gar nicht so groß, wie er in der Weitwinkel-Perspektive der Fernsehkameras immer auf mich gewirkt hat. Beeindruckt erblickte ich auch die Originalfahne hinter der Präsidiumsbank – sie ist eine, die 1832 auf das Hambacher Schloss getragen wurde, die Wiege (oder zumindest einer der Wiegen) unserer Demokratie. Mit einem der Saaldiener kam ich ins Gespräch. Dieser sagte: „So unruhig wie heute ist es sonst hier nicht. Die Kinder bringen eine ganz andere Atmosphäre herein.“ Für einen Demokratietag keine schlechte Erfahrung, wenn Kinder „frische Unruhe“ in eine sonst erhabene Institution bringen. Seinem Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass ihm die gewohnten „leisen Sohlen“ des Parlamentsalltags lieber waren.  Immer wieder traf ich beim „Markt der Möglichkeiten“ bekannte Gesichter aus dem schulischen Bereich, sprach bei dieser Stiftung vor, dort mit jener Initiative. Und da war sie wieder: Eine dichte Traube von Menschen mit Mikrofonen und Kameras drängte sich durch den „Markt“ – unverkennbares Zeichen dafür, dass da eine „begehrte“ Persönlichkeit sich irgendwo in dieser Ansammlung befinden musste: Dem Ministerpräsidenten musste, mit zum Teil ausgesprochenem Nachdruck, der Weg gebahnt und mediales Getümmel eingegrenzt werden. Das, was ich bereits mit einem Staatssekretär beim Jugendforum erlebt hatte, wurde hier auf erschreckende Weise übertroffen. Von wegen „Politiker zum Anfassen“, solch lange Arme, solche Ellenbogen und solch unverfrorene Kraft zum Bahnen einer Gasse bringen vielleicht Medienvertreter auf (Lernen die das eigentlich in der Ausbildung?). Mich schreckte das erneut ab und ich machte mich zur Kaffeebar auf. Sie lag nämlich jetzt fast verlassen im Foyer.

Immerhin: Die Wichtigkeit des Tages konnte ich unter anderem darin erkennen, dass der Ministerpräsident eine als Grundsatzrede angekündigte Ansprache halten sollte. Diesem Ansinnen erteilte er, zumindest der wissenschaftlichen Erwartungshaltung, gleich zu Beginn eine Absage. Anders als der Saaldiener freute er sich sichtlich an den jugendlichen Stimmen und dem ungewohnten Treiben, welches heute im Landtag zu hören war. Mich beeindruckte, wie er 30 Minuten frei sprach, ohne Karteikarten oder andere Papiere. Das zeigt unter anderem, dass er „im Thema“ stand und es durchdrungen hat. Neuigkeiten waren der Rede freilich nicht zu entnehmen, zumindest nicht für einen ehemaligen Lehrer im Fach Gesellschaftslehre und einen politisch interessierten Zeitgenossen. Gewaltenteilung, Erstreiten demokratischer Strukturen von Hambach bis heute, Demokratie als Schwester des Vertrauens und eines mündigen Bürgerverständnisses sind Inhalte, die mir vertraut sind. Demokratie muss aber immer wieder weitergegeben werden und ist durchaus nicht selbstverständlich, sodass diese Inhalte bei Jugendlichen auch immer wieder tradiert werden müssen. Mir fehlte der Aspekt, dass wir nach 1945 die Demokratie nicht in erster Linie selbst „erstritten“ haben, sondern dass damals die Siegermächte (wieder) demokratisches Gedankengut erneut durchsetzen mussten. Besonders gefallen hat mir seine Aussage, dass der Kompromiss nicht „faul“ genannt werden kann, sondern dass in ihm die Unterschiedlichkeit der „streitenden“ Parteien vorkomme. Ich würde da sogar ein Stück weiter gehen: Im gefundenen Kompromiss steckt auch die Wertschätzung der einzelnen Positionen. Im Zuge des Inklusionsbegriffes ist die Vielfalt Normalität. Da gibt es nicht die (machtvolle) Durchsetzung einer stärkeren Seite, während die der anderen ausgeschlossen wird, bis eventuell diese dann einmal über die Macht verfügt. Ganz wichtig, auch dies ist für eine Schule von Bedeutung: Demokratie ist wesentlich mehr als am Ende „Ja“ oder „Nein“ sagen zu können. Viel wichtiger ist das Gespräch, das zu einem Ergebnis führt, welches einer Abstimmung unterzogen werden kann.

Was ich „dem hohen Hause“ und allen, die heute darin waren, gegönnt habe, waren drei Spielszenen von Schüler/-innen aus Landau. Zum einen haben die Szenen Demokratie innerhalb von Familie und Schule auf den Punkt gebracht, zum anderen haben sie wohltuend verdeutlicht, dass Worte nicht das einzige Transportmittel für Inhalte sein müssen. Herrlich: Auch Kinder aus einer fünften Klasse waren dabei und machten das freie Rund vor dem Rednerpult zur Theaterbühne, kreativ, humorvoll und Akzente setzend. Auch die Beiträge einzelner Schüler/-innen aus dem Landesmusikgymnasium in Montabaur unterstützten dieses ganzheitliche Vorhaben, von Bach bis Jazz…eine Freude eben.

Nach dem Essen – Impulse und Anregungen im Plenum lasse ich mal beiseite – pilgerten alle Teilnehmer/-innen zur nahe gelegenen Volkshochschule. Dort fanden in vier, „Panels“ genannten, Untergruppen Einführungsreferate statt, die dann wiederum an Tischgruppen weiterdiskutiert werden sollten. In „meinem“ Panel geschah dies durch den Politikwissenschaftler Jürgen Völker. Mit viel Humor, ohne die Wissenschaftlichkeit zu vernachlässigen, führte er ins Thema „Fit für die repräsentative Demokratie“ ein. Neben einem Grundverständnis der Beteiligung aller, käme in Zukunft dem Blick auf die Jungen eine viel größere Bedeutung zu. Durch den demographischen Wandel werde die Gruppe der Älteren immer stärker die Mehrheit auf ihrer Seite haben, die Positionen der Jugend würden allein durch die Umkehrung der Bevölkerungspyramide geschwächt, eine Beteiligung der Jüngeren also auch von daher unabdingbar, um demokratische Gestaltung aller zu ermöglichen. Völker ging sogar soweit, dass bei (fast allen) Entscheidungen ein Vetorecht von Jugendparlamenten und –gremien eingeräumt werden müsse. Dann ging es, deshalb war ich ja schließlich hier, an die Thementische, die kurzerhand in Themenrunden umbenannt wurden, weil die Tische eben fehlten. Es galt, sich auf drei Forderungen zu einigen, die dann methodisch mittels einer „Fishbowl“ aller Themengruppen von dann 24 auf wiederum 3 reduziert werden sollten. Dies geschah in allen vier Panels, so dass am Ende 12 konkrete Forderungen einer Expertengruppe aus dem Ministerium und dem Parlament zur Umsetzung übergeben werden sollten. Meine vorbereiteten Impulse waren kaum notwendig, um die Diskussion zum Laufen zu bringen. Zeitlich auf 20 Minuten begrenzt hatten wir Mühe, so konkret wie möglich zu werden. Eine Forderung etwa lautete: Verankern des Klassenrates in den Stundetafeln aller Schularten. Ich bleibe mal bei dieser einen, leicht umzusetzenden Forderung. Sie wurde in der Expertenrunde hin- und hergewendet, sprachlich (auch inhaltlich?) mit dem Hinweis auf vorhandene Klassenleiterstunden verwässert. Am Ende landete nicht nur diese Forderung, von Parteivertretern als Profilierungsversuch missbraucht,  irgendwo zwischen den Bankreihen auf dem edlen Teppichboden, wo sie, wie ich es empfand, künftig mit Füßen getreten werden kann. Ein unrühmliches Ende eines solchen Tages, der doch konkret werden wollte, der Beteiligung anstrebte, der Politik zum Mitmachen vorstellen sollte und angesichts dieser Schlussrunde (zumindest mich) zermürbte.

