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August 2012

 

Freitag, 31. August 2012:

Puh! Luftholen nach einer Woche, die es in sich hatte. Methodentraining für alle Jahrgänge, innerhalb deren der Besuch des Berufsinformationszentrums der Achter, hier Regelungsbedarf, dort Schwierigkeiten, die der Schulleiter lösen soll, dort klemmt es noch, hier muss ich nachhaken, Ganztagszahlen stimmen nicht und so weiter. Schön in diesem Gewusel an mich beschäftigenden Einzelpunkten waren zwei Stunden Unterrichtsbesuch. Zum einen einfach, weil es gekonnt durchgeführte Stunden waren, aber auch deshalb, weil sie mir Ruhe an diesem Freitag verschafften. Wer hätte gedacht, dass ich solche Stunden, die wegen der Dienstlichen Beurteilungen im Nachklatsch Arbeit bedeuten, als Ruhepol der Woche erleben würde.

Zwei Themen sind noch vorangekommen: In Verbindung mit den Stadtwerken in Wachenheim, welche die neue Photovoltaik-Anlage auf dem Dach betreiben, werden wir ein Digitales Schwarzes Brett in Wachenheim bekommen. Wenn dann die beiden Schulen besser (oder überhaupt) vernetzt sein werden, kann der Vertretungsplan von Deidesheim aus mit einem Mausklick auch in Wachenheim erscheinen. Keine Mails mehr, kein Ausdrucken, kein Aufhängen, keine aktuelle Version versäumen…ein gutes Stück Erleichterung. Und ein Treffen mit dem Bauamt in Deidesheim rückte ebenfalls den bereits erwähnten Pavillon in „greifbare Nähe“. Weil mich beim Weiterkommen der Schule immer wieder andere Wahrnehmungen erreichen: Es geht immer weiter und immer neu voran.

Ein Schmankerl für den Deutschlehrer in mir, der freies Schreiben liebt, ist die Rückkehr mancher Postkarten, die uns dieser Tage aus dem Luftballon-Wettbewerb der Fünfer erreichen. Was könnte man da nicht alles für Geschichten ausdenken, denn eine Reihe von Karten enthalten persönliche Mitteilungen, die ganze Bildfolgen vor meinen Augen erzeugen:

„Dein Luftballon ist 37 km Luftlinie geflogen, bis nach Schriesheim an der Bergstraße. Vorschlag für den nächsten Schulausflug: Schriesheim hat ein tolles Besucherbergwerk.“

„Viel Spaß an der neuen Schule und meine besonderen Wünsche an dich, da ich auch Lehrerin bin.“

„Gestern habe ich eure zusammengeknoteten Ballons in meinem Apfelbaum gefunden.“

„Viel Glück beim Gewinnen. Weit genug ist dein Ballon ja geflogen, bis kurz vor den Bayerischen Wald.“

„Habe die Karte am 21.8.2012 auf einem Acker bei der Feldarbeit gefunden.“

„Deine Karte hat neben unserem Schweinestall gelegen.“

Da wäre ich doch gerne Luftballon gewesen, der eine dieser Karten über Landschaften hinweg getragen hat. Da wir noch etwas abwarten wollen mit dem Schluss des Wettbewerbs, bin ich noch immer gespannt. Vielleicht kommt ja noch eine Karte aus einem ganz anderen Abenteuer bei uns an. Wunderbar!


Mittwoch, 29. August 2012:

Eine große Runde von Professionen beriet heute über helfende Schritte für einen Schüler, der uns letzte Woche ein großes Problem bescherte. Jugendamt, Familienhilfe, Schulsozialarbeit, schulpsychologischer Dienst, Förderlehrkraft, Tutoren, Fachlehrkräfte rangen über zwei Stunden nach gemeinsamen Einschätzungen und Hilfestellungen. Am Ende schälte sich eine Lösung heraus, die „sich gut anfühlt“. Und deshalb war dies für mich ein Höhepunkt und ein Beispiel dafür, was Pädagogik und Umgang mit Kindern umfassen muss. „Das können wir bei so vielen Schülern doch gar nicht leisten!“, höre ich Kritiker sagen. Müssen wir auch nicht, möchte ich antworten. Aber für dieses eine Kind mussten wir es heute tun. Und wie gut hat mir die Erfahrung getan, immer wieder den Blickwinkel darauf zu legen: „Was hilft diesem einen Kind in seiner Situation?“. Und alle bringen ihre Sichtweise ein und erstellen ein immer weiter sich komplettierendes Bild. Wer weiß schon, ob sich jemals zuvor um dieses Kind so gekümmert wurde. Dass wir es heute versucht haben, allein das ist schon der Rede wert. Ob nun die richtigen Hilfen folgen, ob die Entwicklung uns Recht geben wird, ob wir einfühlsam genug waren – ist letztlich nicht wichtig. Ein einzelnes Kind, das die Schöpfung fortsetzt (siehe Bergmann), hat heute all unser Denken beschäftigt, wenigstens für zwei Stunden und damit geht es mir gut!

Am Abend besuchte der neue Schulleiter der Realschule plus den Elternabend der beiden zehnten Klassen, stellte sich vor und schnupperte die Atmosphäre dieser Schule. Irgendwie bewegend. Es wurde, wenn auch nur für ein Jahr, ein neuer SEB gewählt. Das wird für mich noch einmal und schon wieder ein ganz neues Erlebnis werden und – das steht jetzt schon fest – am 28. Juli 2013 in einer gemeinsamen Abschlussfeier „meiner beiden Schulen“ münden.


