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September 2012

 

Donnerstag, 27. September 2012:

Was haben wir da nur wieder angestoßen? Das Interesse an der interreligiösen Schulfeier zieht immer weitere Kreise. Gesprächswünsche werden an uns herangetragen und Artikel werden angefragt: „Eine Doppelseite im Religionspädagogischen Heft ‚Interreligiöses Lernen‘ wäre genau richtig.“ Auf die Nachfrage, warum ein so dringender Handlungsbedarf besteht und ob man nicht auf Praxisbeispiele anderer Schulen zurückgreifen könne, erhielten wir die Antwort: „Projektideen  gibt es genug – allerdings fehlt genau das, was Sie gemacht haben.“

Um diesen Prozess weiter zu verstärken, müssen wir auch konzeptionell arbeiten, langfristiger planen und nach externen Partnern Ausschau halten. Fest steht: Wir sind auf dem Weg. Dort hingekommen sind wir durch unser pädagogisches Konzept mit seinen vielfältigen Bestandteilen wie „Schule ohne Rassismus“, „Courage Scouts“, „SV-Arbeit“, „Assembly“, „Erwachsen werden“ und innerhalb des Religions- und Ethikunterrichtes durch gemeinsam durchgeführte Projekte wie „Mary‘s Meals“ oder die Unterrichtseinheit zum Thema „Judentum“. Die von den Ethik-Schülern eingeforderte Mitarbeit an religiösen Feiern war somit eine logische Konsequenz unseres bisherigen Arbeitens und dem pädagogischen Verständnis der Schule, eine äußere Differenzierung nach Möglichkeit zu vermeiden, bzw. zu überwinden.     

Heute also die Feier am zweiten Standort in Deidesheim. Dieses Mal fand sie in der katholischen Pfarrkirche St. Ulrich statt. Die Vertreterin der moslemischen Gemeinde Bad Dürkheim beteiligte sich erneut und brachte gar eine zweite Vertreterin mit. Auch wenn Vieles ähnlich der Feier vom Montag war, gab es einige Unterschiede. Zum einen bestand die Zuhörerschaft diesmal aus den „Großen“ (Klasse 7 bis 10), die das altehrwürdige Gemäuer füllten und zum anderen versuchte das Vorbereitungs-Team einige Kritikpunkte vom Montag bereits heute  umzusetzen. So wurde ein Moderator eingesetzt, der die einzelnen Punkte inhaltlich besser verzahnte sowie durch die Feier führte. Hinzu kam, dass eine Singgruppe sich vergrößerte. Der Hintergrund hierfür war, dass eine Gruppe am Montag mit ihrer Gesangsleistung nicht zufrieden war, dies den scheinbar „besseren“ Gruppen gegenüber äußerte und man nun gemeinsam beschloss, eine neue Gruppe schulartübergreifendend (!) aus Schüler/-innen der Jahrgänge acht und zehn zu bilden. Durch dieses Aufeinander-Zugehen hob sich am Donnerstag keine Singgruppe von der anderen mehr ab. 

Im Hinblick auf die Ethikschüler/-innen kann folgendes festgehalten werden: Eine ganze Reihe von ihnen, die bisher nicht den Weg zu den  ökumenischen Schulgottesdiensten fanden, waren heute entweder als Zuhörer anwesend oder aktiv am Programm beteiligt. Es zeigte sich, dass es eine gemeinsame Schulfeier geworden ist, zu der sie selbstverständlich dazugehörten. Die Mutter eines Ethikschülers schrieb mir später per E-Mail, ihr Sohn sei  „… nie mit in den Gottesdienst gegangen, wenn es einen gab, sondern immer mit den anderen ‚Nicht- Kirchgängern‘ in der Schule geblieben. Am Donnerstag war er mit. Aus freien Stücken. Schön!“

Eine Besonderheit der Deidesheimer  Feier war auch der abschließende Segenswunsch. Der katholische Pfarrer ermunterte die Schüler/-innen, sich über den Mittelgang hinweg die Hand zu reichen. Diese Aktion dauerte zwar ein paar Minuten, bis sich die vielen Hände gefunden hatten – aber welch ein Bild! Die „Männerseite“ reichte sich mit der „Frauenseite“ (so hieß das früher bei uns) über den trennenden Gang hinweg die Hände, verband vorher Getrenntes, ohne die Einzelnen aus ihrer Gruppe herauszulösen. Ein wunderbares Bild für diese interreligiöse Feier, an der, so meine ich, mit dem heutigen Tag alle (!) Schüler/-innen teilnahmen.

Dass damit zwei gelungene und sich entwickelnde Feiern für die ganze Schulgemeinde zustande kamen, zeigte sich nicht nur an der positiven Resonanz der zahlreichen, zustimmenden Schüleräußerungen, sondern auch in den Rückmeldungen manch eines begleitenden Kollegen.   

Am Abend nochmal die Wahl zu einem dritten Gremium: Auch der Schulelternbeirat hatte nach zwei Jahren seine Legislatur bewältigt und die Wahlvertreter/-innen aus 20 Klassen kamen zuhauf, um den dritten, auf elf Personen angewachsenen Rat neu zu wählen. Heraus kam eine gute Mischung  verschiedener Jahrgänge. Ebenfalls werden die Wiedergewählten für Kontinuität in der Arbeit sorgen und die Neugewählten frischen Wind einbringen. Dank sei auch hier nochmal allen ausgesprochen, die sich die beiden vergangenen Jahre in diesem Gremium engagiert haben. Immer wieder konnte ich bei verschiedenen Anlässen von der guten, vertrauensvollen und menschlich stimmigen Zusammenarbeit erzählen, was leider  bei weitem nicht die Regel ist. Bei uns sind die Eltern keine „gegnerische Gruppe“, wir ziehen gemeinsam an einem Strang für eine gute Schule. Wunderbar! Mögen wir in der dritten Amtszeit diesen Punkt beibehalten können, denn er ist ein Bestandteil unserer Schulqualität. 