Immerhin, wenn mich mein Terminkalender nicht trügt, war es bis Februar der letzte ganztägige Termin außerhalb der Schule und brachte bei einzelnen Menschen, begonnen beim Jugendkongress, über den Zug der Erinnerung, Vallendar und dem 9. November das vierte Wiedersehen – für mich persönlich schön und sicher auch nicht zum Schaden der Schule.  

 

Dienstag, 13. November 2012:

Im zweiten Gesamtteam berichteten heute die einzelnen Arbeitsgruppen von ihren jeweiligen Ergebnissen des Studientages. In Summe wurde nochmals deutlich, wie ergebnisreich dieser Tag verlaufen ist. Der ausführlichste Bericht kam von der Gruppe, die sich mit der Planung der Oberstufe befasste. Die drei „Roadmaps“ zeichneten die „Umgebung“ nach, in der sich unsere Schule befindet, Punkte einer eventuellen Fortführung im Konzept und Aufgabenstellungen in nächster Zukunft. Schön war es zu erleben, wie einige Punkte aus der IGS aus Hildesheim an die Weinstraße „schwappten“. Da scheint sich eine fruchtbare Arbeitsphase anzuknüpfen. Auch die Gruppen der Berufsorientierung und die „Regelgruppe“ präsentierten ihre erfolgreichen Ergebnisse. Auch da ist ein umfassendes Konzept bzw. der erste Entwurf einer Hausordnung entstanden. Freilich, „Fertiges“ ist bei keiner Gruppe entstanden. Da ist Weiterarbeit in Gruppen angesagt, die wir gegen Ende des Gesamtteams noch bildeten. Und da war sie wieder spürbar, diese Aufbruchsstimmung, dieses Engagement und das „Wir wollen eine gute Schule entwickeln“. Wie anders als hochzufrieden und dankbar kann ich da nach Hause fahren!   

 

Freitag, 09. November 2012:

Es gehört wieder in die Rubrik „glückliche Zufälle“, dass ich letzten Sonntag bei einem Sonntagskaffee im Norden des Landkreises einen Stapel Heimatbücher des Landkreises geschenkt bekam. Beim Durchblättern der Ausgabe von 1991 stieß ich auf einen Artikel über den jüdischen Friedhof in Deidesheim. Da ich bisher nichts über diesen Friedhof wusste, wir aber heute dort agierten, kamen diese Hintergrundinformationen wieder genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich erfuhr, dass die erste Bestattung dort aus dem Jahre 1712 bezeugt ist, die jüdische Gemeinde aber bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts nachgewiesen ist. Der Friedhof überstand den Nazi-Terror mit heftigen Blessuren. Auch er wurde in der Nacht nach der Reichspogromnacht geschändet, Grabsteine umgeworfen. Zumindest Genugtuung empfand ich bei dem Satz: „Am 8. Februar 1946 hatten sich morgens um 8 Uhr auf Weisung der französischen Militärverwaltung ‚Parteimitglieder, namentlich SA und die bei der Verwüstung seinerzeit Beteiligten‘ auf dem jüdischen Friedhof einzufinden und ihn ‚sofort in einen würdigen Zustand zu versetzen‘ sowie die hierzu notwendigen Arbeitsgeräte, wie ‚Hebeisen, Bickel, Spaten usw.‘ mitzubringen.“ Immerhin fand 1949 noch ein Prozess statt, der die Beteiligten zu einer Haftstrafe verurteilte. Obwohl die Nazi-Gräuel nicht wieder gutzumachen waren, kamen die Täter nicht ganz ungeschoren davon. Über mehrere Stufen ging der Friedhof in den Besitz der Stadt Deidesheim über, in welchem er sich noch heute befindet. „So ist der jüdische Friedhof von Deidesheim heute nur noch…‘Zeugnis der jahrhundertealten jüdischen Kultur in Deidesheim und des kulturellen Verlustes in Folge der Ereignisse von 1933 bis 1945.“ (Alle Informationen und Zitate aus: „95 Grabsteine am Platanenweg“ von Berthold Schnabel; in: Heimat-Jahrbuch 1991 des Landkreises Bad Dürkheim, 9. Jahrgang, S. 195-200).

Und damit kam nun heute die IGS Deidesheim/Wachenheim in Berührung. Erstmals nahm die Schule an der Aktion „Politiker im Gespräch an Schulen“ teil, zwei Landtagsabgeordnete hatten sich angesagt. In Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis der ehemaligen Synagoge, der Stadt und der Tourist Service GmbH konnten wir die Gesprächsrunde in die ehemalige Synagoge verlegen, wo derzeit auch die Ausstellung „NS-Psychiatrie in der Pfalz“ zu besuchen ist. Angekündet war weiter ein Vertreter der „jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz“. Dieser brachte gar einen Vertreter der Gemeinde in Mannheim mit, der zeitweise im „Zentralrat der Juden“ engagiert war. Eine besondere Rolle in der Aussöhnung spielt der Stadtbürgermeister. Keine Frage, dass er auch geladen war.  Damit war die Runde hochkarätig besetzt, zu der sich unsere 18 Schüler/-innen der IGS und der Realschule plus gesellten.

Die Vorzeichen standen eigentlich für eine tolle Veranstaltung auf soliden Beinen. Weshalb ich „eigentlich“ einfüge, hat mit dem Fernsehen zu tun. Es war von uns nicht eingeladen, es fand sich „im Schlepptau“ eines der Politiker ein – und dominierte das Gespräch. Es ist eben eine völlig andere Situation und Aufregung, wenn die Kamera mitläuft, der eine oder andere Satz wiederholt werden muss, weil der Ton oder das Licht gerade nicht günstig waren usw. Jedenfalls wollte so richtig kein Gespräch aufkommen. Nun gut, unser aller Anliegen, die Richtung der Gedenkveranstaltung nicht nur an der Vergangenheit auszurichten, kam in meinen Augen dennoch an. Zukunft kann nur reif und gelungen gestaltet werden, wenn sie aus der Vergangenheit und deren Berücksichtigung heraus gespeist wird. So sind die Personen, für welche dieses Gedenken ausgerichtet ist, nicht nur die Ermordeten des Dritten Reiches. Es sind ebenfalls unsere Schüler/-innen, welchen diese, hoffentlich demokratische Zukunft, in die Hände gelegt sein wird. Gedenken an historischen Orten, mit einbezogenen Zeitzeugen, mit heute verantwortlichen Politikern ist eine Sache. Eine andere ist körperliches Tun. Ich reihte mich (zumindest eine Zeit lang) selbst aktiv in die rechenden und Zweige schneidenden Schüler/-innen auf dem Friedhof ein, rechte das nasse Laub um die alten Grabsteine herum zusammen – eine Tätigkeit, die mir zwar aus dem Garten bekannt ist, die aber bisher ohne den Hintergrund des Tages und des Ortes, rein gärtnerisch motiviert war. Die fehlenden, abgebrochenen Zinken der städtischen Rechen vervollständigten symbolisch die Tätigkeit. Das Kamerateam des Fernsehens nahm auch nur kurz einige Impressionen auf, fuhr dann an die nächste „Filmstätte“ und tat damit der Atmosphäre einen guten Dienst. Während dieser Tätigkeit inmitten der Jugendlichen kam in mir die Frage auf, wie es wohl zu verwirklichen wäre, dass wechselnde Schüler/-innen unserer Schule mehrere Male im Jahr hierhin kämen und den Friedhof betreuten, still und leise, ohne Fernsehen und Aufsehen. Ich werde dafür werben.