Dienstag, 28. August 2012:

Ein sehr schönes Kaffee-Gespräch erlebte ich in zwei Morgenstunden im Büro, das meine Rolle als Schulleiter reflektierte, das die Schule und ihr Werdegang im Fokus hatte, das persönliche Elemente enthielt – und am Ende bekam ich noch eine CD mit gregorianischen Gesängen geschenkt. Sie wurde an einem einmaligen Termin im Kloster Heiligkreuz mitgeschnitten. Kein Studio, keine Proben, kein akustisch ausgetüftelter Raum, einfach den Alltag der dortigen Gemeinschaft „abgelauscht“. Schlicht hört sich das an, fast karg und gerade deswegen so wuchtig. Wunderbar. Ein Volltreffer.

In der Mittagspause Kooperationssitzung mit dem Grundschulkollegium in Wachenheim. Da wir ein gemeinsames Schulgelände und -gebäude nutzen, sind Absprachen notwendig. Und da wir jedes Jahr ein neues Jahrgangsteam begrüßen, müssen diese Absprachen immer wieder auf die Tagesordnung. Inhaltlich hätten sie für mein Empfinden ruhig etwas „freier“ sein können, aber alle müssen ja damit leben können. Absprachen können kein Durchboxen sein, das Miteinander steht im Vordergrund.

 

Sonntag, 26. August 2012:

Zum dritten Mal Weinstraßentag mit einem Stand des Fördervereins. Das Equipment zahlreicher, die Abläufe eingespielter, der Spaß zahlreicher („Gegen Hunger und Dorscht, halt bei der IGS in Forscht!“) – aber gleichbleibend meine Bewunderung für die Helfer, die wieder Teile oder den ganzen Sonntag ehrenamtlich für die Schule eingebracht haben. Danke, ihr seid eine tolle Truppe! Ich bin so froh, euch als Unterstützer der gesamten Schule an meiner Seite zu wissen!

 

Donnerstag, 23. August 2012:

Mein Büro ist heute „fertig“ geworden: Die alten Haken-Löcher sind vergipst, die Wand ist gestrichen und meine Bilder fanden heute ihren Platz. Ich verfüge nicht mehr über eine große Wand für sie. Nun hängen sie eben an zweien. Immerhin entstand die Anordnung mit Unterstützung eines Kunstlehrers. Jetzt habe ich keine Ausrede mehr – die nächsten freien Minuten dienen dem Aussortieren der leidigen Papieransammlung der letzten Jahre.

Eine Kollegin hat sich bei mir vorgestellt. Sie steht kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes und geht dann bis Oktober 2013 in Elternzeit. Nicht nur weil sie in der Nähe wohnt, wäre anschließend eine Versetzung zu uns angebracht. Sie würde sehr gut zu uns passen und könnte uns beim 1stClassRock prächtig unterstützen. Geht sehr früh los in diesem Jahr mit Versetzungswünschen. Gut so!

Meine zweite Musikklasse war heute zunächst nicht so munter wie die gestrige. Ich benötigte einige Zeit mehr für die gelassene und fröhliche Atmosphäre. Aber dann klappte es doch und „Jeder kann was prima machen“ erklang erneut im Kanon. Danach, als „Schmankerl“ sozusagen, sangen wir noch die „Zehn von der IGS“. Spätestens da war alles so wie immer.   

 

Mittwoch, 22. August 2012:

Ich stecke noch voll von Eindrücken des Tages. Zu viele waren es, um alle zu würdigen. Zwei will ich nennen. Heute starteten wir das 1stClassRock-Unternehmen. Knapp 30 Kinder wagten sich an E-Gitarren, Keyboards und Schlagzeug heran. Drei Lehrkräfte leiteten an. Welche Erfahrung im Team! Ganz neu für mich, weil ich weder mit dem Bandspiel, noch mit 1stClassRock, noch mit dem Spiel mit der E-Gitarre vertraut bin. Und dann dieser Mut, dieses Sich-Einlassen der Kinder…ich vermute, dass diese beiden Stunden am Mittwoch noch öfter hier auftauchen werden!

Vormittags meine erste Musikstunde in einer fünften Klasse. Schneller Kontakt war möglich, herzliche Atmosphäre, viel Spaß beim Singen – einfach aufbauend.

Wir können an einen recht großen Holzpavillon kommen, den uns ein Bewohner „aus dem Tal“ vermachen will. Aber wie die Bürokratie so läuft: da ist dies zu bedenken, das umzusetzen und eine Baugenehmigung einzuholen, die Frage des Fundaments zu klären und die Abschließbarkeit…immer wieder neue Hürden taten sich auf, so dass ich das Ganze schon aufgeben wollte. Und dann gibt es da einen Kollegen, der sich trotz allem durchbeißen will, nicht aufgibt, weiter „kämpft“…und schon erste Erfolge erzielt hat.

Es wäre ein rundum schöner Tag geworden, hätte es da nicht einen erneuten Vorfall gegeben mit Schlägen und heftigste Androhungen eines Schülers gegenüber einem Fünftklässler. Aber das gehört vielleicht zu einem solchen geglückten Tag dazu wie Schatten zum Licht.

 

Montag, 20. August 2012:

Erstes Assembly mit den neuen Fünftklässlern. Was heute grundgelegt wird, hat Bestand. Ein wichtiger Termin. Ich glaube, es ist gelungen, dass Assembly einzupflanzen. Zwar muss ich früher aus Deidesheim kommen (bzw. mich durch nichts aufhalten lassen), um die Technik in Ruhe aufzubauen, aber wie Kinder heute mitgemacht haben, wie sie das Schullied zum ersten Mal allein gesungen und über den Text und dessen Bedeutung für unsere Schule gesprochen haben – das war schon und wieder einmalig. Habt Dank, dass ich euch dabei begleiten durfte!