 

Mittwoch, 26. September 2012:

Nun also heute Ingelheim, Modul 5 des Projektes mit dem Titel „Umgestaltung der schulischen Lernwelt“. Wieder waren Leuchtturmschulen eingeladen, welche ihre Modelle und praktizierten Lösungen vorstellten. Seit Jahren begegnete mir immer wieder die von Hartmut von Hentig gegründete Laborschule in Bielefeld. Sie war in Ingelheim ebenfalls vertreten und ich wählte deren Workshop. Er fand angesichts der Besonderheit dieser Schule ganztägig statt. Da die IGS Dei/Wa zu sechst anwesend war, verteilten wir uns, so dass unserer Schule nichts verloren ging.

Die Laborschule in Bielefeld ist als Einrichtung der Universität und des Landes Nordrhein-Westfalen ein einzigartiges Modell, das kaum zu übertragen ist. Vom Schulgebäude über den pädagogischen Ansatz bis hin zu der wissenschaftlichen Erforschung und Begleitung ist diese Schule singulär und wird es wohl auch bleiben. Kein Landeshaushalt kann heutzutage eine solche Einrichtung dauerhaft neu ins Leben rufen, geschweige denn als Modell für eine Regelschule betrachten. Außerdem können wir zusätzlich bundesweit von den Ergebnissen in Bielefeld profitieren. Dies geschieht auch, den wir hörten von etwa 2000 Besuchern pro Jahr. Dennoch bekam, wie so oft bei genauem Hinschauen, im Laufe des Tages der Sockel, auf den ich diese Schule gestellt habe, Risse und an der einen oder anderen Stelle bröckelte es im Verputz. Freilich: Immer noch empfinde ich pädagogische Ansätze und Umsetzungen sehr gelungen, einzigartig und zukunftsweisend. Eine ganze Reihe von Punkten sind aber inzwischen (vielleicht von Bielefeld aus) in der Breite der IGSn angekommen. Und nach dem heutigen, ganztägigen Einblick wurden mir Ausschnitte bekannt, die mich kritisch fragend zurücklassen.

Die Laborschule beginnt mit einer Vorschulklasse und kann, nach einem Übergang in das (selbstständige) Oberstufenkolleg, mit dem Abitur abgeschlossen werden. Ob nun die Aufteilung in vier festgelegte Stufen von jeweils drei Jahrgängen in gemischten Lerngruppen die geniale Lösung ist, mögen andere beurteilen. Durch den Übergang von jeweils einem Drittel der Schüler/-innen in und von einer anderen Stufe, wechselt die Zusammensetzung der Lerngruppe in jedem Jahr…gefühlt halte ich die stabilen Klassen und dadurch auch die persönlichen Beziehungen bei uns für nachhaltiger. Der Gewinn in Bielefeld ist eben das dadurch ermöglichte jahrgangsübergreifende Lernen – ein mich nach wie vor reizender Ansatz, der zusätzlich durch die Neurowissenschaften unterstützt wird. Stutzig machte mich auch die Aussage: „Wir haben im neuen Jahrgang jetzt (!) das erste (!) Kind mit Down Syndrom. Das ist nochmal eine neue Herausforderung.“ Ohne uns erheben zu wollen, aber wir arbeiten als Schule im Aufbau schon seit Jahren mit inzwischen fünf Kindern mit diesem besonderen Förderbedarf. Auch Integrationshelfer begleiten uns in weitaus größerer Zahl als die in Bielefeld genannte. Dazu kommen bei uns noch Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr, Schulsozialarbeit, ein Praktikant im Anerkennungsjahr und eine ganze Reihe von Menschen, die den Ganztagsbetrieb stemmen. Vielfalt der Professionen ist also bei uns keine Besonderheit mehr. Und: Bei aller pädagogischen Innovation menschelt es auch in Bielefeld, wie ich beim Mittagessen erfuhr. Hentig in seiner monolithischen Art, diese Schule aufgebaut zu haben, ruft durchaus Kritik hervor und es soll  augenscheinlich Menschen an dieser Schule geben, die mit ihm gebrochen haben und nicht mehr mit ihm reden. Hmmm…

Eines möchte ich noch festhalten, weil es die ganze Spanne der Diskussion aufzeigt. Hatte bei der letzten SchLuL-Tagung eine Schülerin aus Hildesheim betont, wie wichtig es für sie war, bis zur achten Klasse keine Noten zu erhalten, wünschte sich die heute uns begleitende Schülerin aus Bielefeld Leistungsbewertungen mit Noten sehr viel früher als ab Klasse acht! Was heißt das nun, wo ich ausgerechnet heute beim Kaffee von einer IGS angesprochen wurde, ob wir dieses Projekt für Rheinland-Pfalz nicht gemeinsam mit wissenschaftlicher Begleitung als Schulversuch angehen sollten? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht!

Was bleibt unterm Strich übrig? Das gesamte Projekt „Schulische Lern- und Lebenswelten“ war in jedem der Module enorm anregend durch den Kontakt zu den vielen vertretenen Schulen und deren Arbeit. Einige sind ja auch schon an der Weinstraße angekommen, andere harren ihrer Erprobung oder Umsetzung. Die Abschlusstagung im April wird ihr eigenes Resümee bringen. Da werden wir als teilnehmende Schule gefordert sein. Wieder einmal zeigte sich: Es lohnt sich, Schulen durch Schüler/-innen vorzustellen. Sie haben den originären Blick auf die Praxis. Wenn sie, uneitel und unverstellt, begeistert sind, haben die Ausführungen für mich mehr Gewicht, als wenn Schulleitungen oder Lehrkräfte ihre Sichtweise kundtun. Durch diese Fortbildung wurde Schulentwicklung nachhaltig vorangetrieben. Der Ansatz stimmt: Lernende und Lehrende stellen ihre Arbeit vor, Zuhörende entscheiden, was davon an ihrer jeweiligen Schule passen könnte.

 

Dienstag, 25. September 2012:

Eigentlich wollte ich heute in Ingelheim beim nächsten Modul bei SchLuL weilen, doch der Alltag hielt mich in der Pfalz. Zunächst sollte der Schulleiter einen Betrag in Empfang nehmen. Eine Bank schüttete in diesem Jahr den Erlös des Gewinnsparens an die Schulen entlang der Mittelhaardt aus. Ich hatte bei der Ausschreibung zwei Unterstützens werte Projekte angegeben: inhaltlich soll der Ausbau des Förderkonzeptes vorangehen und im September des nächsten Jahres benötigen wir Unterstützung, wenn die YA wieder kommen. Beides wurde als förderungswürdig angesehen. Prima und Danke!