Am Abend, ich ließ es mir natürlich trotz meiner Kritik nicht nehmen, den Beitrag im Fernsehen anzuschauen, verfolgte ich noch Konzert und Kundgebung „Arsch huh, Zäng usenander“, welche 1992 schon mal stattfand. Damals anlässlich der Vorkommnisse in Hoyerswerda, heute immer noch und wieder aktuell durch die Mordserie der nationalsozialistischen Terrorzelle. 80.000 fanden sich ein und feierten ein Bekenntnis-Fest gegen Rassismus, für Vielfalt, Demokratie und Toleranz. Hörte ebenfalls von weiteren Veranstaltungen in Trier und Mainz, im Freien und in Synagogen, bekam mit, dass ein Gymnasium in Mainz, auch eine neue „Modellschule für Partizipation und Demokratie“, mit deren Vertretern ich in Vallendar gesprochen hatte, Biographien von Opfern recherchierte und während eines Gottesdienstes in der neuen Synagoge vortrug. Den Tag abschließend entwickelte sich ein gutes Gefühl in mir, dass auch unsere Schule mit ihrem Beitrag mitwirkte. Mögen alle heutigen Aktivitäten darin münden, dass sich eine bessere und von einer übergroßen Mehrheit getragene, demokratische und freiheitliche Zukunft weiter ausbreiten kann. Dass sich die verirrten Gehirne von wenigen Verführten besinnen. Und, ich gebe diese Hoffnung nicht auf, dass rassistischem Gedankengut aufgrund einer (auch sozial) gerechteren Gesellschaft der Nährboden entzogen wird.

 

Mittwoch, 07. November 2012:

Die ersten Kraniche in einer der fünften Klasse sind gefaltet, das Lied eingeführt mit meinem Erlebnis der letzten Woche und mit dem darauf erschienen Zeitungsbericht. Kraniche fliegen tatsächlich auch am Haardtrand entlang Richtung Süden, vielleicht auch der Thermik wegen. So konkret „aus der Zeitung“ konnte ich noch selten ein Vorhaben einführen und ein konzeptionell passendes Lied dazu erklingen lassen. Die Bedeutung des Textes wurde wunderbar auf die IGS bezogen. Die Melodie „sitzt“ noch nicht Ganz; aber das wird schon noch.

Davor konnte ich einen glücklichen Augenblick herbeiführen helfen: In Wachenheim wartete bereits seit den Herbstferien der große Bildschirm eines Digitalen Schwarzen Brettes darauf, den Vertretungsplan, der in Deidesheim ins Netz losgelassen wird, am zweiten Standort anzuzeigen. Technische Feinheiten und Lizenzverzögerungen machten es erst jetzt möglich – und ich war dabei, weil ich in Wachenheim Unterricht hatte. Also: Leiter holen, einigermaßen sicher an der Treppe aufstellen, Bildschirm einschalten, eine dann erscheinende, „elend lange“ Kennung durchs Handy nach Deidesheim durchgeben, abwarten und „Schwupp“, da war er. Jubel bei den gerade in die Pause strömenden Schüler/-innen („Stoßt mir ja nicht an die Leiter!“). „Das ist ja toll!“, „Ist das jetzt unser Vertretungsplan?“, „Hey, sind wir eine moderne Schule!“…so einige Kommentare auf dem Weg in den Hof. Ich hatte meine liebe Mühe, alle hinaus zu bekommen. Allzu interessant war dieser große Bildschirm. Bleibt zu hoffen, dass er so manche Schwierigkeit am Morgen beheben kann, wenn der Vertretungsplan nicht rechtzeitig als Ausdruck aushing oder erst gar nicht abgerufen werden konnte.


 

Montag, 05. November 2012

Bereits letzten Montag übte ich mit den „Wachenheimern“ das Lied: „Er hält das Leben in der Hand“ ein. Es ist eine Übersetzung des Gospels „He’s Got The Whole World In His Hand“. Einiges wollte mir in der deutschen Sprache nicht recht passen, so dass ich enger am Text eigene Strophen formulierte und diese dann im Wechselgesang mit der „Assembly-Gemeinde“ sang. Aus einer ganzen Reihe von liturgischen Gesängen ist mir der Wechselgesang zwischen einem/r Vorsänger/in in seiner Wirkung bekannt. Und die Melodien der amerikanischen Spirituals sind in der Regel mitreißend. So auch heute. Es machte keine Mühe, Melodie, Text und Wechselgesang einzuüben und heute beim Fünfer-Assembly abzurufen. Wie es bei den Kindern gewirkt hat, weiß ich nicht. Bei mir stellte sich die gewünschte Regung in Herz und Bauch wie erwartet ein. Mindestens zwei Lieder fielen mir noch ein, die ich aus „meiner Jugendgottesdienst-Zeit“ her kenne. Ich werde sie nach dem heutigen positiven Erlebnis ausgraben (35 Jahre liegen auf ihnen!) und sie in ähnlicher Weise „bearbeiten“.

Noch ein markanter Termin heute: SchLuL-Resümee-Treffen. Welche Inhalte haben uns in Ingelheim bei den vier Modulen so angeregt, dass wir sie in den schulischen Alltag hinein verlängert haben. Was da schließlich auf dem Flipchart-Bogen notiert war, konnte nur Hochachtung verdienen. Auch der Referent vom Pädagogischen Landesinstitut äußerte diese Einschätzung und trug sie in unser Gästebuch ein. Ja, aus jedem Modul sind Anregungen in Deidesheim-Wachenheim angekommen, einige schon konkreter in der Umsetzung, andere zumindest in den Anfangsschuhen. Im April wird die Abschlusstagung stattfinden. Ich denke, bis dorthin sind wir schon wieder ein weiteres Stück des Weges gegangen. Besonders freute mich, dass wir – waren es drei oder vier – Themen herauskristallisiert haben, die unter den Begriff „Unterrichtsentwicklung“ zusammen zu fassen sind. Konzeptionell haben wir ganz schön viel zu Wege gebracht. Wenn nun ein weiterer Schritt in das „Kerngeschäft“ hinein weiterentwickelt wird, kann das unserer Schulentwicklung nur gut tun und würde mich selbst sehr glücklich machen. Ein erster Schritt dazu war das heutige Treffen und deswegen war es ein gutes!   

 

Freitag, 02. November 2012.

„Um 10 Uhr kommt der Filmemacher. Dann schauen wir uns den Rohschnitt des Videos zum Jugendkongress an. Kannst du nicht vorbeikommen? Es gibt da noch eine Reihe von Fragen.“ Telefonat vom Mittwoch. Ich wollte es einrichten, schaffte es aber erst für 10.45 Uhr – der Alltag eben, der den Weg zum Auto verlängert, kaum bin ich aus einem gerade beendeten Gespräch dem Büro entflohen. Was ich dann aber im protestantischen Dekanat zu sehen bekam, war schlicht und einfach toll! Einen Tag zusammengefasst auf 20 Minuten, mit eindringlichen Gesichtern von Jugendlichen, einem Überblick und einem Geschick, die richtige Stimmung wiederzugeben – das wird eine gelungene Dokumentation. Bei ein paar offenen Fragen und Änderungen konnte ich mitwirken – oder neudeutsch geschrieben: konnte ich mich einbringen – so dass sich der Weg gelohnt hat.

Ich fuhr aber danach nochmal nach Deidesheim. Nächsten Freitag findet anlässlich des 9. Novembers ein Gespräch mit Landespolitikern statt. Der gesamte Komplex Thementag zum Mauerfall – Jahrgangsfahrt nach Thüringen – bis hin zur Partnerschaft mit der IGS Grete Unrein – entstand seinerzeit daraus, dass wir ein Gespräch zur Reichspogromnacht noch nicht mit Fünftklässlern durchführen wollten. In diesem Jahr haben wir uns dann angemeldet. Zwei Mitglieder des Landtages werden uns besuchen. Wir nutzten unsere inzwischen entstandenen Kontakte, so dass nun folgender Ablauf feststeht: Das Gespräch findet nicht in der Schule statt, sondern in der ehemaligen Synagoge. Von dort aus startet dann eine Schülergruppe zum jüdischen Friedhof und wird diesen in einer Aktion vom Herbstlaub und Geäst befreien. Gerne sagte ich zu, dass wir diese aktive Gedenkstättenarbeit der Realschule plus weiterführen. Ich wollte aber den jüdischen Friedhof nicht an diesem Tag erstmals den sehen. In Ruhe schaute ich mir die Grabsteine an Sie sind zum Teil sehr viel dicker als die üblichen, die ich von Worms, Berlin, Mutterstadt und Wachenheim kenne. Welche Gründe mögen hinter dieser Stärke von geschätzten 80 Zentimeter stecken? Sie sehen mächtig aus, wahrlich wie Steine für die Ewigkeit. Auch die gesamte Anlage liegt verwunschen hinter Bäumen und Sträuchern. Regen fiel zusätzlich während meines Besuches und tropfte mit dem typischen Geräusch auf die welken Blätter am Boden. Hier werden wir also wirken, schon jetzt überkam mich ein Schauer. Wie wird das erst am kommenden Freitag auf mich wirken?