 

Sonntag, 19. August 2012:

Mein Urlaubsschmöker liegt immer noch im Wohnzimmer. Ein Hinweis, dass ich mit ihm noch nicht zu Ende gekommen bin. Zwei Punkte will ich hier noch festhalten.

Zum einen die mir Respekt und Demut zugleich auslösende Größe des Gehirns, die mir durch die Lektüre plastisch wurde. Unser Gehirn verarbeitet durch die Millionen von Fasern pro Sekunde (!) etwa 750 Millionen Impulse. Bedenkt man, dass der geringste Teil der Fasern für die Aufnahme nach innen oder Abgabe nach außen benötigt werden, der Rest für interne Verbindungen zur Verfügung steht, kommt man auf eine zu verarbeitende Datenmenge, die nur erstaunen kann. „Die Zellen in unserem Gehirn sind somit vor allem untereinander verbunden und nur eine Verbindung von 10 Millionen geht in das Gehirn oder aus ihm heraus. Eine von 10 Millionen ist mit der Welt verbunden, die anderen verbinden das Gehirn mit sich selbst…Die Informationsmenge, die unser Gehirn erreicht, beträgt daher knapp 100 Megabyte pro Sekunde.“ (Spitzer, S.52f). Mir fehlt schlicht die Vorstellungskraft dafür, wie viele unterschiedliche Gehirne wir gerade in den fünften Klassen aufgenommen haben. Schließlich verarbeiteten sie diese unvorstellbare Menge an Daten bereits über Jahre hinweg! Spitzer spricht daher auch von Datenlandschaften, welche die Großhirnrinde anlege, von punktuellen Speicherungen kann angesichts dieser Größe niemand mehr ausgehen. „Wenn man sagt, dass die Repräsentationen im Kortex landkartenartig sind, dann ist damit gemeint, dass sie in ganz bestimmter Weise geordnet sind: 1. Ähnliche Signale liegen nahe beieinander. 2. Häufige Eingangssignale nehmen einen größeren Raum ein als seltene.“ (Spitzer, S.102). Ich lernte dabei auch mein Gehirn besser kennen. Wer etwa die Blindenschrift lesen gelernt hat, hat eine Landschaft des Tastsinns weitaus ausgeprägter angelegt, als Menschen, die dies nicht benötigt haben. Spitzer bringt auch wieder das Beispiel des Gitarre-Spielens. Wer dieses Instrument erlernt hat, „…verändert ebenfalls das für die Finger der linken Hand (die besonders genau greifen müssen) zuständige kortikale Areal…Es wird um 1,5 bis zu 3,5 Zentimeter länger.“ (Spitzer, S. 106). Da ist wieder die von den Erfahrungen eines jeden Menschen abhängige Einzigartigkeit des Gehirns, die nach individuellem Umgang geradezu schreit. Verblüfft aber hat mich dazu folgendes: Diese Landschaften entstehen nicht nur und sind dann da. Das Gehirn verändert diese Landschaften fortwährend, je nachdem, welche Informationen neu hinzukommen. Es ist also einem immerwährenden Veränderungsprozess ausgesetzt. Die vielen Millionen Verbindungen, die nur intern verknüpft sind, erreichen dies. „Wie Forschungsergebnisse insbesondere der vergangenen 15 Jahre eindrucksvoll nachweisen konnten, baut sich das Gehirn in Abhängigkeit vom zu verarbeitenden Input ständig um, d.h. es werden neue neuronale Verbindungen geknüpft, um Eingangssignale besser verarbeiten zu können.“ (Spitzer, S. 119). Im Beispiel des Trier Doms könnte das heißen, dass alle barocke Altäre oder Grabmäler umgesetzt werden könnten und nicht mit denen aus Renaissance vermischt sind. Immer ist Bewegung vorhanden.

Nach Rainer Werner Fassbinders Film „Angst essen Seele auf“ ist ein weiteres Kapitel benannt. Ich will dies nochmal als Abschluss verstärken: „Angst bewirkt zwar rasches Lernen, ist jedoch kognitiven Prozessen nicht förderlich und verhindert zudem genau das, was beim Lernen erreicht werden soll: Es geht nicht um ein einzelnes Faktum, sondern um die Verknüpfung des neu zu Lernenden mit bereits bekannten Inhalten und um die Anwendung des Gelernten auf viele Situationen und Beispiele.“ (Spitzer, S. 161, Hervorhebungen im Original). Hier kommen wieder die Lernatmosphäre an Schulen ins Spiel, die Wertschätzung von einzelnen Schülerpersönlichkeiten auf Seiten der Lehrkräfte und der Umgang miteinander innerhalb einer Schulgemeinschaft ins Spiel. Weshalb werden solch fundamentale Wirksamkeiten so wenig diskutiert und weshalb ist deren Umsetzung in vielen Schulen so schwierig?