Die EDV-Anlage in Deidesheim hatte manche Nuss zu knacken nötig gemacht. Immer wieder blieb die Umsetzung hängen, weil irgendwo eine Grafikkarte nicht passte oder der Prozessor nicht leistungsfähig genug war. Heißt konkret: zwei Tage zusätzlich dranhängen. Nun ist der Standort in Wachenheim erst während der Ferien dran. Aber dann beginnt eine neue, vernetzte Zeit für die Schule…

Bereits der dritte Vorstand des Fördervereins wurde heute Abend während einer Mitgliederversammlung gewählt. Ich schreibe es gerne immer wieder, welche Achtung ich vor diesen ehrenamtlich Tätigen habe. Wir anderen erfüllen die Aufgaben unseres Berufes. Die heute Versammelten und (wieder und auch neu) Gewählten bringen ihre Freizeit ein. Allein der diesjährige Bericht des Vorsitzenden und der Kassenbericht geben eindrücklich wieder, was dort an wertvoller Unterstützung für die Schule geleistet wird. Den Ausgeschiedenen danke ich von Herzen für ihre Arbeit in der Schule. Den Neuen wünsche ich guten Mut, langen Atem und wie immer: Spaß auch am menschlichen Miteinander!


Montag, 24. September 2012:

Die Vertreterin der moslemischen Gemeinde in Bad Dürkheim traf ich auf dem Schulhof in Wachenheim an. Ich war selbst gerade auf dem Weg in die evangelische Kirche St. Georg. „Ach, die Feier findet in der Kirche statt?“ „Ja. Ist das ein Problem für Sie?“ „Nein, nein, Gotteshaus ist Gotteshaus.“

Ganz in unserem Sinne. Wenn wir schon eine interreligiöse Feier durchführen, sollen auch Vertreter/-innen der drei „biblischen“ Weltreligionen dabei sein. Der Vertreter der jüdischen Gemeinde musste aus Zeitgründen absagen. Mit dem Judentum verbindet uns weitgehend das Alte Testament. Auch mit den Muslimen haben wir Vieles gemeinsam. In allen drei Religionen wird Abraham als „Stammvater des Glaubens“ bezeichnet. Ein Mensch, mit dem Gott einen besonderen Weg ging, der vieles aufgab und dennoch gewann.  

Als wir beide ankamen, war die Kirche schon mit Jugendlichen gefüllt. Noch eine Besonderheit: Es waren Mitwirkende der Klassen 5 bis 10 dabei, denn selbstredend gehören die beiden Zehnerklassen der Realschule plus zu unserer Schulgemeinschaft dazu. Auch sie hatten einige Beiträge vorbereitet. Immer wieder faszinierend: Unser Ruhezeichen bringt auch eine ganze Kirche zur Ruhe. Der protestantische Pfarrer eröffnete die interreligiöse Schulfeier mit einleitenden Worten und betonte die Zukunft dieser Generation, die nur gemeinsam und auch nur mit Respekt der jeweils anderen Religionen gegenüber zu gestalten sei. Auch die Muslima begrüßte die Jugendlichen, führte kurz in die „fünf Säulen des Islam“ ein: fünfmaliges Beten am Tag, das Bekenntnis zum Propheten Mohammed, die Pilgerfahrt nach Mekka, die Pflicht zu Almosen für die Bedürftigen und das Einhalten des Fastenmonats Ramadan. Das anschließende Lied, das von ihr allein in Hocharabisch vorgetragen wurde, erfüllte den Kirchenraum und machte in seiner uns fremd erscheinenden Melodik den interreligiösen Ansatz dieser Feier hör- und fühlbar. Anschließend wechselten sich die einzelnen Religions- und Ethikgruppen ab und trugen vor, was sie zum Thema „Weg“ einbringen wollten. Zwei muslimische Geschwister rezitierten Suren aus dem Koran und der Hadith zum Thema „Weg des Wissens“, zwei Mädchen verlasen und interpretierten Texte aus dem Neuen Testament zum Thema „Der steinige und bequeme Weg“, zwei Jugendliche trugen Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ vor und fügten interpretatorische Aspekte hinzu und dazwischen führten die Schüler/-innen in jahrgangsgemischten Sing- und Instrumentalgruppen das Thema „Weg“ weiter aus, Fürbitten und Wünsche für den weiteren Lebens-Weg der Jugendlichen wurden von verschiedenen Jahrgängen vorgetragen, bevor der Pfarrer mit einer Adaption eines irischen Segenswunsches die versammelten Zuhörer/-innen unterschiedlicher Herkunft, mit und ohne Bekenntnis zu einer Religion, entließ. Was für eine Dreiviertelstunde, welch eine Kraft, welch ein symbolisches Geschehen durfte ich da miterleben. Gelebte und gefeierte Inklusion!

Nach einem kurzen Pressegespräch noch in der Kirche saß ich anschließend etwa eine Stunde im protestantischen Pfarrhaus. Wir überlegten,  immer noch beeindruckt von dem gerade Erlebten, wie wir solche Schulfeiern inhaltlich noch dichter und vor allem langfristiger vorbereiten könnten und streiften dabei persönliche Biografien, eigene Erlebnisse und damit verbundene Literatur. Noch einmal 60 dichte und zugleich berührende Minuten, die mich nur schwer in den Alltag zurückkommen ließen.


Freitag, 21. September 2012:

Das erste Schulleiter-Treffen der IGS in der Region in diesem Schuljahr. Austausch von Problemen in der unterschiedlichen Personalversorgung, Einblicke in die jeweils verschiedenen Schulsituationen, jeweils andere und ergänzende Blickwinkel der einzelnen Schulen und Formulieren einer bedenklichen IGS-Zukunft. Was könnte das Senken der Klassenmesszahl in der Orientierungsstufe für uns bedeuten? Welche langfristige Auswirkung wird die Zahl der Kinder mit besonderem Förderbedarf haben? Wie werden sich die pädagogischen Konzepte der einzelnen IGSn verändern, wenn die eine oder andere „Stellschraube“ anders justiert wird? Wir gehen da in eine spannende weil ungewisse Zukunft. Kann ja aber nur heißen: sich mit Nachdruck engagieren, Tendenzen verfolgen und auf Konsequenzen hinweisen. Niemand soll sagen können: Huch, das haben wir gar nicht vorausgesehen.