 

 

Dienstag, 30. Oktober 2012:

Zunächst ein Nachtrag zu letzter Woche: Spontan wurde ich zur Gruppe der Praxistag-Teilnehmer eingeladen. Etwa 7 Schüler/-innen berichteten von ihrem ersten Tag in der jeweiligen Firma. Wunderbar, die Eindrücke, Erlebnisse Erfahrungen aus erster Hand zu hören. Mein erster direkter Kontakt zu diesem Thema. Vor geraumer Zeit hörte ich den Begriff auf einer Schulleiter-Dienstbesprechung zum ersten Mal und nun ist das Projekt in unserer Schule angelaufen! Bleibt dran, das kann für euch ein gutes und in die Zukunft weisendes Projekt werden. So nah bringt euch keine Bewerbung an das Arbeitsleben oder gar an einen Ausbildungsplatz heran!

Die Schülerschaft blieb heute zu Hause. Wir Lehrkräfte hatten mächtig zu tun. Wir führten einen Studientag in drei Gruppen durch: „Berufsorientierung“ die eine, „Regeln für das Schulleben“ eine andere und „Vorbereitung der Oberstufe“ die meinige. Wir hatten über das Schulentwicklungsprojekt „SchLuL“ Kontakt zur IGS in Hildesheim geknüpft. Als glücklicher Umstand kam hinzu, dass der ehemalige MSS-Leiter dieser Schulpreisträger-Schule kürzlich in Pension gehen konnte und seither Schulen mit seinen reichhaltigen Erfahrungen unterstützt. Da klopften wir natürlich an. Er reiste heute an die Weinstraße und inspirierte uns mit mannigfaltigen Einzelheiten, die es beim Aufbau einer Oberstufe zu berücksichtigen gilt. Drei „Roadmaps“ standen am Anfang, denen wir als Stolpersteine, Brücken und Engstellen auf dem Weg zur Mainzer Studienstufe, so die ausgeschriebene Variante für MSS, begegnen könnten. Prima Methode und intensives Arbeiten. Wir stellten fest: Die schulische Umgebung der IGS bietet für die Anmeldung zu „unserer“ Oberstufe ein breites Feld. Davor ist mir nicht bange. Vor- und Nachteile einer Profiloberstufe erörterten wir am Nachmittag. Auch hier viele Tipps und Hinweise, die wir nun in unsere Überlegungen einarbeiten können. Ein guter Tag heute, an dessen Ende in unserem Gästebuch steht: „Dank dem beachtlichen Kollegium mit großer Zukunftskraft“ – schöne Worte und Motivation zum Weiterarbeiten.

Nach einer langen Vorarbeit, in der Hauptsache während der Sommerferien, ist „Schulleiters Tagebuch 2, Der Start in Deidesheim, 2010 – 2012“ erschienen. Er ist umfangreicher als der erste Band und birgt quasi einen weiteren Teil der Schulchronik. Bin gespannt, wie er ankommen wird.

Abends dann noch die erste SEB-Sitzung des neu gewählten Rates. Die Zusammensetzung hat sich verändert, neue Gesichter sind hinzugekommen, bisherige Vertreter/-innen ausgeschieden. Aber ich habe heute das Gefühl mit nach Hause genommen, dass die vertrauensvolle, menschlich angenehme Atmosphäre (und der Humor) in der neuen Legislatur Bestand haben werden. Das fühlte sich gut an. Also, machen wir uns an die Arbeit, die sich aber nicht bei jeder Sitzung bis 22.45 Uhr erstrecken muss.  

 

Freitag, 26. Oktober 2012:

Ob ich die gestrige Gesamtkonferenz verdaut hätte, wurde ich heute so oder ähnlich mehrmals gefragt. Dabei empfand ich sie als gut, als eine sachliche Diskussion über die Struktur der Schule. Ich hatte einen Vorschlag über die Struktur mit einer koordinierenden Steuergruppe eingebracht, der bereits in den Jahrgangsteams besprochen wurde. Gestern nun sollten diese Bewertungen gesammelt und eventuell beschlossen werden. Im Laufe der Diskussion, verschiedene Vor- und Nachteile wurden hin- und hergewendet, fand diese Struktur keine Mehrheit. Stattdessen soll dem Gesamtteam mehr Gewicht zukommen als Gremium, in welchem auch alle konzeptionellen Punkte diskutiert werden sollen. Genau das war das Ziel: Auch während einer Diskussion über das, was man nicht will, schält sich langsam heraus, was man will. Da gab es nichts doch zu verdauen. Wir fanden gemeinsam nach eingehender Diskussion eine gute Lösung, die uns helfen wird. Prima!

Eine neue Heizung eingebaut zu bekommen, erfordert Dabeisein. Daher konnte ich leider nicht mit, als sich das Kollegium aufmachte durch den heute herbstlich kalten Wald. Und dann hörte ich noch ein Geräusch, das ich kenne, schaute an den Himmel und sah einen keilförmigen Schwarm Kraniche auf ihrem Weg in den Süden...    

 

Mittwoch, 24. Oktober 2012:

Per E-Mail erreichte mich eine Einladung zu einer kurzen Gedenk- und Abschlussveranstaltung des Zuges der Erinnerung am Bahnhof Neustadt-Böbig. Das wollte ich mir nicht nehmen lassen, zumal eine ganze Reihe von unseren Klassen diese einmalige Art der Erinnerung besuchte: Dem Schicksal jüdischer Kinder während des nationalsozialistischen Terrors in einem Zug zu gedenken, der an verschiedenen Bahnhöfen hält, halte ich für nachhaltige Gedenkarbeit. Da ich bisher keine Möglichkeit der Teilnahme hatte, machte ich mich mit einem Kollegen nach Neustadt auf. Diese Stunde muss drin sein, auch wenn sich meine 1stClassRock-Gruppe direkt anschließt. Und dann diese Augenblicke am Bahnhof! Da berichten Jugendliche über ihre Eindrücke beim Gehen durch den Zug, Repräsentanten aus der jüdischen Kultusgemeinde, der Politik und dem Ministerium sprechen über dieses dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, sprechen darüber, wie die Schatten dieser Zeit bis in die Gegenwart fallen und müssen immer wieder innehalten, weil Züge den Bahnhof durchfahren. Darunter auch ein langer Güterzug, dessen „Damdam – damdam“ beim Überfahren der Schienenanschluss-Stellen für mich als das symbolhafte Geräusch der Deportation fest eingeprägt ist. Was Worte des Gedenkens erreichen wollen, wird für mich sinnenhaft in diesem schrecklichen Geräusch erfahrbar. Tief bewegt und zunächst gar nicht offen, steckte ich in Wachenheim die Stecker in die E-Gitarren...

 

Dienstag, 23. Oktober 2012:

Ganztägiges Treffen der Direktorenvereinigung IGS in Kaiserslautern – von außen schon sichtbar: Die dortige IGS feiert 2013 40-jährigesw Bestehen. Gleichzeitig, da es die erste im Land war: 40 Jahre Gesamtschule in Rheinland-Pfalz. Ich erinnere  mich noch an die Feier zum 20-jährigen, damals an der IGS Ernst-Bloch in Ludwigshafen gefeiert. Was hat sich seither nicht alles verändert…und es wird weitergehen. Einige Punkte haben wir heute diskutiert: Klassenmesszahl, Personalzuweisungen im gymnasialen Bereich, Verbale Beurteilungen, Schwerpunktschule usw. Für die vielen neuen IGSn ist Unterstützung nötig, was die speziellen Inhalte von Gesamtschulen im Land anbelangt. Aber auch die anderen entwickeln sich weiter, haben Bedarf an Fortbildungen. Daher war auch die Leiterin des Pädagogischen Landesinstitutes geladen. Und vor allem diskutierten wir die pädagogischen Folgen, die uns die Politik ins Haus zu bringen scheint. Wieder einmal zeigte sich die Vielfalt der IGSn und deren Bedürfnisse im Land. Auch hier gilt es, die Vielfalt als Chance zu begreifen und zu erhalten. Interessant wird  der Aufbau einer Schule in  diesen Zeiten allemal bleiben. Wir werden Ernst machen müssen mit der Aussage: Schule als lernendes System zu verstehen.