 

Freitag, 17. August 2012:

Gestartet bin ich heute in Wachenheim. So schnell geht die Gewöhnung: Nach einer Woche in Deidesheim kommt mir der Schulweg eigenartig vor. Kann eine Woche vier Jahre verdrängen? Das Team „Wilma Worschtkordel“ startete heute ihre Fortbildung im Martin-Butzer-Haus. Sowohl Teamfindung als auch Vorbereitung der Klassenfahrt stehen dabei im Vordergrund. Kommt gestärkt und bereichert wieder! Eine günstige Lösung für die Abwesenheit eines ganzen Teams: Die neuen Fünfer wandern mit ihren Patenklassen an den zweiten Standort. Eigentlich ein ruhiger Tag, von außen gesehen. Ich selbst kontrollierte die WPF-Zahlen. Ein Blick auf die Gruppenzahlen zeigte, dass einige Grunddaten falsch waren, so dass auch keine sinnvolle Aufteilung möglich war. Aber der Arbeitsplatz, egal an welchem Standort, lässt konzentriertes Arbeiten am Stück einfach nicht zu. Deshalb verstehe ich, dass wir unbedingt feste Öffnungszeiten für die Sekretariate benötigen. Mal sehen, wie sich das einspielt.

„Dienstschluss“ dann in Deidesheim. Es ist doch später geworden als ich geplant. Fiel heute wegen eines Termins beim Kinderarzt unserem Kleinen gar nicht auf. Als er dann abends nach einem Kapitel aus dem Hotzenplotz selig eingeschlafen war, „spielte“ ich weiter mit dem Excel-Programm und hatte nach weiteren zweieinhalb Stunden nicht nur eine Lösung für das Orientierungsjahr gefunden. Durch geschicktes Umverteilen gelang mir gar eine zweite, die sich auch noch kostengünstiger durch Wegfall eines Kurses auszeichnet. Und nun: Wochenende, sei mir willkommen.

 

Mittwoch, 15. August 2012:

Noch immer schlägt der Schuljahresbeginn Purzelbäume. Da prasselt so viel auf mich ein, dass ich einen „ganz normalen“ Schuljahresbeginn herbei sehne (Kann es den geben?). Ich erlebe nun den fünften Beginn, der viele „eingefahrene Wege“ des oder der vergangenen Jahre einfach aufhebt. Festmachen kann ich das im Büro: Bis dort wieder alles angelaufen ist, vom Installieren eines neuen Druckertreibers auf meinem Dienst-Laptop, über die Telefonanlage bis hin zu neuen Arbeitsabläufen im Sekretariat…das wird noch dauern. „Ich dachte, du seist gar nicht da. Dass du in einem neuen Büro sitzt, habe ich noch gar nicht realisiert!“ Eben. „Wieso ist im neuen Teamraum keine Mikrowelle?“, „Wir haben noch keine CD-Player im Jahrgang!“, „Wie ist das jetzt mit der Musikschule? Die stehen heute Mittag wieder auf der Matte.“, „Bis wohin soll die Wand denn gestrichen werden?“, „Für die Wanderung der Fünftklässler nach Deidesheim brauche ich noch eine Begleitung.“, „Das Faxgerät hat den Geist aufgegeben.“, „Kann ich dich über ein Gespräch mit dem Jugendamt informieren!“, „Die Schulaufsicht hat angerufen und bittet dringend um Rückruf.“, „Du sollst wegen der Kontoumstellung die Bank anrufen!“. Kein Wunder, dass ich den (erst gestern) vereinbarten Termin in Wachenheim einfach verschwitzte. „Sorry! Bin in 15 Minuten da!“ Wir trafen uns zu dritt, um 1stClassRock zu besprechen. Es ist ein völlig neues Projekt, in welchem ich die Gruppe der E-Gitarren betreuen werde. Spannend eigentlich und dennoch empfand ich heute zum ersten Mal so etwas wie Ruhe. Ich konnte mich über 90 Minuten ungestört einem Thema widmen. Morgen ist ein neuer Tag. Ich habe bis jetzt keinen festen Termin. Ich lasse ihn einfach mal kommen!


Dienstag, 14. August 2012:

Der Jahrgang „Wilma Worschtkordel“ ist aufgenommen! Wieder brauste eine sehr schöne Feier durch die Stadthalle in Wachenheim. Es war schon meine fünfte! Wie hat sich dieser Höhepunkt seit 2008 entwickelt. Da ist ein Stück  Schulkultur gewachsen, das nicht mehr wegzudenken ist und sich von Jahr zu Jahr weiter tradiert. Der komplette Jahrgang „Gustav Grumbeer“ und einige „Susi Saumagen“ gestalteten ein wunderschönes Programm. Weiterhin waren „ein paar Korken“ und eine Schülerin der Realschule plus mit von der Partie. Nicht mal unser Schullied musste ich anstimmen. Es erwuchs gleich zweimal aus einer Schülernummer. Es war wie selbstverständlich darin integriert und alle haben gleich mitgesungen. Ich wusste von nichts, war darauf eingestellt, es selbst anzustimmen. Und dann dies! Ein echtes und wahrhaftiges Schullied! Ich war gerührt. Wie oft setzt diese kleine Melodie neue Akzente…kaum zu glauben! Imponiert hat mir auch, wie selbstsicher, wie souverän und wie begeistert die Sechstklässler immerhin vor über 200 Menschen auf einer Bühne agieren und die Atmosphäre ihrer Schule abbilden. Ich konnte die Schultern nicht zählen, auf denen diese Feier ruhte. Auf meinen jedenfalls nicht, denn mein Part bestand lediglich in der Begrüßung. „Vor allem war es toll zu sehen, dass es keine One-Man-Show ist.“, ein Satz aus dem Freundeskreis, der die vorigen Worte gut zusammenfasst. Auch dessen Begleitung ist eingespielt und läuft ohne Aufheben fast professionell ab. Neben den neuen Rollbannern mit den Jahrgangslogos, die heute erstmals zum Einsatz kamen, stiegen eigene Luftballons mit dem Aufdruck des Fördervereins in den (zum fünften Mal!) sonnigen Himmel.