 

Donnerstag, 20. September 2012:

Mag sein, dass ich mich wiederhole. Mag sein, dass es langweilt. Mag auch sein, dass es für wenige von Interesse ist, aber mich erschreckt es nach wie vor: Zurzeit suchen fast täglich (!) Eltern einen Schulplatz für ihr Kind. Weshalb sich das gerade so häuft, ist mir unklar. Vielleicht ist der Abschnitt „bis zu den Herbstferien“ eine Zeiteinheit, in der „es“ nochmal versucht wurde. Wie auch immer, ich hatte heute eine verzweifelte Mutter im Büro sitzen, die Angst um ihren Sohn hatte – und ich konnte ihr nicht helfen.

Am Abend konnte ich wieder mehr Professionalität zeigen: Informationsabend zu unserer differenzierten Leistungsmessung. Die Lektüre der vergangenen Monate fand spontane Berücksichtigung, weil mir an der einen Stelle das einfiel, an der anderen jenes. Ein Zeichen dafür, dass ich „drin“ stehe, dass die Inhalte so präsent sind, dass ich sie fast intuitiv einfügen kann. Und noch etwas war schön: In anschließenden Gesprächen hörte ich von einigen Fünfer-Eltern, wie zufrieden sie mit unserer Schule, wie glücklich sie sind, einen Platz bekommen zu haben. Eine Mutter gar sprach von „verschwundenen Problemen“, welche die gesamte Grundschulzeit virulent waren und jetzt „wie weggeblasen“ seien. Wieder ist so ein Tag vergangen, der mit den beiden beschriebenen Polen nicht kontrastreicher hätte sein können.


Mittwoch, 19. September 2012:

Wir gehen auf unsere „interreligiöse Schulfeier“ zu. Es wurde im Vorfeld wiederum deutlich, wie wichtig, wie zentral Sprache ist. Wir nannten diesen Anlass bisher „ökumenischer Schulgottesdienst“. Selbstredend waren alle Schüler/-innen aus Ethik dazu eingeladen. Aber mit Recht sprachen sie in diesem Jahr an, dass sie inhaltlich gar nicht vorkämen. Sie wollten aber doch dazugehören und mitfeiern. Zwar ist nach meiner Kenntnis das Wort „Ökumene“ nicht auf die beiden christlichen Konfessionen beschränkt, es wird aber seit Jahren darauf reduziert. Und wie ist der Begriff „Gottesdienst“ gefasst? Im christlichen Verständnis umfasst er eine „Feier im Namen des dreieinen Gottes“. Darin können sich die Ethik-Schüler/-innen aber nicht wiederfinden. Beide Begriffe haben wir im kleinen Kreis diskutiert und auch per E-Mail abgewogen. Heraus kam die genannte Bezeichnung. Es geht dabei nicht um eine Gleichmacherei oder ein Einebnen der Unterschiede. Da spielt auch die jeweilige Gottesvorstellung eine gewichtige Rolle. Freilich gibt es Auffassungen, dass wir in verschiedener Weise den einen Gott feiern und anbeten. Ich selbst fühle mich dieser Anschauung sehr nahe. Aber das können wir nicht in einer Schulfeier voraussetzen. Es soll auch nicht ihre Aufgabe sein, theologische Abgrenzungen und dogmatische Formulierungen zu berühren. Wir wollen als Schulgemeinschaft in Respekt vor der jeweils anderen Religion gemeinsam feiern. In der dann zusammen gekommenen Schülerschaft wird deutlich werden, dass die Zukunft von diesen Jugendlichen, mit uns Heutigen noch nicht mal bekannten Problemen, nur gemeinsam wird bewältigen können. Gemeinsamkeit in Unterschiedlichkeit, Einheit in Vielfalt als Beitrag für eine friedliche Zukunft. Es war nicht der Anfang und auch nicht die Absicht – aber in diesen Tagen, in denen fast weltweit Fahnen brennen und im Namen von Religion Gewalt ausgeübt wird, kann diese interreligiöse Schulfeier einen Gegenentwurf aufzeigen. 

    

Dienstag, 18. September 2012:

Wo soll ich denn beginnen heute? Es ist immer so viel los, dass meine Tage im Flug vergehen. Keine großen Sachen, der Alltag eben, aber alles zusammen genommen, viele Einzelheiten und zeitraubend. Assembly gestern mit dem Hinweis auf die Grete Unrein (20 Schüler/-innen wollen einen Anfangskontakt), die Zehner sind gut von der Klassenfahrt zurück, die Frankreichfahrer auch. Derzeit anscheinend wieder eine Welle von Schulplatzsuchenden in höheren Jahrgängen (deren fünf allein gestern und heute), Sitzung mit dem Personalrat, Planung der Gesamtkonferenz, Protokolle lesen…doch, da fällt mir ein längerfristiger Punkt ein. Ich hatte die ganzen Urkunden, die wir inzwischen erhalten haben, in meinem Büro in Deidesheim nie ausgepackt. Nun hängen sie wieder sichtbar an einer Wand, zum ersten Mal alle vereint im Flur. Die Nische im Wachenheimer Büro war vor zwei Jahren zu klein geworden, einige standen dort in der zweiten Reihe. Ich hatte sie damals mit nach Deidesheim genommen, wo sie seither eingepackt lagen. Nun habe ich eine Wand ausgesucht, an die alle passen. Eine beachtliche Ansammlung, wenn man sie so zusammen da hängen sieht. Sie sind mir persönlich unterschiedlich wichtig oder bedeutend, aber alle stehen für einen Höhepunkt in unserer jungen Schulgeschichte. Immer, wenn ich jetzt mein Büro verlasse, sehe ich diese imposante Wand. Bin mal gespannt, ob sie Besuchern auffallen wird.