 

Freitag, 19. Oktober 2012: 

Als Hauptredner gesellte sich heute Franz Wester aus Bremen zu uns. Er leitet dort im „Landesinstitut für Schule in Bremen“ das Referat Schulentwicklung. Sein Thema lautete: „Individualisierung des Lernens und Partizipation“. Daraus brauche ich nichts zu schildern. Regelmäßige Leser kennen alle Stichworte aus dem Vormittag: Heterogenität nutzen, individuelle Formen des offenen Lernens, übergreifendes und kompetenzorientiertes Lernen und differenziertes Messen von Leistungen. Am Nachmittag besuchte ich dann einen Workshop zum Thema „Dalton-Plan“. Aus der „Serviceagentur Thüringen“ war eine Referentin angereist, um dieses Arbeiten zu erklären. Da bei uns an der Schule ein Team bereits in Neuhaus an einer Dalton-Schule hospitiert hatte, wollte ich mein Wissen darüber vertiefen. Irgendwann konnte ich aber nicht mehr sitzen. Nun finden solche Veranstaltungen ja immer im Sitzen statt, aber es kam für mich schmerzhaft ein Umstand hinzu. Am vergangenen Sonntag rutschte ich im Schwimmbad auf der obligatorisch dazugehörenden Rutschbahn aus und fiel dermaßen auf den Hintern, dass ich seither vor allem liegende Tätigkeiten bevorzuge. Das ist im Alltag eines Schulleiters nun selten möglich. Aber solch eine Tagung toppt das Alltags-Sitzen in lange „Schmerz-Phasen“. Bei jedwedem Sitzen spüre ich schmerzhaft das Steißbein, so dass ich auf den Stühlen hin- und her rutschend, immer wieder Positionen suchen musste, die kurzfristig auszuhalten waren. Regelmäßig stand ich dann doch hinten im Raum, weil es einfach nicht mehr ging. Etwas schmunzelnd, immerhin kam ich aus Schönstatt, einem Zentrum der Marienverehrung, fiel mir der „schmerzensreiche Rosenkranz“ ein, der in der katholischen Kirche gebetet wird. Hätte ich mehr Zugang zur Marienverehrung, ich hätte vielleicht auch das volksliedhafte Lied anstimmen können: „Meerstern, ich dich grüße. Oh, Maria, hilf“…

 

Donnerstag, 18. Oktober 2012:

Heute schreibe ich in Vallendar, im „Forum-Vincenz-Palotti“, innerhalb des Schönstatt-Zentrums. Während des Theologiestudiums äugten wir äußerst kritisch hierhin, denn an diesem Ort entstand die Marienverehrung jenes Pater Josef Kentenich, mit der wir so gar nichts anfangen konnten. Erst lange später las ich bei C.G.Jung, dass die Zahl vier archetypisch und tiefenpsychologisch die Zahl der Ganzheit darstelle. Symbolisiert sei das in den vier Paradiesflüssen, in den vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten, vier Evangelien und den vier Enden des Kreuzes (weitere Beispiele erinnere ich nicht). So deutete er die Marienverehrung, die ja in manchen Ausrichtungen göttliche Ausmaße annimmt, als nachträgliche Herstellung der Ganzheit: dem dreifaltigen Gott tritt Maria (der Vollständigkeit halber) hinzu – ein für Jung völlig normaler, archetypisch gebotener Vorgang, de3nn auf Dauer könne man sich nicht gegen das Unbewusste stellen.

Nun gut, ich musste 56 Jahre alt werden, um nach Schönstatt zu kommen und gar nicht in Sachen Marienverehrung. Hier findet das erste Gesamtnetzwerktreffen der „Modellschulen für Partizipation und Demokratie“ statt, bei welchem die neu hinzugekommenen mit der Ausgabe der Schilder offiziell aufgenommen werden. Das Zögern (siehe Eintrag vom 28. Juni) mündete nach einem längeren Telefonat und einem Drängen (so empfand ich es) in der Bewerbung uns in dieses Netzwerk aufzunehmen. Gerade bei der Entwicklung des Assemblys zum Stufen- und/oder Schulparlament könnten die beiden Netzwerker, die uns damit zur Verfügung standen, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Prompt wurde unsere Bewerbung auch positiv entschieden. Ich informierte das Kollegium in der letzten Dienstbesprechung darüber. Bereits im März hatte ich auf Anfrage einen Artikel geschrieben, der sich mit demokratischen Elementen in unserem pädagogischen Konzept befasste. Bereits damals kam als Reaktion: „Weshalb stellt ihr das nicht stärker in den Vordergrund? Das ist doch schon reichhaltiger als bei mancher Modellschule. Da ich weiß, wie sehr das Kollegium belastet ist, sagte ich zu, das erste Netzwerktreffen alleine zu besuchen. Und so sitze ich jetzt in Vallendar und habe unser Schild bekommen.

In einer ersten Runde haben sich alle Modellschulen anhand mitgebrachter Materialien vorgestellt. Methodisch fand dies als „Museumsrundgang“ statt, die allerdings „Messe“ genannt wurde. Im Zentrum der Schönstatt-Bewegung klingt das merkwürdig, weil hier eine Messe ganz anderes intendiert. Unser Konzept kann sich sehen lassen. Mit dem durchgängigen Klassenrat, dem Assembly, der aktiven SV, der Gedenkstättenarbeit (Diese Woche fahren zehn Klassen zum „Zug der Erinnerung“ nach Neustadt), den beiden Projekten „SchLuL“ und „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ausgebildeten Courage-Scouts, dem Programm „Erwachsen werden“, den regelmäßigen Schüler-Eltern-Lehrer-Gesprächen und letztendlich auch dem Jugendkongress haben wir eine ganze Menge zu diesem Thema vorzuweisen. Ich stelle in diese Reihe gerne auch die Veranstaltung mit den Young Americans. Auch sie dient, so fetzig der Workshop auch daherkommen mag, der ganzheitlichen Entwicklung von reifen, selbstbewussten Persönlichkeiten, die sich mutig an ihre Grenzen wagen. Sprich: Ich habe ein gutes Gefühl bei dem Begriff „Modellschule“, die wir nicht erst entwickeln müssen, sondern weitgehend schon sind. Das spricht natürlich nicht für eine Weiterentwicklung und mit dem Begriff des „Schulparlaments“ ist die Richtung auch schon vorgezeichnet. Und genau diese haben wir im Prozess der Evaluation als Zielvereinbarung mit der Schulaufsicht verabschiedet. So greift eins ins andere.