Ich reihte mich nachmittags in die Teamsitzung der Wilmas ein und wollte Atmosphäre schnuppern. Das inzwischen dritte Team hat dort Heimat gefunden. Miterleben zu dürfen, wie sie miteinander arbeiten, wie miteinander gesprochen und gelacht haben, das macht mich so froh, denn sie werden an „unserer“ Schule weiterbauen, werden sie weiter entwickeln.  Dieser Tag war ein Geschenk von vielen an die Schule. Dieser Tag macht mich glücklich. Für diesen Tag sei ganz vielen Menschen gedankt. Ich wünsche allen heute bei uns begrüßten Schüler/-innen, dass sie ein Stück von meinem Glück miterleben können und so tief drinnen, wie heute in mir, das Gefühl spüren: Es macht einfach Spaß, ein Teil dieser Schule zu sein!


Montag, 13. August 2012:

Gut, dass der Arzt aus dem Krankenhaus mich heute nicht erlebt hat. Er sprach im Januar von Verminderung des beruflichen Stresses. Heute weit gefehlt. Die „Flüstertüte“, die wir kurz nach acht Uhr für den Einzug der „Neu-Deidesheimer“ benötigten, wurde zwar gefunden, doch die Batterien hatten sich über die Sommerferien geleert. Es war seit den Bundesjugendspielen eingeschaltet, kein Wunder also. Auf die Schnelle neue beschaffen (lassen). Alle Deidesheimer Schüler/-innen hatten ein Spalier gebildet, durch welches die neuen Siebtklässler mit lautem Getöse einziehen sollten. Ganz erstaunlich: Unser Ruhezeichen bringt auch einen Schulhof voller Kids zur Ruhe. Toll! Ein Kollege der Realschule plus tauchte überraschend auf. Er hatte in den Sommerferien nichts von der Schulaufsicht hinsichtlich einer Versetzung gehört. Also müsse er seinen Dienst bei uns antreten. Richtig. Nur: Unsere Unterrichtsverteilung ist abgeschlossen. Was also tun? Das Telefon in Neustadt klingelte durch…

Wieso sage ich an ersten Schultagen Unterstützung zu? Ich weiß doch, dass sich nach Ferien, zumal nach denen im Sommer, viele Punkte kulminieren. Und stets handelt es sich um Punkte, die keinen Aufschub zulassen und möglichst sofort entschieden werden müssen. Aber: Gesagt ist gesagt. Schnell nach Wachenheim, die Tonanlage und Instrumente in die Stadthalle schaffen und eine Probe ermöglichen. Schließlich bin ich einer der ganz wenigen Nicht-Tutoren und müsste an einem Tutoren-Tag eigentlich Zeit haben. Das Handy klingelt. „Unser“ IGS-Referent war am Apparat. Noch eine Personalangelegenheit. Sie hatte sich sehr kurzfristig ergeben. Die Probe musste also ohne meinen Sachverstand laufen. Zurück nach Deidesheim. Die Buchausleihe hing. Dutzende Beschwerden und Nachfragen. Im Büro durchforstete ich schnell die Post. Abschluss wieder in Wachenheim, dort noch schnell zwei Schultüten packen, für zusätzlich beginnende Mitarbeiter. Also, Herr Doktor, das war heute nichts mit weniger Stress.


Freitag, 10. August 2012:

Der Alltag stellt sich langsam ein: Ich begann den Tag in Wachenheim. Neben den beiden Verbeamtungen auf Lebenszeit gestern konnte ich heute eine Neueinstellung vollziehen. Auch das ist mit der Vereidigung stets eine hoheitliche Tätigkeit. Das Büro in Wachenheim hat sich verändert. Die Möbel stehen anders und sind ergänzt. Ich glaube, innerlich hat sich der Abschied dadurch schnell vollzogen. Ich werde diesen Raum zwar weiterhin bei meinen Aufenthalten in Wachenheim nutzen. Mein Stundenplan sieht das immerhin an drei Tagen in der Woche vor, aber „mein“ Büro befindet sich schon jetzt in Deidesheim. Dorthin gefahren, gab es erneut erste Begegnungen. Eine weitere Lehramtsanwärterin stellte sich vor und ein Bewerber als Vertretungskraft. Nicht nur ein paar Krümel und Teller in der Mensa zeugten von der ersten Dienstbesprechung gestern. Die Einladung zu derselben kam nicht bei allen aus dem Team „Wilma Worschtkordel“ an. So schrieb ich nach der Überprüfung der Sammeladresse eine E-Mail als Test und erhielt einige schöne, freundlich gestimmte Antworten.

„Ich war im Vorfeld natürlich etwas aufgeregt, wie der erste Tag so wird,
aber das Kollegium in Dei/Wa ist unglaublich aufgeschlossen und herzlich.
Daher war es sehr schön.“

„…Auch die Sache mit den Schultüten fand ich eine tolle Idee und eine schöne Bestätigung, dass man willkommen ist. Generell waren die erste Konferenz und die anschließende Teamsitzung zwar mit vielen Infos gespickt aber nicht überladen. Und viele Dinge konnte ich auch wunderbar in ‚Gesprächen dazwischen‘ klären. Ich freue mich auf die neue Schule.“

„Vielen lieben Dank für eure tolle Begrüßung! So herzlich wurde ich an noch keiner Schule empfangen. Aufgeregt bin ich zwar immer noch, aber jetzt wegen der vielen Kinder und Eltern, die am Dienstag in mein Leben treten werden.“

"Für die herzliche Begrüßung, sogar noch mit Schultüte, möchte ich mich bedanken. Das hat meinen ersten Eindruck von der Schule bestätigt und verstärkt."