Abends dann meine erste SEB-Sitzung Realschule plus. Wir waren zu dritt. Da werden Erinnerungen an den Anfang wach. Allerdings ist die Stimmung eine andere. Damals bei uns: Aufbruch, wohin man blickte, heute: das letzte Jahr…Aber die Atmosphäre war herzlich und gar nicht traurig. Ich will meinen Teil dazu beitragen, dass es ein gemeinschaftlich begangenes, gutes Jahr wird. Schon heute eilten die Gedanken an die Abschlussfeier der neunten und zehnten Klassen voraus. Diese wird wieder so ein Meilenstein werden: für die IGS die erste Abschlussfeier, für die Realschule plus die letzte.

 

Freitag, 14. September 2012:

Es ist schon seltsam, wie sich manchmal Themen unangekündigt in den Vordergrund drängen. Sie bahnen sich nicht an, sondern tauchen von verschiedenen Seiten innerhalb kurzer Zeit einfach auf und sind dann da. Nach dem Thema der Neurowissenschaften beschloss ich, mich einem jüngst erschienenen Buch zur Inklusion zu widmen. Kaum hatte ich mit dem Lesen begonnen, wurde mir eine Anfrage zu diesem Thema angekündigt, die demnächst auf mich zukommen würde. Auch privat spielte das Thema Inklusion seine Rolle. Und gestern nun erreichten mich zwei Nachfragen aus (neuen) Schwerpunktschulen. Da wir uns als Kollegium dahingehend verständigt haben, eine inklusiv arbeiten wollende Schule zu sein bzw. zu werden, erscheint es durchaus angebracht, sich ebenfalls in Schulleiters Tagebuch einmal damit zu befassen.

Zum ersten Mal begegnete mir der Begriff „Inklusion“ vor Jahren bei einer Veranstaltung der GEW in Mainz, an der ich damals noch als Stufenleiter teilnahm. Die Laborschule in Bielefeld stellte ihr inklusives Arbeiten vor. So recht wusste ich damit nichts anzufangen, war auch für „diesen neuen Ansatz von Schule“ nicht offen genug, um bleibende Eindrücke davon behalten zu haben. Erst mit dem Wechsel an die neue Schule, die zugleich als Schwerpunktschule „gesetzt“ war, wuchs „Inklusion“ in mich hinein. Zunächst aber angeknüpft an die Kinder mit besonderem Förderbedarf. Erst langsam lernte ich, dass das Anliegen der Inklusion sehr viel weiter geht, als beeinträchtigte Kinder in Regelschulen zu unterrichten.

Zunächst hat mir folgender historische Gedanke sehr geholfen, mein Verständnis und meine Akzeptanz gegenüber der Inklusion zu bilden: Ausgangspunkt ist wiederum die Aufklärung, welche als Beginn aller Menschenrechts- und Demokratiebewegungen anzusehen ist. Gedanklich, bzw. gesetzlich hat sich die Gleichheit aller Menschen in demokratisch verfassten Staaten weitgehend durchgesetzt. Zu meinen Lebzeiten bedurfte es für Menschen mit dunkler Hautfarbe noch Persönlichkeiten wie Martin Luther King und Nelson Mandela. Auch die Apartheit kann heutzutage in offiziellen Statements als überwunden angesehen zu werden, obgleich sie in manch dumpfem Gedankengut immer noch herumgeistert und weltweit mit Sicherheit längst noch nicht verschwunden ist. Eine immer weiter sich globalisierende Welt mag zu einem veränderten Verständnis, einer Weiterentwicklung des Menschenrechtsgedankens beigetragen haben. Sich nach außen abgrenzende, nach innen sich homogen empfindende Gruppen von Menschen sind einer durch Vielfalt und Heterogenität geprägten Verfasstheit gewichen. „Wo früher Gesellschaften sich darauf orientierten, die Menschen an einer mehr oder minder unterstellten Einheitsnorm auszurichten, zu selektieren und auf bestimmte Vorstellungen hin zu integrieren, da gilt heute das umgekehrte Bild der Inklusion: Menschen sind unterschiedlich, sie können es sein, ohne daraus Diskriminierungen erleiden zu müssen.“ (Kersten Reich, Inklusion und Bildungsgerechtigkeit, Weinheim und Basel 2012, S.7). Die heutige Welt zeigt deutlich, dass es keine grundsätzliche Gleichheit aller Menschen geben kann. Die vielfältigsten Biografien, die verschiedensten sozialen, kulturellen und religiösen Herkünfte, deren Kontakt unter- und miteinander bedingen heutzutage eine (neue?) Wertschätzung der Unterschiedlichkeit, eine Anerkennung der Verschiedenheit und den Respekt vor der Vielfalt der Menschen. Das frühere, durchaus wohlwollend verstandene Anliegen der Integration (wie auch immer  „außen“ Stehende sollen in die eigene Gruppe „hereingeholt“ werden), muss heute durch ein umfassend verstandenes „Wir sind Vielfalt“ ersetzt werden. Es gibt keine sich abgrenzende Homogenität (mehr?), kein „Wir“ gegenüber irgendeinem einem „Ihr“. Inklusion leitet sich ab vom lateinischen includere und meint dort einschließen, in sich enthalten sein. Inklusion beinhaltet daher den Verzicht auf einen rein fiktiv erstellten Begriff von Normalität als Grenzziehung zwischen Dazugehören und Ausgeschlossen-Sein. „Jeder ist anders normal“ (Wocken). Von Unterschiedlichkeit, Vielfalt, Diversität profitieren alle, insofern ein tolerantes, respektvolles und demokratisches Miteinander gelebt wird. Nicht nur Kersten Reich nimmt dazu auch den Staat in die Pflicht. Er habe Vorkehrungen zu treffen, die allen Menschen „…gerechte Chancen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft, Hautfarbe, ihrem Migrationshintergrund, ihren Eigenschaften und Zuschreibungen, ihren sexuellen oder anderen Orientierungen, ihren sozialen, ökonomischen oder kulturellen Benachteiligungen, ihrer Religion oder Behinderung ermöglichen. Die neue Norm sieht in der Diversität mehr Vor- als Nachteile“ (ebd.).  