 

Mittwoch, 17. Oktober 2012:

Ab jetzt geht es also los: Um 7 Uhr waren die Aufbauhelfer bestellt. Alle sind da, vorneweg unsere Courage-Scouts. Weiß der Himmel, wie sie so früh nach Wachenheim kamen. Vermutlich mussten wieder Eltern-Taxis herhalten. (Danke auch dafür!). Hektik allenthalben, schließlich ist der Jugendkongress mit/nach den YA die größte Veranstaltung, die wir zu stemmen versuchen. Ein erster Referent für einen Workshop hat bereits abgesagt. Also muss „Plan B“ herhalten. „Kann ich den Aufzugschlüssel haben, der Trommler ist da?“, „Hier brauchen wir noch mindestens zwei Tische!“, „Haben wir nicht eine Sackkarre?“, „Ein Referent hat gestern Abend (!) angerufen. Er braucht noch einen Beamer!“, „Hier sind die Taschen, dort die Umhänge-Schilder für die Scouts. Für dich ist auch eines dabei. In diesem Karton sind die Materialien für den Info-Stand.“ Betriebsamkeit am frühen Morgen, dabei war jemand noch schneller: Das Begrüßungs-Banner „Herzlich Willkommen“ und das Scout-Banner hängen schon, von weitem sichtbar, über dem Eingang. Schwarzes Auto mit Mainzer Kennzeichen: Die Vertreter des Innen- und des Bildungsministeriums suchen den Veranstaltungsort, mir aus Vorgesprächen bekannt. „Ja, der Staatssekretär kommt. Er ist auch schon unterwegs.“ Prima. Ich habe schon einige Male erlebt, dass hohe Politiker dann doch aus Termingründen kurzfristig abgesagt haben. Heute also nicht. Ein gutes Zeichen. „Mein“ Info-Stand mit Dutzenden Broschüren, Faltblättern, Aufklebern usw. ist fertig bestückt. Also mache ich mich auch auf den Weg in den Saal der Sektkellerei Schloss Wachenheim. Unterwegs sehe ich unsere Scouts in den neonfarbenen Sicherheitswesten. Sie gehen ihrer Schülergruppe voran, die sie vom Bahnhof kommend, in die Sektkellerei begleiten. Alles scheint gut angelaufen zu sein. Im Hof der Sektkellerei wird mir das Ausmaß der Beteiligung klar: Eine große Traube von Schüler/-innen begehrt Einlass. Aber der stockt durch das Einschreiben in die Workshop-Listen. Ich begrüße, wen immer ich auch kenne, mehr oder weniger umarmend. Was für eine Mischung aus den beiden Ministerien, dem Landtag und der Kreisverwaltung ist da. Mir wird ein Zettel zugesteckt: „Von der Sekretärin. Du sollst ‚Radio Regenbogen‘ zurückrufen wegen eines Telefoninterviews.“ Aber da kommt der Staatssekretär. Er hat mich bereits gesehen und kommt auf mich zu. Wir kennen uns seit knapp 20 Jahren. Damals war er in der Schulaufsicht tätig, ich im Bezirkspersonalrat der IGS zunächst Vertreter, dann Nachrücker. Fast wöchentlich berieten wir die angefallenen Vorgänge. Von ihm stammt auch das Zitat vom 20. Mai 2008 (siehe: Prolog). Heute nun begegneten wir uns in neuen Funktionen, aber mit gewohnter Fröhlichkeit und Schulterklopfen. Dass er mich mit dieser langen Zeitspanne in seinem Grußwort begrüßt, freute mich und zeigt, dass ich richtig liege mit dem Ansatz: Mensch vor Funktion, Wertschätzung vor Ehrfurcht, mit, eigentlich normalem, menschlichen Umgang. Schön. Der Kongress startete, keine Zeit für Sentimentalitäten, gleichwohl lobende Worte aus dem internen Kreis der Landesregierung. Und dann endlich der Startschuss. Ein Scout begrüßte kurz, bevor eine Schülerin, sich selbst auf der Gitarre begleitend, musikalisch für einen Moment der Muse sorgte. Dass sie Schülerin der Realschule plus ist, spielte dabei gar keine Rolle, da ist etwas zusammen gewachsen. Rede des Staatssekretärs, der Dekanin, schließlich war das protestantische Dekanat Träger des Kongresses. Und dann ein lange erwarteter und daher spannender Augenblick: Der Geschäftsführer der „Jüdischen Kultusgemeinde Rheinpfalz“ war eigens am Morgen (kurz) vorbeigekommen, um ein Grußwort zu sprechen. Diese Geste stellte für mich ein besonderes Zeichen des Kongresses dar und durfte auf einer Veranstaltung dieser Größe gegen rechts nicht fehlen.

Ein Kollege hat an das Gästebuch gedacht. Selbstredend muss der bisher ranghöchste Politiker, der die Schule beuschte, sich darin verewigen, eine Landtagsabgeordnete wollte nicht nachstehen und fand aussagekräftige Worte. Und dann waren die drei wieder weg. Immer wieder erschreckt mich diese Art des Lebens von Repräsentanten und Politikern. Wie kann ein Mensch von einem vorgegebenen Termin zum nächsten hetzen, nur die Zeit im Auto zur Verfügung, sich auf die nächste Situation einzustellen, vielleicht die (fremdformulierte) Rede nochmals schnell durchgehen. Wo bleibt in diesem Rhythmus Tiefe, wo das Durchdringen, wo das Drinstehen in einem Thema?

Der Kongress nahm nun in den 19 Workshops seinen Lauf im Schulgebäude am Standort in Wachenheim. Von „Argumentation gegen Stammtischparolen“, über „Rap gegen rechts“ und „Coolnesstraining“ bis zu einem Workshop für Lehrkräfte zu „Wie werden wir ‚Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘“ war eine Vielfalt von Referenten am Werk aus Ministerium, der „Landeszentrale für politische Bildung“, dem Verfassungsschutz, der Polizei, der „Mobilen Jugendarbeit“ und dem „Lokalen Aktionsplan“. Jetzt fand ich Zeit für das Rundfunkinterview – doch zu spät. Es sollte live in eine Morgensendung eingespielt werden. Solche Tage vertragen wenig spontane Aktionen, vorbereitende Absprachen sind dabei mehr als die halbe Miete.

Ich hätte gerne in den einen oder anderen Workshop hineingeschnuppert, aber wir hatten ein Gespräch, just und gerade heute, terminiert. Der Leiter des „Erziehungswissenschaftlichen Fort- und Weiterbildungsinstitutes“ aus Landau wollte sich über unseren Ansatz der interreligiösen Arbeit informieren. Wir dachten, wenn der Vertreter der Jüdischen Kultusgemeinde eh im Haus ist, böte sich der heutige Tag an, und luden auch noch den uns verbundenen Ortspfarrer ein. Die Runde war schließlich etwas kleiner, Termine hier und dort. Dennoch tauschten wir Ansichten und Erfahrungen aus, planten weitere Schritte und schlossen mit der Zusage gegenseitiger Unterstützung. Ein weiteres, mir wichtiges Element dieses Tages. Es sollten noch weitere folgen.

Gemeinsam gingen wir zurück in den Saal der Sektkellerei. Huch, da waren fleißige Menschen aktiv: Was am Morgen noch aussah wie ein Tagungsort mit Stuhlreihen, war nun mit Tischen versehen, einer Mensa an der Universität nicht unähnlich. Drei Essen standen zur Auswahl. Im Vorfeld wurde hie und da auch Bedauern laut, dass wir mit dem Saal auch den Caterer buchen mussten, insgesamt der größte Brocken innerhalb der Finanzierung. Als ich diesen Eindruck und das schmackhafte Essen in mich aufnahm, kam ich zu dem Schluss: Das ist voll in Ordnung, denn es drückt eine Wertschätzung des Kongresses und seiner Teilnehmer aus. Ein solch wichtiges Thema darf durch einen angemessenen Rahmen Bedeutung erlangen und trägt wesentlich zum Gelingen eines solchen Tages bei. Ich erinnerte mich erneut an meinen (Jugendherbergs)-Vater. Bekannt und kritisiert wegen seiner Auffassung: „Wenn das Essen schmeckt, klappt auch der Rest.“ Wie oft musste ich Kritik über Jugendherbergen wegen nicht schmackhaftem Essen anhören. Mein Vater war nicht bereit, aufgrund kostensparenden Essens den (geforderten) Gewinn zu erhöhen. So auch heute: Die gute Stimmung in dem eingedeckten Saal war grandios. Das ist kein unwichtiges Detail des Tages gewesen, sondern ein zusätzlicher Bestandteil des Gelingens.