Es ist herrlich, direkt solche Rückmeldungen zu erhalten. Sie milderten mein Stöhnen, als ich im neuen Büro zwei Kisten mit „altem Krimskrams“ vorfand. Im Grunde alles Papiere aus meinem Büro in Wachenheim. Die gilt es nun nach „Abheften“ oder „Schreddern“ zu sortieren, wenn irgendwann dafür Zeit ist („Wann soll das denn sein, Georg?“, fragt die erfahrene Stimme in mir). Vorerst räumte ich den Inhalt der Kisten in Schränke und Regale… Noch schnell die ausgeräumten Bücherkisten unsres Buchhändlers nach Bad Dürkheim bringen und dann den letzten Ferientag im Luisenpark genießen, denn am Montag beginnt ja auch der Kindergarten wieder.


Donnerstag, 09. August 2012:

Ich glaube, das war ein gelungener Start ins neue Schuljahr. Von der Feuertreppe aus sah ich verschiedene Kolleg/-innen ankommen und stellte eine freudige Aufregung in mir fest. Ich kann es nicht verhehlen: Ich freute mich darauf, all die Menschen wiederzusehen, die mit uns arbeiten. Ein gutes Gefühl!

Lange überlegte ich, ob die Begrüßung mit den Schultüten und dem Lied ganz am Anfang stehen soll. Naturgemäß ist dieser Part ja eher lustig und locker. Ich entschied mich aber doch dafür, das gestern notierte Zitat ganz an den Anfang zu stellen. Es soll dadurch Gewicht für das ganze Schuljahr bekommen.

Nach dem Vorstellen der neuen Kolleg/-innen durch mich wollte ich die Aufnahme durch das gesamte Kollegium „vollziehen“. Jede/r sollte dazu seine/ihre Stimme erheben. Länger als erwartet, bastelte ich gestern an dem Text, bis er sich direkt und ohne vorherige Probe singbar gestaltete:

"Seid uns herzlich hier willkomen,

Nicht nur heute - jeden Tag!

Wünschen jeder/m nur das Beste,

dass er/sie unsre Schule mag.

Fangt gut an!

Habt einfach Mut!

Schaffen wir zusammen,

dann wird es gut!"


Das bisherige Kollegium nahm die „Neuen“ mit diesem Text auf. Anschließend sang das „frisch erweiterte“ Kollegium gemeinsam den Originaltext: „Jeder kann was prima machen.“ Ein stimmungsvoller und schöner Einstieg, der den Ernst des Anfangsimpulses fast noch verstärkte: Anspruch und Freude gleich nacheinander. Jetzt konnte es losgehen! Zügig arbeiteten wir die 23 Punkte durch, die von der Schlüsselregelung bis hin zu einer neuen Struktur mit einer Steuerungsgruppe reichten. Wenn sie in den Jahrgangsteams nochmal durchgesprochen und dann verabschiedet wurde, werde ich darauf nochmal eingehen.

Wann kann ein Kollegium besser fotografiert werden als einem solchen Tag? Wir versuchten uns abschließend geschickt aufzustellen. Nun ist ein Foto für das Schuljahr 2012/2013 entstanden – ich bin beeindruckt von der inzwischen erreichten Größe. Ein weiteres Gefühl meldet sich in mir beim Betrachten des Bildes: Stolz! Was haben diese inzwischen über 50 Menschen nicht alles auf die Beine gestellt. An Engagement und guten Ideen mangelt es auch im sechsten Jahr nicht. Doch, ich kann guten Gewissens jeder/m Schulleiterkolleg/-in ein solches Kollegium nur wünschen! Das neue Schuljahr hat begonnen – ich freue mich auf die Arbeit mit euch!


Mittwoch, 08. August 2012:

Mit vereinten Kräften haben wir das „Oval Office“ auf den Weg zu „Georgs Office“ gebracht. Nicht nur die Ordner und Bücher haben rollend den neuen Standort erreicht, auch meine „stetigen Begleiter“ sind bereits eingezogen. Ich meine damit die mir lieben und für mich wertvollen Gegenstände, die seit Jahren die konstante Erscheinung in meinen wechselnden Büros darstellen. Sie stammen zum Teil noch aus meiner Zeit in Mutterstadter Stufenleiter-Büros. Auch dort „bewohnte“ ich wegen Umbaumaßnahmen vier an der Zahl, einige Monate gar in einem Container. Eingezogen sind heute also: das Modell einer steinzeitlichen Bohrmaschine, das Modell einer Fischreuse aus einer Aufgabe in einem meiner Deutsch-Wochenpläne zur Kurzgeschichte „Reusenheben“, zwei kräftig modellierte Menschen aus dem Projekt Sexualerziehung, die metallene Maulwurf-Figur meines ehemaligen Jahrgangs „Wilma Wühl“, die nach Abschluss des Jahrgangs niemand haben wollte. Dazu gesellten sich einträchtig Gegenstände, die in Deidesheim/Wachenheim eine Rolle spielten: der Steuerknüppel der Planungsgruppe, der Deidesheimer Geißbock zur Eröffnung des zweiten Standorts, drei Assembly-Gegenstände: die Kerze, die immer zum Holocaust-Gedenktag brennt, Kelch und Kreuz aus Taize und mein siebenarmiger Leuchter. Komplettiert wird dieses Ensemble durch zwei Glas-Skulpturen, die bis zur Anschaffung einer Vitrine Heimat bei mir fanden: der „Medien-Literacy-Award“ aus Wien und diejenige der Young Americans. Als jüngstes Mitglied der Sammlung ist heute der selbst gebastelte „Holzscheit-Engel“ jenes nachgerückten Schülers aus diesem Jahr gelandet, der bisher nur Wachenheim kannte. Alle gehören fest zu meiner (Schul-)Geschichte und machen „ein“ Büro zu „meinem“ Büro. Unverwechselbar, persönlich, bedeutend stehen sie für meinen Weg. Sie deuten auf eine hinter den Gegenständen sich befindende, wirkliche Welt und verfügen daher für mich über einen sakramentalen Charakter. Deshalb freue ich mich heute, denn sie sind den Büchern und Ordnern gefolgt. Auch mein Gitarrenkoffer hat seinen neuen Platz gefunden. Nun kann ich morgens also wieder in „mein“ Büro. Ob sie mit diesem Büro einen endgültigen Standort gefunden haben, vermag ich nicht zu sagen. Der dritte Bauabschnitt steht uns ja noch bevor…