Eine solche Grundeinstellung entsteht nicht von allein. Sie muss sich in einem langen Erziehungs- und Bildungsprozess ausbreiten. Und genau an dieser Stelle setzt die Wichtigkeit einer inklusiven Schule für das Werden einer sich inklusiv verstehenden Gesellschaft ein. Dem einführenden Kapitel bei Kersten Reich entnehme ich einige Begründungen, weshalb die künftige Schule nur eine sich inklusiv verstehende Schule sein kann. Sie könnte ein Erfolgsmodell sein, weil sie derzeit herrschende und bereits erkannte Ungerechtigkeiten behebt und eine größere Bildungsgerechtigkeit herstellen kann.

Das derzeitige Bildungs- und Schulsystem in Deutschland verursacht eine Reihe von Kritikpunkten, die einem inklusiven Schulsystem entgegenstehen. Nicht erst seit der PISA-Studie ist bekannt, dass in Deutschland die Bildungsnähe und die soziale Zugehörigkeit der Familien von Schüler/-innen so stark wie in keinem Land über die Schulabschlüsse entscheidet. „Die wissenschaftliche Forschung zeigt eindeutig, dass die sozialen, kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen aus Herkunft und Familie sehr stark den Bildungserfolg bestimmen, und dies geschieht auch unabhängig davon, wie intelligent oder engagiert sich das Individuum verhalten mag.“ (ebd. S.17f). Inklusion will aber Benachteiligungen abgebaut wissen und Chancengleichheit herstellen.  Hinzu kommt, dass es zu wenig höhere Abschlüsse zu verzeichnen gibt, denen auch noch eine zu große Zahl an Schulabbrechern bzw. Schulabgängern ohne jeglichen Abschluss gegenüberstehen. International liegt Deutschland in diesem Bereich ebenfalls auf einem der hinteren Plätze. Zusätzlich leisten wir uns nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung „sieben Millionen funktionale Analphabeten (das sind etwa 14 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung)“. (ebd.S.14). Völlig gegen einen inklusiven Anspruch spricht schließlich die Zahl von etwa 4,5 Prozent der Schüler/-innen eines Altersjahrgangs, die an Förderschulen unterrichtet werden. Den größten Anteil daran haben Kinder, denen eine Lernbeeinträchtigung attestiert wird, die bisher weder auf einer genauen Definition beruht, noch auf klare Kriterien zurückgreifen kann. Auf der Strecke bleiben dabei auch Kinder, für die, aus welchen Gründen auch immer, nie ein sonderpädagogisches Gutachten erstellt wurde, die aber dennoch im gängigen Schulsystem ihre Schwierigkeiten mit dem Lernen haben. Nochmal: Inklusion hebt eine angenommene Norm zugunsten der Vielfalt auf.

Hierzu passt auch die Feststellung Reichs, dass in bundesdeutschen Bildungsgängen zu viel spezielles Fachwissen vermittelt werde und zur Abgrenzung gegenüber Menschen verwendet werde, die über dieses Fachwissen nicht verfügten (vgl.ebd.S.21). Länder, die international erfolgreich (und inklusiv) arbeiten, zeichneten sich durch eine viel stärkere Kompetenzorientierung aus. „Ich muss nicht in jedem Fach alle möglichen Details erlernen – das kann ich in einem späteren Studium tun -, sondern soll exemplarisch vor allem jene Kompetenzen erwerben, die für die Handlungen in unterschiedlichen Lebensfeldern und wechselnden Berufen oder Jobs wichtig sind: Exaktes Beobachten und Beschreiben, Analysieren und Beurteilen von Vorgängen, Durchführung von Untersuchungen und Experimenten, Unterscheidungen von Begründungen und Geltungen, kreatives Entwickeln und Gestalten von Lösungen, rasches Umdenken und Umstellen auf neue Gegebenheiten, Durchhaltevermögen und Bereitschaft auch übertriebenen Einsatzes etc. bezeichnen Kompetenzen, die mit dem Wissen zu verbinden sind, das ich in begrenzter Zeit von Fächern mit fächerübergreifenden Absichten und Methoden noch erwerben kann.“ (ebd.S.22).  

Die IGS Dei/Wa ist von Anfang an Schwerpunktschule gewesen. Inzwischen nehmen über 30 Kinder mit besonderem Förderbedarf am Unterricht teil. Wir geben uns Mühe, die Schule im Sinne der Inklusion zu gestalten. Die Ressourcen sind dazu sehr begrenzt und immer wieder stoßen wir an die Erfahrung, statt „gestalten zu können“ eher einen „Mangel verwalten zu müssen“. Wer sich, wie die Bundesrepublik, verpflichtet hat, das Schulsystem zu einem inklusiven aus- oder umzubauen, der muss dafür auch notwendige finanzielle und personelle Ressourcen einbringen. Wenn man die Bildungsausgaben der BRD gemessen am Bruttoinlandprodukt betrachtet, stehen wir mit knapp 5 Prozent international wieder weit hinten – und dieser Prozentwert ist seit 1995 rückläufig! (vgl. Tabelle in: ebd.S.17). Bildung, zumal inklusive, scheint keine Lobby zu haben – und das in einem der reichsten Länder der Welt. Wie schrieb seinerzeit Hildegard Hamm-Brücher: Für das, was politisch gewollt ist, war noch immer Geld vorhanden.

Inhaltlich liegen die Dinge klar. Mit der „Erklärung von Salamanca“ aus dem Jahr 199  und der UN-Behindertenrechtskonvention kann es nicht mehr, wie die Ministerin auf der diesjährigen Landesdirektorenkonferenz gesagt hat, darum gehen ob wir eine inklusive Schule umsetzen. Es kann nur noch um das Wie gehen. Dazu liegt mit dem so genannten „Index für Inklusion“ eine umfangreiche Hilfe vor – darauf einzugehen, bedarf es eines eigenen Eintrags.

Inklusion bedarf einer gesellschaftlichen Akzeptanz. Inklusion bedarf einer Veränderung in den Köpfen der Menschen. Und Inklusion bedarf der Unterstützung der stärksten Meinungsbildner. Ich sehe derzeit viele Einzelpersonen und auch -institutionen, welche diese Veränderung wollen und diskutieren. Einen Ruck in der Gesellschaft verspüre ich nicht.  Inklusion muss ein Ziel bleiben und jeder Schritt dorthin ist ein guter Schritt. „Eine tatsächliche Chancengleichheit aller Menschen ist angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse illusorisch, weil die Menschen in der Gegenwart in sehr unterschiedlichen ökonomischen, sozialen, kulturellen, bildungsbezogenen und auch körperlichen Voraussetzungen auf die Welt kommen und sich in der Welt entwickeln. Diese Unterschiedlichkeit lässt sich nicht einfach gleichmachen. Aber es kann für eine höhere Gerechtigkeit der Chancen gesorgt werden.“ (ebd.S.31).