Den Nachmittag hatte ich mir bewusst freigehalten für den Besuch des jüdischen Friedhofs unter Anleitung des jüdischen Geschäftsführers. Er war am Morgen zu einem weiteren Termin geeilt und dann wieder gekommen für den Workshop „Jüdisches Leben damals und heute“. Verschiedene Besuche dieses Ortes habe ich schon in mehreren Beiträgen hier erwähnt – und doch sollte heute eine neue Facette dazu kommen: Führung durch einen kundigen Menschen, der in dieser Religion verwurzelt ist und kenntnisreich erzählen kann. So stieß ich auf die Tatsache, dass der Friedhof älter ist als die ältesten Grabsteine und man daher von so genannten Schichtgräbern ausgeht, in denen mehrere Verstorbene übereinander ihre letzte Ruhe finden. Konkrete Erhebungen auf dem Friedhof deuten dies zusätzlich an. Mir wurde auch erneut deutlich, weshalb Friedhöfen im Judentum diese besondere Bedeutung zukommt: „Es gibt zwei Orte, in denen die Juden ihre Religion leben: die Synagoge und der Friedhof.“ Daher auch das ehrfurchtsvolle Bedecken des Kopfes. Die mitgebrachten Kippas für die Besucher machten dies augenfällig deutlich. Was durfte ich da heute für einen Tag miterleben! Ich erfuhr auch die grundsätzliche Auffassung, dass jüdische Friedhöfe für alle Besucher offen gehalten werden sollten. Aber das Unwesen antisemitischer Menschen verhindere dies: Immer wieder und immer noch werden jüdische Friedhöfe geschändet. Ein Hauptbestandteil seiner Arbeit liege in der Bearbeitung solcher Vorkommnisse. Wie bekommt man die Hakenkreuze wieder von den Grabsteinen weg? Diese dürfen aus Ehrfurcht vor den Verstorbenen nicht verrückt werden. Auch umgestoßene dürfen nicht wieder aufgestellt werden, um die Totenruhe nicht zu stören. Erst vergangene Woche sei er…ich will es gar nicht hören. Nicht heute. Nicht an diesem Ort.

Der Rest ist schnell berichtet. Vom Friedhof gingen wir in die Halle zurück zur Schlussveranstaltung. Der Raum war schon wieder kongressmäßig umgestellt. Präsentationen und Zusammenfassung anhand von Fotos aus den einzelnen Workshops, der Trommelworkshop ließ sich eine kurze Vorführung nicht nehmen. Tief drang der Rhythmus durch das heutige Thema in mich ein. Zwischen zwei Auftritten unserer Schulband: Dankesworte nochmals an die aktiven Scouts, ohne die dieser Tag nicht ermöglicht hätte werden können. Sie geleiteten die Schülergruppen zurück an den Bahnhof und vorbei war der Kongress.

Danke gilt es zu sagen: Zunächst an die Kolleg/-innen, die mit ihren Klassen heute unterwegs waren, um die Räume zur Verfügung zu haben. An alle, die aktiv oder unterstützend, diesen Tag ermöglicht haben. Er war so reichhaltig, dass die Eindrücke noch lange nachwirken werden! Und auch das gehört dazu: Nach dem Aufräumen eine Abschlusszigarette zu zweit mit der Chef-Organisatorin des „Lokalen Aktionplans“, wie immer, nach all der Hektik, ein persönlicher und ruhevoller Abschluss. Danke euch allen! Dieser Tag war ein Ereignis. Er war sicher ein Höhepunkt in meinem pädagogischen Leben. Die Mühe hat sich gelohnt und der Anlass war ein wichtiger. Bleibt zu hoffen, dass die 250 Jugendlichen ab heute Multiplikatoren sein werden, die das Anliegen in ihren jeweiligen Schulen verbreiten. War es Brecht? War es Kästner? Jedenfalls erinnere ich den Satz: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“ Lasst uns nicht erlahmen in der Absicht, davor zu mahnen!    

 

Dienstag, 16. Oktober 2012:

Eine erste Schulwoche, die es in sich hat, liegt vor uns. Morgen der große Jugendkongress – die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Die Stellwände für die Workshops sind gestaltet, Standorte für Tische gefunden, Klassenzimmer gestellt und jedes mit einem Schild versehen, Äpfel, Snacks und Referentenpräsente geliefert, Geschenkkorb geordert…eigentlich kann nichts schiefgehen und doch steigt der Adrenalinspiegel auch bei mir.

Am Nachmittag erlebte ich noch unverhofft eine Teamsitzung. Eigentlich wollte ich nur eine Liste vorbeibringen. Und dann der bekannte und vielleicht häufigste Satz der Schule: „Wenn du gerade hier bist, Georg, …“ Es schlossen sich Überlegungen zur Gestaltung des Gesamtteams an. Natürlich muss sich da etwas ändern und vielleicht bin ich derjenige, der über den Verlauf des ersten Gesamtteams am unglücklichsten ist. Meine Intention einer möglichst „flachen Hierarchie“, innerhalb deren das Gesamtteam, auf welche Weise auch immer, aus den Teams heraus gestaltet und durchgeführt wird, fand nicht durchgehend Gehör. Eher war die Meinung vorherrschend, dass es Punkte gäbe, welche die Leitung durch den Schulleiter bedürften. Etwas unglücklich verließ ich die Teamsitzung, aber vielleicht benötigen wir Zeit, Erfahrung und einen weiteren Prozess, an dessen Ende eine flache Hierarchie stehen kann. Aber es war zunächst ja nur die Diskussion eines Teams. Wir sind aber deren fünf. Auf alle Fälle soll sich das Gesamtteam selbst eine Struktur geben. Auf der nächsten Sitzung soll dies geschehen. Natürlich will ich mich nicht drücken, aber das Gesamtteam wurde doch gewünscht, weil das Kollegium besser miteinander kommunizieren wollte. Schauen wir mal, was daraus werden wird.

 

Samstag, 13. Oktober 2012:

Die Herbstferien neigen sich dem Ende entgegen und hatten eine Menge „im Gepäck“. Letzten Montag nochmals der Termin für letzte Absprachen bezüglich des „Jugendkongresses gegen rechts“. Viel Feinarbeit ist am Ende der Vorbereitung notwendig. Wo stehen die Stellwände mit Workshoplisten? Wo können wir die Äpfel für alle Teilnehmer lagern? Steht der Info-Tisch besser hier oder steht er da im Weg? Wie viele Stellwände haben wir zur Verfügung? Wo hängt das Begrüßungsbanner am besten? Wann kommt wer für welche Aufgabe? Wird der neue Boden im ehemaligen Filmsaal rechtzeitig gelegt? Alles Fragen, die nur den Standort in Wachenheim betreffen. Der Saal der Sektkellerei ist damit noch gar nicht angesprochen. Gleichzeitig läuft die Pressearbeit an. Sowohl in der Tageszeitung als auch im DÜW-Journal sind Voranzeigen erschienen. Aktualisierte Listen sind gemailt, jeder Workshop hat zur Orientierung ein eigenes Ikon und eine/n feste/n Betreuer/-in. Wird eine tolle Veranstaltung, wenngleich ich nur im Hintergrund agiere – die Hauptarbeit lag und liegt bei den Courage-Scouts zweier Schulen. Ein Umstand, der immer wieder Begeisterung bei mir hervorruft.  

Weiterer Termin wegen der EDV-Anlage. Die interaktiven Tafeln und ein Team-Rechner mussten noch eingebunden werden. Mail- und Telefonkontakte nach Mainz, Neustadt und Hildesheim in Sachen Studientag. Auch hier wird der Sack langsam zugebunden.