Für morgen habe ich zur Dienstbesprechung eingeladen. Die Schultüten für die neuen Kolleg/-innen sind gepackt und eine Abfolge der vielen Punkte (23 an der Zahl) ist in mir gereift. Einsteigen möchte ich mit einem Impuls, der das neue Schuljahr einleiten soll. Ich habe ihn im Urlaub bei Spitzer gelesen. Direkt war mir klar: Er soll die Dienstbesprechung eröffnen:

„Vermitteln kann man eine Mietwohnung oder vielleicht sogar eine Hochzeit. ‚Stoff‘ jedenfalls kann man nicht vermitteln! Ebenso wenig wie Hunger. Hunger produziert sich jeder selbst, und Lernen produziert sich auch jeder selbst. Jeder lernt auf seine Weise und eben genau dasjenige, was in das Gefüge seiner Synapsenstärke am besten passt!“ (Spitzer, Lernen, S.417, Hervorhebung im Original). Ich will nicht ermüden darin, an unserer Schule den Paradigmenwechsel des Lernens auf dem Weg zu halten.

Jetzt überlege ich noch, ob mir ein Text für die neuen Kolleg/-innen auf die Melodie unseres Schulliedes einfällt. Denn gesungen wurde bei uns in jeder Dienstbesprechung zu Beginn eines Schuljahres.


Montag, 06. August 2012:

Die neuen Ventile an allen Heizungen am Standort in Deidesheim sitzen. Wir müssen in der kommenden Heizperiode die Raumtemperatur nicht mehr durch geöffnete Fenster regeln. Auch muss der Hausmeister nicht mehr mit dem Hammer die Ventile täglich lösen bzw. öffnen. Ökologisch wie atmosphärisch ein Quantensprung!

Die Buchausleihe kann beginnen. Die knapp zweieinhalb Tonnen Bücher sind an beiden Standorten angeliefert. Ich liebe diesen Geruch nach Druckerschwärze, der nun den Raum, in dem die Bücher lagern, durchzieht. Durch die neuen Bücher für die nun getrennt unterrichteten naturwissenschaftlichen Fächer ist die Bestellung reichhaltiger ausgefallen als in den letzten Jahren. Nun ist die Kreisverwaltung dran. Frohes Schaffen!

Mein „Oval Office“, so nannte ich scherzhaft mein neues Büro, nimmt langsam Formen an. Die Magnettafel für den Stundenplan ist abgehängt. Wir bauen da ganz auf digitale Bearbeitung. Meine Bilder konnte ich noch nicht aufhängen – noch prangen die alten Haken an der Wand. Ich denke, da muss noch ein neuer Anstrich her, denn das Entfernen der Haken wird an sichtbaren Stellen nicht unerhebliche Löcher hinterlassen. Aber das wird schon. Der Schreck letzte Woche in Wachenheim ist auch überwunden. Dort wurden die alten (seltsam verkabelten) Sicherungskästen saniert, die jetzt aktuellen Sicherheitsstandards gerecht werden. Da mit Hammer und Meißel gearbeitet wurde und Gipserarbeiten notwendig waren, sammelte sich baustellenartig Staub auf jeder verfügbaren Fläche. Hätte ich es als „Baustellen-Schulleiter“ nicht schon erlebt, ich hätte nicht geglaubt, dass das alles noch bis zum Schulbeginn zu reinigen ist. Aber es hat geklappt. Die Böden glänzen schon wieder. Sorgen bereitet nach wie vor der Stundenplan. Das Programm meldet Schwierigkeiten durch die vielen Einschränkungen, die wir ihm vorgegeben haben. Hinzu kommt in diesem Jahr die Aufgliederung in Physik, Chemie und Biologie, in Klasse 9 gar differenziert. Wir werden nicht drum herumkommen, persönliche Wünsche von Kolleg/-innen nicht erfüllen zu können.