Montag, 10. September 2012:

„Meine“ beiden Zehnerklassen starteten heute ihre Abschlussfahrt nach Italien, das Wahlpflichtfach Französisch nach Cuisery. Gute Fahrt! Mögen die Eindrücke eure Bildung (!) voran bringen.

Heute Morgen stellten sich Kandidat/-innen für die SV-Wahl am Standort in Wachenheim vor. Großer Aufwand, Standort-Vollversammlung, Schüler/-innen aus Deidesheim reisten an, alles vorbereitet von einem Organisations-Team. Prima Sache! Da einer der Kandidaten auch nach Cuisery fuhr, brachte ich ihn nach seiner Vorstellung zum Abfahrtsort nach Deidesheim, so dass ich den Rest der Vorstellungen nicht erleben konnte. Dies sollte mir dann das Assembly in der dritten Stunde „nachliefern“, als ich die Frage in die Runde warf: Habt ihr eure Wahl getroffen und auf welcher Grundlage?  Erstaunt erhielt ich wohl überlegte Wahrnehmungen: Wichtig war ihnen, dass die zur Wahl Stehenden „sicher auftraten“, „nicht nur die gleichen Inhalte (Toilettenanlagen) wiederholten“ und dass sie „aus höheren Jahrgängen kommen, denn die haben schon mehr Erfahrung“. Das sind für Fünftklässler doch Antworten, die wohltun. Nichts von Sympathie, kein „Hype“, kein „Gedöns“, nein, wohlüberlegt. Diese Kinder sind im wahrsten Wortsinn wahlberechtigt!

Dritter Standortwechsel für heute nach Deidesheim, wo mich weitere Anfragen erwarteten. “Wir wollen dem Jugendkongress ein Pressegespräch in großer Runde vorschieben. Allerdings ließ sich nur ein Termin in den Ferien finden. Würden Sie trotzdem teilnehmen?“ Welche Frage, natürlich! Wir haben dann noch die Vorbereitungen weiter voran gebracht. Ganz klar lässt man bei einem solchen Unternehmen Federn. Da sind so viele Einzelheiten zu klären, an denen Dritte hängen. Käme doch einem Wunder gleich, wenn die ganze Vorbereitung auf Anhieb klappen würde. Zumal nicht eingespielte, zusätzliche Kommunikationswege zwischen Mainz, Bad Dürkheim und Wachenheim zu beschreiten sind. Meiner Motivation tut das jedenfalls keinen Abbruch. Der Einbau der neuen EDV-Anlage soll nächste Woche starten. Juhu!!! Was lange währt…Studientag unter Dach und Fach gebracht, neue Ausbildungsrichtlinien für unsere Lehramtsanwärter/-innen kennen gelernt. Insgesamt ein guter Montag!

 

Freitag, 07. September 2012:

Seltsam: Bis in den Nachmittag hinein arbeitete ich am Gliederungsplan und konnte beim „Test der Plausibilität“ nicht alle Fehlermeldungen bereinigen. Einige tauchten immer wieder auf, egal was ich auch änderte. Nun gut, dann muss eben die Schulaufsicht letzte Klärung herbeiführen. Ich lud die Datei also dennoch hoch, der Termin war eingehalten. Auf der Heimfahrt hatte ich im Auto eine zündende Idee. Ich telefonierte von zu Hause aus mit  der Schulaufsicht. Ja, ich könne noch die Fehler beheben und die dann genauere Datei am Montag per E-Mail-Anhang schicken. Ich machte mich gleich ans Werk. Und siehe da: Die Idee aus dem Auto funktionierte, die Fehlermeldungen blieben aus. Da saß ich stundelang am Computer, wollte partout Lösungen haben, aber unter Zeitdruck verkrampfte ich wohl im Gehirn. Als der Druck weg war, flossen die Gedanken frei und schon war die Lösung da! Wäre das eine Prüfung gewesen, hätte ich mein Leistungsvermögen nicht abrufen können, obwohl ich dazu in der Lage war. Im neuen Amtsblatt ist die Verwaltungsvorschrift veröffentlicht, welche die Zahl der Klassenarbeiten neu regelt. Überall werden jetzt nur noch deren vier im Schuljahr geschrieben. Gehört das nicht zusammen? Druck weg – Verkrampfen bleibt aus – bessere (genauere) Ergebnisse! Meine Zustimmung zu der geringeren Zahl von Klassenarbeiten ist heute eindrucksvoll untermauert worden: Unter (Zeit)Druck wird ein Ergebnis verfälscht. Für uns kann das doch nur heißen: Wenn denn schon Klassenarbeiten auch künftig notwendig bleiben, sollten wir alle Spielräume nutzen (unterschiedliche  Aufgaben, verschiedene Termine…), um mehr nach Art und Weise differenzierte Leistungsmessungen durchzuführen, dabei Stress und Druck vermeiden helfen. Immerhin und hoffentlich eine Übergangslösung.


Donnerstag, 06. September 2012:

Weiter geht der Reigen! Gestern fand mein erster Einsatz beim „1stClassRock“ statt. Georg mit E-Gitarre – da muss ich mich erst noch reinfinden. Klar, Griffbrett, Bünde, Griffe, sauberes Greifen, das kenne ich alles. Nur das flache Brett vor dem Bauch, das ohne Verstärker nicht klingt…fremd eben. Den Kids hat es aber gefallen.

Morgens schon wieder ein Elterngespräch, das einen vehementen Schulleiter erforderte. Es waren nicht mal welche aus dem eigenen Haus und gerade deswegen so kompliziert. Mal abwarten, ob sich ein Nachspiel einstellt.