Parallel wirkt die interreligiöse Feier noch immer nach. Über ein Antiquariat in München (Internet macht‘s möglich) konnte ich ein Buch erwerben: „Gott in vielen Namen feiern“. Interessant ist es deshalb, weil der Ablauf mit Texten verschiedener Feiern darin enthalten ist, ebenso eine Einführung. Schön auch: Eine Übersetzung des Liedes „Danke“ in türkischer Sprache. Ein weiteres Buch holte ich heute aus der Buchhandlung ab: „Jesus und Mohammed – erstaunliche  Unterschiede und überraschende Ähnlichkeiten“. Der Autor war einer der jüngsten islamischen Dozenten der Al-Azhar-Universität in Kairo, trat dann zum Christentum über. Bin sehr gespannt auf diese Auseinandersetzung auf der mehr theoretischen Ebene. Das Thema scheint sich weiter zu entwickeln, auch in mir… Es wirkt schon seltsam auf mich, dass unsere Schule nun im fünften Jahr besteht, ohne dieses Thema. Jetzt kam es, es sei nochmal betont, von Seiten der Schülerschaft auf uns zu und hinterlässt seine Spuren. Dabei hatte ich bereits in den Neunzigern in meiner ersten IGS das Thema bearbeitet. In einem klassenübergreifenden Projekt entwickelten wir mit den Lerngruppen einen interreligiösen Kalender. Schüler/-innen informierten sich über die Feiertage der drei auf Abraham sich berufenden Religionen, schrieben kurze Texte dazu und hängten sie an den jeweiligen Tagen an der „Litfaßsäule“ am Kiosk für alle sichtbar aus. Das Finden und Zusammenstellen von Informationen verlief noch ganz „per Hand“ ohne Internet. Wir bestellten damals eigens ein Buch, um allein die verschiedenen Termine herauszufinden. Aber anscheinend war das Projekt damals zu groß. Jedenfalls hielten wir das Aushängen nicht durch. Was anschließend daraus geworden ist, erlebte ich nicht, weil ich als Stufenleiter an die IGS in Mutterstadt wechselte. Reste davon hielten sich noch im Assembly, ohne hier eine Vollständig- oder Regelmäßigkeit hinbekommen zu haben. Ein neuer Start? Eventuell sogar auf dem digitalen Schwarzen Brett mit seinen vielen Möglichkeiten? Schauen wir mal.

Nun geht es am Montag also wieder los. Eine wichtige Etappe für das laufende Schuljahr, denn es geht für einige bis Weihnachten um entscheidende Noten und Zeugnisse – schulisch warte ich immer noch auf die Entscheidung bezüglich der beiden Funktionsstellen… 

 

Freitag, 05. Oktober 2012:

Der EDV-Umbau ist fertig. Er machte noch dreimal meine Anwesenheit erforderlich. Nun habe ich mich selbst vergewissert: Es ist jetzt möglich, in Wachenheim am Schreibtisch zu sitzen und die Schülerverwaltung, die auf dem Server in Deidesheim liegt, zu bearbeiten. Weiter ist es jetzt möglich, in Wachenheim den Button „Drucken“ zu drücken und das Dokument verlässt, durch einen „Tunnel“ geschickt, den Drucker in Deidesheim. Fast etwas unheimlich. Natürlich ist der „Tunnel“ gesichert. Deshalb bedurfte es ja des neuen Servers für Wachenheim. „Die Verkabelung hier in Wachenheim war selbst für uns eine echte Herausforderung!“ Aber: Die bisherige Anlage war von vier Schulen, drei Firmen und drei Schulträgern über die Jahre gewachsen. Dass da keine einheitliche Linie mehr drin war, liegt auf der Hand. Immer wieder ist umgestöpselt, angebaut und neu installiert worden. Nun wird also ein neues Kapitel aufgeschlagen, das uns viel Ärger, viel Zeit, viel Energie ersparen wird: Die beiden Schulen in Wachenheim sind nun völlig getrennt, die IGS an beiden Standorten vernetzt, einheitliches Betriebssystem auf allen Computern, die interaktiven Tafeln und der Laptop-Wagen eingeschlossen, Team- und Computerräume mit im Netz. Und vor allem: „Es gab bei uns noch keine Störung, die wir nicht kurzfristig behoben haben. Meistens sogar von Ludwigshafen aus.“ Möglich wird das dadurch, dass quasi alle Schulen, die sich bei dieser Firma versammeln, als „Außenstellen“ eines Unternehmens betrachtet werden, die, nochmals sei es versichert, geschützt miteinander verbunden sind.

Parallel wurden weitere Kleinbaustellen betrieben: Wachenheim bekam zwei neue Tafeln, dort wurden ebenfalls die Schäden wegen Feuchtigkeit im Untergeschoss behoben, der ehemalige Filmsaal erhielt einen neuen Boden und die Turngeräte in der Sporthalle wurden gewartet bzw. repariert.  Auch Deidesheim blieb nicht außen vor: Auch dort Gipserarbeiten wegen Wasserschäden. Und Bodenproben wegen der Stabilität wurden im Außenbereich genommen. Das Ergebnis derselben spielt für den dritten Bauabschnitt eine entscheidende Rolle, denn es geht um Aufstocken oder Anbauen. Aufgestockt kann nur werden, wenn der Boden so beschaffen ist, dass er dieses zusätzlich wirkende Gewicht aushält. Ich hoffe mal auf lockeren Boden, denn ein Anbau käme unserem Team-Kleingruppen-Modell sehr viel näher. Sollte aufgestockt werden, müsste mindestens ein Jahrgang auf zwei Stockwerke verteilt werden. Außerdem sähe ein weiterer Anbau optisch besser aus. Zwar wäre es immer noch in verschiedenen Etappen „zusammengebaut“ worden, aber ein Anbau führte zu größerer Kompaktheit…aber wenn der Geldbeutel leer ist, braucht niemand mit Optik oder Pädagogik zu kommen.

Und noch ein Termin in der ersten Ferienwoche: Pressegespräch beim protestantischen Dekanat, welches die Trägerschaft (und Vorbereitung!) des Jugendkongresses am 17.10. übernommen hat. Die Anmeldung lief zunächst sehr zögerlich, inzwischen könnten zwei solcher Großveranstaltungen stattfinden. Heißt also: Etwa die Hälfte der Schüler/-innen und Schulen erhielten letztendlich eine Absage, weil „unsere“ Kapazität begrenzt ist. Ein Staatssekretär, so die letzte Meldung, will wirklich teilnehmen – für Wachenheim also durchaus ein Ereignis. Die Vorbereitung der etwa 20 workshops oblag den Courage-Scouts aus zwei Schulen, ebenfalls werden sie das Programm moderieren und Begleit-Taxis für die Wege vom Bahnhof zur Sektkellerei (Die Stadthalle war schon vergeben) und von dort in die Schule stellen. Die IGS Dei/Wa also wieder mitten drin, prima! Am Montag folgt ein weiterer Termin vor Ort für letzte (?) Detail-Absprachen. 

 

Mittwoch, 03. Oktober 2012:

Die interreligiöse Feier zieht sich mit ihren Folgen noch in die Herbstferien hinein: Ich traf mich am Montagmorgen mit einem Kollegen, um den erwähnten und bereits geschriebenen Artikel durchzusehen und zu ergänzen. Gestern startete der „Umbau“ der EDV-Anlage  in Wachenheim. Zunächst galt es, weitere Zugangsdaten und Passwörter zu sammeln. Dann stellte sich heraus: Der alte Server hat keine TBM (Was immer das auch ist, ein Modul jedenfalls, das zum Verschlüsseln der Daten notwendig ist). Schnell musste entschieden werden: Okay, diese 1200 Euro müssen wir irgendwie finanzieren, sonst stockt das ganze Projekt. Ohne Verschlüsselung geht nichts. Nun überlege ich, wie wir das wieder hinbekommen. Entscheiden musste ich schnell vor Ort, ohne Rücksprachemöglichkeit und ohne Absprache. Wird schon irgendwie gehen.

Das Fest der deutschen Einheit fand dieses Jahr in München statt. Ich erkannte das aus kleinen Quadraten in den drei Nationalfarben bestehende Logo wieder, das ich vor zwei Jahren in Bremen zum ersten Mal sah. Damals dachte ich, es sei ein Erkennungszeichen für die Bremer Feier. Nun sieht es so aus, als sei es grundsätzlich für diesen Tag entworfen worden. Viele Erinnerungen stiegen in mir hoch, Begriffe wie „Bürgerfest“ und „Ländermeile“ sind in mir fest an unsere damalige Beteiligung im Zelt „Deutschland macht Schule“ geknüpft…eigentlich noch gar nicht so lange her und dennoch liegen Welten dazwischen. Dieses Gefühl macht mir wieder deutlich, wie reichhaltig der Prozess ist, e