Mittwoch, 01. August 2012:

Kann ein Tal „riechen“? Ich stieg im Pitztal aus dem Auto, sog den Geruch dort tief ein und 40 Jahre waren überwunden. Als 16-Jähriger war ich schon einmal hier mit einer Freizeit der katholischen Jugend. Tiefe, alte Erinnerungen stiegen in mir auf. (So alt ist übrigens mein Bart, den ich damals wachsen ließ und zwischenzeitlich lediglich einmal für eine Woche wieder abnahm.)  Vieles sieht heute ganz anders aus, nicht mal das Haus fand ich, in welchem wir seinerzeit untergebracht waren. Ich sprach mehrmals mit dem Großvater des Bauerhofes. „Viel hat sich verändert - zu viel und so schnell.“, meinte er einmal. War es damals ein fast vergessenes Tal für ein paar Bergsteiger, fast alle lebten von der Landwirtschaft. „Aber mit den Maschinen, die kamen, war keine Arbeit mehr da. Das Tal ernährte seine Menschen nicht mehr.“ Kein Wunder also, dass der „Ski-Zirkus“ Einzug gehalten hat. Eine Gletscherbahn wurde durch den Berg getrieben. Mehrere Kabinenbahnen und Sessellifte bringen im Winter Hunderttausende auf die Pisten. Jeder will eben leben können. Ich erfuhr auf Nachfrage, dass  schulisch eine völlig andere Situation entstanden sei. Grundschulen sind fast in jedem Ort erhalten geblieben. Zum Teil sind sie kaum mehr einzügig. Dass Kinder mehrerer Klassenstufen in einer Klasse unterrichtet werden, ist keine Seltenheit. Zur weiterführenden Schule müssen man mit dem Bus in die nächste Stadt fahren. Nach der achten Klasse (für einen höheren Abschluss) ist gar eine Internatsunterbringung notwendig. Die Schule liegt zwei Täler weiter. Das Hin- und Heimfahren an einem Tag ist zu aufwändig. Wie klein wird da unsere Schule an „zwei“ Standorten!

Nach der Lektüre „Neurodidaktik“, welche die Ergebnisse der Hirnforschung gleich auf die Schule bezieht, interessierte mich noch mehr die Grundlage. Im Reisegepäck lag daher das Buch „Lernen“ von Manfred Spitzer, erstmals 2006 erschienen. Inzwischen populär geworden wie sein Autor. Über 500 Seiten hinweg schildert Spitzer die Arbeitsweise des Gehirns und schildert ganze Versuchsreihen. Das hat meine Vorstellung des Themas erweitert und konkretisiert, wenngleich ich wenig Neues erfahren habe. Aber ich bin auf wunderbar prägnante Formulierungen gestoßen, die das bisher Erfahrene bestärken. „Geschichten treiben uns um, nicht Fakten…Wer glaubt, beim Lernen gehe es darum, Fakten zu büffeln, der liegt völlig falsch. Einzelheiten machen nur im Zusammenhang Sinn, und es ist dieser Zusammenhang und dieser Sinn, der die Einzelheiten interessant macht. Und nur dann, wenn die Einzelheiten in diesem Sinn interessant sind, werden wir sie auch behalten.“ (Spitzer, S.35, Hervorhebungen im Original). Oder der zunächst verblüffende Satz: „Fast alles, was wir können, wissen wir nicht. Aber wir können es.“ (Spitzer, S. 59). Nichts kann unser Gehirn besser als Lernen. Dazu ist es spezialisiert. Auch die Aussagen zur Motivation haben mich verblüfft. In jeder Stunde soll es eine Motivierungsphase geben. Nichts da, so Spitzer: „Die Frage lautet nicht: ‚Wie kann ich jemanden motivieren?‘. Es stellt sich vielmehr die Frage, warum viele Menschen so häufig demotiviert sind!“ (Spitzer, S. 193). Bleibt zu fragen: Wie „geht“ Motivation? „Menschen sind von Natur aus motiviert, sie können gar nicht anders, denn sie haben ein äußerst effektives System im Gehirn eingebaut. Hätten wir dieses System nicht, dann hätten wir nicht überlebt.“ (Spitzer, S. 192). Er schildert hierzu eine Reihe von Untersuchungen, die das körpereigene Belohnungssystem untersucht haben, das sich durchaus auch von außen (auch und gerade in der Schule) aktivieren lässt. Durch Lob, Anerkennung und Wertschätzung, so einfach ist das. Das kann auch Schule jeden Moment umsetzen. Wir benötigen gar keinen omnipotenten Künstler, der mit ausgefeilten Methoden und Kopfständen vor der Klasse die Lernenden erst motivieren muss.

Auch über Synapsen, Neurotransmitter und neuronale Repräsentationen habe ich einiges gelernt. Die Eingangsfrage kann ich daher jetzt beantworten: Nein, das Pitztal hat keinen eigenen Geruch. Es riecht, wie jedes Alpental im Sommer riecht: nach gemähtem Gras und nach Landwirtschaft. Aber die Erinnerungen, die ich mit diesem Geruch verbinde, haben meine Synapsen so gestärkt, dass sie diese über viele Jahre hin gespeichert und sofort nach dem Aussteigen aus dem Auto wieder wachgerufen haben.

Wir fanden überraschend im Erdgeschoss in Deidesheim einen sehr großen Raum, der, abgeteilt, einige zusätzliche und bisher fehlende Räume ergeben würde: jeweils ein Raum für die SV und Personalrat, ein Arztzimmer, Elternsprechzimmer und gar einen kleinen Konferenzraum. Gut, wir werden die etwas dunklen Räume erst herrichten müssen. Die beiden Vertreter des Bauamtes sagten Unterstützung zu, das seien ja nur geringfügige Kosten. Bis zu Beginn des Schuljahres könne man diese Maßnahme noch hinbekommen…Ich wachte auf, weil mir die Morgensonne ins Gesicht schien. Urlaubs-Wunschträume eines Schulleiters.