Heute dann wieder Start in Wachenheim: zwei Musikstunden. Zuvor Kolleg/-innen der Planungsgruppe der im nächsten Jahr startenden IGS in Remagen begrüßen. Wie im letzten Jahr weilen sie gerade drei Tage in Speyer zur Vorbereitung und strömten paarweise an IGS in der Nähe zur Hospitation aus. Gemeinsam fuhren wir dann nach Deidesheim, wo sie Unterricht in heterogenen beiwohnen  konnten. Anschließend zwei Stunden Austausch und Motivationsförderung im lockeren Gespräch. So geht die Zeit dahin: Vor unserem Start weilten wir auch drei Tage in Speyer, ich stieß als „Neuling“ dazu und heute kamen bereits zum wiederholten Mal Vertreter/-innen von aktuellen Planungsgruppen, um zu sehen „wie man eine neue IGS aufbaut“.

Noch ein Besuch am Nachmittag in  Wachenheim: Neben den drei Anwärter/-innen für das Lehramt an Realschulen arbeitet auch einer aus dem Bereich der Förderschule bei uns. Der Leiter des Studienseminars wollte uns als neue Ausbildungsschule kennen lernen. Viele Übereinstimmungen, gute Aussichten auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Schöne Eindrücke – aber die Gliederungspläne blieben weitgehend auf der Strecke. Morgen ist Termin!


Dienstag, 04. September 2012:

Der Tag begann wie gestern mit einem erneuten Elterngespräch in Wachenheim. Unsere Hilfsangebote können umgesetzt werden, aber ich benötigte neben den Sachargumenten erneut das Auftreten des Schulleiters. Ansonsten baue ich lieber auf die Argumentation. Alles andere basiert auf einem Oben und Unten, auf Rollen, auf Autorität, die (vielleicht) ohne Einsicht sich durchzusetzen in der Lage ist – und somit nicht „mein Ding“. Allein: Wenn es dem Kind hilft, soll es mir recht sein.

In Deidesheim erklang zum Übungsalarm die handgedrehte Feuersirene. Zwar war das Schulgebäude in drei Minuten geräumt, aber es tauchten gravierende Mängel auf: Nix da geräumt, zwei naturwissenschaftliche Kurse bekamen von dem Alarm gar nichts mit. Einer verließ zwar den Raum, weil sie die anderen Schüler/-innen sahen, die Gruppe in dem anderen Raum hätte wohl von der Feuerwehr gerettet werden müssen. Da muss ganz schnell Abhilfe her

Ansonsten verfalle ich immer mehr dem Eindruck: Die Zeit, in welcher mich Kolleg/-innen im vergangenen Schuljahr vermissten, holen sie gerade en bloc nach. Sie geben sich die Klinke in die Hand, sprechen mich hier an, wollen dort noch was und freuen sich an meiner Anwesenheit. In Wachenheim ist derzeit ebenfalls so viel los, dass ich auch dort locker einen Tag füllen könnte. So komme ich täglich auf zwei bis drei Standortwechsel, nur an meine eigentlichen Vorhaben komme ich nicht. Am Freitag müssen die Gliederungspläne ausgefüllt an die Schulaufsicht gehen. Ich weiß noch nicht, wie wir das hinbekommen sollen. Sicher ist nur, dass es keinen Aufschub gibt.

 

Am Nachmittag trafen wir uns zu unserem ersten Gesamt-Team. Wir brachten viele Punkte hinter uns, freilich, aber so möchte ich diese Institution nicht füllen. Nicht abgesprochen oblag mir plötzlich die Leitung und das Treffen glich sich immer mehr einer Dienstbesprechung an. Was habe ich versäumt? Da müssen wir dringend nachlegen. Da brauche ich Unterstützung, da müssen wir andere Formen und Arbeitsweisen finden.

 



Montag, 03. September 2012:

Gestern Abend spät lief eine Sendung im Fernsehen, die ich aufzeichnete. Heute nun habe ich sie begeistert angeschaut, besser angehört. Der Philosoph Richard David Precht hatte Prof. Gerald Hüther. Beide kenne ich als Autoren, habe beide auch schon hier erwähnt. Sie stellten sich das Thema; „Macht Lernen dumm?“ Immerhin ist Hüther Hirnwissenschaftler und ich erwartete, dass er Positionen vertreten vertritt, die ich aus der Neurodidaktik kenne. Da mich das Gespräch noch mehr beeindruckte als ich gedacht hatte, seien einige prägnante Aussagen kommentarlos zitiert. Wer immer die Sendung nicht sehen konnte, soll einige Sätze daraus lesen können.  Alle stammen von Gerald Hüther aus der Sendung „Precht“, die am 02.09.2012 vom ZDF ausgestrahlt wurde.

„Die Zukunft eines Landes hängt davon ab, wie gut es dieser Gesellschaft gelingt, die Kinder auf diese Zukunft vorzubereiten. Unsere gegenwärtige Welt hat sich verwandelt. Unser Schulsystem ist zu einer Zeit entstanden, die es nicht mehr gibt.“

Die Schule wird sich verändern, „weil wir es uns nicht leisten können, das wichtigste Potenzial, das wir haben, diese Kreativität von Kindern, die Entdeckerfreude, die Begeisterung, die Lust am Lernen länger zu vergeuden. Es kann doch nicht sein, dass genau der Ort, der auf das Leben vorbereiten soll, wo man all das lernen soll, was man im späteren Leben braucht, dass man genau an dem Ort die Lust am Lernen verliert.“

„Jedes Kind ist auf seine Weise hochbegabt. Nur unser komischer Bildungsbegriff verwechselt die Fähigkeit, sich in diesem Schulsystem einigermaßen durchzuschlagen, mit Begabung.“

„Man kann niemanden erfolgreich bilden. Bildung ist etwas, das sich ereignet. Bildung kann bestenfalls gelingen.“

„Man kann im Gehirn nachhaltig nur dann etwas vernetzen, neue Strukturen aufbauen, wenn es einem unter die Haut geht.“

Und eines von R.D. Precht sei angefügt, weil es markant die Grundeinstellung so mancher (vieler?) Pädagogen im Schuldienst anprangert: „Kinder sind keine Aktenordner…Wir behandeln die Kinder immer noch so, als würden wir nicht Kinder unterrichten sondern Gehirne oder Köpfe.“